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Origin

INHALT

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. Fakten
  9. Prolog
  10. Kapitel 1
  11. Kapitel 2
  12. Kapitel 3
  13. Kapitel 4
  14. Kapitel 5
  15. Kapitel 6
  16. Kapitel 7
  17. Kapitel 8
  18. Kapitel 9
  19. Kapitel 10
  20. Kapitel 11
  21. Kapitel 12
  22. Kapitel 13
  23. Kapitel 14
  24. Kapitel 15
  25. Kapitel 16
  26. Kapitel 17
  27. Kapitel 18
  28. Kapitel 19
  29. Kapitel 20
  30. Kapitel 21
  31. Kapitel 22
  32. Kapitel 23
  33. Kapitel 24
  34. Kapitel 25
  35. Kapitel 26
  36. Kapitel 27
  37. Kapitel 28
  38. Kapitel 29
  39. Kapitel 30
  40. Kapitel 31
  41. Kapitel 32
  42. Kapitel 33
  43. Kapitel 34
  44. Kapitel 35
  45. Kapitel 36
  46. Kapitel 37
  47. Kapitel 38
  48. Kapitel 39
  49. Kapitel 40
  50. Kapitel 41
  51. Kapitel 42
  52. Kapitel 43
  53. Kapitel 44
  54. Kapitel 45
  55. Kapitel 46
  56. Kapitel 47
  57. Kapitel 48
  58. Kapitel 49
  59. Kapitel 50
  60. Kapitel 51
  61. Kapitel 52
  62. Kapitel 53
  63. Kapitel 54
  64. Kapitel 55
  65. Kapitel 56
  66. Kapitel 57
  67. Kapitel 58
  68. Kapitel 59
  69. Kapitel 60
  70. Kapitel 61
  71. Kapitel 62
  72. Kapitel 63
  73. Kapitel 64
  74. Kapitel 65
  75. Kapitel 66
  76. Kapitel 67
  77. Kapitel 68
  78. Kapitel 69
  79. Kapitel 70
  80. Kapitel 71
  81. Kapitel 72
  82. Kapitel 73
  83. Kapitel 74
  84. Kapitel 75
  85. Kapitel 76
  86. Kapitel 77
  87. Kapitel 78
  88. Kapitel 79
  89. Kapitel 80
  90. Kapitel 81
  91. Kapitel 82
  92. Kapitel 83
  93. Kapitel 84
  94. Kapitel 85
  95. Kapitel 86
  96. Kapitel 87
  97. Kapitel 88
  98. Kapitel 89
  99. Kapitel 90
  100. Kapitel 91
  101. Kapitel 92
  102. Kapitel 93
  103. Kapitel 94
  104. Kapitel 95
  105. Kapitel 96
  106. Kapitel 97
  107. Kapitel 98
  108. Kapitel 99
  109. Kapitel 100
  110. Kapitel 101
  111. Kapitel 102
  112. Kapitel 103
  113. Kapitel 104
  114. Kapitel 105
  115. Epilog
  116. Danksagung

ÜBER DIESES BUCH

Der fünfte Robert-Langdon-Thriller: das neue Buch des Autors der internationalen Bestseller ILLUMINATI, SAKRILEG – THE DA VINCI CODE, DAS VERLORENE SYMBOL, INFERNO.

Auch in seinem jüngsten Werk wird Dan Brown gemäß seinem Erfolgsrezept geheime Codes, Wissenschaft, Religion, Geschichte, Kunst und Architektur miteinander verknüpfen. In ORIGIN wird der Symbolforscher Robert Langdon – in bisher drei Hollywood-Blockbustern von Tom Hanks verkörpert – mit den beiden ewigen und entscheidenden Fragen der Menschheit konfrontiert und mit einer bahnbrechenden Entdeckung, die diese Fragen beantworten könnte.

ÜBER DEN AUTOR

Dan Brown ist Autor zahlreicher Thriller, die allesamt über Monate die Bestsellerlisten angeführt haben und darüber hinaus erfolgreich verfilmt wurden. Mit seinem in über 40 Ländern erschienenen und mit Tom Hanks in der Hauptrolle verfilmten Buch Sakrileg (Originaltitel: The Da Vinci Code) wurde er zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller der letzten Jahrzehnte. Dan Browns Thriller werden in 54 Sprachen übersetzt. Nach solch erfolgreichen Auflagen ließen auch die Verfilmungen der Robert Langdon Thriller nicht lange auf sich warten.

Dan Brown wurde 1964 in Exeter, New Hampshire (USA) geboren. Als Sohn eines Mathematikprofessors und einer Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld heran, in dem Religion und Wissenschaft Hand in Hand gingen, was sich auch in seinen Thrillern wiederspiegelt. Nach dem Besuch der Privatschule, an der auch sein Vater unterrichtete, studierte Dan Brown Englisch und Spanisch am Amherst College in Massachusetts (USA) und später Kunstgeschichte in Sevilla.

Im Anschluss an seinen Hochschulabschluss brachte er sich das Komponieren bei und startete seine Karriere als Sänger und Liedermacher. Zunächst komponierte er Kinderlieder und später Musik für Erwachsene. In dieser Zeit lernte er auch seine Frau Blythe kennen. Nachdem er der Musik den Rücken gekehrt hatte, arbeitete Dan Brown als Englisch- und Spanischlehrer.

Ab Mitte der 1990er widmete er sich schließlich vermehrt dem Scheiben und veröffentlichte einige Bücher, die er gemeinsam mit seiner Frau bewarb. Der Erfolg seiner Werke trat aber erst ab 2003 mit dem Roman The Da Vinci Code (Doubleday Group) ein, der über zwei Jahre den ersten Platz der New York Times Bestseller-Liste belegte. Das Buch sorgte weltweit für Furore und wurde aufgrund der kritischen Inhalte im Hinblick auf die katholische Kirche in einigen Ländern verboten.

Im Jahr 2004 erklommen seine beiden Titel Sakrileg und Illuminati auch die Bestseller-Listen in Deutschland und wurden zu den Jahresbestsellern in der Kategorie Hardcover und Taschenbuch. Mit seiner Robert Langdon Buchreihe, die durch ihre Mischung aus Action, Wissenschaft und Geschichte besticht, beherrscht er seither die internationalen Bestsellerlisten.

Dan Brown lebt mit seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in Neuengland.

Dan Brown, Origin, Thriller

Aus dem amerikanischen Englisch von Axel Merz

 

Im Gedenken an meine Mutter

 

Wir müssen bereit sein, uns von dem Leben zu lösen,

das wir geplant haben, um das Leben führen zu können,

das uns erwartet.

JOSEPH CAMPBELL

FAKTEN

Sämtliche Werke der Kunst und der Architektur, alle Orte, Straßen und Bauwerke, jede wissenschaftliche Disziplin in diesem Roman und jede religiöse Organisation, die in Origin eine Rolle spielt, gibt es tatsächlich.

PROLOG

Während die historische Zahnradbahn sich mühsam ihren Weg den schwindelerregend steilen Hang hinaufkrallte, blickte Edmond Kirsch auf die gezackten Bergspitzen hoch über ihm. In der Ferne, hineingebaut in die Flanke einer senkrecht aufragenden Klippe, schien das weitläufige Klostergebäude über dem Abgrund zu schweben, als hätte es sich auf magische Weise von der Felswand gelöst.

Dieser zeitlose Zufluchtsort hatte die glühende Sonne Kataloniens, den rauen Wind in den Bergen und andere Unbilden des Wetters und der Geschichte nun schon seit mehr als vierhundert Jahren überdauert, ohne je von seiner ursprünglichen Bestimmung abzukommen, seine Bewohner vor der modernen Welt abzuschotten.

Und ausgerechnet sie sind die Ersten, die nun die Wahrheit erfahren, dachte Kirsch. Was für eine Ironie.

Er fragte sich, wie sie reagieren würden. Schließlich waren die gefährlichsten Männer auf Erden immer und zu allen Zeiten Männer des Glaubens gewesen – insbesondere, wenn ihre Götter bedroht wurden.

Nicht mehr lange, und ich stoße einen flammenden Speer in ein Hornissennest.

Als die Zahnradbahn ihren höchsten Punkt erreichte, erblickte Kirsch eine einsame Gestalt, die auf dem Bahnsteig auf ihn wartete. Der erschreckend hagere Mann trug ein weißes Rochett zur violetten Soutane eines Bischofs, dazu ein Scheitelkäppchen. Kirsch kannte die knochigen Gesichtszüge seines Gastgebers von zahlreichen Fotos und verspürte einen unerwarteten Adrenalinstoß.

