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Ostseerache

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. 1. Kapitel
  5. 2. Kapitel
  6. 3. Kapitel
  7. 4. Kapitel
  8. 5. Kapitel
  9. 6. Kapitel
  10. 7. Kapitel
  11. 8. Kapitel
  12. 9. Kapitel
  13. 10. Kapitel
  14. 11. Kapitel
  15. 12. Kapitel
  16. 13. Kapitel
  17. 14. Kapitel
  18. 15. Kapitel
  19. 16. Kapitel
  20. 17. Kapitel
  21. 18. Kapitel
  22. 19. Kapitel
  23. 20. Kapitel
  24. 21. Kapitel
  25. 22. Kapitel
  26. 23. Kapitel
  27. 24. Kapitel
  28. 25. Kapitel
  29. 26. Kapitel
  30. 27. Kapitel
  31. 28. Kapitel
  32. 29. Kapitel
  33. 30. Kapitel
  34. 31. Kapitel
  35. 32. Kapitel
  36. 33. Kapitel
  37. 34. Kapitel
  38. 35. Kapitel
  39. 36. Kapitel
  40. 37. Kapitel
  41. 38. Kapitel
  42. 39. Kapitel
  43. 40. Kapitel

1. Kapitel

Nicole Mohr sammelte die Notenhefte ein. Sie ordnete und stapelte sie akkurat, bis die anderen Frauen aus dem Chor endlich gegangen waren. »Hannes?« Sie legte die Hefte auf dem Flügel ab. »Ich muss dir was sagen.«

»Mach dir bloß keine Gedanken wegen deines Solos.« Hannes Schöttler schloss den Schrank mit den Notenständern. Er kam, nein, tänzelte beinahe auf sie zu. »Du wirst fantastisch sein, Nicole.«

»Das ist es nicht.« Sie roch die Lakritzpastillen, die er dauernd lutschte, und trat einen Schritt zurück. »Ich höre auf zu singen. Heute war das letzte Mal.«

»Was redest du da? Wir brauchen dich!«

»Tut mir leid, Hannes. Es war eine schöne Zeit im Chor. Aber es geht nicht mehr. Vielen Dank für alles.«

Er schüttelte langsam den Kopf. »Das meinst du nicht so, Nicole.«

»Doch. Es ist mein voller Ernst.«

»Wieso? Wo es doch gerade … wo ich … Also, ich bin einigermaßen sprachlos.« Seine Mundwinkel zogen sich nach unten. Er blinzelte und knetete die großen Hände.

Nicole hatte damit gerechnet, dass Hannes enttäuscht sein würde. Im Chor war es längst so eine Art Running Gag, dass er sie anbetete. Sie hatte ihm bestimmt nie irgendwelche Hoffnungen gemacht. Doch seit ihrer Trennung von Falk benahm er sich immer merkwürdiger. »Meine Stimme wird euch sicher nicht fehlen.« Sie versuchte ein aufmunterndes Lächeln, doch sie fühlte sich allmählich beklommen, so wie er sie ansah. Aber diese Umgebung passte nicht mehr zu ihr. Der Gemeindesaal mit dem verschrammten Fußboden, den schlaffen gelbbraunen Vorhängen. Die Einrichtung war so zweckmäßig, dass es schon wehtat. Sogar das Licht aus den Siebzigerjahrelampen sah milchig und schal aus. Es überzog alles wie mit einem klebrigen Film des ewig Gestrigen. Ein Ort für Verlierer.

»Wir haben in fünf Wochen unser Konzert, Nicole. Dafür proben wir. Ich meine, was denkst du dir? Muss es ausgerechnet jetzt sein?« Hannes’ Blick hinter den Brillengläsern war nun starr auf sie gerichtet.

»Brigitte singt das Solo doch viel besser als ich.«

»Nicki, wir brauchen dich! Überleg es dir noch einmal«, drängte er sie.

»Nein, Hannes. Mein Entschluss steht fest.« Sie griff nach Jacke und Tasche, die über einem der Stapelstühle aus hellem Eichenholz hingen.

»Du weißt nicht, was du da sagst!« In Hannes’ Mundwinkeln hatten sich Speichelblasen gebildet. »Du kommst wieder. Auf jeden Fall!« Er rang offensichtlich um Fassung. Und sie hatte gedacht, sie könnte hier einfach so hinausspazieren. Als wäre sie nicht ein Teil dieses Dorfes, der Gemeinde, dieses Chors. Das war ja, wie sich aus einem Sumpf zu befreien. Die Trennung von Falk, ihrem Mann, war nur der erste Schritt gewesen. Das erkannte Nicole jetzt. Sie wollte generell ein anderes Leben, ihren Anteil an Aufregung, Luxus und Spaß. Und das Gemeindehaus von Niensühn verkörperte alles, wovon sie sich losmachen musste.

Das Gesicht des Chorleiters wurde ausdruckslos. »Also gut, Nicole. Reisende soll man nicht aufhalten.«

»Tut mir wirklich leid.« Nicole schulterte ihre Umhängetasche und ging in Richtung Tür. Hannes, der hilfsbereite, stets freundliche und fügsame Ehemann der Pastorin, streckte den Arm aus, als wollte er sie festhalten. Nicole sah ihn fragend an. Er zog die Hand zurück und ließ sie vorbeigehen. Seine Fingerspitzen streiften jedoch noch ihre Schulter. Die Absätze ihrer Stiefeletten klopften leise auf dem Parkettboden, als sie eilig davonging.

»Das wirst du noch bereuen.«

Im Korridor runzelte Nicole die Stirn. Hatte er das wirklich gesagt? Die geflüsterten Worte waren mit dem Einschnappen der Tür zusammengefallen. Das hatte Hannes doch nicht wirklich gesagt? Oder zumindest nicht so gemeint? Das musste sie sich eingebildet haben. Eine Folge ihres schlechten Gewissens. Als sie die Außentür öffnete, riss eine Windböe ihr diese fast aus der Hand. Nicole atmete auf. Endlich frische Luft!

Nicole nahm den Schirm aus der Tasche, spannte ihn auf und machte sich auf den Heimweg. Hannes war selbst schuld! Sie hatte ihn nie ermuntert, ihm niemals Hoffnungen gemacht. Er war verheiratet, sie war es gewesen, war es streng genommen noch. Sein Benehmen war lächerlich.

Der Regen ließ nach, als sie die Hauptstraße erreichte. Nur aus den Kronen der Linden am Rand des Kirchhofs pladderten noch dicke Tropfen auf die Bespannung des Schirms. Nicole klappte ihn zu, warf einen Blick über die Schulter und überquerte die Dorfstraße.

»Schon wieder Totentanz in Niensühn um diese Uhrzeit«, murmelte sie. Irritiert sah sie sich ein zweites Mal um. Wer war das, da auf der anderen Straßenseite? Warum drückte er sich so an der Mauer des Kirchhofs entlang? Als sie sich ein drittes Mal umschaute, war der Fußgänger nicht mehr zu sehen. Er musste sich nun außerhalb der Lichtkegel der Straßenlaternen befinden. Doch wenn er weiterging, sollte er gleich wieder auftauchen. »Komm schon«, sagte sie leise. »Du wagst es nicht, Hannes. So bescheuert, mir zu folgen, bist du nicht.«

Sie wartete ein paar Sekunden. Nichts. Nicole stopfte den feuchten Schirm in die Umhängetasche und setzte ihren Weg fort. Sie lauschte, ob neben dem Pladdern aus Dachrinnen, dem Gurgeln in den Gullys und dem Rauschen der Blätter noch etwas zu hören war. Schritte, die ihr folgten?

Nicole widerstand dem Impuls, sich erneut umzusehen. Dies hier war Niensühn, nicht Hamburg oder gar Harlem. Trotzdem war sie erleichtert, als sie sich der alten Schmiede näherte, die etwas zurückgesetzt an der Dorfstraße stand. Falks Tischlerei. Sein Lieferwagen mit dem vertrauten Schriftzug stand davor. Im ersten Stock sah sie hinter staubigen Scheiben ein bläulich flackerndes Licht. Er war dort. Wahrscheinlich hockte er am Computer und spielte eines dieser sinnlosen Spiele. Oder er sah fern. Ihr Noch-Ehemann war nicht ehrgeizig. Nicole sah sich ein weiteres Mal um. Nichts. Das Benehmen des Chorleiters war ihr nicht ganz geheuer. Sie könnte an der Werkstatt anklopfen und mit Falk darüber reden. Sich von ihm nach Hause begleiten lassen … Aber nein. Sie waren getrennt, und Nicole wollte gar nicht sehen, wie Falk dort über seiner Werkstatt hauste. Es sich vorzustellen war unangenehm genug. Ob er sie deswegen hasste? Nein. Er machte sich ja nichts aus Komfort und einem schicken Ambiente. Er schien gerade über die Trennung hinwegzukommen. Das wollte sie nicht gefährden.

Nicole bog erst nach rechts und dann nach links ab, ging die Straße mit den Ein- und Zweifamilienhäusern hinunter, in der sie wohnte. Als sie ihre Pforte aufstieß und noch einmal zurückblickte, war die Straße leer. Nicole hatte im Flur ein Licht brennen lassen. So fühlte sie sich beim Nachhausekommen nicht so allein. Zum Glück war sie auch nicht allein, dachte sie. Sie hatte sich neu verliebt.

