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Phantomspuren. Das Phantom von Heilbronn

 

 

 

 

 

 

 

 

Dies ist ein Roman. Sämtliche Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Leipzig, April 2007

Er hasste es, zu spät zu kommen. Deshalb saß er jetzt fast eine Stunde vor der Zeit in seinem Maserati und wartete.

Am Nachmittag hatte er sich hier umgeschaut und den Schuppen entdeckt. Die Türen hingen windschief in den Angeln. Doch sie ließen sich überraschend leicht öffnen. Ein ideales Versteck. Eine Seitentür führte von hier in die stillgelegte Ziegelfabrik. Hinter der Tür führte eine Eisentreppe nach oben. Mike war die rostigen Stufen emporgestiegen. Im ersten Stock hatte er entdeckt, wie ideal dieser Zugang war. Der Raum, in dem die Übergabe stattfinden sollte, lag nur wenige Meter entfernt. So musste er nicht den Haupteingang benutzen und den langen Flur entlang schleichen.

Eigentlich ging ihn dieser Einsatz nichts an. Oliver Grabowski observierte zusammen mit seinem Kollegen Enrico Klein seit Monaten ein paar albanische Dealer der Leipziger Rauschgift-Szene. Vor sechs Wochen hatte er einen großen Deal eingefädelt und heute Abend würde er zwei Männer aus dem Verkehr ziehen. Doch vor ein paar Stunden hatte sich Enrico Klein krank gemeldet und Oliver hatte sich an Mike gewandt. Immerhin waren die beiden jahrelang Kollegen im Morddezernat gewesen.

„Ich treffe mich mit den beiden um zwanzig Uhr“, hatte Oliver zu ihm gesagt. „Dann ist es dunkel. Du kommst zehn Minuten später, damit sie keinen Verdacht schöpfen.“ Oliver hatte Mike Fotos sowie einen Grundriss der alten Fabrik zugeschoben. Mit Textmarker war ein ehemaliges Büro im ersten Stock markiert.

„Wir schnappen uns die beiden allein. Keine Kavallerie. Auch bei uns gibt es ein paar undichte Stellen und ich will nicht, dass mir jemand die Übergabe vermasselt.“

Oliver war äußerst ehrgeizig und es ging um eine ungeheure Menge Heroin: zehn Kilo. Wenn alles gut ging, wäre Oliver eine Beförderung sicher. Und nun saß Mike in seinem Maserati und dachte an Susan. Warum hatte er es so weit kommen lassen? Hatte er mit seiner Eifersucht alles zerstört oder gab es noch eine Chance für ihre Beziehung?

Ein Schuss ließ ihn hochschrecken. Mike riss die Autotür auf und stürmte, die Heckler & Koch im Anschlag, nach oben. Er stürzte ins Büro. Oliver, das Gesicht kalkweiß und die Augen ein wenig zusammen gekniffen, warf sich herum und wollte soeben abdrücken, als er Mike erkannte. Er senkte die Waffe und Mike machte einen Schritt auf ihn zu. Einer der Albaner lag auf dem Boden und um seinen Kopf breitete sich eine rote Lache aus. Neben ihm stand ein schwarzer Lederkoffer. Der andere, fast noch ein Junge, hatte die Hände erhoben und starrte Oliver an, die Augen vor Todesangst aufgerissen. Sein Mund war wie zu einem stummen Schrei geöffnet. Irgendetwas an dieser Szene irritierte Mike. Er machte einen Schritt auf den Dealer zu.

„Achtung!“ Der Schrei von Oliver gellte in Mikes Ohren, aber da war es schon zu spät. Der Dealer hatte unter seine Lederjacke gegriffen und hielt plötzlich eine Waffe in den Händen. Mike hörte, wie ein Schuss aufpeitschte und dann noch einer. Er spürte, wie sein linker Oberarm feucht wurde. Seltsam, fuhr es ihm durch den Kopf, es tut gar nicht weh. Dann wurde er ohnmächtig.

Als Mike die Augen aufschlug, sah er in das Gesicht von Dr. Langer, dem Polizeipräsidenten. Für einen Augenblick dachte er, er habe nur schlecht geträumt und sitze in seinem Büro. Aber dann bemerkte er all die Schläuche, die aus seinem Körper ragten und hörte einen leisen Piepton. Mühsam drehte er den Kopf und sah schräg hinter sich einen Monitor. Neben seinem Bett hingen an einem Ständer mehrere Infusionen. Als Mikes Augen dem Blick des Polizeipräsidenten folgten, sah er es. Dort wo sein linker Arm sein sollte, war nur noch ein kurzer Stumpf.

„Wie lange bin ich schon hier?“, fragte Mike.

„Zehn Tage. Sie wurden ins künstliche Koma versetzt. Die Ärzte meinen, Sie sind über den Berg.“ Der Polizeipräsident versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nicht. Mike spürte, wie erschöpft er war und am liebsten hätte er die Augen geschlossen und wäre wieder weggedämmert. Aber der ernste Blick von Dr. Langer ließ ihn nicht los.

„Innendienst?“, fragte Mike leise.

Der Polizeipräsident nickte mechanisch. Mike wusste selbst, dass er mit einem Arm nur noch fürs Büro taugte.

„Und Sie werden zum Kriminaldirektor befördert“, sagte Dr. Langer. Aber die Anspannung in seinem Gesicht verschwand nicht. Hinter seinem Blick verbarg sich noch etwas Anderes, Schlimmeres.

„Oliver?“, fragte Mike.

„Dem geht's gut.“ Noch immer entspannte sich die Miene von Dr. Langer nicht. Eine grässliche Angst stieg in Mike hoch, wie er sie erst einmal erlebt hatte – beim Tod seiner Mutter. Was konnte schlimmer sein, als einen Arm zu verlieren und den Rest seines Lebens in den Innendienst versetzt zu werden?

„Susan“, sagte der Polizeipräsident.

Da spürte Mike wie ein glühendes Eisen in seinen Armstumpf fuhr und ein rasender Schmerz erwachte zum Leben. Und mit ihm der Hass.