Valdespino nimmt mich persönlich in Empfang.

Bischof Antonio Valdespino war in Spanien eine Berühmtheit. Der getreue Freund und Ratgeber des Königshauses galt als einer der prominentesten und einflussreichsten Fürsprecher konservativer katholischer Werte und einer fortschrittsfeindlichen politischen Grundhaltung.

»Edmond Kirsch, nehme ich an«, sagte der Bischof, als Kirsch aus dem Waggon stieg.

»Schuldig im Sinne der Anklage.« Kirsch lächelte und schüttelte Valdespinos knochige Hand. »Ich danke Ihnen, dass Sie dieses Treffen arrangiert haben, Exzellenz.«

»Und ich freue mich, dass Sie darum gebeten haben.« Die Stimme des Bischofs war kräftiger, als Kirsch erwartet hätte, klar und volltönend wie der Klang einer Glocke. »Es kommt nicht oft vor, dass wir von Männern der Wissenschaft konsultiert werden. Erst recht nicht von jemandem, der so bekannt ist wie Sie. Hier entlang bitte.«

Valdespino führte Kirsch über den Bahnsteig, während der kalte Wind aus den Bergen an seiner Soutane zerrte. »Ich muss gestehen«, fuhr er fort, »Sie sehen anders aus, als ich mir vorgestellt hätte. Ich hatte einen Wissenschaftler erwartet, aber Sie sind ausgesprochen …« Er beäugte den maßgeschneiderten Kiton-Anzug seines Besuchers und die exquisiten Straußenlederschuhe von Barker, und ein Hauch von Missbilligung erschien auf seinem hageren Gesicht. »Das nennt man wohl hip, nicht wahr?«

Kirsch lächelte höflich. Der Begriff »hip«, Herr Bischof, ist seit Jahrzehnten aus der Mode.

»Obwohl ich mir die Liste Ihrer Errungenschaften angeschaut habe«, fuhr Valdespino fort, »weiß ich immer noch nicht, was genau Sie eigentlich tun.«

»Ich bin Fachmann für Spieltheorie und computerbasierte Modellrechnungen.«

»Sie programmieren diese Computerspiele für Kinder?«

Kirsch wusste, dass der Bischof Unwissenheit vortäuschte, um rückständig zu erscheinen. In Wirklichkeit war Valdespino ein beängstigend gut informierter Kenner neuester technologischer Entwicklungen und warnte häufig vor deren Gefahren. »Nein, Exzellenz. Vereinfacht ausgedrückt, ist die Spieltheorie ein Gebiet der Mathematik, bei dem bestimmte Muster untersucht werden, um Vorhersagen für die Zukunft treffen zu können.«

»Ach ja, ich erinnere mich. Sie haben vor ein paar Jahren die Finanzkrise der Europäischen Union vorhergesagt, nicht wahr? Als niemand auf Sie hören wollte, haben Sie ein Computerprogramm geschrieben, das die EU von den Toten hat auferstehen lassen. Wie war noch gleich Ihr berühmter Ausspruch? ›Mit meinen dreiunddreißig Jahren bin ich genauso alt wie Jesus bei seiner Wiederauferstehung.‹«

Kirsch wand sich. »Ein ziemlich verunglückter Vergleich. Aber ich war jung, Exzellenz.«

»Und Sie brauchten das Geld.« Der Bischof lachte. »Wie alt sind Sie heute? Vierzig?«

»So gerade eben.«

Valdespino schmunzelte, während der steife Wind seine Robe blähte. »Würde es nach dem Willen des Herrn gehen, würden die Sanftmütigen die Erde besitzen. Stattdessen haben die Jungen sie sich genommen – die technisch Versierten, genauer gesagt, die auf Bildschirme starren, statt in ihre eigene Seele zu schauen. Ich muss gestehen, ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal Veranlassung haben würde, den Mann zu treffen, der die Speerspitze dieser Entwicklung verkörpert. Man nennt Sie einen Propheten, stellen Sie sich vor.«

»Im aktuellen Fall war ich kein sehr guter, wie mir scheint«, erwiderte Kirsch. »Als ich um ein privates Treffen mit Ihnen und Ihren Kollegen gebeten habe, hatte ich mir eine höchstens zwanzigprozentige Chance ausgerechnet, dass Sie einverstanden sind.«

»Nun, Sie hatten Glück. Und wie ich meinen Kollegen immer wieder sage: Der Fromme kann auch dann profitieren, wenn er Ungläubigen zuhört. Indem wir der Stimme des Teufels lauschen, lernen wir die Stimme Gottes umso mehr zu schätzen.« Der alte Mann lächelte. »Keine Sorge, das war nur ein Scherz. Verzeihen Sie mir meinen vorsintflutlichen Sinn für Humor. Hin und wieder verliere ich den Blick für das rechte Maß.« Er deutete nach vorn. »Die anderen erwarten uns. Hier entlang bitte.«

Kirsch betrachtete das Gebäude, auf das sie zuhielten – eine gewaltige Zitadelle aus grauem Stein unmittelbar am Rand einer steilen Klippe, die Hunderte von Metern senkrecht abfiel, wo die Felswand im üppigen grünen Teppich eines bewaldeten Höhenzuges verschwand.

Schaudernd riss Kirsch den Blick vom gähnenden Abgrund los und konzentrierte sich auf das bevorstehende Treffen, während er dem Bischof über den unebenen Pfad am Klippenrand folgte.

Kirsch hatte eine Audienz bei drei prominenten Religionsführern erbeten, die einer soeben zu Ende gegangenen Konferenz im Kloster beigewohnt hatten.

Das Parlament der Weltreligionen.

Seit 1893 hatten sich Hunderte spirituelle Führer aus fast dreißig Religionsgemeinschaften regelmäßig alle paar Jahre an verschiedenen Orten eingefunden, um eine Woche in interreligiösem Dialog zu verbringen. Zu den Teilnehmern gehörten einflussreiche christliche Geistliche, jüdische Rabbis, islamische Mullahs, hinduistische Pujaris, buddhistische Bhikkhus, Jainas, Sikhs und andere religiöse Führer aus aller Welt.

Das selbsternannte Ziel dieses Parlaments bestand darin, »die Harmonie zwischen den Weltreligionen zu kultivieren, Brücken zwischen den unterschiedlichen Glaubensgrundsätzen zu bauen und die Gemeinsamkeiten aller Religionen zu preisen«.

Ein nobles Unterfangen, dachte Kirsch, auch wenn er selbst die Sinnlosigkeit dahinter sah – eine bedeutungslose Suche nach zufälligen Zusammenhängen und Übereinstimmungen in einer unübersehbaren Fülle historischer Aufzeichnungen, Prosatexten, Fabeln und Mythen.

Als Valdespino ihn immer höher den Pfad hinaufführte, kam Kirsch ein zynischer, beinahe lästerlicher Gedanke: Moses war auf einen Berg gestiegen, um das Wort Gottes zu empfangen. Ich steige auf einen Berg, um das genaue Gegenteil zu tun.

Kirschs Motivation, auf diesen Berg zu steigen, entsprang seinem Wunsch, einer ethischen Verpflichtung nachzukommen; zugleich aber war er sich darüber im Klaren, dass sein Besuch von einer kräftigen Dosis Selbstsucht befeuert wurde: Er war begierig auf die Genugtuung, diesen selbstgefälligen Klerikern gegenüberzusitzen und ihnen ihren unmittelbar bevorstehenden Niedergang vorherzusagen.

Ihr hattet lange genug Gelegenheit, uns vorzugeben, was wir unter der Wahrheit verstehen sollen.

»Ich habe mir Ihren Lebenslauf angeschaut«, sagte der Bischof unvermittelt und blickte Kirsch über die Schulter hinweg an. »Sie haben in Harvard studiert, nicht wahr?«

»Ja. Bis zum Diplom.«

»Verstehe. Kürzlich habe ich gelesen, dass zum ersten Mal in der Geschichte Harvards mehr Atheisten und Agnostiker ein Studium aufgenommen haben als die Anhänger sämtlicher Religionen zusammen. Das ist eine sehr vielsagende Statistik, Mr. Kirsch, finden Sie nicht auch?«

Was soll ich dir darauf antworten?, ging es Kirsch durch den Kopf. Unsere Studenten werden immer klüger.

