Logo weiterlesen.de
Paradiessucher

NACHRICHT

Ich öffne den Briefkasten. Ein blaues Kuvert fällt heraus. Ein großformatiger Brief, das ist ungewöhnlich. Bisher haben wir zwei dieser Briefe bekommen. Immer schlechte Nachrichten. Nicht, dass jemand krank geworden oder gestorben ist, sich getrennt hat oder durch eine Prüfung gefallen ist, nein, die schlechten Briefe bedeuten nur, dass das Leben genauso weitergehen wird wie bisher.

Ich lasse meine Schultasche fallen, mein Herz rast. Aufgeregt lese ich den Inhalt des Briefes, obwohl er nicht an mich adressiert ist. Ich weiß, das tut man nicht, aber meine Mutter liest auch meine Post. Das wird sie mir diesmal verzeihen, denke ich. Wie gelähmt stehe ich im Hausflur, und mein Herz krampft sich zusammen.

Das gibt es nicht. Nein, die haben sich vertan. Meine Gedanken verschwimmen. Ich lese die Zeilen noch mal, um mich zu vergewissern, dass ich nicht träume. Ich träume nicht. Glauben kann ich es trotzdem nicht. Ich lese den Brief ein drittes Mal.

Die Mütter aus unserem Haus gehen mit riesigen Einkaufstaschen an mir vorbei und grüßen, die Kinder kommen scharenweise aus der Schule, ein betrunkener Nachbar torkelt ebenfalls die mit grauem Linoleum bedeckten Stufen hoch. Das Linoleum ist so schlecht gelegt, so wellig, dass er bei jeder Stufe stolpert.

Wie eine Rakete schieße ich die drei Stockwerke hoch und sperre hastig das Schloss unserer Wohnung auf. Meine Mutter ist nicht zu Hause, das weiß ich. Sie hat diese Woche Nachmittagsschicht. Das ist einerseits angenehm, weil ich mir in Ruhe die neue Lebenssituation ausmalen kann. Und zwar verdammt bunt. Andererseits fühle ich mich einsam. Ich würde zu gern meine Aufregung mit ihr teilen.

Ich fühle mich immer einsam. Einsam in meiner kleinen mährischen Stadt Pùerov, mittendrin in der Tschechoslowakei. Meine Mutter arbeitet viel. Von 14 bis 22 Uhr schuftet sie in diesem beliebten Friseursalon. Ja, er ist geradezu »populär«. Alle Frauen in ganz Pùerov versuchen, dort einen Termin zu bekommen. Doch nur den wenigsten gelingt es. Nur Freundinnen meiner Mutter oder Frauen, die »wichtig« sind oder deren Männer einflussreiche Berufe ausüben, oder Frauen, die etwas Interessantes oder Begehrenswertes besorgen können, dürfen sich anmelden. Das normale Volk hat es schwer. Ja, bei meiner Mutter in dem Friseursalon namens »Oficina« geht die Post ab.

Mama wird, wie immer, um 22 Uhr 15 nach Hause kommen. Mist. Noch siebeneinhalb Stunden muss ich warten. Ich bringe ihr diese Wahnsinnsnachricht in die »Oficina«, denke ich. Oder vielleicht nicht. Oder doch. Sollte meine Mutter auf den Brief mit einem Heulkrampf, Zittern oder sonstigen Anfällen reagieren, könnten die vier Drachen, die mit ihr zusammenarbeiten, von dem blauen Kuvert erfahren. Das wäre schlecht. Neid und Missgunst würde sich in dem Laden ausbreiten, innerhalb von 24 Stunden wüsste es ganz Pùerov. Samt Polizei. Dann wäre der Ofen aus, und sie würden uns bis ans Lebensende an Pùerov fesseln. Ich bleibe zu Hause.

Ich setze mich an den Schreibtisch. Und grübele. Mir ist klar, dass das Jahr 1986 das entscheidende Jahr in meinem Leben sein wird. Der Papierstapel vor mir wächst und wächst, ich sollte Hausaufgaben machen, hab aber keinen Bock. Ich würde viel lieber Schauspielerfotos aus diversen Zeitschriften ausschneiden und sie in mein Heft kleben, wenn es mir nicht so peinlich wäre. Ich kann doch nicht mit siebzehn Bildchen kleben, als wäre ich zehn, und gleichzeitig so wichtige Entscheidungen über meine Zukunft treffen?!

Die Hausaufgaben sind mir in den letzten Jahren am Gymnasium so lästig geworden, dass ich, um sie zu erledigen, einen anderen Weg gefunden habe. Der Weg heißt Eviçka. Eine Klassenkameradin. Sie ist meine größte Hilfe. Sie ist klug, sitzt direkt hinter mir, ist immer gut gelaunt, nie schadenfroh und kommt nie zu spät. So kann ich die verhassten Hausaufgaben morgens vor dem Unterricht mühelos von Eviçka abschreiben. Denn Eviçka mag mich. Es ist sowieso bequemer, die Lehrbücher in der Schule zu lassen, statt sie nach Hause zu schleppen.

Ich hole den Stapel mit den Kinozeitschriften und lege ihn auf den Schreibtisch. Mein Heft, in dem jede Seite einer Schauspielerin gehört, liegt schon bereit, die Schere auch. Manche Schauspielerinnen haben mehrere Seiten, das hängt von der Popularität ab. Beim Blättern stoße ich auf Romy Schneider. Eine Schauspielerin, die ich noch nie im Film gesehen habe. Ich mag sie auch nicht besonders, weil sie traurig und ernst aussieht, und seit ich aus den Nachrichten mitbekommen habe, dass sie sich umgebracht hat, mag ich sie noch weniger. Die lachenden Schauspielerinnen sind mir lieber. Plötzlich halte ich inne. Es kommt mir auf einmal sinnlos vor, mein Heft damit zu bekleben. Ich darf es wahrscheinlich gar nicht mitnehmen.

DIE AUGEN EINES SCHMETTERLINGS

Ich springe zum Telefon und wähle Pavels Nummer. Ich kenne sie auswendig. Ist auch nicht so schwer, sie besteht aus drei Zahlen. Ich kenne sonst kaum Leute, die ein Telefon besitzen. Ein Überbleibsel meines Vaters. Wir sind sozusagen die Vorreiter der Technik! Unser Telefon sieht gut aus: Orangefarben, aus einem sehr glänzenden Plastik, und es ist so leicht, dass das ganze Telefon mit abhebt, wenn ich den Hörer nehme. Die Telefonschnur ist erstaunlich kurz und trotzdem meistens verheddert. Ich hasse es. Während ich darauf warte, dass er rangeht, denke ich an ihn, meinen Freund. Ein Schauer durchläuft meinen Körper. Ich liebe ihn, und das stellt ein Problem dar.