1

Heilbronn, Freitag, 25. April 2008

Als der Schuss fiel, war es fast eine Erlösung.

Kaum hatte sie gesehen, wie vor ein paar Minuten das Polizeiauto auf den Platz gefahren war, wollte sie mit ihren Fäusten gegen die Fensterscheibe hämmern und rufen: Haut ab! Aber der Schmerz, der in ihrem Körper wütete, nagelte sie auf ihrem Stuhl fest. Regungslos musste sie zusehen, wie draußen alles seinen Lauf nahm.

Sie hatte bereits seit einer Viertelstunde auf das Transformatorenhäuschen gestarrt, denn sie wusste, dahinter fand gerade ein Deal statt.

Was sie mit angehaltenem Atem erwartet hatte, trat ein. Einer der Dealer tauchte hinter dem Trafohäuschen auf. Beim Anblick des Streifenwagens blieb er wie erstarrt stehen. Zuerst zeigte sich Angst in seinem Gesicht: Jetzt haben sie mich erwischt. Doch als die beiden Polizisten sich nicht rührten, entspannte er sich. Dann trat jene unbändige Wut in sein Gesicht, die ihn immer überfiel, wenn er eine Polizeiuniform sah. Er blickte sich nach allen Seiten um. Dann zog er etwas aus seinem Rucksack und zog es über sein Gesicht: eine Maske. Er griff zu seiner Waffe. Das Ganze war nur ein dummer Zufall. Die beiden Polizisten in dem Streifenwagen waren harmlos. Sie saßen einfach im Wagen, die Seitenfenster heruntergekurbelt, und machten Mittagspause. Da donnerte ein Güterzug über die nahe gelegene Brücke.

Der Schuss riss der Polizistin den Kopf zur Seite und sie sank über dem Lenkrad zusammen. Aber warum reagierte der Beifahrer nicht? Warum sprang er nicht aus dem Wagen, griff zu seiner Waffe und verteidigte sich?

Als sie die schreckliche Szene beobachtete, verschwand der grausame Schmerz in ihrem Körper für einen Augenblick und sie brüllte dem Polizisten zu: „Rette dich.“ Aber sie wusste, der Mann konnte sie nicht hören. Dann war es auch schon zu spät. Der Mörder rannte um den Wagen, griff nach seiner zweiten Pistole, und schon blitzte ein weiterer Schuss auf. Er zog das Opfer aus dem Wagen und wollte ihm die Waffe aus dem Holster reißen. Doch er bekam die Waffe nicht frei. In blanker Wut zerrte er das Holster mitsamt der Waffe vom Gürtel. Er machte sich noch einmal an dem Opfer zu schaffen und hielt die Handschellen des Polizisten in der Hand. Dann rannte er um den Wagen herum und zerrte die junge Frau aus dem Wagen. Dabei färbte sich sein T-Shirt rot von ihrem Blut. Er warf die Tote wie Abfall auf den Asphalt und nahm auch ihr Waffe und Holster sowie die Handschellen ab. Dann blickte sich der Mörder kurz um. Niemand schien ihn gesehen zu haben. Ohne sich zu besinnen, rannte er los. Geradewegs auf ihren Wohnwagen zu. Die Hände voller Blut.

An dieser Stelle des Traums zog der langsam wiederkehrende Schmerz ihr Bewusstsein unaufhaltsam an die Oberfläche. Er riss sie aus dem Schlaf und stieß sie in die Vorhölle. In einen Zustand zwischen Schlafen und Wachen, in dem Schmerz und Angst nicht mehr völlig dem Bewusstsein entzogen sind, aber auch noch nicht völlig präsent. So sehr sie sich wünschte, weiter zu schlafen und ihre Ruhe noch einen Moment lang zu behalten – sie wusste, das war nicht möglich.

Schweißnass von den schrecklichen Träumen wälzte sie sich auf ihrem schmalen Bett in dem Wohnwagen hin und her. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Schmerz und Angst sie wieder völlig im Griff hatten.

Sie konnte bis heute nicht sagen, was schlimmer war: der Schmerz oder die Angst. Aber der Schmerz hatte auch etwas Gutes: Wenn er von ihr Besitz ergriffen hatte, trat die Schuld in den Hintergrund. Die Ärzte hatten es ihr mehrmals erklärt, dennoch konnte sie bis heute nicht völlig begreifen, wie etwas, das gar nicht mehr da war, so schrecklich weh tun konnte,.

Als sie völlig wach war, war es wieder da: Das vollkommen klare Bewusstsein darüber, was passiert war. Das Schlimmste war, dass sie mit niemandem über die Tat reden konnte. Obwohl so gut wie alle auf dem Festplatz in Heilbronn, wo ihr Wohnwagen jetzt stand, die Wahrheit kannten. Denn als die Tat geschah, waren keine hundert Meter entfernt die Vorbereitungen des alljährlichen Frühlingsfestes auf der Heilbronner Theresienwiese in vollem Gang gewesen. Aber alle hatten weggeblickt, denn niemand wollte sich mit dem Teufel anlegen. Und mit der Polizei redete man in diesen Kreisen ohnehin nicht. Schweigen war eisernes Gesetz und daran würde auch die ausgesetzte Belohnung nichts ändern.

Aber eines Tages, darauf hoffte sie, würde jemand kommen und die schrecklichen Qualen von ihr nehmen. Und die Schuld. Sie musste nur geduldig warten, vielleicht war es bald soweit.

Und dann, so als habe jemand einen Schalter umgelegt und jage ihr zehntausend Volt durch die Nerven, war der Schmerz wieder da. Sie spürte, wie er sie von unten aufschnitt. Sie krümmte ihre Zehen, als stünde sie auf einem glühend heißen Hochseil und eine unerhörte Qual fuhr durch ihre Wirbelsäule. Mit einem Ruck richtete sie sich auf und zog sich mühsam an den Rand des Bettes. Fett war sie geworden, seit sie die meiste Zeit im Bett lag. Und obwohl man ihr immer etwas Gutes zum Essen hinstellte, ernährte sie sich hauptsächlich von Snickers, Mars, Bounty und Coca-Cola. Ihr Körper stank und das lange Haar, einst ihr ganzer Stolz, war matt und strähnig. Aber für wen sollte sie sich pflegen? Warum sollte sie noch auf ihr Äußeres achten?

