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Ostrakon - Die Scherbenhüterin

Ostrakon

Lange, bevor Menschen die Möglichkeit hatten, auf Papier zu schreiben, verwendeten sie dazu Tonscherben, sogenannte Ostraka, auf denen Rechnungen, persönliche Botschaften, Schreibübungen und ähnliches notiert wurden.

Der Begriff Ostrakon stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet Scherbe oder Tonscherbe.

Für die Menschen des Altertums stellten diese Tonscherben eine preisgünstige Alternative zum verhältnismäßig teuren Papyrus dar, waren sie doch im Abfall jeder Krugmacherwerkstatt zu finden. Beschrieben wurden sie mit Tinte oder mit geeigneten Hilfsmitteln, wie z.B. scharfkantigen Steinen.

Archäologische Grabungen brachten eine Vielzahl solcher Ostraka zutage, von denen zahlreiche Exponate in altertumskundlichen Museen zu besichtigen sind. Diese Fragmente und ihre Inschriften erlauben es uns, die Kulturtechniken unserer Vorfahren besser zu verstehen, Zusammenhänge zu erkennen, Antworten zu finden und Verständnis für die damaligen Epochen zu entwickeln.

Michaela Abresch

Ostrakon
Die Scherbenhüterin

Historischer Roman

Für alle Suchenden

Prolog

Um die Mittagszeit erreichte er die Hügelkuppe. Der Anstieg war unwegsam gewesen und hatte an seinen Kräften gezehrt, mehr als er es sich eingestehen wollte. Das Alter forderte seinen Tribut, eine Erkenntnis, vor der er sich nicht verschloss. „Geliebter Galil“, murmelte er mit einem langen Blick ins Tal. Mit zusammengekniffenen Augen suchte er den türkisblauen Streifen am Horizont, der den weiten galiläischen See markierte, den sein Volk Yam Kinneret nannte und auf dem er einst zuhause gewesen war. Als er ihn fand, wurde es ruhig in seinem Herzen, nur seine Lider zitterten unmerklich für einen kurzen Augenblick. Seine Rechte fuhr durch den zu lang gewordenen Bart, der früher die Farbe von reifen Walnüssen gehabt hatte, inzwischen aber von schlohweißen Strähnen durchzogen war.

Unter den ausladenden Ästen einer Sykomore fand er einen Flecken Schatten für die längst überfällige Rast. Erleichtert sank er auf die Erde. Er hatte gelernt, seine Trinkvorräte einzuteilen, dennoch leerte sich die Ziegenhautflasche stetig. Es wurde Zeit, ein Dorf zu finden, einen Brunnen mit frischem Wasser. Er setzte die Flasche an die Lippen, dankbar für die Erfrischung. Den Kopf zur Seite geneigt, ließ er seinen Blick über die Talsenke wandern. Dies war die Gegend, in der er geboren und aufgewachsen, in der er seine Kindheit zurückgelassen und zu einem Mann geworden war. Er liebte dieses Land, hatte es immer getan. Zahllose Sommer waren vergangen, seit es ihn das letzte Mal hierher verschlagen hatte. Irgendwann hatte er aufgehört, sie zu zählen. Er lenkte seinen Blick nach Westen, über die Weinberge und die üppigen Blumenteppiche aus Klatschmohn und Feldanemonen im Tal. Kornfelder, schattige Olivenhaine und Bauerndörfer schmiegten sich in die grüne Ebene. Wind kam auf, streifte seine Wange, brachte Erinnerungen an vergangene Tage. Heimat. Das sonnengegerbte Gesicht des Vaters.

Beseelt von der Kraft seiner Gedanken, nahm er den vertrauten Geruch der zappelnden silbrigen Leiber im Schleppnetz wahr, sah die feuchten Zedernplanken des Bootes in der Sonne glänzen. Wie aus weiter Ferne drang das Schreien der über den Gischtkronen kreisenden Seevögel an sein Ohr. In Gedanken sah er das Mädchen am Ende der Hafenbucht stehen, kaum jünger als er selbst und er las die unausgesprochene Bitte in ihrem Gesicht. Nehmt mich mit! Er hatte sie geliebt, mehr als er sein Land liebte. In ihren Adern floss die unheilvolle Mischung aus römischem und edomitischem Blut. Eine Ungläubige war sie, unrein bis in die kleinste Faser. Keine Frau, mit der sich ein frommer Jude vermählen, die er als Mutter für seine Söhne auswählen würde. Ein flüchtiger Stich zog durch seine Brust, wie immer, sobald die Erinnerungen ihn einholten. Er erhob sich. Müde, doch mit dem entschlossenen Schritt eines Mannes, der sich ein festes Ziel gesetzt hat, folgte er dem Pfad, der sich in weiten Kehren den Hang hinunterwand.

Wenig später erreichte er Zipporij, das wie ein Vogelnest auf einer Anhöhe thronte. Zu lange war er nicht hier gewesen. Staunend durchquerte er die Stadt, die er kaum wieder erkannte, weil sich so vieles verändert hatte. Die rechtwinklig und sorgfältig angelegten Straßen und prächtige, mit farbigen Mosaiken oder schlanken Marmorsäulen geschmückte Bauten ließen keinen Zweifel aufkommen, dass Zipporij sich unter hellenistischem Einfluss in eine wohlhabende Stadt verwandelt hatte. Auf dem Marktplatz, in dessen Mitte er eine Zisterne fand, wimmelte es von Händlern, die mit fliegenden Handgriffen ihre übriggebliebenen Waren auf die Ladeflächen der Fuhrkarren packten und die Zugtiere anspannten. Mit einer geübten Bewegung zog er den Schöpfeimer aus dem Schacht nach oben und tauchte dann beide Hände ins Wasser, um sich den Staub der Ziegenpfade aus dem Bart zu waschen.

Nach einigem Umherirren fand er das Haus, nach dem er suchte. Es stand nicht mehr am Ende der Straße wie einst. Dort, wo früher das Korn schwer und golden unter dem Sommerhimmel geleuchtet hatte, hatte man die Straße verlängert und zu beiden Seiten neue, prachtvolle Häuser errichtet. Es mussten wohlhabende Bürger sein, die hier lebten. Das Haus aber, vor dem er jetzt stand, sah noch immer so aus, wie er es in Erinnerung hatte. Er klopfte. Während er wartete, zählte er im Stillen die Jahre zurück. Waren wirklich fünfzehn Sommer vergangen, seit er sie zum letzten Mal gesehen hatte?

Dumpf hallten die Klopfgeräusche durch das Innere des Hauses. Adah eilte zur Tür. Seit Chaim im vergangenen Winter an einem qualvollen Husten gestorben war, führte sie das Haus allein; es erfüllte sie mit Unbehagen, wenn zu später Stunde noch jemand um Einlass bat. Ihr Leben lang hatte sie an der Seite ihres Mannes die jüdische Pflicht der Gastfreundschaft gepflegt, ohne zu ahnen, dass sie ihr einmal zur Last werden könnte. Sie schob den Riegel zurück. Durch einen schmalen Spalt musterte Adah den Fremden auf der Schwelle. Er wäre nicht der erste Bettler, der vor Einbruch der Nacht um eine letzte Stärkung bat. Adah warf einen Blick in das Gesicht des Fremden. Er wirkte müde und ungepflegt. Doch körperlich betrachtet schien er im Gegensatz zu jenen erbarmungswürdigen Geschöpfen, die sich sonst auf ihrer Türschwelle einfanden, in recht kräftiger Verfassung zu sein. Bevor er ein Wort über die Lippen bringen konnte, hieß Adah ihn mit einer Handbewegung zu warten und schlug die Tür wieder zu.

Kurz darauf kehrte sie mit einem handtellergroßen Gerstenfladen zurück, öffnete die Tür spaltbreit und reichte ihr Almosen heraus. Doch der Fremde machte keinerlei Anstalten, nach dem Brot zu greifen.

„Nun nimm schon!“ Warum bedankte er sich nicht für die erhaltene Spende, um daraufhin mit einem Segenswunsch auf den Lippen das Weite zu suchen? Beinahe meinte sie, stattdessen ein angedeutetes Lächeln über sein Gesicht huschen zu sehen.

„Der Friede des Ewigen sei mit dir, Adah! Erinnerst du dich nicht an mich?“ Er trat einen Schritt näher, was Adah dazu veranlasste, mit einer raschen Bewegung den Türspalt zu verschmälern, gerade genug, um den Fremden noch mit einem Auge taxieren zu können.

„Ich suche Yesha“, versuchte er es erneut. „In ihrer Heimat Kfar Nahum wurde mir gesagt, dass sie seit vielen Jahren hier in Zipporij in deinem Haus lebt.“

Adahs Gesichtszüge verhärteten sich. „Was willst du von ihr?“ Unwillig musterte sie seine Gestalt. Staubige Füße in ausgetretenen Ledersandalen, die rechte mit einem Strick notdürftig geflickt. Das von der Sonne verblichene Obergewand. Die ausgefransten Risse im Saum des Leibrockes. Ein wild wuchernder Bart. Mit den jüdischen Reinigungsvorschriften schien er es nicht allzu genau zu nehmen.

„Und solltest du einen Namen besitzen“, fuhr sie ihn an, „und auch nur einen Funken Anstand, dann sag mir, mit wem ich es zu tun habe!“ Sie bemerkte die Verlegenheitsgeste, mit der er sich bemühte, die Schäden im fadenscheinigen Stoff seines Leibrockes zu verdecken. Nein, dieser Mann erweckte weder den Eindruck eines Dahergelaufenen, noch den eines Spitzels, die die jüdischen Priester regelmäßig auf sie und Yesha ansetzten.

Er neigte den Kopf und hob die Augenbrauen. Als er seinen Namen nannte, furchte Adah die Stirn. Nach einem langen Augenblick kehrte die Erinnerung mit einer Wucht, die Adah nicht für möglich gehalten hatte, zurück. Sie riss die Tür auf, ließ ihn herein und bat mit vielen Worten um Vergebung. Durch den überdachten Innenhof eilte sie ihm voran zur rückwärtigen Seite, wo ein Durchlass in den Garten führte. Mit einer Handbewegung bot sie ihm Platz auf einer steinernen Bank. „Ich werde sie rufen!“ Sie nickte ihm zu und verschwand im Haus.

Er blickte sich um. Der Garten blühte in leuchtenden Farben. Schwach verströmten die Zitronenbäume ihren Duft in der Abendluft. Er ließ sich auf die Bank sinken, die noch warm von der Hitze des zurückliegenden Tages war. Aus halbgeschlossenen Lidern blinzelte er durch die lichten Zweige eines Ölbaumes.

Ausruhen. Schweigen. Kräfte sammeln. Gerüstet sein für den nächsten Marsch, die nächsten Begegnungen, die nächsten Worte, die immer die gleichen waren und doch in jedem Ohr anders klingen würden. Doch zuvor galt nur die Gegenwart. Yesha. Die nie ganz zu ihm gehört hatte, weil das Gesetz der Juden eine solche Verbindung entschieden verbot. Früher war es auch sein Gesetz gewesen, sein Maßstab. Damals. In der Heimat. Die Zeit hatte sich gewandelt. Inzwischen galten für ihn andere Gebote. Gleichwertigkeit. Brüderlichkeit. Versöhnung. Es gab keine reinen und unreinen Menschen mehr. Nicht in seinem Leben. Nicht in der Neuen Lehre.

Er blickte auf, als er ihre Schritte auf dem Kies hörte, flink und leicht, wie einst, als sie ein junges Mädchen gewesen war. Sie hatte sich kaum verändert. Mit derselben scheuen Anmut, dem gleichen Liebreiz, der sie einst so anziehend für ihn gemacht hatte, bewegte sie sich auf ihn zu. Er erhob sich, streckte wortlos seine Hände nach ihr aus. Sie ergriff sie mit sanftem Druck. Dabei lächelten sie einander an, konnten nicht aufhören damit. Sie achteten nicht auf die Dauer des Augenblicks; er schien zu vergänglich, zu kostbar, ihn voreilig zu verkürzen. Die Zeit anhalten – ein kindischer Wunsch, unerfüllbar. Niemand war imstande, die Zeit festzuhalten. Yesha hob den Kopf, betrachtete sein Gesicht. Älter war er geworden. Jahre und Entbehrungen hatten ihre Spuren wie ein feines Netz in sein Gesicht gezeichnet.

„Es ist lange her.“ Zögernd glitt seine Rechte über ihr Haar und sie schmiegte ihre Wange an den groben Stoff seines Obergewandes. Vertraute Berührungen, die sich richtig anfühlten, so, als sei kein Tag vergangen. „Ich folge meiner Sendung, Yesha. Sie führt mich an Orte, deren Namen ich vorher nie hörte und in Gegenden, viele Tagesmärsche von den Grenzen unseres Landes entfernt.“

Yesha nickte. „Du folgst deinem, ich folge meinem Weg, so wie wir es versprachen.“ Sie spürte seinen Herzschlag unter ihrer flachen Hand. Nie würden sie miteinander leben können wie andere, die sich liebten. Ihre Wiedersehen würden immer zu unvorhergesehener Zeit geschehen, von unbestimmter Dauer sein und jeder Abschied würde überschattet sein von der Ungewissheit darüber, ob sie sich jemals wieder begegnen würden.

Nach Sonnenuntergang nahm Yesha ihn mit zu der wöchentlichen Zusammenkunft in eine Scheune vor der Stadt. Er sprach zu den Menschen, die mit angehaltenem Atem lauschten. Auch Yesha sog den Klang seiner Stimme auf wie ausgedörrte Sommererde den ersehnten Regen. Die Nacht war mondhell und sie ließen sich Zeit mit dem nach Hause kommen. Yeshas Hände lagen in seinen, als er sie unvermittelt anblickte. Sie standen im Schutz eines windschiefen Verschlages aus grob zusammengehauenen Brettern, in dem die Bauern Heu für ihre Ziegen lagerten.

„Ich kann nicht bleiben, Yesha.“

In der Ferne schrie ein Nachtvogel. Sie schluckte schwer.

„Ich weiß.“

Ihre Stimme klang gepresst, nach unterdrückten Tränen. Seine Nähe zu spüren und gleichzeitig zu wissen, ihn schon bald wieder gehen lassen zu müssen, zerriss ihr das Herz. Er zog sie in seine Arme. All das Ungesagte stieg in ihm auf. Worte, die auszusprechen er jedoch nicht wagte, weil seine Vernunft es verbot. Sie standen dicht aneinandergeschmiegt in der Finsternis und mit einem Mal war es anders zwischen ihnen. Im Halbdunkel suchte er ihren Blick. Sie wirkte verletzlich, als sie ihm offen ins Gesicht sah. Ein brennendes Verlangen durchströmte ihre Körper, Hunger, den sie nicht kannten, der sie aufwühlte und ihnen Angst machte. Ineinander verschlungen sanken sie zu Boden. In jener Nacht vergaßen sie alles, was sie jemals voneinander getrennt hatte.

TEIL I

Erez Ysrael

50 n. Chr.

Alles, was Gott tut,
ist unabänderlich für alle Zeiten.
Der Mensch kann nichts hinzufügen
und nichts davon wegnehmen.
So hat es Gott eingerichtet,
damit wir in Ehrfurcht zu ihm aufschauen.
Was in der Vergangenheit geschah
und was in der Zukunft geschehen wird,
hat Gott schon lange zuvor festgelegt.
Und die Zeit,
die uns entschwunden ist,
ist bei ihm nicht vergangen.

(aus dem Buch Kohelet, 14-15)

*

Jeden Tag staune ich von neuem darüber, solche Liebe zu empfinden. Mein Herz strömt über davon. Meine wunderbare kleine Tochter verwandelt mich. Sie ist ein Geschenk, für das ich immer dankbar sein werde. Ich werde sie aufwachsen sehen und an ihrer Seite sein, wenn sie mich braucht. Ich werde sie mit den Krallen einer Löwin beschützen, wenn die Umstände es verlangen. An jedem neuen Morgen werde ich den Segen des Herrn auf sie herabrufen und sie in der Nacht unter seinen Schutz stellen.

Sie ist einer von drei Sternen, die an meinem Himmel für mich leuchten und durch die alle Nöte des Alltags erträglich werden. Drei Sterne, drei Lieben. Teile meines Lebens, Teile meiner selbst. Das Leben zeigte mir, wie dunkel es wird, wenn ein Stern verblasst und wie sehr es schmerzt, wenn man versucht, eine Liebe festzuhalten. Es ist unmöglich. Zwei meiner Sterne leuchten nur noch in meiner Erinnerung, still, verborgen vor den Augen aller.

Umso heller wurde mein Leben durch das kleine Mädchen, das der Allmächtige mir schenkte. Ich gab ihr den Namen eines Bootes, das mich vor langer Zeit über den Yam Kinneret trug, den großen galiläischen See, an dessen Ufern ich aufwuchs. Damals war ich eine junge Frau, dem Mädchenalter kaum entwachsen. An jenem Tag geriet unser Boot in ein Unwetter. Der Sturm rollte aus dem Westen über den Rücken der Golanberge heran, der Himmel färbte sich dunkelgrau. Die Wolken hingen tief, sodass man glaubte, Himmel und See seien miteinander verschmolzen. Das Boot befand sich mitten auf dem See und an Bord waren über ein Dutzend Menschen. Irgendwann zerfetzte der Sturm das Segel. Die Gischt griff mit wilden, schaumigen Krallen ins Innere des Bootes, die Männer konnten sich kaum auf den Beinen halten und ihre Gesichter waren starr vor Angst. Im Heck des Bootes aber lag einer der Männer und schlief. Es war der, den wir Rabbi Jeschua nannten. Die Schreie der Männer dröhnten in meinen Ohren. Ich begriff, dass das Boot zu kentern drohte, wenn der Sturm sich nicht legte. Ohne darüber nachzudenken, erhob ich mich. In jenem Augenblick, da der Wind mir scharf ins Gesicht schnitt und ich die Gefahr in ihrem ganzen Ausmaß erkannte, wurde ich niedergeschleudert. Jeschua fing meinen Sturz mit seinem schlafenden Körper ab. Mein Kopf kam in seiner Halsgrube zu liegen und im Schlaf schloss sich sein Arm um mich. Ich ruhte dort wie in einer schützenden Hülle und war plötzlich sicher, dass mir in seiner Umarmung nichts geschehen würde. Die Männer schrien um ihr Leben, doch ich verspürte nicht die Spur einer Angst. Irgendwann wachte Jeschua auf. Er erhob sich, blickte über den tosenden See und sogleich legte sich das Unwetter. Es war das erste Mal, dass ich mich vollkommen auf einen anderen Menschen verließ und ich bekam eine Ahnung davon, was es bedeutete, Jeschua mein Leben anzuvertrauen.

*

- Kapitel 1 -

Zipporij

„Daya.“

Nur ein Flüstern. Und doch klang ihr Name auf die Art, wie sie ihn aussprach, feierlich, beinahe ein wenig stolz. Er bestand aus nur zwei unterschiedlichen Schriftzeichen. Für den zweiten und den letzten Laut sah ihre Sprache kein Zeichen vor; man sprach sie, doch geschrieben wurden sie nicht. Unermüdlich zeichnete Dayas Fingerspitze ihren Namen in den Staub, wieder und wieder. So lange, bis ein zufriedenes Lächeln über ihr Gesichtchen zog, weil sie die Tonscherbe nicht mehr benötigte, die die Mutter ihr gegeben hatte, um von dort abzuschreiben.

„Meine kleine, kluge Daya“, hatte die Mutter an jenem Tag mit einem Lächeln gesagt, die Scherbe behutsam in die Kinderhand gelegt und ihre Tochter auf die Stirn geküsst. „Ima …“ Mehr Worte waren nicht nötig gewesen. Daya wusste, wie sehr ihre Mutter den Kosenamen der hebräischen Kinder für ihre Mütter mochte. „Niemand außer dir darf mich so nennen“, hörte sie Ima manchmal sagen, in stillen, zärtlichen Augenblicken, die nur ihnen beiden gehörten und denen entgegen all ihrer innigen Verbundenheit dennoch etwas Unvollständiges anhaftete, als sei ihnen etwas verloren gegangen, das einmal zu ihnen gehört hatte.

Daya. Der Name, bei dem Tante Adah und Ima sie riefen und der fortan nicht mehr nur einen Klang besaß, sondern auch ein Muster. Noch dazu ein außerordentlich hübsches, wie Daya jetzt feststellte. Aufmerksam betrachtete sie die Schriftzeichen ihres Namens, stieß ihn zweimal, dreimal flüsternd über die Lippen und rief sich dabei die Geschichte in Erinnerung, die ihre Mutter ihr manchmal abends vor dem Einschlafen erzählte. Es war die Geschichte eines hölzernen Bootes, das ihren Namen trug und das einst auf dem großen galiläischen See in ein Unwetter geriet. Sie liebte diese Geschichte, auch wenn ihr Kinderverstand verschiedene Einzelheiten darin nicht begriff. Sie hatte ein gutes, ein befreiendes Ende genommen. Alle hatten das Unwetter überlebt, auch die Daya selbst war später ohne Schäden in den Hafen eingelaufen.

Sie erhob sich, wischte den Staub von ihren Knien, trat einen Schritt zurück und bestaunte ihr Werk. Eine ganze Menge Dayas schnörkelten sich im Staub, so viele, dass es bestimmt keine Zahl dafür gab. Dinge zu zählen, interessierte Daya ohnehin nicht. Stattdessen liebte sie es, Schriftzeichen sinnvoll anzuordnen, den Schwung zu üben, mit dem sie niedergeschrieben wurden und ein Bild daraus entstehen zu lassen, das man lesen konnte. Nicht jeder konnte es. Ima schon. Und Tante Adah. Und sie selbst, ein wenig jedenfalls. Ima betonte oft, es sei für ein jüdisches Mädchen etwas Besonderes, die Schriftzeichen deuten zu können. Nur die wenigsten wurden darin unterrichtet. Schreiben und Lesen war Männersache. Sie lernten es in den Synagogenschulen, deren Besuch den Mädchen verwehrt blieb. „Es wundert mich nicht, dass sie in ihrem Alter schon schreiben kann“, sagte Tante Adah manchmal und dabei zwinkerten ihre Augen. „Wie könnte es anders sein bei der Tochter einer Schreiberin, die zwischen Papyrus und Tinte aufwächst?“ Daraufhin zog jedes Mal ein stilles Lächeln über das Gesicht der Mutter, was Daya nicht verborgen blieb.

„Daya, komm ins Haus! Es ist spät.“ Daya wirbelte herum.

„Ja, Tante Adah. Ich komme gleich.“ Rasch verwischte sie mit bloßen Füßen ihre Schreibübungen, bis aus den vielen Linien und Strichen nichts weiter als gewöhnlicher Straßenstaub geworden war. Morgen würde sie weiter üben.

„Ist Ima noch nicht zurück?“ Auf dem Boden neben der tönernen Wasserschüssel kniend, rieb Daya sich unter den kritischen Blicken der Tante ihre Hände, Knie und Füße so lange, bis sich ihre Haut rötete. „Du weißt, dass die Zusammenkünfte manchmal länger dauern“, antwortete Adah. Sie reichte Daya ein sauberes Leintuch zum Abtrocknen. „Wann nimmt sie mich endlich einmal mit, Tante Adah?“ Adah stieß einen tiefen Seufzer aus. Immerfort die gleiche Frage. Und stets die gleiche ausweichende Antwort: „Du bist noch zu klein.“ Yesha wollte es so; es war eine Absprache zwischen ihnen, an die Adah sich hielt. Es war eine unruhige Zeit, in der sie lebten. Juden und Nichtjuden gerieten häufig aneinander, weil die obersten Priester und Schriftgelehrten um den Bestand der alten mosaischen Gesetze fürchteten und mit Nachdruck gegen die Neue Lehre vorgingen, die die Anhänger des Nazareners verbreiteten. Neulich erst hatte es wieder eine Auseinandersetzung mit Jephta gegeben, dem obersten Sadduzäerpriester des Ältestenrates, einem Hitzkopf mit dem Gesicht eines Greifvogels. Er gab keine Ruhe und seine Anschuldigungen richteten sich vor allem gegen Yesha als Leiterin der kleinen Gemeinde in Zipporij.

Anfangs, als Yesha und die anderen Anhänger der Neuen Lehre die wöchentlichen Zusammenkünfte noch in Wohnhäusern abgehalten hatten, hatte Jephta bezahlte Spitzel zu ihnen geschickt, harmlos aussehende Bürger der Stadt, die geübt darin waren, Interesse zu heucheln.

Seither fanden die Zusammenkünfte an einem geheimen Ort vor den Stadtmauern statt, der dem greisen, starrköpfigen Jephta bisher verborgen geblieben war. Adah nahm die Schüssel und trug sie in den Hof, wo sie das gebrauchte Waschwasser auskippte.

Die Neue Lehre. Sie gründete auf der Botschaft des Nazareners, den sie Jeschua nannten und den man seinerzeit vor den Toren Jerushalajims wegen seiner gotteslästerlichen Reden ans Holz genagelt hatte. Adah erinnerte sich daran, dass Yesha, die viele Monde lang mit ihm und einer Gruppe von Anhängern durch das Land gezogen war, immer an seine Unschuld geglaubt hatte und sein Tod einen Schmerz in ihr ausgelöst hatte, an dem sie beinahe zugrunde gegangen wäre. Einige Zeit nach der Hinrichtung des Rabbis war Yesha überraschend in Zipporij aufgetaucht und hatte Adah und Chaim eine unglaubliche Geschichte erzählt.

Von einer leeren Grabhöhle hatte sie gesprochen – als könnten Tote aus ihrem eigenen Grab spazieren! – und von einer Begegnung mit einem Fremden, der ihrem Jeschua erschreckend ähnlich gewesen sei. Er habe ihr aufgetragen, ihre Erlebnisse mit ihm niederzuschreiben, um sie für nachkommende Generationen zu bewahren. Eine Dienerin seines Wortes solle sie sein. Chaim hatte damals verständnislos den Kopf geschüttelt und Adah war ernsthaft um Yesha besorgt gewesen. Sie hatte die Zuneigung, die Yesha und dieser merkwürdige Nazarener geteilt hatten, zu keiner Zeit verstanden und noch heute fürchtete sie manchmal, dass Yesha nie endgültig über seinen Tod hinwegkommen würde. Adah selbst glaubte seit der Vollstreckung des Todesurteils nicht länger an die Geschichte von Jeschua als dem verheißenen Erlöser. Ein Gott in Menschengestalt – in Adahs Ohren klang das nach den faszinierenden Geschichten, wie sie sich um die Gottheiten der Hellenen oder Römer rankten. Manchmal bewunderte sie Yesha für ihre Unbeirrbarkeit und für den Mut, sich immer wieder in Gefahr zu begeben, wenngleich sie selbst befürchtete, dass die jüdische Obrigkeit ihre Zusammenkünfte auf lange Sicht keinesfalls dulden würde. Regelmäßig gab es bösartige Übergriffe und Yesha ging Woche für Woche ein unkalkulierbares Wagnis ein.

Doch es verging kein Tag, an dem Yesha ihrem Kind nicht etwas über Rabbi Jeschua erzählte, dem Mann, mit dem sie einst durch den Galil gezogen war und der die Angst aus ihrem Leben vertrieben hatte. „Wenn du ihn im Herzen bei dir trägst, haben Angst und Tod und das Böse keine Macht mehr über dich“, hörte Adah sie oft sagen, wenn Yesha am Schlaflager ihres Kindes kniete. Daya war ein kluges kleines Mädchen, und doch schien es Adah zu früh, sie mit derlei Unbegreiflichkeiten zu füttern. Doch es war Yeshas Tochter, nicht die ihre und so schwieg sie.

„Wann bin ich denn nicht mehr zu klein, Tante Adah? Wie lange muss ich warten, bis Ima mich mitnimmt?“

Dayas Stimme riss Adah aus ihren Gedanken. Lächelnd beugte sie sich zu dem Mädchen hinunter und drückte es an sich. „Vielleicht im nächsten Sommer, meine Kleine, wir werden sehen.“ Sie ahnte nicht, dass im nächsten Sommer nichts mehr sein würde wie zuvor.

Bei Einbruch der Dämmerung stellte Adah Öllichter in den Räumen auf. Nach dem Mahl, einem gekochten Brei aus Zwiebeln und Kichererbsen, den sie gemeinsam aus einer großen Schüssel aßen, brachte Adah das Kind zu seinem Schlaflager. Daya tastete nach der kleinen, an den Rändern glattgeschliffenen Tonscherbe. Einst hatte ihre Mutter den Namen Jeschuas mit einem angespitzten Stein hineingeritzt und Daya hatte sie dabei beobachtet. Es war ihr leicht gefallen, sich das Muster der verschiedenen Schriftzeichen zu merken; mit der Fingerspitze hatte sie jedes einzelne in den Straßenstaub gemalt, so oft, bis ihr kein Fehler mehr unterlief. Sie trug die kleine Scherbe stets bei sich. Schlug sie sich beim Herumtollen das Knie blutig, betupfte Ima die Wunde mit einem heilenden Öl, drückte Daya anschließend die Tonscherbe in die Hand und betete zu Jeschua um eine rasche Heilung. Es war ein wunderbares Heilmittel bei Traurigkeit, half gegen Fieber und Bauchschmerzen.

Adah neigte ihren Kopf zu ihr nieder: „Der Herr unseres Volkes möge dich segnen, kleine Daya. Er schenke dir eine friedliche Nacht.“ Sanft küsste sie das Mädchen auf die Stirn. Dann stellte sie ein Talglicht auf den lehmgestampften Fußboden nahe bei der Tür und verließ leise die Kammer.

Es war spät, als Yesha heimkehrte. Sie fand Adah in der Schreibkammer, die sich unter den Wohnräumen in einem unterirdischen Gewölbe befand und zu der man über eine schmale Steintreppe gelangte. Obwohl die wuchtige Holztür beim Öffnen einen langgezogenen, knarrenden Laut von sich gab, schien Adah Yeshas Hereinkommen nicht zu bemerken. Zu sehr war sie in ihre Arbeit vertieft. Yesha vernahm das kratzende Geräusch des Schreibrohres auf Papyrus. Mit einem Öllicht in der Hand trat sie näher. Erst als der zusätzliche Lichtschein die Schatten auf ihrem Arbeitsplatz veränderte, hob Adah den Kopf. Ein flüchtiger Blick auf Adahs Arbeit genügte, um Yesha innerlich aufseufzen zu lassen. Adahs Sehkraft ließ nach. Sie schrieb nicht mehr in der gewohnten, gleichmäßigen Weise, wie sie dies zuvor getan hatte und die Fehler häuften sich. Yesha hatte es längst bemerkt, doch bisher geschwiegen.

„Die Zusammenkunft hat lange gedauert“, stellte Adah fest, ohne in ihrer Arbeit innezuhalten. Sie hatte sich weit vornübergebeugt und erweckte so den Eindruck, mit ihrer Nasenspitze den Papyrus zu streifen. Yesha trat an den zweiten Arbeitstisch, der aus mehreren übereinander gestapelten Steinquadern bestand und stellte ihr Öllicht neben den zur Hälfte beschriebenen Papyrusbogen, auf dem sie gestern einen Brief begonnen hatte. Sie griff nach einem bauchigen Tongefäß, in dem Adah frischen Akaziensaft und Ruß angerührt hatte, eine Mischung, die sie zum Schreiben verwendeten. Sie nahm ein Schreibrohr und tauchte die Spitze in die dunkle Flüssigkeit. Dabei warf sie einen unauffälligen Blick hinüber zu Adah, die soeben ihren schmerzenden Rücken streckte und mit den Fingern der freien Hand nacheinander heftig beide Augen rieb.

Yesha legte ihr Schreibrohr nieder und wandte sich Adah zu. „Es ist etwas mit deinen Augen, nicht wahr?“, fragte sie, „sie sind schlechter geworden.“ Adah sah erschöpft und blass aus.

„Ja“, antwortete sie einsilbig. Sie schwieg einen Moment, vielleicht um nach den richtigen Worten zu suchen. „Manchmal scheint es, als seien sie … ja, als seien sie schrecklich müde. Alles was ich sehe, verschmilzt miteinander.“ Ihre Stimme klang brüchig.

Sie wussten beide, was es für einen Schreiber bedeutete, sein Augenlicht zu verlieren. Seit Chaims Tod erhielten sie ohnehin nur noch wenige Aufträge. Wer einen männlichen Schreiber kannte, der gute Arbeit ablieferte, brauchte keine Frauen, die er für diesen Dienst bezahlen musste. Frauen gehörten ins Haus, an die Kochfeuer und in die Gärten. Sie hatten möglichst viele Söhne zu gebären und ihre Töchter in den Eigenschaften tüchtiger Ehefrauen zu unterweisen. Wozu sollten Frauen lesen und schreiben können? Nur weil Chaim in seiner Tätigkeit als Kopist einen ausgezeichneten Ruf in der griechischen Oberschicht Zipporijs genossen hatte, beauftragten die Großherzigen unter ihnen seine Witwe dann und wann mit kleineren Aufträgen, damit sie und die galiläische Frau, die mit ihrem Kind bei ihr wohnte, das Notwendigste zum Leben hatten. Es waren Almosen, das wussten Adah und Yesha, doch sie sprachen nie darüber.

„Warum hast du nichts gesagt?“, fragte Yesha. Mitfühlend berührte sie Adahs Schulter.

„Ich hoffte, es würde vergehen“, antwortete Adah. Die Verzweiflung in ihrer Stimme war unüberhörbar. Yesha verstärkte den Druck ihrer Hand. Sie bemerkte die aufsteigenden Tränen in Adahs Augen. „Was sollen wir tun, wenn ich nicht mehr schreiben kann? Wovon sollen wir leben, Yesha? Die wenigen Aufträge, die man uns gibt, reichen ohnehin nur für das Nötigste.“

Yesha zog sie an sich. „Ich bin sicher, es wird eine Lösung geben. Die Arbeiten, die wir für gewöhnlich zu zweit anfertigen, kann ich notfalls auch allein bewältigen. Ich werde meine persönlichen Abschriften für eine Weile zurückstellen. Es hätte sogar den Vorteil, dass du dich dann in aller Ruhe um das Haus und unser Essen kümmern kannst.“ Wie einem Kind strich sie Adah, die zehn Sommer älter war, über die bebenden Schultern. Gedankenverloren heftete sich ihr Blick auf die zitternden Schatten, welche die Flammen der Öllichter auf die weiß gekalkten Wände warfen.

In Wahrheit sorgte sie sich nicht nur um die Abschriften und die ausbleibenden Aufträge. Die größere Erschwernis stellte die Papyruslieferung dar, die seit Chaims Tod in zähes Stocken geraten war. Als er noch gesund gewesen war, hatte er regelmäßig mit seinem Handelspartner, dem Salbenmacher Nathan, einem Halbgriechen aus Gadara, Reisen durch das Land unternommen, um neuen Papyrus zu kaufen. Nathan hatte den Papyrus für ihn beschafft und Chaim hatte dafür im Gegenzug Nathans Heilöle und Mixturen katalogisiert.

„Nathan müsste bald wieder nach Zipporij kommen.“ Yesha bemühte sich, ihre Stimme zuversichtlicher klingen zu lassen, als ihr zumute war.

Mit dem Ärmel ihres Leibrockes trocknete Adah ihr Gesicht. „Er war lange nicht hier“, erwiderte sie, „vielleicht lässt er uns den Papyrus noch einmal für die Hälfte.“

Yesha seufzte. Erst beim letzten Mal hatte er ihnen dreißig Bögen für den lächerlichen Preis von drei Silberdenaren überlassen. Yesha hatte sich bei diesem Geschäftsabschluss miserabel gefühlt, doch Nathan schien sich bei dem entstandenen Verlustgeschäft eher um das Wohlergehen der beiden Frauen zu sorgen. Wie kam es, dass Nathan immer auftauchte, wenn die Not am größten war? Damals, als sie in den Bergen von Betsajda dem Tod näher gewesen war als dem Leben. Später in Jerushalajim, als sie nach Jeschuas Hinrichtung, gelähmt vor Schmerz und Angst, ziellos durch die Gassen getaumelt war. Immer war es Nathan gewesen, der sich verantwortlich gefühlt hatte für ihr Leben.

Adah löste sich aus Yeshas Umarmung. „Ich jammere wie ein Klageweib“, schalt sie sich unwillig, „auf diese Weise werden wir unser Problem niemals lösen.“

Yesha lächelte.

Entschlossen legte Adah ihr Schreibrohr in einen ausgehöhlten Stein. „Es ist spät“, sagte sie und griff nach dem Öllicht. „Ich werde schlafen gehen.“

Yesha nickte. Stumm blickte sie der Freundin nach, als diese die Schreibkammer verließ. Dann beugte sie sich über den begonnen Brief und konzentrierte sich auf das Setzen der Schriftzeichen.

*

Yesha, Jüngerin unseres geliebten Rabbi Jeschua, Dienerin seines Wortes, grüßt Mariam, Freundin in Migdal, Nathan und alle, die in der Neuen Lehre und Wahrheit Jeschuas leben.

Meine Aufgabe als Leiterin der Zusammenkünfte lässt mir kaum Zeit, dir Mariam, häufiger zu schreiben, oder dich zu besuchen, was ich sehr bedauere. In Zipporij ist die Lage zwischen Juden und Nichtjuden weiterhin schwierig. Die jüdischen Priester glauben nicht, dass unser Tun und Denken gottgefällig ist. Sie verlangen, dass die Männer sich beschneiden lassen und die jüdischen Vorschriften achten, damit sie zum alten Glauben gehören. Neulich gab es sogar beinahe Handgreiflichkeiten deswegen. Als Frau habe ich es nicht leicht, mich durchzusetzen. Doch Jeschuas Mahnungen von der Gleichheit aller Menschen geben mir Kraft zum Durchhalten und Geduld, treu für Jeschua einzustehen. Und ich folge seiner Sendung. Ich schreibe, wie er es mir aufgetragen hat, damit sein göttliches Wort über alle Grenzen verbreitet wird. Jephta nimmt auch daran großen Anstoß. Er forderte Adah und mich mehrfach auf, unsere Schreibkammer zu schließen, er nennt sie „einen Ort, an dem Frevel und Lügen verbreitet werden.“ Doch ich trage Jeschua in meinem Herzen und spüre die Richtigkeit meines Tuns.

Liebe Mariam, grüße deinen Gemahl, den guten Nathan ganz innig von mir, und sag ihm, wir warten sehnlichst auf ihn, da sich unser Vorrat an Papyrus neigt. Es grüßen dich auch Adah und meine kleine Daya, der Stern meiner Nächte.

In Freundschaft und Verbundenheit mit Jeschua, dem unsere Liebe gehört, Yesha aus Zipporij

*

Entweder lag es an ihren Gedanken oder an dem Inhalt der flehenden Gebete, die sie täglich sprach, dass am folgenden Tag Nathan in Zipporij erschien. Yesha und Daya trafen ihn auf dem Markt, wo er seinen Karren aufgebockt hatte, auf dessen Ladefläche Salben und Öle in flachen, geflochtenen Weidenkörben lagerten. Nathan hatte es nicht nötig, seine Waren mit lauter Stimme und vielen Worten anzupreisen, wie es andere Händler taten. Sein Ruf eilte ihm voraus; jeder, der ihn kannte, wusste um die vortreffliche Beschaffenheit seiner Salben, schätzte die Reinheit seiner Öle und war deshalb bereit, einen angemessenen Preis zu zahlen. Die meisten Salbenmacher verstanden nicht viel von ihrem Handwerk, benutzten bei der Herstellung unreine Gefäße, verwendeten altes Fett, reduzierten die vorgeschriebene Menge an Harzen, Blättern oder Wurzeln und verfälschten damit die Rezepturen.

Als Yesha den Halbgriechen entdeckte, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie kannte Nathan seit vielen Sommern, aber es schien, als verändere er sich nie. Noch immer trug er seine dunklen Haare zusammengebunden als Zopf im Nacken, noch immer blitzte es in seinen Augen und auch das jungenhafte Lachen hatte er sich bewahrt.

„Nathan, wie schön dich zu sehen!“

Sie begrüßten sich mit der erforderlichen Sittsamkeit. Dann hockte Nathan sich nieder, sodass er sich mit Daya auf der gleichen Augenhöhe befand. „Ich grüße dich, kleines Vögelchen.“ Daya kicherte. „Wenn du so weitermachst, wirst du einmal ein ebenso entzückendes Geschöpf wie deine Mutter.“

Nathan strich ihr liebevoll über das dichte, schwarze Haar. Das mitschwingende Bedauern darüber, dass ihm der Segen eigener Kinder verwehrt geblieben war, entging Yesha nicht. Lange war er den Dirnen in den Schänken nachgestiegen, nichts wissend von dem Glück, das Liebende miteinander teilen. Vielleicht hatte er nicht einmal danach gesucht. Und nun, da er in seinem fünften Lebensjahrzehnt in Mariam endlich die Frau gefunden hatte, mit der er den Rest seines Lebens verbringen wollte, blieb ihm der Segen eigener Nachkommen verwehrt.

„Nenn mich nicht so!“, rief Daya ihm zu. Dabei legte sie den Kopf zur Seite und funkelte ihn aus ihren dunklen Augen herausfordernd an. Sie mochte Nathan und fand großen Gefallen an den Neckereien, mit denen er sie zum Lachen brachte. „Nein? Bist du denn kein Vögelchen?“

„Nein, bin ich nicht!“, rief sie in gespielter Empörung. Leise kichernd griff sie nach der Hand ihrer Mutter. „Und warum gab deine Mutter dir dann diesen Namen?“

„Mein Name ist nicht Vögelchen. Mein Name ist Daya, wie das Boot auf dem Kinneret!“

Nathan erhob sich, schürzte die Lippen und trat einen Schritt zurück. „Oho“, rief er mit einer angedeuteten Verneigung, „das Vögelchen mausert sich zu einem eigenwilligen Vogel. Um Vergebung, vielmals! Dann lassen wir uns doch überraschen, wann du deine Flügel entdeckst und in die Lüfte aufsteigt.“

Yesha schmunzelte. „Seit wann bist du in der Stadt?“ Sie wichen einer alten Frau aus, die mit einem Stock drei schmutzige, unwillige Schafe vor sich hertrieb.

„Seit gestern“, erwiderte Nathan. Er hob Daya auf den hinteren Teil der Wagenfläche, wo sie sich neugierig umblickte, aber nichts anrührte. „Ich erreichte Zipporij gerade noch, bevor die Wächter die Stadttore schlossen. In der Herberge am Osttor gab man mir Quartier für die Nacht und einen Platz für meine Maultiere.“

„Aber Nathan“, protestierte Yesha, „du weißt doch, dass Adahs Haus für dich immer …“

„Ich weiß“, fiel Nathan ihr mit einer beschwichtigenden Handbewegung ins Wort, „aber ich kenne doch die gute Adah und ihre Angst, Fremden die Tür zu öffnen, noch dazu so spät. Ich wollte es vermeiden, euch zu erschrecken, wenn ich mitten in der Nacht an eure Tür klopfe.“

Yesha zog die Briefrolle aus dem Gürtel und reichte sie Nathan. „Es ist beinahe ein Wunder, dass ich dich heute hier treffe“, sagte sie, „ich bin zum Markt gekommen, weil ich einen Händler suche, der so gut ist, einen Brief für Mariam mitzunehmen. Die Laufboten sind inzwischen unbezahlbar für uns kleinen Leute geworden.“

Nathan nahm die Rolle entgegen und verstaute sie in einem Lederbeutel, den er bei sich trug. „Mariam wird sich freuen“, sagte er, „sie spricht oft von dir. Und von Daya. Sie würde deine Tochter gerne kennenlernen.“ Yesha senkte den Kopf. Wie oft hatte sie sich vorgenommen, eine Reise nach Migdal zu unternehmen? Längst hatte sie die Freundin in das Geheimnis um Dayas Vater einweihen wollen. Zu niemandem außer zu Adah hatte sie je offen darüber gesprochen und bei Mariam wäre ihr Geheimnis ebenso gut aufgehoben wie bei Adah. Sie sollte mit der Freundin darüber sprechen. Bald.

Daya zupfte Nathan am Ärmel seines Obergewandes. „Hast du Honigdatteln? Ich habe schon so lange keine mehr bekommen.“

„Nicht!“, murmelte Yesha, zu leise, als dass Daya es hätte verstehen können. „Vergib ihr, Nathan. Ich mag es nicht, wenn sie bettelt.“

Nathan suchte Yeshas Blick, doch sie wich ihm aus. „Sieh mich an, Yesha.“ Widerwillig hob Yesha ihr Kinn. „Seid ihr weiterhin in Geldsorgen?“ Sie hatte nie vorgehabt, ihre Bedürftigkeit Nathan gegenüber zu verheimlichen, doch sie nun offen eingestehen zu müssen, lastete ihr wie ein Stein auf der Brust. Es tat ihr weh, Daya auf dem Markt nicht einmal eine Honigdattel kaufen zu können und sie selbst aß seit Wochen bei den Mahlzeiten nur das Notwendigste, damit wenigstens Adah und Daya satt wurden.

Weitaus bedrückender jedoch war die Sorge um das Schreibmaterial. Mit wenig Nahrung würde sie eine Weile auskommen, nicht aber ohne Papyrus. Wie sollte sie Jeschuas Lehre verbreiten, wenn sie keine Mittel mehr hatte, seine Worte niederzuschreiben? Schreiben, lesen, Schriften sammeln, sie Wort für Wort kopieren und weitergeben, damit jedem die Neue Lehre zugänglich gemacht werden konnte. All dies war von unschätzbarem Wert für die Anhänger des Nazareners geworden. Und war es nicht ihr Auftrag? Hatte Jeschua sie nicht als Dienerin seines Wortes nach Zipporij geschickt? Auch die Sendboten wie Shimon und Jochanan, die das Land durchwanderten, um das Wort ihres Rabbis in die entlegensten Provinzen und über die Grenzen Erez Ysraels zu tragen, nutzten seit langem die schriftliche Art der Vermittlung. Erst neulich hatte ein Bote Yesha einen Brief von Shimon gebracht, der weit herumkam und sich oft außer Landes aufhielt. Sein letztes Schreiben hatte er in der Stadt des römischen Kaisers aufgesetzt, dem Zentrum der politischen Macht, wo man die Anhänger des Nazareners mit übelsten Mitteln verfolgte.

„Woran fehlt es euch am meisten?“ Erschreckt fuhr Yesha zusammen. Nathans Stimme hatte sie aus dem Strom ihrer Gedanken zurück in die Gegenwart geholt. Nach Worten suchend hob sie langsam den Kopf. Sie wünschte sich, ihre Scham überwinden und ihm ehrlich antworten zu können. Er meinte es gut mit ihr, hatte es immer getan. „Ich möchte euch helfen, Yesha. Sag mir, wie.“

Die Art, wie er sie ansah, ohne jeden Argwohn, ermutigte sie. „Nun, am meisten fehlt es …“ Sie brach ab und seufzte, bevor sie weitersprach. Wo sollte sie anfangen, welches von den zahllosen Dingen, an denen es mangelte, übertraf die anderen an Wichtigkeit?

„An allem, Nathan. Papyrus natürlich und die Materialien zur Herstellung der Tinte, und endlich einmal wieder einen Fisch im Topf, wir hatten ewig keinen. Adahs letzte Ziege ist uralt und gibt kaum noch Milch, eine neue wäre dringend vonnöten, und, nun ja … für Daya vielleicht ein oder zwei Honigdatteln, die mag sie so gern.“ In ihren Augen schimmerten Tränen, als sie Nathans Blick auffing. Stumm nickte er ihr zu. Sein ernstes und zugleich entschlossenes Gesicht erleichterte sie, die drückenden Sorgen wogen für einen flüchtigen Moment nur noch halb so schwer.

Am Abend stand Nathan vor der Tür. In der Rechten hielt er einen Strick, an dem er eine junge, kräftige Ziege hinter sich her zog. „Der Viehhändler hat nicht übertrieben, sie ist in der Tat mehr als widerspenstig“, presste er hervor, während er das Tier in den überdachten Hof zerrte. „Aber immerhin konnte ich einen Sonderpreis mit ihm aushandeln.“

Daya klatschte vor Freude in die Hände und trieb die neue Ziege zur Hinterseite des Hofes, wo ein offener Durchlass in den Garten führte. Adah begann zu schluchzen.

„Ach Nathan, selbst einen Sonderpreis können wir nicht bezahlen, so nötig wir das Tier auch brauchen können.“

Mit energischem Kopfschütteln wischte Nathan Adahs Besorgnis beiseite. „Lass gut sein, Adah. Du hast mich unzählige Male in deinem Haus bewirtet, deine Tür steht mir jederzeit offen, es gibt immer einen Schlafplatz für mich. Nun bin ich an der Reihe. Nimm die Ziege als Geschenk!“

Ein weiterer Schluchzer entrang sich Adahs Kehle. Besänftigend schlang Yesha einen Arm um sie.

„Ach, da fällt mir ein …“, Nathan fuhr sich durch den dichten Bart. Mit drei langen Schritten stand er in dem Durchlass, durch welchen Daya mit der Ziege verschwunden war. Er blickte in den verwilderten Garten. Dort, wo Adah einst akkurate Beete mit Rosen, Malven und Schwarzkümmel angelegt hatte, war der Boden klumpig, die Strauchrosen verkümmert, und Disteln und Dornen überwucherten die Beete.

„Vögelchen!“ Er spitzte die Lippen. Das Trillern ähnelte dem eines Sperlings und verfehlte seine Wirkung nicht. Sogleich ertönte Dayas Stimme in der Nähe. „Ich heiße Daya!“ Geduckt kam sie hinter dem Stamm des Ölbaumes hervor, sauste lachend an Nathan vorbei und rief: „Hör nur, was er sagt, Ima!“

Nathan bekam ein Stück ihres Leibrockes zu fassen und wirbelte sie zu sich herum. Mit dem lachenden Kind auf dem Arm durchquerte er den Innenhof und verließ das Haus. Kurz darauf stürmte Daya wieder herein. Sie hüpfte zu ihrer Mutter, blickte sie mit leuchtenden Augen an und hielt ihre Hände in die Höhe. Honigdatteln. Süß, klebrig und glänzend. Yesha schluckte, suchte Nathans Blick, nickte und lächelte ihm zu, schweigend, verlegen, voller Dankbarkeit.

Bevor er sich am nächsten Tag verabschiedete, um Zipporij in nördlicher Richtung zu verlassen, brachte Nathan den Frauen zwei Dutzend Bögen Papyrus. „Bezahlt ihn beim nächsten Mal.“ Dass es nicht nach einem Almosen klang, sondern nach einem legalen Geschäftsabschluss, bei dem einer dem anderen einen Vorschuss gewährt, milderte den Aufruhr in Yeshas Gewissen.

- Kapitel 2 -

Bergland von Gilboa

„Es ist der Preis, der uns abverlangt wird, Eleazar!“ Der Angesprochene kauerte auf dem felsigen Grund, die schroffe Felswand im Rücken. Das Gesicht in den Armen vergraben, hörte er die Stimme Menahems, als käme sie von weit her. Eleazar hob den Kopf und sah in Menahems Richtung. Die tief stehende Sonne zwang ihn zu blinzeln, als er den Blick des anderen suchte.

„Wie kannst du so reden?“, rief Eleazar erbost. „Er war nicht irgendeiner deiner Männer, kein beliebiger Kämpfer, sondern einer aus deinem eigenen Blut! Dein Bruder!“ Rasch wandte er sein Gesicht ab. „Dass er zufällig auch mein Vater war, interessiert dich vermutlich nicht.“

Menahem trat einen Schritt auf ihn zu. „Steh auf!“, fuhr er den Jüngeren an. „Mach schon, steh auf!“ Breitbeinig baute Menahem sich vor seinem Neffen auf. Hatte er es nicht vorhergesehen? Ging es um das eigene Blut, das die Erde der Kampfplätze färbte, um das bedrohte oder erloschene Leben eines Verwandten, erhielt der geleistete Schwur plötzlich eine völlig andere Bedeutung. Es verhielt sich nicht bei allen Männern so, dem Allmächtigen sei Dank dafür. Die meisten von ihnen waren mit der Zeit gewissenlose, niederträchtige Gesellen geworden, denen selbst das eigene Leben keinen Schekel mehr wert war. Noch vor kurzem waren sie unbescholtene Männer gewesen, Bauern, Zeltmacher oder Getreidehändler, die einer anständigen Tätigkeit nachgingen. Sie hatten sich vermählt und Kinder gezeugt. Doch Rom forderte Steuern, Zölle und Militärabgaben, die das spärliche Einkommen überstiegen. Das drückende Unrecht, das die Besatzer im Land wie Unkraut säten, machte untadelige Männer zu Opfern der römischen Politik und nicht wenige von ihnen zu mutigen Widerständlern, deren innere Stimme lauter und fordernder war als das Flehen ihrer Frauen und Kinder. Sie verließen ihre Familien, leisteten den Schwur und widersetzten sich fortan den Gesetzen der heidnischen Blutsauger, die sich ungefragt das Land Jahwes angeeignet hatten. Menahem wandte den Kopf. Als stünde einer der römischen Bastarde hinter ihm, spuckte er seinen Hass wie einen verdorbenen Bissen aus. Langsam erhob sich Eleazar. Beim Aufrichten bohrten sich die winzigen, scharfkantigen Unebenheiten des Felsens in seinen Rücken.

„Sieh mich an, Neffe!“ Menahems schmutzige Finger griffen nach Eleazars Kinn. „Dein Leben lang hast du deinen Vater bewundert“, raunte Menahem ihm zu, „ihn und die Sache, für die er kämpfte. Unsere Sache! Du wusstest genau, worauf du dich einlässt, weil dein Vater es dir vorgelebt hat. Du wusstest, dass er an jedem Tag, den der Ewige ihm schenkte, sein Leben riskiert hat. In den Höhlen von Gilboa regiert das Gesetz der Skrupellosigkeit, Eleazar! Wenn einer von uns den Kampf mit dem eigenen Leben bezahlt, dann ist es das, was HaShem von uns will. Die neue Welt kommt nicht von allein, Junge! Der Allmächtige fordert unseren Einsatz und wenn er unser Blut dafür braucht, dann bekommt er es. Von jedem!“

Mit einer trotzigen Kopfbewegung schüttelte Eleazar die Hand seines Onkels ab. Er schwieg. „Dein Vater hat sein Leben für unseren Kampf gegeben. Das jüdische Volk wird sich mit Stolz und Respekt an seinen Namen erinnern.“

Menahem trat einen Schritt zur Seite und musterte seinen Neffen. In vielem glich er den Männern seiner Familie, besaß dieselbe Statur, den gleichen kräftigen Körperbau, dasselbe entschlossene Funkeln in den schwarzen Augen. Er war ein geschickter Kämpfer. Die sica, eine Stichwaffe mit sichelförmiger Klinge, die jeder Zelot bei sich trug, lag ihm in der Hand, als sei sie ein Teil seines Körpers und er führte sie treffsicher und ohne Furcht.

„Seit wann bist du bei uns, Eleazar?“, fragte Menahem nach einer Weile. Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte er eine Handvoll Männer, die in der Nähe des Höhleneingangs warteten. Seit einer der Späher am Morgen atemlos mit der Nachricht von der Hinrichtung ihres Anführers im Lager erschienen war, hatte sich eine bedrückte Stimmung unter den Männern ausgebreitet. Mit einem Mal erschienen sie Menahem wie ein Leib ohne Kopf, verunsichert und orientierungslos.

„Seit dem Frühjahr“, murmelte Eleazar einsilbig.

„Seit dem Frühjahr“, wiederholte Menahem, „und was hast du an jenem Tag, an dem wir dich aufnahmen, geschworen? Vor allen Männern unserer Truppe, vor deinem Vater?“

„Was soll das, Onkel?“

Menahem blickte ihn eindringlich an. „Du hast deinen Schwur vergessen, nicht wahr?“

„Was redest du da?“, fauchte Eleazar zurück. „Ich kenne den Schwur, seit ich sprechen kann. Als Junge konnte ich den Tag nicht erwarten, endlich in diesen Höhlen zu stehen und ihn zu leisten. Ich flehte HaShem in meinen Gebeten an, mich auszuwählen und meinen Traum wahr werden zu lassen. Und du fragst mich, ob ich ihn vergessen habe?“ Wut funkelte in seinen Augen.

„Los!“, blaffte sein Onkel zurück, „dann sprich ihn! Jetzt! Und sieh mir dabei in die Augen!“

Menahems Blick standhaltend straffte Eleazar die Schultern, schlug die rechte Hand auf die Herzgegend und brüllte seinem Onkel die Worte des Zelotenschwurs ins Gesicht: „HaShem ist mein Herr! HaShem ist mein König, kein anderer neben ihm! Tod den Unterdrückern meines Volkes. Mann gegen Mann. Blut gegen Blut. Der Herr allein führt meine Hand im Krieg gegen Knechtschaft und Unterdrückung!“ Fest heftete er den Blick auf das Gesicht seines Onkels, in dem sich vom rechten Nasenflügel bis zur Ohrmuschel eine miserabel verheilte Narbe entlang zog, welche ihm das Aussehen eines skrupellosen Kriegers verlieh – die zweifellos grausame Erinnerung an die Klinge eines römischen Kurzschwertes.

Noch immer ruhte Eleazars Rechte auf seiner Brust, er spürte die feste Muskulatur und das Pochen seines Herzens. Menahem nickte ihm zu. Dann wandte er sich um und trat zum Eingang der Höhle, wo die Männer auf ihn warteten. Er kannte sie lange genug, um in ihren Gesichtern lesen zu können.

Zipporij

Mit einer Hand schob Yesha die gemusterte Decke in der Türöffnung beiseite. Gleichmäßig hob und senkte sich Dayas Brustkorb, ihre Lippen waren halb geöffnet und die Finger der Rechten hielten die kleine Tonscherbe umklammert. Mit der liebevollen Geste einer Mutter strich Yesha ihrem Kind eine Haarsträhne aus der Stirn. Dann legte sie sich nieder, eingehüllt in Wärme und Duft des kleinen Körpers. Auf der Schwelle zwischen Wachen und Träumen glitt sie hinein in jene Nacht, in der sie dieses Kind empfangen hatte. Ein Strom aus Bildern riss sie fort, trieb sie vor sich her wie Treibgut im Wildwasser. Alles schien vertraut wie einst und wirkte doch auf seltsame Weise fern. Warum lag sein Gesicht verborgen im Schatten, während ihre Finger suchend nach ihm tasteten? Seine Lippen formten lautlose Worte, doch als sie zu ihm aufblickte, veränderten sich seine Züge. So hatte er vor vielen Sommern ausgesehen, als sie beide jung gewesen waren und nichts geahnt hatten von den unheilvollen Geschehnissen in der fremden Stadt. Nachtschwarze Gassen taten sich vor ihr auf. Aufgehetzter Pöbel. Ein aufgerichtetes Kreuz. Schreie. Blut. Angst. So dumpf und bedrückend, dass es ihr das Herz entzwei zu reißen drohte.

Yesha fuhr auf, einen erstickten Schrei auf den Lippen. Schweiß perlte auf ihrer Stirn. Sie atmete schwer, der Herzschlag pochte in ihren Ohren. Es war lange vorbei. Flüsternd formten ihre bebenden Lippen einen Namen. „Jeschua …“ Immer wieder. Jeschua. Jeschua. Die Gedanken an ihn beruhigten sie, schluckten die Furcht. Sie fühlte ihn, wusste, dass er bei ihr, in ihrem Herzen war. Ihr Atem beruhigte sich, doch ihr Mund fühlte sich an wie mit Sand gefüllt. Leise erhob sie sich, griff nach dem brennenden Talglicht und verließ auf bloßen Füßen die Kammer. In der gemauerten Nische hinter der Kochstelle stand der tönerne Schöpfkrug, in dem sich noch etwas Wasser befand. Mit der hohlen Hand griff sie hinein. Kühl und belebend rann ihr das Wasser die Kehle hinab. Auf der Suche nach Schlaf schlich sie zurück, ließ sich neben ihrem Kind nieder, schloss die Augen. Doch die Bilder des Traumes verfolgten sie. Sie versuchte, sie abzuschütteln, warf sich von einer Seite auf die andere.

Als Yesha glaubte, Geräusche zu hören, stand sie auf und trat an die Fensteröffnung. Außer dem Wind, der in den Blättern der Bäume wisperte, und einem bellenden Hund durchbrach kein Laut die Stille. Wieder kroch sie unter das dünne Leintuch, doch sie fand keine Ruhe. Das seltsame Geräusch, das sie vorhin bereits zu hören geglaubt hatte, wiederholte sich. Für einen Augenblick dachte sie an Jephta. Zu welchen Mitteln würde er greifen, um ihr das Schreiben zu erschweren? Sollte er imstande sein, sich auf verbrecherische Weise ihrer Schriften zu bemächtigen, um sie anschließend zu vernichten? Jephta war ein jüdischer Priester, er befolgte die mosaischen Gebote auf haarspalterische Weise. Niederträchtige, den Gesetzen widersprechende Handlungen, würde er, so wie jeder gläubige Jude, verabscheuen. Nein, so weit würde er gewiss nicht gehen.

Da, sie hatte es wieder gehört! Yesha setzte sich auf. Als ihre Grübeleien schwarz und bedrohlich wurden, beschloss sie, aufzustehen. Den Namen Jeschuas auf den Lippen verließ sie, mit einem Öllicht in der Hand, die Kammer. Eine für diese Zeit ungewöhnliche Wärme lag in der Luft. Sie schien jeden Winkel im Haus zu füllen, war selbst im überdachten Hof spürbar. Angst und Unsicherheit lähmten Yeshas Sinne, das Öllicht in ihrer Hand zitterte. Von einer grauenvollen Ahnung beschlichen, tastete sie sich auf dem durchwärmten Steinboden den schmalen Gang entlang und die Stiege treppab. Geräusche, die sich nicht einordnen ließen, drangen an ihr Ohr; sie kamen aus der Schreibkammer. Durch die Ritzen der wurmstichigen Holztür fiel Licht. Zuviel Licht. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Feine Rauchschwaden drangen durch den Türspalt, bestätigten Yeshas finsterste Befürchtungen. Sie blinzelte und kniff die Augen zusammen, die zu tränen begannen. Sie erschrak, als hinter der Tür etwas dumpf zu Boden polterte. Ohne einen weiteren Gedanken schob sie den Eisenriegel zurück und stieß die Tür auf. Hitze und gleißende Helligkeit ließen sie zurücktaumeln. Sie stolperte, richtete sich wieder auf, wollte nicht glauben, was sie sah. Flammen!

Mannshoch loderten sie in der hinteren Hälfte der Schreibkammer, zuckten bis unter die Decke, leckten an den Holzbalken, die das Gewölbe stützten, tasteten mit gierigen Fingern in alle Richtungen. Die Hitze raubte Yesha den Atem. Ihr Blick flog nach oben zur Decke, die bereits verrußt war und ihre Gedanken hinauf in die darüber gelegene Kammer.

„Daya!“ Das Lodern des Feuers schluckte ihren Schrei. „Nicht Daya, nein, nicht sie!“ Sie kehrte um, stolperte die Treppe hinauf, hustete, schrie wie von Sinnen nach Adah, stürzte in die Schlafkammer, riss das Kind in ihre Arme. Verschlafen blickte Daya ihre Mutter an, kein Laut verließ ihre Lippen. Sie blieb ruhig, fragte nicht, warum sie aus dem Haus herausgebracht und auf der gegenüberliegenden Seite der Straße abgesetzt wurde. „Bleib hier, meine Kleine! Lauf nicht ins Haus zurück. Ich hole Tante Adah.“ Yesha küsste ihre Tochter auf die Stirn, hastete ins Haus, zurück zu den Schlafkammern. Rauch und Hitze breiteten sich schneller aus, als sie es für möglich gehalten hatte, erschwerten das Atmen, brannten in der Kehle, in den Augen.

„Yesha!“

„Adah! Rasch!“ Yesha packte Adahs Hand und zog sie mit sich nach draußen. Atemlos standen sie auf der dunklen Straße, rangen nach Luft, husteten und wechselten stumme, kummervolle Blicke. Inzwischen waren Nachbarn herbeigeeilt; einige von ihnen liefen mit großen Krügen zur nächsten Zisterne, die um mehrere Straßenecken lag. Mit stumpfem Blick sah Yesha ihnen nach. Sie spürte Dayas zitternden Körper, der sich an ihre Beine schmiegte und die kleinen Hände, die sich in den Stoff ihres Leibrockes krallten. Yesha hockte sich nieder, nahm ihr Kind in die Arme, rieb ihre Wange an Dayas weichem Haar. Hinter geschlossenen Lidern sah sie die Feuersbrunst in der Schreibkammer wüten. Wie Dämonen würden sich die Flammen in unersättlicher Gier mit wildem Zucken weiter fressen, ohne Gnade durch alle Schriftrollen, alle Papyrusbögen hindurch, würden sie unbrauchbar machen, Schriftzeichen für Schriftzeichen zerstören, Jeschuas Wort in Fetzen reißen, ihre eigenen niedergeschriebenen Gedanken unbarmherzig vernichten und nur eine erbärmliche Handvoll Asche zurücklassen.

Sie fasste ihren Entschluss in einem einzigen Augenblick. „Bleib hier bei Tante Adah, meine Kleine, und warte auf mich.“ Beherrscht von einem einzigen Gedanken, überhörte sie die warnenden Rufe der Leute, raffte ihren Leibrock und lief zurück ins Haus. Stickige Rauchschwaden schlugen ihr entgegen, als sie den schmalen Gang entlang und die inzwischen glühend heißen Stufen hinunter eilte. Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Entschied sie sich dafür, die unbeschriebenen Papyri zu retten, die ihnen das Überleben sicherten, wäre sie gezwungen, die Schriften mit Jeschuas Wort zurückzulassen. Nahm sie aber diese, so verbrannten die neuen Papyrusbögen, die sie so dringend zum Anfertigen neuer Arbeiten brauchten. Yesha presste den Ärmel ihres Leibrockes vor Mund und Nase. Sie versuchte, nicht zu tief einzuatmen, was ihr kaum gelingen wollte. Der Rauch kratzte in ihrem Hals, brannte in den Augen, schnürte ihr die Kehle zu.

Die Tür stand noch offen, doch das Holz schwelte bereits. Yesha kniff die Augen zusammen. Ihr Blick flog zur Längsseite des Raumes, wo sie die Körbe mit den fertig abgeschriebenen Schriftrollen aufbewahrten, dann zur gegenüberliegenden Wandseite. Adahs Schreibpult stand in lodernden Flammen, ebenso die Truhe mit den unbeschriebenen Papyrusbögen. Das Feuer nahm ihr die Entscheidung ab. Zwei Schritte genügten, um mit ausgestrecktem Arm den geflochtenen Binsenkorb zu sich heranzuziehen, in dem sie ihre eigenen Schriften aufbewahrte, niedergeschriebene Gedanken, Erinnerungen an Jeschua. Es blieb keine Zeit, auch die Abschriften zu retten; Tinte, Schreibrohre, alles musste zurückbleiben, wenn sie ihr Leben nicht weiter gefährden wollte.

Ein neuer Hustenanfall brachte sie ins Taumeln. Hinter ihr fing einer der Körbe Feuer, im Nu sprangen die Funken auf den nächsten über, entflammten die Schriftrollen darin, erfassten den Saum von Yeshas Leibrock. Sie raffte sich auf, presste mit beiden Armen den Korb an sich, hastete weiter. Die Benommenheit in ihrem Kopf machte sie taub. Taub für den Geruch nach versengten Haaren und schwelendem Fleisch, taub für die Hitze, die ihr die Fußsohlen verbrannte, für die glimmenden Funken, die sich beängstigend rasch durch den Stoff ihres Leibrockes fraßen und blind für die Gefahr, in der sie sich befand. Nichts von all dem nahm sie wahr. Mit dem Korb im Arm stolperte sie die Stiege hinauf und den Gang entlang. Trotz der gleißenden Helligkeit sah sie fast nichts mehr, ihre Augen hatten sich zu zwei schmalen Schlitzen verengt. Entkräftet erreichte sie die Vordertür, stieß sie mit einer letzten ungeheuren Kraftanstrengung auf und wankte hinaus. Ihre Beine zitterten, der Korb fiel zu Boden. Sie wollte atmen, ihre Lungen mit reiner, kühler Luft füllen, warum fiel es ihr so schwer? Jemand berührte ihr Gesicht und sie wunderte sich darüber, keinen Schmerz zu empfinden. Mit einem Mal wurde es leer in ihrem Kopf. Ein schwarzer, erlösender Schleier senkte sich vor ihre Augen, erstickte jedes Geräusch, ließ alle Schreie verstummen, erinnerte an den Frieden eines windstillen Tages auf dem See.

Sie blickte sich um. Dies war ihr Lieblingsplatz am Ufer des Yam Kinneret, die flache, felsige Erhebung, von wo aus man die Rohrdommeln beobachten konnte, die in den fingerdicken Halmen der Schilfrohre brüteten. Der Wind sang in den Gräsern und kleine, krause Wellen umspülten die Kiesel. Sie war nicht allein, jemand saß neben ihr. Ihre Schultern berührten einander. Jeschua? Bist du es, geliebter Jeschua? Ein sanftes Lächeln ersetzte die Antwort. Sie tastete nach ihm und merkte erst nach einem Augenblick, dass ihre Hand längst in seiner ruhte.

Ihren Rücken an die harte Lehmziegelmauer gedrückt, kauerte Daya an derselben Stelle, an der ihre Mutter sie abgesetzt hatte. Sie war müde. Und sie fror. Sie zog die nackten Beine an den Körper, umschlang sie mit beiden Armen und legte den Kopf in den Nacken. Es war stockfinster, kein Stern am Himmel, kein Mond. Als sie noch nichts davon verstand, hatte sie oft verstört nach ihm gesucht, wenn er sich verbarg, aber inzwischen wusste sie, dass er niemals für immer ging. Daya sah hinüber zum Haus. Warum hatte Ima sie mitten in der Nacht geweckt? Wie lange würde sie sie allein auf der Straße, im Dunkeln, sitzen lassen und wann kam sie endlich zurück? Ihre Hände umklammerten die Tonscherbe, auf der der Name des Rabbis geschrieben stand. Wenn du ihn im Herzen bei dir trägst, haben Angst, Tod und das Böse keine Macht über dich. „Jeschua“, flüsterte sie in die Stille. Das Geräusch der Vordertür ließ sie aufhorchen. Sie sah Tante Adah mit großen Schritten herbeilaufen und hinter ihr die Mutter. Trotz der Dunkelheit erkannte Daya das Entsetzen in ihren Gesichtern. Was war geschehen? Daya sprang auf, lief zu ihrer Mutter, schmiegte sich an ihre Beine und rieb die Wange am Stoff ihres Leibrockes. Als sie sich in der vertrauten Umarmung wieder fand, verschwand das Zittern aus ihrem frierenden Körper und ein stilles Lächeln zog über ihr Gesicht.

„Bleib hier bei Tante Adah, meine Kleine, und warte auf mich.“ Die Umarmung löste sich, das Lächeln auf Dayas Lippen wich einem enttäuschten, lautlosen Schrei. Ohne sich noch einmal umzudrehen, eilte ihre Mutter fort, um kurz darauf im Haus zu verschwinden. Tante Adah, die nur eine Armlänge von Daya entfernt stand, brach in Tränen aus. Die Türen der Nachbarhäuser öffneten sich, Menschen mit Öllampen in den Händen liefen herbei. Zwei Männer hetzten mit bauchigen Wasserkrügen die Straße hinunter, ein Hund sprang bellend hinterher. Niemand kümmerte sich um das kleine Mädchen, nicht einmal Adah, die aus Sorge um Yesha beinahe den Verstand verlor. So fiel es niemandem auf, dass Daya sich langsam auf die Vorderseite des Hauses zubewegte, die Tonscherbe fest in der kleinen Faust. Rauch quoll aus der Tür. Jemand taumelte nach draußen, eine Frau, am Ende ihrer Kräfte. Von irgendwoher drangen gellende Schreie. Der Korb, den die Frau bei sich trug, glitt ihr aus den Armen, fiel zu Boden. Sein gesamter Inhalt, zahlreiche in Leintücher eingeschlagene Papyrusrollen, verteilte sich augenblicklich im Staub. Eine von ihnen rollte Daya vor die Füße. Im gleichen Augenblick sank die Frau in sich zusammen und schlug hart auf der Erde auf. Verstört irrte Dayas Blick über den wunden Körper, von dem ein sonderbarer Geruch von verbranntem Fleisch und versengten Haaren ausging, heftete sich auf das rußverschmutzte Gesicht, dem Wimpern und Brauen fehlten und begriff nicht, warum Haut und Leibrock an vielen Stellen zu einer verkohlten Masse verschmolzen waren.

Auch wenn Daya das Geschehene nicht verstand, so überfiel sie doch mit einem Mal die angstvolle Gewissheit, dass dieser geschundene Körper der ihrer Mutter war. Zögernd tasteten sich die kleinen Fingerspitzen zu der rußgeschwärzten Stirn, berührten sie sanft, drückten die Tonscherbe auf die blutende Wunde. Hab keine Angst, Ima. Jeschua wird dir helfen. Im gleichen Augenblick griffen zwei kräftige Hände nach ihr und trugen sie fort.

*

Acht Tage nach dem Wochenfest im Siwan brachen wir auf. Shimon besorgte ein Boot, groß genug für uns alle. Levi, Jochanan, Jaquob und Nathanael setzten sich an die Ruder und bald hatten wir den Hafen weit hinter uns gelassen. Es war ruhig auf dem Kinneret, nur ein paar Seevögel über uns, die im Wind trieben. In der Nähe von Betsajda gingen wir an Land. Jeschua war während der Zeit auf dem Boot schweigsam gewesen und schien mit seinen Gedanken an einem fernen Ort zu sein, wie so häufig. Ich fragte mich, warum er mich nicht daran teilhaben ließ. Obwohl wir uns schon fast ein Jahr kannten, fiel es mir weiterhin schwer, seinen Gedanken zu folgen. Das, was er sagte, konnte ich oft nicht vollständig begreifen, obwohl ich mich so darum bemühte. Während der ganzen Überfahrt sprach er mit niemandem ein Wort, auch nicht mit mir, was mich traurig machte. Ich verfiel in meine alten Ängste und wurde wieder zu dem kleinen heidnischen Mädchen, mit dem die jüdischen Kinder nicht spielen durften, weil es den Makel der Unreinheit in sich trug. Merkte er denn nicht, wie sehr ich darunter litt? Doch, natürlich, er spürte es. Ich zweifelte längst nicht mehr daran, dass er die kleinste Gemütsregung an meinen Augen abzulesen vermochte, wenn es mir auch immer noch ein Rätsel war, wie er es machte. Doch ich wusste auch, dass ich niemals etwas von ihm erzwingen konnte. Er würde sich mir zuwenden, wenn er es für richtig befand. Dieser Gedanke tröstete mich. Ich musste geduldig sein.

In der Ferne wurde die Hafenmole Betsajdas erkennbar und kurz darauf legten wir an. Ich war noch immer in meinen Grübeleien gefangen und daher einen Moment unachtsam. Auf den glitschigen Planken verlor ich den Halt. Bevor ich auf den Brettern des Bootsrumpfes aufschlug, war Jeschua neben mir. Seine Arme hielten mich. Dabei traf mich sein Blick und ein warmes Lächeln zog über sein Gesicht, es hüllte mich vollkommen ein, ich badete darin wie in einer milden Flut. „Keine Angst“, sagte er, „ich bin bei dir.“

„Ich habe nicht aufgepasst“, versuchte ich mein ungeschicktes Verhalten zu entschuldigen. Jeschua aber stand ganz still da, unbeeindruckt vom Treiben um uns herum. „Ich weiß“, antwortete er mit einer Selbstverständlichkeit, die keinem derart zu Eigen war wie ihm. „Deshalb bin ich bei dir.“

*

- Kapitel 3 -

Zipporij

Sie wusste nicht, in welches Haus man sie brachte, wer auf seinem Lager zur Seite rückte, um seinen Schlafplatz mit ihr zu teilen oder wer sie sanft in den Armen wiegte, wenn sie weinend aus dem Schlaf schreckte. Die Nacht schien kein Ende zu nehmen und als der Morgen graute, waren Dayas Augen rot, stumpf und tränenleer. Verstört blickte sie Tante Adah an, die früh am nächsten Tag kam, sie in die Arme schloss und lange an sich drückte. Als sie hinausgingen, umfing sie der Geruch von verkohltem Holz und warmer Asche. Sie hörte Tante Adah mit erstickter Stimme von Dingen sprechen, die sie ängstigten. Dünne, weiße Rauchfäden stiegen über dem empor, was einmal ihr Haus gewesen war, vereinzelt glommen Funken in den zusammengestürzten Überresten. Die westliche Seite des Hauses gab es nicht mehr, sodass die entstandene Lücke den Blick auf den dahinter gelegenen Garten öffnete. Dort, wo der Olivenbaum gestanden hatte, streckte ein Gerippe seine verkohlten Arme in den Himmel.

Daya blinzelte, schloss die Augen, öffnete sie wieder. Die Rauchschwaden blieben. Und auch der Geruch. Der Geruch ihrer toten Mutter. Wie ein Leichentuch umhüllte er die Trümmer des Hauses, legte sich über die Straße, senkte sich schwer auf Gärten, Nachbarhäuser und Viehpferche. Den Kopf in den Nacken gelegt, blickte sie nach oben. Zwei Vögel kreisten zwischen weißen Wolkenfetzen; mit unsichtbaren Flügelschlägen zogen sie ihre Bahn, weit über ihr. Kleiner Vogel Daya, sagte Nathan manchmal. Nichts sehnlicher wünschte sie sich, als die Arme auszubreiten und aufzusteigen; mit sanften Vogelschwingen über den Schrecken der letzten Nacht hinwegzugleiten, wie die beiden dort oben, die nun mit dem Abwind die Richtung änderten.

„Ima…“ Mit winzigen, flinken Schritten begann Daya, sich um sich selbst zu drehen. Nie wieder würde sie die geliebte Stimme hören, nie wieder von ihr getröstet werden, nie wieder neben ihr einschlafen. Die Endgültigkeit hinter den dunklen Grübeleien senkte sich auf Dayas Herz, wo sie drückte und ihr die Luft zum Atmen nahm. Doch sie drehte sich weiter, immer schneller, als könne sie dem Unabänderlichen damit entkommen. Sie hielt die Augen geschlossen und den Blick nach innen gerichtet, wo sich das Bild des Tores formte, hinter dem das Reich der anderen Welt begann. Schattenwelt nannten die jüdischen Priester den Ort, an den die Menschen nach dem Sterben gingen, ein bedrohliches Wort, voll Düsternis, Einsamkeit und Kälte.

Nimm doch meine Stimme, Ima! Nimm sie mit, damit wir dort, wo du jetzt bist, miteinander lachen und singen können.

Auf bloßen Füßen, mit ausgebreiteten Armen und fliegendem Haar wirbelte sie umher. Sie schrie sich ihren Schmerz von der Seele, schrie, so laut sie es vermochte und so lange, bis Tränen über ihr Gesicht rannen und sie verstummte erst, als eine Hand nach der ihren griff und sie fortzog.

Wie es die Riten der Ahnen vorschrieben, wusch und salbte man Yeshas toten Körper und hüllte ihn in saubere Leintücher. Daya beobachtete schweigend, was Tante Adah und die Frauen aus der Nachbarschaft taten. Das Klagen der Weiber in den sackartigen Gewändern verfolgte sie bis in den Schlaf. Und als man den leblosen Körper, verborgen unter hellen Tüchern, in einen Garten außerhalb der Stadt brachte, begleitete sie gehorsam den Trauerzug an der Hand Tante Adahs. In dem neben einem knorrigen Baum gelegenen Felsengrab hatte man im vergangenen Winter Onkel Chaim beigesetzt. Es beruhigte Daya, ihre Mutter nicht allein in der kalten, steinernen Höhle zu wissen.

In jener unglückseligen Nacht hatte Adah ihre gesamte Habe verloren. Das Haus war niedergebrannt bis auf die Grundmauern und damit unbewohnbar geworden. Mit bloßen Händen suchten sie nach brauchbaren Gegenständen, dabei fanden sie die verkohlten Überreste der jungen Ziege im Garten, nah beim Haus. Die alte, magere hatte den Brand überlebt. Adah brach in lautes Wehklagen aus, band dem verängstigten Tier einen Strick um den Hals und zerrte es über die noch warmen Trümmer auf die Straße. Abgesehen von zwei bauchigen, verschließbaren Tonkrügen, die Adah unter den Zitronenbäumen entdeckte und dem Korb, in dem Yesha die Schriftrollen nach draußen gebracht hatte, fanden sie nichts, was ihnen noch von Nutzen sein konnte.

So hockte Daya kurz darauf stumm neben Adah im Schatten des alten Feigenbaumes, in ihrer Mitte die Tonkrüge und den Korb mit den Papyrusschriften. Gleichmütig beobachtete sie, wie Tante Adah sorgsam jede einzelne der Schriftrollen in die Hand nahm, sie auseinanderrollte und dann nah vor ihr Gesicht führte, um das Geschriebene zu entziffern. Tiefe Falten furchten ihre Stirn, zuweilen kniff sie die Augen zusammen und murmelte halblaut vor sich hin. Danach schlang sie die jeweilige Rolle in das dazugehörige Leintuch, das die Schrift auf dem Papyrus vor Staub und Licht schützte.

Irgendwann hob Adah den Kopf und seufzte laut: „Wir müssen Sorge dafür tragen, dass sie nicht verloren gehen. Das sind wir deiner Mutter schuldig, Daya.“ Ihre Stimme klang hohl.

Daya senkte den Blick, schwieg und sehnte sich nach der Tonscherbe, die sie in der letzten Nacht auf die Stirn ihrer Mutter gelegt hatte, um sie zu trösten. Niemand hatte darauf geachtet, als man sie fortbrachte.

„Sie gab ihr Leben dafür.“ Adahs Augen schimmerten, rasch fuhr sie sich mit dem schmutzigen Ärmelsaum übers Gesicht. Lange sagte sie nichts. Die letzte Papyrusrolle ruhte in ihrem Schoß, Yeshas Gedanken und Erinnerungen. Mehr war nicht von ihr geblieben, eine Hinterlassenschaft aus Schriftzeichen in der Obhut einer erblindenden alten Frau. Zu dem Lächeln, das sie Daya schenkte, musste sie sich zwingen und sie hoffte, die Kleine möge es nicht bemerken. Ihre Hand, zittrig vor Schwäche und Trauer, tastete nach Dayas Wange.

„Sie hat mehr als Worte hinterlassen“, sagte Adah leise. „Du warst der Stern ihrer Nächte. Versprich, dass du es nie vergisst. Bewahre es in deinem Herzen, für immer.“

Bei ihren Worten schluckte Daya hart an den aufsteigenden Tränen. Sie bemühte sich, sie fortzublinzeln, was ihr nicht gelang.

„Sie wird es dir nie wieder sagen können“, fügte Adah hinzu, „aber du wirst es immer bleiben.“

Adah zog sie in ihre Umarmung. Lange saßen sie eng aneinandergeschmiegt, sie schaukelte das Kind in den Armen, strich besänftigend über die bebenden Schultern und schwieg, weil sie keine Worte fand, die den Schmerz betäuben könnten.

„Du hast aufgehört zu sprechen“, bemerkte sie nach einer Weile. Dayas Körper zitterte unter den letzten Schluchzern.

Ich kann dir nicht antworten, dachte sie, da ist keine Stimme mehr in mir, ich habe sie in die Wolken geschickt, zu Ima.

Sie wünschte sich, Tante Adah wäre imstande, ihre Gedanken zu lesen, damit sie verstünde, was auszusprechen Daya nicht möglich war.

Es waren eine Menge Schriftrollen, mehr als Daya zählen konnte. Adah steckte sie aufrecht in die beiden Tonkrüge. Daya wunderte sich, dass sie alle hinein passten; fast schien es ihr, als seien die Krüge allein zu dem Zweck angefertigt worden, eines Tages die Schriften ihrer Mutter aufzunehmen.

Am frühen Abend borgte jemand aus der Nachbarschaft ihnen eine klapprige, zweirädrige Holzkarre, auf die Adah die Krüge lud.

„Wir werden die Schriften deiner Mutter an einen Ort bringen, an dem sie sicher sind“, hörte Daya sie sagen, „ich gehe vorn und ziehe den Karren, du gehst an der Seite und passt auf, dass die Krüge nicht herunterfallen. Hast du verstanden, meine Kleine?“

Daya nickte und tat, wie ihr geheißen. Sie ahnte nichts von der Angst, an der Adah beinahe erstickte. In der Hoffnung, das Stadttor passieren zu können, ohne dass einer der Torwächter auf den Gedanken käme, sich nach dem Inhalt der Krüge zu erkundigen, zog Adah den Karren in Richtung der östlichen Stadtmauer.

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