Logo weiterlesen.de
DIE VIER ZEROS

 

 

 

 

PAUL EDWARDS

 

 

DIE VIER ZEROS

Protoagent John Eagle, Band 7 -

 

 

 

Roman

 

 

 

 

 

 

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch 

 

DIE VIER ZEROS 

Erstes Kapitel 

Zweites Kapitel 

Drittes Kapitel 

Viertes Kapitel 

Fünftes Kapitel 

Sechstes Kapitel 

Siebtes Kapitel 

Achtes Kapitel 

Neuntes Kapitel 

Zehntes Kapitel 

Elftes Kapitel 

Zwölftes Kapitel 

Dreizehntes Kapitel 

Vierzehntes Kapitel 

Fünfzehntes Kapitel 

Sechzehntes Kapitel 

Siebzehntes Kapitel 

 

Das Buch

 

Der Prototyp des modernen Geheimagenten ist ein Mann wie John Eagle: von den Apachen gehärtet, von Weißen geschult, unterstützt von den Waffen der Zukunft.

John Eagle erledigt ebenso gefährliche wie phantastische Missionen, wie es sie auf Erden kein zweites Mal gibt! Seine Befehle erhält er von Mr. Merlin - aus einer geheimen Kommandozentrale, tief verborgen unter einem Vulkan auf Hawaii; seine Gefährten sind Tod und Verderben, sein Ziel ist die ganze Welt:

Acht Experten für die Kunst der Mayas gibt es auf der Welt, und sie alle erhalten einen geheimnisvollen Brief, der den Schlüssel zur Lage der im Urwald versunkenen Goldstadt El Dorado enthält. Aber alle erhalten auch den Besuch eines ebenso erbarmungslosen wie bizarren Mörders!

Schließlich bleibt am Ende nur ein einziger übrig, dem das Gold der Mayas zufallen soll. Und diesen Mann muss Protoagent John Eagle aufspüren, denn er ist ein machtbesessener, halb wahnsinniger Extremist!

 

Paul Edwards' legendäre Roman-Serie PROTOAGENT JOHN EAGLE enthält sämtliche Zutaten, die das Genre des Agenten-Romans so unwiderstehlich machen: knallharte, spannungsgeladene Action, wunderschöne Frauen, exotische Schauplätze und Over-the-top-Science-Fiction-Elemente - sowie im Falle von JOHN EAGLE zusätzlich eine unübertroffen eingefangene 1970er-Jahre-Atmosphäre.

Der Apex-Verlag veröffentlicht die Serie als durchgesehene Neu-Ausgabe.

  DIE VIER ZEROS

 

 

 

  Erstes Kapitel

 

 

 

Augsburg ist eine mittlere Großstadt in Bayern, und wie in allen Städten der Welt, besonders aber in den süddeutschen, herrscht hier ein bis zwei Stunden vor Morgengrauen absolute Stille. Die meisten Menschen schlafen seit Stunden, und die wenigen, die sich noch auf den Straßen aufhalten, achten besonders darauf, die nächtliche Ruhe nicht zu stören. Ihre Schritte sind leise, auch wenn sie es eilig haben.

Der Mann mit den Bartstoppeln hatte es eilig, und seine Schritte waren laut, obwohl er keine Schuhe trug. Seinem Gesicht war nicht anzusehen, ob ihn die nackten Sohlen auf den harten Pflastersteinen schmerzten. Panische Angst spiegelte sich in seinen Augen.

Der Mann auf der Flucht war annähernd sechzig Jahre alt, doch das ließ sich an seiner äußeren Erscheinung nicht ablesen: weder an seiner Glatze, noch an seiner schmächtigen Gestalt oder auch an der Tatsache, dass er das rechte Bein ein wenig nachschleifte - das alles konnte auch bei jüngeren oder älteren Männern der Fall sein. Seine Kleidung war zerfetzt und über und über mit Schmutz verkrustet.

Wilhelm Klein dachte nur an Flucht.

Die Rache, in welcher Form auch immer, konnte später kommen. Jetzt galt es erst mal zu fliehen.

Jedes Mal, wenn er den rechten Fuß auf die Pflastersteine setzte, zuckte ein stechender Schmerz durch seinen Kopf. Doch diese Schmerzen waren das reinste Kinderspiel im Vergleich zu...

Sie durften ihn jetzt nicht erwischen!

