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Pergamentum – Im Banne der Prophetin

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PROLOG - Oktober im Jahr des Herrn 1188

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EPILOG - September im Jahr des Herrn 1189

ANHANG

DANK

GLOSSAR

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PROLOG
Oktober im Jahr des Herrn 1188

Und plötzlich wurden alle Elemente und Geschöpfe von einem schrecklichen Beben erschüttert. Feuer, Luft und Wasser brachen hervor und brachten die Erde in Aufruhr.

Es war kurz vor Beginn der Komplet, als Otilie von Hagenau ein zaghaftes Klopfen an der Klosterpforte vernahm. Zunächst dachte sie, es sei der heftige Wind gewesen, der das Geräusch umherwirbelnder Gegenstände an ihr Ohr trug, aber als das Pochen erneut erklang, erhob sie sich von ihrem Platz im Torhaus, nahm die Fackel vom Halter und schob den Riegel beiseite.

Später dachte sie, es wäre besser gewesen, das Klopfen zu überhören, vielleicht wäre dann auch das Böse vor den Toren geblieben. In diesem Augenblick aber, da sie noch nicht wusste, was sie in der Dämmerung der anbrechenden Nacht erwartete, machte sie sich daran, die schwere Pforte zu öffnen.

Ein alter Mann stand vor ihr, regungslos. Seine Kleidung entsprach der eines Benediktinermönches, abgerissen zwar, aber, soweit im Licht der Fackel zu erkennen, nicht besudelt, obgleich ihm ein eigentümlicher Geruch anhing. Unter der weit ins Gesicht gezogenen wollenen Kukulle blitzte schlohweißes Haar hervor und wehte im immer stärker werdenden Wind.

»Was kann ich für Euch tun, ehrwürdiger Bruder?«, fragte Otilie, doch sie erhielt keine Antwort.

Warum verbirgt er sein Gesicht? dachte sie und starrte in die Schwärze der Kapuze. Besaß er die Male der Aussätzigen?

Einer plötzlichen Eingebung nach hätte sie die Pforte lieber wieder geschlossen. Aber es entsprach nicht der erforderlichen Gastfreundschaft. Fremde sollten aufgenommen werden wie Christus, und man erwies ihnen die angemessene Ehre, besonders den Brüdern im Glauben.

Ich muss ihn melden, beschloss Otilie, die Priorin selbst wird sich des Mönches annehmen und dann über seinen Verbleib entscheiden.

»Wie heißt Ihr?«

Der Mönch gab kehlige Laute von sich, kurz und fremd. Otilie glaubte, die Worte Korzinthio zu verstehen und Diuveliz. Dann verstummte der Alte.

Pilger aus dem Norden sprachen ähnlich, ja, eines der Worte klang wie Düwel – Teufel.

Otilie hielt die Fackel in die Dunkelheit, um das Gesicht des Mannes zu erkennen, und noch im selben Moment schien es ihr, als fahre der Schreck wie Eisenstangen durch ihre Glieder, und sie erstarrte.

Unter der Kukulle erblickte sie eine Fratze, eine Kreatur des Teufels. Der Ausdruck war schmerzhaft verzerrt, die blasse, durchscheinende Haut straff über spitze Wangenknochen gespannt. Die Augen des Mönches lagen tief in ihren Höhlen, nackt, ohne Wimpern und Brauen. Sie waren blassblau, ja, fast milchig, und flatterten unruhig, unfähig, einen festen Punkt zu fixieren.

»Jesu Domine noster!« Hastig zeichnete Otilie mit der rechten Hand das Kreuz. Und während sie noch nachsann, was zu tun war, schob sich der Alte mit einer überraschenden Schnelligkeit an ihr vorbei in den Klosterhof und hielt dann inne, als müsse er sich orientieren.

»Wartet! Ihr dürft nicht ohne Zustimmung passieren«, rief sie aus und hielt ihn am Arm. Der Arm war dürr, wie der Zweig eines morschen Baumes. Otilie zuckte zurück, aus Angst, er könne zerbrechen.

Der Mönch ignorierte ihre Aufforderung. Er starrte zur Klosterkirche und beobachtete die Nonnen, die von allen Seiten herbeiströmten, um in der Kirche die Komplet zu beginnen. Plötzlich kam Bewegung in ihn. Mit schnellem, gleichwohl stolperndem Gang bewegte er sich in Richtung des Westportals.

»Halt, wartet, Bruder!«

Einige der Nonnen erstarrten, verfolgten den Mönch mit ängstlichen Blicken, als er auf das Kirchenportal zustürzte. Der Wind zerrte an seiner Kapuze, blähte sie unwillkürlich auf, die weißen Haare umflatterten den Saum. Dann, als er fast das Portal der Abteikirche erreicht hatte, rutschte die Kapuze ihm vom Kopf. Die Nonnen in seiner Nähe schrien bei seinem Anblick auf, eine von ihnen sank zu Boden.

»Der Teufel!«, rief die Nonne und bekreuzigte ihre Brust. »Der Antichrist ist gekommen, um uns alle zu holen.«

»Das ist nicht der Antichrist, du dummes Ding, das ist Adalbert vom Kloster Zwiefalten!«, erwiderte Schwester Margarete, eine der älteren Nonnen. Sie sah dem Alten in das entstellte Gesicht. »Ja, das ist Adalbert«, murmelte sie. »Bei Gott, was ist ihm zugestoßen!«

Behutsam nahm sie den Mönch am Arm. Er folgte ihr ohne jeden Widerstand. Margarete führte ihn nicht in den Gästetrakt, sondern am Kreuzgang vorbei in die Krankenstube, die direkt unter dem Dormitorium lag.

Als Margarete am nächsten Morgen noch vor der Laudes nach dem alten Mönch sah, war sein Krankenlager leer, die Strohmatte unbenutzt. Neben dem Lager lag ein lederner Beutel, den er bei sich getragen haben musste.

Auch Jutta, als Medica im Kloster für die Versorgung der Kranken zuständig, war nirgends zu sehen. Beunruhigt lief Margarete hinauf ins Dormitorium. Hier war alles ruhig. Die Nonnen waren auf dem Weg in die Kirche, um das Morgenlob zu singen, und Margarete sah ein, dass es auch für sie Zeit wurde, der Glocke zu folgen, die den Beginn ankündigte. Hastig durchquerte sie in der Dunkelheit des Morgens den Kreuzgang und schlüpfte durch eine Seitentür in den von Kerzen erhellten Chorraum, wo sie gerade noch rechtzeitig Platz fand. Linker Hand entdeckte sie Jutta, die ihre Augen niedergeschlagen hatte, als führe sie ihr eigenes Zwiegespräch mit Gott. Margarete nahm sich vor, die Medica nach den Gesängen zu dem Verbleib von Adalbert zu befragen.

»Wo ist der Mönch?«, wisperte Margarete, kaum dass die Nonnen sich gesammelt hatten, um den Chor zu verlassen.

»Ich weiß es nicht«, flüsterte Jutta fast unhörbar. »Er war schon fort, als ich von den Vigilien zurückkam.« Sie wartete, bis sich der Chorraum geleert hatte. »Er hat sich nicht hinlegen wollen, nachdem du ihn gebracht hattest. Die ganze Zeit hockte er in einer Ecke der Stube und redete wirr. Ich gab ihm einen Sud aus Balsamkraut und Fenchel, um sein Gehirn zu erwärmen und die Luftgeister zu vertreiben, die ihn heimsuchen, aber er hat ihn wieder ausgespuckt.« Jutta stockte und setzte hoffnungsvoll hinzu: »Vielleicht hat er das Kloster wieder verlassen?«

»Hast du der Priorin sein Verschwinden gemeldet?«

Jutta schüttelte den Kopf und presste den Finger auf die Lippen.

Die Stille lastete schwer. Es war nicht das erste Mal, dass Margarete das Schweigegebot als unannehmbar empfand. Sie war eine muntere Person, die sich gerne austauschte und mit ihrer Schwatzhaftigkeit immer wieder den Tadel der Priorin auf sich zog.

Für einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie mit den anderen Nonnen die morgendliche Mahlzeit im Refektorium einnehmen sollte, aber sie entschied sich anders. Margarete machte sich Sorgen. Adalbert von Zwiefalten war früher häufig Gast im Rupertsberger Mutterkloster gewesen. Ein freundlicher und gebildeter Mönch, der das volle Vertrauen der seligen Meisterin genossen hatte. Margarete kannte ihn von den Tagen, an denen sie gemeinsam mit ihren Schwestern im Kloster Rupertsberg das Hildegardisfest feierten, dem auch er stets beigewohnt hatte. Noch vor einem Monat hatte sie ihn gesehen, am siebzehnten September, er war bei bester Gesundheit, mit vollem Haar und praller Haut. Adalbert musste Mitte fünfzig sein, nicht viel älter als sie, aber der Mann, den sie gestern in die Krankenräume geführt hatte, hatte wie ein Greis ausgesehen.

»Es muss etwas Schreckliches passiert sein«, flüsterte sie, während sie die Kirche über das Westportal verließ.

Zuerst sah sie in den Lagerräumen nach, dann in der Küche und in der angrenzenden Backstube. Das Feuer im großen Ofen brannte, und auf dem gegenüberliegenden Tisch lag warmes, dampfendes Brot.