Wie kann sich meine Mutter über diesen wunderschönen Jungen lustig machen?! Ihn »Emanuel« nennen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich überhaupt kapiert habe, was sie mit »Emanuel« meint. Das »Mohnpüppchenmärchen« natürlich. Die Zeichentrickserie aus dem Fernsehen. Da gab es einen Schmetterling »Emanuel«, in den sich das »Mohnpüppchen« verliebte! Gut, Pavel hat schon extrem große Augen, mein Freund, aber keine Glupschaugen wie dieser Schmetterling »Emanuel«! Und dann ist »Emanuel« ein Kavalier im Herrenanzug. Das kann man von Pavel wirklich nicht behaupten. Der furzt, was das Zeug hält, macht nur schweinische Witze und liebt alles, was illegal ist.

Oder meint sie das kreisrunde Gesicht? Das wiederum hat »Emanuel« nicht. Eine Gemeinheit. Pavel ist für mich der schönste Junge, den die Mutter Erde hervorgebracht hat. Was macht da schon das Mondgesicht, was machen die Glupschaugen, wenn alles, was ich an ihm sehe, wie aus dem Katalog ist!

Ich verstehe schon, der Mund! Es muss der winzige Mund sein, der wie ein Stecknadelkopf in einem Ball steckt. Ja, den haben tatsächlich beide. »Emanuel« und Pavel.

»Ja …« Ich erkenne die Stimme seiner Schwester am Telefon.

»Hier ist …«

»Ich weiß«, unterbricht mich die freche Göre. »Er ist nicht da.«

»Wo ist er?«

»Keine Ahnung.«

»Tschüss.«

»Tschüss.«

Super, solche Gespräche liebe ich. Wenn die am Telefon ist, kommt man echt weiter. Verdammt. Wo steckt er? Kann doch nicht wahr sein. Gerade jetzt, wo ich ihn so dringend brauche, treibt er sich mit seinen idiotischen Kumpanen herum! Und übrigens hat er X-Beine, und seine Fußspitzen zeigen absurd nach außen. Von seinen schiefen Zähnen, die in alle Richtungen ragen, ganz zu schweigen. Verdammt noch mal, ich sehne mich nach ihm, weiß aber nicht, was ich ihm sagen soll. Es ist Schicksal, dass er nicht zu erreichen ist.

Langsam schlendere ich durch die sonnendurchflutete Wohnung. Sie ist gemütlich und warm. Ich öffne das Fenster und betrachte die jungen Birken, die sich sanft im Wind hin und her wiegen. Sie sind so zart und jung, dass ich sie am liebsten mitnehmen würde, an diesen Ort, den ich noch nicht kenne, irgendwohin, in eine andere Welt.

Pavel ist für mich wie ein Erwachsener. Ich weiß, er ist mit seinen 17 Jahren ohnehin quasi erwachsen, aber solchen Mut, solche Durchsetzungskraft, so ein Selbstwertgefühl hat kein 17-Jähriger.

Kennengelernt haben wir uns auf dem Gymnasium. Also, ich ihn, nicht er mich. Ich habe ihn ein Jahr lang durch die Gitterstäbe unserer Garderobe beobachtet. Tag für Tag habe ich seine braunen Augen angestarrt, fixiert, während er in seine Filzpantoffeln schlüpfte. Diese Augen, die mich nie gesehen, aber von Anfang an gefesselt haben. Seine Haut erinnerte mich an einen Pfirsich und die roten Bäckchen an blühende Rosen.

Dieser Junge hatte Geschmack. Er kam in Jeans, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, die ich mir nie hätte vorstellen können. Mit unzähligen Taschen und Reißverschlüssen ausgestattet, einfach fabelhaft. Seine Mutter hatte sie ihm aus dem westlichsten Westen besorgt. Sie sehen absolut amerikanisch aus. Jeder möchte sie haben. Und er trägt sie, trotz des Jeansverbots, in der Schule! Er hat Mut, dieser Mann. Und Glück. Die Lehrer, die seine Jeans am liebsten selber hätten, haben sie bewusst übersehen, anders kann ich es mir nicht erklären.

SCHLAFLOS IM LEBEN

Es ist 22 Uhr. Ich liege im Bett und kann wieder nicht einschlafen. Heute ist aber auch ein besonderer Tag gewesen, wegen des blauen Briefs, versteht sich. Und ich konnte den ganzen Tag mit keiner Menschenseele darüber sprechen.

Ich fühle mich, als würde ich gleich platzen. Meine Mutter ist immer noch nicht zu Hause! Mindestens fünfzehn Minuten muss ich noch warten.

Ich kann ohnehin schlecht einschlafen. Eigentlich halte ich mich für einen gesunden Menschen, daher ist es mir rätselhaft, warum ich nachts nicht abschalten kann. Ich kenne niemanden, der nicht schläft. Nur mich. Mit wem soll ich mich beraten? Keine Ahnung. Meine Mutter denkt, dass ich übertreibe und dass es nur eine Phase ist. Sie sagt immer, ich soll nicht so viel grübeln, an keine Blödsinnigkeiten denken, dann werde ich auch schlafen können. Dabei habe ich keine Blödsinnigkeiten im Kopf. Ich denke an gar nichts. Ich schlafe nur nicht. Klugscheißerin.

Je mehr ich ans Schlafen denke, umso mehr fürchte ich mich vor dem Abend. Ich fürchte mich schon am Nachmittag vor dem Abend. Ich denke am Nachmittag, was ich später im Bett denken soll. Meistens vergesse ich es am Abend im Bett und denke an etwas anderes, aber egal, an was ich denke, nichts lässt mich einschlafen. Ich fürchte mich vor dem Bett im Kinderzimmer, es ist mein Feind. Deshalb schlafe ich seit Kurzem in Mutters Schlafzimmer. In ihrem Ehebett. Sie hat Platz genug. Es gibt keinen Ehemann in ihrem Bett. Sie schnarcht zwar, aber das nehme ich in Kauf. Morgens stehe ich auf und habe ein zerknautschtes Gesicht. Am besten ist es, wenn ich den Spiegel mit einem T-Shirt verdecke und mir das Gesicht mit eiskaltem Wasser wasche. Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Augen zwei winzige Punkte von der Größe einer Stecknadel sind, die irgendwann verschwinden. Sie brennen wie Feuer.

OHNE ANTWORT

Das Schloss wird aufgesperrt, meine Mutter kommt endlich nach Hause.

»Mami, Mami, komm her!«, rufe ich aufgeregt.

»Leni, was ist denn? Du schläfst noch nicht?«

»Ich kann nicht schlafen. Komm doch endlich her.«

»Warte, ich muss mir die Schuhe ausziehen.« Während sie näher kommt und mit ihr der Geruch von Haarspray und Zigaretten, sagt sie: »Weißt du, dass es schon 11 Uhr ist? Ich konnte nicht früher kommen, ich hatte so viele Weiber zu versorgen. Unerträglich. Und dann traf ich Lojza, hab noch einen Abstecher ins Avion gemacht. Leni, du sollst nicht auf mich warten. Das haben wir doch schon besprochen?«

»Wir haben ein Visum nach Deutschland bekommen«, sage ich vorsichtig, weil ich mindestens einen hysterischen Anfall erwarte.