Sie durften ihn nicht finden und in das Haus zurückbringen - in sein eigenes Haus! Sein Arbeitszimmer war in eine Folterkammer verwandelt worden. Sie durften ihm nicht wieder die schweren Ketten anlegen und...

Die Flucht musste gelingen!

Er wusste nicht, ob er erst wenige Minuten oder bereits mehrere Stunden gelaufen war; er hatte jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren. Unvermittelt fiel ihm auf, dass die Straßenbeleuchtung heller wurde. Er befand sich jetzt im Geschäftsviertel der Stadt und sah, wohin ihn seine Füße getragen hatten. Das Unterbewusstsein hatte ihn den richtigen Weg einschlagen lassen: Zum Bahnhof.

Jeder Zug war ihm recht, wenn er nur sehr schnell die Stadt verließ - ganz gleich, in welcher Richtung.

Geld.

Natürlich hatte er keins. Das hatten sie ihm mit allen anderen Wertgegenständen abgenommen. Dennoch...

Unvermittelt hielt er inne und schob sich zwischen zwei Gebäude. Seine linke Hand tastete sich an die Hüfttasche.

Ja! Er hatte die Brieftasche vom Schreibtisch tatsächlich eingesteckt.

Auch das hatte er dem Selbsterhaltungstrieb des Unterbewusstseins zu verdanken. In der Brieftasche steckte genügend Geld, um ihn...

Wohin wollte er eigentlich fahren? Aber das spielte im Augenblick keine Rolle. Der Mann am Fahrkartenschalter würde ihn wahrscheinlich für verrückt halten und sich weigern, ihm eine Fahrkarte zu verkaufen - vielleicht würde er sogar die Polizei alarmieren.

Er hatte nichts verbrochen, aber die Polizei würde ihn nach seiner äußeren Erscheinung beurteilen und ihn für verrückt halten, wenn er die Wahrheit seiner Aussage beteuerte. Dann würden sie Verbindung aufnehmen mit...

Kurt!

Er war da - vor den Stufen des Bahnhofsgebäudes!

In der Dunkelheit der kleinen Seitengasse schüttelte Wilhelm Klein heftig den Kopf. Nein, das konnte doch nicht wahr sein. Er bildete sich Dinge ein, die in Wirklichkeit gar nicht existierten.

Er kniff die Augen fest zusammen. Wie konnte Kurt wissen, auf welchem Weg er herkommen würde?

In den späten Nachtstunden hatte er mühsam die Lederriemen durchgebissen, mit denen seine Hände im dunklen Weinkeller gefesselt gewesen waren. Eigentlich hätte es eine Kleinigkeit sein müssen, sich anschließend auch der Fußfesseln zu entledigen, doch seine Hände waren ungeschickt, auch nachdem die Durchblutung wieder eingesetzt hatte. Es schien lange Stunden zu dauern, bis er endlich lautlos aus dem Haus schleichen konnte.

Er erinnerte sich nicht, seine Brieftasche vom Schreibtisch geholt zu haben, und wusste nur noch, dass er kaum zu atmen wagte, um die anderen nicht zu wecken.

Kurt - oder, noch schlimmer, den ungeschlachten Emil.

Er hatte sie nicht geweckt. Lautlos war er durch den Korridor zur Tür geschlichen, in die nächtliche Freiheit. Hatte er vor der Tür etwa einen Freudenschrei ausgestoßen? Sicher hatte er den Wunsch dazu verspürt - aber wieder einmal hatte sich der Selbsterhaltungstrieb eingeschaltet und ihn zur Ruhe gemahnt.

Nein, sie konnten gar nicht wissen, dass er das Haus verlassen und unbewusst den Weg zum Bahnhof eingeschlagen hatte.

Aber Kurt war da. Er war da! Wilhelm Klein sah es mit eigenen Augen. Er fürchtete, den Verstand zu verlieren.

Nein, er musste sich zur Ruhe zwingen und logisch nachdenken.

Wieder spähte er hinüber zu der breiten Steintreppe vor dem Bahnhofsgebäude. Kurt war...

Verschwunden!

So angestrengt er auch Ausschau hielt, die hohe, schlanke Gestalt des Mannes mit dem militärischen Haarschnitt war nirgends zu entdecken. War er etwa in das Bahnhofsgebäude gegangen, um ihn dort aufzulauern? Oder hatte er seine Silhouette vor dem Gebäude erkannt?

Großer Gott, was sollte er nur machen? Sollte er weiterhin durch die Straßen laufen? Aber wohin?