Nicole spannte den feuchten Schirm wieder auf und legte ihn zum Trocknen unter die Treppe. Sie zog Jacke und Schuhe aus und ging in die Küche. Nach einem Griff in die Obstschale auf der Arbeitsplatte stellte sie sich ans Fenster. Sie schaute, biss in den Apfel und hielt dann im Kauen inne. Warum zum Teufel war da drüben eigentlich das Licht an? Regina Laubner, ihre Nachbarin, lag mit irgendeiner Herzgeschichte im Krankenhaus. Es sollte was Ernstes sein, hatten die Frauen im Chor gesagt. Regina war bestimmt noch nicht wieder entlassen worden.

Ihre Häuser hatten ähnliche Grundrisse, waren nur spiegelverkehrt gebaut, sodass Nicole in die Küche des Nachbarhauses schauen konnte. Eine Frau hantierte am Spülbecken. Das war auf keinen Fall Regina. Die Fremde war deutlich jünger, trug ein schwarzes Tanktop, war an der Schulter tätowiert. An ihren Ohrmuscheln blitzten Stecker oder Ringe.

War das …? Verdammt noch mal, konnte das Reginas Tochter sein? Nicole hatte Flora zuletzt gesehen, als die etwa zwölf Jahre alt gewesen war. Wagte sie es, wieder nach Niensühn zu kommen? Eine Mörderin? Der Gedanke war lächerlich, doch es kam Nicole mit einem Mal so vor, als wäre allein Floras Anwesenheit im Dorf ein böses Vorzeichen.

Pia Korittki, Kriminalhauptkommissarin beim K1, saß vor dem Büro des Leiters der Lübecker Bezirkskriminalinspektion und wartete.

Ein Kollege, der im Vorzimmer an seinem Schreibtisch arbeitete, sah von seinem Bildschirm auf. »Du kannst bestimmt gleich zu ihm rein. Eben hat er noch was Dringendes auf den Tisch bekommen, aber er meinte, dass er gleich Zeit für dich hat.«

Pia vermutete, dass man es ihr an der Nasenspitze ansah, dass sie mit ihrer Geduld am Ende und drauf und dran war, den Termin abzusagen. Das Treffen mit Kriminaldirektor Keller stand seit beinahe zwei Wochen in ihrem Terminkalender. Es war auf Kellers Wunsch hin und ohne die Angabe von Gründen anberaumt worden, und so hatte sie fast zwei Wochen Zeit gehabt, darüber zu spekulieren, um was es bei der Unterredung gehen mochte, das sie nicht mit ihrem direkten Vorgesetzten Manfred Rist klären konnte.

»Vielleicht will er dich einfach näher kennenlernen«, hatte Pias Freund Lars vermutet und sich dafür ein Augenrollen eingehandelt.

»Das glaube ich ganz und gar nicht«, hatte Pia gesagt. Selbst Manfred Rist als Leiter des K1 schien vollkommen im Dunkeln zu tappen, was ihr oberster Chef von Pia wollte. Rist hatte nicht mit Andeutungen und Mutmaßungen gespart, um sie aus der Reserve zu locken. Offenbar glaubte er nicht, dass sie genauso ahnungslos war wie er.

Zumindest die Aussicht von ganz oben aus dem Polizeihochhaus war fantastisch, wenn auch nur ein geringer Trost für die Verspätung. Über den Vorzimmerbereich hinweg konnte Pia durch die staubigen Fensterscheiben über die Kanaltrave und die Dächer und Baumkronen beinahe bis zu ihrem Wohnhaus in der Adlerstraße sehen. Weiter links stachen die Türme des Lübecker Doms und der anderen Kirchen der Altstadt in den blauen Septemberhimmel.

Pia sah auf ihre Armbanduhr. Sie musste ihren Sohn Felix heute früher aus dem Kindergarten abholen, weil die Kindergartenleitung noch relativ spontan eine Besprechung anberaumt hatte. Es kam ja immer alles auf einmal. Pia wusste weder, wie lange die Unterhaltung mit Raimund Keller dauern sollte, noch wie sehr der Feierabendverkehr sie nachher aufhalten würde. Sie widerstand dem Impuls, aufzustehen und auf und ab zu gehen oder mit den Fingerspitzen auf den kleinen Beistelltisch zu trommeln, sondern übte sich in langsamer Atmung. Ein und aus, ein und aus.

Endlich öffnete sich die Tür, und Kriminaldirektor Keller bat sie zu sich herein. Pia kannte ihn von einigen flüchtigen Begegnungen und auch von offiziellen Veranstaltungen. Er war ein mittelgroßer Mann Anfang sechzig und von stämmiger Statur. Sein kurzes Haar war dicht und noch fast durchgehend braun, seine grauen Augen blickten sie durchdringend unter beinahe zusammengewachsenen Brauen an. Er gab sich ungezwungen, bot Pia zunächst Kaffee oder Mineralwasser an. Das Geräusch, als das Wasser ins Glas plätscherte, wurde nur von den im Wind scharrenden Außenjalousien unterbrochen.

Raimund Keller sah durch die breite Fensterfront hinaus. »Ganz schön stürmisch heute. Wenn es noch mehr wird, klappern hier oben die Tassen auf den Untertassen.«

Wolkenfetzen jagten über den ansonsten klaren Himmel. Tatsächlich schien, wenn man ruhig saß, das gesamte Hochhaus leicht zu schwanken.

»Ja, das kann ich mir vorstellen.« Pia trank einen Schluck Wasser und wartete ab, was nun kommen würde.

»Ich werde am Wochenende in Travemünde segeln gehen. Hoffentlich hält sich das Wetter noch eine Weile. Segeln Sie auch?«

»Nein, ich fahre höchstens mal bei Freunden mit, wenn es sich ergibt. Ich hatte es früher eher mit dem Windsurfen.« Sie lächelte, wohl wissend, dass das für viele Segler »Kinderkram« war.

»Na, dann wissen Sie ja auch immer, woher der Wind weht.« Keller nahm eine Akte zur Hand, die auf seinem Schreibtisch bereitlag. Sein Gesichtsausdruck wurde offiziell, als er mit Blick auf die Papiere sagte: »Pia Korittki, seit sechs Jahren bei uns im K1. Sehr gute Beurteilungen, nein, ich korrigiere mich, hervorragende Beurteilungen. Ein paarmal sind Sie ein zu hohes Risiko eingegangen, lese ich hier. Hm, hm. Ach so. Ja.« Er sah auf. »Aber ich muss sagen, Sie haben immer Ergebnisse geliefert. Zunächst unter der Leitung von Horst-Egon Gabler, der sich übrigens noch sehr für Sie eingesetzt hat, doch dann kam ja das Kind bei Ihnen … Und nun sind Sie bei Manfred Rist. War eine schwierige Entscheidung damals, als Horst von einem auf den anderen Tag in den Vorruhestand gegangen ist. Ich habe ihn überaus geschätzt, wissen Sie? Wir haben einen weiten Weg zusammen zurückgelegt, Horst und ich. Aber so ist das Leben. Immer wieder Entscheidungen, und nie sind sie einfach.«

Pia schluckte ein zweites »Das kann ich mir vorstellen« hinunter, denn sie war mit der Besetzung dieses Postens durch Manfred Rist immer noch nicht sonderlich glücklich. Ihr Verhältnis war besser als zu Beginn, aber nach wie vor angespannt. »Warum wollen Sie mich sprechen?«

»Frau Korittki. Sie können mehr, habe ich recht?«

»Sicher. Aber es kommt natürlich auch darauf an, worauf sich dieses ›mehr‹ bezieht«, antwortete Pia. Was hatte er vor? Und warum verdammt klopfte ihr Herz plötzlich wie verrückt?

»Sie sind nicht verheiratet, doch Sie leben in einer festen Beziehung?«

»Entschuldigung. Ich möchte nicht unhöflich sein, aber worum geht es hier?« Sie sah nun doch auf ihre Uhr. »Ich habe um fünf noch einen Termin.«

Wenn Kriminaldirektor Keller verärgert war, verbarg er es gut. »Also schön. Wie Sie vielleicht wissen, Frau Korittki, hat es Veränderungen im Leben Ihres Kollegen Wilfried Kürschner gegeben, die ihn dazu bewegt haben, mir mitzuteilen, dass er seinen Job beim K1 so nicht mehr bis in alle Ewigkeit fortführen will. Ich konkretisiere: Ich erwäge, Sie in absehbarer Zeit zu Manfred Rists Stellvertreterin zu machen. Aber bei dieser Entscheidung sind verschiedene Aspekte zu berücksichtigen. Stellvertretende Leiterin des K1, wie klingt das für Sie?«

Pia war einen Moment sprachlos. Sie sah, wie eine Möwe vor dem Fenster quasi auf der Stelle flog. »Das klingt vielversprechend. Ich freue mich, dass Sie mich dafür in Erwägung ziehen.«

Kriminaldirektor Keller winkte ab. »Ich entscheide das natürlich nicht allein. Aber ich bin ein großer Befürworter von Chancengleichheit, und ich fördere Frauen gern, wissen Sie? Es ist an der Zeit, und es gibt noch nicht viele, die so weit gekommen sind.«

Was sollte sie dazu sagen?