Mit zitternden Fingern griff sie nach dem kleinen Schlüssel in ihrer Hose und öffnete das Vorhängeschloss an der Kiste neben dem Bett. Ganz oben lag ihr Trikot mit der blutroten Schärpe, darunter ihre Schuhe. Doch sie hatte keinen Blick für die Requisiten ihrer Vergangenheit, ihre Hände tasteten sich ganz nach unten, wo die Spritzen und das Pulver lagen. Fast ohnmächtig vor Schmerzen bereitete sie den Schuss zu und stach dann die Nadel in ihre Vene. Zitternd wartete sie, bis die Wirkung einsetzte. Es kam ihr wie eine halbe Ewigkeit vor, aber dann wich der Schmerz aus ihrem Körper und sie schloss die Augen.

Sie wusste nicht, wie lange sie so da gesessen hatte. Als sie die Augen wieder öffnete, warf sie einen Blick nach draußen. Da stockte ihr der Atem. Nur ein paar Meter von dem Wohnwagen entfernt stand er – ihr Vater. Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen und starrte den Mann an. Sie wusste genau, dass das nicht sein konnte. Der Mann vor dem Fenster sah sich um und für einen Moment streifte sein Blick ihren Wohnwagen.

Das Zeichen, schoss es ihr durch den Kopf. Das war das Zeichen. Der Tag war gekommen, an dem sich alles ändern würde. Rasch kramte sie den Schlüssel aus ihrer Hose und öffnete erneut die Truhe.

 

2

Leipzig, Freitag, 25. April 2008

Der Anruf kam eine Minute nach Mitternacht. Er kannte die leidenschaftslose Stimme am anderen Ende der Leitung nicht. Ihre Botschaft war kurz und einprägsam: „Noch vier Tage. Du hast noch vier Tage Zeit.“

Das war keine leere Drohung. In diesen Kreisen gab es nur eine Warnung, nicht mehr. Jeder wusste, was danach kam. Und davor gab es kein Entrinnen. Auch nicht für ihn.

Wenn die Sache nicht so verdammt ernst gewesen wäre, hätte er losgelacht. Denn er hatte ja die Ware. Aber er konnte nicht liefern. Nicht in seiner Situation. Wenn er die Ware abgeliefert hätte und in kurzer Zeit so viel Stoff auf den Markt gekommen wäre, wäre er innerhalb weniger Tage aufgeflogen. Zuerst musste er den Verdacht auf jemanden anderen lenken.

Er wusste, sein eigentliches Problem lag darin, dass er gegen eine der eisernen Regeln verstoßen hatte: Nimm niemals einen Vorschuss. Ware gegen Cash, so lief das. Aber er hatte das Geld für die Anzahlung auf den Bungalow gebraucht. Denn wenn alles vorbei war, würde er keinen Augenblick mehr hier bleiben.

Sie hatten nicht gezögert, als er um die 500.000 gebeten hatte. Du kannst uns ja nicht davon laufen, hatte der Boss mit seiner rauchigen Stimme gesagt und laut aufgelacht.

Sein Plan war absolut perfekt gewesen. Nur dass ihm ein dummer Zufall in die Quere gekommen war. Aber so schnell gab er nicht auf. Schließlich hatte er einen Plan B. Und mit dem würde er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Vier Tage, hatte die Stimme gesagt. Du hast noch vier Tage.

 

3

Heilbronn, Freitag, 25. April 2008

„Fremd bin ich eingezogen,

Fremd zieh’ ich wieder aus …“

Er stellte den CD-Spieler ab und der Bariton mit Schuberts Winterreise verstummte. Dann parkte er den roten Maserati zwischen zwei Wohnwagen direkt neben dem General-Wever-Turm. Am 4. Dezember 1944 hatten Bomber der Royal Air Force in einer halben Stunde die gesamte Innenstadt von Heilbronn in Schutt und Asche gelegt. 6.500 Menschen fanden den Tod. Ganze Familien wurden ausgelöscht. Die meisten verbrannten nicht, sie erstickten in dem Feuersturm, der durch die Stadt fegte. Doch der klotzige General-Wever-Turm an der Theresienwiese bot Schutz. Wer es bis hierher geschafft hatte, überlebte. Normalerweise diente die Theresienwiese (der Name geht auf ein Fest zurück, das man im Jahre 1815 zu Ehren von Maria Theresia gefeiert hatte) tagsüber als Parkplatz für Pendler. Doch jetzt wurden auf dem Platz Schießbuden, ein Autoskooter, eine Losbude und Stände aufgebaut, an denen man morgens Bratwürste, Zuckerwatte und gebrannte Mandeln kaufen konnte. Am Riesenrad wurden gerade die letzten Kabinen festgeschraubt. Am Rand des Platzes, nahe am Zaun, hatten die Schausteller ihre Wohnwagen aufgestellt. Eine Wagenburg, mit der sie sich vom Rest der Welt abgrenzten.

Er stieg aus und hörte, wie knapp hundert Meter entfernt ein Güterzug über die Brücke rast: rattatat, rattatat. Der Bahnhof war nicht weit.

Ein paar Meter vom Festplatz entfernt lag der Fluss, der vom Standort aus nicht zu sehen war – aber er kannte die Gegend aus den Akten, als sei er hier aufgewachsen. Langsam schritt er über den Platz zur Gedenktafel. Je näher er kam, desto langsamer wurden seine Schritte. Sein Magen fühlte sich an, als wäre er mit Beton gefüllt. Ein paar Meter weiter, den Rücken ihm zugewandt, starrte ein Mann in den Fluss. Noch zwei, drei Schritte, dann stand er vor der Tafel. Die Sonne fiel auf das Messingschild und ließ es golden aufblitzen. Als er sich vorbeugte, verdunkelte sein Schatten die Tafel. Nur wenige Schritte von hier war sie gestorben. Kopfschuss. Fünfundzwanzig Jahre alt. Am Mittwoch, dem 25. April 2007, um 13.58 Uhr. Sie hatte arglos neben ihrem Kollegen Thomas im Streifenwagen gesessen. Auch Thomas erhielt einen Kopfschuss, aber er überlebte. Und dann geschah, was keiner für möglich gehalten hatte: Thomas wurde wieder völlig gesund. Nur, dass es den Ermittlern nichts half, denn so sehr er sich auch bemühte – die Zeit vor und nach den Schüssen war völlig aus seinem Gedächtnis gelöscht.