Der Wind frischte weiter auf, als sie das uralte steinerne Gemäuer auf dem höchsten Punkt des Berges erreichten. Im Halbdunkel des Eingangsbereichs war die Luft süß und schwer vom Duft nach Weihrauch. Die beiden Männer schritten durch ein dunkles Labyrinth aus Gängen. Kirsch blinzelte; es dauerte einige Zeit, bis seine Augen sich den veränderten Lichtverhältnissen angepasst hatten, während er seinem Gastgeber folgte. Schließlich erreichten sie eine außergewöhnlich kleine Holztür. Der Bischof klopfte an, öffnete die Tür und duckte sich durch den Eingang, während er Kirsch mit einer Handbewegung bedeutete, ihm zu folgen.

Unsicher trat Kirsch über die Schwelle.

Er fand sich in einem rechteckigen Saal wieder, an dessen hohen Wänden sich Bücherregale reihten, die vollgestellt waren mit antiken ledergebundenen Folianten. In regelmäßigen Abständen ragten weitere, versetzt stehende Regale wie Rippen aus den Wänden. Dazwischen standen gusseiserne Heizkörper, deren Knacken und Zischen den Saal auf unheimliche Weise lebendig erscheinen ließ. Kirsch hob den Blick zur Galerie, die von einer kunstvollen, verzierten Balustrade gesäumt wurde, die um den gesamten ersten Stock herum verlief. Voll ehrfürchtigem Staunen machte Kirsch sich bewusst, wo er sich befand.

Die legendäre Bibliothek von Montserrat. Nicht zu fassen, dass man mir Zutritt gewährt hat.

In diesem altehrwürdigen Saal wurden Gerüchten zufolge außerordentlich seltene Texte aufbewahrt, zugänglich nur den Mönchen, die ihr Leben Gott geweiht hatten und zurückgezogen hier auf diesem Berg lebten.

»Sie hatten um Diskretion gebeten«, sagte Bischof Valdespino. »Nun, dies hier ist unser abgeschiedenster Raum. Nur wenige Laien haben ihn je betreten.«

»Ein überaus großzügiges Privileg. Ich danke Ihnen.«

Kirsch folgte Valdespino zu einem großen Holztisch, an dem zwei alte Männer saßen, die offenbar auf den Bischof und seinen Besucher gewartet hatten. Der Mann zur Linken, ein Greis mit verfilztem weißen Bart und müden Augen, wirkte erschöpft. Er trug einen zerknitterten schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und einen Fedora.

»Das ist Rabbi Yehuda Köves«, stellte der Bischof ihn vor. »Ein bekannter jüdischer Philosoph, der Standardwerke über die kabbalistische Kosmologie verfasst hat.«

Kirsch streckte den Arm über den Tisch hinweg aus und schüttelte dem Rabbi höflich die Hand. »Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen«, sagte er. »Ich habe einige Ihrer Bücher über die Kabbala gelesen. Ich kann nicht behaupten, sie in vollem Umfang verstanden zu haben, aber ich habe sie trotzdem gelesen.«

Köves nickte liebenswürdig und tupfte sich die wässrigen Augen mit einem Taschentuch ab.

»Und hier haben wir den hoch angesehenen Al-‘Allāma Syed al-Fadl.« Bischof Valdespino deutete auf den zweiten Mann.

Der Angesprochene, in einen unscheinbaren weißen Thawb gekleidet, erhob sich und lächelte freundlich. Er war klein und massig, und sein gutmütiges Gesicht wollte so gar nicht zu seinen dunklen, durchdringenden Augen passen.

»Ich habe Ihre Vorhersagen über die Zukunft der Menschheit gelesen, Mr. Kirsch«, sagte er. »Ich kann nicht behaupten, dass ich mit Ihren Schlussfolgerungen in vollem Umfang einverstanden bin, aber ich habe sie trotzdem gelesen.«

Kirsch lächelte liebenswürdig und schüttelte die dargebotene Hand.

»Wie Sie wissen«, wandte der Bischof sich an seine beiden Kollegen, »ist Mr. Kirsch ein renommierter Computerwissenschaftler, Erfinder und Experte auf dem Gebiet der Spieltheorie. Für viele ist er eine Art Hohepriester der modernen Technologie. In Anbetracht dieses Hintergrundes hat mich seine Bitte, uns drei zu treffen, doch sehr verwundert, muss ich gestehen. Deshalb möchte ich es Mr. Kirsch überlassen, uns den Grund für sein Kommen darzulegen. Bitte, Mr. Kirsch.«

Valdespino nahm zwischen seinen beiden Kollegen Platz, faltete die Hände auf dem Tisch und blickte Kirsch erwartungsvoll an. Die drei Männer hatten sich ihm zugewandt wie ein Richterkollegium; in dem klösterlichen Ambiente hätte man den Eindruck gewinnen können, Kirsch stünde vor einem Inquisitionstribunal. Der Bischof, wurde ihm bewusst, hatte ihm nicht einmal eine Sitzgelegenheit angeboten.

Doch Kirsch war eher belustigt als eingeschüchtert, als er die drei greisen Männer musterte, die vor ihm saßen. Das also ist die Heilige Dreifaltigkeit, ging es ihm durch den Kopf. Die Drei Weisen.

Er ließ sich Zeit, um ihnen zu demonstrieren, dass sie keine Macht über ihn besaßen. Gemächlich trat er ans Fenster und schaute hinaus auf das atemberaubende Panorama. In der Ebene tief unter ihm leuchtete das Ackerland in satten Braun- und Ockertönen, durchzogen von schwarzen Schatten; dahinter erhoben sich, glühend im Licht der Nachmittagssonne, die Höhenzüge der Serra de Collserola. Viele Kilometer weiter, draußen über dem Mittelmeer, ballten sich bedrohliche dunkle Unwetterwolken.

Wie passend, dachte Kirsch, als er an die Turbulenzen dachte, die er bald verursachen würde – zuerst in diesem Raum, dann auf der ganzen Welt.

»Meine Herren«, begann er schließlich und drehte sich zu den drei Männern um. »Ich nehme an, Bischof Valdespino hat Sie bereits über meine Bitte um Diskretion informiert. Ehe wir fortfahren, möchte ich eines klarstellen: Was ich Ihnen nun mitteilen werde, muss absolut vertraulich behandelt werden. Deshalb möchte ich Sie bitten, mir den Eid zu leisten, dass Sie schweigen werden. Sind Sie dazu bereit?«

Die drei Geistlichen nickten in stillschweigendem Einverständnis. Doch die Geste war bedeutungslos, das wusste Kirsch. Sie werden alles vertuschen. Sie dürfen nicht zulassen, dass die Welt es erfährt.

»Ich bin zu Ihnen gekommen«, fuhr er fort, »weil ich eine wissenschaftliche Entdeckung gemacht habe, die Sie zutiefst erstaunen wird. Es ist ein Thema, mit dem ich mich seit vielen Jahren beschäftigt habe in der Hoffnung, Antworten auf zwei grundlegende Fragen der menschlichen Existenz zu finden. Dieses Ziel habe ich erreicht. Nun komme ich zu Ihnen, weil das, was ich herausgefunden habe, die Gläubigen weltweit auf elementare Weise betrifft. Es wird eine Umwälzung herbeiführen, die dramatisch sein wird, vielleicht sogar zerstörerisch. Derzeit bin ich der Einzige, der über die Information verfügt, die ich Ihnen gleich enthüllen werde.«

Kirsch griff in sein Jackett und zog ein überdimensionales Smartphone – ein Phablet – hervor, dessen Hülle ein Mosaik in leuchtend bunten Farben war. Er hatte dieses Gerät selbst entworfen und nach seinen Spezifikationen anfertigen lassen, damit es seine individuellen Bedürfnisse erfüllen konnte. Nun stellte er das Phablet wie einen kleinen Fernseher vor den drei Männern auf. In wenigen Augenblicken würde er sich über dieses Gerät in einen ultrasicheren Server einloggen, sein Passwort aus siebenundvierzig Buchstaben eingeben und seine Livestream-Darbietung starten.

»Was Sie gleich sehen werden«, fuhr er fort, »ist ein Teil einer Präsentation, die ich in ungefähr einem Monat mit der ganzen Welt zu teilen hoffe. Zuvor aber wollte ich mich mit einigen der einflussreichsten religiösen Denkern der Welt austauschen, um Einblick darin zu erhalten, wie meine Entdeckung von jenen aufgenommen wird, die am meisten davon betroffen sein werden – Leuten wie Ihnen.«

Der Bischof stieß einen tiefen Seufzer aus, der eher gelangweilt als besorgt klang. »Eine faszinierende Einführung, Mr. Kirsch. Sie reden, als würde es die Fundamente sämtlicher Religionen der Welt erschüttern, was Sie uns in Kürze anvertrauen werden.«

Die Fundamente erschüttern? Kirsch ließ den Blick über das historische Repositorium altehrwürdiger Texte schweifen. Es wird sie nicht erschüttern, es wird sie zerschmettern.