Er musste diese lähmende Unsicherheit abschütteln und sich

wieder in Bewegung setzen. Er musste...

»Guten Morgen, Bruder«, sagte Kurt Klein, keine fünf Meter von ihm entfernt auf dem Gehsteig.

 

»Du erwiderst meinen Gruß nicht?«, fragte der schlanke Mann mit einem belustigten Unterton in der stahlharten Stimme. Er war annähernd fünfzig Jahre alt und trug einen makellosen Straßenanzug. In der rechten Hand hielt er einen hellen Spazierstock mit silbernem Griff. Auf seiner linken Wange prangte der traditionelle Schmiss. Ein kräftiges Kinn, kleine spitze Ohren und hellblaue, humorlose Augen vervollständigten das Porträt des Mannes, dessen Stimme aus der Dunkelheit auf den ängstlich kauernden Wilhelm Klein eindrang.

»Wie gut, dass ich gekommen bin, um dich abzuholen, Bruder. Dein ganzes Verhalten zeigt deutlich, dass du das Leben in Freiheit nicht gewohnt bist. Damit hatte ich gerechnet und dir dennoch ein Minimum an Freiheit gewährt. Natürlich hast du uns in keiner Phase völlig abschütteln können. Wir haben beobachtet, wie du dich von den Fesseln befreitest, und es schien mir ein guter Gedanke, dich gewähren zu lassen, nachdem du dich drei Tage lang so überaus passiv verhalten hattest. Möchtest du wissen, weshalb ich mir all diese Mühe mit dir gemacht habe?«

Ein schluchzender Laut war die Antwort. Wilhelm Klein wich dem Blick seines jüngeren Bruders aus und betrachtete seine zitternden Hände, an denen die Spuren der Fesseln deutlich zu sehen waren.

Kurt Klein zuckte die Schultern. »Schwer zu glauben, dass sich ein forschender Verstand wie der deine so wenig für meine Argumente interessiert. Weißt du, Wilhelm, die von mir gewünschten Informationen waren dir nicht so leicht zu entlocken, wie ich mir das eigentlich vorgestellt hatte. Du hast dich hartnäckig geweigert, mir die Namen der anderen zu nennen - und dabei wäre das doch die einfachste Sache der Welt. Warum weigerst du dich nur so konsequent?«

Der ältere Mann schluchzte noch immer verhalten.

»Na schön, Bruder, du brauchst meine Frage jetzt nicht zu beantworten - doch du wirst es später tun, weil ich dir dieses Minimum an Freiheit gewährt habe. Ständige Folterqualen können einen Mann auf die Dauer abstumpfen und zu dumpfer Resignation führen. Besser, man gewährt ihm ein wenig Freiheit, damit er die dumpfe Resignation und sogar den Wunsch nach einem raschen Ende abschüttelt. In den wenigen Augenblicken seiner angeblichen Freiheit schöpft er Hoffnung und gewinnt neue Kräfte. Wenn er dann wieder geschnappt wird, fallen seine Hoffnungen wie ein Kartenhaus zusammen, und diese Tatsache erdrückt hin. In solchen Augenblicken ist er zu allem bereit, denn er erkennt plötzlich die Bedeutung der Folter. Genau das steht dir jetzt bevor.«

Kurt hob den Spazierstock unvermittelt an und hielt die Spitze an die Schulter des geduckten Mannes. Gleichzeitig drückte er auf einen Knopf am Silbergriff. Ein Summen ertönte.

Wilhelm zuckte unter dem stechenden Schmerz zusammen.

»Siehst du, Bruder? Noch vor ein, zwei Stunden hätte ich diese Wirkung niemals erzielen können. Dabei war es diesmal nur ein schwacher Stoß. Sobald ich die Intensität verstärke, wirst du die Namen nur so heraussprudeln, und dann werde ich dich möglichst schmerzlos töten.«

»Ich...«, krächzte der geduckte Mann.