»Hat jemand einen alten Mönch gesehen?«, fragte Margarete, aber die Küchengehilfen, mehlverstaubt und mit roten Wangen, verneinten.

Während Margarete zurück zum Krankenlager lief, bemerkte sie, dass es in ihrer Brust heftig pochte. Die Aufregung war ungewohnt, gewiss, aber es war noch etwas anderes, das sie atemlos machte. Wie gut kannte sie Adalbert wirklich, dass sie ihn so sicher in die Krankenstube geführt hatte, ohne den Rat des Seelsorgers einzuholen? Was, wenn die anderen Nonnen recht hatten, wenn es gar nicht Adalbert gewesen war, der sie aufgesucht hatte, sondern der Teufel selbst? Aber hatte nicht die große Meisterin bei der Heilung der besessenen Sigewize gesagt, der Teufel könne nicht in Menschen schlüpfen, weil sie das Abbild Gottes seien?

Aber wenn ihm nun der Teufel eingeflüstert hat, Schreckliches zu tun?

Adalberts Lager war noch immer unberührt. Margarete bemerkte, dass der lederne Beutel nicht mehr an seinem Platz lag. Hastig lief sie zur Misericordia, sah aber nur Jutta und eine kranke Nonne, die bei Tisch saßen, vor ihnen Schalen mit Getreidebrei und ein Laib Brot.

»Hast du Adalbert gesehen?«, fragte Margarete.

Jutta schüttelte den Kopf und sah sie mit sorgenvollen Augen an. Margarete schloss leise die Tür und stieg abermals hinauf ins Dormitorium, sie glaubte nicht, dass der Mönch hier war, aber sie würde nun jeden Raum inspizieren. Der Schlafsaal war leer. Sie lief weiter.

Im Refektorium an der Südseite des Kreuzganges sammelten sich die Nonnen zum Frühstück an den Tischen, doch auch hier war Adalbert nirgends zu sehen.

Margarete hastete zum Badehaus, dann zu den Latrinen und stellte fest, dass es einer der Nonnen nicht gutging. Sie ignorierte das qualvolle Stöhnen jedoch, was sonst nicht ihre Art war, und lief zum Kreuzgang zurück.

Schwer atmend blickte sie in den bewölkten Himmel, der den Innenhof nur zögernd erhellte. Hatte Adalbert das Kloster tatsächlich verlassen, wie Jutta vermutete? Sollte sie besser im Torhaus nachfragen?

Margarete hielt inne und beobachtete, wie ihr Atem in schnellen Wölkchen zum Himmel stieg. Einer inneren Stimme folgend, wusste sie plötzlich, wo sie suchen musste. Voller Hoffnung eilte sie in Richtung Skriptorium.

Im Kloster Zwiefalten war Adalbert einer der begabtesten Schreiber gewesen. Er musste sich Zugang zur Klosterbibliothek verschafft haben. Warum sie es so fest glaubte, konnte Margarete nicht sagen. Die Bibliothek barg nur einen Bruchteil der Schätze des angesehenen Mutterklosters, enthielt vorwiegend solche Werke, die dem täglichen Klosterleben dienlich waren und den Nonnen zum Vollzug der Offizien nützten. Wenngleich manche von ihnen zu den Psalmen nur stumm die Lippen bewegten, ohne den Inhalt wahrhaftig zu verstehen.

Hier in Eibingen gab es nur wenige, die gelehrt genug waren, Bücher zu lesen, geschweige denn Werke zu kopieren oder gar selbst welche zu schreiben. Das Skriptorium war nahezu verwaist, die Schreibpulte wurden seit Jahren nicht mehr benutzt. Margarete selbst hatte die Arbeit im Skriptorium aufgeben müssen, als ihre Finger zu schmerzen begannen und den Federkiel nicht mehr fest genug halten konnten. Warum also glaubte sie den alten Mönch an diesem verlassenen Ort?

Doch was lag näher, als sich in vertraute Räume zu begeben, wenn man Geist und Körper beruhigen wollte? Wahrscheinlich würde sie Adalbert in dem Raum vorfinden, der Skriptorium und Bibliothek zugleich war. Auf der Suche nach Werken, die ihm seinen Zustand erklärbar machten und Hilfe versprachen bei einer Krankheit, die ihn innerhalb weniger Wochen hatte zerfallen lassen.

Ich hätte gleich hierherkommen sollen, dachte die Nonne, als sie die steile Wendeltreppe hinaufstieg. Und während sie die Stufen erklomm, nahm sie auch den merkwürdigen Geruch wahr, der Adalbert anhaftete.

Fast wäre sie über ihn gestolpert. Der Mönch lag am Ende der Treppe, direkt hinter der letzten Windung. Der Körper seltsam verrenkt, die rechte Hand auf die oberste Stufe hinabhängend. Seine Augen waren weit aufgerissen, das Gesicht war bläulich verfärbt.

Margarete unterdrückte einen Schrei. Sie würgte heftig, am liebsten wäre sie aufgesprungen und davongerannt, dann aber erinnerte sie sich ihrer Pflicht.

Mit einem tiefen Seufzer überging sie das immer stärker werdende Gefühl der Bedrohung, betrachtete die eigentümlich helle Farbe seiner Haare, die kahlen Stellen, an denen sich sonst Augenbrauen befanden, die pergamentartige Gesichtshaut. Dann strich sie über seine wimpernlosen Lider und schloss die Augen. Margarete atmete auf, sie konnte sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Augen sie anklagend angestarrt hatten, so, als hätte Adalbert jemanden dafür verantwortlich gemacht, nicht den Tod zu sterben, den er als Christ verdient gehabt hätte. Den richtigen, guten Tod, mit Weihwasser, Weihrauch und den Psalmengesängen der umstehenden Vertrauten, die den Übergang ins Himmelsreich begleiteten. Und mit Beichte und der Erteilung der Absolution, denn dass diese vonnöten gewesen wäre, um ihn ins königliche Himmelreich zu geleiten, dessen war sich Margarete nun sicher.

Rasch nahm sie seine Hände, um sie wie zum Gebet zu falten. Sie waren kalt und starr, es war, als begriffen sie nicht, dass die Seele bereits losgelassen hatte. Margarete hatte Mühe, die Finger auseinanderzubekommen, und als sie die einzelnen Glieder zurückbog, fiel ein helles Stück abgerissenen Pergaments heraus, beschrieben mit lateinischen Buchstaben und verziert mit einer prachtvollen Miniatur. Behutsam strich sie über das Blatt. Die Oberfläche war aus feinster Kalbsleder- oder Lämmerhaut, mit Bimsstein so glatt geschliffen, dass keine Poren mehr zu erkennen waren.

Aufmerksam betrachtete Margarete die kostbare Miniatur. Sie war fein und dergestalt, wie sie sonst nur in den großen Klöstern gefertigt wurde. Das Bild kam ihr bekannt vor, und dennoch konnte sie es nicht gleich zuordnen, denn etwas irritierte sie.

Margarete hielt das kleine abgerissene Blatt ins Licht der schmalen Fensteröffnung, die zum Kreuzgang hinauswies. Sie erkannte Wolken in mehreren Farbschichten und ein loderndes Feuer, dessen Gold auf rotem Ocker gefertigt war.

Ein Gefühl der Gefahr schnürte Margarete plötzlich den Hals zu. Ehe sie überlegen konnte, was sie tat, ließ sie das Stück Pergament in der Tasche ihres Wollhabits verschwinden. Dann faltete sie Adalberts Hände über dem Bauch und eilte die Wendeltreppe hinunter, um Priorin Agnes von dem Toten zu berichten.

1. TEIL

Doch in der Luft entsteht ein Wind, der sich mit seinen Stürmen überallhin ausbreitet. Auch von der satanischen Wut, die Gott kennt und fürchtet, geht mit bösen Worten übelste Verleumdung aus, die sich nach allen Seiten verteilt.

1

Elysa von Bergheim reckte sich über die schmale Brüstung des Prahms. Ein eisiger Wind streifte ihre Wangen. Für einen Moment glaubte sie, durch den dunstigen Nebel bereits die Umrisse des Kloster Eibingen zu erkennen, doch im nächsten Augenblick verschlossen dichte Schwaden den Blick.

Plötzlich begann das Boot zu schlingern, geistesgegenwärtig klammerte sie sich an die Seitenplanke. Die Pferde schnaubten unruhig und tänzelten auf der Stelle, so dass das Boot nun zu schwanken begann. Ein Blick auf den Schiffer, der am Bug stand und das Boot ruhig mit der Stakstange vorwärts trieb, zeigte ihr jedoch, dass keine unmittelbare Gefahr bestand.

»Was war das?«, rief sie dem Kanonikus entgegen, der seit ihrer Abfahrt in Mainz nahezu unbewegt in der Mitte des Bootes saß.

»Die Strömung der Rheinenge bei Bingen.«

»Aber wir sind doch noch nicht einmal bei Rüdesheim.«

Hastig tastete Elysa sich zur Schiffsmitte zurück und setzte sich neben Clemens von Hagen, Kanonikus vom St.-Stephans-Stift zu Mainz, einen großen, breitschultrigen Mann mit ausgeprägtem Kinn und wachen Augen, der alleine durch seine Statur allerorts Respekt einflößte, was sich noch verstärkte, wenn er seine tiefe, volltönende Stimme erhob. Ein idealer Begleiter für eine alleinreisende Adelige.

