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Ostseejagt

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Zitat
  5. 1. Kapitel
  6. 2. Kapitel
  7. 3. Kapitel
  8. 4. Kapitel
  9. 5. Kapitel
  10. 6. Kapitel
  11. 7. Kapitel
  12. 8. Kapitel
  13. 9. Kapitel
  14. 10. Kapitel
  15. 11. Kapitel
  16. 12. Kapitel
  17. 13. Kapitel
  18. 14. Kapitel
  19. 15. Kapitel
  20. 16. Kapitel
  21. 17. Kapitel
  22. 18. Kapitel
  23. 19. Kapitel
  24. 20. Kapitel
  25. 21. Kapitel
  26. 22. Kapitel
  27. 23. Kapitel
  28. 24. Kapitel
  29. 25. Kapitel
  30. 26. Kapitel
  31. 27. Kapitel
  32. 28. Kapitel
  33. 29. Kapitel
  34. 30. Kapitel
  35. 31. Kapitel
  36. 32. Kapitel
  37. 33. Kapitel
  38. 34. Kapitel
  39. 35. Kapitel
  40. 36. Kapitel
  41. Nachwort der Autorin

1. Kapitel

Die Morgenluft war feucht und überraschend kalt und vertrieb den letzten Rest von Müdigkeit und Bettschwere. Den Widerwillen gegen das, was er tun musste, beseitigte sie nicht. Robert Jensen zog den Reißverschluss seiner Laufjacke über dem runden Bauch nach oben und die Strickmütze tiefer in die Stirn. Die Nebeneingangstür des Hotels hatte er sacht hinter sich ins Schloss gezogen. Seine Frau Stine und seine Tochter Jessika waren schon aufgestanden, aber er wollte nicht riskieren, ihre zurzeit einzigen Gäste, zwei ältere Paare aus Wuppertal, zu wecken. Sie waren in den Appartements im Seitenflügel untergebracht. Wahrscheinlich konnten sie ihn sowieso nicht hören, doch das ständige Rücksichtnehmen war ihm schon in Fleisch und Blut übergegangen. Einer der Gäste hatte verkündet, morgens Vögel beobachten zu wollen, und sich als wahre Morgenlerche gepriesen. Er musste zusehen, dass er dem hier draußen nicht schon über den Weg lief. Jespers Holzbank nahm Jensen nur aus dem Augenwinkel wahr und vermied es wie immer, richtig hinzusehen. Stattdessen fiel ihm auf der Terrasse das leere Bierglas auf, das ein Gast auf der Balustrade hatte stehen lassen.

Er stieg die Außentreppe hinunter und folgte dem Plattenweg zur Uferstraße. Jensen überquerte die Straße und die Grünfläche mit dem Kinderspielplatz, um zum Strand zu gelangen. Das Gras war noch klatschnass vom Tau. Er kreuzte die um diese Uhrzeit menschenleere Strandpromenade und stapfte durch den weichen Sand in Richtung Wasser. Eine Möwe segelte über ihn hinweg und schrie heiser. Jensen atmete tief durch.

Vor ihm lag die bleigraue Ostsee, über die sich ein weiter anthrazitfarbener Himmel spannte. Er konnte die Horizontlinie schon ganz schwach vor sich ausmachen. Der Strand schimmerte feucht, ein Schwanenpaar schaukelte auf dem Wasser. Es dämmerte bereits.

Doch Jensen hatte keinen Sinn für die Schönheit des Morgens, wenn er trainieren musste. Er wandte sich nach rechts, ging in strammem Tempo am Wassersaum entlang, wo der Sand fest, aber nicht zu nass für seine neuen, lächerlich teuren Sportschuhe war. Die Muschelschalen zwischen dem angeschwemmten Seetang knirschten unter seinen Schritten. Er atmete den Geruch von Meer, verrottenden Algen und Fisch ein. Sein Arzt hatte ihm zu regelmäßiger Bewegung geraten, wenn er seinen sechzigsten Geburtstag noch gesund erleben wollte. Er hasste den Mann.

Nach ein paar Minuten tauchte rechter Hand das Hotel Baltic Pride auf, dessen geschwungene Fassade mit den ausgedehnten Fensterflächen er während des Frühsports ebenso sehr hasste wie seinen Hausarzt. Die Fünf-Sterne-Herberge hatte im letzten Jahr neu eröffnet. Bekannte hatten ihm gesteckt, dass die Geschäftsführung neuerdings einen renommierten Koch aus Hamburg engagiert hatte. Verdammt wollte er sein, wenn er sich von dem ausstechen ließ.

Jensen beschleunigte seine Schritte, sodass er zu schnaufen begann. Er würde wie immer bis hinter den Jachthafen gehen, doch heute erschien ihm seine übliche Tour anstrengender als sonst. Unter der dünnen Trainingsjacke brach ihm der Schweiß aus.

Am Hafen verließ er den weichen Sand und ging auf dem Pflaster und dann dem geschwungenen Holzsteg weiter. Hinter dem Hafenbecken wurde der Geruch nach Fisch und Algen wieder intensiver. Vor ihm lag nun der unbewachte Strandabschnitt mit der Steilküste. Hierhin verirrten sich hauptsächlich Naturliebhaber, Wanderer und im Hochsommer FKK-Anhänger. Rechts befanden sich auf einem gepflasterten Areal mehrere Grills und ein Holzhaus für die Touristen. Dahinter stieg das Gelände zum Steilufer hin an, durchsetzt mit Büschen und anderem Grünzeug. Jensen blieb stehen und lauschte. Es war windstill und die Ostsee so ruhig wie ein Tümpel. Keine Menschenseele weit und breit, nicht einmal der Vogelfreund aus seinem Hotel war zu sehen. Und das war auch besser so.

Er stieg den beschwerlichen Pfad vom Strand zum Steilufer hinauf, der im Dämmerlicht besonders tückisch war. Oben angekommen, versuchte Jensen schnaufend und mit einer Hand auf der Brust, wieder zu Atem zu kommen. Doch er keuchte auf.

Die Frau auf dem Boden war nicht zu übersehen! Sie lag neben dem Abfallbehälter, wie Müll, der einfach weggeworfen worden war. Jensen stand nur da, unfähig, sich zu rühren. Er starrte auf die reglos daliegende Gestalt, nahm jede Einzelheit wahr und wusste, dass sich das Bild dabei in sein Gedächtnis brannte. Trotz des schwachen Lichts sah er, dass sie eine dunkle Hose trug, schwarze Stiefeletten und eine hellgraue Jacke, doch ihr Kopf … Ihm wurde schwindelig, denn dort, wo der Kopf der Frau hätte sein sollen, befand sich eine Plastiktüte. Der Kopf steckte in der Tüte, die mit den Farben und dem Logo eines Discounters bedruckt war.

Jensen wurde bei dem Anblick heiß und kalt zugleich. Das Gefühl, dass hier etwas sehr Unwirkliches geschah und er möglicherweise gleich in Ohnmacht fiel, beschlich ihn. Irgendwie schaffte er es, sich zusammenzureißen, und ging mit zittrigen Beinen auf die Tote zu. Die Frau musste tot sein. Er war sich sicher, dass sie tot war. Ihre Glieder waren unnatürlich verdreht, die Kleidung nass und schmutzig. Er fasste sie vorsichtig am Jackenärmel, der grünbraun verschmiert war, und hob ihn an. Der Arm ließ sich kaum bewegen, war steif wie ein Ast. Leichenstarre! Voller Grauen, doch gegen seinen Willen auch fasziniert, starrte er auf die teilweise zerfetzte Plastiktüte über dem Gesicht der Toten. Er erahnte die Konturen von Stirn, Nase, Mund, Zähnen. Nichts schien am richtigen Platz zu sein. Da waren viel zu viel geronnenes Blut und wirres Haar, eine kaum definierbare Masse, die unter der schmutzigen Plastikfolie hervorlugte. Er würde nie wieder etwas essen können, was in so einer Tüte transportiert worden war.

Jensen taumelte rückwärts. Er keuchte noch einmal und zog dann sein Mobiltelefon aus der Jackentasche. Nichts stimmte mehr an diesem Morgen. Es war alles falsch. Er wankte ein paar Schritte zurück und drehte sich in Richtung Meer. Die Aussicht beruhigte ihn so weit, dass er die Nummer eintippen konnte.

»In Dörnitz hinter dem Jachthafen, oben auf dem Steilufer am Wanderweg, liegt eine tote Frau«, sagte er zu der vertrauenerweckend ruhigen Stimme, die sich in der Einsatzleitstelle meldete. »Nein – ich kenne sie nicht. Das vermute ich wenigstens. Aber ich kann … Ich kann ihr Gesicht nicht sehen.«

Durch das Fenster des Cafés Frøken Wildhagen blickte Pia auf die unterschiedlichen Fassaden der Häuser in der Beckergrube. Treppengiebel aus rotem Backstein mit Sprossenfenstern wechselten sich mit Nachkriegsbauten ab. Sie lehnte sich in die Rückenkissen der langen Bank zurück und genoss die entspannte Atmosphäre. Durch die Straßen der Lübecker Altstadt wehte an diesem Mittwochmorgen ein kühler Januarwind, doch im Café war es warm. Der Geruch von Backwaren und Kaffee, leise Musik und Stimmengemurmel erfüllten den Raum. Fast alle Tische waren besetzt. Nur gut, dass Lars reserviert hatte.