»Ja? Was denn, Wilhelm?«

Wilhelm Klein richtete sich mühsam auf; sein Blick war wie gebannt auf die Spitze des Spazierstocks gerichtet. »Ich... Du bist doch mein Bruder

Ein verächtliches Lachen erklang. »Bruder? Ja, Wilhelm, wir sind Brüder. Wilhelm und Kurt Klein. Trotzdem wurden wir nicht wie Brüder behandelt, nicht wahr? Wilhelm war stets der Musterknabe und Kurt der Tunichtgut. Wilhelm der Wissenschaftler und Kurt das schwarze Schaf. Bei Kriegsausbruch war Wilhelm über die Dinge erhaben, während Kurt den Kopf in den Dreck stecken musste. Und nach dem Krieg war es wieder die alte Geschichte: Wilhelm, der Erfolgreiche - und Kurt, der Verbrecher.«

»Ich... Ich habe nicht...«

»Du hast mich nicht verraten? O nein, Bruder, das hast du nicht getan - dazu fühltest du dich viel zu erhaben. Du hast dich ganz einfach in deine wissenschaftlichen Arbeiten vergraben und überhaupt keine Notiz/von meiner Existenz genommen. Ab und zu hast du mir etwas Geld geschickt, damit ich mehr schlecht als recht mein Leben fristen konnte und dir mit deinen akademischen Freunden nicht in die Quere kam. Und ich habe mich stets als der kleine, gehorsame Bruder erwiesen, nicht wahr?

Doch dann erkannte ich, womit du dich beschäftigst. Ich weiß deine wissenschaftlichen Kenntnisse durchaus zu schätzen, mein Bruder, und ich halte es für bedauerlich, einen Mann aus dem Verkehr ziehen zu müssen, welcher der Welt noch so viel geben könnte. Andererseits sind deine Forschungen und Erkenntnisse für die Mehrzahl der Menschen nun auch wieder nicht so weltbewegend, wie du glaubst. Vielleicht mit Ausnahme deines letzten Beitrags - aber der wird der breiten Öffentlichkeit ja nicht bekannt werden, nicht wahr? Und nun nenne mir die Namen, die ich unbedingt brauche.«

»Nein - nein!«

Es war ein trotziger Aufschrei; der ältere Mann wich ein Stück vor dem drohenden Spazierstock zurück.

»Ausgezeichnet, Bruder. Es freut midi, dass dein Geist noch nicht gebrochen ist. Ich schlage vor, dass du mich jetzt friedlich zum Haus zurück begleitest.«

»Nein!«

Kurt Klein lachte, als sich sein Bruder umwandte und zu humpeln begann.

»Lauf nur um die Freiheit, Bruder! Flieh vor den Qualen, die dir bevorstehen. Siehst du, ich leuchte dir sogar in der Dunkelheit.«

Kurt Klein zog eine Taschenlampe hervor und schaltete sie ein. Der Lichtstrahl huschte über die Schulter seines Bruders hinweg in die Dunkelheit.

Als dieser die ungeschlachte Gestalt erblickte, war es bereits zu spät.

Mit einem entsetzten Aufschrei starrte er in die Fratze des Buckligen mit dem leblosen linken Auge und auf die gewaltige Pranke, die sich ihm entgegenstreckte.

»Jetzt gehen wir, Professor, ja?«, fragte eine Stimme, die an das Quaken eines Frosches erinnerte. Gleichzeitig umspannte die Pranke Wilhelms rechten Oberarm.

Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte der Bucklige den Arm ruckartig herum. Es knackte in den Gelenken.

Kurt Klein drohte mit dem Finger, als der groteske Bucklige seinen bewusstlosen Bruder aufhob und über die Schulter warf.

»Manchmal neigst du zu Übertreibungen, Emil. Wenn du dich nicht besser im Zaum hältst, wirst du eines Tages noch jemanden umbringen.«

 

 

 

 

 

 

  Zweites Kapitel

 

 

 

Professor Jeremy Teague rieb sich im zweiten Stock seines alten braunen Backsteinhauses in Boston die Augen und rutschte mit seinem Stuhl ein Stück vom Schreibtisch zurück. Er war ein schlanker Mann von etwas über dreißig Jahren, und er blickte stirnrunzelnd auf die altmodische Leselampe seines Schreibtischs. Er musste sich unbedingt so schnell wie möglich eine neue Lampe zulegen, dachte er, während er nach einem Taschentuch suchte. Als er es endlich gefunden hatte, nahm er die Brille mit den dicken Gläsern vom Schreibtisch und begann, sie zu putzen.

Lieber Himmel, wenn er hier oben nicht bald für eine bessere Beleuchtung sorgte, würde er innerhalb weniger Monate, von Jahren gar nicht zu reden, erblinden. Die Lampe stammte aus dem Besitz seines Vaters und stand wie das übrige Mobiliar noch immer am selben Platz. Jetzt lebte Jeremy Teague allein in diesem Haus, und die alten Sachen waren für ihn die letzte Verbindung zur Vergangenheit.