Der Wind nahm an Stärke zu, stob gegen den von der schweren Ladung erhobenen Bug des Bootes, das nun wieder zu schlingern begann. Elysa wurde übel.

Sie hätten einen Pferdewagen nehmen sollen, es wäre schneller gewesen und angesichts der unberechenbaren Strömung wahrscheinlich auch sicherer, aber der Kanonikus hatte auf der Rheinfahrt bestanden, zum Schutz gegen die Wegelagerer, die in den Wäldern abseits der alten Römerstraßen überhandnahmen.

Elysa versenkte ihre Hände tief in die Taschen des groben Wollmantels. Trotz des großen Eindrucks, den Clemens von Hagen zunächst bei ihr hinterlassen hatte, unterschied er sich anscheinend nur wenig von den meisten Männern, die sie kannte. Von ihrem Vater, Gott sei seiner Seele gnädig, ihrem Bruder Magnus von Bergheim und all jenen, die vergeblich um ihre Hand angehalten hatten. Diese Männer waren alle stur, besserwisserisch und selbstverliebt gewesen. Was bei dem Kanonikus noch schwerer wog, entbehrte er bislang doch jener Eigenschaften, die ein Mann des Glaubens mitbringen sollte: Demut, Güte und Barmherzigkeit.

Elysa fröstelte in der ungewohnten Kleidung. Mit Bedauern dachte sie an die herrlichen Dinge, die nun am Heck des Bootes in ihren Truhen lagen. An den pelzgefütterten langen Mantel, die bestickten Fingerhandschuhe und an den saphirblauen, modisch kurzen Friesenmantel aus Flandern, die langen hochgeschnürten Seidenkleider aus Italien und den goldverzierten Umhang, einziges Andenken an ihre Mutter.

Der Kanonikus hatte Elysa die grobe Kleidung der einfachen Städter gegeben, um sie vor Überfällen zu schützen. Es war gut und richtig, und dennoch, der raue Stoff war in der feuchtkalten Luft schnell klamm geworden und bot nur wenig Schutz gegen den eisigen Novemberwind.

Elysa seufzte schwer. Sie hätte darauf bestehen sollen, im Haus ihrer Großmutter in Mainz zu bleiben, bei der sie den Großteil ihres Lebens verbracht hatte und die sie nun alleine zurücklassen musste. Hier hatte sie ohne allzu strenge Aufsicht leben und unbeirrt all die Bücher studieren können, die laut allgemeiner Auffassung den Frauen nicht zugänglich sein durften.

Sie hatte die Werke von Aristoteles und Plinius gelesen, die des Isidor von Sevilla und Bruno von Segni. Am stärksten hatte sie das Sic et Non des Petrus Abaelard beeindruckt, der die ungeheuerliche Auffassung vertrat, dass es dem Menschen zustand, kraft des Verstandes Dinge zu erklären, ja sogar Widersprüche in den Aussagen von Propheten, Aposteln und Kirchenvätern zu hinterfragen und zu analysieren. Stunde um Stunde hatte Elysa über all jenen Büchern gesessen, die ihr der Onkel kurz vor seinem Tod vermacht hatte. Natürlich nur heimlich und ohne das Wissen der Großmutter, denn die war eine strenggläubige Frau, die in den aufrührerischen Gedanken und der Hinterfragung christlichen Gedankenguts nur einen weiteren Beweis für das Ende des sechsten Zeitalters sah, in dem sich die Welt unweigerlich auf den Untergang zubewegte.

Elysa jedoch war fasziniert von den neuen Sichtweisen der Scholastik. Und mit jedem Wort, das sie verschlang, begriff sie, dass die Welt eine andere war, als man ihr auf Burg Bergheim stets hatte einflüstern wollen.

Doch nun, da ihr Bruder Magnus sich entschlossen hatte, dem Aufruf zur heiligen Heerfahrt zu folgen, sollte sie als Statthalterin zurückkehren. Zurück in jene Burg, die sie im Alter von acht Jahren verlassen musste und an die sie nur abscheuliche Erinnerungen hatte.

Der Nebel nahm zu, ebenso die Dunkelheit. Bald schon würde der Fluss vollends in der Schwärze der Nacht versinken und den Schiffern die Weiterfahrt erschweren.

Der scharfe Wind drang durch den Stoff und löste in Elysa ein heftiges Zittern aus. Inständig sehnte sie sich nach dem prasselnden Feuer eines Kamins und nach einer weichen Decke, die ihre Glieder wärmte. Bequemlichkeiten, die sie in Eibingen wahrscheinlich nicht vorfinden würde.

»Warum nächtigen wir nicht im Kloster Rupertsberg? Es wäre standesgemäßer.«

»Es gibt einen guten Grund.« Clemens von Hagen nahm seinen schwarzen Mantel ab und legte ihn Elysa fest um die Schultern. »Ich habe eine Botschaft zu übermitteln.«

»Vom Erzbischof?«

»Woher wisst Ihr?«

»Das Pergament, das Ihr eingesteckt habt, bevor wir den Prahm bestiegen, trägt sein Siegel.«

Es war ihr, als unterdrücke er ein Lächeln.

Elysa spürte das Gewicht des warmen Stoffes. Langsam ließ das Zittern nach. »Was ist das für eine Botschaft?«, fragte sie.

»Ihr seid sehr wissbegierig. Euer Onkel erwähnte es.«

Bernhard von Oberstein, ihr Onkel und väterlicher Freund, Magister Scholarum in der Domschule zu Mainz. Sein Tod hatte ein tiefes Loch in ihr Leben gerissen, und nun musste Elysa auf Geheiß ihres Bruders Magnus auch noch den Ort ihrer Jugend verlassen, der ihr vertrauter war als der Stammsitz der Familie. Je näher sie der Burg kamen, umso schwerer fiel es ihr, das Schicksal anzunehmen, das er für sie auserkoren hatte. Nun war es Nacht, und sie mussten im Kloster einkehren, morgen aber würde sie auf der Familienburg eintreffen.

Unvermittelt fuhr Clemens von Hagen fort. »Bevor wir in Eibingen ankommen, sollte ich Euch den Grund der erzbischöflichen Botschaft enthüllen, um Euch auf unseren Aufenthalt vorzubereiten.« Er wandte seinen Blick zum rechten Rheinufer. »Es geschehen dort Dinge, von denen Ihr wissen solltet.«

»Was sind das für Dinge?«

»Man sagt, der Teufel habe im Kloster Einzug gehalten.«

»Der Teufel?« Unwillkürlich tastete Elysa nach dem Kreuz, das sie um den Hals trug.

Clemens von Hagen blickte zum Schiffer, der in seiner Bewegung innehielt, und senkte die Stimme. »Es heißt, er sei in der Gestalt eines seelenlosen Mönches gekommen und treibe seit dessen Tod dort sein Unwesen.« Er schwieg kurz, als müsse er seine Gedanken sammeln. »Eine Nonne starb unter entsetzlichen Krämpfen«, fuhr er flüsternd fort. »Plötzlich und ohne jede erkennbare Ursache. Eine weitere wäre fast bei einem Brand umgekommen, der ein Seitenschiff der Kirche nahezu zerstörte, ebenso wie einen Teil des Skriptoriums. Vom Hildegardisaltar verschwand ein Schrein mit Reliquien der Meisterin, kurz darauf fanden Nonnen ihn zerschmettert und leer in der Nähe der Backstube. Ihr könnt Euch vorstellen, dass die Priorin in Aufruhr ist.«

Entsetzt starrte Elysa den Kanonikus an. »Es wäre mir lieber, Ihr würdet mich zum Kloster Rupertsberg bringen und Eure Botschaft am nächsten Tag zustellen.«

»Ausgeschlossen. Man würde eine Verbindung zum Rupertsberg herstellen, was gerade jetzt, wo man die Heiligsprechung Hildegards anstrebt, verheerende Folgen haben könnte. Nein! Wenn wir in Eibingen nächtigen, tun wir es als Gäste, die nach einer beschwerlichen Reise Unterkunft suchen, nicht als Botschafter des Erzbischofs.«

»Und wie wollt Ihr für meine Sicherheit garantieren? Weiß mein Bruder von Eurem Vorhaben?«

»Euer Bruder gab mir seine Zustimmung. Euch wird nichts geschehen, dafür werde ich Sorge tragen.«

»Ich verstehe nicht, warum Ihr Euch da so sicher seid!«

Elysa fühlte Wut in sich aufsteigen, gepaart mit einer tiefen Hilflosigkeit. Zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, dass der Kanonikus mehr als nur ein Reisebegleiter war. Fast schien es, als wäre ihre Heimreise nur nützliche Nebensache. Clemens von Hagen hatte jemanden gebraucht, der seinen Aufenthalt in Eibingen erklärte. Und was lag näher, als dass eine junge Adelige, von Dunkelheit und schlechter Witterung überrascht, Unterkunft in einem Kloster suchte, das sie ansonsten niemals erwählt hätte. Einem Kloster, deren Nonnen vorwiegend aus Ministerialentöchtern und Frauen der unteren Schichten stammten und das nicht dem Adel vorbehalten war, wie das Mutterkloster auf dem Rupertsberg, das nur wenige Stunden flussaufwärts lag. Und das sie mit einem Pferdewagen noch bei Tageslicht hätten erreichen können.