»Wie bitte?«

»Ja!«

»Sag bloß!«

»Ja! Wir haben beide ein Visum nach Deutschland bekommen!«

»Schrei nicht! Die Nachbarn können alles hören! Oh Gott. Haben wir einen Brief bekommen?« Sie streift ihr Jäckchen ab.

»Ja, hier.« Und ich reiche ihr den Schatz. Er ist warm, ich habe ihn unter meiner Decke gehalten. Sie liest, einmal, zweimal, so wie ich heute Mittag. Dabei sagt sie hin und wieder »Jesus« oder »Oje« oder »Auweia« und fasst sich mit einer Hand an den Hals.

»Und? Was sagst du dazu?«

Sie sagt nichts, schaut mich an, sieht mich aber nicht.

»Leni, wir müssen sehr, sehr leise sprechen.« Sie studiert den Briefumschlag. »Aus Vorsicht. Es wäre fatal, die Wände sind aus Papier.«

»Ja.« Sie schweigt wieder. Ich könnte verrückt werden. »Was sagst du dazu?«, flüstere ich.

»Nur deiner Familie kannst du trauen.« Sie hält wieder inne. »Nein, nur deiner Mutter kannst du trauen.«

»Gut, Mami, aber was hältst du davon? Ich komme auf gar keinen Fall zurück«, sage ich entschieden.

Sie schweigt.

»Ja, ich eigentlich auch nicht, aber wir müssen uns alles genau überlegen. Das ist nicht so einfach, wie du glaubst, Leni. Mach dir darüber jetzt keine Gedanken. Schlaf jetzt.«

»Nein, nein, das ist mir schon klar, dass wir es durchdenken müssen, aber eins muss klar sein, wir kommen auf keinen Fall zurück!«

»Warte doch, Leni, ich kann es dir doch nicht sagen. Oder versprechen … jetzt! Jetzt, wo sie uns tatsächlich ein Visum gegeben haben!«

Die letzten Worte stößt sie heftiger hervor. Sie bricht plötzlich ab und hält sich die Hand vor den Mund, wie ein Kind, das etwas Verbotenes gesagt hat.

»Mami, wenn du nicht gehen willst, dann gehe ich alleine«, sage ich drohend und schüttele erwachsen den Kopf.

Das kann meine Mutter nicht leiden. Ich merke, wie sie sich zurückhält. Am liebsten würde sie mich sofort ohrfeigen, stattdessen sagt sie nur:

»Nirgendwo gehst du hin! So ein lächerlicher Fratz wie du hat nichts zu entscheiden!«

»Ich bin schon fast 17!«

»Das ist nichts!«

»Doch, ich bin fast erwachsen!«

»Noch ein Wort! Mir juckt schon die Hand!«

»Aber …«

»Noch ein Wort!«, unterbricht sie mich.

Ich halte lieber meine Schnauze. Ich merke, dass es keinen Sinn hat, sie ist in einer merkwürdigen Verfassung. So kenne ich sie gar nicht.

»Alles Weitere besprechen wir morgen. Gute Nacht.«

Sie geht ins Wohnzimmer und ich liege mit weit aufgerissenen Augen in ihrem Ehebett.

Wieso sie jetzt so verängstigt ist, ist mir nicht klar. Wieso sie auf einmal kneift, erst recht nicht. Will sie auf einmal kein neues Leben in Deutschland beginnen? Dabei war sie diejenige, die immer abhauen und den Dreckhaufen hier hinter sich lassen wollte. Sie hat mir den Floh ins Ohr gesetzt, von einer besseren Welt »da drüben«. Ich dachte, wir ziehen beide an einem Strang. Von wegen! Wo ist ihr Mut geblieben?

»Wo ist er hin?«, flüstere ich, als sich meine Mutter nach einer Weile neben mich ins Bett legt.

»Wer?«

»Dein Mut.«

»Wieso bist du noch wach?«

»Warum machst du jetzt, wo sich die Chance ergibt, schlapp?«

»Ich habe dich was anderes gefragt«, sagt sie schwach.

»Oh, Mama. Haben sie dich so kleingekriegt, dass du dich nicht mehr traust, dich zu wehren? Erinnerst du dich, wie du vor 17 Jahren mit meinem Vater nach Kanada gehen wolltest? Als es noch möglich war, bevor ich geboren wurde. Ihr habt es nicht getan, ihr hattet Angst. Und jetzt hast du wieder Angst.«

»Da war ich auch mit dir schwanger.«

»Angst hattest du.«

»Berechtigt.«

»Was hätte passieren können?«

»Du hast keine Ahnung. Und hör auf, so spät noch auf mich einzureden.«

»Dein Leben lang hast du es bereut! Erinnere dich, was du immer gesagt hast. Wärst du damals mit ihm nach Kanada gegangen, hätte er dich vielleicht nicht verlassen.«

»Er hätte mich auch so verlassen.«

»Nein, in Kanada hätte er die andere Frau nicht kennengelernt.«

»Dann hätte er sich eine Kanadierin gesucht.«

»Das kannst du nicht wissen. Ich wäre in Kanada auf die Welt gekommen, wir würden perfekt Englisch sprechen und den Luxus im Westen genießen. Wir alle drei! Erinnere dich daran, es waren deine Worte: Diese Kleinstadt hat unsere Beziehung zerstört.«

»Meine Güte, das weißt du noch?«

»Jetzt ziehst du wieder den Schwanz ein. Erinnere dich an die Schikanen deiner Vorgesetzten. Wie diese opportunistischen Arschlöcher mich nicht auf das ›großartige Prager Konservatorium‹ gelassen haben, wie erniedrigend das war, wie wir geheult haben. Und du hast noch geflüstert: Steckt euch das großartige Prager Konservatorium in den –«

»Leni, ich kann nicht.«

»Wir dürfen nie etwas sagen, wir halten das Leben lang die Schnauze. Demonstrieren für Lenin, Breschnew, Husák! Die komanços gehen uns doch am Arsch vorbei!«

»Nenn sie nicht so.«

»Na gut, von mir aus unsere kommunistischen Brüder, wenn’s dir Freude macht! Mama! Wie hältst du das aus? Weißt du noch, als wir uns monatelang den Arsch mit der Zeitung abwischen mussten, bis wir Hämorrhoiden hatten – weißt du noch?«

»Es waren keine Hämorrhoiden.«

»Und weißt du, warum? Nur weil es die Scheißkommunisten nicht auf die Reihe bekommen haben, eine einzige Klopapierrolle in die Regale zu bringen.