Wieder schaute Kirsch auf die drei Männer vor ihm. Sie konnten nicht wissen, dass er in drei Tagen mit seiner Präsentation an die Öffentlichkeit gehen würde – im Rahmen eines spektakulären, minutiös choreographierten Events, in dessen Verlauf die Menschheit erkennen würde, dass die Lehren sämtlicher Religionen auf Erden tatsächlich eine Gemeinsamkeit hatten.

Sie alle lagen völlig falsch.

KAPITEL 1

Professor Robert Langdon schaute hinauf zu dem zwölf Meter großen Welpen, der mitten auf der Plaza saß und dessen Fell ein lebender bunter Teppich aus Gras und duftenden Blumen war.

Ich versuche ja, dich zu mögen. Ehrlich, ich versuche es.

Langdon betrachtete den Hund noch eine Zeit lang, ehe er seinen Weg fortsetzte, der ihn zuerst über einen hohen stählernen Laufsteg mit Gitterrostboden führte; dann ging es eine terrassenartig angelegte Treppe hinunter, deren Stufen in unregelmäßigen Abständen aufeinander folgten und offenbar dazu gedacht waren, eintreffende Besucher beim Gehen aus dem Rhythmus zu bringen.

Na, das Ziel habt ihr erreicht, dachte Langdon, nachdem er das zweite Mal über eine der Stufen gestolpert war.

Am Fuß der Treppe blieb er unwillkürlich stehen und starrte hinauf zu einer einschüchternden Kreatur.

Also, der Welpe eben war netter.

Vor ihm erhob sich eine gigantische Schwarze Witwe. Lange dünne Spinnenbeine aus rostfreiem Stahl trugen einen kleinen dicken Leib, der sich in etwa neun Metern Höhe befand. Am Bauch der Spinne hing ein Eiersack aus Maschendraht, gefüllt mit Kugeln aus Marmor.

»Sie heißt Maman«, sagte eine Stimme.

Langdon senkte den Blick und sah einen schlanken Mann unter der Spinne stehen. Er trug einen skurrilen Salvador-Dali-Schnurrbart und war in einen schwarzsamtenen Sherwani gekleidet.

»Mein Name ist Fernando«, fuhr der Mann fort. »Willkommen in unserem Museum.« Er überflog einen Stoß Namensschilder, die vor ihm auf dem Tisch lagen. »Dürfte ich erfahren, wie Sie heißen?«

»Ja, natürlich. Robert Langdon.«

Sofort riss der Mann den Blick von den Namensschildchen los und schaute Langdon an. »Oh, verzeihen Sie! Ich habe Sie nicht erkannt, Sir.«

Ich erkenne mich ja selbst kaum, dachte Langdon, der in seinem klassisch geschnittenen Frack mit weißer Weste und weißer Fliege ziemlich steif und verloren dastand. Ich sehe aus wie ein Sänger der Comedian Harmonists. Der Frack war fast dreißig Jahre alt und stammte noch aus der Zeit, als Langdon Mitglied des Ivy Clubs in Princeton gewesen war. In seiner Eile beim Packen hatte er sich die falsche Kleiderhülle geschnappt und seinen Smoking zu Hause im Schrank hängen lassen, doch dank seines rigorosen täglichen Schwimmtrainings saß der Frack noch ziemlich gut.

»Dresscode Black and White«, sagte Langdon. »So stand es auf der Einladung. Ich nehme an, mein Outfit ist angemessen.«

»Absolut, Sir. Sie sehen blendend aus.« Der Mann mit dem Dali-Schnurrbart kam um den Tisch herum und befestigte geschickt ein Namensschild am Revers von Langdons Frack. »Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen, Sir. Sie haben unser Museum bestimmt schon mal besucht, nicht wahr?«

Langdon starrte zwischen den Spinnenbeinen hindurch auf das schimmernde, spektakuläre Bauwerk dahinter. »Offen gesagt nein, wie ich zu meiner Schande gestehen muss. Ich war noch nie hier.«

»Nein!« Der Mann griff sich an die Stirn, als würde er jeden Moment in Ohnmacht fallen. »Sind Sie kein Freund moderner Kunst?«

Langdon hatte die Herausforderungen der modernen Kunst stets genossen – vor allem, wenn es um die Frage ging, weshalb manche Arbeiten als Meisterwerke bezeichnet wurden, beispielsweise die Drip Paintings von Jackson Pollock, die Campbell’s-Suppendosen von Andy Warhol oder die schlichten farbigen Rechtecke von Mark Rothko. Langdon gestand diesen Werken ihren kunstgeschichtlichen Rang durchaus zu, fühlte sich aber wohler, wenn er über den religiösen Symbolgehalt der Gemälde von Hieronymus Bosch oder die Pinselführung von Francisco de Goya referieren konnte.

»Ich bin Anhänger eines eher klassischen Kunstbegriffs«, entgegnete Langdon. »Ich kann mehr mit Leonardo da Vinci anfangen als mit Willem de Kooning.«

»Tatsächlich? Wo Leonardo und de Kooning sich doch so ähnlich sind?«

Langdon lächelte geduldig. »Wenn das stimmt, muss ich wohl noch einiges über de Kooning lernen.«

»Dann sind Sie hier an der richtigen Adresse.« Der Mann hob den Arm und zeigte auf das in der Ferne schimmernde Bauwerk. »In diesem Museum befindet sich eine der weltweit großartigsten Sammlungen moderner Kunst. Ich hoffe, Sie haben Ihre Freude daran.«

»Das hoffe ich auch«, sagte Langdon. »Ich wüsste nur gern, warum ich eigentlich hier bin.«

»Da geht es Ihnen wie allen anderen.« Der Mann lachte und schüttelte den Kopf. »Ihr Gastgeber gab sich sehr geheimnisvoll, was Sinn und Zweck des heutigen Events angeht. Nicht einmal das Museumspersonal weiß, was passieren wird. Nun ja, dieses Geheimnis ist der halbe Spaß an der Sache, zumal die Gerüchte überhandgenommen haben. Es sind bereits mehrere hundert Gäste eingetroffen, darunter zahlreiche Berühmtheiten, und niemand hat auch nur eine Ahnung, was heute Abend auf der Agenda steht!«

Jetzt war es an Langdon, zu lächeln. Es brauchte schon sehr viel Selbstbewusstsein, um Last-Minute-Einladungen zu verschicken, die im Grunde nichts weiter besagten als: Komm am Samstagabend. Es lohnt sich. Glaub mir. Erst recht, wenn man damit Hunderte von VIPs dazu bringen will, alles stehen und liegen zu lassen und nach Nordspanien zu fliegen, um dem Event beizuwohnen.

Langdon setzte seinen Weg unter der Spinne hindurch fort, ehe er den Blick hob und auf ein großes rotes Banner schaute, das sich im Wind blähte.

EIN ABEND MIT EDMOND KIRSCH

Edmond hat es nie an Selbstvertrauen gemangelt, dachte Langdon belustigt.

Vor mehr als zwanzig Jahren war Eddie Kirsch einer der ersten Studenten Langdons an der Harvard University gewesen – ein Computergeek mit einer Frisur wie ein Wischmopp, der von seiner Begeisterung für Codes und Zeichensysteme in Langdons Anfängerseminar gelockt worden war: Chiffren, Codes und die Sprache der Symbole. Der überragende Intellekt des jungen Mannes hatte Langdon damals sehr beeindruckt, und wenngleich Kirsch später die staubige Welt der Semiotik verlassen hatte und den strahlenden Verlockungen der Computerwissenschaften erlegen war, hatten er und Langdon eine enge Schüler-Lehrer-Bindung entwickelt, die dafür sorgte, dass beide Männer seit Kirschs Examen vor zwei Jahrzehnten in Verbindung geblieben waren.

Der Student hat seinen Lehrer längst überflügelt, dachte Langdon. Um Lichtjahre.