»Versucht mich zu verstehen, ehrwürdiger Clemens, lieber nächtige ich auf dem Boot, als Euch nach Eibingen zu folgen.«

Elysa glaubte, in der Dunkelheit ein Lächeln des Kanonikus zu erkennen. »Meine liebe Elysa. Soweit ich in Erfahrung bringen konnte, ist Euch die kritiklose Annahme mysteriöser Überlegungen fremd.«

»Ihr glaubt also nicht an die Anwesenheit des Teufels?«

Clemens von Hagen lachte verhalten. »Das Fegefeuer, das die Leiber der Verdammten peinigt, ist eine Erfindung unseres verehrten Kirchenvaters Augustinus, um die armen Sünder zur Umkehr zu bewegen. Die Wahrheit liegt in der Allegorie. Warum also sollte sich der Teufel persönlich nach Eibingen begeben, um ein Feuer zu zünden?«

Elysa ahnte, worauf Clemens von Hagen abzielte. »Ihr glaubt, es steckt eine planvolle Absicht dahinter?«

Der Kanonikus schwieg. Elysa beobachtete das Ufer, das in der Ferne von flackernden Lichtern erhellt wurde. Unversehens hatte Clemens von Hagen etwas in ihr berührt, das sie neugierig machte. Wenn man alles, wie es die Scholastiker verkündeten, mit wachem Verstand hinterfragen konnte, musste es dann nicht auch für die Vorgänge im Kloster eine Erklärung geben? Sollte man es nicht zumindest in Erwägung ziehen?

Eine Erinnerung stieg in ihr auf und führte sie in die Kindheit, zurück zum elterlichen Anwesen. Sie nahm die Sonne auf ihrem Haar wahr, den Duft der Wiesenblumen, das Klappern der Hufe, das Rütteln des Pferdewagens, der dem unebenen Weg zur Holzbrücke folgte, unter dem sich der tiefe Wassergraben auftat. Neben ihr die Mutter, mit geröteten Wangen, lachend. Sie hatte das knackende Geräusch nicht gehört, aber Elysa vernahm es. Damals hatte sie es jedoch nicht zuordnen können. Als der Wagen die Brücke erreichte, geschah es: Die Achse brach, der Wagen kippte zur Seite und krachte gegen das hölzerne Geländer. Ihre Mutter wurde hinausgeschleudert, hinab in den Graben. Das Wasser spritzte hoch und prasselte auf Elysas Gesicht. Noch heute spürte sie das Entsetzen, das sie angesichts der Schreie der Mutter empfunden hatte. Eine der Wachen des Burgtores schaffte es, sie aus dem Wasser zu ziehen, bevor sie ertrank, doch fortan war sie verändert. Es hieß, der Teufel habe ihr ein Bein gestellt. Es sei die Strafe für den Hochmut, den sie empfunden hatte, als sie lachend vor Glück über die Felder geritten war.

Erst Jahre später hatte Elysa erkannt, dass es noch eine andere Wahrheit gab, geben musste. Man konnte es Schicksal nennen, dass die Achse ausgerechnet auf der Brücke gebrochen war. Und was sprach gegen die absichtsvolle Handlung eines missgünstigen Hörigen etwa, die Achse brüchig zu machen?

Die Rufe des Mannes, der am Heck das Ruder bediente, vertrieben ihre Gedanken. Elysa erkannte am Ufer kleine Feuer, die man entzündet hatte, um die mondlose Nacht zu erhellen. Zwei Männer, ihrer Kleidung nach Laienbrüder, standen winkend daneben, sie wurden anscheinend erwartet.

»Wir sind gleich da«, erklärte Clemens von Hagen und sah Elysa fest an. »Ich bitte Euch nun, gleichgültig, was ich sage, vertraut mir. Und tut nichts, was Argwohn wecken könnte, es sei denn, Ihr wollt meine Mission gefährden.«

Der Schiffer lenkte das Boot mit dem Bug voran an die Böschung. Elysa ließ sich von dem Kanonikus ans Ufer helfen und beobachtete, wie die Männer die Pferde an Land führten. Sie versuchte, im Licht der Fackeln einen Pferdewagen zu entdecken oder eine Karre für die vielen Truhen, in denen sie ihre gesamte Habe bewahrte, die Kleidung, den Schmuck, die Bücher ihres Onkels. Aber sie sah nichts dergleichen.

Als sie sich zum Boot umdrehte, beobachtete sie, wie der Kanonikus kurz mit einem der Laien sprach und ihm etwas zusteckte. Kurz darauf kletterte der Mann auf das Boot zu den Schiffern, während der andere es vom Ufer abstieß und sofort mit einem großen Satz aufsprang.

Clemens von Hagen trat zu ihr. »Die Truhen bleiben auf dem Boot. Wir können sie nicht mitnehmen.«

»Aber warum? Die Männer werden damit verschwinden!«

»Sie gehören zum Kloster. Eure Habe kommt an einen sicheren Ort.«

»Wo könnte sie sicherer sein als im Kloster?«

Der Kanonikus antwortete nicht. Wortlos führte er die Pferde heran und half Elysa in den Sattel. Dann nahm er eine der Fackeln und bestieg sein eigenes Pferd.

»Es gibt noch etwas, das Ihr wissen solltet.«

»Was kann es noch geben?«

»Der Brief, den ich unter dem Siegel des Mainzer Erzbischofs Konrad mit mir führe, enthält auch eine Empfehlung, und Ihr müsst mir jetzt sagen, ob Ihr möchtet, dass ich sie vor der Priorin verlese oder augenblicklich vernichte.«

Elysa umklammerte die Zügel ihres Pferdes, das unruhig zu tänzeln begann. »Was ist das für eine Empfehlung?«

»Es ist die Aufforderung, die Tochter eines von ihm hoch geschätzten Handwerkers im Kloster als Novizin aufzunehmen.«

»Und wer ist diese Frau?«

»Ihr seid es.«

2

Elysas Gedanken wirbelten durcheinander. Hatte der Kanonikus alles gesagt, als er ihr offenbarte, dass man sie dafür auserwählt hatte, den Grund der Vorfälle herauszufinden? Glaubte er wirklich, es sei von Vorteil, sich als Handwerkstochter im Kloster zu melden und um Aufnahme zu bitten?

Aber warum sollte sie sich in eine derart große Gefahr begeben? Was, wenn sie es doch mit dunklen Mächten zu tun hatte, die sie heimsuchen und ihr Leben für immer verderben könnten!

Und doch hatte Clemens von Hagen ihr glaubhaft versichert, dass jemand durchaus ein ernsthaftes Interesse daran haben könne, dem Andenken der seligen Rupertsberger Meisterin zu schaden, hier, im von ihr gegründeten Nonnenkloster Eibingen. Und niemand könne einen besseren Einblick in die Vorgänge erhalten als eine Frau, welche die Nonnen als eine von ihnen betrachteten. Zudem noch eine gebildete Frau, die um das Wesen der Hinterfragung wisse, was die Nonnen jedoch nicht erfahren dürften.

Der Kanonikus hatte ihr erklärt, dass, sollte sie sich dazu entschließen, ihm bei der Aufklärung zu helfen, alles getan werde, um sie im Nachhinein für ihre Mühen zu entschädigen. Obwohl, wie er betonte, der Herr im Himmel, dessen Sprachrohr Hildegard gewesen sei, es ihr ohnehin auf seine Weise vergelten werde.

Sollte sie lieber weiterreisen wollen, könne sie es unbehelligt am nächsten Morgen tun, er werde sie begleiten. Aber dann – und er sagte es mit großem Bedauern – werde es nicht viel länger möglich sein, die Nachricht über die Einkehr des Bösen in Eibingen zurückzuhalten und deren Verbreitung bis über den Rupertsberg hinaus, wo noch immer Hunderte von Menschen zum Grab der Hildegard pilgerten. Was würden sie sagen, wenn die verehrte Meisterin den Teufel vom Himmelsreich aus nicht an seinem Wirken hindern konnte, und er es sogar wagen durfte, ihre Reliquien ungestraft zu entwenden?

»Und was gedenkt der Erzbischof dagegen zu tun?«, hatte Elysa atemlos gefragt.