Von ihrem Platz aus überblickte Pia das Lokal und auch, was sich draußen abspielte. Ein paar Autos, die in die Straße An der Untertrave abbiegen wollten, rollten vorüber. Eine junge Frau schob einen altmodischen Kinderwagen, und ein paar Schulkinder gingen an der Schaufensterscheibe vorbei. Lars saß Pia gegenüber und studierte die Karte. Die Sonnenstrahlen fielen auf sein hellbraunes Haar, das noch von längst vergangenen Sommertagen ausgebleicht war. Er hatte die Ärmel seines Sweatshirts hochgeschoben, und die blonden Härchen auf seinen Armen schimmerten. Er passt gut in dieses skandinavische Ambiente, dachte Pia, die ihn müßig betrachtete.

»Ich nehm das Luksus-Frühstück mit Caffè Americano«, sagte er. »Luksus mit ›k‹. Und du?«

»Ich nehme das Smörrebrød und den hausgemachten Vanillequark mit Kirsch-Crunch. Und ebenfalls ganz viel Kaffee.«

Er lächelte. »Sag noch mal Kirsch-Crunch, bitte.«

»Erst wenn ich bestelle.«

»Wollen wir einen Sekt dazu?«

»Ups. Gibt es etwas zu feiern?«

»Vielleicht – später.«

Lars legte die Karte auf den Tisch und sah Pia mit seinen blauen, grau gesprenkelten Augen unverwandt an. Was war bloß heute los? Seine rechte Hand, die sogar im Winter gebräunt war, strich leicht über ihre. Die Berührung löste so etwas wie einen Stromschlag in ihr aus. Pia schluckte. Sie sah auf ihrer beider Hände auf dem Tisch, seine kräftig und mit winzigen Narben, wohl von den vielen kleinen Unfällen, die mit handwerklicher Arbeit einhergingen, ihre schmal, blass und glatt. Beide ringlos. War das wirklich nur ein harmloses Frühstück zu zweit? Sie zumindest war auf nichts anderes vorbereitet.

Frau Wildhagen, die zu ihnen an den Tisch trat, rettete sie. Und Pias Telefon, das in diesem Moment vibrierte. An der angezeigten Nummer sah sie, dass es dienstlich war. Sie hatte beinahe reflexartig befürchtet, der Anruf käme aus dem Kindergarten und hätte mit ihrem Sohn zu tun, doch so oder so musste sie das Gespräch annehmen. Pia machte eine entschuldigende Geste und meldete sich.

Lars bat die Cafébesitzerin, einen Moment später noch einmal wiederzukommen. Er musterte Pia mit zusammengezogenen Augenbrauen und ließ den Blick dann durch das Lokal schweifen.

»Das ist jetzt gar nicht gut.« Pia steckte ihr Telefon wieder ein. Sie spürte einen Druck in der Magengegend, der nichts mit Hunger zu tun hatte.

»Was ist los? Ist was mit Felix?«

»Nein, das war nicht der Kindergarten.« Pia seufzte. »Es war Manfred Rist. Sie haben einen Leichenfund an der Ostsee, ein nicht natürlicher Tod«, sagte sie gedämpft, um nicht gleich das halbe Lokal zu informieren. »Ich muss sofort los.« Als sie die Nummer ihrer Dienststelle auf dem Display gesehen hatte, hatte sie sich schon so etwas in der Art gedacht. Pia Korittki arbeitete als Kriminalhauptkommissarin bei der Bezirkskriminalinspektion Lübeck, im K1, der Mordkommission. Heute war ihr freier Tag. Ihre Kollegen, allen voran der Leiter der Mordkommission, Manfred Rist, riefen sie nicht aus Jux und Tollerei an, nicht, wenn es nicht irgendwo brannte.

»Oh, dann war es das schon mit deinem freien Tag?«, fragte Lars in einem so neutralen Tonfall, dass die Enttäuschung dahinter umso deutlicher spürbar war.

Pia registrierte es zwar, wusste aber nicht, wie sie die Situation retten könnte. Ihre Gedanken galten schon der Organisation ihrer nächsten Schritte. »Tut mir wirklich leid. Ich hatte mir das auch anders vorgestellt.«

Am Nebentisch wurden gerade Quiche und »French Egg« serviert, und der Duft zog zu ihnen hinüber. »Du solltest hierbleiben und trotzdem was essen«, sagte sie. »Es sieht wirklich großartig aus.«

»Pia, darum geht es nicht. Ich wollte etwas mit dir besprechen, aber … egal.« Er schüttelte resigniert den Kopf. »Soll ich dich schnell mit meinem Auto zum Polizeihochhaus fahren?«

Lars hatte sie mit seinem alten Landrover abgeholt. Ab und zu bestand er darauf, das abenteuerliche Gefährt auszuführen. Pias Wagen, ein unauffälliger Kombi, stand vor ihrer Wohnung in der Adlerstraße.

»Nein. Ich soll direkt zum Fundort kommen. Ich bestell mir ein Taxi nach Hause und fahr von dort aus los.«

»Unsinn! Ich bring dich zu deinem Auto.«

»Und das Frühstück?«

»Allein macht es keinen Spaß. Wir versuchen es eben an einem anderen Tag noch einmal.« Er ging an den Tresen und erklärte die Situation.

Die Betonung lag auf »versuchen«, was Pias schlechtes Gewissen noch verstärkte, obwohl sie nichts dafürkonnte, dass das gemeinsame Frühstück geplatzt war. Mit einer Polizistin befreundet zu sein barg eben gewisse Risiken, und sie fragte sich nicht zum ersten Mal, ob sie ihm nicht zu viel zumutete. Ob sein Verständnis von Dauer sein würde.

Als sie unter dem Getöse des alten Landrovers in die Adlerstraße fuhren und Lars in zweiter Reihe neben Pias Wagen hielt, hatte sie das Ziel ihrer anstehenden Fahrt schon in ihr Mobiltelefon einprogrammiert. Dörnitz war ein beliebter Badeort an der Ostsee, nur etwa eine knappe Dreiviertelstunde Autofahrt von Lübeck entfernt, zumindest, wenn man gut durchkam. Pia hoffte, dass die aktuelle Baustelle auf der A1 keinen allzu großen Stau verursachen würde.

»Tut mir leid, dass das mit unserem Frühstück nicht geklappt hat. Doch wir holen es nach. Bestimmt!« Pia sah Lars in die Augen und unterdrückte einen Seufzer. Sie kannte diesen Gesichtsausdruck: Er war sauer und enttäuscht, fand es aber unter seiner Würde, es sich anmerken zu lassen. »Ich melde mich, wenn ich absehen kann, wie lange es heute dauert. Und danke fürs Fahren.« Sie beugte sich zu ihm hinüber und küsste ihn.

»Sei vorsichtig, Pia.«

Sie stieß die Autotür mit dem etwas hakeligen Schloss auf und sprang aus dem Wagen, nicht ohne sich dabei noch einen Schmierölfleck vom Türschloss auf ihrer Jacke einzuhandeln. Sie lernte es offenbar nie. Pia sah Lars noch einmal an, bevor sie die Beifahrertür schloss. Er nickte ihr zu und fuhr schwungvoller, als sie es dem betagten Gefährt zugetraut hätte, davon. Sie sah ihm nach, bis der kantige Wagen, der sich in der afrikanischen Steppe besser gemacht hätte als zwischen den Jugendstilhäusern und parkenden Mittelklassewagen, hinter der nächsten Kurve verschwunden war. Zurück blieben Pias schlechtes Gewissen und der Geruch nach Diesel.

Sie kramte ihre Hausschlüssel hervor, um sich noch schnell für die Arbeit umzuziehen. Als sie vorn um ihr Auto herumging, stutzte sie. Sicher, der Wagen brauchte dringend mal wieder eine Wäsche, am besten auch eine Innenreinigung, doch das war noch lange kein Grund, auf dem staubigen Lack der Motorhaube herumzukritzeln.

Ich krieg dich, Schlampe!, stand da in ungelenken Buchstaben.

Reizend, dachte Pia. Welcher Idiot …? Ihr Blick wanderte weiter zum Kühlergrill. Dort hing, mit einem Kabelbinder befestigt, eine tote Amsel. Das schwarze Gefieder war struppig, die Augen gebrochen, wie offensichtlich auch das Genick des Vogels. Erste Maden hatten sich des Kadavers bemächtigt. Pia schluckte. Sie wusste nicht, was ihr mehr zusetzte: die verbale Drohung, der tote Singvogel oder der verwendete Kabelbinder? Obwohl es im Moment vollkommen windstill war und sie warm angezogen in der Sonne stand, wurde ihr bei dem Anblick eiskalt.

2. Kapitel

Das Ostseebad Dörnitz wirkte friedlich, die Bürgersteige sauber gefegt, die Gärten und Häuser unter dem makellos blauen Winterhimmel gepflegt. Es waren kaum Menschen unterwegs. Die kurze Weihnachtssaison war vorüber, und die Osterfeiertage lagen noch in weiter Ferne. Pia folgte der Beschilderung zum Jachthafen. Unten am Strand regelte ein Kollege in Uniform die Zufahrt in Richtung Hafen und damit zum Tatort. Pia wies sich aus und durfte passieren. Sie fuhr die in sanften Wellenlinien verlaufende Straße am Hafenbecken entlang bis zu ihrem Ende. Zwei Streifenwagen, mehrere Zivilfahrzeuge und der neue Mercedes Bus der Spurensicherung parkten rechts der Straße. Rot-weißes Absperrband, Männer und Frauen in Uniform, Menschen in weißen Overalls, überhaupt viel zu viele geschäftige Leute störten die winterliche Beschaulichkeit des Badeortes. Links schimmerte die Ostsee – unbeeindruckt, schoss es Pia durch den Kopf – im Licht des Vormittags.