Mike kniete lange vor der Tafel: Hier lag Susan. Die Frau mit dem Schalk in den Augen, dem fröhlichen Lächeln und der hellen Stimme, die er nie wieder hören würde. Wegen seiner Eifersucht hatten sie sich im Streit getrennt. Hätte er auch nur im Entferntesten geahnt, dass es ihr letzter gemeinsamer Abend gewesen wäre, er hätte sie fest in die Arme genommen und nie mehr losgelassen. Doch jetzt war es zu spät. Er griff in die Tasche seines Jacketts und holte die kleine Schachtel heraus. Dann grub er mit der rechten Hand eine Mulde in die Erde, legte die Schachtel hinein und strich fast zärtlich die Erde wieder glatt.

In diesem Augenblick fiel ein langer Schatten auf die Tafel. Jemand war hinter ihn getreten. Mike stand langsam auf und drehte sich um. Es war der Mann, der in den Fluss gestarrt hatte.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte der Mann und seine Stimme konnte den leicht polnischen Akzent nicht verbergen. Der Fremde war um die vierzig, mit kurzen Haaren. Das Heino-Blond konnte unmöglich echt sein. Ohne von Mike eine Antwort zu erwarten, streckte er ihm seinen Dienstausweis entgegen.

„Kommissar Peter Piontek, Kripo Heilbronn.“ Mike wusste, wer der Mann war. Der Leiter der Soko Parkplatz, ein Pole aus Łodz mit deutschem Pass. Der Kommissar, dessen Schatten ihn groß und bedrohlich hatte erscheinen lassen, war in Wirklichkeit einen Kopf kleiner als Mike. Der Mann war betont modisch gekleidet. Hellblaues Pilotenhemd, cremefarbene Leinenhose, dunkelblaues Jackett und mintgrüne Krawatte. Nur dass die Farben nicht so recht zusammenpassten und ihre Herkunft von Peek & Cloppenburg nicht verleugnen konnten. Der Kommissar trug eine Sonnenbrille, deren Gläser Mike silbern anblitzten und in denen er sein eigenes Spiegelbild sah: Einen großgewachsenen Mann Anfang dreißig. Sein aschblondes Haar und das ovale Gesicht mit den leicht vorspringenden Backenknochen war das Erbe seiner Mutter, einer ehemaligen Prager Schönheitskönigin. Ein Ärmel seines Jacketts war leer. Mikes linker Arm fehlte. Von seiner einst athletischen Figur war nichts mehr zu erkennen. Zwar konnte sein Anzug den dürren Körper halbwegs verbergen, doch sein Gesicht war jetzt spitz und blass. Aus dem im Solarium gebräunten Frauentyp war ein bleicher Knochenmann geworden. Mike griff in die Innentasche seines Jacketts und wollte seinen Dienstausweis herausziehen, doch der Mann winkte ab.

„Ich weiß, wer Sie sind. Mike Brand, Leiter des Morddezernats I bei der Kripo Leipzig. Der Mann, der kurz nach der Wende seinen Vornamen geändert hat.“

Mike wusste, worauf der Kommissar anspielte. 1990 hatte er seinen Vornamen von Maik in Mike ändern lassen.

Während der Kommissar Mikes leeren Ärmel musterte, fügte er mit ernster Miene hinzu: „Zur Zeit auf Genesungsurlaub.“

Mike wusste, was der Kommissar damit sagen wollte: Und ohne jegliche amtliche Befugnis.

Mike fixierte die verspiegelten Gläser der Sonnenbrille, bis der Kommissar seinem Blick auswich.

„Ich denke, in drei bis vier Monaten haben wir die Täterin“, sagte der Kommissar selbstgefällig. „Wir haben über vierzig DNA-Spuren und die stammen alle von einer Frau aus Osteuropa zwischen zwanzig und fünfzig.“

„Die Balkan-Killerin“ hatte ein großes deutsches Massenblatt getitelt und viele Blätter hatten diesen Namen aufgegriffen. In den Akten hieß die Gesuchte einfach: die UwP, die unbekannte weibliche Person.

„Langsam kreisen wir die Täterin ein“, setzte der Kommissar hinzu.

Mike kannte diese Strategie, denn viele Jahre lang war es auch seine eigene gewesen: Alles ist nur eine Frage der Technik. Sammle so viele Informationen und DNA-Spuren, wie du kriegen kannst, und gib sie in den Computer ein. Und irgendwann geht dir der Täter unweigerlich ins Netz. Doch inzwischen war sich Mike nicht mehr so sicher, dass im Leben und bei der Kripo immer alles exakt nach Plan verlief. Sonst wäre Susan noch am Leben.

Der Kommissar sah den skeptischen Blick in Mikes Gesicht. „Idar-Oberstein, Freiburg, Gerolstein …“

„… Worms, Mauthausen, Saarbrücken … Ich kenne die Aktenlage.“ Mike winkte ab. Er und Peter Piontek wussten genau, dass der Name Balkan-Killerin nur die halbe Wahrheit war. Denn vor ein paar Wochen war die Spurenlage sehr viel schwieriger geworden. Da hatte man an zwei Tatorten nicht nur einmal mehr die Hautschuppen der Killerin gefunden, sondern auch eine ganz und gar unbegreifliche Entdeckung gemacht. An den Hautschuppen waren winzige Spuren Blut. Und die gehörten eindeutig zu einem Mann. Also hatte das Massenblatt die gesuchte Person umgetauft und seitdem sprachen alle vom „Zwitter-Killer“. Die Spuren, auf die sich Peter Piontek stützte, waren somit eher geeignet, Verwirrung in den Fall zu bringen, als ihn zu erhellen. Man wusste jetzt nicht einmal mehr, ob man einen Mann oder eine Frau suchen sollte.