Der Kanonikus hob die Brauen. »Der Erzbischof ist ein frommer Mann inmitten von Schlangen. Er glaubt nur das, was er sieht, und er sieht in den Vorgängen ein Zeichen des Kampfes zwischen Gut und Böse, der sich von alleine entscheidet, wenn man nur fleißig genug betet und den Exorzismus spricht. Zudem sind seine Gedanken ganz von den Vorbereitungen des Kreuzzuges erfüllt, gerade jetzt befindet er sich auf dem Weg nach Ungarn, um den Landweg für Kaiser Barbarossas Ritterheer vorzubereiten.« Clemens von Hagen lächelte bitter. »Den Mainzer Prälaten hingegen wäre es ganz recht, wenn das Andenken der seligen Hildegard beschmutzt würde. Sie haben nicht vergessen, wie die Meisterin ihnen kurz vor ihrem Tod zugesetzt hatte, als sie das Interdikt über ihr Kloster verhängten.«

»Ein Verbot von gottesdienstlichen Handlungen? Warum?«

»Hildegard hatte einen exkommunizierten Adeligen in geweihter Erde begraben lassen, weil er sich kurz vor seinem Tod mit der Kirche aussöhnte. Die Mainzer Prälaten, die sich durch ihre Predigten wider den Verfall des Klerus angegriffen fühlten, bezweifelten die Richtigkeit der Aussage, und als Hildegard sich weigerte, den Adeligen zu exhumieren, verhängten sie ein Interdikt.«

»Was geschah dann?«

»Hildegard fuhr persönlich trotz ihres hohen Alters nach Mainz, um für das Christenrecht zu kämpfen. Aber die Prälaten blieben stur, für sie war es endlich die Gelegenheit, die mächtige Prophetin vom Rupertsberg in ihre Schranken zu weisen. Auch die Einmischung des Kölner Erzbischofs, der Hildegards Anliegen unterstützte, half nur kurzfristig. Erst als die Meisterin einen Brief nach Rom sandte, wo der damalige Mainzer Erzbischof Christian anlässlich des dritten Laterankonzils weilte, erreichte sie endlich die Auflösung des Interdikts. Für die Mainzer Prälaten ein Schlag ins Gesicht. Ich kenne kaum einen der geistlichen Würdenträger, der sich nicht über eine Vergeltung für die erlittene Schmach freuen würde. Und sei es vom Teufel höchstpersönlich.«

»Aber warum sucht Erzbischof Konrad dann eine Klärung der Vorgänge?«

»Weil ich ihn darum gebeten habe.«

Clemens von Hagen hatte sein Pferd angetrieben und war vorangeritten, ohne sich zu ihr umzudrehen. Elysa hatte Mühe, ihm zu folgen. Der Regen der letzten Wochen hatte den Boden aufgeweicht und ließ die Hufe der Pferde im Schlamm versinken.

Den Blick fest auf die Fackel vor ihr geheftet, fragte sich Elysa, ob der Kanonikus in seiner Wahl nicht geirrt hatte. Zumindest in ihrer Menschenkenntnis schien sie fehlbar, hatte sie doch die Tugenden des Geistlichen bei weitem unterschätzt, auch wenn er sie soeben dazu aufgefordert hatte, gegen eines der Gebote zu verstoßen.

Der Weg veränderte sich, aus Schlamm wurde Kopfsteinpflaster. Das plötzliche Klappern der Hufe war laut und fand einen Widerhall. Fast unmerklich waren sie dem Kloster näher gekommen, das wie eine kleine graue Festung im Dunkeln lag. Elysa betrachtete die Klostermauer, die aus unregelmäßigen Steinquadern bestand und von der überraschend großen Klosterkirche weit überragt wurde.

Der Kanonikus drosselte die Gangart. Erst als sie schon fast am Torhaus ankamen, wandte er sich zu ihr um.

»Und wie habt Ihr Euch entschieden?«

Elysa schüttelte bedauernd den Kopf. »Es ist eine Lüge, eine Täuschung, wider das achte Gebot – wie kann ich da Eurer Bitte Folge leisten?«

»Eine Lüge ist, wer anderen bewusst damit schaden möchte, aber hier geht es um mehr! Es geht darum, eine weit größere Lüge aufzudecken. Und wenn nichts geschieht, werden all die Mühen der größten Prophetin aller Zeiten, dem Sprachrohr Gottes, innerhalb kurzer Zeit zunichte gemacht!«

»Aber wer eine Aussage macht, obwohl er weiß, dass es nicht der Wahrheit entspricht, lädt Schuld auf sich, auch wenn er keinen Schaden anrichtet. Mendax, quod mentem alterius fallat. Wer lügt, sagt die Unwahrheit und ist daher ein Lügner.«

»Pro salute vel commodo alicuius. Es ist eine Lüge zum Nutzen des Wortes Gottes! Elysa, ich bitte Euch, wollt Ihr eine Täuschung verdammen, die gegen jemanden gerichtet ist, der im Namen des Teufels mordet und brandschatzt?«

Elysa wandte den Blick zum Himmel. Was hätte Bernhard an ihrer Stelle getan? Ihr Onkel war ein kluger Mann gewesen, der sie immer wieder dazu ermunterte, auf ihr Herz zu hören, ebenso wie auf ihren Verstand.

Ihr Herz aber schwieg. Weder wollte sie die Tage in einem kalten Kloster verbringen, in dem der Teufel walten sollte, noch zur Familienburg reiten. Doch beim Gedanken an ihren Bruder und an das bevorstehende Wiedersehen schien es, als ziehe sich ein eiskalter Griff um ihr Herz, und es wurde ihr bewusst, dass sie jeden Aufschub nutzen würde, und wäre es nur für wenige Tage.

Ihr Atem ging schwer, fast meinte sie, ihre Brust müsse zerspringen. Dann sah sie den Kanonikus an.

»Gut, so sei es. Ihr dürft die Empfehlung verlesen.«

3

Wenn Ida von Lorch sich in tiefe Meditation versenkte, erinnerte sie sich all der Farben und Formen, die sie gesehen hatte, als sie ihr Augenlicht noch besaß. Im Sommer, wenn die Sonne ihr Gesicht erhellte und sie den Duft der Natur einsog, glaubte sie fast, das Grün zu fühlen, das sie umgab und Teil der göttlichen Schöpfung war. Nun war es fast Winter, dunkel und farblos, erst, wenn der Schnee fiele, würde sie wieder Teil der Welt sein, die auch sie mit Licht umgab.

Dieses Jahr jedoch schien der helle Schnee fern und damit auch das Licht. Der Herbst hatte etwas Furchtbares mit sich gebracht, das sie in jeder Pore ihres Körpers fühlte. Seit jenem Tag, an dem der Teufel an die Klosterpforte geklopft hatte, stürmte es, und es war nicht der gute, sanfte Wind. Nein, es war der schlechte, der gepaart mit Rauch, Feuer, Finsternis und Wasser der Seite der unheilbringenden Elemente angehörte, die den Kosmos durchdrangen und mehr und mehr beherrschten.

An manchen Tagen glaubte Ida sogar innerhalb der Gemäuer einen Luftzug zu spüren, der ihr den Atem nahm, dann und wann vermischt mit dem Gestank von Schwefel oder dem beißenden Geruch von Feuer, obwohl ihr die anderen Nonnen immer wieder versicherten, dass es nicht brannte. Bis auf die eine Nacht, als sie hinausgelaufen war und die Hitze der Glut hell und rot in ihrem Gesicht gespürt hatte.

Es war, als begegneten ihr die anderen nun mit Vorsicht. Ja, mit Vorsicht, nicht mit Respekt, wie sie es sonst taten, wenn sich ihre Vorahnungen bewahrheiteten. Doch seit jenem unglücklichen Tag waren die Stimmen gedämpfter, und die fröhliche Schwatzhaftigkeit, die Ida sonst so ärgerte, war seltener geworden.

Ida bewegte ihren Stab entlang der Mauern und schritt sicher voran. Und nun waren wieder Menschen gekommen, kaum dass die Brüder aus Zwiefalten abgereist waren. Menschen, die die heilige Ruhe des Klosters störten. Es war weit nach der Komplet, als Priorin Agnes sie rufen ließ, trotz der Schweigepflicht, die nun herrschte. Die anderen lagen längst auf ihren Matten im Dormitorium, aber sie selbst brauchte nur wenig Schlaf. Es war ihre Zeit. Die Zeit, in der sie ungestört durch die Gänge gehen konnte, ins Gebet versunken. Aber nicht heute.

Das leise Klopfen des Stabes veränderte seinen Klang. Ida hielt inne und tastete nach dem Knauf, der die Tür öffnete.

»Tritt ein, Schwester Ida«, hörte sie Priorin Agnes sagen.

»Ihr habt mich rufen lassen?« Ida erhob die Nase, aber der zarte Duft, den sie vernahm, war süß und rein und machte den ranzigen Geruch der Kerzen aus Schafsfett erträglich, die trieften und stanken.

»Komm näher.«

Ida trat ein paar Schritte vor, bis der Atem der Anwesenden lauter wurde. Es waren ein Mann und eine Frau, der Duft kam von der Frau. Aber der Mann verriet sich durch sein Atmen. Es war schwerer und tiefer. Der Mann musste groß sein und stattlich, ja, so atmeten nur große Menschen.

»Wir haben Gäste?«

»Clemens von Hagen, Kanonikus von St. Stephan in Mainz, und eine junge Frau, die um susceptio, um Aufnahme bittet.«

Ida trat einen Schritt in die Richtung, in der sie die Frau vermutete, und hob suchend die Hand. Die Frau war nicht sehr groß. Flüchtig strich sie über lange Haare, die in sanften Wellen herabfielen.

»Ich bin Elysa.« Die Stimme klang schön und warm, doch nicht so jung, wie man es von einer Anwärterin erwartete. Der Klang verriet die Tonalität der gehobeneren Schichten, die Aussprache war deutlich. Der feste Ausdruck ließ Ida zweifeln, ob Elysa die gebotene Schamhaftigkeit in der Rede würde lernen können, aber es stand ihr nicht zu, bereits in diesem Moment ein Urteil zu fällen.