»Es waren keine Hämorrhoiden.«

»Was war es dann?«

»Du hattest einen wunden Arsch.«

»Wie erbärmlich! Wie du sie verflucht hast, Mama! Wach auf, Mama! Sei mutig! Tu es für mich!«

»Ich muss darüber nachdenken«, sagt sie in leisem, weinerlichem Ton.

Meine Mutter schnarcht zart. Sie schläft immer auf dem Rücken. Deshalb schnarcht sie. Der Mund, zu einem kleinen Kreis geformt, holt in regelmäßigen Abständen Luft, und pfeifend lässt er sie wieder frei. Ich beneide sie. Wie schön es wäre, all meine Sorgen zu vergessen und in einen tiefen, erholsamen Schlaf zu fallen, so wie sie. Stattdessen liege ich da und denke an das Vergangene.

KONSERVEN VOM FLIESSBAND

Heute Nacht denke ich an die Konservatorien. Sowohl an das eine in Brünn als auch an das andere in Prag. Beide habe ich von innen gesehen. Immer wieder tauchen die Bilder von diesen gottverfluchten Konservatorien auf.

Ich gehe weiter zurück, laufe in Gedanken zurück zum Anfang. Wie ich mit dreizehn die ersten Schauspielstunden an der Volksschule nahm.

Meine Gedanken schwirren hin und her. Plötzlich schweifen sie von der Volksschule zum Gymnasium. An das Gymnasium will ich nicht denken, es ärgert mich, macht mich noch nervöser, als ich ohnehin schon bin. Es lacht mich aus, lässt mich nicht los. Zu präsent ist es, das blöde Gymnasium. Da ist nichts zu machen. Schule ist einfach scheiße. Die macht mich kaputt.

Ich will an meine Fluchtpläne denken. Ich will mir Mut machen. Meine Lider werden schwer, ich freue mich leise, vielleicht nicke ich ein und vergesse die ganze Aufregung. Im gleichen Augenblick durchzuckt ein Stromschlag meine Glieder, die Angst, keine Ahnung wovor, rüttelt mich aus der Schläfrigkeit, und ich bin wieder am gleichen Punkt angelangt wie vorher. Ich kann nicht schlafen. Na schön, wo bin ich in meinen Gedanken stehen geblieben?

Ich will Schauspielerin werden.

Bei der Aufnahmeprüfung fürs Konservatorium in Brünn, die ich vor zwei Jahren gemacht habe, musste ich drei Monologe, zwei Erzählungen und drei Lieder vorspielen. Das Vorklimpern auf einem beliebigen Musikinstrument nahm ich nicht ernst. Mein Schauspiellehrer von der Volksschule hatte mir die Rolle der »Káça« aus einem böhmischen Märchen empfohlen. Den Autor habe ich vergessen. Ein Bauernmädel verliebt sich in den Teufel, reitet auf seinem Rücken und macht ihm das Leben zur Hölle. Das ist im Groben die Story. Denke ich zumindest. Ich habe das Stück nie zu Ende gelesen, es war zu langweilig. Das erzählte ich meinem Schauspiellehrer natürlich nicht, der hätte einen Koller gekriegt und mir eine Predigt gehalten.

Ich hasste diese Rolle. Die »Káça«. Zu intim. Auch wenn sie sicherlich gar nicht so intim war, ich mochte sie nicht spielen. Wieso ausgerechnet ich Schauspielerin werden möchte, ist mir rätselhaft. Ich hasste alle meine Rollen.

Der zweite Monolog, den ich vorgesprochen habe, war nicht der Rede wert. Ein ausgedachter Text meines Schauspiellehrers. Die Story war noch blöder. Eine verspielte Katze redet mit ihrem Wollknäuel. Diese Rolle kam gar nicht dran. Gut so. Der dritte Monolog geistert mir dafür immer noch im Kopf herum. Das Stück hieß: »Das Betreten des Grundstücks ist untersagt«. Von Tennessee Williams. Auch diese Rolle widerte mich an, wegen ihrer »sexuellen Tendenzen«. Es war mir unangenehm, sie zu spielen, sie kam aber gut an.

»Willie« ist eine 13-jährige Waise der 30er-Jahre in Amerika. Sie treibt sich auf Bahnhöfen herum, ist bettelarm, träumt davon, als Prostituierte zu arbeiten, genau wie ihre Schwester. Ob sie in der Gosse verreckt oder an Tuberkulose stirbt, weiß ich nicht. Ich habe es nicht zu Ende gelesen. Mich mit solchen beschämenden Themen auseinanderzusetzen und mich dann auch noch dem »Kern der Szene« zu öffnen, wie es mein Schauspiellehrer nennt, kostete mich enorme Überwindung. Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr geht mir diese »Willie« auf den Geist. Ich habe es meinem Schauspiellehrer nie verziehen, dass er mich »Willie« hat vorspielen lassen. Wegen seiner »ekelhaften« Fragen habe ich ein paar Mal alles hinschmeißen wollen und war fest entschlossen, mich nie wieder blicken zu lassen. Drei Tage später kam ich wieder angekrochen.

Er machte nichts falsch. Er war absolut aufrichtig. Die »Willie« war eine gute Rolle und seine Fragen waren nicht ekelhaft. Ich war das Problem. Ich war und bin es nicht gewohnt, über Persönliches zu sprechen. Ich bin verklemmt. Verkorkst.

Ich bin immer noch wach. Meine Augen brennen vor Müdigkeit. Mutter schläft auch nicht gerade ruhig, ständig wälzt sie sich hin und her. Jetzt fällt mir ein, warum ich die Rolle der »Káça« nicht ausstehen konnte. Sie wollte den Teufel unbedingt heiraten. Heiraten! Welch obszöne und pornografische Idee! Widerlich.

»Wieso willst du ihn heiraten? Was gefällt dir an dem Teufel? Konkret? Beschreibe, wie er aussieht. Gefällt dir, dass er dich auf dem Rücken trägt? Wie stark ist er? Gefällt dir seine Stärke? Wie hört sich seine Stimme an? Konkret!« Und so ging es ständig! Immer nur dieser Quatsch! Suche den inneren Vorgang, sagte er. Mein Schauspiellehrer. Nein, genau das wollte ich nicht. Ich wollte genaue inszenatorische Anweisungen und kein Suchen nach meinen inneren Vorgängen.

Am Tag meiner Schauspielprüfung in Brünn begleitete mich meine Mutter. Sie war übertrieben aufgeregt, als müsste sie die Prüfung machen, nicht ich. Das passte mir alles nicht. Ihre Anwesenheit war mir peinlich.

Mir kommt es so vor, als würde sie all das mit Absicht machen. Wenn ich sie brauche, ist sie weg, wenn ich allein sein möchte, drängt sie sich auf.