Mittlerweile war Edmond Kirsch weltbekannt – ein milliardenschwerer Unternehmer, Computerwissenschaftler, Erfinder, Querdenker und Futurologe. Der inzwischen Vierzigjährige hatte eine erstaunliche Anzahl modernster Technologien entwickelt, die zu atemberaubenden Fortschritten auf so unterschiedlichen Gebieten wie der Robotik, der Hirnforschung, der künstlichen Intelligenz und der Nanotechnologie geführt hatten. Seine präzisen Vorhersagen über zukünftige wissenschaftliche Durchbrüche hatten eine beinahe mystische Aura um seine Person entstehen lassen.

Langdon vermutete, dass Edmonds beinahe gespenstische Fähigkeit, richtige Prognosen zu treffen, auf sein enzyklopädisches Wissen zurückzuführen war. Solange Langdon sich erinnern konnte, war Edmond Kirsch ein unersättlicher Bücherwurm gewesen, der alles verschlungen hatte, was er in die Finger bekam. Seine Leidenschaft für Bücher und seine Fähigkeit, deren Inhalt in kürzester Zeit in sich aufzunehmen, übertraf alles, was Langdon in dieser Hinsicht je erlebt hatte.

In den vergangenen Jahren hatte Kirsch vor allem in Spanien gelebt und dies mit seiner anhaltenden Liebe zum Alte-Welt-Charme dieses Landes, seiner avantgardistischen Architektur, den exzentrischen Bars und dem perfekten Wetter begründet.

Einmal im Jahr, wenn Kirsch nach Cambridge kam, um am MIT Media Lab zu referieren, traf er sich mit Langdon zum Essen an einem der trendigen Bostoner Hotspots, die Langdon mit schöner Regelmäßigkeit gänzlich unbekannt waren. Bei ihren Gesprächen ging es nie um Technologie: Kirsch wollte mit seinem alten Lehrer immer nur über Kunst reden.

»Du bist meine Verbindung zur Kultur, Robert«, scherzte er häufig. »Mein privater Bachelor* of Arts.«

Dieser Seitenhieb auf Langdons Familienstand war von besonderer Ironie, kam er doch von einem eingefleischten Junggesellen-Kollegen, der Monogamie als »Affront gegen die Evolution« betrachtete und im Lauf der Jahre mit einer Vielzahl wechselnder Supermodels an seiner Seite abgelichtet worden war.

In Anbetracht der Reputation Kirschs als Innovator der Computerwissenschaften hätte man auf den Gedanken kommen können, man bekäme es mit einem zugeknöpften Techno-Nerd zu tun; stattdessen hatte er sich zu einer modernen Pop-Ikone stilisiert, die sich in Promi-Kreisen bewegte, nach der neuesten Mode kleidete, obskure Undergroundmusik hörte und eine umfangreiche Sammlung unbezahlbarer impressionistischer und moderner Kunst ihr Eigen nannte. Es kam häufig vor, dass Kirsch seinen einstigen Lehrer per E-Mail kontaktierte, um dessen Rat bezüglich neuer Objekte einzuholen, die er für seine Sammlung in Betracht gezogen hatte.

Und dann tut er jedes Mal das genaue Gegenteil von dem, was ich ihm rate, sinnierte Langdon.

Vor einem Jahr hatte Kirsch ihn überrascht, als er ausnahmsweise nicht über Kunst, sondern über Gott hatte reden wollen. Ein eigenartiges Thema für einen selbsternannten Atheisten. Bei einem Teller Crudo im Tiger Mama, einem Bostoner Szene-Restaurant, hatte Kirsch Langdons Hirn nach den zentralen Aussagen der großen Weltreligionen durchforstet, insbesondere den jeweiligen Schöpfungsgeschichten.

Langdon hatte ihm einen kurzen, aber fundierten Überblick über die Glaubensrichtungen geliefert, angefangen bei der Genesis, die für Juden, Christen und Muslime gleichermaßen Gültigkeit besaß, bis hin zur hinduistischen Geschichte Brahmas, der Geschichte des babylonischen Hauptgottes Marduk und anderen.

»Ich bin neugierig«, hatte Langdon gestanden, als sie das Restaurant verlassen hatten. »Warum interessiert sich ein Futurologe wie du mit einem Mal so brennend für die Vergangenheit? Hat unser berühmter Atheist endlich zu Gott gefunden?«

Edmond lachte herzhaft. »Wunschdenken! Ich versuche nur, meine Konkurrenz abzuschätzen, Robert.«

Langdon lächelte. Typisch. »Wissenschaft und Religion sind keine Konkurrenten, sondern zwei verschiedene Sprachen, die versuchen, ein und dieselbe Geschichte zu erzählen. In unserer Welt ist Platz genug für beide.«

Nach dieser Begegnung hatten sie fast ein Jahr lang keinen Kontakt mehr gehabt. Dann aber, wie aus heiterem Himmel, war vor drei Tagen ein FedEx-Umschlag eingetrudelt mit einem Flugticket, einer Hotelreservierung und einer handschriftlichen Notiz von Edmond, in der er Langdon drängte, am Event dieses Abends teilzunehmen. Robert, es würde mir unendlich viel bedeuten, wenn gerade du kommen würdest. Deine Einsichten während unseres letzten Treffens haben mir geholfen, diesen Abend überhaupt erst zu ermöglichen.

Langdon hatte es glatt die Sprache verschlagen. Nichts an ihrer Unterhaltung war auch nur im Entferntesten von Bedeutung gewesen für ein Event, das von einem Zukunftsforscher veranstaltet wurde.

Der FedEx-Umschlag enthielt außerdem ein Schwarzweißfoto, das zwei Personen zeigte, die sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. Kirsch hatte dazu ein kurzes Gedicht verfasst:

Robert,

    Wenn wir uns sehen

        Von Angesicht zu Angesicht

            Füll ich den leeren Raum mit Licht

–  Edmond

Langdon musste lächeln, als er das Foto sah – eine geschickte Anspielung auf eine Episode, in die er ein paar Jahre zuvor verwickelt gewesen war. Die Silhouette eines Abendmahlskelchs oder eines Gralsbechers füllte den leeren Raum zwischen zwei Gesichtern.

Jetzt stand Langdon vor dem Museum und brannte darauf, zu erfahren, was sein einstiger Student enthüllen würde. Eine leichte Brise zerrte an seinen Frackschößen, als er den betonierten Weg am Ufer des gewundenen Flüsschens Nervión entlangging, einst die Lebensader einer blühenden Industriestadt. Die Luft roch leicht nach Kupfer.

Und dann, als Langdon eine lang gezogene Biegung hinter sich gebracht hatte, erhob es sich in seiner ganzen grotesken Fremdartigkeit vor ihm: das Guggenheim-Museum in Bilbao, Spanien.

Es war unmöglich, das gesamte Bauwerk auf einmal in sich aufzunehmen. Deshalb schweifte Langdons Blick mehrmals über die gesamte Breite des bizarren, lang gestreckten Museumsbaus hinweg.

Dieses Bauwerk verstößt gegen sämtliche Regeln, ging es Langdon durch den Kopf. Nein, viel mehr noch. Es missachtet sie vollkommen. Ein Ort, wie geschaffen für Edmond.

Das schimmernde Museumsgebäude mutete wie der Entwurf eines fremdartigen Geistes an, wie ein Fiebertraum, eine Halluzination, eine Collage aus gekrümmten und verdrehten Metallelementen, die aussahen, als wären sie auf willkürliche Weise gegeneinandergelehnt. Die Außenhülle des chaotisch anmutenden Gebildes war mit mehr als dreißigtausend Titanblechen verkleidet, die wie Fischschuppen glänzten und dem Bauwerk eine organische und zugleich extraterrestrische Aura verliehen, als wäre ein futuristischer Leviathan aus dem Wasser gekrochen, um sich am Flussufer zu sonnen.

Als das Bauwerk im Jahr 1997 enthüllt worden war, hatte der New Yorker den Architekten Frank Gehry für seinen Entwurf gefeiert und diesen als »fantastisches Traumschiff aus wogenden Formen in einem Mantel aus Titan« bezeichnet. Andere Kritiker waren in dieses Lob eingefallen und hatten in höchsten Tönen geschwärmt: »Das großartigste Bauwerk unserer Zeit!« »Berauschende Brillanz!« »Eine ganz und gar erstaunliche architektonische Leistung!«

Seit der Eröffnung des Museums waren Dutzende weiterer Gebäude im Stil des »Dekonstruktivismus« errichtet worden – die Disney Concert Hall in Los Angeles, BMW Welt in München, selbst die neue Bibliothek in Harvard, Langdons Alma Mater. Jedem dieser Bauwerke lagen ein unkonventionelles Design und eine wagemutige Konstruktion zugrunde, und doch bezweifelte Langdon, dass irgendeines davon mit dem Guggenheim-Museum in Bilbao wetteifern konnte, wenn es um den Schock des ersten Eindrucks ging.

Die titanverkleidete Fassade des Museums schien mit jedem Schritt, den Langdon näher kam, ihre Gestalt zu verändern und bot aus jeder Perspektive einen neuen, unbekannten Charakter. Langdon stockte der Atem, als die dramatischste Veränderung eintrat: Mit einem Mal schien die kolossale Struktur auf dem Wasser zu schweben, auf einer unendlich anmutenden Infinity-Lagune, deren Wogen träge gegen die Außenwände schwappten.

Langdon blieb einen Moment stehen, um das Bild zu bestaunen, ehe er den Weg über die minimalistische Brücke einschlug, von der die glasartige Wasserfläche der Lagune überspannt wurde. Er war erst auf halbem Weg, als ihn ein lautes Zischen, das direkt unter ihm ertönte, erschreckt innehalten ließ. Im gleichen Augenblick quoll eine wirbelnde Nebelwolke zu beiden Seiten unter der Brücke hervor. Ein dichter Schleier erhob sich ringsum, breitete sich über die Lagune aus, wogte auf das Museum zu und hüllte dessen gesamte Basis ein.

Die Nebelskulptur, dachte Langdon.

Er hatte von dieser Arbeit der japanischen Künstlerin Fujiko Nakaya gelesen. Die »Skulptur« war insofern revolutionär, als sie aus sichtbar gemachter Luft bestand – eine Wand aus Nebel, die materialisierte und sich mit der Zeit wieder auflöste. Aufgrund der Luftbewegungen und wechselnden atmosphärischen Bedingungen veränderte sich ihr Aussehen von Tag zu Tag.

Das Zischen unter der Brücke verstummte, und Langdon verfolgte, wie sich die Wand aus Nebel lautlos über die Lagune senkte, dann weiterkroch und sich wand, als hätte sie ein eigenes Bewusstsein. Der Effekt war ätherisch und desorientierend. Das Museumsgebäude schien gewichtslos auf dem Wasser zu schweben, getragen von einer Wolke – ein Geisterschiff, verloren auf einem unendlichen Meer.

Langdon wollte schon weitergehen, als die stille Oberfläche des Wassers durch eine Aufeinanderfolge kleiner Eruptionen in heftige Bewegung geriet. Unvermittelt schossen Flammensäulen himmelwärts, begleitet von einem dumpfen Grollen wie von Raketenantrieben, und fraßen sich durch den Nebel, um funkelnde Lichtblitze auf die silbrigen Titankacheln des Museums zu schleudern.

Klassische Museumsbauten wie der Louvre in Paris oder der Prado waren eher nach Langdons architektonischem Geschmack, doch während er den Kampf zwischen Nebel und Feuer über der Lagune beobachtete, wollte ihm kein Veranstaltungsort einfallen, der besser als dieses ultramoderne Bauwerk für das bevorstehende Ereignis geeignet gewesen wäre – ein Event, inszeniert von einem Mann, der die Kunst und die Wissenschaft liebte und der einen so klaren Blick auf die Zukunft besaß wie kein Zweiter.

Langdon durchschritt die Nebelwand und hielt zielstrebig auf den Eingang zu, ein bedrohlich wirkendes schwarzes Loch in der panzergleichen Außenhaut der reptilienartigen Struktur. Als er sich der Schwelle näherte, hatte er das beunruhigende Gefühl, in das Maul eines Drachen zu steigen.

KAPITEL 2

Almirante Luis Ávila saß auf einem Barhocker in einer fast leeren Kneipe in einer unbekannten Stadt. Er war erschöpft von seiner Reise, war er doch gerade erst in dieser Stadt gelandet, nachdem seine Mission ihn im Verlauf von zwölf Stunden über viele tausend Kilometer geführt hatte.

Ávila nahm einen Schluck von seinem zweiten Tonic Water und blickte auf das farbenfrohe Sammelsurium von Flaschen an der Wand hinter dem Tresen.

In einer Wüste kann jeder nüchtern bleiben, sinnierte er, aber nur der Standhafte kann in einer Oase sitzen, ohne die Lippen zu öffnen.

Ávila hatte die Lippen seit fast einem Jahr nicht mehr für den Teufel Alkohol geöffnet. Als er nun in den Spiegel hinter dem Tresen schaute, erlaubte er sich einen seltenen Augenblick der Zufriedenheit bei dem Anblick, der sich ihm bot.

Luis Ávila war einer jener beneidenswerten Südeuropäer, die mit zunehmendem Alter kaum an Attraktivität verloren, im Gegenteil. Mit den Jahren hatten sich seine einst harten schwarzen Stoppeln in einen distinguiert aussehenden graumelierten Bart verwandelt, und seine straffe, tief gebräunte Haut war von Wind und Wetter gegerbt und verlieh ihm die Aura eines Mannes, der den größten Teil seines Lebens auf dem Meer verbringt.

Trotz seiner dreiundsechzig Jahre war er schlank und durchtrainiert; seine beeindruckende Physis wurde durch seine strahlend weiße, maßgeschneiderte Kleidung noch unterstrichen – die Ausgehuniform eines Almirante der spanischen Marine: zweireihiges Sakko mit breiten schwarzen Schulterklappen und einer imposanten Sammlung von Orden und Dienstabzeichen auf dem Brustteil, dazu ein Hemd mit Stehkragen und eine mit Seide gefasste Hose.

Die spanische Armada mag nicht mehr die mächtigste Flotte der Welt sein, aber wir wissen immer noch, wie man einen Offizier kleidet.

Der Admiral hatte diese Uniform seit Jahren nicht mehr getragen, doch heute war eine besondere Nacht. Als er durch die Straßen dieser unbekannten Stadt geschlendert war, hatte er die begehrlichen Blicke der Frauen genauso sehr genossen wie die Reaktion der Männer, die einen weiten Bogen um ihn machten.

Wer nach einem Kodex lebt, wird von allen respektiert.

»¿Otra tónica?«, fragte die hübsche Frau hinter dem Tresen. Sie war Mitte zwanzig, mit üppiger Figur und attraktivem Lächeln.

Ávila schüttelte den Kopf. »No, gracias.«

Er spürte die bewundernden Blicke der jungen Frau auf sich ruhen. Es fühlte sich gut an, wieder wahrgenommen zu werden.

Ich bin zurück aus dem Abgrund.

Das schreckliche Unglück, das Ávilas Leben vor fünf Jahren beinahe zerstört hätte, würde für immer in den dunklen Winkeln seines Verstandes lauern – ein einziger verheerender Augenblick, als der Boden sich unter seinen Füßen aufgetan und ihn in einem Stück verschlungen hatte.

Die Kathedrale von Sevilla.

Am Ostermorgen.

Das klare Licht der andalusischen Sonne fiel durch die Glasfenster und warf Bahnen und Pfützen aus glühenden Farben in das steinerne Innere des Gotteshauses, das erfüllt war von rauschenden Orgelklängen, während Tausende von Gläubigen das Wunder der Wiederauferstehung feierten.

Ávila kniete auf der Kommunionbank, durchströmt von einem Gefühl tiefer Dankbarkeit. Nach einem Leben des Dienstes auf See war er mit dem größten Geschenk gesegnet worden, das Gott zu geben hatte – einer Familie. Mit glücklichem Lächeln drehte er sich um und schaute über die Schulter auf Maria, seine junge Frau, die noch immer an ihrem Platz saß, hochschwanger und zu ungelenk, als dass sie den Weg zur Kommunionbank hätte zurücklegen können. Sie bemerkte den Blick ihres Mannes und lächelte ihn liebevoll an. Neben Maria saß Pepe, ihr gemeinsamer Sohn, und winkte seinem Vater mit der überschwänglichen Begeisterung eines Dreijährigen. Ávila zwinkerte dem Jungen zu.

Danke, Herr, dachte er, als er sich wieder zur Brüstung umdrehte, um die Hostie zu empfangen.

Den Bruchteil einer Sekunde später wetterte ein ohrenbetäubendes Krachen durch die Kathedrale.

Mit einem Lichtblitz stand Ávilas Welt in Flammen.

Die Druckwelle der Explosion schleuderte ihn mit verheerender Wucht gegen die Balustrade, wo ein glühend heißer Sturm aus Trümmern und menschlichen Körperteilen über ihn hinwegfegte.