In diesem Zusammenhang gestand er sich ein, dass er viel zu bequem war, um sich neue Gebrauchsgegenstände wie etwa Lampen und dergleichen anzuschaffen. Eigentlich nicht zu bequem, sondern zu beschäftigt. Wenn er seine täglichen Vorlesungen gehalten hatte, eilte er stets auf schnellstem Wege heim zu seinen Studien. Natürlich hatte die Universität ihm ein Büro zur Verfügung gestellt, wo er diese Studien in den freien Stunden zwischen den einzelnen Vorlesungen betreiben konnte - doch er wollte die Unterlagen und alten Manuskripte nicht den unbefugten Blicken der Putzfrauen oder sonstiger Schnüffler aussetzen.

Dazu waren ihm die Dokumente viel zu wichtig. Sie stellten ihn vor eine Herausforderung, wie er sie noch nie erlebt hatte.

Er setzte die Brille auf und hielt das dünne Handgelenk in den Lichtschein der alten Leselampe. Zehn Uhr dreißig. Wo blieb Vartris? Er hätte längst eintreffen sollen.

Jeremy Teague runzelte erneut die Stirn. Es war sicher kein Fehler gewesen, Vartris zu diesem Besuch einzuladen. Schließlich beschäftigte sich der Mann schon zwanzig Jahre länger mit diesem Gebiet...

Vartris war ein gefälliger Mann. Als er Teague am Nachmittag erklärt hatte, er würde die dreistündige Fahrt nach Boston gern auf sich nehmen, hatte er es auch ernst gemeint. Wenn hier überhaupt jemand mit gezinkten Karten spielte, dann war er es selbst, Jeremy Teague, der Wunderknabe.

An diesem Abend kam er sich allerdings ganz und gar nicht als Wunderknabe vor. Der verdammte Brief! 

Er kramte ihn aus den Papieren hervor. Am Kopf standen sieben mit Füllhalter geschriebene Namen - sein eigener als letzter. Über diese Tatsache dachte er eine Weile nach. Wieso als letzter? Die Namen waren nicht in alphabetischer Reihenfolge angeführt, denn Aaron Vartris rangierte vor dem Mexikaner Martinez. Sollten sie etwa eine Art Rangfolge bedeuten, nach der Jeremy Teague als am wenigsten qualifiziert eingestuft wurde?

Vielleicht sollte er sich mit den früher eingetroffenen Briefen befassen. Bislang hatte er sich noch nie darum gekümmert, an welcher Stelle sein Name rangierte. Bei den früheren Briefen handelte es sich in erster Linie um Glückwünsche für eine besondere gelungene Veröffentlichung in den Fachblättern. Doch dieser hier...

Ein Rätsel. Der Brief unterstrich die Tatsache, dass in den beigefügten Fotos und Zeichnungen alle Anhaltspunkte vorhanden waren. Jeder der sieben Experten wurde aufgefordert, diese Anhaltspunkte richtig zu interpretieren. Derjenige, der die Lösung des Problems zuerst fand, sollte durch die Veröffentlichung seines Namens in allen Fachblättern der Welt besonders geehrt werden.

Aber was für eine Lösung?

Seit drei vollen Wochen hatte sich Jeremy Teague in jeder Minute seiner Freizeit mit dem Inhalt dieses Briefes beschäftigt. Ein geschulter Wissenschaftler ist in seiner Arbeit mit einem Polizeidetektiv zu vergleichen. Wenn aus den Anhaltspunkten die richtigen Schlussfolgerungen gezogen werden, kann die Lösung nicht verborgen bleiben - wenigstens nicht lange.

Aber drei volle Wochen! Dennoch war er nicht der einzige, der den Schlüssel noch nicht gefunden hatte. Denn Vartris hatte sofort zugesagt, ihn zu besuchen.

Warum? Hatte der alte Mann die Lösung etwa schon gefunden und zur Post gebracht? Wollte er nach Boston kommen, um sich an seiner Frustration zu weiden?

Nein. Vartris hatte zugesagt, weil er sich von dieser Fahrt etwas versprach. Außerdem respektierte er Teagues Arbeit.

Jeremy kam der Gedanke, dass er sich eigentlich darüber freuen sollte, wenn sein Name überhaupt auf der Liste stand. Die anderen sechs Wissenschaftler hatten sich schon wesentlich länger mit diesen Forschungen befasst als er. Er musste dankbar für die Chance sein, die sich ihm hier bot.