Die Aktivität im abgesperrten Bereich konzentrierte sich auf das Steilufer hinter einer Art Grillstation unter freiem Himmel. Der Grillplatz bestand aus zwei gemauerten Grills, Holzbänken und Tischen davor und einer Holzhütte rechts davon.

Pia ließ sich von einer uniformierten Kollegin zum Tatort führen. Dazu mussten sie hinter dem Grillplatz ein Stückchen Strand überqueren und dann einen ausgewaschenen Pfad die Steilküste hinaufsteigen. Der Weg war vom Regen der vergangenen Tage und von den vielen Leuten, die ihn schon begangen hatten, rutschig. Pia gelangte auf eine kleine Wiese oberhalb des Steilufers. Seitlich rahmten hohe Büsche den Platz ein, und ein Stück verkohltes Holz verriet, dass dies wohl ein recht beliebter Treffpunkt war, auch um ein Lagerfeuer zu machen.

Die Tote, die sie alle hierhergeführt hatte, lag am Rand der Wiese neben einem Abfallbehälter aus schwarzem Kunststoff mit einem blauen Müllsack darin. Pia war spät dran. Die erste Untersuchung vor Ort war offensichtlich schon beendet, und die Leiche wurde gerade in einen Leichensack gehoben. Der Wagen eines Bestattungsinstituts fuhr unten am Wendehammer vor. Sie beneidete die Männer nicht, die die Tote irgendwie hinunterbringen mussten.

Pia begrüßte die Kollegen und ließ sich von Heinz Broders, mit dem sie zumeist ein Team bildete, informieren, womit sie es hier zu tun hatten.

»Weibliche Leiche mit einer Plastiktüte über dem Kopf. Auf das Gesicht wurde durch die Tüte hindurch mit einem harten Gegenstand eingeschlagen«, berichtete Broders. »Wahrscheinlich mit einem Stück Holz oder einem Stein.« Er blickte zum Naturstrand hinunter. »Gibt hier ja ein paar mehr davon … Wir Holsteiner sind steinreich.«

»Wurde die Frau mit der Tüte erstickt?«

Er zuckte mit den Schultern. »Die Todesursache steht noch nicht fest«, informierte er sie. »Wir haben übrigens eine neue Rechtsmedizinerin aus Kiel hier. Frau Doktor Jette Fitschen. Frisch von der Uni, würde ich sagen.«

»Warum kommt unser Enno Kinneberg nicht?«

»Ist wohl im Urlaub. Daher übernimmt das Institut in Kiel.«

Pia zog die Augenbrauen zusammen. Es wurde schon länger gemunkelt, dass in Sachen Rechtsmedizin über noch mehr Einsparungen nachgedacht wurde. Ein Institut für Rechtsmedizin statt zweien, wo sich die Arbeit dort eh bereits stapelte. Ein unangenehmer Gedanke, wenn es sich dabei um Leichen handelt, ging Pia dann auf.

Sie beobachteten, wie die Tote in einem Zinksarg davongetragen wurde. »Dieser Weg ist doch sicher nicht der einzige zum Tatort«, sagte Pia.

»Stimmt. Es gibt noch einen Wanderweg hier oben. Zu Fuß ist der auch kein Problem, aber für Autos ist er zu schmal. Ein paar unserer Leute haben schon versucht, von hinten über den Acker hierher zu fahren, doch die Wagen sacken zu tief ein, und der Boden ist rutschig wie Schmierseife. Wir bräuchten einen Panzer.«

»War weiter vorn nicht auch noch eine Treppe?«

»Ja, aber die liegt etwa dreihundert Meter in Richtung Ortschaft. Das ist ihnen wohl zu weit.«

Sie schwiegen einen Moment. Pia ließ die besondere Umgebung des Tatortes auf sich wirken. Im Sommer war es bestimmt ein beliebter Platz, mit Blick über den Hafen und den Strand. Eine geschützte Wiese, dahinter der Weg an der Steilküste entlang. Doch was hatte die Frau mitten im Januar, wahrscheinlich abends oder in der Nacht, hier oben zu suchen gehabt? »Wissen wir schon, wer die Tote ist?«, fragte Pia.

»Nein. Sie hatte keinerlei Papiere bei sich, und das Gesicht ist ja wie gesagt unkenntlich gemacht worden. Kein schöner Anblick.« Broders schüttelte sich, schien sich innerlich von der Erinnerung lösen zu müssen, bevor er weitersprach. »Ein Mann aus Dörnitz hat das Opfer gefunden. Kein Tourist, ein Einheimischer. Er arbeitet in einem der Hotels, soweit ich es mitbekommen habe, oder es gehört ihm sogar. Aber er sagt, er kennt die Frau nicht.«

»Hat er etwa von sich aus die Tüte entfernt?«

»Nein, doch wir haben ihm ihr Gesicht später gezeigt. War tapfer, der Mann. Aber dann hat er sich doch noch erbrochen.«

»Das Opfer hatte also auch keine Ausweispapiere bei sich? Kein Handy, keine Handtasche, nichts?«

Broders schüttelte den Kopf. »Entweder hat der Täter alles mitgenommen, oder sie ist ohne etwas rausgegangen. Sie wollte vielleicht nur mal kurz an die frische Luft, zu einem Abendspaziergang oder so? Sie hat wohl erwartet, gleich wieder zurück zu sein. Was man halt so denkt …«

Pia nickte. Wer rechnete schon mit Mord, hier, in einem Schleswig-Holsteinischen Seebad? »Wie alt war die Frau?«, fragte sie. »Was schätzt ihr?«

»Schwer zu sagen. Doktor Fitschen vermutet, dass das Opfer zwischen dreißig und vierzig Jahre alt war. Sportlich trainiert, viel der Sonne ausgesetzt, braunes, leicht welliges Haar. Halblang.«

»Sonne?«, fragte Pia. »Dann kann sie nicht hier aus der Gegend sein.« Die letzten Wochen waren nass und ausgesprochen grau gewesen. »Wie lange ist die Frau schon tot?«

»Doktor Fitschen hat ein Zeitfenster zwischen gestern Abend um acht und heute früh um eins angegeben. Gefunden wurde die Tote heute Morgen gegen halb acht. Die Rechtsmedizinerin war aber erst um zehn Uhr hier.«

»Das grenzt es nicht sehr ein.«

»Doktor Fitschen legt sich noch nicht so genau fest. Verständlich, wenn man neu ist und gleich auf einen wie unseren Rist trifft.« Er grinste schief, und sie sahen beide zum Leiter der Mordkommission hinüber.

»He, Pia«, rief Manfred Rist, ihrer beider Vorgesetzter, als hätte er seinen Namen gehört. Er war bis eben in ein Gespräch mit besagter Rechtsmedizinerin vertieft gewesen und hatte Pia zuvor, als er sie erblickt hatte, mit einer ungeduldigen Geste zum Warten aufgefordert. »Wir haben keine Zeit für Plauderstündchen, so leid es mir tut.« Sein Blick wanderte zwischen Broders und Pia hin und her, als wollte er abschätzen, von wem der beiden am ehesten Widerstand zu erwarten war. »Es gibt mehr als genug zu tun.«

»Freut mich. Ich wäre ungern umsonst hier herausgekommen«, erwiderte Pia. Lars’ Gesichtsausdruck, als er sie vor ihrem Haus abgesetzt hatte, kam ihr wieder in den Sinn.

»Keine Sorge«, sagte Rist und kontrollierte noch mal sein Telefon. Das wurde langsam zu einer Manie.

Pia musterte die neue Rechtsmedizinerin, die ebenfalls mit ihrem Smartphone beschäftigt war. Sie schien sich selbst ein paar Bemerkungen zu dem Leichenfund aufzusprechen. Mit ihren sehr kurzen Haaren, der dickrandigen Brille, dem dunkelgrauen Mantel und der dunklen Lederaktenmappe unter dem Arm machte sie einen kompetenten und leicht unnahbaren Eindruck. So jedenfalls interpretierten sicher einige der anwesenden Männer ihren Auftritt.

Manfred Rist folgte ihrem Blick. »Kennst du sie schon? Doktor Fitschen aus Kiel.«

»Ich hatte noch nicht das Vergnügen.«

Er stellte sie einander vor.

»Ich hab schon von Ihnen gehört«, sagte die neue Rechtsmedizinerin und lächelte, bevor sie erstaunlich geschickt den Pfad hinunter in Richtung Parkplatz lief.

»Na schön«, sagte Rist. »Robert Jensen, der Hotelier und Koch, der unser Opfer gefunden hat, musste nach seiner ersten Aussage eben dringend in sein Hotel zurück. Das Mittagessen für seine Gäste vorbereiten oder so. Ihr geht gleich noch mal zu ihm und lasst euch den exakten Ablauf heute Morgen, wie er die Tote entdeckt hat und so weiter, von ihm schildern. Jedes Detail. Wenn er nicht kooperiert, nehmen wir ihn mit nach Lübeck.«

»Warum sollte er nicht kooperieren?«, fragte Broders verblüfft.