Als Ávila das Bewusstsein wiedererlangte, bekam er im dichten Rauch kaum noch Luft. Für einen schrecklichen Augenblick wusste er nicht, wo er sich befand und was sich zugetragen hatte.

Dann hörte er über das Klingeln in seinen Ohren hinweg die gequälten Schreie. Er kämpfte sich hoch, sah sich um und erkannte voller Entsetzen, wo er war. Bitte, Herr, mach, dass es nur ein Alptraum ist. Er stolperte durch die raucherfüllte Kathedrale nach hinten, stieg über stöhnende, verstümmelte Opfer hinweg, erfüllt von schrecklichen Vorahnungen, und taumelte zu der Stelle, an der sein Sohn und seine Frau noch Augenblicke zuvor lächelnd gesessen hatten.

Da war nichts mehr.

Keine Kirchenbänke.

Keine Menschenseele.

Nur blutige Trümmer auf dem geschwärzten Steinboden.

Die Eingangstür der Bar klingelte und riss Ávila aus seinen schmerzlichen Erinnerungen. Er packte das Glas, nahm hastig einen Schluck von seiner tónica und kämpfte sich aus der Düsternis ans Licht.

Die Tür der Bar schwang auf.

Ávila drehte sich um. Zwei Männer kamen hereingetorkelt. Hooligans. Sie trugen grüne fútbol-Trikots, die sich über ihren Bäuchen spannten, und grölten ein irisches Kampflied. Offenbar hatte die irische Gastmannschaft das nachmittägliche Länderspiel für sich entschieden.

Das ist mein Zeichen. Ávila erhob sich. Ich muss gehen. Er bat um die Rechnung, aber das Barmädchen zwinkerte ihm zu und winkte ab. Ávila dankte ihr und wandte sich zur Tür.

»Da will ich doch verdammt sein!«, rief einer der Neuankömmlinge und starrte auf Ávilas prächtige Uniform. »Der spanische König!«

Die beiden Männer krümmten sich vor Lachen und wankten ihm entgegen.

Ávila versuchte, ihnen auszuweichen, um zur Tür zu gelangen, doch der größere der beiden packte ihn grob am Arm, zerrte ihn mit sich zum Tresen und stieß ihn auf einen Barhocker. »Immer langsam, Hoheit!«, grölte er. »Wir sind den ganzen weiten Weg nach Spanien gekommen. Jetzt wollen wir ein Bier mit dem König trinken!«

Ávila musterte die schmuddelige Hand auf seinem frisch gebügelten Ärmel. »Lassen Sie mich los«, sagte er leise. »Ich muss gehen.«

»Nichts da. Du bleibst auf ein Bier bei uns.« Der Mann packte noch fester zu, während sein Kumpan mit einem verdreckten Finger auf die Orden an Ávilas Brust tippte. »Du bist wohl ein Held, was?« Er zupfte an dem Orden, den Ávila am meisten schätzte. »Ein Streitkolben! Bist du der Ritter von der traurigen Gestalt, oder was?« Er wieherte vor Belustigung.

Toleranz, rief Ávila sich ins Bewusstsein. Er war zahlreichen Menschen wie diesen begegnet – schlichte, bedauernswerte Seelen, die sich nie für etwas eingesetzt, nie etwas bewirkt hatten und die in dumpfer Einfalt jene Freiheiten missbrauchten, die andere ihnen mutig erkämpft hatten.

»Nein. Der Streitkolben ist das Symbol der Unidad de Operaciones Especiales der spanischen Marine«, erwiderte Ávila sanft.

»Eine Spezialeinheit? Wow.« Der Hooligan ahmte ein ehrfurchtsvolles Schaudern nach. »Mann, das ist echt beeindruckend. Und was ist das da für ein Ding?« Er deutete auf Ávilas rechte Hand.

Ávila blickte hinunter auf seine Handfläche, auf die schwarze Tätowierung, die ein Emblem zeigte, das auf das vierzehnte Jahrhundert zurückging.

Dieses Symbol dient zu meinem Schutz, dachte er, als er die Tätowierung betrachtete. Auch wenn ich es nicht brauche – nicht heute.

»Na, egal«, sagte der Hooligan, ließ Ávilas Arm los und richtete seine Aufmerksamkeit auf das Mädchen hinter dem Tresen. »Na, Süße?« Er grinste. »Bist du Spanierin?«

»Ja, bin ich«, antwortete sie.

»Hundert Prozent? Du hast nichts Irisches in dir?«

»Nein.«

»Dann wird’s Zeit, dass mal ein Schuss davon in dich reinkommt.« Der Hooligan zeigte auf seinen Hosenschlitz, stieß ein schrilles Lachen aus und hämmerte die Faust auf den Tresen.

»Lassen Sie die Frau in Ruhe«, sagte Ávila.

Der Mann fuhr zu ihm herum, funkelte ihn an.

Der zweite Hooligan stieß Ávila die Faust gegen die Brust. »Hey, Meister. Willst du uns sagen, was wir zu tun haben?«

Ávila holte tief Luft. Er fühlte sich erschöpft nach der langen Reise des Tages. Müde deutete er auf den Tresen. »Bitte setzen Sie sich doch, Gentlemen. Ich lade Sie zu einem Bier ein.«

_________

Schön, dass er geblieben ist, ging es dem Barmädchen durch den Kopf. Sie konnte gut auf sich selbst aufpassen, doch als sie nun beobachtete, wie ruhig und gelassen der Offizier mit den beiden Schlägern umging, erschien ihr dieser gut aussehende Mann noch attraktiver als zuvor. Vielleicht bleibt er ja, bis ich schließe.

Der Offizier hatte zwei Bier und ein weiteres Tonic für sich selbst bestellt, nachdem er wieder auf dem Hocker am Tresen Platz genommen hatte. Die beiden Hooligans saßen rechts und links von ihm.

»Tonic?«, spottete der eine. »Ich dachte, wir trinken zusammen.«

Der Offizier lächelte das Barmädchen müde an und leerte sein Glas.

»Ich fürchte, ich muss jetzt gehen«, sagte er. »Ich habe einen Termin. Genießen Sie Ihr Bier.«

Als Ávila sich erheben wollte, legten beide Männer wie auf ein Kommando ihre rauen Hände auf seine Schultern und drückten ihn zurück auf den Hocker. In den Augen des Offiziers loderte ein Funke heißen Zorns auf, verschwand aber sogleich wieder.

»Ich glaub nicht, Alter, dass du uns mit deiner Freundin allein lassen möchtest.« Der Hooligan beäugte das Barmädchen und machte eine obszöne Geste mit der Zunge.

Ávila blieb ein paar Sekunden regungslos sitzen, dann griff er in seine Jacke.

Beide Kerle packten ihn. »Hey! Was hast du vor?«

Langsam zog der Offizier ein Mobiltelefon aus der Jackentasche und sagte etwas auf Spanisch. Als die Schläger ihn verständnislos beäugten, wechselte er ins Englische. »Entschuldigung, ich muss kurz meine Frau anrufen und ihr Bescheid sagen, dass ich später komme. Sieht so aus, als würde ich noch ein Weilchen bleiben.«

»Endlich redest du vernünftig, amigo«, sagte der größere der beiden Schläger, leerte sein Glas und stellte es krachend auf dem Tresen ab. »Noch eins!«

Während das Barmädchen die Gläser der Hooligans nachfüllte, beobachtete sie im Spiegel, wie der Offizier auf dem Display seines Smartphones tippte und es sich dann ans Ohr hielt. Der Anruf wurde entgegengenommen, und er sprach in schnellem Spanisch in den Hörer.

»Le llamo desde el Bar Molly Malone«, las er den Namen der Bar vom Bierdeckel vor sich ab, dann die Adresse: »Calle Particular de Estraunza, ocho.«

Er lauschte einen Moment. »Necesitamos ayuda inmediatamente«, sagte er dann. »Hay dos hombres heridos

¿Dos hombres heridos? Der Herzschlag des Barmädchens beschleunigte sich. Zwei verletzte Männer?

Bevor sie die Bedeutung dieser Worte verarbeiten konnte, geschah es. Ein verschwommener weißer Schemen, und der rechte Ellbogen des Offiziers zuckte nach oben und landete krachend auf der Nase des größeren der beiden Hooligans. Es gab ein widerwärtig knirschendes Geräusch. Blut spritzte über das Gesicht des Mannes, und er kippte nach hinten. Bevor der zweite Schläger reagieren konnte, fuhr der Offizier zu ihm herum und drosch ihm den linken Ellbogen mit Wucht gegen den Kehlkopf. Der Mann flog hintenüber vom Hocker.