»Du wirst die Anwärterin zunächst in ihre Zelle im Gästehaus führen«, fuhr die Priorin fort. »Nach vier Tagen, wenn sie sich im Kapitelsaal niedergeworfen und ihre Bereitschaft zur Einhaltung der benediktinischen Regel erklärt hat, teilst du der Handwerkstochter eine Novizinnenzelle zu. Und nun fort – ich habe mit dem Kanonikus zu sprechen.«

Ida eilte voran, den Stab in ständiger Bewegung. Hatte die Priorin tatsächlich Handwerkstochter gesagt? Eine Handwerkstochter klang anders, selbst wenn sie im Dienste des Adels stand. Sie wird sich den Ausdruck der höheren Töchter angeeignet haben. Eitel war die junge Frau, das hatte Ida sogleich am feinen Duft erkannt. Eitel und unfähig, sich ihrem Stand gemäß zu verhalten.

Verärgert schüttelte sie den Kopf. Nichts war mehr, wie es einmal war. Früher konnte man bereits am Geruch erkennen, wer wohin gehörte. Heute hingegen gab es auf den Märkten in den Städten allerlei Dinge zu kaufen, die die natürlichen Grenzen verschwimmen ließen. Ja, es konnten sogar einfache Menschen durch Fleiß zum Adel aufsteigen, sie nannten sich hochmütig Ministerialen, aber für Ida war es einfach nur der Dienstadel.

Die Zeiten hatten sich geändert. Früher, als Hildegard das zerstörte Augustinerkloster für dreißig Benediktinerinnen hatte herrichten lassen, waren Ministerialen und niedere Stände die Ausnahme, heute hingegen die Regel. Und das war nicht gut, denn wo Zucht und Ordnung fehlten und die Sitten verrohten, öffnete man dem Bösen alle Pforten!

Und außerdem: Welcher Mensch sammelt seine ganze Herde in einem einzigen Stall, Ochsen, Esel, Schafe, Böcke, ohne dass sie auseinanderlaufen? Aber die Rupertsberger Meisterin hatte es dennoch getan, als sie hier in Eibingen alle Stände zuließ.

Ida ging festen Schrittes voran, dann und wann lauschte sie, ob die Anwärterin ihr folgte. Als sie unter freiem Himmel den Kreuzgang durchquerten, glaubte sie, hinter dem Schleier ihrer Augen sanftes Mondlicht wahrzunehmen, das sich durch die Wolkendecke geschoben hatte. Und für einen kurzen Moment meinte sie, der schlechte Wind würde innehalten, bevor er mit unverminderter Kraft anhob.

4

Lautes Klopfen ließ Elysa hochschrecken. Die Zelle war dunkel, es musste noch Nacht sein. Die Kerze, die sie gestern Abend hatte brennen lassen, war erloschen. Und auch durch das geölte Pergament, das als Schutz vor der Kälte in einem Holzrahmen vor die Fensteröffnung gestellt war, drang noch kein Licht. Elysa zog die grobe Decke um ihren Körper und setzte sich auf. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit.

Die Tür öffnete sich, und eine kleine Nonne, noch nicht alt, aber doch ehrfurchtgebietend, mit buckligem Rücken, schob sich in die Zelle, in der Hand eine helle Laterne. Ida.

»Ich hoffe, du hast gut geschlafen«, sagte sie spöttisch, und ihre trüben Augen blitzten. »Das Morgenlob ist bereits vorbei – hast du denn die Glocke nicht schlagen gehört?«

Elysa schüttelte gähnend den Kopf. »Nein.«

Ida stellte die Laterne auf dem Boden ab. »Dann hat dich der Schlaf betäubt. Wenn Schwester Gudrun den Schlagring führt, gibt es niemanden, der auch nur ein Auge zubehalten kann. Also auf, nun, wenn du noch ein wenig vom Getreidebrei haben möchtest, es ist nicht mehr viel da.« Damit verließ die blinde Nonne den winzigen Raum.

Elysa sah sich um. Die steinerne Zelle war eng und klamm. Neben dem strohbedeckten Bett aus harten Brettern stand ein kleiner Tisch, daneben ein Schemel. Sie dachte an den Getreidebrei und verspürte einen lauten, unbändigen Hunger. Seit der letzten Rast am vergangenen Mittag hatte sie nichts mehr zu sich genommen. Als Gast hätte sie Anspruch auf ein wärmendes Fell und ein reichhaltiges Mahl gehabt, aber nun war sie kein Gast mehr. Fast schon bereute sie es.

Eilig stand Elysa auf. Sie schlüpfte in die ledernen Schuhe, zog das knöchellange Obergewand über das Unterkleid aus Leinen und schnürte den Umhang über der Brust. Rasch flocht sie die langen Haare zu straffen Zöpfen und verließ die Zelle.

Als sie vor die Tür auf den schmal gemauerten Gang trat, war niemand zu sehen.

Elysa machte sich auf den Weg zum Refektorium, das sie in dem Trakt südlich der Abteikirche vermutete. Über den Kreuzgang trat sie ins Freie. Der Himmel war noch immer dunkel, kleine Laternen erhellten in regelmäßigen Abständen den Weg. Der Innenhof war symmetrisch angelegt, mit Beeten und kleinen Büschen. Im Sommer mochte es hier prächtig blühen, nun bedeckten kurzgeschnittenes Gehölz und buntes Laub den Boden.

Überall erblickte Elysa wundervolle architektonische Details, Zeugen der vergangenen Pracht, die der Zerstörung durch die kaiserlichen Truppen widerstanden hatten. Damals war das Land im Streit des achtzehnjährigen Schismas versunken, und Friedrich Barbarossas Heer hatte den Rheingau heimgesucht, in dem Bischöfe sich entgegen der kaiserlichen Anordnung zum kirchlichen Papst bekannt hatten.

Bewundernd strich Elysa über die ebenmäßigen Säulen aus grauem Kalkstein, auf denen kunstvoll verzierte Kapitelle saßen, mit emporwachsenden Akanthusblättern, sich biegenden Ranken und hervorragenden Sporen, die im flackernden Licht fast wie Löwenköpfe aussahen.

Ihr Blick glitt weiter und erstarrte. Ja, gewiss, Clemens von Hagen hatte ihr von einem Brand erzählt, aber nun erst sah sie, dass dieser Brand leicht das ganze Kloster hätte vernichten können. Die Bruchsteinmauer des am Kreuzgang angrenzenden südlichen Seitenschiffs der Kirche war schwarz gefärbt, der Dachstuhl stand zum Teil offen und ungeschützt. Auch das Obergeschoss des westlichen Traktes war geschwärzt, aus einer der Fensteröffnungen zog sich die rußige Spur des Feuers. In diesem Kloster waren nahezu alle Gebäude miteinander verbunden. Dass nicht alles von den Flammen erfasst worden war, grenzte an ein Wunder. Was hatte das Feuer aufgehalten?

Sie hatte vier Tage, das herauszufinden. Am fünften Tag erwartete die Priorin die Aufnahme zur Novizin. An jenem Tag aber würde Elysa das Kloster verlassen.

Plötzlich erhob sich ein ohrenbetäubender Klang. Das Läuten der Glocke war scharf und erbarmungslos. Elysa sah angestrengt zum Glockenturm hinauf, dann erstarb der Ton.

Eine Tür wurde aufgestoßen, einige Mädchen in der Kleidung der Novizinnen kamen herausgeeilt, laut schwatzend und lachend. Sie waren jung, manche von ihnen noch Kinder.

»Schwestern, mäßigt euch.« Eine ältere Nonne eilte hinterher, aber die Mädchen reagierten nicht auf ihre barschen Rufe. Die Nonne erblickte Elysa und kam auf sie zu.

»Du musst die Anwärterin sein.«

Elysa nickte.

»Dann solltest du wissen, dass der Weg zum Westportal über die Außenanlage führt, nicht über den Kreuzgang, der ganz der Kontemplation vorbehalten ist.«

Elysa blickte in Richtung der Mädchen, die den Weg über das Seitenschiff genommen hatten.

»Ich gebe zu, es fällt schwer, das ungebührliche Betragen mancher Schwestern zu bändigen«, sagte die Nonne milde. »Dennoch ist es bei uns üblich, derartige Regelverstöße zu bestrafen. Und nun komm, bevor die Prim beginnt.«

»Ich habe noch nicht gegessen.«

»Dann musst du dich bis zur Sext gedulden.« Die Nonne runzelte die Stirn. »Ist denn niemand da, der dich einweist?«

»Nein. Schwester Ida hat mir nur meine Zelle zugewiesen.«

»Schwester Ida!« Die Nonne lächelte mit erhobener Braue, aber es war ein freundliches Lächeln, das viele kleine Fältchen um ihre Augen warf. »Dann werde ich mich um dich kümmern. Ich bin Schwester Margarete. Schwester Elisabeth war für die Einweisung der Anwärterinnen zuständig, sie beaufsichtigte auch die Novizinnen. Aber nun …«

Elysa wartete auf eine Erklärung, doch Margaretes eben noch lächelndes Gesicht schien in schweren Gedanken entrückt.

»Was ist mit der Abteikirche passiert?«, fragte Elysa und zeigte zum Dach des Seitenschiffes.

»Eine Feuersbrunst«, flüsterte Margarete, dann war sie wieder bei sich. »Beim Herrn, es wird Zeit. Komm, schnell! Die Priorin weiß jeden Verstoß gegen die Gottesdienstordnung streng zu ahnden.« Dann eilte sie gedankenverloren zum Portal des Seitenschiffs. Elysa folgte ihr.

Während sich die anderen Nonnen auf den Gottesdienst konzentrierten, wurden Elysas Augen schwer. Sie setzte sich gerade auf, um nicht augenblicklich einzuschlafen, und versuchte, ihre Gedanken zu sammeln. Wo sollte sie mit ihrer Untersuchung beginnen? Was konnte Clemens von Hagen ihr noch zu den Vorfällen erzählen?

Sie sehnte sich danach, mit ihm zu sprechen, doch sie vermochte ihn nirgends zu entdecken, auch nicht im Querschiff des von Kerzen erleuchteten Chorraumes. Sie würde sich noch ein wenig gedulden müssen. Also lauschte Elysa den Psalmen, während ihre Lider erneut herabsanken.

Ein heftiger Regen ließ Elysa aufschrecken, er stürzte prasselnd durch das zerstörte Dach des südlichen Seitenschiffes und bildete große Lachen, die sich rasch über den Fußboden verteilten und bis an das hintere Chorgestühl reichten, wo Margarete ihr einen Platz zugewiesen hatte.

Einige der Nonnen sahen sich leise flüsternd um, bis die blinde Ida laut vernehmlich hüstelte und alle sich wieder der Lesung zuwandten.

Leise stand Elysa auf und trat aus dem durch einen hohen Transversalbogen abgetrennten Chorraum ins Langhaus. Während die Nonnen ihren Gesang anstimmten, betrachtete sie das verkohlte Dachgestühl des schmalen Seitenschiffes, von dem nun das Wasser herabfloss. Das Feuer hatte vor allem im Bereich des Daches gewütet und das kostbare Glas der Fenster oberhalb der Arkaden zerstört, ohne jedoch ins Mittelschiff einzudringen. Es schien sich auf den höheren Bereich beschränkt zu haben, denn die unteren Altarnischen, deren Bilder man wohl aus Schutz vor dem Wasser abgehängt hatte, waren nahezu unberührt. Wie war das Feuer dort hingekommen, und wo war sein Ursprung?

Der Gesang der Nonnen wurde lauter, mischte sich mit dem Plätschern des nachlassenden Regens und füllte die Kirche mit herrlichen Sequenzen. Für einen Moment hielt Elysa inne und blickte zurück zu den Schwestern, die entrückt und gleichsam ergriffen eine Musik intonierten, die sie so noch nie gehört hatte. In diesem Augenblick spürte sie, dass es einen Gott gab. Er war hier, in dieser Kirche, trat aus den Sphären himmlischen Gesanges und durchdrang ihre Seelen. Und obgleich Elysa hin und wieder bezweifelte, dass die Vorgänge von Menschenhand gelenkt worden waren, spürte sie, dass es an einem solchen Ort keinen Teufel geben konnte.

Dann war es still. Elysa wandte sich wieder dem zerstörten Dachstuhl zu. Regentropfen fielen in ihr Gesicht, als sie sich unter das klaffende Loch stellte und mit den Augen die Höhe maß. Selbst für einen sehr großen Mann waren die Balken zu hoch, es gab niemanden, der mit ausgestrecktem Arm das trockene Holz hätte zünden können. Es sei denn …

»Furchtbar, nicht wahr?«

Elysa schrak zusammen. Sie hatte Margarete nicht kommen hören. Erstaunt drehte sie sich um. Das Schlussgebet war verklungen, Nonnen und Novizinnen befanden sich bereits auf dem Weg zum Westportal.

»Lass uns gehen«, sagte Margarete. »Ich möchte sehen, ob du für die Handarbeit begabt bist.«

»Warte!« Elysa sah sie flehend an. »Erzähl mir, was vorgefallen ist.«

Margarete seufzte. »Ich sehe ein, dass du ein Anrecht auf eine Erklärung hast. Nun, da dieser unselige Ort deine Heimat werden soll.« Sie sah sich hastig um, dann fuhr sie fort. »Nachdem Mönch Adalbert von Zwiefalten bei uns Zuflucht gesucht hatte, passierten seltsame Dinge. Die Schwestern sprechen von Teufelswerk …«

»Was für seltsame Dinge?«

»Als Adalbert kam, war er in einem furchtbaren Zustand. Um Jahre gealtert, die Haare schlohweiß, mit nackten Brauen und wimpernlosen Augen. Schwester Jutta, die Medica des Klosters, sagte, die Luftgeister hätten Besitz von ihm ergriffen, und nachdem er die Medizin verweigert hatte, verlegte sie sich aufs Beten. Doch Gott der Herr hatte andere Pläne. Am nächsten Morgen fand man Adalbert tot auf. Noch am selben Tag starb Schwester Elisabeth an furchtbaren Krämpfen. Ich hörte, wie sie litt, aber ich dachte, es käme von der Völlerei, denn es war zur Zeit des Morgenmahls.«

»Woher kamen die Krämpfe?«

»Ich weiß es nicht, Schwester, aber du kannst mir glauben, dass es seitdem viele Nonnen gibt, die morgens lieber fasten, so wie es der heilige Benedikt vorgesehen hat.«

»Sie glauben, es sei eine Strafe?«

»Die Regeln erlauben nur eine warme Mahlzeit am Tag und im Sommer noch etwas Brot am Abend. Aber die selige Meisterin war gegen die strenge Askese, und so führte die Priorin zum Getreidebrei am Morgen auch noch das tägliche Brot am Abend ein, selbst in den Wintermonaten.«

»Und was glaubst du?«

Margarete sah sie überrascht an. »Ich weiß nicht, was ich erzählen kann und was nicht«, begann sie zögernd, »aber mein Herz quillt über von all der Traurigkeit und den Worten, die ich zurückhalte, weil ich mich niemandem offenbaren darf.«

Elysa nahm schweigend Margaretes Hände.

»Warum Elisabeth starb, kann ich nicht sagen, aber in einem anderen Punkt glaube ich etwas zu wissen.«

»Der Mönch?«

»Ich habe ihn gefunden«, flüsterte die Nonne und senkte den Kopf. »Ich glaube nicht an das, was Jutta sagt. Auch wenn ich mich in der Krankenpflege nicht auskenne, so weiß ich doch um all die Wirkungen von Pflanzen und Mineralien aus den Werken unserer Bibliothek.«

Die Nonne sah auf, und ihre Augen funkelten. »Ich habe ganz alleine das De Medicina des Isidor von Sevilla für unsere Klosterbibliothek kopiert. Und, bei Gott, in einem bin ich mir sicher: Adalbert von Zwiefalten wurde vergiftet!«

5

Vergiftet?« Nachdenklich strich sich Clemens von Hagen über das Kinn. »Was habt Ihr noch erfahren?«

Der Kanonikus hatte sich auf einem kleinen Schemel neben der Schlafstatt niedergelassen, auf der Elysa saß. Es war die Zeit der Mittagsruhe.

»Schwester Otilie hat den Mönch eingelassen. Er war verwirrt, sprach in fremder Mundart. Und doch konnte die Pförtnerin eines der Worte verstehen, das im Norden gebräuchlich ist und für den Teufel verwendet wird.«

Das sichere Gefühl, das Elysa während des Chorgesanges empfunden hatte, war verschwunden und hatte einer schwelenden Sorge Platz gemacht.

»Zweifellos hat Bruder Adalbert Furchtbares erlebt«, sagte Clemens düster. »Ich habe von einem Mann gehört, der von einer Schlacht zurückkam, um Jahre gealtert und mit weißem Haar, obgleich er fast noch ein Kind war.«

»Aber wie erklärt Ihr dann Adalberts Tod? Schwester Margarete erzählte, dass sie ihn mit weit aufgerissenen Augen fand, das Antlitz blau verfärbt.«

»Gewiss, es ist nicht auszuschließen, dass auch Gift einen Menschen derart zu entstellen vermag. Vielleicht aber will man uns nur glauben lassen, dass er vergiftet worden ist.« Der Kanonikus wiegte den Kopf, schien für einen Moment versunken in klugen Überlegungen. »Die fremde Mundart jedoch, von der Ihr erzähltet, zeigt, dass meine Vermutungen richtig waren.«

»Welche Vermutungen?«

»Möglicherweise liegt Adalberts Tod in einem Wissen begründet, das ein Zwiefaltener Abt mit Hildegard geteilt hat: das Wissen um die Lingua Ignota, eine geheime Sprache, die Hildegard niederschrieb und mit der sich nur Eingeweihte verständigen konnten.«

Eine wahrlich bedeutsame Neuigkeit, die sogleich Elysas Interesse erregte. Sie beugte sich vor, den weiteren Erklärungen zu lauschen.

»Jener Kanonikus, der gemeinsam mit Hildegards Bruder Hugo auf dem Rupertsberg als Seelsorger, Sekretär und Propst wirkte, war mein Großonkel«, fuhr Clemens fort. »Von ihm habe ich erfahren, dass der Codex, in dem sämtliche Werke Hildegards gesammelt wurden, Worte jener himmlischen Sprache enthält, die sie in ihren Visionen hörte.«

»So hat vermutlich jemand den Mönch daran hindern wollen, sein Wissen zu teilen oder es zu nutzen …«

»In der Tat, so könnte es gewesen sein«, sagte Clemens sorgenvoll. »Zumal man munkelt, dass jene Sprache für Eingeweihte weit umfassender war, als der Codex erahnen lässt. Denn dort findet man ausschließlich Substantive. Wichtige Teile fehlen, um die Sprache lebendig zu machen und ihren Sinn vollends zu verstehen.«

Der Kanonikus wirkte bedrückt, als läge ihm noch etwas auf dem Herzen. Nur zögernd fuhr er fort. »Priorin Agnes hat sich geweigert, Adalbert in geweihter Erde beisetzen zu lassen. Sein Körper ist vor wenigen Tagen von einer Gesandtschaft des Klosters Zwiefalten abgeholt worden. Vielleicht ist unter den Brüdern einer, der imstande ist, uns Antwort zu geben.«

»Das mag sein, doch wie wollt Ihr es in Erfahrung bringen?«

Clemens von Hagen sah Elysa fest in die Augen. »Ich werde noch heute hinter der Gesandtschaft herreisen.«

»Nach Zwiefalten? Aber das dauert Tage! Zehn, wenn man ein Pferd hat, das kräftig ist und ausdauernd.«

Elysa spürte heftige Angst in sich aufsteigen. Sie betrachtete das Gesicht des Kanonikus, forschte nach Zweifeln an seinem Vorhaben, aber sie sah nur Entschlossenheit. »Am fünften Tag soll ich Novizin werden. Doch ich werde keinen falschen Eid schwören. Clemens, ich kann nicht länger im Kloster bleiben!«

»Ich weiß, Elysa. Die Gesandten sind jedoch noch nicht lange unterwegs, und ein Pferdewagen ist langsamer als mein Ross. In ein, zwei Tagen werde ich sie sicher einholen können.« Clemens von Hagen ergriff ihre Hände. »Hildegard von Bingen pflegte eine intensive Freundschaft zum Kloster Zwiefalten. In ihren Briefen tauchten immer wieder Worte der Lingua Ignota auf, die der selige Abt Berthold auf seinen häufigen Besuchen im Rupertsberg erlernt hatte. Und auch Hildegard besuchte sein Kloster auf einer ihrer Predigtreisen. Warum also taucht plötzlich der Zwiefaltener Mönch Adalbert in ihrem Zweitkloster auf und spricht in einer Sprache, die ansonsten niemand versteht? Hatte er eine Botschaft zu überbringen? Oder suchte er etwas, das er nur hier finden konnte? Und was ließ ihn innerhalb kurzer Zeit um Jahre altern? Das herauszufinden ist nun meine Aufgabe und für die Mission von größter Wichtigkeit. In diesen Mauern kann ich nicht mehr viel tun. Als Mann sind mir weite Bereiche des Klosters verschlossen – es liegt bei Euch, zu ergründen, ob eine der Nonnen Anteil am Verrat hat.«

Elysa fragte sich, was es wirklich war, das den Kanonikus antrieb. War es nur die Sorge um die Heiligsprechung der Prophetin? Was hatte es mit jener eigentümlichen Sprache auf sich, deren Geschichte sogleich Bilder von geheimen Treffen aufsteigen ließ, von der Verschwörung jener, die sich anschickten, das Böse zu besiegen.

Elysa rang mit ihren Gefühlen. Trotz seiner gewiss hehren Überlegungen konnte sie nicht einsehen, warum Clemens sie einem derart ungewissen Schicksal überlassen wollte. Es musste andere Wege geben, die verborgenen Dinge ans Licht zu bringen, doch sie würde ihn nicht umstimmen können, das war offenbar.

»Werdet Ihr rechtzeitig zurück sein können? Wenn nicht, so verlasse ich auf der Stelle das Kloster und verlange von Euch, mich zur Burg zu bringen. So, wie es vereinbart war.«

Noch immer lagen ihre Hände in seinen. Er drückte sie, wie zur Bestätigung. »Ich schwöre beim Herrn, dass Ihr nicht in die Verlegenheit kommen werdet, ein falsches Gelübde abzulegen.« Dann ließ er ihre Hände los und erhob sich. »Mein Pferd steht bereit, ich werde mich unverzüglich auf den Weg machen.«

Elysa folgte dem Kanonikus hinaus, schweigend. Sie fühlte sich alleine, unvermittelt in eine Aufgabe gedrängt, die sie nun heftig bereute. Warum nur hatte sie sich darauf eingelassen? Sie musste zugeben, dass sie sich geschmeichelt gefühlt hatte, als der Kanonikus ihr zutraute, das Ansehen der Rupertsberger Meisterin zu retten. Nun aber musste sie einsehen, dass sie nur zugestimmt hatte, um das Treffen mit ihrem Bruder hinauszuzögern. Aber war Burg Bergheim wirklich so viel unheilbringender als dieser unselige Ort?

Das stille, kalte Kloster wirkte auf einmal bedrohlich, und es gab nichts, das sie länger als vier Tage hier halten könnte. Niemals würde sie so weit gehen, einen falschen Eid zu schwören, um auf die Rückkehr des Kanonikus zu warten, einen Meineid im Angesicht Gottes. Ihr kam ein furchtbarer Gedanke.

»Was ist, wenn Euch auf dem Weg etwas zustößt?«

»Dann wendet Euch an den Konversen Gregorius. Ihr findet ihn im Laientrakt an der Nordseite der Klosterkirche. Er wird Euch weiterhelfen«, erwiderte Clemens von Hagen.

»Ist er der Mann, dem ihr gestern Abend etwas zustecktet?«

Clemens nickte wortlos.

Es war neblig gewesen in jener Nacht. Nur schemenhaft erinnerte sich Elysa des Laienbruders, der mit einem Mantel über der grauen Tunika und kurzem braunem Skapulier gekleidet gewesen war.

Unterdessen waren sie bei den Ställen angelangt. Beklommen verfolgte Elysa, wie sich der Kanonikus auf sein Pferd schwang und durch die Klosterpforte ritt. Ihr Herz war schwer. Obwohl sie Clemens von Hagen kaum kannte, schien er ihr plötzlich nah und vertraut, Teil jenes Lebens, das sie vor der Klosterpforte gelassen hatte. Nun, da er ging, war es ihr, als ginge ein Teil ihrer selbst.

Für einen kurzen Moment dachte sie daran, auf der Stelle zum Laientrakt zu laufen und von Gregorius die Herausgabe ihrer Truhen einzufordern. Für ein paar Silbermünzen wäre der Laienbruder vielleicht auch dazu bereit, sie bis zur Burg zu begleiten. Aber wollte sie das wirklich?

Wind kam auf und zerrte an ihrem Umhang. Die Glocke erklang, laut und durchdringend, kündete vom Beginn der Sext.

Elysa straffte die Schultern. Sie würde sich dem Klosteralltag beugen müssen und dabei versuchen, mehr über die Vorgänge in Erfahrung zu bringen. Und sei es, um sich zu wappnen, sollte das Böse erneut hereinbrechen.

Als Elysa sich der Klosterkirche zuwenden wollte, ertönten plötzlich lautes Rumpeln und das Schnauben von Pferden. Dann erklangen Rufe von Männern, die sich mit der Pförtnerin verständigten. Das Tor wurde auf beiden Flügeln weit aufgestoßen, und ein Pferdewagen schob sich hinein, vorweg ein stämmiger Gaul. Auf dem Kutschbock saßen zwei Männer, ein jüngerer und ein älterer, der die Zügel lenkte und das Pferd nun zum Stehen brachte.

Auch die anderen Nonnen hatten den Lärm vernommen, aufgeregt schwatzend kamen sie herbeigeeilt. Als Priorin Agnes den Hof betrat, stoben sie auseinander, hinüber zur Klosterkirche, in deren Portal Schwester Ida stand und voller Ungeduld mit dem Stab gegen die Tür klopfte. Elysa zögerte kurz, doch nachdem sie einen kühlen Blick der Priorin aufgefangen hatte, schloss sie sich ihnen an.

Die Ankunft der Handwerker sorgte für große Aufregung unter den Nonnen. Keine von ihnen dachte daran, sich der stillen Arbeit zuzuwenden. Die angefangenen Näharbeiten lagen achtlos auf den Tischen. Liturgische Gewänder, die darauf warteten, gesäumt zu werden, dunkle Stoffe, Borten und allerlei Verzierungen. Der Werksraum war erfüllt von leisem Getuschel.

Zimmerleute, wisperte es, sie sollen das Dach des Seitenschiffes ausbessern.

»Ich kenne sie«, flüsterte Anna, eine junge Nonne. »Es sind Ditwin und sein Vater Eberold aus Bingen.«

»Woher kennst du Handwerker?«, fragte eine andere Nonne, und es klang verächtlich.

Anna bedachte sie mit einem überheblichen Blick. »Es sind verdiente Leute, die im Gegensatz zu deinem Vater einen guten Leumund haben!«

Die andere Nonne errötete und senkte die Augen.

»Eberold und sein Sohn haben im Auftrag eines Baumeisters an unserem Haus in Bingen gebaut. Ditwin zählte damals noch nicht einmal zwölf Winter«, fuhr Anna fort. »Und seht, was für ein stattlicher junger Mann er nun geworden ist.«

E

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