„Wir beide wissen genau …“, setzte Mike an.

„… dass wir hier keinen Klugscheißer brauchen. Auch wenn du einmal sächsischer Landesmeister im Zehnkampf warst und Deutschlands jüngster Kriminaldirektor bist.“

Mike sah, wie der Mann, der plötzlich zum Du übergegangen war, ihn musterte: Den Anzug von Armani und die italienischen Modellschuhe von Milano Torresi. Dann wanderten seine Augen zu dem Maserati und zurück zu Mike.

Mike war der Mann zuwider. In diesem Moment hasste er die ganze Welt. Dieser Hass war es, der Mike aufrecht hielt und ihn hierher geführt hatte. Ein Hass nicht weniger stark als die Phantomschmerzen, die ihn immer wieder anfielen. Mikes Augen wurden schmal. Er blickte den Kommissar an, bis dieser den Blick abwandte.

„Ich bleibe“, sagte Mike eisig. „Ob es euch passt oder nicht, ich gehe hier nicht eher weg, bis ich den Mörder gefasst habe.

Peter Piontek verzog sein Gesicht zu einem höhnischen Grinsen. Doch als Mike auf ihn zutrat, die Hand zur Faust geballt und die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, verschwand sein Grinsen. Der Kommissar wich einen Schritt zurück und sagte dann bemüht sachlich: „Wir reißen uns seit einem Jahr Tag und Nacht den Arsch auf und du kommst hier anspaziert und meinst, du könntest den Fall auf eigene Faust lösen.“ Der Kommissar machte noch einen Schritt rückwärts und stieß hervor: „Wir brauchen hier keinen Klugscheißer.“

Damit war die Grenze überschritten. Mike packte den Kerl am Jackett und seine Hand, so fest wie ein Schraubstock, zog den Kommissar ganz nahe zu sich. Der Mann wurde kreidebleich.

In diesem Augenblick läutete das Handy des Kommissars. Das genügte, um Mike zur Besinnung zu bringen. Seine Hand lockerte sich ein wenig und der Kommissar entwand sich Mikes Griff. Der Kommissar hörte dem Anrufer kurz zu, dann sagte er kleinlaut: „Ein Kaiserschnitt? Aber es sind doch noch sechs Wochen … Und wie geht es meiner Frau?“

Als der Kommissar auflegte, war er kreideweiß. Er zog den Autoschlüssel aus der Hosentasche, rannte zu seinem Dienstwagen, einem schwarzen Audi A6, und raste mit quietschenden Reifen davon.

Mike blieb wie betäubt stehen und sah dem Audi nach. Sie hatten ihn erwartet. Sie hatten gewusst, dass er kam. Aber woher? Dass er die Zeit seiner Genesung nicht damit verbringen würde, in die Berge oder ans Meer zu fahren, war allen klar gewesen. Aber nur ein Kollege wusste, an welchem Tag er nach Heilbronn fahren würde: Enrico Klein. Und der war keiner, der etwas Vertrauliches preisgab. Enrico hatte ihn in der vergangenen Nacht sogar angerufen: „Die Kollegen haben deinen Vater am Bahnhof aufgegriffen. Er hat randaliert und Leute belästigt. Jetzt sitzt er in der Ausnüchterungszelle. Ich habe es zufällig mitbekommen.“

Mike hatte wortlos aufgelegt.

Zwei Stunden vor diesem Anruf hatte es an Mikes Tür geklingelt. Als er die Taste der Sprechanlage drückte, hörte er jene Stimme, die er so sehr hasste: „Lass mich rein. Ich komme gerade von Mallorca und brauch ’n bisschen Kleingeld.“

Mikes Vater sprach mit dem Zungenschlag des schweren Alkoholikers. Mike konnte den Alkohol förmlich riechen. Er erwiderte nichts.

„Komm schon. Ich bin total abgebrannt. Du kannst doch den eigenen Vater nicht einfach vor der Tür stehen lassen.“

Aber Mike konnte. Sein Vater schlug gegen die Haustür und brüllte: „Mach die verdammte Tür auf. Ich brauch’ was zu trinken.“

Als eine Bewohnerin ihr Fenster aufgerissen und mit der Polizei gedroht hatte, war der Mann maulend davon geschwankt.

Ein paar Stunden später war Mike nach Heilbronn gefahren.

Bevor Mike zu seinem Wagen zurückging, warf er noch einen Blick auf die Gedenktafel. In ihm klangen die Worte von Kommissar Piontek nach. Wir brauchen hier keinen Klugscheißer. Als Mike zu seinem Wagen zurückkam, sah er, dass etwas unter seinem Scheibenwischer steckte. Hatte einer der Schausteller sein Schweigen gebrochen und ihm eine Nachricht zukommen lassen? Mike griff nach dem Gegenstand und erkannte enttäuscht, dass es eine schmuddelige Plastiktüte von SparMax war. Er nahm die Tüte und warf sie auf den Boden. Das wäre auch zu einfach gewesen. Er stieg in den Maserati und zu Schuberts schauriger Musik schoss der Wagen davon.

„Fremd bin ich eingezogen,

Fremd zieh’ ich wieder aus …“

Nach ein paar Metern trat Mike hart auf die Bremse. Als der Wagen mit quietschenden Reifen zum Stehen kam, ließ Mike den Kopf aufs Lenkrad sinken und begann hemmungslos zu schluchzen.

Da setzte der Schmerz ein. Scharf, grausam, rücksichtslos. Mit zitternden Fingern griff Mike in sein Jackett und holte ein Heftchen mit Carbamazepin hervor. Er sammelte etwas Speichel im Mund und schluckte eine Tablette hinunter. Dann wartete er, bis der Schmerz langsam nachließ.

Da ballte Mike die Faust und schlug aufs Lenkrad. Er würde sich von nichts und niemandem vorschreiben lassen, was er zu tun hatte. Er würde nicht aufgeben, bevor er den Mörder gefunden hatte. Und heute war der richtige Tag, um mit der Suche zu beginnen.

Heute wäre Susan sechsundzwanzig geworden.