»Da ist nur eine Sache …«

Aha. Pia war nicht überrascht. »Und die wäre?«

»Das geht natürlich nicht in Teilzeit. Wie viele Stunden arbeiten Sie im Augenblick?«

Die Möwe segelte mit einem eleganten Schwung kopfüber in die Tiefe und war aus Pias Blickfeld verschwunden. »Offiziell dreißig Stunden, aber es sind oft deutlich mehr.«

»Sehen Sie! Da können Sie doch auch gleich wieder Vollzeit arbeiten«, schlug er vor. »Darauf lege ich sehr viel Wert.«

»Und ich muss darüber nachdenken.« Pias erster Impuls war, das rundheraus abzulehnen. Schließlich war die Entscheidung, nicht nur auf Arbeitszeit, sondern damit auch auf einen Teil ihres Einkommens zu verzichten, von ihr ja nicht aus einer Laune heraus getroffen worden. Ihr Sohn Felix war erst vier Jahre alt. Sie wollte ihn noch nicht ganztags in die Betreuung geben, sondern auch tagsüber Zeit für ihn haben.

»Tun Sie das«, erwiderte ihr Gegenüber. »Wir werden uns dann in Kürze noch mal zusammensetzen.« Er erhob sich und reichte ihr eine kühle, trockene Hand. »Überlegen Sie es sich. Ich zähle auf Sie, Frau Korittki.«

»Danke, ich weiß das zu schätzen, Herr Keller«, sagte sie und stand Sekunden später leicht verdattert wieder im Vorzimmer.

Als Pia ihr Büro im siebten Stock betrat, saß Manfred Rist auf einer Ecke ihres Schreibtischs und redete mit ihrem Zimmerkollegen und Teampartner Heinz Broders. Beide sahen sie erwartungsvoll an.

»Ich lebe noch«, sagte Pia und breitete andeutungsweise die Arme aus. »Und ihr seid mich auch noch nicht los.«

»Was wollte er denn?« Broders legte den Kopf schief. Ihm verzieh sie die Neugierde. Schließlich arbeiteten sie zusammen und teilten in beruflicher Hinsicht die meisten Sorgen und Probleme. Unter anderem wusste Broders auch von Pias gelegentlichen Querelen mit Manfred Rist. Doch was hatte der hier zu suchen?

»Ach, es war mehr so allgemein.« Pia sah nur Broders an und deutete dann schnell mit den Augen in Rists Richtung, damit Broders verstand, warum sie noch nicht frei reden wollte.

Manfred Rist erhob sich. »Irgendwelche Veränderungen in naher Zukunft, von denen ich wissen sollte, Pia?«, fragte er nun ganz direkt.

»Nein. Nichts Konkretes.« Pia griff nach ihrer Tasche, um ihre Sachen zusammenzupacken. »Ich muss leider auch sofort los. Keller hat mich etwas warten lassen, und es ist später geworden als geplant.«

Kalter Wind pfiff um das Polizeihochhaus, als sie hinaustrat, und strafte den blauen Sommerhimmel Lügen. Pia zog die Schultern hoch und ging zum Parkplatz hinüber. Es gab noch gar nichts Konkretes. Eher im Gegenteil. Der Ball befand sich in der Luft. Sie musste sich entscheiden, ob sie ihn annehmen wollte.

2. Kapitel

Zum Frühstück trank Flora Laubner nur schwarzen Kaffee, zum Mittag begnügte sie sich mit einer Dose Ravioli, doch gegen fünf Uhr am Nachmittag musste sie sich den Tatsachen stellen: Sie war hungrig, sie war auf dem Dorf, sie hatte kein Auto zur Verfügung, und es war nicht mehr viel zu essen im Haus.

Ihre Mutter schien sich von in Plastik eingeschweißten Schokobrötchen, haltbarer Milch im Tetra Pak und Toastbrot mit Scheibletten zu ernähren. Einen mit samtigem blauen Schimmel überzogenen Rest Fleischsalat hatte Flora am vergangenen Abend als Erstes weggeworfen. Der angebrochene Wein im Kühlschrank war noch trinkbar gewesen. Die Speisekammer stand voll mit Weinflaschen, und auch die Hausbar im altmodischen Wohnzimmerschrank war gut bestückt. Beim Öffnen der Klappe war eine Lampe angesprungen und hatte die angesammelten Spirituosen und deren Spiegelbilder theatralisch in Szene gesetzt. Es hatte etwas unangenehm Intimes, die Alkoholvorräte eines Menschen zu inspizieren, der unvermittelt ins Krankenhaus gebracht worden war. Auch und besonders, wenn es sich bei diesem Menschen um die eigene Mutter handelte. Flora hatte vorhin mit ihr telefoniert. Nach all der Zeit wieder die vertraute Stimme zu hören, hatte sie fast umgehauen. Ihr Magen hatte revoltiert und ihr Herz wie verrückt geschlagen. Ihre Mutter hatte gefasst geklungen. Doch das mochte auf die Krankheit und die Medikamente zurückzuführen sein. Und auch sie selbst war äußerlich ruhig geblieben. Es war ein nüchternes und eher einseitiges Gespräch gewesen. Regina lag auf der Intensivstation und musste wohl noch für eine längere Zeit im Krankenhaus bleiben.

»Sie ist eine Fremde für mich«, flüsterte Flora, während sie sich in dem in beige-braunen Farben gehaltenen Wohnzimmer umsah. Ich bin eine Fremde für sie! Doch ihre Mutter hatte sie aus dem Krankenhaus angerufen und um Hilfe gebeten. Das erste Mal seit zwölf Jahren hatte Regina Laubner Kontakt zu ihrer einzigen Tochter gesucht. Flora hoffte, dass eine Annäherung möglich war. Irgendeine Art von Neuanfang. Sie befand sich in einer Sackgasse und wollte ihr Leben ändern. Die Altlasten ausräumen. Sie wollte weg aus Kiel und dem überteuerten Zimmer in der Wohngemeinschaft, weg von ihrer Beziehungslosigkeit und Einsamkeit in der Stadt. Flora fühlte sich haltlos und unzufrieden. Sie wollte etwas Neues beginnen und gleichzeitig an Altem anknüpfen, wollte irgendwo hingehören. Ihre Mutter war ihre einzige noch lebende Verwandte.

Bei der Suche nach einem Einkaufskorb oder einer Tasche stolperte Flora zweimal über eine der drei Katzen. Die Tiere strichen ihr um die Beine, platzierten sich dann auf der Arbeitsplatte oder dem Tisch und starrten sie mit ihren gelben Augen an. »Ihr habt wohl auch Hunger. Ich bring euch was mit, versprochen.«

In Ermangelung eines Einkaufskorbes leerte Flora ihre Reisetasche und schulterte sie. Niensühn hatte zwar nur knapp tausend Einwohner, aber immerhin gab es hier noch einen Dorfladen. Das hatte Flora am Vormittag im Internet recherchiert. Da dieser Laden jedoch um achtzehn Uhr schloss, musste sie langsam mal aufbrechen.

Sie ging die von Einfamilien- und Doppelhäusern gesäumte Straße hinunter. Ein Mädchen in Reithose und Turnschuhen fuhr auf dem Fahrrad an ihr vorbei und grüßte höflich. In einem der gepflegten Vorgärten hob ein älterer Mann, der in einem Beet Unkraut jätete, den Kopf und starrte sie an. Als sie ihn ebenfalls grüßte, nickte er, ohne eine Miene zu verziehen. Bliebe sie stehen, würde er sie bestimmt fragen, ob er ihr weiterhelfen könne. So war das hier. Man war hilfsbereit, und man passte auch auf.

Der Dorfladen befand sich in einem Wohnhaus auf einem Eckgrundstück. Ein Zigaretten- und ein Kaugummiautomat vor der Eingangstür, eine orange-braun gestreifte Markise über dem Bürgersteig und Waschmittelpackungen im Fenster waren die wesentlichen Hinweise auf ein Ladengeschäft. Es klingelte schrill, als Flora eintrat, doch es war niemand zu sehen. Sie nahm einen der Drahteinkaufskörbe und ging den ersten Gang hinunter, suchte nach Lebensmitteln und nach Katzenfutter. Am Ende des Ganges befand sich eine offen stehende Tür. Flora konnte in eine Küche mit Eichenfronten und beige gesprenkelter Arbeitsplatte sehen.

Eine Frau in einem weißen Kittel trat heraus und musterte sie. »Moin, kann ich Ihnen helfen?«

Ihr Gesicht kam Flora bekannt vor, doch sie konnte es nicht zuordnen. Als sie ein Kind war, hatte es diesen Laden noch nicht gegeben. »Oh, hallo. Danke, nein. Ich wollte ein paar Vorräte einkaufen. Und Katzenfutter«, setzte sie hinzu, weil die Frau sie unverwandt musterte.

»Machen Sie Urlaub hier?«

»Äh, so ähnlich.«

»Katzenfutter ist hinten rechts«, sagte die Frau und bewegte sich in Richtung der Kasse. »Wollen Sie mir nich’ Ihre große Tasche geben?«

»Äh, wofür?«

»Damit Sie sie nicht mit sich rumschleppen müssen.«

»Da ist auch mein Portemonnaie drin, also nein danke!«

»Hier kommt doch nix weg!« Die Frau drehte ihr den Rücken zu. Flora meinte noch ein gemurmeltes »Touristen!« zu hören.

Leicht verwirrt setzte sie ihren Einkauf fort. Nudeln, Reis, Gemüse, passierte Tomaten, etwas abgepacktes Hackfleisch … Schokolade für die Nerven und vor allem Kaffee. Zwischendurch kamen weitere Kunden in den Laden, klönten mit der Ladenbesitzerin, warfen Flora verstohlene Blicke zu, bezahlten und gingen wieder. Als Flora mit vollem Korb an die Kasse trat, war außer ihr nur noch eine andere Kundin da. Sie kam Flora entfernt bekannt vor. Die verzerrte, weil nun erwachsene Version einer Kindheitserinnerung. Flora spürte, wie ihr der Schweiß ausbrach. Sie hatte bei ihrer Rückkehr nach Niensühn bisher nur an ihre Mutter gedacht, die ihre Hilfe brauchte. Die Möglichkeit, dass sie hier noch mehr Menschen kennen würde und dass die sie kannten, hatte sie ausgeblendet. Doch auf dem Dorf blieben viele Leute ihr Leben lang wohnen.

Flora legte ein Lebensmittel nach dem anderen auf das Kassenband. Sie spürte den Blick der etwa gleichaltrigen Frau von der Seite.

»Flora? Flora Laubner?« Die Stimme klang ungläubig und ein wenig schrill.

»Ja, die bin ich. Und du bist … Vivien, oder?« Vivien Prange, wenn sie nicht geheiratet und einen neuen Nachnamen angenommen hatte. Doch, sie war bestimmt schon verheiratet – Vivien, die jetzt einen Kopf größer war als sie, etwa vierzig Kilo zugelegt hatte und das Haar mittlerweile kurz geschnitten trug. Aber ihre Augen, die hellen, leicht vorstehenden Augen, waren unverkennbar die ihrer früheren Spielkameradin.

Vivien nickte und stützte die Arme in die Seiten. »Ich fasse es nicht, nach der langen Zeit! Was machst du denn hier? Bettina, erinnerst du dich nicht? Das ist Flora, Reginas Tochter.«

Die Ladenbesitzerin kniff die Augen zusammen. »Ich dachte doch gleich, ich kenne Sie irgendwoher!«

»Wie geht es dir, Vivien?«, fragte Flora.

»Bestens. Aber ich muss los. Tschüss, Bettina. Bis nachher, wir sehen uns beim Chor!«

Die Ladenklingel schrillte erneut, und Vivien hatte das Geschäft verlassen.

»Sie singen beide im Chor?«, fragte Flora, die ebenfalls gern sang und sich sehr für Musik interessierte.

Die Ladenbesitzerin reagierte nicht auf die Frage. »Dreiundzwanzig achtzig«, sagte sie.

Die Einkäufe kullerten in der Reisetasche hin und her, als Flora die Dorfstraße wieder hinaufging. Sie hätte sich nicht stärker bloßgestellt fühlen können, wenn sie nackt in dem Laden gestanden hätte. Und plötzlich waren ihr die verblassten Gespenster der Vergangenheit wieder frisch in Erinnerung: Vivien und Daniel Prange, mit denen sie damals gespielt hatte und die in die Ereignisse um Simons Tod ebenfalls verwickelt gewesen waren. Ihren Eltern gehörte der große Hof von Niensühn. Außerdem Simons Eltern, Ingrid und Gunnar Hertling, mit ihrem eher unscheinbaren Bauernhof, die ewigen Zweiten im Dorf, und noch einige andere Menschen, deren Schicksal eng miteinander verwoben war, verbunden durch Wohnort, Vergangenheit und eine fest gefügte Hierarchie.

Ihr Elternhaus tauchte vor Flora auf. Kleiner und bei Tageslicht auch vernachlässigter aussehend, als sie es am Abend zuvor wahrgenommen hatte. Viel kleiner und vernachlässigter, als sie es aus ihrer Kindheit in Erinnerung hatte. Vor der Gartenpforte blieb Flora stehen, weil sie sich beobachtet fühlte. Die Straße war leer, ebenso die Vorgärten der beiden Nachbarhäuser. Sie drehte sich um. In dem Haus gegenüber bewegte sich etwas hinter dem Fenster. Wohnten dort noch die ewig nörgelnden Sauers? Ehe Flora jemanden erkennen konnte, wurde mit lautem Scharren die Jalousie heruntergelassen. Dann eine zweite daneben. Und noch eine. Flora starrte erst verblüfft, dann mit leisem Grauen auf die Fassade, die sie an ein abweisendes Gesicht mit geschlossenen Augen erinnerte.

Willkommen zurück.

»Morgen holt Mascha dich vom Kindergarten ab«, sagte Pia zu ihrem Sohn Felix. Sie saßen zusammen beim Abendbrot in der Küche. »Es ist ›Papa-Wochenende‹.«

Mascha war die Frau von Felix’ Vater Hinnerk Joost. Pia und Hinnerk hatten sich schon vor Felix’ Geburt getrennt. Sie kamen mittlerweile recht gut miteinander zurecht, und Hinnerk kümmerte sich sehr liebevoll um seinen Sohn. Umso erstaunter war Pia, als Felix nun reglos auf seinen Teller mit Kartoffelpüree, Sauerkraut und Nürnberger Würstchen starrte. Eigentlich war das eines seiner Lieblingsessen. »Freust du dich nicht?«

»Nöö.«

»Das wird bestimmt schön. Sicher bringt Mascha Rike mit, wenn sie dich abholt. Dann kannst du den anderen Kindern deine kleine Schwester zeigen.«

Mascha und Hinnerk hatten gerade ihr erstes gemeinsames Kind bekommen. Einige der »Papa-Wochenenden« waren danach für Felix ausgefallen, weil Mascha sich zu gestresst gefühlt hatte und Hinnerk sie unterstützen wollte. Vor zwei Wochen war Felix aber bei ihnen gewesen und hatte ein erstes Wochenende mit seiner Halbschwester Rike verbracht. Bisher hatte er Pia nicht viel darüber erzählt.

Felix’ Wangen röteten sich. »Mascha soll mich nicht abholen mit Rike.« Das letzte Wort stieß er hervor, als handelte es sich um etwas so Verabscheuungswürdiges wie Rosenkohl.

Pia wusste, dass Felix am liebsten von seinem Vater abgeholt wurde, aber wenn das nicht möglich war, sollte es eigentlich auch mit Mascha funktionieren. »Wenn Mascha dich nicht abholt, kannst du Papa nicht treffen. Und der freut sich doch schon so auf dich.«

Felix senkte den Kopf noch weiter und schob die Unterlippe vor.

Pia bereute, das Thema beim Essen überhaupt angesprochen zu haben, doch sie hatte nicht geahnt, dass Felix auf das anstehende »Papa-Wochenende« so reagieren würde. »Wie war es denn letztes Mal mit Papa und Mascha?«, erkundigte sie sich.

»Doof.« Seine Augen schwammen in Tränen.

Oje. »Das hast du mir gar nicht erzählt. Was fandest du denn doof daran?«

»Das Baby!«

»Babys sind manchmal nervig«, räumte Pia bereitwillig ein. »Sie schreien, und sie können noch nicht reden oder etwas alleine tun. Aber wenn sie älter werden, kann man doch einiges mit ihnen anfangen.« Sie lächelte aufmunternd. »Mit Rike auch, da möchte ich wetten. Und dann freut sie sich über einen großen Bruder, der mit ihr spielt.«

»Nein«, sagte Felix und ließ den Löffel auf das Kartoffelpüree klatschen. »Papa will nur noch Rike haben und mich nicht. Und Mascha auch.«

»Nein, Felix. So ist es nicht. Rike macht im Moment nur sehr viel Arbeit, weil sie noch so klein ist, aber Papa hat dich noch genauso lieb wie immer. Ganz sicher. Und Mascha auch«, setzte sie hinzu.

Felix schüttelte den Kopf. Eine Träne kullerte ihm über die Wange.

Pia nahm ihren Sohn fest in den Arm. »Sie haben dich noch genauso lieb wie immer, vielleicht sogar noch lieber, weil du jetzt auch ein großer Bruder bist.«

»Will kein Bruder sein!«, schluchzte Felix. »Rike soll weggehen!«

»Das kann Rike nicht. Sie braucht Papa und Mascha, und sie braucht auch dich, Felix. Du kannst Papa und Mascha helfen, sich um sie zu kümmern, solange sie noch so klein und hilflos ist. Darüber würden sie sich sehr freuen!«

»Rike schreit immer und immer und immer. Mir tun die Ohren weh.« Er presste zur Demonstration die Hände auf die Ohrmuscheln.

»Was meinst du, wie anstrengend das für Mascha und Papa ist? Da freuen sie sich besonders, wenn du am Wochenende kommst, weil man mit dir richtig reden und spielen kann.«

Er nahm die Hände wieder herunter. »Ich weiß nicht.«

»Ganz sicher. Sie freuen sich auf dich, und sie brauchen dich. So wie ich dich auch brauche, Felix.«

Der Kummer ihres Sohnes schnitt Pia ins Herz. Vielleicht auch, weil sie sich an das Gefühl des Zurückgesetztwerdens zugunsten jüngerer Geschwister aus ihrer eigenen Kindheit erinnerte. Ihre Mutter hatte ihren Stiefvater geheiratet und die Zwillinge Nele und Tom bekommen, als Pia fünf Jahre alt gewesen war. Sie hatte sich danach jahrelang wie das fünfte Rad am Wagen der neuen kleinen Familie gefühlt. Doch Felix’ Verhalten war untypisch für ihn. Er schien wirklich traurig und auch ein wenig verstört zu sein. Und das zu einem Zeitpunkt, wo sie gerade darüber nachdachte, ob es nicht irgendwie möglich wäre, wieder Vollzeit zu arbeiten. So wie es aussah, brauchte Felix sie im Augenblick ganz besonders.

Ganz ruhig, mahnte Pia sich. Getrennt lebende Eltern neigten dazu, einander für die Probleme ihrer Kinder verantwortlich zu machen. Sie hatte beinahe sofort überlegt, ob Hinnerk Felix schlechter behandelt hatte als sonst, nur weil ein neues Baby da war. Wahrscheinlicher war jedoch, dass Mascha und Hinnerk einfach nicht die erforderliche Ruhe und Zeit für Felix aufgebracht hatten, weil das Baby so viel weinte. Sie konnte die Gefühle ihres Sohnes trotzdem gut nachvollziehen – und das war gefährlich und machte sie voreingenommen. Pia beschloss, Hinnerk und Mascha vorzuschlagen, dass sie Felix an diesem Wochenende noch mal bei sich behielt, falls es zu stressig für alle Beteiligten wurde. Oder würde Felix sich dann abgeschoben fühlen?

3. Kapitel

Hannes Schöttler schloss die Eingangstür auf und betrat das Gemeindehaus von Niensühn, das unweit der Dorfkirche lag. In der Stille des leeren Gebäudes klangen das Klirren des Schlüsselbundes und Hannes’ Schritte unnatürlich laut. Der Geruch von Putzmitteln und Staub stieg ihm in die Nase. Er ging in den größeren Raum, den er für seine Chorproben nutzte, und ärgerte sich, als er eine Coladose auf der Abdeckung des Flügels entdeckte. Diese Jugendlichen hatten einfach vor nichts Respekt! Er mochte die kleineren Kinder im Kinderchor und die Erwachsenen. Das Zwischenstadium der Menschwerdung konnte ihm gern erspart bleiben.

Er warf die Dose in den Mülleimer und schloss den Schrank auf, um schon ein paar Notenständer herauszuholen und aufzustellen. Er liebte diese ruhigen Minuten, bevor seine »Damen« und die wenigen »Herren« hier einfielen. Sie kamen nicht nur, um zu singen, nein, sie wollten reden, und manchmal schaffte er es kaum, dem Geschwätz ein Ende zu bereiten.

Seine Sänger und Sängerinnen trafen nach und nach ein. Er ertappte sich dabei, wie er nach Nicole Ausschau hielt. Sie würde nicht kommen. Heute nicht und auch an keinem anderen Chorabend mehr.

»Alle vollzählig?«, fragte er, als die meisten ihren Platz eingenommen hatten.

»Ingrid fehlt noch«, sagte Bettina Hübner, der der Dorfladen von Niensühn gehörte. »Sie war vorhin bei mir und meinte, dass es später werden könnte, weil sie ausnahmsweise heute schlachten.«

»Danke, Bettina. Dann fangen wir schon mal ohne sie an.« Er stellte sich in Positur. »Wir beginnen wie immer mit dem Einsingen: Stimmübungen, Atemübungen und dann der gemeinsame Kanon.«

In der Pause wurden Wasser und Tee ausgeschenkt, und einige Unverbesserliche gingen nach draußen, um zu rauchen. Hannes sortierte auf dem Flügel ein paar Notenblätter, als seine Frau sich zu ihm stellte. Thea war Pastorin von Niensühn. Sie nahm nur gelegentlich an den Chortreffen teil. Thea war nur bedingt musikalisch, sang aber stets mit kräftiger Stimme, wie es auch ihrem Körperbau entsprach. Niemand traute sich, ihr direkt zu sagen, dass sie manches Mal nicht den richtigen Ton traf. Und auf ihn als Chorleiter hörte sie nicht, weil er auch ihr Ehemann war …

»Hast du schon den neuesten Dorfklatsch gehört?«, fragte Thea, ausnahmsweise in gedämpfter Lautstärke. »Bettina hat es mir gerade erzählt.«

»Was denn?«

»Regina ist doch im Krankenhaus, und nun rate mal, wer hergekommen ist, um ihr Haus zu hüten?«

In dieser Angelegenheit war Hannes mal gut informiert, aber das konnte er natürlich keinesfalls preisgeben, und so zuckte er mit den Schultern.

»Ihre Tochter Flora! Erinnerst du dich an sie?«

»Ein dünnes kleines Ding mit einer Frisur wie Pumuckel«, sagte er.

»Ja, da war sie aber noch sehr jung. Inzwischen ist sie eine erwachsene Frau. Sie war vorhin im Dorfladen. Vivien, komm doch mal her.«

Das ließ sich Vivien Prange, die Erste unter den Klatschtanten des Ortes, nicht zweimal sagen. Bettina Hübner folgte ihr auf dem Fuße, um auch ja nichts zu verpassen. »Ich dachte, ich trau meinen Augen nicht«, sagte Vivien. »Beinahe hätte ich Flora nicht erkannt. Es sind ja zwölf oder dreizehn Jahre vergangen, seit sie … seit sie sie fortgeholt haben. Flora ist immer noch so mager, dass sie sich hinter einer Birke ausziehen kann. Flach wie ein Bügelbrett. Und sie hat kurze Haare wie ein Mann und einen Zentner Ringe an den Ohrmuscheln. Aber sie war es. Bettina hat sie auch wiedererkannt.«

Bettina Hübner nickte.

»Und was machen wir nun?«, fragte Vivien.

»Was wollt ihr denn ›machen‹?«, fragte Thea. »Sie hat jedes Recht, hier zu sein und sich um ihre Mutter zu kümmern. Das ist doch nicht verkehrt.«

Bettina stieß heftig die Luft aus.

»Sie nutzt nur aus, dass ihre Mutter im Moment hilflos ist«, wandte Vivien ein.

»Regina wollte nie wieder etwas mit Flora zu tun haben. Das hat sie oft genug gesagt«, ergänzte Bettina.

»Ist es nicht an der Zeit, die Vergangenheit ruhen zu lassen?«, wandte Thea ein. »Frieden zu schließen?«

Vivien stützte die Hände in die Seiten. »Thea, dein Mitgefühl in allen Ehren, aber wie willst du das Ingrid beibringen?«, fragte sie, die hellen Augen unverwandt auf die Pastorin gerichtet. »Mit dieser Person in einem Dorf zu leben! Soll sie ihren Sohn etwa vergessen?«

Die Tür öffnete sich, und als hätte sie auf dieses Stichwort gewartet, betrat Ingrid Hertling den Gemeindesaal. Der Fahrtwind beim Radfahren hatte ihr kurzes graues Haar zerzaust. Sie nahm die randlose Brille ab, weil sie in dem warmen Raum sofort beschlug. Ihre flammend roten Wangen waren die einzigen Farbtupfer in dem ansonsten blassen Gesicht und an der ganz in Grau gehüllten Gestalt. »Tut mir leid, dass ich so spät dran bin.« Sie kam auf Hannes und die Frauen zu, die sie daraufhin nur verlegen grüßten. Auch der Chorleiter enthielt sich eines Kommentars. »Ist was passiert?«, fragte Ingrid. »Ihr guckt alle so komisch.«

Als die Sänger und Sängerinnen wieder in Reih und Glied vor Hannes standen, wusste Ingrid Hertling immer noch nicht, was los war. Der Chorleiter hörte, wie Vivien sich in einer Pause zwischen zwei Liedern zu Bettina hinüberbeugte und sagte: »Wir können doch nicht untätig dabei zusehen, dass die sich hier wieder einnistet. Dagegen müssen wir etwas unternehmen.«

»Sie sind also der Anwalt von Mark Albrecht Lohse.« Pia musterte den etwa vierzigjährigen Mann mit den glatten Gesichtszügen und dem nach hinten gegelten Haar. Er saß ihr betont entspannt gegenüber und hatte die langen Finger auf der Tischplatte verschränkt. Sein königsblauer Anzug brannte Pia Löcher in die Netzhaut. »Ich erinnere mich nicht, Sie damals während der Gerichtsverhandlung gesehen zu haben.«

Es war Freitagmorgen. Der Rechtsanwalt Marius Plassek hatte Pia dringend sprechen wollen und sie im Polizeihochhaus aufgesucht. Es ging um einen seiner Mandanten, der in Lübeck in der Justizanstalt Marli einsaß und an dessen Festnahme und Verurteilung Pia maßgeblich beteiligt gewesen war. Sie hatte zunächst mit sich gerungen, ob sie diesem Mann überhaupt zuhören sollte. Die Vorkommnisse Anfang dieses Jahres, als Mark Albrecht Lohse mutmaßlich einen ehemaligen Mithäftling beauftragt hatte, sie zu stalken und in seinem Auftrag Rache zu üben, waren Pia noch lebhaft in Erinnerung. Das alles war aber immer noch nicht lückenlos aufgeklärt, unter anderem, weil der Anwalt sich querstellte und Lohses früherer Zellenkumpan die Kooperation rundheraus verweigerte, um ihn nur ja nicht zu belasten. Er musste große Angst vor Lohse haben.

Während Pias erstem Jahr beim K1 war Mark Albrecht Lohse mit zwei Mittätern an mehreren Morden beteiligt gewesen, die sie gegen Bezahlung und wohl auch wegen des Kicks und der Macht, die sie dabei verspürten, verübt hatten. Lohse war der Kopf der kleinen Gruppe gewesen. Pia hatte sie aufgespürt, war von ihnen festgehalten und beinahe ebenfalls ermordet worden. Sie hatten sie aufhängen wollen. Die Polizei hatte das Gebäude gestürmt, doch obwohl schon alles verloren war, hatte Lohse noch den Stuhl, auf dem Pia stand, unter ihr weggetreten. Nie würde sie seinen Blick in diesem Moment vergessen. Sie hatte vor Gericht als wichtige Zeugin gegen ihn ausgesagt. Mark Albrecht Lohse war zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt worden, während die Mittäter etwas glimpflicher davongekommen waren. Seitdem schien Lohse seinen Hass auf Pia und ein paar weitere beteiligte Personen zu nähren, sodass er vor einigen Monaten seinen ehemaligen Mithäftling Andreas Bick darauf angesetzt hatte, ihr damit zu drohen, sie zu vergewaltigen und zu töten. Doch Mark Albrecht Lohses Hass richtete sich nicht nur gegen Pia allein, sondern auch gegen diejenigen, die ihr nahestanden, allen voran Felix. Das hatte für sie den Ausschlag gegeben, dem Anwalt heute zumindest zuzuhören. Schlechte Neuigkeiten waren immer noch besser als Ahnungslosigkeit. Erkenne deinen Feind.

»Sie können sich nicht an mich erinnern, weil Herr Lohse noch nicht sehr lange mein Mandant ist«, sagte Marius Plassek. »Sie erinnern sich wahrscheinlich an meinen Vorgänger, Frau Korittki.«

»Warum wollen Sie mich sprechen, Herr Plassek?«

»Herr Lohse bedauert die Missverständnisse, die es im Januar zwischen Ihnen beiden gegeben hat, zutiefst.« Er sah ihr ungerührt in die Augen. »Er möchte das alles ein für alle Mal ausräumen – wenn Sie ihn während der Haft besuchen, können Sie das persönlich mit ihm besprechen.«

»Wie bitte?« Pia, die sich einen Kaffee mit in den Besprechungsraum genommen hatte und die Milch verrührte, stoppte in der Bewegung. »Wie kommt er darauf, ich würde ihn sehen wollen?«

»Es ist nur ein Angebot, liebe Frau Hauptkommissarin.« Marius Plassek lächelte. »Es liegt ganz in Ihrem Interesse, würde ich sagen.«

»Was will Herr Lohse? Er hat Ihnen doch bestimmt auseinandergesetzt, was er vorhat, und Sie nicht nur zu seinem Laufburschen degradiert.«

Das Lächeln vertiefte sich, etwas angestrengt allerdings. »Guter Versuch. Ich bin nicht sein Laufbursche, ich bin der Vermittler und sein Anwalt. Also, was sagen Sie?«

»Herr Lohse zeigt nach meinem Ermessen keinen Funken Einsicht oder Reue oder irgendwas. Wieso sollte ich mich zu ihm ins Gefängnis bemühen?«

»Nun, er kann zurzeit nicht zu Ihnen kommen, nicht wahr? Und Sie wissen, wer Schuld daran hat.«

»Sieht er das tatsächlich immer noch so? Es hat sich also nichts geändert, keinerlei neue Erkenntnisse irgendwelcher Art?« Sie drückte den Rücken durch. »Und ich habe unter diesen Voraussetzungen kein Interesse daran, Herrn Lohse zu sprechen.« Wenn überhaupt, wollte Pia das Spiel nach ihren Regeln spielen, und dieser Anwalt ging ihr sowieso gegen den Strich.

Marius Plassek schob den Unterkiefer vor und zurück. »Das ist in Anbetracht der Umstände wirklich Ihr letztes Wort?«

»Ich sehe keinen Vorteil darin, Herrn Lohse zu treffen. Es interessiert mich nicht, was er mir zu sagen hat, es sei denn, er legt bezüglich des Auftrags, mich zu verfolgen und zu bedrohen, endlich ein umfassendes Geständnis ab.«

Plassek lachte auf. »Beharren Sie immer noch darauf? Er hatte doch gar nichts damit zu tun. Also …« Er zog sein Smartphone hervor. »Machen wir Nägel mit Köpfen. Wann soll ich einen Termin in der Justizvollzugsanstalt in Marli für Sie arrangieren? Nächste Woche Mittwoch?«

Pia erhob sich. »Gar nicht«, antwortete sie eisig. »Ich begleite Sie hinaus.«

»Sehr schade. Es wäre zu Ihrem Besten«, sagte er leise, als er an Pia vorbei aus dem Raum ging. »Und dem Ihrer Familie.«

4. Kapitel

Als Flora den Wagen zwischen den gemauerten Pfosten des Gartentores hindurch in die Einfahrt ihres Elternhauses bugsierte, fühlte sie einen Schweißtropfen ihren Rücken hinunterlaufen. Der Mietwagen war ein Polo, bezüglich seiner Außenmaße also nicht gerade überdimensioniert. Trotzdem schien die Zufahrt zum Haus für noch kleinere Autos erbaut worden zu sein. Und Flora hatte schlichtweg keine Fahrpraxis. Nur keine Schramme in den glänzenden blauen Lack fahren! Der Kilometerstand des Wagens zeigte knapp zweitausend an. Das Auto war ja quasi nagelneu.

Die Annahme, sie könne hier mit öffentlichen Verkehrsmitteln und gelegentlichen Taxifahrten zurechtkommen, hatte sich schon nach einem Tag in Niensühn als falsch entpuppt. Und wenn sie ihre Mutter im Krankenhaus und demnächst hoffentlich in der Reha besuchen wollte, brauchte sie sowieso ein Auto. Als Programmiererin arbeitete sie von jeher viel von zu Hause aus. Das war also kein Problem. Aber allein die notwendigen Besorgungen waren ein Thema für sich und der Besuch im Dorfladen eine Erfahrung, die Flora nicht so schnell wiederholen wollte. Noch immer konnte sie die Verachtung und das Misstrauen ihrer ehemaligen Freundin Vivien und der Ladenbesitzerin in sich wachrufen, wenn sie an ihren ersten Einkauf in Niensühn dachte. Flora bevorzugte nun die Anonymität eines großen Supermarktes.

Also hatte sie sich, zunächst für eine Woche, den Wagen gemietet. Eine kostspielige Angelegenheit, aber immer noch besser als auf die Schnelle ein Auto zu kaufen. Sie wusste ja gar nicht, wie lange sie hierbleiben musste … und wollte.

Endlich stand der Polo unbeschadet in der Einfahrt. In die zum Haus gehörige Garage hatte Flora vorhin nur einen Blick geworfen und gesehen, dass sie bloß noch als Abstellraum diente.

Flora konnte es immer noch nicht so richtig fassen, wieder hier zu sein. Sie stieg aus dem Wagen. In all den Jahren ihrer Abwesenheit war sie nur ein einziges Mal mit klopfendem Herzen und Druck im Magen an ihrem Elternhaus vorbeigefahren. Ihre Psychologin hatte ihr damals dazu geraten. Warum eigentlich?

Nun wohnte sie wieder hier und konnte schalten und walten, wie es ihr beliebte. Ihre Mutter, die sie quasi verstoßen hatte, konnte sie nicht davon abhalten, denn sie war auf sie angewiesen.

Bei dem Gedanken an die Apparaturen und Schläuche, an die ihre Mutter auf der Intensivstation noch gekettet war, wurde Flora unwohl. Aber dies konnte ein Anfang sein. Es war eine Chance. Wenn sie sich den Gespenstern ihrer Vergangenheit nicht endlich stellte, würde sie nie zur Ruhe kommen.

Auf dem Weg zur Eingangstür hörte Flora einen lang gezogenen Pfiff. Sie sah zur Straße, wollte schon grüßen, wie sie es von früher kannte, doch die Fußgängerin hatte wohl ihrem Hund gepfiffen, der am Gartentor schnüffelte. Ohne Flora eines Blickes zu würdigen, wechselte die ältere Frau demonstrativ auf die andere Straßenseite. Kannte sie sie?

Beim Öffnen der Haustür fühlte Flora mit einem Mal einen starken Widerwillen, das Haus zu betreten. Sie könnte ihre Mutter auch von Kiel aus besuchen. Doch ihren Mitbewohnern in ihrer früheren WG hatte sie gesagt, dass sie sich nach einem neuen Mieter umsehen sollten. Vielleicht war das große Balkonzimmer, das sie bewohnt hatte, sogar schon wieder vergeben. So kurz vor Semesterbeginn waren helle Altbauzimmer sehr begehrt. Beim Blick in den schmalen, dunklen Flur schwante ihr, dass es wohl voreilig gewesen war, ihre Zelte in Kiel schon abzubrechen. Oder hatte sie es getan, damit sie keinen Rückzieher mehr machen konnte?

»Deine Mutter braucht dich«, murmelte sie, als zwei der Katzen kamen, ihr um die Beine strichen und ihr dann voraus in das Dunkel liefen. Es war eine Chance, endlich wieder eine Familie zu haben. Wenigstens eine Mutter. Eine kleine Chance nur, aber mehr war nicht drin.

Flora fütterte die Katzen, deren Namen sie sich nicht merken konnte, und füllte ihnen frisches Wasser in den Napf. Ein Katzenklo gab es nicht, weil die Tiere viel draußen waren. Ihre Mutter hatte keine Katzenklappe eingebaut. Die Tiere mussten morgens und abends hinaus- und hereingelassen werden. Womöglich war das der Hauptgrund ihrer Mutter gewesen, sie um Hilfe zu bitten.

