Logo weiterlesen.de
Peinliche Situationen meistern

Vorwort

„Oh wie peinlich!“ Da stoßen Sie bei einem feierlichen Essen versehentlich ein Glas um – und der Rotwein ergießt sich auf die Hose Ihres Nachbarn. Sie verwechseln Namen, Türen, Fremdwörter. Ihnen rutscht eine geschmacklose Bemerkung heraus oder die Hose herunter.

Peinliche Situationen lauern überall, sie lassen sich gar nicht vermeiden. Umso weniger, wenn Sie viel mit Menschen zu tun haben, womöglich auch mit Menschen aus einem anderen Kulturkreis, die ein ganz anderes Peinlichkeitsempfinden haben.

Dieser TaschenGuide will Ihnen helfen, solche Situationen zu meistern. Viele Ratgeber sagen Ihnen ja nur, wie Sie nicht in peinliche Situationen hineingeraten. Hier erfahren Sie, wie Sie wieder herauskommen: ob Sie jemanden falsch begrüßt oder sich ungeschickt verabschiedet haben, ob Sie beim Lügen ertappt wurden oder jemandem aus einer peinlichen Situation heraushelfen möchten. Dabei werden Sie hoffentlich feststellen, dass peinliche Situationen durchaus ihre vergnüglichen Seiten haben – wenn man sie nämlich einigermaßen unbeschadet übersteht und hinterher mit wohligem Schaudern davon erzählt.

Dr. Matthias Nöllke

Wie entstehen peinliche Situationen?

Bevor wir uns damit beschäftigen, wie Sie peinliche Situationen meistern, müssen wir klären, was Peinlichkeit überhaupt ist. Warum entsteht sie, und warum brennen sich peinliche Situationen in unser Gedächtnis ein wie kaum ein anderes Erlebnis?

In diesem Kapitel lesen Sie,

  • wie eine Situation kippen kann,

  • was in einer peinlichen Lage körperlich mit uns geschieht und

  • dass Peinlichkeit ansteckend ist.

Was ist Ihnen peinlich?

Jeder Anfang hat für mich etwas Peinliches.

Ernst Eckstein, deutscher Schriftsteller (1845–1900)

Wir alle kennen peinliche Situationen und versuchen, sie zu vermeiden. Vergeblich. Sie lauern uns immer wieder auf und bringen uns in Verlegenheit. Und zwar sehr oft gerade dann, wenn wir am wenigsten damit rechnen, weil wir uns so sicher fühlen.

Beispiel

Sie haben sich gründlich auf diese Rede vorbereitet. Unter dem Beifall des Publikums schreiten Sie ans Pult, legen sich Ihr Manuskript zurecht, holen tief Luft und wollen beginnen – mit Ihrem ersten knalligen Satz. Da versagt Ihnen die Stimme. Aus Ihrer Kehle kommt nur ein heiseres Krächzen. Die Zuhörer lachen.

Bei einem Stadtspaziergang entdecken Sie auf der anderen Straßenseite einen alten Bekannten. Sie winken ihm zu. Und als Sie in freudiger Erwartung die Straße überqueren, bemerken Sie, dass es sich um einen Unbekannten handelt. Ihre Gesichtszüge erstarren, verlegen stammeln Sie eine Entschuldigung und entfernen sich rasch.

Mit einer Kollegin lästern Sie ausgiebig über Ihren Vorgesetzten. Sie äffen seine Art nach, Ihre Kollegin schüttet sich aus vor Lachen. Da bemerken Sie, dass sich noch jemand im Raum befindet und gedankenverloren aus dem Fenster schaut. Als derjenige sich umwendet, blicken Sie in die eisgrauen Augen Ihres Vorgesetzten.

Ein Freund möchte Ihnen eine Freude machen und hält auf Ihrer Geburtstagsfeier eine Rede auf Sie. Leider schätzt er seine rednerischen Fähigkeiten völlig falsch ein, die Rede zieht sich und zieht sich und zieht sich … die ersten Gäste verlassen den Raum.

Solche Begebenheiten sind uns peinlich. Warum eigentlich?

Es handelt sich um vier sehr unterschiedliche Situationen.