Das würde die Hartgesottensten stören, wenn die eigene Mutter am Morgen vor der Prüfung unbedingt ein weißes Rüschenhemd bügeln muss, damit die fünfzehnjährige Tochter ordentlich angezogen ist. Oma hatte es eigens für diesen Anlass genäht. Wahrscheinlich wollte auch sie an der Prüfung beteiligt sein. Das Rüschenhemd fühlte sich spießig an. Grauenhaft spießig. Die Brünner trugen moderne Hemden in pink und türkis. Ich trug ein weißes Rüschenhemd, bei dem meine Haare elektrisch zu Berge standen.

Das Konservatorium roch ähnlich wie das Gymnasium, an dem ich gerade bin. Nach Schimmelpilz, Feuchtigkeit, Kantine und Schauspielerei. Die Decken und Fenster waren so hoch und riesig, dass ich mir nicht vorstellen konnte, wie man sie reinigt. Hinter jeder Tür wurde geprüft. Verschiedene Kommissionen, die für alle möglichen Bereiche zuständig waren. Ich habe getanzt, gesungen, Spagat gezeigt, vorgespielt, improvisiert, Geschichten erzählt, Noten vorgelesen, Gitarre gespielt, geklatscht. Trotz des nicht schweißsaugenden Rüschenhemdes kam ich gut an. Das war zumindest mein Eindruck.

Ein paar Wochen später kam der Anruf: Sie haben die Begabungsprüfung bestanden, wir möchten Sie zu einer weiteren, schriftlichen Prüfung nach Brünn, am Soundsovielten, einladen. Genaueres erfahren Sie per Post. Klick.

»Mama, die Schauspielschule hat angerufen! Ich habe es geschafft! Ich soll wiederkommen!«, schrie ich aus Leibeskräften aus dem Fenster meiner Mutter zu. Sie buddelte gerade in der Erde unseres Schrebergartens und jätete Unkraut. Ben, unser Hund, suchte nach Steinen. Ben liebt Steine, deshalb hat er fast keine Zähne mehr.

Mutter sah aus wie eine Bäuerin, sie spielte sie gerne. Offensichtlich hat sie mich nicht verstanden, denn sie glotzte nur und schwieg. Ich wiederholte den Satz, erst dann riss sie sich das bunte Tuch vom Kopf und wedelte damit, als wäre sie in einem Propagandafilm der Vierzigerjahre.

»Toll, Leni! Toll! Toll! Ich gratuliere dir! Du hast es geschafft! Ich wusste es! Ich komme hoch. Wir müssen sofort zur Oma. Berichten!«, schrie sie. »Ben, komm her! Hör auf, was tust du da?! Oh nein, er wälzt sich in irgendeinem widerlichen Zeug.« Sie roch an dem Hund. Die dunklen Flecken auf seinem Rücken waren selbst aus dem zweiten Stock zu erkennen. »Tote Maus. Pfui. Das stinkt. Du bist eine Sau, du Hund!« Dann schaute sie wieder hoch, vergaß die Maus und rief: »Leniçka hat die Prüfung geschafft!«

Die schriftliche Prüfung war eine banale Prüfung aus Mathematik, Tschechisch und Russisch. Eine reine Formalität. Angeblich wollte man nur sichergehen, dass keine Bewerber mit einem IQ von -20 aufgenommen werden. Ich saß auf der Schulbank gemeinsam mit Balletttänzern, Musikern und Schauspielern in einer Klasse und kam mir wichtig vor. Mein türkisfarbenes Hemd sah fantastisch aus. Nichts konnte schiefgehen. Wir waren nicht mehr als 30 Leute, davon nur sieben Schauspieler. In Mathe schielten meine Augen gekonnt in alle Richtungen, ich schrieb alles ab. Ich bin von Eviçka trainiert. In den anderen Fächern konnte ich mir ausnahmsweise selber helfen. Nach 14 Tagen kam ein Brief. Eine Absage. Ohne Begründung. Ein Satz.

Das war die größte Enttäuschung meines Lebens. Ich heulte wie am Spieß. Meine Mutter auch. Das fand ich unangebracht, also hörte ich augenblicklich auf damit. Sie nahm mir die Lust am Selbstmitleid.

Das Wort Konservatorium erinnert an Konserven. Ich stelle mir vor, wie aus der Schule fertige Schauspielerkonserven auf dem Fließband herauskommen, eine künstlicher als die andere, mit einer perfekten Gesangsausbildung, Spagat und einem breiten Fächer voller Emotionen. Jede Dose ist zu jeder Zeit präsentabel. Glänzend. Kerzengerade. Schultern zurück. Beängstigend genial. Genau wie ich es nicht bin.

»Wieso haben sie mich rausgeschmissen?«, nervte ich meine Mutter immer wieder. »Da muss doch was faul sein.«

»Leni, das weiß ich nicht.«

»Ist das alles, was du mir dazu sagen kannst?«

»Leni, aber was soll ich denn sagen? Ich weiß es doch auch nicht. Ich weiß genauso wenig wie du.«

»Bist du nie an der Wahrheit interessiert? Lässt du alles mit dir geschehen, ohne dich dagegen zu wehren? Lässt du dir immer alles gefallen? Was glaubst du, wie viele Mädchen in der Klasse waren? Zwei? Drei? Dass ich nicht lache! Nur drei Mädchen für die gesamte Schauspielabteilung? Und dann nehmen sie mich nicht? Das glaub ich nicht.«

»Woher weißt du, dass außer dir nur drei andere Mädchen dabei waren?«

»Weiß ich. Ich kann zählen.«

Meine Mutter fühlte sich in die Enge getrieben und wurde streitlustig. Ich bohrte weiter: »Vielleicht haben sie eine Frau genommen, die keine schriftliche Prüfung mehr abgeben musste.«

Wir schwiegen.

»Vielleicht haben sie eine Bessere genommen, die gar keine Prüfung abgeben musste«, sagte sie.

»Das denkst du?«

»Du glaubst nicht an mich, Mutter.«

»Oh … doch, doch, doch. Ich glaube an dich! Mehr denn je!«, sagte sie schnell.

Sie hatte ein schlechtes Gewissen bekommen. Das erkannte ich an den Runzeln auf ihrer Stirn. »Sie war sicherlich nicht besser … Wenn du willst, fahren wir noch mal hin und informieren uns, wer an deiner Stelle aufgenommen wurde. Willst du?«

»Ja«, antwortete ich.

Wir fuhren noch mal hin. Mit dem Fiat diesmal. Sechzig Kilometer Autobahn. Eine Weltreise. Da hatten wir das Auto gerade ein paar Monate, und die längste Reise war bisher nach Olomouc gegangen. Ums Eck.

Auf dem Weg nach Brünn hatten wir eine Panne. Ein Riemen riss durch, zehn Kilometer hinter unserer Stadt. Mutter drehte fast durch, ich wollte trampen. Gott sei Dank half uns ein Vorbeifahrender. Mutter musste ihre Nylonstrumpfhose ausziehen, und sie wurde als Riemen verwendet – es war völlig grotesk. Später, als wir längst aus Brünn zurück waren, vergaßen wir die Nylonstrumpfhose und fuhren damit noch eine Weile.