Nachdem Flora sich ein Abendbrot zubereitet hatte – Nudeln mit einer Gemüsesoße und Käse und dazu ein Glas Wein aus dem Vorrat ihrer Mutter –, erhob sie sich zögernd. Sie hatte sich etwas vorgenommen, wollte es aber gern noch ein wenig hinauszögern. Sie musste mehr über damals erfahren. Mehr, als man ihr erzählt hatte, und mehr, als ihr lückenhaftes Gedächtnis ihr offenbarte. Mehr, als in den Akten stand. In ihrem Elternhaus könnte noch etwas vorhanden sein, das ihr weiterhalf. Ihre Eltern hatten stets alles aufbewahrt. Und ihr Vater war Polizist gewesen. Er war nicht in die Ermittlungen zu ihrem Fall involviert gewesen, aus Gründen der Befangenheit; das hatte man Flora erklärt. Aber er hatte vielleicht trotzdem etwas herausgefunden. Etwas, weswegen er sich kurz darauf das Leben genommen hatte … Flora spürte, wie die Beklemmung sich verstärkte. Sie musste es wissen, denn das Nichtwissen, mit dem sie sich seit zwölf Jahren herumschlug, war kein lebenswerter Zustand und setzte ihr zunehmend zu.

Flora goss sich im Stehen noch ein Glas Wein ein. Die Gelegenheit, in Ruhe überall im Haus zu suchen, würde sich nicht mehr so ohne Weiteres bieten, war ihre Mutter erst wieder daheim. Ihr, Flora, blieben zwar sicherlich noch ein paar Tage, doch wenn sie es nicht gleich in Angriff nahm, würde es mit jedem Tag, den sie zögerte, schwieriger werden. So weit kannte sie sich. Oder konnte es durch das, was sie womöglich hier herausfand, noch schlimmer werden? Flora versuchte, gegen den Druck in Brustkorb und Magen anzuatmen. Sie musste einfach mehr erfahren. Flora lebte nun schon zwölf Jahre mit der Mitschuld am Tod eines Nachbarjungen. Dem Tod Simon Hertlings, ihres Spielkameraden und des einzigen Sohnes von Ingrid und Gunnar Hertling. Nur konnte sie sich nicht an die genauen Umstände seines Todes erinnern.

»Hey, ist doch wunderbar, dass Felix dieses Wochenende hierbleibt.« Lars nahm Pia in den Arm. »Dann können wir morgen endlich den Pizzaabend mit ihm machen, den wir schon so lange planen«, flüsterte er ihr ins Ohr.

»Ich hab mir schon gedacht, dass ich da dann nicht mehr drum herumkomme.«

Lars ging Pia voraus in die Küche, sah sich um. »Was ist denn bei Hinnerk und Mascha los, dass sie Felix nicht bei sich haben wollen?«, fragte er nun mit ernster Miene.

»Felix ist in seinem Zimmer, er hört uns nicht. Ich vermute, dass die beiden Stress mit dem neuen Baby haben. Felix war gestern ganz unglücklich, als ich von Rike angefangen habe. Er ist wohl eifersüchtig.«

»Ist das nicht normal bei Geschwistern?« Lars reichte Pia ein Bier aus dem Kühlschrank, doch sie schüttelte den Kopf.

»Schon. Aber Felix schien mir beinahe verstört zu sein. Ich habe Hinnerk danach gefragt, doch der meinte nur, da müsse Felix eben durch, wenn sie jetzt nicht mehr so viel Zeit für ihn hätten.« Pia seufzte. »Ich kann es einfach nicht gut ab, ihn so traurig zu sehen. Das ist alles.«

»Ja, das kann ich verstehen.« Lars öffnete mit einem Ploppen seine Bierflasche und trank einen Schluck. »Vielleicht musst du noch mal in Ruhe mit Hinnerk darüber reden, wenn sich die erste Aufregung um das Baby gelegt hat. Felix sollte doch weiterhin gern zu seinem Vater gehen.«

»Bisher war das ja auch immer der Fall.«

»Das wird schon wieder«, beruhigte er sie. Seine zuversichtliche Stimmung gab Pia den Mut, das zweite Thema anzuschneiden, das ihr ebenfalls auf den Nägeln brannte. Sie fürchtete jedoch, dass Lars darauf nicht halb so verständnisvoll reagieren würde. Sie deutete auf die Küchenbank. »Setz dich doch. Hast du Hunger? Es ist noch etwas Auflauf da.«

»Ich hab schon in der Agentur gegessen, danke. Was ist los, Pia, spuck es aus! Es geht doch nicht nur um Felix und Hinnerk.« Er sah sie durchdringend an.

»Ich hatte heute Anwaltsbesuch im Büro«, sagte sie. »Mark Albrecht Lohse hat anscheinend einen neuen Rechtsbeistand.«

»Ach nee?« Lars’ Kinn hob sich, und seine Augen wurden schmal. »Lohse – das ist doch der Typ, der dir den Stalker auf den Hals geschickt hat, diesen Andreas Bick. Was will Lohse von dir?«

»Er will anscheinend, dass ich mich mit ihm im Gefängnis treffe, um mit ihm zu reden.«

»Spinnt der jetzt komplett?«, fuhr Lars auf.

»So in etwa habe ich auch reagiert.«

Lars griff nach Pias Handgelenk. »Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass dabei irgendetwas Gutes herauskommen kann. Der Typ ist total auf dich fixiert. Wahrscheinlich hat er Langeweile und will dich zum Zeitvertreib terrorisieren.«

»Immerhin lässt er es sich etwas kosten. Diesen schleimigen Anwalt in seinem superteuren Anzug loszuschicken …«

»Hat der Anwalt nicht gesagt, warum Lohse dich sprechen will?«

»Nur indirekt.« Pia zögerte. Das alles betraf in gewisser Weise auch Felix und vielleicht sogar Lars. Sie musste sich richtig entscheiden. Es war ihre Verantwortung. Sie wollte, sie könnte die beiden irgendwie da raushalten.

»Komm schon. Du kannst mir alles sagen.« Er grinste andeutungsweise. »Im Moment befinden sich keine zerbrechlichen Gegenstände in meiner Reichweite.« Damit spielte er auf seinen Kühlschrank an, dessen Tür er aus Hilflosigkeit und Wut mit einem Fausthieb traktiert hatte, nachdem Pia von Lohses Zellenkumpan Bick angegriffen worden war. Die Beule im Edelstahl fiel Pia jedes Mal ins Auge, wenn sie in Lars’ Wohnung war.

»Sein Anwalt hat mir am Ende noch gedroht. Als ich es ablehnte, einen Termin zu vereinbaren, sagte er: ›Sehr schade. Es wäre zu Ihrem Besten.‹ Und dann: ›Und dem Ihrer Familie.‹«

Lars stieß einen Fluch aus. »Der Kerl hat dir gedroht? Gibt es dafür Zeugen?«

»Natürlich nicht.«

»Was wirst du tun, Pia?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Mit Lohse zu sprechen oder nicht, kommt, glaube ich, auf dasselbe hinaus. Solange er auf mich fixiert ist, ich weit oben auf seiner verdammten Rache-Liste stehe, so lange sind wir in Gefahr. Ich und Felix – und du auch, Lars. Es tut mir sehr leid. Wenn du … wenn du eine Weile nichts mit mir zu tun haben willst, könnte ich das gut verstehen.«

»Pia?! Bist du jetzt von allen guten Geistern verlassen?« Er erhob sich abrupt, sodass die Bierflasche polternd umfiel. Bier ergoss sich über den Tisch und tropfte auf den Küchenboden.

»Nein. Ich bin realistisch.«

Er packte sie an den Schultern. »Hältst du mich für so feige oder borniert oder gleichgültig, dass ich dich verlasse, nur weil irgendein Spinner im Gefängnis dir droht?«

»›Irgendein Spinner‹ ist Mark Albrecht Lohse nicht gerade.«

»Beantworte bitte meine Frage: Denkst du, ich würde dich deswegen verlassen?«

Er hielt sie so fest, dass es beinahe wehtat. Doch in diesem Moment beruhigte es sie. Hatte sie wirklich befürchtet, Lars zu verjagen, wenn sie ihm die Wahrheit sagte? War es ihr Stolz, der sie dazu bewegte, es ihm quasi freizustellen? Die Sorge, für ein mögliches Unglück, das ihm geschehen könnte, die Verantwortung zu tragen? Sie sah Lars in unzähligen Situationen vor sich: Wie er ihre Tür in der alten Wohnung eingetreten hatte, um sie zu retten. Wie er sie klitschnass an sich gezogen hatte, als sie in den Fluss gefallen war. Wie er sie gegenüber seinem Vater und dessen Vorurteilen verteidigt hatte. Wie er …

»Nein«, sagte sie. »Das habe ich nicht wirklich gedacht. Aber ich wollte es dir der Fairness halber anbieten.«

»Der Fairness halber? Was kümmert mich Fairness, wenn ich dich liebe, Pia?«

Sie schluckte. Er sprach selten über seine Gefühle, und sie noch weniger.

Lars lockerte den Griff. Ihm schien bewusst zu werden, wie fest er zugepackt hatte, und er strich beruhigend über ihre Oberarme. »Du bist doch jetzt nicht überrascht, oder?«

Sie schüttelte den Kopf. Die Bierlache auf dem Fußboden hatte mittlerweile kalt und nass ihren Fuß erreicht, aber Pia rührte sich nicht.

»Ich hatte das eigentlich für Samstagabend geplant. Für unser Essen zu zweit. Und als du sagtest, dass Felix hier sein würde und unser gemeinsames Essengehen ausfällt, war ich beinahe erleichtert. Ich wollte es noch mal aufschieben. Ich bin nämlich doch ein Feigling. Wenigstens in dieser Hinsicht.« Er holte tief Luft und blickte ihr in die Augen. »Ich möchte, dass wir heiraten, Pia.«

»Ist das ein Antrag?«, fragte sie perplex.

»Ja.« Er sah kurz zu Boden. »Ein spontaner Heiratsantrag mitten in einer Pfütze von Bier. Daran werden wir uns ewig erinnern. Hoffe ich.« Er sah sie forschend an.

»Ja«, sagte sie. Ihr Herz klopfte.

»Du meinst, du willst mich wirklich heiraten?«

»Ja. Ich will.«

»Okay. Das ist gut.« Er atmete auf, lächelte. »Damit haben wir es doch beinahe schon geschafft, oder?«

Flora hatte nicht mit der Aufbewahrungswut ihrer Mutter gerechnet. Sie selbst besaß nur zwei Koffer voll Kleidung und Wäsche, ein paar Kartons mit Kleinkram und Akten, ihr Sofabett, einen Schreibtisch mit Stuhl. Dazu den Laptop, den sie auch für ihre Arbeit brauchte. Erinnerungsgegenstände bewahrte sie nicht auf, und auch Küchenutensilien hatte sie nie angeschafft, waren sie in der WG doch reichlich vorhanden gewesen. Dieses Haus dagegen erschlug sie förmlich mit seinem Inventar, angefangen bei der überreichlichen Möblierung. Wer benötigte denn drei Tische mit jeweils vier bis sechs Stühlen in Küche, Esszimmer und auf der Terrasse? Zwei Sofas, einen Drei- und einen Zweisitzer, zwei Sessel, diverse Tischchen und Truhen? Eine Einbauwand aus rötlichem Holz nahm eine gesamte Wand ein. Jedes Fach war randvoll mit … ja, mit was eigentlich? Wenn diese Dinge ihre Kindheit repräsentieren sollten, waren sie in ihrem Gedächtnis ausgelöscht. Flora hätte schwören mögen, dass sie den lila Aschenbecher aus Murano-Glas, die Porzellankerzenhalter mit den tanzenden Engeln rechts und links, die Bowleschüssel aus orangefarbenem Kunststoff und die Zierteller mit den ländlichen Motiven noch nie gesehen hatte. Und wo waren ihre Sachen gelandet? Die Spielsachen, die Schulsachen?

Bei ihrem ersten Gang durch das Haus hatte Flora zwar ihr ehemaliges Kinderzimmer unter dem Dach gefunden, jedoch leer geräumt wie eine Mönchszelle, nur mit einem schmalen Bett mit Matratze und einem zweitürigen Schrank möbliert. Die Gardinen und bunt gemusterte Vorhänge hingen vor den Fenstern, damit von außen alles normal aussah. Doch in diesem Haus war nichts normal.

Sie hat mich eliminiert, dachte Flora. Jede Erinnerung an mich ausgemerzt. Die Erinnerungen an ihre Tochter versteckt vor der Welt und vor sich selbst … War das ihre Mutter gewesen oder auch ihr Vater? Hatte er sich daran beteiligt? Flora bekam es zeitlich nicht zusammen: Wann war sie weggeholt worden, und wann hatte ihr Vater sich mit seiner Dienstwaffe erschossen? Es war alles schwer erträglich. Und nun war sie hier. Die Konfrontation mit der Vergangenheit war unausweichlich.

Im Flur im oberen Stockwerk gab es eine Deckenluke mit einem Haken daran. Flora fand den dazugehörigen Metallstab hinter einer Zimmertür, öffnete die Luke und zog an der Leiter, die sich quietschend entfaltete. Staub rieselte auf Flora herunter.

Auf dem Dachboden war es kühl und feucht. Ein Luftzug strich durch die nicht isolierten Dachpfannen. Eine einzelne Lampe an einem der Balken spendete fahles Licht. Der Spitzboden war so niedrig, dass Flora sich krabbelnd auf die Pappkartons zubewegen musste. Auf ein paar von ihnen stand mit einem dicken blauen Filzstift Flora geschrieben.

»Hier bist du also«, murmelte sie. »Was hast du eigentlich zu quaken?« Sarkasmus half. Zumindest so weit, dass sie die Laschen aufziehen und in den ersten Karton hineinsehen konnte. Puppen, Plüschtiere und Puppensachen. Schale, undeutliche Erinnerungen stiegen in Flora auf. Sie fand Kleidungsstücke, Schulsachen, ein Lego-Haus ohne Dach und mit Fenstern aus rotem Kunststoff. Sie meinte, sich daran erinnern zu können, wie sie ihr »Traumhaus« gebaut hatte, und presste die Faust vor den Mund. Barbiepuppen, ein Plastikpferd. »Iltschi«, flüsterte sie, Winnetous schwarzer Hengst. Dass sie weinte, merkte Flora erst, als sie die feuchten Flecken auf ihrer Jeans sah. Sie hatte alle Kartons mit ihrem Namen darauf durchgesehen. Eine einst glückliche und dann abrupt beendete Kindheit. War sie wirklich glücklich gewesen? Diese Gegenstände konnten darüber keine Auskunft geben.

Flora wollte ihre Suchaktion abbrechen. Sie tastete mit dem Fuß schon nach den Leiterstufen, um wieder hinunterzusteigen, als ihr Blick auf drei Kartons an der Stirnseite des Dachbodens fiel. Sie trugen die Aufschrift Joachim, wenn sie das im fahlen Licht von hier aus richtig entzifferte. Ihr Vater war tot – und drei Kartons waren alles, was ihre Mutter von ihm aufbewahrte? War Regina mit ihm genauso verfahren wie mit der in Ungnade gefallenen Tochter? Flora krabbelte zu den Kartons und öffnete sie.

Ringordner und lose Papiere. Sie klappte den ersten Ordner auf. Zeugnisse, Verträge, Rechnungen. Dann den zweiten. Ihr stockte der Atem, als sie die Seiten überflog. Das hier … handelte von ihr. Von dem, was ihr widerfahren war, bevor man sie weggeholt hatte. Bevor ihre Welt zerstört worden war. Ihr Vater war nicht an den Ermittlungen beteiligt gewesen, hatte man ihr erzählt. Er galt als befangen und hatte sich aus allem heraushalten müssen. Und nun hielt sie den Beweis dafür in der Hand, dass er sich nicht herausgehalten hatte. Da waren Berichte von offiziellen Stellen, fotokopiert, außerdem handschriftliche Aufzeichnungen, Namen, Aktenverweise, Skizzen, Listen, Fragen … Ihr Vater hatte Fragen gestellt! Oder, besser noch, er hatte sich letztlich die entscheidende Frage gestellt: Er hatte wissen wollen, ob seine Tochter wirklich schuld an Simon Hertlings Tod war. Der Inhalt des Ordners erzählte vom Suchen, von Zweifeln und vom Hoffen ihres Vaters. Eine systematische und trotzdem verzweifelte Jagd nach Hinweisen, wie Flora diversen handschriftlichen Notizen entnehmen konnte.

Sie blätterte durch die unzähligen Kopien von Berichten und Formularen. Es waren Tatortbeschreibungen, Ausführungen der Spurensicherung, Vernehmungsprotokolle und sogar die Kopie eines Obduktionsberichtes. Flora zögerte kurz, blätterte dann hastig weiter. Stattdessen widmete sie sich einem Stoß ausgedruckter E-Mails. Die Mails waren zwischen ihrem Vater und einer Frau namens Merel hin- und hergegangen. Wer war das? Flora glaubte, diesen Namen noch nie zuvor gehört zu haben. Auch die E-Mail-Adresse verriet ihr nichts. Flora vermutete, dass es sich bei der Frau um eine Kollegin handelte, die ihn bei seinen privaten Nachforschungen unterstützt hatte. In den Mails ging es trotz eines vertraulichen Tons hauptsächlich um ihren Fall. Beim Lesen traten Flora mehrmals Tränen in die Augen, die sie ungeduldig fortwischte. Ihr Vater hatte anscheinend für möglich gehalten, was sonst niemand in Erwägung gezogen hatte: dass sie unschuldig war.

5. Kapitel

In der Nacht nach der Sichtung der Kartons quälten Flora Albträume, aus denen sie mehrmals schwitzend und mit rasendem Herzschlag erwachte. Das Gefühl der Beklemmung und die schlechte Stimmung begleiteten sie noch bis weit in den Vormittag hinein. Sie konnte sich nicht auf ihre Arbeit am Laptop konzentrieren, tigerte im Haus auf und ab und starrte minutenlang hinaus auf die stille Dorfstraße. So ging das nicht. Sie musste etwas unternehmen.

Ihre Suche nach einer Frau namens Merel war ergebnislos verlaufen. Doch in den Aufzeichnungen ihres Vaters war immer wieder der Name Bernhard Altmann aufgetaucht, einmal sogar zusammen mit einer Festnetznummer.

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