 

4

Heilbronn, Freitag, 25. April 2008

Die Lage hatte dem Hotel seinen Namen gegeben: Insel-Hotel. Es stand auf einer spitzen Landzunge mitten im Fluss. Mikes Zimmer lag im ersten Stock. Mike blickte zum Fenster hinaus. Direkt neben seinem Zimmer beschrieb das Gebäude einen rechten Winkel. In dem Zimmer schräg gegenüber schob gerade eine Frau den Vorhang zur Seite. Sie nickten einander kurz zu. Etwa einen Meter unterhalb von Mikes Fenster befand sich das Flachdach des Hotelrestaurants, das ein paar Meter in Richtung Fluss vorsprang. Dann kamen der Fluss und dahinter die geschichtslosen Fassaden der Innenstadt. Draußen schien eine milde Frühlingssonne.

Bevor Mike den Koffer auspackte, ging er ins Bad, um sich die Hand zu waschen. An der Wand hing ein Seifenspender. Mike hielt die Handfläche darunter und versuchte mit dem Daumen, den Bügel nach unten zu ziehen. Aber sosehr er den Daumen auch spreizte, er bekam den Bügel nicht zu fassen. Also drückte er ihn mit dem Kinn nach unten. Mike wusch sich die Hand, indem er die Seife gründlich mit den Fingern verrieb. Anschließend ließ er sich lange Wasser über die Hand laufen. Er wiederholte die Prozedur noch einmal, dann trocknete er seine Hand sorgfältig ab.

Mike öffnete seinen Trolley und nahm den Toilettenbeutel heraus. Im Bad stellte er eine Schale mit einer frischen Sandelholzseife auf das Waschbecken. Damit würde die Prozedur mit dem Seifenspender entfallen. Danach hängte er seine Anzüge in den Schrank. Als nächstes nahm er drei große Flaschen heraus und stellte sie in einer Reihe auf den Schreibtisch: Beluga Nobel. Er spürte, wie das Verlangen nach einem guten Schluck in ihm aufstieg. Aber vorher würde er den Koffer auspacken.

Schließlich war es soweit. Mike nahm eine der Flachen zwischen seine Knie und versuchte, den Schraubverschluss aufzudrehen. Dabei rutschte die Flasche ab und fiel auf den Boden.

Verdammter Krüppel.

Beim zweiten Versuch klappte es. Ein wunderbarer Duft, stark und verführerisch. Er öffnete den Styroporwürfel und ein Glas mit dünnem Stil kam zum Vorschein. Er rieb es sorgfältig mit dem Geschirrtuch aus, dann goss er sich ein. Der Wodka wärmte ihn und vertrieb die Anspannung, die ihn Tag und Nacht im Griff hatte. Nach dem zweiten Glas fuhr er mit dem Aufzug nach unten und verließ das Hotel durch den Hintereingang.

Knapp hundert Meter weiter lag ein Biergarten. Mike setzte sich jedoch nicht an einen der Holztische, sondern in einen Korbsessel der Neckar Lounge nahe am Wasser. Als die Bedienung kam, bestellte er einen Wodka. Nach Beluga Noble fragte er erst gar nicht, er gab sich mit einem Smirnoff zufrieden.

Er blickte über den Fluss. Auf der anderen Seite ließen sich Penner laut grölend mit Alkohol volllaufen. Wenigstens waren sie nicht allein wie er.

Als sich Mike gegen Mitternacht ins Hotel zurück schleppte, war der Biergarten bis auf ein eng umschlungenes Pärchen leer. In seinem Zimmer streifte er die Schuhe von den Füßen, warf sein Jackett auf den Boden und ließ sich aufs Bett fallen. Keine Minute später war er eingeschlafen.

 

5

Leipzig, Samstag, 26. April 2008

Auch diesmal kam der Anruf eine Minute nach Mitternacht. Die gleiche leidenschaftslose Stimme.

„Noch drei Tage.“

Langsam wurde es eng.

 

6

Heilbronn, Samstag, 26. April 2008

Mike wälzte sich unruhig hin und her. Die alten Träume quälten ihn. Er hörte den Schuss aufpeitschen, sprang aus dem Wagen und stürzte nach oben. Ein Dealer lag auf dem Boden und um seinen Kopf breitete sich eine rote Lache aus. Der andere Dealer hatte die Hände erhoben und starrte Oliver an. Irgendetwas an dieser Szene irritierte Mike. Er machte einen Schritt auf den Dealer zu.

„Achtung!“ Der Schrei von Oliver gellte in Mikes Ohren, aber es war schon zu spät. Ein Schuss peitschte auf, dann noch einer und Mike spürte, wie sein linker Oberarm feucht wurde. Dann fiel er in Ohnmacht.

Schweißgebadet wachte Mike auf. Seit er auf der Intensivstation in Leipzig zu sich gekommen war, peinigten ihn diese Bilder in seinen Albträumen. Irgendetwas musste ihn geweckt haben und ersparte ihm den Rest des gewohnten Horror-Films.

Da hörte er das Geräusch. Gedämpfte Schritte auf dem Teppichboden. Kein Zweifel – jemand war in seinem Zimmer.

Mike ließ ein paar Schnarchgeräusche hören, dann drehte er sich wie im Schlaf zur Seite und starrte in Richtung der Tür. Aber durch die Wand, die das Bad vom Zimmer trennte, konnte er nur bis zu dem eingebauten Kleiderschrank sehen. Mike richtete seinen Oberkörper auf, stützte ihn auf die Ellenbogen und hielt das Ohr in Richtung Tür. Nichts. Wachte oder träumte er? Fiel da nicht ein dünner vertikaler Lichtspalt vom Flur in sein Zimmer? Mike sprang auf und stürzte zur Tür. In diesem Augenblick schien es, als werde die Tür behutsam von außen zugezogen. Er riss sie auf, stürzte nach draußen und sah den Flur entlang – kein Mensch weit und breit. Nur ein entferntes Geräusch, als ob gerade eine der Zimmertüren auf der anderen Seite des Flurs zugefallen sei. War es die dritte Tür? Oder die vierte? Oder spielte ihm sein Bewusstsein einen Streich und er bildete sich das Ganze nur ein? Mike besann sich einen Augenblick, dann schlich er auf Zehenspitzen zu den beiden Türen und lauschte. Nichts zu hören.