Die Ferien hatten bereits begonnen, das Konservatorium war wie ausgestorben. An eine Bürotür zu klopfen trauten wir uns nicht. Uns kleinen Kommunistinnen wurde von früh auf anerzogen, vor höheren Mächten oder Autoritäten Angst zu haben. Wie kämen wir jetzt dazu, an eine Tür zu klopfen, nach einer Information zu fragen! Nie! Plötzlich erblickten wir am Ende des Gangs eine schmale Gestalt. Ich kannte sie aus dem Fernsehen. Sie sah groß, wunderschön und selbstbewusst aus. Eine richtige Schauspielerin. Ihr Vater war so berühmt wie Karel Gott. Ich schilderte ihr meine Situation.

»Die hat wahrscheinlich gar keine Prüfung gemacht«, meinte diese Studentin.

»Wie – keine Prüfung?« Ich bewunderte sie. Manchmal guckte ich auf den Boden und betrachtete ihre schmalen Fesseln. Ihre großen blauen Augen strahlten, meine Stecknadelaugen wurden noch kleiner. Ein Jammer. Sie sprach in frechem Slang, und ich dachte ständig an all ihre Auftritte im Film.

»Na, keine Prüfung«, lachte sie schelmisch. »Wahrscheinlich wurde sie protegiert. Was denkst du, dass dein Talent zählt?« Das Wort »Talent« kam ihr verächtlich über die Lippen.

»Was heißt hier protegiert?«, fragte ich und überspielte meinen Zorn. Ich ahnte schon, worauf sie hinauswollte.

»Mein Gott, bist du naiv! Sind deine Eltern papaláši? Nein? Ja?«, sie warf einen Blick auf meine Mutter. »Weißt du überhaupt, was papaláši sind?« Ich schwieg, aber am liebsten hätte ich ihr ins Gesicht geschrien, dass mein Vater ein papaláš ist, und was für einer. Er ist überhaupt der größte papaláš der kommunistischen Partei, er ist so ein papaláš, dass er sogar Bananen und Westzigaretten bekommt! Die Partei liebt ihn! Mühsam sammelte ich mich.

»Na ja, mein Vater arbeitet in der Politik, wir haben aber keinen Kontakt zu ihm.«

»Na, dann wundere dich nicht«, antwortete die Studentin gelangweilt. »Der hätte für dich anrufen müssen.«

Sie trug eine tolle Frisur. Eine Cleopatra-Frisur. In Rot. »Manche zahlen in Naturalien.«

»Wie bitte?«

»Manche zahlen in Naturalien! Bist du taub?«

»Äh.«

»Einer kam mit einem frisch geschlachteten Schwein.«

»Nein!« Ich war entsetzt. Ich vergaß die Frisur, denn von einem frisch geschlachteten Schwein hatte ich noch nie gehört.

»Na logisch!«, lachte sie genüsslich auf.

So fuhren wir, schweigend unsere Brote essend, zurück nach Hause.

»Schlachtest du nächstes Mal ein Schwein für mich, Mutter?« Sie lachte, verschluckte sich und baute fast einen Unfall.

PAPALÁŠI LESEN BRAVO

Bei dem Wort papaláš werde ich noch wacher, als ich ohnehin schon bin. Draußen zwitschern bereits fröhlich die Vögel, es wird hell und ich bin wütend. Ich bin wütend auf den Schlaf, der spazieren gegangen ist, auf die Schauspielschule, auf die Schauspielerin, die wegen ihres berühmten Vaters Schauspielerin werden durfte, auf meine Mutter, die schlafen kann, und auf papaláši, das heißt meinen Vater, der mich nicht kennen möchte.

Ich stelle mir papaláš’ Schätze vor: volle Schalen mit Trauben und Bananen, westliche Kleidung, Kakao, Spaghetti, West-Schokolade, LPs mit West-Musik, Otto-Kataloge, Bravos, Kaba mit Erdbeergeschmack, Fa-Seifen, West-Kaugummis und so weiter. Manche papaláši sind so verblödet, dass sie sich den sowjetischen Stern auf dem Klo aufhängen, und auf dem Boden liegt ein Stapel Bravo-Zeitschriften. Und zwar auf einem roten Deckchen, weil sie so kostbar sind. Das harmoniert hervorragend mit dem Rot des Sterns. Man kann gleichzeitig den Stern und die Bravo-Zeitschriften bewundern. Nur anschauen! Lesen kann die Bravo-Zeitschriften keiner. Sie sind nicht in Russisch, sondern in Deutsch! Und wer kann schon genug Deutsch, um einen Artikel in der Bravo zu lesen? Keiner! Schließlich haben wir in der Schule wöchentlich nur eine Stunde Deutsch. Erbärmlich. Das reicht nicht mal für einen Bravo-Artikel. Aber für die komanços ist es besser so. Das Volk soll nicht lesen. Das Volk soll nicht alles verstehen. Das Volk soll träumen, schweigen und gehorchen.

IN PRAG GAB ES NEUE KONSERVEN

Nach dem Desaster in Brünn versuchte ich es ein Jahr später am Prager Konservatorium. Dafür lernte ich zusätzlich auf die Schnelle Flötespielen. Gitarre fand ich zu schwierig. Es sei denn, man spielte miserabel und war damit zufrieden. Das Flötespielen, so riet man mir, geht schneller, man erweckt eher den Eindruck der Könnerschaft, und man kann lange Fingernägel behalten. Ich trug zwar keine langen Fingernägel, ich kaute sie ab, war aber felsenfest davon überzeugt, bald damit aufzuhören.

Am Prager Konservatorium war das Beherrschen eines Musikinstruments Pflicht. Ich war schlecht darin. Langweilig war es auch noch. Von beherrschen konnte selbstverständlich keine Rede sein, aber ich hoffte aus irgendeinem Grund, Glück zu haben und durchzukommen. Der Dozent bekam wahrscheinlich in der halben Stunde, in der ich dran war, einen Migräneanfall. Ich brachte es gerade zu ein paar einfachen Liedern, bei denen ich einigermaßen vertuschen konnte, wie dilettantisch ich spielte.

Bei der Improvisation ging es auch noch. Ich sollte ein fallendes Blatt im Herbst darstellen. So flatterte ich von einer Ecke des Raumes in die andere und mimte die Leichtigkeit eines Blattes. Möglicherweise nicht besonders gut. Danach folgte eine Wunderkerze, bei der ich über mich selbst lachen musste. Sie unterbrachen mich und sagten, ich könne mich auf dem Flur beruhigen und die kostbare Zeit anderen Bewerbern überlassen. Die dritte Improvisationsaufgabe war ein Keks unter der Fußmatte. Diesmal lachte die Prüfungskommission allerdings mit, denn solch eine Aufgabe kann man nicht ernst nehmen. So was sieht immer grotesk aus.