»Er scheint mir ein eigensinniger Typ zu sein.« Rist wies mit dem Kinn in Richtung Dörnitz. »Ihm gehört das Hotel Jensen. Nicht gerade das erste Haus hier im Ort. Aber ein alter Familienbetrieb. Dort findet ihr ihn in der Küche – jederzeit. Das hat er mir versichert.«

Sie nahmen den Wagen, mit dem Broders nach Dörnitz gefahren war, um zum Hotel Jensen zu gelangen, da Pias Auto von den Leuten von der Presse, die sich inzwischen ebenfalls eingefunden hatten, blockiert worden war. Sie fuhren auf den beinahe leeren Hotelparkplatz vor dem Hotel Jensen. Ein Weg aus Waschbetonplatten führte bergan, denn das Hotel lag erhöht an einem Hang und überblickte von dort aus den Strand und die Ostsee.

»Bin ich im Gebirge gelandet, oder was?« Broders legte den Kopf in den Nacken, um hochschauen zu können. Sie stiegen eine steile Treppe zwischen fast mannshohen Büschen hinauf und gelangten auf die Hotelterrasse, wo sich der Eingang befand. Pia ging voraus, betrat die Empfangshalle des Hotels und wandte sich an die Rezeption.

Eine Frau trat aus dem Büro dahinter. Sie war klein und rundlich, mit gelbblond gefärbten, kurzen Haaren und einer Stupsnase. Ihre Bewegungen waren fahrig, sie wirkte gestresst. »Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?«, fragte sie mit einem professionellen Lächeln.

Pia erklärte, wer sie waren und dass sie Robert Jensen noch einmal sprechen müssten.

»Oh. Er hat mir schon gesagt, dass es noch nicht vorbei sein würde. Es ist für uns alle so ein Schock!« Sie sah unbehaglich in Richtung Treppe, als erwartete sie, dass jeden Moment Hotelgäste herunterkommen und das Gespräch mit anhören könnten. »Eine Tote bei uns am Strand. Furchtbar. Ich bin übrigens Stine Jensen, Roberts Frau. Und mein Mann ist in der Küche. Ich schau mal, ob er jetzt einen Augenblick Zeit für Sie hat.«

»Das wollen wir doch schwer hoffen«, sagte Broders halblaut, nachdem Stine Jensen nach hinten verschwunden war.

Robert Jensen überragte seine Frau um beinahe zwei Köpfe. Er war stämmig, hatte einen Kugelbauch und trug eine weiße Kochuniform samt langer Schürze und Mütze. Er sah höchst professionell aus, wie er da vor ihnen stand, umweht von dem Geruch nach angebratenem Speck und Wildfonds. Pia knurrte nach ihrem knapp verpassten Frühstück so laut der Magen, dass sie sich räusperte, um das Geräusch zu überspielen. Jensen führte sie in einen Wintergarten hinter der kleinen Lobby, wo ein Rattansofa und zwei Sessel um einen niedrigen Glastisch standen, auf dem ein paar touristische Magazine auslagen.

Der Rattansessel knarzte protestierend, als der Koch Platz nahm. »Hier sind wir um diese Tageszeit ungestört«, sagte er, als sie alle saßen. »Unsere Gäste sind zu einem Ausflug aufgebrochen, und die nächsten erwarten wir nicht vor heute Nachmittag.«

»Dann ist also zu dieser Jahreszeit noch etwas los?«, fragte Pia, um das Eis zu brechen. »Der Januar ist ja nicht gerade Hochsaison.«

Jensen gab sich souverän, doch an seinem zuckenden Augenlid und der angespannten Haltung sah Pia, dass ihm sein Fund an diesem Morgen zu schaffen machte. Wahrscheinlich hatte er gleich nach seiner Rückkehr ins Hotel in die Küche gehen müssen, um weiter sein Tagewerk zu verrichten, und noch keine Zeit gehabt, auch nur ansatzweise über das Erlebte nachzudenken.

»Nein, der Januar ist eher ruhig. In den Weihnachtsferien war ziemlich viel hier los, aber im Moment plätschert es so vor sich hin.«

Broders zog sein Notizbuch aus der Tasche. Ihre interne Rollenverteilung sah vor, dass Pia es dann übernahm, die Fragen zu stellen. Sie erkannten inzwischen recht schnell, wer von ihnen mit welchem Zeugen am besten zurechtkommen würde. Pia bat den Koch, ihnen den Ablauf des Morgens noch einmal genau zu schildern. Hin und wieder stellte sie Zwischenfragen, aber das meiste ließ sie Jensen frei erzählen.

Er war um fünf Uhr aufgestanden und hatte um halb sechs Uhr in der Küche erste Vorbereitungen für den Tag getroffen. Um zwanzig nach sieben hatte er die als Nächstes anfallenden Arbeiten an einen Mitarbeiter übergeben und sich Sportsachen angezogen. Dann war er zu seinem morgendlichen Strandlauf aufgebrochen. »Laufen im Sinne von schnellem Gehen«, erklärte er, »aber ohne diese Stöcke, die die Leute neuerdings hinter sich herziehen. Nicht, dass das mein Hobby ist oder so, doch ich muss. Die Gesundheit …« Er sagte, er gehe immer denselben Weg, über die Promenade direkt an den Strand, dann rechts am Wasser entlang bis zum Jachthafen und weiter bis zum Naturstrand. »Da ist dann erst mal stopp«, erklärte er. »Dort bricht man sich ja die Haxen.« Hinter dem Jachthafen ging er stets die Steilküste hinauf, den Weg am Feldrand entlang und dann zurück ins Hotel. Alles in allem eine gute halbe Stunde. Das sei natürlich nur möglich, solange im Hotel noch nicht zu viel los sei und sein Azubi einige der Vorbereitungen allein treffen könne. Doch dieses Mal sei er oben am Steilufer auf der kleinen Wiese auf die Leiche gestoßen. »Ich dachte zuerst, es sei Müll.« Sein Gesicht wurde starr. »Ich hab vermutet, dass vielleicht über Nacht betrunkene Jugendliche dort randaliert haben oder dass ein größeres Tier in dem Abfalleimer gewühlt hat. Katzen oder ein Waschbär …« Er schüttelte den Kopf. »Als Hotelier fühle ich mich mit dafür verantwortlich, dass es im ganzen Ort anständig aussieht, nicht nur vor der eigenen Haustür. Also bin ich näher rangegangen, und da habe ich erst erkannt, dass dort eine Tote vor mir liegt«. Seine Hände, die bisher locker auf den hochstehenden Knien gelegen hatten, krampften sich zusammen.

»Was taten Sie dann?«, fragte Pia. »Bitte versuchen Sie, sich möglichst genau zu erinnern.«

»Ich hab sie angestarrt, bestimmt eine Minute oder so, um es überhaupt zu begreifen. Diese Tüte über ihrem Kopf, die Risse darin, sodass ich darunter das … zerstörte Gesicht erahnen konnte. Wer tut denn so etwas einem anderen Menschen an?«, sagte er hilflos. »Ich dachte, ich müsse überprüfen, ob die Frau vielleicht noch lebt, obwohl es ja nicht so aussah. Ich hab mich zu ihr runtergebeugt und ihren Arm angefasst, wollte ihn hochheben und …« Das Grauen stand ihm nun ins Gesicht geschrieben. »Sie war schon ganz steif. Man hört ja manchmal von Leichenstarre oder liest etwas darüber und realisiert es gar nicht so richtig. Die Frau ließ sich nicht mehr bewegen, ihr Körper war steif wie ein Brett. Da hab ich sofort die Polizei angerufen. Was sollte ich denn sonst tun?«

»Sie haben alles richtig gemacht«, bestätigte Pia. »Das Auffinden eines Toten versetzt den meisten Menschen einen Schock. Sie sollten überlegen, ob Sie nach unserem Gespräch nicht mit jemandem darüber reden wollen. Mit einem Psychologen, meine ich. Manchmal hilft das.«

»Unsinn«, entgegnete er barsch. »Ich komme schon klar.«

Pia zuckte mit den Schultern. »Es ist Ihre Entscheidung.«

»Dann haben Sie die tote Frau also angefasst«, stellte Broders fest. »Ohne Handschuhe, nehme ich an.«

Jensen sah auf seine Hände, die immer noch auf den Knien ruhten. »So war es.«

Alle Spuren, die sie möglicherweise rein äußerlich an der Leiche fanden und die auf Robert Jensen hindeuteten, wären somit erklärbar. Gut für ihn.

»Sie haben am Telefon gesagt, dass Sie die Frau nicht kennen. Wie ist es jetzt, nachdem Sie etwas Zeit hatten, darüber nachzudenken? Haben Sie eine Ahnung oder eine Idee, wer sie war?«

»Nein. Ich kenne sie nicht. Und ich nehme auch eher an, dass sie eine Touristin ist. Haben Sie im Hotel Baltic Pride und in den kleineren Pensionen und Appartementhäusern nachgefragt? Vielleicht wurde ja schon jemand beim Frühstück vermisst?«

»Wir kümmern uns darum«, sagte Pia.

Aus der Lobby hörten sie weibliche Stimmen. Der Koch reckte den Hals, um zu sehen, wer das war, sank dann wieder zurück in den Rattansessel. »Ich weiß, es ist noch sehr früh, aber … warum wurde die Frau ermordet?«, fragte Jensen mit gesenkter Stimme. »Wurde ihr etwas angetan? Sexuell, meine ich. Ich hab nämlich eine Tochter. Und … also, wenn so einer hier rumläuft, dann lasse ich Jessika nicht mehr allein aus dem Haus.«

»Es ist noch zu früh, um irgendetwas zu dem Motiv zu sagen«, erklärte Pia. »Wie alt ist denn Ihre Tochter?«

»Jessika ist vierundzwanzig. Herrgott, sie kommen einem immer viel jünger vor, nicht wahr?«

»Die brutalen Gesichtsverletzungen des Opfers sprechen nach vorherrschender Lehrbuchmeinung eher für ein persönliches Motiv. Starke Emotionen wie Hass oder so«, sagte Broders.