  1. Etwas misslingt Ihnen, auf das Sie in diesem Moment viel Wert legen.

  2. Ihnen unterläuft ein Irrtum, durch den sich niemand gekränkt fühlen muss.

  3. Sie setzen ausgerechnet denjenigen herab, der glauben soll, dass Sie ihn hoch schätzen.

  4. Sie schämen sich für einen anderen, der Ihnen nur etwas Gutes tun wollte.

Der Kipp-Effekt

Was allen vier Situationen gemeinsam ist: Zunächst scheint alles in bester Ordnung zu sein. Doch plötzlich kippt die Situation (s. den Abschnitt „Wenn die Situation entgleist“): Sie selbst oder jemand anders stehen auf einmal nicht mehr so glänzend da. Der positive Eindruck, den derjenige eben noch machen konnte, ist wie weggewischt. Oder es sind die Erwartungen, die gründlich enttäuscht werden. Auch hier kippt die Situation. Mit einem Mal erscheint alles ganz anders. Peinliche Situationen kündigen sich nicht an. Sie treten ohne Vorwarnung ein und überstrahlen sofort alles andere. Es zeichnet sie aus, dass sie für uns nicht absehbar waren.

Alles spielt sich in Ihrem Kopf ab

Der zweite entscheidende Aspekt: Ob eine Situation peinlich ist oder nicht, das entscheidet sich in den Köpfen der Beteiligten. Jemand muss die ganze Angelegenheit peinlich finden, sonst ist sie es nicht. Umgekehrt heißt das: Die Situation kann in Ihren Augen noch so harmlos sein. Sobald Ihr Gegenüber sie als peinlich empfindet, ist sie es.

Was Menschen peinlich finden, das unterscheidet sich mitunter beträchtlich. Manchen ist etwas unsagbar peinlich, was anderen eher nebensächlich vorkommt. Das heißt aber nicht, dass Peinlichkeit etwas Willkürliches ist und wir es uns aussuchen können, was wir peinlich finden. Das ist gerade nicht so, wie wir noch sehen werden. Es bedeutet vielmehr, dass wir unsere Sicht der Dinge nicht absolut setzen dürfen.

Wichtig

„Warum stellt der sich so an? Da ist doch gar nichts dabei!“ Solche Äußerungen sind völlig ungeeignet, eine peinliche Situation zu entschärfen. Im Gegenteil, dadurch wird sie für den Betroffenen erst recht unerträglich.

Kulturelle Unterschiede

In jeder Kultur gibt es Verhaltensweisen, die in bestimmten Situationen als angemessen gelten. Wenn Sie davon abweichen, kann es sehr schnell peinlich werden. Dabei sind zwei Aspekte bemerkenswert, die die Ethnologen in den unterschiedlichsten Kulturen beobachtet haben:

  • Gehören Sie offensichtlich einer anderen Kultur an, werden an Ihr Verhalten weniger strenge Maßstäbe angelegt. In begrenztem Umfang wird Ihnen sogar zugestanden, Tabus zu verletzen. Aber Sie bleiben immer ein Außenseiter und Exot.

  • Ordnet man sich einer ähnlichen oder der gleichen Kultur zu, treten Peinlichkeiten viel häufiger auf.

Beispiel

Benimmtrainer, die Geschäftsleute schulen, berichten, dass Deutsche vor allem im Umgang mit britischen Verhandlungspartnern patzen. Englisch ist die Fremdsprache, die sie am besten beherrschen. Daher erscheint ihnen ihr Gesprächspartner halbwegs vertraut. Zu Unrecht unterstellen sie, dass bei den Briten die gleichen Gepflogenheiten gelten wie bei den Deutschen und äußern beispielsweise im Small Talk Ansichten, die von den Briten als viel zu persönlich empfunden werden.

Wir brauchen eine gemeinsame Grundlage

Wenn Angehörige aus unterschiedlichen Kulturen zusammentreffen, stellt sich folgendes Problem: Um überhaupt miteinander umgehen zu können, brauchen sie eine gemeinsame Grundlage. Daher bilden sie recht schnell so etwas wie einen Verhaltenskodex aus. Wer davon abweicht, der kann wiederum schnell peinlich wirken. Das fängt beim Begrüßungsritual an. So kann es sich etwa zwischen einer Gruppe von Deutschen und Japanern einspielen, dass man sich zur Begrüßung mit einem kurzen Nicken die Hand gibt. Wer in so einer Situation sein Gegenüber auf die japanische Art mit einer tiefen Verbeugung begrüßt, löst Irritationen aus.

Die feinen Unterschiede

Auch innerhalb einer Kultur gibt es beträchtliche Unterschiede in Hinblick darauf, was als peinlich betrachtet wird. Mit erheblichen Folgen: Empfinden Sie eine bestimmte Sache als peinlich oder gerade nicht als peinlich, kann das darüber Aufschluss geben, welcher gesellschaftlichen Gruppe oder Schicht Sie angehören (s. „Rituale und Konventionen“).

Beispiel

In mancher Runde dürften Sie zustimmendes Gelächter ernten, wenn Sie von Ihrer feucht-fröhlichen Urlaubsreise berichten und auch nicht verschweigen, wie viel oder wenig Sie der Spaß gekostet hat. In anderen Kreisen werden solche Einlassungen als ausgesprochen peinlich empfunden.