Mein zweites Desaster nahm seinen Lauf. Der »Willie«-Monolog brach mir endgültig das Genick. Mit knirschenden Zähnen sprach ich den verhassten Text vor, fuchtelte mit dem Regenschirm herum und tat so, als würde ich Eisenbahngleise entlangbalancieren, wie es in der Regieanweisung stand, als die Kommission einschritt: »Frau Hrózová, ist Ihnen bewusst, was Sie uns da vorspielen?« Dabei stöberten sie wichtig in meinen Unterlagen.

»Was meinen Sie denn?«, erwiderte ich.

Die Hand, in der ich den Regenschirm hielt, sank kraftlos zu Boden. Ich wusste, dass ich den Schirm nicht mehr brauchen würde.

»Ist Ihnen klar, wer der Autor ist, dessen Monolog Sie uns vortragen?«

»Ich verstehe nicht.« Natürlich verstand ich.

»Ist Ihnen bewusst, dass Tennesee Williams ein Amerikaner war?« Die Dame sprach das Wort »Amerikaner« extra langsam und deutlich aus. Ich schwieg, nickte. Was hätte ich sagen sollen? Nein, ich dachte, er war Vietnamese? Niemand sagte etwas. Stille. Ich sah sie nicht an, mein Kopf hing herunter wie der eines Schafes, das zur Schlachtbank geführt wird. Ich starrte zu Boden. Ich hatte Angst, in Tränen auszubrechen. Vor ihnen. Die Blöße wollte ich mir nicht geben.

»Ich denke, Sie können gehen. Wir haben uns nichts mehr zu sagen, Frau Hrózová. Auf Wiedersehen«, sagte eine andere, ältere Dame mit Brille, die in der Mitte der Reihe saß.

Ich ging kleinlaut hinaus. Ich sagte nichts, jedes weitere Wort hätte die Lage noch verschlechtert. Möglicherweise würden sogar meine Mutter und mein Schauspiellehrer Schwierigkeiten bekommen. Meine Mutter kannte das ja schon. Sie lief ständig mit gesenktem Blick herum.

Da wurde es mir klar. Wir müssen abhauen!

NEBEN DIR SITZT DANA

Der Wecker klingelt. Es ist sechs Uhr morgens. Ich habe keine Sekunde geschlafen. Meine Augen sind sozusagen nicht vorhanden.

»Leni, wieso bist du wach?«, fragt meine Mutter erschrocken.

»Mutter, wir müssen hier weggehen.«

»Großer Gott, lass mich jetzt damit in Ruhe!«

Zwei Stunden später sitze ich in der Schule, ich kann mich gar nicht erinnern, wie ich hierhergekommen bin. Ich höre auch nicht, was der Lehrer sagt, ich schaue durch ihn hindurch. Wenn er mich fragen würde, welches Fach wir gerade haben, müsste ich ihm antworten: »Ich weiß es nicht, es spielt auch keine Rolle mehr, gnädiger Herr.«

»Drobi, wir hauen ab«, flüstere ich meiner Nachbarin und besten Freundin Drobina zu.

Ohne den Kopf zu mir zu drehen, flüstert sie zurück. »Was?«

»Wir hauen ab.«

»Wer?«

»Mutter und ich.«

»Wohin?«

»Nach Deutschland.«

»Was?«

»Nach Deutschland.«

»Oh Gott.«

»Hm …«

»Wie denn?«

»Wir haben ein Visum nach Deutschland bekommen.«

»Oh Gott.«

Diesmal dreht sie den Kopf zu mir und schaut mich an. Dem Mathelehrer entgeht es nicht.

»Zapletalová möchte uns etwas erklären.«

Drobina steht auf, sagt nichts. Der Lehrer quatscht etwas über seinen Mathestoff, Drobi schüttelt den Kopf und entschuldigt sich dafür, dass sie nicht aufgepasst hat. Mir reicht’s.

»Ich habe sie abgelenkt, Herr Opletal«, sage ich selbstsicher.

»Na sieh mal einer an, Sie waren es also. Was hatten Sie so Wichtiges zu besprechen, Hrózová?«

Ich stehe da und fürchte mich auf einmal vor nichts. Ein herrliches Gefühl.

»Das geht Sie nichts an, Herr Opletal.«

Der Lehrer ist erstaunt über meine Frechheit. Er pflückt mich vor der Tafel auseinander, ich kann keine seiner Fragen beantworten. Mathe eben. Ich bemühe mich auch nicht, etwas zu vertuschen, ich stehe dazu, dass mich seine Fragen nicht interessieren, er ist puterrot. Verpasst mir eine Fünf und lässt mich zurück an meinen Platz gehen. Alle schauen mich mitleidig an, und ich bin glücklich.

Es läutet zur Pause, Drobi dreht sich sofort zu mir: »Was ist in dich gefahren?«

»Nichts.«

»Ihr habt ein Visum bekommen?«

Ich nicke.

»Großer Gott. Beide?«

»Diesmal ja.«

»Und?«

Sie sieht mir in die Augen. Es ist laut in der Klasse, die Mädchen kreischen, als wären sie zwölf.

»Ja, wir werden nicht zurückkommen.«

»Ist das dein Ernst?«

»Absolut, Drobi.«

»Deine Mutter ist einverstanden?«

»Klar.«

»Was tue ich ohne dich? Wer wird neben mir sitzen?«

»Dana vielleicht.« Ich muss unwillkürlich lachen.

»Dana wird es wohl sein, aber ich will doch gar nicht, dass Dana neben mir sitzt«, sagt sie.

»Ist das das Einzige, was dich grämt, wenn ich weg bin?«

»Wenn du wenigstens warten könntest, bis wir das Abi gemacht haben. Nach dem Abi kannst du abhauen, aber doch nicht jetzt. Verdammt. Das ist ja furchtbar.«

Sie schaut zu Boden, ihr Rücken krümmt sich zu einem Buckel. Wir schweigen.

»Das Brot schmeckt mir nicht.« Sie legt die Stulle in die Serviette zurück und faltet sie sorgfältig zusammen. »Nein, ich verstehe dich doch. Ich glaube eh nicht, dass du hierbleiben würdest. So eine wie du bleibt nicht hier. Du willst immer verrückte Sachen machen.«

Ich schaue sie an und überlege dabei, was ich für verrückte Sachen machen möchte. Ich kann mich an keine verrückten Sachen erinnern.

»Mein Gott, das ist ein Schlag, das sage ich dir. Wann kam der Brief?« Sie wischt sich eine Träne von der Wange.

»Gestern.«

Wieso weint sie denn, frage ich mich. Wie wird wohl mein Freund reagieren? Wem sage ich was? Was sage ich überhaupt? Die Klappe halten. Kann ich nicht.