»Lehrbuch«, schnaubte Jensen. »Hauptsache, Sie kriegen den Kerl!«

»Die Statistik zumindest sagt Ja, zu fünfundneunzig Prozent. Oder waren es achtundneunzig Prozent? Mit einem Mord kommen die wenigsten Menschen davon.«

»Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel«, erwiderte Jensen. »Aber hoffen wir das Beste.«

Seine Frau tauchte im Durchbruch zum Wintergarten auf. »Entschuldigen Sie bitte!« Sie klang nicht sehr entschuldigend, eher genervt. »Kann mein Mann die Unterredung vielleicht mal für fünf Minuten unterbrechen? Die Eggerskamp ist gerade gekommen.« Sie riss die Augen weit auf. »Und der Betrieb hier läuft ja weiter.«

»Von meiner Seite aus sind wir sowieso durch«, sagte Pia und wandte sich an Jensen. »Es sei denn, Sie haben uns von sich aus noch etwas mitzuteilen?«

Er schüttelte den Kopf. Pia sah von einem zum anderen, und Broders klappte das Notizbuch zu.

3. Kapitel

In der Lobby stand eine Frau. Sie war ungefähr Anfang vierzig, schätzte Pia, und trank aus einer Kaffeetasse, die man ihr auf dem Rezeptionstresen serviert hatte. Auf der Untertasse lag unangetastet ein Keks.

In der dunkelgrünen, gesteppten Jacke und mit dem seidig schimmernden Halstuch mit Steigbügelmotiven, das sorgfältig in den Kragen ihrer hellblauen Bluse drapiert war, umwehte sie ein Hauch von Landedelfrau. Der akkurate Haarschnitt ließ gerade noch kleine Perlenohrstecker an ihren Ohrläppchen erkennen. Die Aufmachung war nicht Pias Stil, aber sie zollte der Konsequenz, mit der sie durchgezogen war, Respekt.

»Ah, da bist du ja, Robert, du Armer!« Die Frau begrüßte den Hotelbesitzer und Koch mit Küsschen links und Küsschen rechts, wobei sie sich in ihren modischen flachen Reiterstiefeln auf die Zehenspitzen stellen musste. »Wir sind alle schockiert. Hagen sagt ja …« Ihr Blick fiel auf Pia und Broders, als realisierte sie erst jetzt, dass sie nicht allein waren. Sie stoppte mitten im Satz und musterte sie neugierig.

»Ich hab gleich Zeit für dich, Dagmar. Nur einen Moment«, sagte Jensen. »Die Polizei ist gerade hier.«

»Oh, ich wollte nicht stören.«

Robert Jensen wandte sich an Broders und Pia. »Wir sind doch für heute fertig? Oder muss ich noch mal zu Ihnen aufs Revier kommen, um eine weitere Aussage zu machen oder so?«

»Wir melden uns bei Ihnen, wenn wir noch einmal Ihre Hilfe benötigen«, antwortete Pia. »Aber wir würden gern kurz mit Ihrer Frau sprechen, Herr Jensen.«

Er runzelte die Stirn. »Äh, sicher.« Jensen ging um den Tresen herum und schaute in einen Nebenraum. »Stine! Kommst du noch mal? Die Polizei hat auch an dich ein paar Fragen.«

Pia hörte eine gewisse Anspannung in seiner Stimme.

»Meine Frau kommt gleich zu Ihnen. Einen kleinen Moment bitte.« Jensen sah auf seine Armbanduhr, dann wandte er sich wieder der Frau am Tresen zu. »Worum geht es denn, Dagmar?«

»Um den Jägerstammtisch heute Abend. Du weißt doch, dass Werner morgen Geburtstag hat. Ich wollte einen Kuchen oder eine Pastete oder irgendwas organisieren, auf das man um Mitternacht ein paar Kerzen oder Wunderkerzen stecken kann. Als kleine Überraschung für ihn um zwölf. Dann können wir zusammen anstoßen. Das wäre doch nett.«

»Für Geburtstagskuchen seid doch eher ihr mit eurer Landbäckerei zuständig.«

»Ja, aber dann fiel mir ein, dass Werner ja nicht so auf Süßes steht. Und für uns Jäger wäre es doch passend …«

Er seufzte verhalten. »Eine Rehpastete? Dazu vielleicht einen Salat …«

»Bratkartoffeln«, schlug sie vor.

»Mitten in der Nacht?«

»Wenn es dir nicht zu viel Mühe macht, Robert?«

Pia erfuhr nicht mehr, wie die Verhandlungen weiter verliefen, doch sie vermutete, dass Robert Jensen den Kürzeren ziehen würde.

Stine Jensen eilte auf sie zu. »Sie wollen mich ebenfalls sprechen?«

»Ja. Am besten, wir gehen wieder in den Wintergarten«, schlug Pia vor.

»Oh.« Stine Jensen warf Dagmar Eggerskamp noch einen prüfenden Blick zu. »Gute Idee.«

Zweck der Übung war, sich von ihr die Zeit nennen zu lassen, zu der ihr Mann das Haus verlassen hatte. Eine erste Bestätigung von Robert Jensens Alibi. Er hatte behauptet, den Vorabend in der Küche verbracht zu haben, bis ungefähr Viertel vor zehn Uhr. Dann habe er seiner Frau an der Bar geholfen oder ihr vielmehr Gesellschaft geleistet, bis ihre Gäste sich verabschiedet hatten. Stine Jensen bestätigte seine Aussage. Die gemeinsame Tochter Jessika sei an dem Abend gegen acht nach Hause gekommen und habe sich danach in ihrer kleinen Wohnung aufgehalten, die sich in einem Seitenflügel des Hotels befand. »Manchmal hilft sie uns abends an der Bar. Aber gestern war sie zu müde«, berichtete Stine Jensen.

»Können wir auch mit ihr sprechen?«, fragte Broders.

»Nein, sie ist nicht hier. Tagsüber arbeitet Jessika in der Bankfiliale im Nachbarort.«

»Wissen Sie, wann Ihr Mann das Haus wieder verlassen hat?«

»Heute Morgen. Er steht immer früh auf. Wenn wir Gäste haben, so gegen fünf, um in der Küche alles vorzubereiten. Danach dreht er seine Walking-Runde am Strand. Dafür legt er sich nachmittags meistens noch mal eine oder zwei Stunden hin. Ich habe heute Morgen bis kurz vor sieben geschlafen. Ich musste nachts eine Kopfschmerztablette nehmen und habe gehofft, dass die besser wirkt, wenn ich einen Augenblick länger liegen bleibe.«

»Dann haben Sie gehört, um wie viel Uhr Ihr Mann das Hotel verlassen hat, um zum Strand zu gehen?«

»Nein. Da stand ich wahrscheinlich schon unter der Dusche.«

»Was hältst du von den Jensens?«, fragte Pia, als sie zurück zum Fundort der Leiche fuhren.

»Sie arbeiten viel und hart, würde ich sagen. So ein Hotel macht bestimmt einen Haufen Arbeit. Sie wirken beide gestresst.«

»Gestresst genug, um einen Mord zu begehen?«

»Ich sehe kein Motiv«, erwiderte Broders. »Du?«

»Bisher nicht. Aber er hat die Tote gefunden.«

»Zufall, allerdings auch keine große Überraschung, wenn er jeden Morgen seinen Strandlauf macht.«

Pia kniff die Augen gegen die niedrig stehende Sonne zusammen. »Ich werde ihn trotzdem im Auge behalten.«

»Rein beruflich, hoffe ich.«

»Was denkst du denn?« Pia war verblüfft.

»Ich habe schon lange nichts mehr von Lars gehört.« Broders klang beiläufig, doch Pia kannte ihn. Er war aufmerksam, verfolgte unauffällig, was in ihrem Leben los war. Manchmal kam es ihr so vor, als versuchte er, auf sie aufzupassen, was gleichzeitig lächerlich und auch irgendwie rührend war. »Ich habe Lars heute Morgen wohl ziemlich vor den Kopf gestoßen.« Die Erinnerung an den Blick, den er ihr aus dem Auto zugeworfen hatte, bevor er davongefahren war, kam ihr wieder ins Gedächtnis. »Er hatte mich an meinem freien Tag so richtig nett zum Frühstück ins Frøken Wildhagen eingeladen.«

»Einfach so?«

»Natürlich einfach so. Warum denn nicht?«

Broders sah sie amüsiert an. »Vielleicht steckte ja auch mehr dahinter.«

»Was sollte denn …« Pia stoppte mitten im Satz, als sie an ihren flüchtigen Eindruck in dem Café dachte, dass Lars eine bestimmte Absicht verfolgte. »Nein, auf keinen Fall, Broders. Was du immer gleich denkst.«

»Ihr seid schon ganz schön lange zusammen.«

»Mal mehr, mal weniger«, sagte sie.

Broders lächelte nur und säte damit noch mehr Zweifel, was ihr Freund mit seiner Einladung wohl beabsichtigt hatte, außer nett mit ihr zu frühstücken.

Als sie wieder am Fundort ankamen und aus dem Auto stiegen, fragte Pia sich, warum sie ihrem Teamkollegen nichts von der Schmiererei auf ihrem eigenen Wagen erzählte. Sie hatte sie auf der Fahrt nach Dörnitz noch schnell an einer Tankstelle entfernt. Fürchtete sie, dass er es als lächerlich abtun oder dass es ihn zu sehr beunruhigen würde?

Der Fund einer unbekannten toten Frau am Strand von Dörnitz, und das ausgerechnet durch ihren Vater, war an diesem Tag das Top-Thema in der kleinen Bankfiliale. Jessika Jensens Kollegen und auch viele Kunden hatten versucht, etwas von ihr zu erfahren, dabei wusste sie doch selbst gar nichts. Nur, dass ihr Vater morgens eine tote Frau am Strand gefunden hatte. Und das war doch schon schlimm genug. Jessika war so genervt, dass sie noch vor dem offiziellen Schließen der großen Glastür die Schalterräume verließ. Sie wollte weiteren neugierigen Blicken oder gar Fragen aus dem Weg gehen, und vor allem wollte sie sehen, wie es ihren Eltern ging. Und da ihr Vater Koch war, konnte sie fest davon ausgehen, dass sie im Hotel auch etwas Gutes zu essen erwartete.

Auf dem Hotelparkplatz angekommen, stellte sich ihr Klaus Schindler in den Weg. Er war einer der Polizeibeamten vor Ort und hatte wohl gerade in seinen Streifenwagen steigen wollen, als er sie hatte kommen sehen. Obwohl Jessika ja schon wusste, was passiert war, und sie Klaus Schindler auch seit ihrer Kindheit kannte, verursachten der Anblick des Streifenwagens und die Polizeiuniform vor ihrem Elternhaus ihr ein mulmiges Gefühl. »Moin, Herr Schindler.«

»Moin, Frau Jensen junior.« Er lächelte. »Alles im Lot auf der Bank?«

»Alles wie immer. Gott sei Dank! Aber die Leute sprechen von nichts anderem als …«, sie senkte die Stimme, obwohl sie mutterseelenallein auf dem Platz hinter dem Hotel standen, »… als der toten Frau am Strand. Stimmt es wirklich, dass sie ermordet wurde?«

»Ich darf eigentlich gar nicht mit Außenstehenden darüber reden. Polizeiangelegenheit, laufende Ermittlungen und so weiter.« Er grinste verschwörerisch. »Aber gut, dass Sie gekommen sind. Ihr Vater freut sich bestimmt, Sie zu sehen. Ich weiß nicht, ob ich die nächsten Tage viel hier sein kann, um nach dem Rechten zu sehen. Ich muss nun öfter nach Lübeck, zu Besprechungen im K1. Der Mordkommission.« Er legte die Daumen in die Gürtelschlaufen und drückte Brust und Bauch heraus. Seine Jacke rutschte zur Seite, und Jessika konnte seine Dienstwaffe im Holster sehen.

»Klingt aufregend«, sagte sie mehr aus dem Gefühl heraus, dass er so einen Kommentar von ihr erwartete, als dass sie es weiter bemerkenswert fand.

»Ach, das ist für uns Polizisten ja im Grunde alles nur Routine. Dafür sind wir ja da. Dieses Mal ist es eben eine Leichensache – nicht natürlicher Tod. Ermittlungen in Richtung Mord, mit allem Drum und Dran: Rechtsmedizin, Spurensicherung, Staatsanwaltschaft und so.« Er sah auf seine Uhr. »Nun muss ich aber dringend los. Schönen Tag noch, Frau Jensen!«

»Ebenso«, rief Jessika, obwohl sie es in Anbetracht der Umstände unpassend fand. Sie lief die Stufen hinauf, überquerte die Terrasse und stieß die Tür auf, um ins Hotel zu gelangen.

Pias Mittagessen bestand aus einem Bismarckhering- und einem Fischfrikadellenbrötchen, die sie sich zwischendurch an der Strandpromenade kaufte und an einem Stehtisch aß. Sie hatte am Morgen zwar mit Felix am Küchentisch gesessen, während er sein Müsli löffelte, aber extra nur einen Kaffee getrunken, weil sie ja mit Lars frühstücken gehen wollte. Da das wegen ihres unvorhergesehenen Arbeitseinsatzes ausgefallen war, hatte ihr gegen vierzehn Uhr so laut und vernehmlich der Magen geknurrt, dass sie es nicht länger hatte ignorieren können. Pia ging davon aus, dass die anstehende erste Besprechung vor Ort heute lange andauern würde, und so kaufte sie sich im Anschluss noch drei Kugeln Eis in einer Waffel. Nervennahrung, die sie im Gehen essen wollte. Ihr Mobiltelefon vibrierte, als sie gerade ein paar Meter gegangen war. Pia blieb stehen, zog mit einer Hand ihr Handy aus der Tasche und nahm den Anruf entgegen.

»Pia? Was rauscht im Hintergrund? Wo erwische ich dich denn?«, fragte Susanne Herbold.

»An der Ostsee. Das ist der Wind, vielleicht auch Meeresrauschen.«

»Oh, ich beneide dich«, kam es von ihrer Freundin.

»Leider bin ich nicht zum Vergnügen hier.«

»Ich dachte, Lars und du hättet heute euer romantisches Rendezvous, nachdem ihr in letzter Zeit so viel gearbeitet habt.«

»Oh, bitte, fang du nicht auch noch an – von wegen Rendezvous und so«, bat Pia. »Hast du ihn getroffen? Hat er dir sein Leid geklagt?«

»Ich bin ihm neulich zufällig in der Stadt begegnet. Da erzählte er mir davon. Er war voll freudiger Erwartung.« Sie lachte leise.

Pias schlechtes Gewissen schlug einen Purzelbaum. »Tja, unser gemeinsames Frühstück ist leider ausgefallen«, sagte sie. Eine Möwe gesellte sich zu ihr und sah zu dem Eis in der Waffel auf. Pia schilderte Susanne, wie sie noch vor dem ersten Kaffee zu einem Einsatz gerufen worden war und wie Lars letztlich darauf reagiert hatte.

»Der Arme!«, sagte Susanne. »Da wäre ich auch sauer. Er hat mein vollstes Verständnis. Hast du heute Abend denn wenigstens Zeit, Pia? Oder wann wollt ihr euer verpatztes Treffen nachholen?«

»Noch ist nichts geplant. Ich glaube, Lars ist wirklich ein bisschen genervt. Außerdem macht er mittwochabends immer Sport.« Eine zweite Möwe landete neben der ersten und versuchte, ihre Artgenossin mit ausgebreiteten Flügeln von der anvisierten Eiswaffel zu vertreiben.

»Kann ich dann kurz bei dir vorbeikommen?«, fragte Susanne.

»Klar. Ist etwas passiert?« Susanne Herbold war eine langjährige Freundin und Pias ehemalige Vermieterin aus der Zeit, als sie noch im Gängeviertel gewohnt hatte. Leider sahen sie sich nur noch selten, insbesondere seit Pia in die neue Wohnung gezogen war. Wenn Susanne anrief und so kurzfristig um ein Treffen bat, hatte sie wahrscheinlich einen Grund dafür.

»Nein, nichts Weltbewegendes. Ich würde es nur gern persönlich mit dir besprechen. Nicht am Telefon.«

»Jetzt machst du mich aber neugierig.« Pia kannte Susanne als resolute, unkomplizierte Frau. Sie war Ärztin von Beruf. Es passte nicht zu ihr, dass sie nicht mit der Sprache herausrückte.

»Ist wirklich halb so wild«, beteuerte Susanne. »Kann ich so gegen acht zu dir kommen?«

Jetzt machte Pia sich erst recht Gedanken. »Klar kannst du kommen.«

»Schläft Felix dann schon?«

»Mit etwas Glück. Bringst du Lennart auch mit?«

»Oh, der ist auf Klassenfahrt. Ich habe also frei.«

Pias Eis begann sichtlich zu schmelzen, und sie drehte sich aus der Sonne. Ein Klacks Schokoladeneis landete auf ihrer Jacke. Sie versuchte, den Eisbrocken wegzuschnipsen, doch das Eis verflüssigte sich und hinterließ einen braunen Fleck. Pia fluchte.

»Passt es dir doch nicht?«

»Doch, Susanne. Ich hab mich nur gerade mit Eis bekleckert. Ich freu mich auf dich!«

Pia beendete das Telefonat. Die geschmolzene Eiscreme lief ihr über die Finger, und sie versuchte, die Jacke und ihre Hand notdürftig mit einem Papiertaschentuch zu säubern. Sie lernte es wohl nie, vernünftig und in Ruhe zu essen. Wie sollte sie es dann ihrem Kind beibringen? Na, die Kollegen, mit denen sie sich gleich zur Besprechung traf, würden ihren derangierten Aufzug wohl aushalten. Sie kannten sie schließlich schon länger.

Die zweite Möwe flog mit einem Stückchen Eiswaffel im Schnabel den Strand hinunter. Die andere sah Pia mit ihren gelben Augen vorwurfsvoll an.

Nachdem Pia ihren Sohn Felix am Abend ins Bett gebracht hatte, kam sie noch einmal dazu, die Ereignisse des Tages zu rekapitulieren. Da war zum einen das geplatzte gemeinsame Frühstück mit Lars. Wie sauer war er wirklich auf sie? Pia hatte ein paar Mal versucht, ihn anzurufen, doch nur seine Mailbox erreicht. Das war untypisch für ihn. Aber noch war Lars ja beim Training, also meldete er sich vielleicht später zurück.

Während sie den Abendbrottisch abräumte, wanderten Pias Gedanken wieder zu den heutigen Ermittlungen an der Ostsee. Die tote Frau am Strand, mit der Plastiktüte über dem Kopf und dem zerstörten Gesicht. Es erschien Pia besonders grausam, einem Menschen nicht nur das Leben, sondern auch noch sein Gesicht, seine Identität, zu nehmen. Und wozu hatte der Täter der Frau die Tüte über den Kopf gezogen, wenn sie damit nicht erstickt worden war? Um Blutspritzer auf seiner Kleidung zu vermeiden? Oder weil er den Anblick des zerschmetterten Gesichts nicht ertragen konnte? Was war der Zweck dieser zusätzlichen Brutalität? Grenzenloser Hass oder hatte es einen ganz anderen, eher praktischen Grund?

Manfred Rist hatte am Nachmittag einen Raum in der örtlichen Polizeistation annektiert, die nicht weit vom Tatort entfernt lag. Dort hatten sie ihre ersten Ergebnisse abgeglichen, und Rist hatte im Anschluss daran die neuen Aufgaben verteilt.

Das Opfer war eine Frau zwischen dreißig und vierzig Jahren, wie Dr. Fitschen schätzte. Der Tod war laut Einschätzung der Rechtsmedizinerin am vergangenen Abend nach zwanzig Uhr oder im Laufe der Nacht bis spätestens etwa ein Uhr morgens eingetreten. Das war die entscheidende Zeitspanne, wenn es um die Überprüfung möglicher Alibis ging. Das Ehepaar Jensen hatte demnach keines, denn jeder der beiden hätte wohl nachts noch einmal das Haus verlassen können.

Die Todesursache war laut Dr. Fitschen höchstwahrscheinlich eine Kopfverletzung, verursacht entweder durch einen Schlag auf den Hinterkopf oder einen Sturz. Dass es zunächst ein reiner Unfall gewesen war, war aber insgesamt eher unwahrscheinlich, da dem Opfer postmortal noch erhebliche Verletzungen beigebracht worden waren. Die Spurensicherung hatte einen Stein, der in der Nähe der Leiche lag, als mutmaßliche Schlagwaffe sichergestellt, mit der der Frau die Gesichtsverletzungen zugefügt worden waren. Noch stand nicht fest, ob die Form des Steins auch zu der Wunde am Hinterkopf des Opfers passte. Die Rechtsmedizinerin musste erst noch die Lage und die Kontur der Eindruckstelle am Schädel untersuchen und sie mit der Form des Steins vergleichen. Am nächsten Tag würden sie mehr wissen. Das galt auch für die Spuren am Tatort.

Vollkommen offen war allerdings immer noch, wer die Tote war. Bisher hatten sie keinerlei Anhaltspunkt. Die Identität des Opfers zu verschleiern, indem man das Gesicht zerstörte, bedeutete doch nur einen Aufschub. Eine Frau, die, ihrem Alter nach zu urteilen, mitten im Leben stand, würde früher oder später von irgendjemandem vermisst werden. Sie trug allerdings ausländische Kleidung. Eine in Italien recht geläufige Marke, hatte Pias Kollege Michael Gerlach bereits recherchiert. Einfaches sportliches Zeug, das man in großen Supermärkten bekam, vielleicht sogar auf Wochenmärkten, keine teuren Markenklamotten und nichts, was man ohne Weiteres in Deutschland kaufen konnte. Na, im Internet kann man wohl alles bestellen, vermutete Pia. Die Frage war eher, warum sich jemand die Mühe machen sollte? Wahrscheinlicher war, dass die Frau sich ihre Sachen während eines Italienaufenthaltes gekauft hatte. Und sie war sonnengebräunt, nicht so, als hätte sie kürzlich ein paar Wochen im Süden Urlaub gemacht. Ihr Körper schien vielmehr noch bis vor wenigen Monaten regelmäßig der Sonne ausgesetzt gewesen zu sein. Also hatte sie sich bis vor Kurzem noch irgendwo im Süden aufgehalten. Und dann war sie mitten im Januar an die Ostseeküste gekommen, anscheinend allein und, wie es bisher aussah, auch ohne eine Unterkunft vor Ort zu haben, um am Strand erschlagen zu werden?

Pia verließ ihre nun halbwegs ordentliche Küche und sortierte die Schmutzwäsche, um eine Ladung Buntwäsche in die Waschmaschine im Bad zu stopfen. Die Kollegen, die vor Ort die Unterkünfte für Touristen abgeklappert hatten, hatten berichtet, dass bisher keine Gäste vermisst wurden. Nachforschungen in ein paar etwas abgelegeneren Appartements und Ferienhäusern standen noch aus, doch die befragten Vermieter hatten angegeben, dass zurzeit keine Frauen in dem entsprechenden Alter allein irgendwo untergekommen waren. Mehrere Paare wohnten in Hotels und Appartements vor Ort sowie eine Gruppe von vier Frauen, die einen gemeinsamen Wellnessurlaub unternahmen – ein Geburtstagsgeschenk für eine von ihnen. Die Nachfragen der Kollegen hatten bestätigt, dass wohl alle Urlauber vollzählig waren. Und auch ansonsten gab es keine aktuellen Vermisstenanzeigen, die auf die tote Frau passen könnten. Wer sie wohl war?

Pia schloss gerade die Waschmaschinentür und gab das Waschpulver in die Einspülkammer, als es an der Tür klingelte. Sie stellte noch das Waschprogramm ein und öffnete dann Susanne per Türöffner die Haustür. Pia wartete an der Wohnungstür, bis ihre Freundin oben war. »Hey, schön, dich zu sehen!« Sie umarmte Susanne. »Geht es dir gut?«

»Sehr gut. Und dir?«

»Ja. Ein neuer Fall, ein neues Glück. Dafür ein bisschen Stress in der Liebe.«

»Ach, ist das was Neues bei dir?«

Pia verzog das Gesicht. »Hast du Hunger? Ich hab noch einen Rest Lasagne da. Erst dachte ich, Felix würde alles vertilgen, aber irgendwann, als ich schon fürchtete, er würde jeden Moment platzen, hat er doch aufgegeben.«

Susanne hatte noch nichts gegessen und ließ sich von Pia eine Portion Lasagne aufwärmen. Sie setzten sich mit dem Essen und zwei Flaschen Bier an den Küchentisch. Als Susanne fertig war, fiel Pia der Grund ihres Besuchs wieder ein.

»Sag mal, was wolltest du mir denn nun erzählen? Vorhin am Telefon klang es ja richtig ernst.«

Susanne stellte den Teller auf die Arbeitsplatte. »Nein, nicht wirklich ernst. Ich bin eher ein bisschen ratlos. Lennart hat gestern so ganz nebenbei erwähnt, dass ihn neulich ein Mann im Gang zu unserem Haus angesprochen hat.«

»Wie bitte?«

»Er hat sich nach dir erkundigt, Pia.«

»Ich verstehe nicht ganz … Wer war das?«

»Ich weiß es nicht. Das macht es ja so seltsam. Lennart wurde vergangene Woche abends von einem Kindergeburtstag nach Hause gefahren. Die Mutter hat ihn vor dem Rohwedders Gang abgesetzt und ihn die letzten paar Meter allein gehen lassen. Ich mache der Frau keinen Vorwurf, ich hätte es vielleicht genauso gemacht. Sie hatte das Auto voller Kinder und wollte weiter. Es war schon dunkel, so gegen zwanzig Uhr dreißig. Da hat jemand Lennart im Gang vor unserem Haus angesprochen.«

»Und was genau wollte er?«, fragte Pia.

»Lennart hat mir erzählt, der Typ stand an der Tür zum Nachbarhaus und hat die Klingelschilder studiert. Als er Lennart kommen hörte, hat er sich umgedreht und gesagt, er suche nach jemandem, ob Lennart sich hier auskenne …«

Pia hielt unwillkürlich die Luft an.

»Er suchte dich. Er hat deinen vollen Namen genannt, Pia.«

»Mist!«

»Weißt du, wer das gewesen sein könnte? Hat kürzlich jemand zu dir Kontakt aufgenommen?«

»Nein. Nicht direkt.«

»Dann weißt du also nicht, wer das war?«

»Nein.«

»Dass da jemand abends im Dunkeln mein Kind anspricht, finde ich nicht witzig. Überhaupt, die ganze Vorgehensweise. Ich dachte, du solltest es wissen. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich gehofft, du würdest sagen: ›Ach, das war der und der. Der ist ganz harmlos.‹«

»Tut mir leid. Das kann ich nicht. Wie sah der Mann denn aus?«

»Ja, das habe ich Lennart auch gefragt.« Sie grinste unglücklich. »Cool, meinte er. Wie ein bekannter Fußballspieler. Nach dem Namen muss ich ihn noch mal fragen, die kann ich mir nämlich nie merken. Der Mann war laut Lennart mittelalt, recht groß, aber nicht dick. Er hatte kurze Haare und trug einen schwarzen Kapuzensweater mit einem Emblem darauf und dunkle Jeans.«

»Mittelalt bedeutet bei deinem Sohn …?«

»Zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig. Wir beide sind steinalt.«

»Okay. Alles klar. Ich weiß nicht, wer mich da sucht. Meine Adresse ist geheim, sowohl die alte bei euch als auch meine neue. Dieser Mann kann mir auch nicht von irgendwoher in den Rohwedders Gang gefolgt sein. Schließlich wohne ich schon seit Monaten nicht mehr dort.« Pia drehte die Bierflasche in der Hand, knibbelte mit dem Daumennagel an dem Etikett herum. Sie hielt sie ins Licht. »Aber irgendwer oder irgendwas muss den Typen ja dorthin geführt haben.«

»Ein geheimer Verehrer?«, frage Susanne halb scherzhaft, halb besorgt.

Pia schnaubte und schüttelte den Kopf.

»Woran denkst du?«, wollte Susanne wissen. »Da steckt doch mehr dahinter.«

Es war Pia beinahe schon gelungen, es aus ihrem Bewusstsein zu verdrängen, aber nur beinahe. Das nun Folgende würde Susanne nicht gerade beruhigen. Sie berichtete ihr von der Schmiererei auf ihrem Auto und von der toten Amsel, die mit einem Kabelbinder am Kühlergrill befestigt gewesen war.

Susanne verzog angewidert das Gesicht. »Und was stand auf deinem Auto?«

»Eine kleine Botschaft für mich: Ich krieg dich, Schlampe!«

4. Kapitel

Jessika hatte sich viermal umgezogen und letztlich das, was sie zuerst anprobiert hatte, wieder angezogen: die gestreifte Bluse mit der Jeans. Sie öffnete den obersten Blusenknopf, beugte sich vor dem Spiegel nach vorn, verzog das Gesicht und schloss den Knopf wieder. Mit fahrigen Bewegungen suchte sie in der alten Cremedose ihre goldenen Ohrstecker.

Sie hatte letzte Woche nach einem guten halben Jahr des Büffelns endlich ihr »Grünes Abitur« bestanden und somit ihren Jagdschein in der Tasche. An diesem Abend würde sie zum ersten Mal offiziell am Jägerstammtisch teilnehmen. Als vollwertiges Mitglied, nicht als Gast oder Aushilfskellnerin wie sonst. Gut, die meisten der Anwesenden kannte sie schon lange. Sie wohnten allesamt im Ort oder im benachbarten Dorf Dörnitzfelde. So wie Hagen und Dagmar Eggerskamp und Tatjana und Werner Hoge, die eigentlich immer dabei waren. Auch Klaus Schindler, der ortsansässige Polizist, war normalerweise mit von der Partie. Heute Abend würde er wahrscheinlich nicht anwesend sein, weil er mit den Mordermittlungen beschäftigt war … oder das zumindest vorgab. Überhaupt, der Mord am Strand würde heute natürlich das Thema sein und ihre bestandene Prüfung in den Hintergrund treten lassen.

Als Jessika das düster wirkende Hinterzimmer im Erdgeschoss des Hotels betrat, das die Jäger immer für ihren Stammtisch nutzten, waren alle Stühle um den Tisch herum schon bis auf einen einzigen Platz besetzt. Zwei Männer, die nur selten kamen, waren diesmal auch dabei: Bernhard Gessler, ein massiger Mittfünfziger mit Ehering an seinem fleischigen rechten Ringfinger und einer zu lauten Stimme, und Carsten Franke, sein dünner, schweigsamer Neffe.

Ein wenig enttäuscht, dass nicht mehr Leute zu ihrer Premiere gekommen waren, nahm Jessika auf dem letzten freien Stuhl zwischen Hagen Eggerskamp und Carsten Franke Platz. Hagen erkundigte sich sogleich nach ihrer Prüfung und gratulierte ihr. Er tat das auf seine unnachahmlich weltgewandte, joviale Art, die Jessika stets verlegen machte und ihr das Gefühl gab, unbeholfen und unterlegen zu sein. Carsten Franke, der etwa in ihrem Alter war, konzentrierte sich derweil auf den Inhalt seines Bierglases. Die anderen redeten erwartungsgemäß über den Mord. Als Hagen sich wieder der allgemeinen Unterhaltung zuwandte, hörte auch Jessika dem Gespräch aufmerksam zu.

Ihr Vater hatte ihr nicht viel über den Leichenfund erzählt, obwohl er es schließlich gewesen war, der die Frau zuerst entdeckt hatte. Hoffentlich fragte sie niemand, was sie darüber wusste. Doch keiner der Anwesenden nahm diesbezüglich Notiz von ihr. Die anderen stellten nur unermüdlich verschiedene Theorien zu dem Mord auf und verwarfen sie wieder.

Tatjana Hoge, eine Zahnärztin aus Dörnitzfelde, warf ihre langen schwarzen Haare zurück. »Sehr bedauerlich, dass unser guter Klaus heute nicht anwesend ist. Weiß niemand, wo er steckt? Ständig geht er uns mit seinem selbstzufriedenen Gerede auf die Nerven, aber wenn wir ihn wirklich mal brauchen, taucht er ab.« Sie lachte laut. An diesem Abend trug sie eine Art Tunika aus einem halb durchsichtigen Stoff. Das Pink tat Jessika in den Augen weh.

Tatjana Hoge und die eher altbacken wirkende Dagmar Eggerskamp konnten eigentlich nicht gegensätzlicher sein, fand Jessika. Doch angeblich waren die beiden allerbeste Freundinnen.

»Wie ich gehört habe, ist die Tote ja Gott sei Dank nicht von hier«, sagte Dagmar. »Aber eine Touristin, die am Strand ermordet wurde, können die Gastwirte und Hoteliers bestimmt ebenfalls nicht gebrauchen.« Sie sah prüfend zu Jessika herüber. »Oder wie denkt ihr darüber?«

Jessika hob hilflos die Schultern und spürte, dass ihr das Blut in die Wangen schoss. »Toll ist das natürlich nicht. Meine Eltern befürchten schon, dass einige Leute ihre Buchungen stornieren könnten.«

»Genau das meine ich!« Kein Thema auf der Welt, bei dem Dagmar nicht zuerst an die geschäftlichen Auswirkungen dachte. Wie eigentlich alle in der Umgebung kannte auch Jessika ihre Erfolgsgeschichte auswendig: Als das Geld mal wieder knapp gewesen war, hatte Dagmar – damals noch Dagmar Kruse – mit ihrer Mutter in der Küche ihres Bauernhofes angefangen, Brot aus vollwertigen, biologischen Zutaten zu backen und auf dem Wochenmarkt zu verkaufen. Angeblich stammten die Rezepte von ihrer geliebten Großmutter. Daraus war, später auch mit Hagens finanzieller und betriebswirtschaftlich sachkundiger Hilfe, eine Filialkette mit dem Namen »Kruses Landbäckerei«, entstanden. Zurzeit führte jedoch hauptsächlich Hagen das Geschäft, während Dagmar einen großen Teil ihrer Zeit den beiden halbwüchsigen Kindern widmete, wie sie unermüdlich betonte. Das schuldete sie wohl ihrer recht konservativen Einstellung.

Ihre Freundin Tatjana Hoge hatte einen Sohn im gleichen Alter wie Dagmars Tochter Alma. Sie war als niedergelassene Zahnärztin beruflich auch sehr eingespannt, während ihr Mann mit seiner Sportartikelfirma mehr Zeit für sich zu haben schien. Die Hoges versuchten jedoch, für Kind und Haushalt mit sporadisch engagierten Au-pair-Mädchen und einer Reinigungskraft über die Runden zu kommen.

»Die Polizei fragt bestimmt noch wegen der Zähne der Leiche bei Tatjana an«, sagte Werner Hoge. »Vielleicht war das Opfer ja eine deiner Patientinnen, Schatz?«

»Hast du nicht zugehört? Sie war nicht von hier, Werner«, entgegnete Tatjana.

»Woher will die Polizei das eigentlich so genau wissen, wenn das Gesicht nicht zu erkennen ist?«, fragte er leise, sodass seine Frau am anderen Ende des Tisches es nicht hören konnte.

»Ich werde mich bei Klaus beschweren. Nun haben wir schon einen Polizeibeamten unter uns, und dann ist er nicht hier, um uns auf dem Laufenden zu halten.« Dagmar sah herausfordernd in die Runde. »Außerdem fallen wir hier langsam trocken. Wo bleiben eigentlich die bestellten Getränke?«

Da Jessika an diesem Abend nicht kellnerte, war ein Schüler aus dem Ort eingesprungen. Dagmar kannte ihn sicher und war in Gegenwart seiner Eltern superfreundlich zu ihm, doch in seiner Rolle als Bedienung kommandierte sie ihn mit »Husch!« oder »Aber zackig!« herum.

»Erich hätte gewusst, was in so einem Fall zu tun ist«, sagte Bernhard Gessler in sein Bier hinein. »Der hätte uns zuerst über alles informiert. Ein Mord in Dörnitz! Damit hätte er uns niemals hängen lassen.« Er sprach von Erich Schindler, Klaus’ Vater, der ebenfalls Polizist im Ort gewesen war. Klaus Schindler lebte zusammen mit Erich in dessen Haus und kümmerte sich um ihn. Jessika kannte den alten Mann nur als launischen Griesgram, den keiner der Angestellten in der Bankfiliale gern bediente. Wie seltsam, dass die anderen in der Jägerrunde sich nach ihm als Dorfpolizist zurücksehnten.

»Du hast doch sicher in der kommenden Woche abends mal Zeit, Jessika?«

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