Er ging in sein Zimmer zurück und schaltete das Licht an. Er hob sein Jackett vom Boden auf und zog seine Brieftasche heraus. Nichts fehlte. Dann blickte er auf den Schreibtisch. Handy, Laptop und Rolex lagen unberührt da und die Codekarte für die Zimmertür steckte noch immer in seiner Hosentasche. Mike konnte sich keinen Reim auf das Geschehen machen. Hatte er sich das Ganze nur eingebildet? Handelte es sich etwa um eine neue Spielart seiner Phantomschmerzen? Das Morphiumpflaster und der Wodka, mit dem er sich am Abend zugeschüttet hatte, hielten die Schmerzen noch in Schach. Doch Mike spürte, wie sie langsam zurückkamen. Für das nächste Pflaster und die Tablette war es noch zu früh. Also gönnte er sich noch einen großen Schluck Beluga, obwohl sein Arzt ihn gewarnt hatte: „Ihre Medikamente vertragen sich nicht mit Alkohol.“

Mike legte sich aufs Bett und schließlich überkam ihn der Schlaf. Das Letzte, was er hörte, bevor er wegdämmerte, war das leise Rauschen des Flusses vor dem Fenster.

„Aufmachen, Polizei!“

Mike öffnete die Augen.

„Polizei!“

Diesmal hämmerten zwei Fäuste gegen die Tür, als wollten sie sie aufsprengen. Benommen stand Mike auf, öffnete die Tür und starrte in das grinsende Gesicht von Peter Piontek.

„Darf ich reinkommen?“, fragte der Kommissar übertrieben höflich. Als Mike nicht sofort reagierte, schob ihn der Kommissar wie ein Möbelstück zur Seite und ging ins Zimmer.

„Wir haben einen Anruf bekommen“, Peter Piontek gab sich nicht die geringste Mühe, den Triumph in seiner Stimme zu verbergen, „hier soll Rauschgift versteckt sein.“

„Was …?“

„Das würde auch erklären …“

Mike wusste, was jetzt kommen würde und schnitt dem Kommissar barsch das Wort ab: „… weshalb sich ein Kriminaldirektor einen Maserati leisten kann.“ Mikes Stimme triefte vor Ironie. „Da hätte ein einfacher Anruf bei den Kollegen in Leipzig genügt. Meine Mutter hat nach ’89 ihren gesamten Besitz in der Tschechoslowakei zurückbekommen. Grundstücke sowie Miets- und Geschäftshäuser in den besten Lagen Prags. Und das alles hat sie mir vermacht. Ob es dir passt oder nicht“, diesmal war es Mike, der zum Du überging, „ich bin vermutlich der reichste Bulle von ganz Deutschland.“

Doch das Grinsen verschwand nicht aus dem Gesicht des Kommissars. Das machte Mike so wütend, dass er mit der Hand eine einladende Geste machte: „Du kannst alles durchsuchen, wenn du dich unbedingt blamieren willst.“

Der Kommissar zögerte keine Sekunde. Während Mike sich aufs Bett legte und Peter Piontek unbeteiligt zusah, begann dieser, mit der Routine des erfahrenen Kriminalisten, das ganze Zimmer systematisch zu durchsuchen. Als er zu Mikes Gepäck kam, sah er Mike fragend an und der nickte knapp. Aber auch im Koffer wurde der Kommissar nicht fündig. Nun öffnete er sichtlich nervös die Tür zum Badezimmer. Mike machte sich nicht die Mühe aufzustehen. Er hörte den Kommissar im Bad rumoren, dann kam dieser ins Zimmer zurück. Betont langsam stand Mike auf, und wies wortlos auf das zerwühlte Bett.

Auch hier ging der Kommissar mit routinierter Gründlichkeit ans Werk. Wieder ohne Erfolg. Nun fehlte nur noch der Kleiderschrank. Während Mike sich auf die Bettkante setzte und ihm zusah, öffnete der Kommissar den Schrank und durchsuchte ihn. Provozierend gründlich tasteten seine Finger Mikes Wäsche und Hemden ab. Dann glitten sie in die Anzüge. Auf einmal zögerte der Kommissar. Mike trat neugierig hinzu und blickte dem Kommissar über die Schulter.

Hinter dem Rücken des Kommissars zuckte Mike zusammen. Er spürte wie er über und über rot wurde und er musste sich zwingen, ruhig zu atmen. Da schloss der Kommissar den Schrank und schüttelte den Kopf. „Nichts.“

Als sich der Kommissar zu Mike umdrehte, wirkte er seltsamerweise nicht allzu enttäuscht. Mike hatte erwartet, dass er wütend aus dem Zimmer rennen würde. Doch es wirkte fast so, als sei Peter Piontek mit dem Ergebnis seiner Durchsuchung rundum zufrieden. Mit gestrafften Schultern öffnete er die Zimmertür und streckte Mike zum Abschied die Hand entgegen: „Nichts für ungut, Kollege.“

Mike hatte gar nicht vermutet, dass der Kommissar ein so guter Schauspieler war. Ohne die ausgestreckte Hand zu beachten, schloss Mike die Tür. Dieser aufgeblasene Wicht.

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, rannte Mike zum Kleiderschrank und riss ihn auf. Gebannt starrte er auf das dunkelgraue Jackett von Versace, das ordentlich auf einem der Bügel hing. Mike hatte dieses Jackett nie zuvor gesehen.

 

7

Heilbronn, Samstag, 26. April 2008

Peter Piontek war mit seinen Gedanken nicht bei der Sache. Trotzdem hob er nach dem ersten Läuten den Hörer auf seinem Schreibtisch ab.

„Positiv“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Sind Sie sicher?“, fragte er.

Die Stimme lachte. „Absolut.“

Dann legte der Anrufer auf.

Peter Piontek starrte lange vor sich hin, dann griff er erneut zum Hörer.

 

8

Heilbronn, Samstag, 26. April 2008

Mike war der erste Gast in dem großen Café, in dem das Frühstück serviert wurde. Nach dem Besuch des Kommissars hatte er kein Auge mehr zugemacht. Nun saß er, Punkt sieben, allein in dem Café und löffelte lustlos ein Schälchen Müsli, neben sich einen Stapel druckfrischer Tageszeitungen, die im Hotel auslagen. Als das Schälchen leer war, spülte er eine Carbamazepin mit einem Schluck Kaffee hinunter. „Nicht mehr als drei Tabletten pro Tag“, hatte der Arzt gesagt. Aber es gab Tage, da nahm Mike gut die doppelte Dosis. Die überforderten Arzthelferinnen stellten, wenn er anrief, einfach ein Rezept aus. Sie konnten nicht bei jedem Rezept ihren Chef fragen. Auch bei dem Morphiumpflaster mahnte der Arzt zur Vorsicht: „Eigentlich sollten die Tabletten genügen.“ Aber Mike hatte auf das Pflaster bestanden, mit dem sie ihn in der Reha behandelt hatten und der Arzt hatte schließlich nachgegeben. Schließlich wollte er einen seiner besten Privatpatienten nicht verlieren. Außerdem hatten sie sich darauf geeinigt, Mikes Blutwerte alle zwei Monate zu kontrollieren.

Durch die großen Panoramafenster sah Mike, wie ein paar Passanten über die Brücke eilten. Er ging zum Büfett und holte sich ein Croissant. Als er sich wieder setzte, lag ein Umschlag mit seinem Namen neben seiner Kaffeetasse. Mike sah sich um, aber außer dem Kellner konnte er niemanden entdecken. Der Kellner, der wohl meinte, Mikes Blick gelte ihm, kam und goss Kaffee nach. Er sah Mikes fragenden Blick und sagte: „Den hat soeben eine Dame von der Rezeption für Sie abgegeben.“

Mike riss den Umschlag auf. Er enthielt nur ein einziges Blatt: Du bist schuld am Tod von Susan. Dafür wirst du bezahlen. Mike nahm den Umschlag und rannte zur Rezeption.

Die Dame hinter dem Tresen erklärte gerade einem vom Nachtleben gezeichneten Japaner den Weg zum Bahnhof. Mike drängte sich dazwischen.

„Wo kommt das her?“, fragte er und hielt der Dame den Umschlag hin.

Die Dame blickte ihn irritiert an, aber da der Japaner nicht protestierte, erwiderte sie: „Als ich um sieben meinen Dienst begann, lag der Umschlag auf dem Tresen. Da ich gesehen habe, wie Sie zum Frühstück gingen, legte ich den Brief auf Ihren Tisch.“

In diesem Augenblick kam ein älterer Herr in einem elektrischen Rollstuhl aus dem Aufzug.

„Guten Morgen, Herr Professor“, grüßte ihn die Dame an der Rezeption.

Der Mann grüßte zurück und warf auch Mike einen freundlichen Blick zu. Er trug sein silbergraues Haar schulterlang und sein Vollbart war akkurat gestutzt. Mike hatte den Mann bereits am Tag zuvor auf der ersten Etage gesehen. Das Zimmer des Professors lag schräg gegenüber von seinem. Der Professor fuhr ins Café und Mike folgte ihm in Gedanken versunken.

Schon von weitem sah Mike, dass jemand an seinem Tisch saß. Peter Piontek. Er hatte den Brief in der Hand und studierte ihn ungeniert. Die Sonnenbrille lag neben ihm auf dem Tisch. Heute trug er eine stahlblaue Krawatte mit großen roten Punkten, ein hellbeiges Hemd, ein grünes Jackett und eine schwarze Hose. Als Mike sich setzte, hatte er Mühe, ein Grinsen zu unterdrücken. Er hatte noch nie einen Menschen gesehen, der sich mit so viel Aufwand und so wenig Geschmack kleidete wie Peter Piontek.

Der Kommissar starrte Mike aus übernächtigten Augen an. Er hielt den Brief wie ein Stilett. „Wer auch immer das geschrieben hat, hat die Wahrheit gesagt.“

Mikes Finger spielten nervös mit der Kaffeetasse. Er hielt dem Vorwurf in den Augen des Kommissars nicht stand und drehte den Kopf zur Seite. Sein Blick fiel auf die Zeitungen und ihm sprangen die riesigen roten Lettern, mit denen der Leitartikel der Lokalzeitung geschrieben war, in die Augen: Der Zwitter-Killer – ein Hirngespinst?

Mike begann zu lesen.

Jene Täterin, die zunächst als „Balkan-Killerin“ und später als „Zwitter-Killer“ bezeichnet wurde, hat es möglicherweise nie gegeben. Die Person, der bis zu 40 Straftaten angelastet werden, darunter mehrere Morde, hat vermutlich nie existiert. Zurzeit untersucht das baden-württembergische LKA, ob die heiße Spur im Heilbronner Polizistenmord in Wirklichkeit von kontaminierten Wattestäbchen stammt. Laut zuverlässigen Quellen wird immer wahrscheinlicher, dass die bei der Spurensuche verwendeten Watteträger mit DNA verunreinigt waren. Entsprechende Untersuchungen seien allerdings noch nicht abgeschlossen, berichteten nicht genannte Ermittlerkreise.

Die Zweifel kamen bei der Überprüfung der Identität einer verbrannten Leiche auf. Hierbei sollte geklärt werden, ob es sich um einen im Jahr 2002 verschwundenen Asylbewerber handelt. Die Untersuchung der Fingerabdrücke ergab eine Übereinstimmung mit der DNA der „Balkan-Killerin“, „was eigentlich nicht sein konnte“, so Frank Conrad, der Sprecher des LKA.

Bei einer erneuten Untersuchung fand sich die DNA nicht mehr. Das steht seit gestern fest. Deshalb kommt der Verdacht auf, dass das Untersuchungsmaterial der Ermittler bereits mit DNA in Berührung gekommen sein muss. ‚‚Dies kann theoretisch schon beim Pflücken der Baumwolle geschehen“, sagte Conrad.

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