Zehn Uhr vierzig. Er atmete tief ein und rückte mit dem Stuhl an den Schreibtisch zurück.

Die Hieroglyphen-Bildschrift der Mayas. Auf den Seiten, die dem Brief beigefügt waren, prangten diese alten Bildzeichen auf Scherben archäologischer Tonkrüge, auf Monumenten und Baumrinden, die im wuchernden Dschungel von Zentralamerika gefunden worden waren.

Etwa achthundert dieser Symbole, die noch aus der Zeit vor der spanischen Eroberung stammten, waren inzwischen gedeutet worden. Die anderen, noch ungedeuteten, hatten zu harten Auseinandersetzungen zwischen den Forschem und Wissenschaftlern geführt.

Während der vergangenen drei Wochen hatte sich Jeremy Teague besonders mit einer bestimmten Kombination der Hieroglyphen befasst: Die Tikal-Zeros stammten zweifellos von einem in der damaligen Stadt Tikal gefundenen Monument und tauchten bei dieser Kombination gleich viermal in einer Reihe auf, was vier Nullen entsprach.

Es war äußerst ungewöhnlich, dass vier dieser Symbole in einer Reihe standen. Das Zahlensystem der alten Mayas war weitgehend entziffert.

Zero, Zero, Zero, Zero: Nichts, nichts, nichts, nichts. Ein Anhaltspunkt der besonders betont wurde? Hatte der Mann, der damals diese Hieroglyphen in das Monument schnitzte, damit etwas unterstreichen wollen?

Jeremy Teague bejahte diese Frage. Das ging schon aus dem Brief hervor, der an die sieben Experten der alten Mayakultur gerichtet worden war. Der entsprechende Bezug war völlig klar:

...nur hat es Poes Rabe vielleicht poetischer ausgedrückt.

Wenn der Anhaltspunkt richtig gedeutet wurde, waren die vier Zeros die Antwort auf eine Frage. Aber hatte der Schreiber eine derartige Deutung beabsichtigt?

Jeremy Teague schüttelte den Kopf. Er schob alle anderen Papiere auf seinem Schreibtisch zur Seite und konzentrierte sich auf den Text über die Tikal-Zeros. Neben hundertachtzehn weiteren Symbolen einschließlich der Zahlern war hier die Darstellung einer geflügelten Schlange zu sehen. Sie stellte Kukulcan, den obersten Gott der Mayas, dar.

Oder vielleicht doch nicht?

Die Gesichter aller Menschen und Tiere waren in den Bildzeichen der Mayas stets im linken Profil dargestellt - mit einer einzigen Ausnahme.

Auf der Seite mit dem Tikal-Zeros-Text blickte Kukulcan nach rechts.

Warum?

Teague breitete den Brief vor sich aus. Nach all den langatmigen Erklärungen kamen die fünf Hinweise:

 

Nachstehende Anhaltspunkte dürften vollauf genügen, die Bedeutung der Tikal-Zeros zu entziffern, vorausgesetzt, Ihre Fachkenntnisse sind so gut, wie ich annehme:

1. Das zweiseitige Hajj ist bereits erwähnt worden.

2. Das Sonnengeschenk wurde nicht gewährt.

3. Die Ursache: entdeckte Täuschung.

4. Das Resultat: der berühmte Cadillac, dessen Standort später falsch gedeutet wurde.

5. Die letzte Zeile: nur hat es Poes Rabe vielleicht poetischer ausgedrückt.

 

Es war zum Verrücktwerden! Im Gegensatz zu den anderen war der fünfte Anhaltspunkt einfach.

Konnte es sein, dass...

Teague zog einen Aktenband vom Regal und blätterte in den Seiten. Als er die gesuchte Stelle gefunden hatte, trat er in den Lichtschein der alten Lampe. Der betreffende Brief endete mit dem Absatz:

 

...ein weiterer Hinweis ist der Frontantrieb des betreffenden Fahrzeugs, das neben dem Namen Cadillac die protzige Typenbezeichnung El Dorado trägt.

 

El Dorado - die Goldene Stadt! Deren Standort später falsch gedeutet wurde!

Großer Gott!

Der zweite Anhaltspunkt war das Sonnengeschenk, das nicht gewährt wurde - wenn es sich dabei tatsächlich um Gold ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "PROTOAGENT JOHN EAGLE, Band 7: DIE VIER ZEROS" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

buchhandel.de

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen







Teilen