»Gestern also. Das ist lieb von dir, dass du es mir sagst.«

»Drobi, das bleibt aber unter uns, ja?«

»Klar.«

Sie hält wieder inne. Eine Freundin kommt zu uns. Sie möchte sich mit uns unterhalten, wir wimmeln sie ab. Keine Zeit für Plaudereien.

»Schreiben werden wir uns aber schon, oder?«

»Natürlich. Du kannst meinen roten Nicki haben.«

Kaum spreche ich diesen Satz aus, hellt sich ihr Gesicht auf und der ganze Kummer scheint vergessen zu sein. »Echt? Die Deutschen sind alle Motorradfahrer in Overalls. Du musst aufpassen, dass sie dir nicht mit der Kette eins über die Rübe hauen. Alle haben Ketten.«

»Ja, ich weiß«, sage ich.

»Du musst aufpassen.«

»Ja, ja.«

»Willst du mein ›Der, die, das‹-Buch?«

»Nee, danke, meine Mutter hat das Buch zu Hause.«

»Schade, dass du Englisch hattest.«

»Ja, schade.«

Drobina heißt nicht wirklich Drobina. Es ist ein Spitzname. Sie heißt Hana. Ich nenne sie seit Jahren »Drobina«. Das heißt übersetzt »Krümel«. Weil sie als Kind so zarte, feine Glieder hatte. Als würden sie auseinanderfallen oder brechen, eben wie die Krümel eines alten Brotes. Die zarten Glieder wurden mit der Zeit muskulöser, der Spitzname blieb.

SCHWINGENDE DISCOBEINE

Kommst du heute zum Training?«, fragt sie mich.

Es läutet wieder, die Pause ist zu Ende. Physik ist dran, mein Albtraumfach.

»Ja, unbedingt. Ich muss so tun, als wäre nichts, verstehst du?«

Ich gehe nach Hause, in der Tasche zwei Fünfer. Ich denke, meine Mutter wird mir das verzeihen, sie wird verstehen, dass es nicht mehr darauf ankommt, gute Noten nach Hause zu bringen. Jetzt werde ich müde, während ich meine Füße beobachte, wie sie ununterbrochen die gleiche Bewegung machen. Sie schreiten. Viele Straßen entlang. Jeden Tag dieselben Straßen. Ich möchte mir die Augen reiben, wie ein kleines Kind es vor dem Schlafengehen tut, darf aber nicht. Meine Mascara hindert mich daran. Und das Make-up, mit dem ich heute die besonders dunklen Augenringe überschminkt habe. Mein Freund, mein Tanzverein, der Hund, Großmutter, Großvater, Georges, meine Cousine, mein Schauspiellehrer und auch der Direktor des Gymnasiums – was werden die ganzen Menschen und Tiere dazu sagen, wenn ich nicht mehr da bin?

Es ist sechs Uhr abends, das Modern Dance Training beginnt. Auch mein Freund schwingt dort seine X-Beine, allerdings in der letzten Reihe. Und meine etwas mollige Cousine Trubka darf nur deshalb hin, weil ich so gut tanze. Ich habe ein gutes Wort für sie eingelegt. In den letzten zwei Jahren haben Drobina und ich uns an die Spitze des Pùerover Tanzvereins getanzt. Wie die Soldaten in einer Elite-Kampftruppe fühlen wir uns. Welch ein Privileg, da mitmachen zu dürfen. Unser Tanzverein ist eine harte Schule, wie alles hier in diesem Land, was mit Sport oder Kunst zu tun hat. Professionell, dreimal die Woche. Ohne Wenn und Aber! Tanzwettbewerbe in unzähligen Städten der ganzen Tschechoslowakei sind Routine. Die Choreografie ist raffiniert, jede Bewegung muss sitzen, die Kostüme werden zwar dilettantisch, aber voller Hingabe von uns persönlich genäht. Gewichtsschwankungen werden mit Rausschmiss oder Diät bestraft. Der makellose Körper gilt als Muss – in unserem Knödelland keine leichte Aufgabe. Der Leiter und Choreograf des Vereins schimpft zwar ununterbrochen, dass wir Faulpelze und untalentierte Schwerärsche seien, lächelt aber dann zufrieden, wenn wir mit einem Pokal wieder im Bus sitzen.

Bei einem meiner ersten Wettbewerbe lernte ich einen hübschen Jungen kennen, 18 Jahre alt, mit einem lockigen Wuschelkopf. Ein Roma. Überraschend hellhäutig. Die Tanztruppe, der er immer noch angehört, galt als eine der besten für Break Dance in ganz Mähren. Das imponierte mir. An diesem einen Abend gewannen weder die Break Dancer noch wir Popper aus Pùerov. Das störte mich keineswegs. Im Gegenteil. Die Verlierer hatten Freizeit, die Gewinner nicht! Ich brauchte die Zeit. In einem nahe liegenden Busch geschah es dann, nicht viel, ein bisschen knutschen und fummeln. Er wollte mehr, ich hatte Angst, gesehen zu werden, so gab ich ihm dezent einen Korb. Er bedauerte es, versuchte es immer wieder, jedoch ohne mich zu nötigen. Ich war bereit, diesen sanften Menschen, der so wunderbar tanzte, zu heiraten und mit ihm eine Familie zu gründen. Mein Herz klopfte an diesem Abend nur für ihn. Und er? Weiß ich nicht so richtig. Er sagte nicht viel. Unwesentliches Zeug. Ich fragte nicht nach seiner Meinung, ging davon aus, dass er mich auch mochte. Zwei Jahre lang betrog ich meinen Freund, der an den Wettbewerben nicht teilnehmen durfte, weil er nicht besonders gut war, mit dem wunderbaren Tänzer aus Brünn. Eine wortkarge Affäre. Moral war mir egal. Obwohl ich meinen Freund liebte, wollte ich auf den Break Dancer nicht verzichten. Solange mein Freund nichts ahnte, waren alle zufrieden.

Mein Tanzlehrer holt mich zurück ins reale Leben.

»Lenka, was ist heute mit dir los? Reiß dich zusammen. Wenn du die Drehung wie eine Taube auf dem Turm machst, macht es der Rest nach, schon klar, oder?«

»Entschuldigung.« Wir wiederholen zum zigsten Mal die Choreografie. Es gibt ständig weitere Patzer und Ungenauigkeiten. Auch das ist jetzt egal.

Ich mag die Musik mit den kräftigen Beats, zu der wir tanzen, sehr gerne. Unser Trainer hat sie dank seiner Kontakte aus dem Westen eingeschmuggelt.

Westen. Dieses Wort versetzt mir einen Schlag in die Magengrube. Immer wieder beobachte ich meinen Freund, der sich notorisch unsicher um die eigene Achse dreht. Er lächelt mich liebevoll an, ahnt nichts, seine dauergewellten Haare sind nass vom Schweiß und kräuseln sich noch ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Paradiessucher" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen