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Osaka Love

Für meine Eltern,
die ausnahmslos den Bildungshunger
ihrer Kinder unterstützten.
Danke

Alle Figuren, Klubs, Hotels und Firmen sind frei erfunden und Ähnlichkeiten mit reellen Personen und Institutionen rein zufällig.

Die Cafékette ,Doutor‘ hingegen gibt es wirklich, quer übers Land verteilt. Und auch Barbesitzer Richard und das ,Kama Sutra‘ lassen sich tatsächlich antreffen, irgendwo in Higashi Shinsaibashi.

P r o l o g
A n n a s   A n k u n f t

Ein weißes, mehrstöckiges Gebäude, das hinter in voller Blüte stehenden Kirschbäumen fast verschwand. Erstmalig erbaut unter Toyotomi Hideyoshi und fertiggestellt im Jahre 1583, ungefähr ein Quadratkilometer Grundfläche, umgeben von zwei Burggraben: Das Schloss Osaka.

Wie schön. Anna freute sich darauf. Sie blickte kurz zum Fenster hinaus. Nacht. Sie versuchte wieder, sich auf den Reiseführer zu konzentrieren. Es fiel ihr schwer.

Erneut kamen ihr Gerhards Worte in den Sinn: „Weißt du, auf was du dich da einlässt? Japan ist eine Männergesellschaft, Emanzipation ein Un-Wort! Der Mann ist der Herr im Haus, Ladies-First völlig unbekannt! Frauen dürfen Tee servieren und die Zither spielen. Bist du dazu bereit?“

„Zither spielen?“

Anna hatte ihn nur verwundert angesehen.

Mehrere Wochen lang hatte Gerhard keine Gelegenheit ausgelassen, ihr einen kleinen privaten Vortrag über die japanische Kultur zu halten. Als ob er nicht wüsste, dass sie damit weit vertrauter war als er. Na, uns Frauen wird doch immer ein Wissensmanko unterstellt, ist es nicht so? Also hatte Anna geschwiegen. Er meinte es ja nur gut.

Gerd hatte seine schwarze Brille zurechtgerückt, sich geräuspert und war mit seiner Rede fortgefahren:

„Im heutigen Japan wird zu viel Alkohol getrunken. Neben dem traditionellen Reis- und Pflaumenwein kommen heute noch Bier und Whisky hinzu. Vergiss nicht, Alkohol ist eine Droge. In Japan ist es eng, doch der Alkoholwerbung sind keine Grenzen gesetzt: im Fernsehen, auf Plakaten und Hausfassaden, jedes freie Fleckchen wird genutzt, die Droge zu vermarkten. Auch Schauspieler zeigen sich privat und im Film mit dem Glas in der Hand.“

Schauspieler? Anna erinnerte sich an Bill Murrays Auftritt in Lost in Translation, wie er als Bob Harris während der Dreharbeiten eines Werbespots für eine Whiskymarke völlig verständnislos, den Whisky sinnierend in der Hand drehend, den ihn auf Japanisch anschreienden Regisseur ganz entgeistert anstarrte. In seinem Gesicht war das Gefühl der Fremdheit gegenüber diesem Land geradezu eingemeißelt. Als er nach Drehschluss des Werbespots im Film mit Scarlett Johansson als Charlotte ziellos durch Tokios Nachtbars zog und Charlotte ihn auf eine hauswandhohe Leuchtreklame des abgedrehten Whiskyspots aufmerksam machte, schaute er hoch, als ginge ihn dieser Mann in dieser Stadt nichts an.

Machte Tokio so fremd?

Ach was, das ist doch nur ein Film, dachte Anna. Ach ja, Bill Murray! Sie liebte ihn, sagte sie sich. Ein toller Mann.

„Schon die jungen Büroangestellten werden nach der Arbeit von ihren Chefs zum Trinken angehalten, zur Karaoke mitgenommen und in noch verruchtere Lokale, bis in die Morgenstunden. An Schlaf ist kaum zu denken.“

„Aber hör mal, Gerd“, Anna hatte doch gar nicht vor, als Büroangestellte zu arbeiten. „Ich werde doch …“

„Und bedenke, der junge Angestellte kann nicht nein sagen, das Ganze ist Teil seiner Arbeit und gehört zur japanischen Firmenkultur. Ihm wird nahegelegt, nicht allzu viel Zeit auf die Freunde oder die Freundin zu verschwenden. Die Ehefrauen sehen ihre Männer vielleicht eine Stunde am Tag, mehr ist nicht drin.“

Anna hatte geseufzt. Was hätte sie dazu sagen sollen? Er hätte sie sowieso nicht zu Wort kommen lassen.

„Damit du weißt, welche Gefahren in diesem verruchten und perversen Land auf dich lauern!“, mit diesen Worten hatte Gerhard ihr am Vorabend des Fluges mit dem tiefgehenden Blick eines Psychoanalytikers einen Zeitungsartikel aus dem Jahre 1998 übergeben, sodass sie schon ziemlich sicher war, ihn nicht lesen zu wollen. Er hatte sich geräuspert, seine Brille zurechtgerückt, Anna lange angesehen und sich schließlich zu einem Lächeln gezwungen.

„Hast du Angst, dass ich unter die Räder komme?“, hatte sie ihn gefragt.

„Unter die Räder oder unter die Yakuza.“

„Die japanische Mafia? Ach Quatsch!“

„Sieh dich vor! Dein Uni-Wissen könnte sich in der Praxis als absolut nutzlos erweisen. Ich gebe dir hier etwas Handfestes mit auf den Weg!“

Vielleicht war es sogar der größte Liebesbeweis ihres Kollegen, Geschichtslehrer Gerhard, gewesen, sie auf diese Weise vor den Alltagsgefahren im Fernen Osten warnen zu wollen. Aber hatte er diesmal nicht ein bisschen übertrieben?

Ganz offensichtlich hatte er sie abschrecken wollen, in der Hoffnung, sie würde es sich noch einmal überlegen, als Deutschlehrerin für ein Jahr an die Sprachschule Unica nach Osaka zu gehen. Als wenn sie sich das nicht gut überlegt hätte! Schließlich war sie als Japanologin und Studienrätin für Deutsch geradezu prädestiniert für diesen Job. Gerhard hatte ihr immer Respekt gezollt für das Doppelstudium, das sie absolviert hatte, doch Anna wusste nur zu gut, dass er die Japanologie insgeheim belächelte; für ihn war es nur eine Orchidee, ein seltenes Gewächs, das besser im Glashaus zu halten war. Dass sich dann doch schließlich die Chance bot, die Theorie in der Praxis zu vertiefen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse im realen kulturellen Umfeld aufarbeiten zu können, hatte ihn zutiefst geschockt. Hatte er doch zu früh gelächelt.

Anna schaute mechanisch aus dem Fenster. An der Sicht hatte sich nichts geändert. Ihr Sitznachbar stierte auf seinen im Sitz eingelassenen Videoschirm, auf dem irgendeine grelle japanische TV-Show lief. Sie seufzte und hob den Reiseführer wieder auf Lesehöhe. Wo war sie eigentlich stehen geblieben?

Richtig, das Schloss Osaka. Mehrmals zerstört im Laufe der Geschichte, stark beschädigt durch die Bomben im Zweiten Weltkrieg, wieder aufgebaut 1997 nach dreijähriger Bauzeit. Ob es auch ein Schlossgespenst beherbergte? Anna liebte gruselige Geschichten. Sie war nie in Japan gewesen, wusste aber, dass es dort viele Gespenstergeschichten gab. Anna blätterte die nächste Seite um, sie wollte sich vertraut machen mit ihrem neuen Lebensumfeld.

„Japan ist voll von Bordellen und Stundenhotels, wusstest du das?“ Wieder Gerhards Stimme, die ihre Lektüre unterbrach.

„Das wird nicht an der Universität gelehrt, also hör gut zu: Japaner zeigen sich gerne anders, als sie wirklich sind, sie verkleiden sich gern, da ihre tägliche Arbeits- und Lebenswelt jegliche Phantasie unterbindet. Und Männer lieben Kostüme, besonders Schulmädchen-, Stewardessen oder Krankenschwesteruniformen!“

Jedes Kostüm hatte er mit besonderem Nachdruck genannt, sich von Uniform zu Uniform um eine Nuance gesteigert, um die Verwerflichkeit des Gesagten zu unterstreichen. War das nicht ein rhetorisches Stilmittel?, hatte Anna sich gefragt.

„Diese Kostüme werden auch in Stundenhotels angeboten. Hüte dich davor! Diese Hotels, im Volksmund Love Hotels, nehmen unterschiedlichste Gestalt an: Manche gleichen einer mittelalterlichen Burg, andere sind mit Weihnachtsmännern verziert. Die Zimmer sind unterschiedlich dekoriert und versetzen den Besucher in ferne Länder oder frühere Zeiten. Alle haben sie etwas Traumhaftes, Absurdes, Abartiges. Dort lebt der Japaner seine sexuellen Perversionen aus.“

Anna seufzte schwer.

Der Reiseführer fiel auf ihren Schoß, rutschte zur Seite und auf den Boden, zu Füßen ihres Sitznachbarn. Sie warf ihm einen schüchternen Blick zu. Er löste seinen Blick vom Videobildschirm, tauchte seitlich ab und fischte nach dem Buch. Er hielt es in beiden Händen wie eine heilige Reliquie und überreichte es ihr mit einem komödiantisch anmutenden Lächeln.

Dôzo!“, zischte er hauchend; das Lächeln war inzwischen zu einem maskenhaften Grinsen erstarrt.

Arigatô!“, bedankte sie sich. Ihr Lächeln verrutschte zu einer verlegenen Grimasse. Wenigstens ein steifes Kopfnicken gelang ihr, das er nickend erwiderte. Einen Sekundenbruchteil später heftete sich sein Blick erneut auf dem flimmernden Bildschirm.

Oh je, dachte Anna. Welche Dämonen hatten sie nur geritten, die beschauliche Ruhe einer verbeamteten Deutschlehrerin im wohlstands- und pensionsgesicherten heimischen Land zu verlassen, um dieses Eiland entfesselter Perversionen aufzusuchen? Oder war es genau diese lähmende Sicherheit, das Gefühl, mit der Verbeamtung schon mit dem ganzen Leben abgeschlossen zu haben, die sie zu dem Wagnis geführt hatte, nach neuen Ufern aufzubrechen?

Ach Quatsch, dachte Anna. Zur Japanologie gehört auch das Studium der japanischen Kultur. Ich kann eine Sprache nicht ohne ihren Humus, auf dem sie gewachsen ist, studieren, aber vor allem nicht, ohne Land und Leute kennenzulernen. Und jetzt endlich ist die Gelegenheit dazu da! Anna hatte sich im vergangenen Schuljahr als Klassenlehrerin versucht, zum ersten Mal, und die Klasse ihrer Kollegin Susanne während deren Mutterzeit übernommen. Der Kontakt mit den Schülern war persönlicher, sie fühlte sich weit mehr verantwortlich für ihre Kids, anstatt immer nur kurz in eine Klasse reinzuschnuppern und 50 Minuten später auch schon wieder weg zu sein und sich andeutende Probleme mit dem Verweis auf den Klassenlehrer zu lösen.

Inzwischen war Susanne zurück und hatte ihre Klasse wieder übernommen. Da sie aber in einem Jahr nach Mannheim ziehen würde – berufliche Gründe ihres Mannes trieben die Familie dazu – entschloss sich Anna, in einem Jahr erneut die nette Klasse zu übernehmen und im Übergangsjahr ihren lang gehegten Plan wahr zu machen, Japan endlich vor Ort kennenzulernen. Und mein Gott, sie war erst neunundzwanzig, sie hatte ihr Studium zügig abgeschlossen. Da stand ihr die ganze Welt offen! Bei Gerhard war ja alles Geschichte. Abgelegtes Leben, abgelegte Lust.

Sexuelle Perversionen! Mein Gott, ich kann mir vorstellen, wie er sich daran hochgezogen hat, in der heimlichen Hoffnung, dass mich das abschreckte und ich meine Pläne fallen ließ. Pah! Die verbotenen Orte machen mich erst recht neugierig, dachte Anna und nahm den Reiseführer wieder auf.

Amerikamura, ein Shopping- und Ausgehviertel für junge Leute im Herzen Osakas. Kleine, kunterbunte Geschäfte wechselten sich mit Takoyaki-Buden ab und boten den kreativen Teens und Junggebliebenen der Millionenstadt trendgerechte und ausgeflippte Kleidung.

Richtig! Takoyaki, diese kleinen Teigbällchen mit Oktopusstücken gefüllt, gehörten zu Osakas kulinarischen Versuchungen. Anna war schon ganz gespannt, sie endlich einmal zu probieren.

Sie blätterte ein paar Seiten weiter.

Das Viertel Tobita – alte einstöckige Häuser, zur Vorderseite offen. Im Eingang eine junge Dame sitzend, neben ihr eine ältere, sozusagen die Geschäftsführerin. Tobita – das traditionsgeladene Rotlichtviertel im Süden Osakas.

Ups – das traditionsgeladene was?!!

„Haben Sie noch einen Wunsch?“

Anna schlug prompt das Buch zu.

Die Stewardess blickte sie fragend an.

„Äh …“ Anna schluckte.

„Ja … sehr gern.“ Sie lächelte.

Die Stewardess hatte schwarze Haare, einen nostalgischen Bubischnitt – sie erinnerte Anna an Nena –, eine dunkle, rauchige Stimme. Sicher auch ein Ruhrgebietsgewächs; vielleicht kam sie auch aus Hagen; mein Gott, was für eine furchtbare Stadt, dachte Anna.

„Eine Cola oder einen Orangensaft?“

Ach ja, Nenas männliche, dunkle und rauchige Stimme. Mein Gott, hatte sie schöne schwarze Wimpern, und dazu diese schwarzen Augen. Waren sie wirklich schwarz? Und der Teint – kaum zu sehen, dass sie geschminkt war. Und welches Parfum trug sie? So unaufdringlich, und doch …

„Ein Melonensoda, bitte“, sagte Anna.

„Gern.“

Nena lächelte. „Gut, dass unser Caterer das auf die Liste gesetzt hat, nicht? Ich muss sagen, ich trinke das auch gern. Wunderbar erfrischend, nicht? Das erste Mal habe ich es in meinem Tennisklub getrunken. Ich kann mich noch genau erinnern. Weil unser Platz die gleiche grellgrüne Farbe hatte. Komisch, was man behält, nicht?“

„Ja“, sagte Anna.

Nena wandte sich Annas Sitznachbarn zu, der die Ohrhörer ausgestöpselt hatte. Er sah Nena mit so steil in den Nacken zurückgeworfenem Kopf an, dass Anna dachte, er könnte jeden Augenblick abbrechen.

„Would you like a drink? Scotch?“

Den hatte er vorher schon pausenlos getrunken.

„On the rocks?“

Onegai shimasu!

Es klang wie Ich massakrier dich gleich, ich bin ein Samurai!

Welchen Beruf mochte er wohl ausüben? Gynäkologe!, schoss es Anna durch den Kopf. Mein Gott!

Kashikomarimashita!“, sagte Nena, zwinkerte zu ihr rüber und versorgte das Gynäkologenphantom mit seinem eisgekühlten Stoff aus ihrem Getränkewagen.

Hoffentlich gibt sie ihm nicht zu viele Eiswürfel, sonst gefriert er mir noch auf seinem Sitz, dachte Anna. Unwillkürlich sah sie sich auf einem gynäkologischen Stuhl sitzen, die Beine spreizend und entsetzt seine vor Kälte starren Spinnenfinger sich ihr nähern. Schlagartig zog sich ihr Hals zu und die Luftröhre verschloss sich mit einem hässlichen Kloß.

Sie hustete.

Jetzt hatte sich der Kloß in einen Frosch verwandelt. Wenn sie jetzt sprechen müsste, würde sie quäken. Hoffentlich musste sie jetzt nicht sprechen.

„Ihr Melonensoda hole ich aus der Vorratskabine. Das wird zu selten von den Passagieren geordert, wissen Sie?“

Anna nickte, dankbar, nicht sprechen zu müssen.

Genau in dem Augenblick traf sie Nenas Blick.

„Spielen Sie auch Tennis?“, fragte sie und schob den Getränkewagen weiter.

„Ja“, krächzte Anna und riss hektisch den Reiseführer hoch, um lesend darin zu verschwinden und mit einem Seitenblick befriedigt festzustellen, dass Nena sich inzwischen lächelnd abgewandt hatte, um den nächsten Fluggast zu bedienen – ja, sie spielte Tennis. Ausgerechnet Gerhard hatte sie zum Tennis gebracht. Sie spielte es leidlich und auch nur leidlich gern. Wahrscheinlich, weil Gerhard seine pädagogischen Fähigkeiten auch auf dem Tennisplatz und an ihr beweisen wollte.

„Und hüte dich vor dem Glücksspiel!“, hatte Gerhard sie gewarnt. Anna würde nie den durchdringenden Blick vergessen, mit dem er sie angesehen hatte.

„Allen voran Pachinko! So nennt sich die spezifisch japanische Art des Flipper-Spiels. In Pachinko-Häusern sitzen fast regungslose Japaner stundenlang in bläulichen Zigarettendunst gehüllt nebeneinander und starren gebannt auf die Stahlkugeln der Flippermaschinen, die fortwährend scheppern und rattern. Sie starren gebannt auf die Kugeln, die herunterfallen, als ob sie ihnen das Glück der Erde bescheren würden! Papperlapapp! So ein Unsinn! Süchtig sind sie, nichts weiter!“

Gerhard hatte sich etwas in Rage geredet und plötzlich innegehalten. Nachdem er zweimal durchgeatmet hatte, war er mit ruhiger Stimme fortgefahren:

„Anna, auch hier erkennst du deutlich das Abartige in der japanischen Kultur. Das Land ist voller Versuchungen. Sei stets auf der Hut, dann wirst du ihnen nicht erliegen. Ich warte hier in Frankfurt auf deine Rückkehr. Wir bleiben in Kontakt.“

Nena reichte ihr das Melonensoda. Anna verstaute den Reiseführer in dem Netz unter dem ausziehbaren Klapptisch. Sie trank einen Schluck von der grünen Flüssigkeit. Süß, prickelnd, erfrischend. Fast ein bisschen zu süß.

Gerhard, Frankfurt, Rückkehr – mein Gott, sie war ja noch nicht einmal angekommen!, dachte Anna bestürzt. Wird sie je in diesem mysteriösen, fremden Land ankommen? Und wie wird sie sich fühlen, wenn die Fremde mit ihren unerwarteten Ereignissen und Gefahren auf sie niederprasselt? Wird sie, ein kleines Kügelchen, in eine riesige Pachinko-Maschine geraten und untergehen?

K a p i t e l   1
Z w e i   M o n a t e   s p ä t e r

Karen Wilson trat auf den Balkon. Etwas nervös steckte sie sich eine Vogue Menthol an – ihre Lieblingsmarke. Vom sechsten Stock aus blickte sie auf die belebte Straße und beobachtete das Treiben nach Einbruch der Dunkelheit. Unwillkürlich traten ihr Tränen in die Augen. Sie musste an Laras Schicksal denken.

Lara, ihre Kollegin im Hostess Klub, war tot – sie wurde erdrosselt in ihrem Appartement aufgefunden. Karens Zigarette zitterte zwischen ihren Fingern. Ihr Blick glitt zu den Topfpflanzen neben ihr. Sie starrte auf das Grün und sah in Gedanken Lara vor sich, dieses russische Vollblutweib mit dem Ballonbusen und den wulstigen Lippen. Sie war nicht schön gewesen, aber eine Seele von Mensch, immer locker, egal wie widerlich die Kunden sich aufgeführt hatten. Sie hatte stets eine Antwort auf Lager gehabt und auf direkte Sexangebote ganz cool reagiert.

„Sex? Was ist das denn?“, hatte sie einmal einem Kunden in umwerfender Unschuld geantwortet. „Davon habe ich ja noch nie etwas gehört!“

Karen stützte sich auf das Geländer und blickte suchend in die Dunkelheit. Irgendwo da draußen war Laras Mörder, untergetaucht in der Anonymität der Millionenstadt.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite begann das Vergnügungsviertel Soemoncho, auf das sich die Aufmerksamkeit aller ruhelosen Nachtschwärmer zu konzentrieren schien. Das Viertel gehörte zum Stadtteil Shinsaibashi, im Herzen Osakas. Als in Melbourne aufgewachsener Großstadtmensch hatte Karen es immer geliebt, am Brennpunkt des Geschehens zu sein und im Mittelpunkt zu stehen. Doch in den letzten 36 Stunden war ihr ganz schön heiß geworden.

You’ve got a mail! Die blecherne Stimme ihres Handys unterbrach sie in ihren Gedanken. Nobu, ihr japanischer Freund, wünschte ihr viel Glück für den Abend. Wie süß von ihm, dachte sie, in solchen Dingen ist er so aufmerksam.

Sie trat vor den Standspiegel ihres Schlafzimmers und musterte sich kritisch. Doch sie war überrascht, dass sie sich mit ihren einunddreißig Jahren immer noch gefiel. Das hellbraune, lange Haar hatte sie hochgesteckt, nur eine Locke fiel ihr lose und wie zufällig ins Gesicht. Ihr Make-up war knapp gehalten: Die schwarze Mascara und der schwarze Lidstrich betonten ihre blauen Augen ungemein, dazu hatte sie einen karmesinroten Lippenstift und Rouge aufgetragen. Sie sähe aus wie Scarlett Johansson, meinte Nobu. Nobu war ganz verrückt nach Scarlett Johansson. Scarlett Johansson ist so süß, meinte er. Und ich?, hatte sie dummerweise gefragt, obwohl sie wusste, dass sie, wenn er meinte, sie sähe aus wie Scarlett Johansson und er Scarlett Johansson so süß fand, auch so süß sein müsste. War sie das? Er hatte ihre Frage nicht beantwortet, obwohl sie, wenn er geantwortet hätte, dass sie auch so süß sei, enttäuscht gewesen wäre, weil das ihrer Meinung nach völlig nichtssagend und platt war, und, verdammt noch mal, sie war nicht Scarlett Johansson, sie war Karen Wilson, eine Uni-Absolventin aus Melbourne, die nach Osaka gekommen war, um Auslandserfahrungen zu sammeln. Und im Übrigen fand sie, dass ihr luftiges dunkelgrünes Kleid ihre gut ein Meter siebzig große, schlanke Figur verführerisch umhüllte, da brauchte sie auch vor dieser so süßen Scarlett Johansson nicht in Panik geraten. Zwar war sie kein Model, aber wenn sie sich abends zurechtmachte, sah sie nicht nur extrem verführerisch aus, sondern auch um Jahre jünger, und dann hatte auch die so süße Scarlett Johansson keine Chance. Mein Gott, dass die Japaner ständig alles und jeden mit allem und jedem vergleichen mussten! Für sie gab es überhaupt kein Original! Eine gute Kopie konnte dem Original locker den Rang ablaufen. Nachdenklich nahm sie ihr schwarzes Gucci-Handtäschchen aus dem Schrank – Vorsicht: Original! – trug noch ein wenig Allure auf und warf einen letzten Blick in den Spiegel. Sie arbeitete schon seit längerer Zeit als Hostess, als Gesellschafterin für japanische und ausländische Geschäftsleute.1 Nach Laras Ermordung musste ihr Klub vorübergehend geschlossen werden, bis Gras über die Sache gewachsen war und ein neues Schild mit einem noch klangvolleren Namen den Klubeingang zierte. Noch keine zwei Tage waren vergangen seit dem Auffinden der Leiche, doch schon machte Karen sich für ein Vorstellungsgespräch zurecht. Verzeih, Lara, aber was soll ich machen? Das Leben drängt mich weiter. Ein Stehenbleiben kann ich mir unmöglich leisten. Irgendwo muss die Kohle ja herkommen …

Gegen 21 Uhr verließ sie das Appartement. Es goss in Strömen, typisch für Ende Juni, typisch für die Regenzeit. Karen benötigte nur fünf Fußminuten bis zu dem grauen Betongebäude. Unter den zahlreichen grün unterlegten Schildern am Eingang entdeckte Karen schließlich den Tanzklub.

Sie fuhr in den fünften Stock. Von jeder Seite des Gangs gingen drei Türen ab, aus denen jeweils unterschiedliche Musik tönte. Hinter einer Tür hörte sie Knockin’ on Heaven’s Door und schnippte spontan mit den Fingern, bis sie vor einer in Gold gestrichenen Tür mit Schnörkelmuster stand, vor der ein roter Teppich auslag. ANASTASIA prangte in großen Lettern darüber – hier war sie goldrichtig. Ohne zu zögern stieß Karen die Tür auf – knock, knock, knockin’ war hier völlig überflüssig – und fand sich in einem Vorraum mit weinroten Wänden wieder. Sie genoss die edle Atmosphäre. An der Rezeption bat sie auf Englisch darum, zu Tanaka-san durchgelassen zu werden. Obgleich sie schon seit drei Jahren in Osaka lebte, sprach Karen fast kein Japanisch.

„Haben Sie ein Vorstellungsgespräch?“, fragte die mit T-Shirt und Freizeithose überraschend leger gekleidete Angestellte. „Bitte kommen Sie.“

Sie führte Karen in ein Hinterzimmer, das als Büro genutzt wurde. Tanaka saß am Schreibtisch und rauchte.

„Ah, guten Abend.“

Er lächelte freundlich und wies mit der Hand auf einen Stuhl. Karen nahm Platz, während eine leicht bekleidete Blondine in atemberaubend hohen Absätzen das Büro durchquerte und im Umkleidezimmer nebenan verschwand.

„Ja, wir suchen Hostessen.“

Tanaka nickte mehrmals.

„Haben Sie ein Visum?“

„Ich habe ein Visum von einer Sprachschule, gültig bis nächstes Jahr.“

„Sind Sie nicht verheiratet?“, hakte Tanaka nach.

„Nein.“

„Ein Entertainment-Visum haben Sie auch nicht?“

Karen schüttelte den Kopf.

„Wissen Sie, in meinem Klub ist es essenziell, ein gültiges Visum zu besitzen. Mit einem Lehrer-Visum dürfen Sie hier nicht arbeiten. Und die Jungs von der Einwanderungsbehörde kommen regelmäßig auf einen Tee vorbei.“

Er lachte.

„Besonders gern im Juni und im Dezember!“

Anta! Mata wasureta! – Hast du das schon wieder vergessen!“

Plötzlich rauschte eine dunkelhaarige Schönheit im knappen schwarzen Tanz-Outfit und in hochhackigen weißen Stiefeln laut schimpfend ins Zimmer. Ein Karen völlig unverständlicher Wortschwall mit unverkennbar russischem Akzent prasselte auf Tanaka nieder.

Gomen nasai“, entschuldigte sich Tanaka, und Karen nahm überrascht wahr, wie er sitzend den Kopf vor der Tänzerin neigte.

Daraufhin verschwand die blasse Schönheit zufrieden im Umkleidezimmer.

„Frauen, die kein gültiges Visum besitzen“, fuhr Tanaka fort, „werden des Landes verwiesen. Und der Klub hat anschließend nichts als Ärger und Schwierigkeiten. Ich bin schon einmal verwarnt worden, ich muss vorsichtig sein. Wissen Sie, die großen Tanzklubs müssen alle ihre Tänzerinnen anmelden. Anders verhält es sich bei kleinen Hostess Klubs ohne Tänzerinnen. Da wird so einiges nicht gemeldet, und es kontrolliert auch niemand.“

Ein junger Japaner im Anzug trat ein.

„He, dich kenn ich doch!“, rief er an Karen gewandt auf Englisch. „Hast du nicht im European Beauties gearbeitet?“

Karen nickte und erkannte in dem jungen Mann einen von Laras Stammkunden.

„Wieso haben Sie denn dort aufgehört?“, wollte Tanaka wissen.

„Der Klub musste schließen“, erwiderte Karen.

„Ach, die Kleine aus Rumänien? War das dort?“

Tanaka blickte Karen fragend an.

„Russland“, berichtigte Karen und schlug die Augen nieder.

„Ach ja, richtig. Hm, verstehe.“

An den jungen Mann gewandt sagte Tanaka auf Japanisch:

„Sie hat leider kein passendes Visum.“

Der junge Mann nickte.

Zannen – schade.“

Er blickte in Karens hübsches Gesicht.

„Wirklich schade“, sagte er und verließ geschäftig den Raum.

Das ständige Kommen und Gehen gefiel Karen. Sie mochte den Rummel.

„Warum arbeiten Sie nicht im Restaurant?“, schlug Tanaka vor.

Karen verzog bei dem Gedanken an körperliche Arbeit das Gesicht. Dazu stand sie doch eigentlich noch zu hoch im Kurs. Lieber ließ sie sich für ihr süßes Lächeln bezahlen. Das japanische Servicedenken verlangte dem Personal im Gastronomiebereich eine Menge ab. Top Service ohne jegliche Aussicht auf ein Trinkgeld. Nein, das kam überhaupt nicht infrage.

„Kennen Sie nicht einen kleinen Klub ohne Tänzerinnen, der eventuell jemanden sucht?“, bohrte Karen weiter; jetzt, da sie an der Quelle saß, ließ sie nicht so schnell locker.

„Hm, doch. Einen Moment bitte.“

Tanaka wählte eine gespeicherte Nummer auf seinem Handy.

Karens Aufmerksamkeit wurde durch ein Hündchen abgelenkt, das aus der Umkleide entwischt sein musste. Das sorgfältig gekämmte Tier trug ein rosafarbenes Schleifchen. Es blieb vor ihr stehen und blickte erstaunt zu ihr hoch.

Karen beugte sich vor und streichelte es.

„Na, du brauchst wohl kein Visum für den Laden hier“, murmelte sie für Tanaka unhörbar.

Arigatô gozaimasul“, bedankte sich Tanaka bei seinem Gesprächspartner und wandte sich wieder Karen zu:

„Kommen Sie, ich stelle Sie in einem anderen Klub vor.“

„Vielen Dank.“

Sie strahlte.

Zusammen verließen sie das Büro. Plötzlich hielt Tanaka inne. Er bat Karen zu warten und verschwand in einem Hinterzimmer. Sie blieb im Gang zurück und sah sich um. Gegenüber der Rezeption tat sich ein türloser großer Raum auf, der, ebenfalls in weinrot gehalten, mehrere Sitzecken beherbergte. Der Abend war noch jung, der Klub folglich spärlich besucht; nur wenige ausländische Hostessen kümmerten sich um die männlichen Besucher, deren Aufmerksamkeit auf die Tanzfläche gerichtet war. In schlängelnd erotischen Bewegungen wand die gestiefelte Russin ihren extrem schlanken Körper im Scheinwerferlicht zu Christina Aguileras Hit Dirrty. Es sah schön aus und passte zur Musik, fand Karen. Bis auf den Stringtanga hatte sich die Tänzerin ihrer Kleidung bereits entledigt. Der Song ging in leichte House-Musik über, worauf das Spotlight erlosch und rotes und blaues Licht den Raum durchflutete.

Zwei Kunden näherten sich der gestiefelten Russin. Mit einem Geldschein im Mund legten sie sich rücklings auf die Bühne. Daraufhin beugte sich die halb nackte Russin tief über den ersten Kunden, zog mit schnellem Griff sein Hemd aus der Hose, legte den Oberkörper frei und küsste ihn flüchtig. Geschickt entwendeten ihre Lippen den Geldschein aus seinem geöffneten Mund, um ihn anschließend flink an ihren Stringtanga zu heften. Zum Dank streichelte sie seinen Oberkörper und sein Gesicht mit ihren Brüsten, bevor sie ihn zum Abschied flüchtig küsste.

Na ja, dachte Karen. Das war nicht schlecht. Aber nichts im Vergleich zu dem, was sie in Melbourne zu sehen gewohnt war.

Wieder huschte eine Tänzerin in High Heels an Karen vorbei. Karens Blick glitt an ihrem Körper hinauf. Dann stutzte sie. Ein riesiger blauer Fleck zog sich über ihren Oberarm, so groß, dass selbst eine kurzärmelige Bluse ihn nicht zu verdecken vermochte.

Karen schluckte. Plötzlich spürte sie eine Berührung am Arm. Sie fuhr herum. Der junge Mann von eben, Laras Stammkunde, stand freundlich lächelnd neben ihr.

„Schade um Lara“, flötete er. „Schade eigentlich.“

Er senkte die Stimme und sagte in verschwörerischem Ton:

„Lara war für meine Spielchen immer sehr aufgeschlossen. Aber du und ich, wir beide könnten uns auch gut verstehen, da bin ich mir sicher.“

Karen war wie versteinert. Vor ihrem inneren Auge tauchte erneut das Bild von Laras Leiche auf, wie sie in ihrer Wohnung im Stadtteil Namba entdeckt worden war: mit Lederriemen an einen Küchenstuhl gefesselt, mit schwarzen Dessous aus Kunstleder bekleidet, das blonde Haar zerzaust auf ihre Schultern fallend und mit ungeschickt aufgetragenem knallroten Lippenstift, ihren Hals zierte ein Hundehalsband mit Leine.

Karen schüttelte sich angewidert.

Der junge Mann zückte seine Visitenkarte und schob sie mit einem schnellen Griff unter den Träger ihres Kleides.

„Mein Name ist Fuji, du erinnerst dich sicher.“

Er strich eine Strähne ihres Haares zurück, lächelte sie zuckersüß an und wandte sich ab.

Fehlte nur, dass er sagte: Du bist so süß, Scarlett.

Tanaka rief nach ihr.

Karen riss sich zusammen und folgte ihm hinaus auf die Straße.

Am gleichen Abend, etwas weiter nördlich, im Stadtteil Umeda, blieb Anna vor der Tür zum Klassenraum stehen. Bevor sie die Türklinke herunterdrückte, atmete sie noch einmal tief durch. Trotz der 32 Grad im Schatten trug sie Strumpfhosen. Ihr Kleid war ärmellos, ihre Schultern versteckte sie unter einem leichten Jäckchen, im Gegensatz zu dem freundlichsten Lächeln, das sie einem Fernsehwerbespot entliehen hatte – ihr sozusagen offizielles Schullächeln. Schlecht gelaunte Lehrer kamen nämlich in Japan so wenig an wie mürrische Verkäufer.

„Guten Abend“, sagte Anna auf Deutsch.

„Guten Abend“, erwiderte Nomura-san.

Die Mittzwanzigerin war Anna schon sehr vertraut, da sie einen Intensivkurs belegt hatte und fast täglich bei ihr Unterricht nahm. Nomura war wie die meisten Schüler Anfängerin. Sie würde bald mit ihrem Mann nach Düsseldorf gehen, da ein neues berufliches Aufgabengebiet dort auf ihn wartete. Sie war eine gute Schülerin. Jeder Lehrer liebte gute Schüler, weil er in ihnen die Bestätigung fand, ein wahrhaft guter Lehrer zu sein.

„Wie geht es Ihnen?“

Anna setzte sich zu Nomura an den Tisch.

„Danke, gut. Und Ihnen?“, erfolgte reflexartig die Antwort.

Anna lächelte. Jeden Tag die gleiche Frage, jeden Tag die gleiche Antwort.

„Danke, es geht mir gut.“

Sie öffnete das Buch.

Unvermittelt fragte Nomura auf Japanisch:

Sensei – Frau Lehrerin, müssen wir das heute machen?“

Anna blickte sie irritiert an.

„Kann ich offen mit Ihnen reden?“

Die Schülerin sah sie bittend an.

Anna zögerte. Offenbar ging es Nomura heute doch nicht so gut.

„Selbstverständlich.“

„Ich habe ein Problem mit meinem Mann. Ich … ich habe auf seinem Handy Fotos gefunden und eindeutige Mails. Ich hätte so etwas nie vermutet. Und dabei sind wir doch erst seit acht Monaten verheiratet. Das hat er doch gar nicht nötig.“

Sie verzog weinerlich das Gesicht. Aus ihrer Handtasche holte sie ein Päckchen Papiertaschentücher, das mit dem Werbeslogan des landesweit zweitgrößten Mobiltelefonvertreibers beschriftet war. Wie passend, dachte Anna, während Nomura sich die Augen tupfte.

„Wissen Sie, mein Mann geht abends oft mit Kollegen etwas trinken. Das ist mir bekannt und völlig in Ordnung. Aber an so etwas hätte ich im Traum nicht gedacht. Niemals.“

Anna nickte.

„Verstehe. Kennen Sie die Frau?“

„Nein. Aber ich glaube, sie arbeitet als Hostess. Ihre extravagante Kleidung weist darauf hin, und vor allem die hochgesteckten Haare. Sie sieht toll aus …“

Tränen traten ihr in die Augen.

„Hostess? Meinen Sie, sie arbeitet in einem Nachtklub?“

„So etwas in der Art. Lounge, Klub, Bar … Es gibt zig Möglichkeiten, wo diese Frauen arbeiten können.“

„Da gab es doch gerade einen Mordfall. Eine ausländische Hostess aus Russland …“

„Sehen Sie, darauf läuft es am Ende hinaus! Soll sie doch einer anständigen Arbeit nachgehen. Die kommen doch alle bloß nach Japan, weil sie meinen, sie können hier das große Geld verdienen!“

Anna schluckte. Sie hatte das Gefühl, als wäre sie Gerhards ,verruchtem‘ Japan einen ganz großen Schritt nähergekommen. War sie eigentlich Gerhard gerecht geworden in ihrem strengen Blick auf seine bürgerlich-konservative Ausrichtung, dieses Markenzeichen des verbeamteten Staatspädagogen? Er mailte ihr regelmäßig. Teilweise muteten seine um ihr Seelenheil besorgten E-Mails geradezu anrührend kindlich an. Kindlich – ausgerechnet er als Studienrat im Fach Geschichte! Er, der mit Griechen und Römern per Du war und im täglichen Leben Cato den Älteren zitierte. Catos Abneigung gegen Carthago schien Gerhard im Übrigen auf Japan übertragen zu haben. Ceterum censeo Japonicum esse delendam – oder wie dekliniert man Japan im Lateinischen? Wie schade, dachte Anna, dass er sich dem Neuen und Unbekannten nicht ein wenig mehr öffnete und die Orchidee erblühen ließ. Wirklich schade. Warum mailte er dann aber immer häufiger, dass er sie so sehr vermisste? Lockrufe eines ermüdeten Junggesellen? Er war schon vierzig, elf Jahre älter als sie, wahrscheinlich wollte er sie am sicheren heimischen Herd wissen zwecks gemeinsamer Zukunftsplanung unter Aufrechterhaltung der bürgerlichen Ordnung. Ach, Gerhard, lass mir noch ein bisschen Zeit. Wenn ich hier in Japan nicht den Mann meiner Träume finde, will ich bei dir in ruhigeren Wassern ankern, das verspreche ich dir. Nur nicht jetzt, hörst du? Nur nicht jetzt.

„Ich verstehe Ihren Kummer.“

Sie blickte Nomura ruhig in die Augen.

„In ein paar Wochen gehen Sie mit Ihrem Mann nach Deutschland. Da wäre es gut zu wissen, dass er zu Ihnen steht. Aber gleichzeitig ist das eine Chance: In Deutschland haben Sie die Möglichkeit eines gemeinsamen Neuanfangs.“

„So gesehen haben Sie recht. Dann bin ich sie los.“

Auf dem Gesicht der Schülerin zeichnete sich ein flüchtiges Lächeln ab, das sofort wieder erlosch.

„In Deutschland wird sicher vieles anders.“

Es sollte überzeugt klingen. Tat es aber nicht. Vielmehr lag eine tiefe Enttäuschung in ihrer Stimme.

Anna suchte nach Worten. Das war ein harter Brocken. Doch eigentlich brauchte die Schülerin nur jemanden, der ihr zuhörte. Denn eines war Anna sofort klar: Nomura hatte ihr Problem nicht mit einer Freundin besprochen, weil sie nicht als betrogene Ehefrau dastehen wollte.

„Wie hat denn Ihr Mann reagiert?“

„Er hat alles abgestritten. Ich hätte zu viel Fantasie. Die verräterischen SMS hat er sofort aus seinem Handy gelöscht und alle Spuren beseitigt, damit er mir einreden kann, ich hätte nur geträumt.“

Nomura berichtete Anna ausführlich von ihrem Kummer und die Stunde verging wie im Fluge.

„Vielen Dank, dass Sie mir zugehört haben.“

Nomura neigte leicht den Kopf und packte ihre Sachen.

„Das ist doch selbstverständlich“, sagte Anna freundlich lächelnd.

„Einen schönen Abend“, fügte sie hinzu und hätte sich am liebsten gleich auf die Zunge gebissen.

„Auf Wiedersehen.“

Den letzten Satz brachte die Schülerin doch noch auf Deutsch heraus. Dann rang sie sich ein Lächeln ab und verließ den Klassenraum.

Schüler, die aus ihrem Privatleben erzählten, gehörten zu Annas Alltag. Auf diese Weise erfuhr sie mehr über das Zusammenleben in Japan, als sie eigentlich wissen wollte.

Sie rieb sich die Schulter und warf einen Blick aus dem Fenster des 14. Stockwerks. Es war kurz vor 20 Uhr und bereits stockdunkel. Der Regen schien aufgehört zu haben. Erleuchtete Büroräume und Restaurants ließen die Stadt im Dunkeln glitzern. Anna war in Ausgehstimmung. Richard wartete auf sie. Bei dem Gedanken an Richard wurde ihr ganz warm und wohlig zumute. Warum passierte ihr das bei Gerhard nicht?

Zwei Wochen nach ihrer Ankunft hatten sie sich in einem Irish Pub in Umeda kennengelernt. Er hatte zufällig neben ihr Platz genommen und sie angesprochen. Sie war überrascht gewesen, einen Landsmann anzutreffen, weil es nur wenige Deutsche ins Kansaigebiet2 verschlagen hatte.

Richard faszinierte sie, denn er war für sie der Inbegriff eines Gentleman, geistreich, humorvoll, ein guter Zuhörer, der Ruhe und Sicherheit ausstrahlte. Außerdem prahlte er nicht damit, wie wahnsinnig erfolgreich er war – eine Eigenschaft, die Anna bewunderte. Obwohl Gerhard ein bisschen mehr männliche Eitelkeit guttäte, fand sie.

Womit Richard sein Geld verdiente, hatte er ihr nicht sofort erzählt, als sei es nur nebensächlich. Immerhin war Richard Chef des Fünfsternehotels Naniwa gegenüber dem Japan Railway-Bahnhof in Umeda.

Anna und Richard teilten eine große Leidenschaft: Jazz. Jazz war in Japan überaus beliebt und weit populärer als in Europa. Zahlreiche Lokalitäten boten Livejazz und auch in vielen Cafes und Einkaufszentren wurde Jazz aufgelegt. So kam es, dass Richard für ihr zweites Treffen das Blue Moon, ein Jazzlokal in Umeda, vorgeschlagen hatte, wo sie sich seitdem alle zwei bis drei Wochen auf einen Drink trafen.

„Bis morgen!“, rief Anna der Sekretärin zu und lief zum Aufzug.

Als sie auf die Straße trat, schlug ihr die feuchtwarme Luft entgegen, die sie nach dem Aufenthalt in den kühlen klimatisierten Räumen der Schule besonders unangenehm fand. Es regnete nicht. Anna warf sich ihre Jacke über die Schulter und lief den Ogimachidori, eine vierspurige, von Bürogebäuden gesäumte Straße, hinunter. An der nächsten großen Kreuzung passierte sie ein 24-Stunden-Internetcafé, das gleichzeitig als Manga-Bibliothek diente und eine große Auswahl an Comics bot. Sie bog nach rechts in die vierspurige Shinmidosuji ein, über die eine auf Betonpfeiler gestützte Schnellstraße führte. An der Straße standen einige unscheinbare junge Frauen aus dem asiatischen Ausland, die ihren Körper zum Kauf anboten. Gleich hinter ihnen begann eines der zahlreichen Love Hotel-Viertel. Als sie die jungen Frauen im Vorbeigehen musterte, wichen sie ihrem Blick aus. Es waren immer dieselben, Anna hatte ihnen insgeheim Namen gegeben. Lu, die nie lächelte, war nicht dabei, aber Lani.

Nach wenigen Metern hatte sie das Blue Moon erreicht. Der Jazzklub war elegant eingerichtet und in stilvollem dunklem Blau gehalten. Anna warf einen flüchtigen Blick auf die Bühne, um die sich mehrere Tische im Halbrund gruppierten. Ein afroamerikanischer Sänger gab eine sehr gelungene Version von My Funny Valentine zum Besten. Er gestaltete öfters das Mittwochsprogramm. Anna bewunderte sein Talent. Sie wandte sich an die Bar, nickte dem Personal freundlich zu und schwang sich neben Richard auf einen Barhocker.

„Servus Anna!“

Richard lächelte sie an.

„Hallo!“, strahlte Anna und bestellte beim Ausschankkellner ein Bier.

„Schön, dich zu sehen“, sagte Richard, „wie lief’s?“

„Bei meinem Job bekommt man wirklich alle Varianten des Lebens geboten“, seufzte sie. „Manchmal frage ich mich, was ich eigentlich von Beruf bin. Die Schüler erwarten ständig peppigen Unterricht von dir – auch auf niedrigem Lernniveau musst du dauernd witzig sein. Und dann schütten sie dir plötzlich ihr Herz aus und erzählen dir die intimsten Details. Ich bin Entertainerin und Seelenklempnerin zugleich.“

„Und was stand heute auf dem Programm? Entertainerin oder Seelenklempnerin?“

„Seelenklempnerin.“

„Wieso?“

„Eine meiner Schülerinnen hat ihren Mann beim Fremdgehen erwischt.“

„Was? Auf frischer Tat?“

„Naja, nicht so ganz. Sie hat auf seinem Handy Mails und Fotos gefunden. Sie hat heute auf den kompletten Unterricht verzichtet und mir alles erzählt. Sie war ganz schön fertig.“

„Kein Unterricht? Willst du damit sagen, dass ihr die ganze Zeit über diese Lappalie geredet habt?“

„Lappalie? Na, hör mal!“, empörte sich Anna. „Für sie ist eine Welt zusammengebrochen! Der Typ trifft sich ganz frech mit einer anderen!“

Richard zuckte die Achseln und trank einen großen Schluck Imoshochu, einen aus Süßkartoffeln gebrannten Schnaps.

„Ich fürchte, dass er nicht der Erste gewesen ist“, kommentierte er trocken. „Seit Noah seine Arche gebaut hat, hat’s da auch schon ein paar andere gegeben.“

„Ignorant!

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