Zugleich grenzen sich die unterschiedlichen „Kreise“ voneinander ab. Was in dem einen Milieu hoch schätzt wird, gilt bei dem anderen als „peinlich“ – zumindest für die „eigenen Leute“. Das betrifft beispielsweise bestimmte Kleidungsstücke, Frisuren, die Musik oder die Filme, die man mag, und natürlich auch die Bücher, die man liest.

Beispiel

In einem bildungsbürgerlichen Milieu könnten Sie auf betretenes Schweigen stoßen, wenn Sie von diesem „fantastischen neuen Musical“ schwärmen und die Runde nachdrücklich auffordern: „Das müssen Sie sich ansehen! Ich habe geweint wie ein Schlosshund!“

Peinliche Gefühle verstehen

Peinliche Situationen zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass ein ganz bestimmtes Gefühl von Ihnen Besitz ergreift: ein Gefühl von Hilflosigkeit und Beschämung. Die Situation würden Sie am liebsten ändern oder ungeschehen machen. Aber genau das können Sie nicht. Dieses Gefühl ist es, das wir verstehen müssen, um peinliche Situationen zu meistern. Denn dieses Gefühl müssen wir überwinden.

Schmerzhafte Erfahrungen

Peinliche Situationen können regelrecht wehtun. Das sagt schon das Wort. Peinlich – früher hieß das nichts anderes als schmerzhaft. Das „peinliche Verhör“ im Mittelalter war keine Vernehmung, bei der besonders indiskrete Fragen gestellt wurden, sondern dabei wurden Folterinstrumente eingesetzt.

Seine Wurzel hat das Wort „peinlich“ im lateinischen „poena“, das so viel bedeutet wie „Strafe“. Und als Strafe kann man peinliche Situationen durchaus sehen – als eine Strafe, die von innen kommt.

Auch der Ausdruck „pingelig“ gehört zur Wortfamilie. Er besagt in etwa das Gleiche wie „peinlich genau“. Wer „pingelig“ ist, der bemüht sich, den kleinsten Fehler zu vermeiden, und geht daher besonders sorgfältig vor.

Unser Inneres wird geflutet

Peinlichkeit ist überwältigend. In einer peinlichen Situation wird unser Innenleben von diesem Gefühl regelrecht überschwemmt. Wir verlieren unsere Souveränität, können nicht mehr in Ruhe nachdenken, und wir haben nur den einen Wunsch: dass diese Situation endlich aufhören soll.

Wir versuchen uns so schnell wie möglich dieser Situation zu entziehen. Wir legen den Telefonhörer auf oder wir entfernen uns rasch – wie im Beispiel mit dem verwechselten Bekannten. Wir sind rein körperlich nicht in der Lage, souverän das Gespräch zu beenden. Wir geraten ins Stammeln und bringen es kaum fertig, sicheren Schrittes davonzugehen.

Der innere Peinlichkeitsstempel

Alles, was wir erleben, wird sofort emotional bewertet: als angenehm oder unangenehm. Auf diese Weise bekommt jede Erfahrung ihren Stempel. Je ausgeprägter der Stempel, umso besser behalten wir das betreffende Erlebnis im Gedächtnis. Es brennt sich uns förmlich ein.

Genau das geschieht in einer peinlichen Situation. Der innere Peinlichkeitsstempel hinterlässt tiefe Spuren, zumal wenn starke Gefühle wie Angst oder Scham damit verbunden sind. Wenn uns etwas richtig peinlich ist, dann behalten wir es in Erinnerung, manchmal verfolgt es uns ein Leben lang.

Das kann sehr belastend sein. Doch liegt darin auch ein gewisser Sinn. Die Erfahrung ist so wichtig für uns, dass sie nicht verloren gehen soll. Wir werden in Zukunft alles tun, um so etwas nicht noch einmal durchstehen zu müssen. Eine peinliche Situation kann Ihr Leben verändern.

Wichtig

Peinliche Situationen geben uns darüber Aufschluss, worauf wir besonderen Wert legen. Darin liegt die Chance, dass wir mehr über uns selbst erfahren.

Eine angemessene Reaktion

Wenn wir eine peinliche Situation durchlebt haben, dann ärgern wir uns später über unser Verhalten. Hätten wir nicht anders reagieren können? Abgeklärter, gelassener, mit einer gewissen Coolness? In einigen Situationen wäre das bestimmt hilfreich, aber für alle gilt das ganz gewiss nicht. Wie wir noch sehen werden, ist es manchmal genau die angemessene Reaktion, sich peinlich berührt zu zeigen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Peinliche Situationen meistern" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen