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Patricks erstes Weihnachten

Patricks erstes Weihnachten

Auf einer Insel in dem großen Mississippistrom stand vor vielen Jahren ein einsames Farmhaus, umgeben von fruchtbaren, sorgfältig bearbeiteten Gemüsebeeten und Feldern.

Das Haus selbst sah unfreundlich aus, kein weißer Vorhang an den kleinen, blinden Fenstern, kein Blumenbeetchen neben der Bank vor der Tür.

Es konnte ja nicht anders sein, da jede weibliche Hand darin fehlte, der Farmer und sein Sohn aber gar keinen Sinn für das Schöne und Behagliche hatten.

Außer diesen beiden Männern wohnte nur noch der vierzehnjährige Patrick auf der Insel, der heute, an einem wunderschönen Spätherbsttage, auf einem großen Stein am Ufer saß und träumerisch in die Ferne schaute.

Er hatte das ganze Jahr hindurch sehr wenig Zeit zum Träumen, denn seine Herren hielten ihren kleinen Knecht streng zur Arbeit an.

Aber heute war einer der wenigen Ruhetage, die man auf der Insel kannte; es war der jährlich wiederkehrende Danksagungstag.

Kein Mensch hatte Patrick gelehrt, an diesem Tage Gott zu danken für die Wohltaten des vergangenen Jahres, aber doch war er heute so glücklich wie noch nie zuvor und seine Augen strahlten, wenn er dann und wann die festgeschlossene Hand öffnete, um drei blanke Dollarstücke zu betrachten, die ihm der Alte heute früh gegeben als ersten Lohn.

Nach dem Mittagessen, bei dem heute ein fetter Truthahn auf dem sonst sehr einfachen Tische erschien, war der junge Farmer durch die seichte Furt hinübergefahren nach dem Festland, der alte aber hatte sich in seiner Kammer eingeschlossen.

Patrick wusste wohl, was er da machte. Er zählte sein Geld, denn das war sein größtes Vergnügen, und er besaß einen großen Haufen davon.

Nun, Patrick konnte das seine auch zählen, und er tat es immer wieder: „Eins, zwei drei.“

Aber bald ward’s ihm langweilig; er steckte es in die Tasche und schaute sehnsüchtig hinüber nach den letzten Häusern der großen, großen Stadt, die sich längs des Ufers hinstreckte.

Der Knabe hatte eine dunkle Erinnerung, dass er sich als kleines, in Lumpen gehülltes Kind dort in den Straßen herumgetrieben hatte und abends hungrig heimgekehrt war in die düstere Kammer zu einer bleichen, kranken Frau, die er Mutter nannte.

Sie hatte ihm stets das größte Stück Brot gegeben und nur ganz wenig für sich behalten.

Dann war sie plötzlich nicht mehr da gewesen, und er hatte für eine kurze Zeit mit vielen andern Knaben in einem großen Hause gelebt, wo er gutes Essen und neue Kleider bekam.

Dennoch hatte er öfters zu entwischen versucht, um die verlorene Freiheit wiederzugewinnen.

Ganz deutlich besann er sich noch auf den trüben, regnerischen Tag, da ihn der Farmer auf seinem Wagen hierher brachte auf die Insel, die er seitdem nie wieder verlassen hatte.

Von da an war sein Leben nichts gewesen als Arbeit. In dem Maße, wie seine Kräfte wuchsen, wuchs auch die Arbeit; weiter gab es für ihn nichts.

Er war eben eine „Hand“, wie man in jener Gegend die Knechte und Mägde zuweilen nennt; dass er auch ein Herz hatte, einen Geist, eine Seele, daran dachte niemand, und er wusste es selbst kaum.

Und doch, das Herz fühlte er manchmal.

Als er auf die Insel kam, hatte des Alten Frau noch gelebt, ein gutes, freundliches Weib, aber überlastet mit Arbeit und gedrückt durch das harte Wesen des Mannes und des Sohnes.

Sie hatte dem fremden Jungen manch freundliches Wort zugesprochen, manch guten Bissen zugesteckt und ihm spät abends, nach des schweren Tages Last und Hitze, die Kleider geflickt.

Ja, sie würde wohl noch viel mehr getan haben, wenn man ihr nur Zeit gelassen hätte.

Aber bald erlag sie dem Fieber, das in jedem nassen Frühjahr die Insel heimsuchte, und im dichten Gestrüpp war ihr verlassenes Grab.

Wenn Patrick unversehens dahin kam, ward es ihm weich und weh zumute und seine Augen wurden feucht; dann fühlte er, dass er ein Herz hatte.

Und so wuchs er heran, stark und geschickt zu aller Arbeit in Haus, Hof und Feld, aber ganz und gar unwissend in allen andern Dingen.

Selbst seine Sprache war unbeholfen geblieben, da die Männer wenig mit ihm redeten und das Wenige ein seltsames Gemisch von grobem Deutsch und schlechtem Englisch war.

Seine Kenntnis der Welt beschränkte sich auf das, was er vom Ufer aus beobachten konnte.

Auf der einen Seite, wo das Land nahe war, sah er, wie die Leute Bäume fällten, das Land urbar machten und neue Häuser bauten, sodass die Stadt sich immer weiter ausdehnte.

Nach dem gegenseitigen Ufer kam er selten; dort sah er den breiten Strom mit vielen Schiffen, vom stolzen Dampfer bis zum kleinen Fischerkahn.

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