Das Mädchen starrte schockiert auf die beiden Hooligans, die zappelnd am Boden lagen. Der eine schrie sich die Seele aus dem Leib, der andere hielt seine Kehle umklammert und rang mit einem pfeifenden Geräusch nach Atem.

Der Offizier erhob sich gemächlich. Mit beinahe unheimlicher Ruhe zog er seine Geldbörse aus der Tasche und legte einen Hunderteuroschein auf den Tresen.

»Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten«, sagte er auf Spanisch zu dem Mädchen. »Die Polizei wird gleich hier sein und Ihnen helfen.« Damit wandte er sich um und ging.

_________

Draußen auf der Straße atmete Ávila tief durch und genoss die kühle Abendluft, ehe er durch die Via Alamede de Mazarredo in Richtung des Flusses eilte. Als er das Heulen von Polizeisirenen hörte, das sich rasch näherte, huschte er in die Schatten. Er konnte sich an diesem Abend keine weiteren Verzögerungen und Komplikationen leisten. Die Aufgabe, die auf ihn wartete, war viel zu schwer.

Der Regent hat die Mission klar umrissen.

Ávila nahm die Befehle des Regenten stets aufmerksam, aber gelassen hin. Keine Diskussionen, kein Verhandeln. Nur gehorchen. Nach vielen Jahren in einem Beruf, in dem er selbst die Befehle erteilt hatte, war es eine Erleichterung für Ávila, das Ruder aus der Hand geben zu können und andere das Schiff steuern zu lassen.

In diesem Krieg bin ich nur Fußsoldat.

Vor ein paar Tagen hatte der Regent ihm ein Geheimnis anvertraut, das so verstörend war, so beängstigend, dass Ávila sich der Sache mit Leib und Seele verschrieben hatte. Die Brutalität seiner Mission vom vergangenen Abend verfolgte ihn noch immer, aber er wusste, dass man ihm vergeben würde, was er getan hatte.

Die Gerechtigkeit kann vielerlei Gestalt annehmen.

Es wird noch mehr Tote geben, bevor diese Nacht um ist.

Als Ávila auf einen leeren Platz am Flussufer gelangte, hob er den Blick und schaute auf das ungeheure Bauwerk, das sich vor ihm erhob, eine wogende Masse aus perversen Formen, gehüllt in glänzende Fliesen aus Metall – als hätte jemand Tausende von Jahren architektonischer Entwicklung aufgegeben, um sich für Chaos und Hässlichkeit zu entscheiden.

Es gibt Leute, die nennen dieses Ding ein Museum. Ich nenne es eine Monstrosität.

Ávila atmete tief durch und sammelte sich. Dann überquerte er die Plaza vor dem Guggenheim-Museum in Bilbao und folgte dem gewundenen Weg zwischen einer Reihe bizarrer Skulpturen hindurch. Als er sich dem Museumsgebäude näherte, sah er Dutzende von Gästen in eleganter Abendgarderobe, die zum Eingang strebten.

Die Heerscharen der Gottlosen versammeln sich.

Aber der heutige Abend wird anders verlaufen, als sie sich träumen lassen.

Ávila rückte seine Admiralsmütze zurecht, strich seine Uniformjacke glatt und wappnete sich innerlich auf die vor ihm liegende Aufgabe. Sie war Teil einer weit größeren Mission – eines Kreuzzugs für die Gerechtigkeit.

Als Ávila den weitläufigen Hof überquerte, hinter dem sich der Eingang der architektonischen Abscheulichkeit befand, tastete er behutsam nach dem Rosenkranz in seiner Tasche.

KAPITEL 3

Das Atrium des Guggenheim sah wie eine futuristische Kathedrale aus.

Nachdem Langdon eingetreten war, schweifte sein Blick in die Höhe, wanderte an zwei kolossalen weißen Säulen hinauf zu einem riesigen Vorhang aus Glas, der in sechzig Metern Höhe unter einer Gewölbedecke endete, angestrahlt von reinweißem Licht aus Halogenscheinwerfern. Hoch in der Luft befand sich ein Netzwerk aus kreuz und quer verlaufenden Stegen und Balkonen, das zu schweben schien und gesprenkelt war von festlich gekleideten Besuchern, die dort oben über die Galerien strömten oder vor den hohen Fenstern standen und die Lagune draußen vor dem Gebäude bewunderten. Ein Glasaufzug schwebte lautlos an einer Wand herab und kehrte zur Erde zurück, um weitere Gäste aufzunehmen.

Das Guggenheim war anders als alles, was Langdon je an Museen besucht hatte. Selbst die Akustik klang fremdartig. Statt der ehrfurchtsvollen musealen Stille, erschaffen durch schalldämpfende Oberflächen, war dieser Ort lebendig, erfüllt vom Klang raunender Stimmen, die von Stein und Glas widerhallten. Lediglich der sterile Geschmack auf der Zunge war Langdon vertraut: Museumsluft war überall gleich, akribisch gefiltert, von allen Oxidantien und Staubpartikeln befreit und mit ionisiertem Wasser auf exakt fünfundvierzig Prozent Luftfeuchte gebracht.

Langdon bewegte sich zwischen mehreren überraschend dichten Kordons aus Sicherheitsposten hindurch – hier gab es weit mehr als nur eine Handvoll bewaffneter Wachleute – und fand sich schließlich vor einem weiteren Empfangsschalter wieder. Eine junge Frau verteilte Kopfhörer.

»¿Audioguía?«, fragte sie.

Langdon lächelte. »Nein danke.«

Doch als er sich dem Tisch näherte, hielt die Frau ihn auf und sprach ihn in perfektem Englisch an: »Tut mir leid, Sir, aber Mr. Kirsch, unser Gastgeber am heutigen Abend, hat darum gebeten, dass jeder einen Kopfhörer trägt. Es ist Bestandteil dieses Events.«

»Wenn das so ist …«

Langdon wollte nach einem der Kopfhörer greifen, doch sie winkte ab, überprüfte sein Namensschild anhand einer langen Gästeliste und reichte ihm schließlich ein Headset, das mit der gleichen Nummer versehen war wie sein Name auf der Liste. »Die Führungen sind für jeden Besucher individuell zusammengestellt«, erklärte sie.

Tatsächlich? Langdon blickte sich um. Es sind Hunderte von Gästen!

Langdon drehte den Kopfhörer in den Händen und betrachtete ein wenig ratlos das schlanke Gestell aus Metall mit den winzigen Plättchen an den Enden. Offenbar hatte die Frau seinen Blick richtig interpretiert, denn sie kam um den Tisch herum, um ihm zu helfen.

»Das ist eine ziemlich neue Technologie«, sagte sie und half Langdon beim Aufsetzen des Headsets. »Die Transducer-Plättchen werden nicht auf das Ohr aufgesetzt, sondern unmittelbar davor.« Sie legte das Metallgestell hinter Langdons Kopf und platzierte die Transducer so, dass sie federleicht auf dem Bereich zwischen Kieferknochen und Schläfe aufsaßen.

»Aber wie …«

»Knochenübertragung, Sir. Die Transducer übermitteln den Schall auf die Kieferknochen und somit ohne Umweg auf die Hörschnecke des Innenohrs. Ich habe es selbst ausprobiert. Es ist wirklich erstaunlich – als spräche eine Stimme mitten im Kopf. Außerdem bleiben Ihre Ohren frei, und Sie können an Unterhaltungen teilnehmen, wann und wo es Ihnen gefällt.«

»Sehr einfallsreich.«

»Mr. Kirsch hat die Technologie vor mehr als einem Jahrzehnt erfunden. Heute ist sie in zahlreichen Geräten der verschiedensten Hersteller zu finden.«

Ich hoffe, Ludwig van Beethoven bekommt seine Prozente, dachte Langdon.

Tatsächlich hatte kein Geringerer als der große Komponist sich die Tatsache zunutze gemacht, dass Schall durch menschliche Knochen geleitet wurde. Nachdem er taub geworden war, gewöhnte Beethoven sich an, das eine Ende eines dünnen Holzstabs an sein Klavier zu drücken, während er sich das andere Ende zwischen die Zähne klemmte. Auf diese Weise gelangten die akustischen Schwingungen über den Holzstab und die Zähne an den Kieferknochen und weiter an das Innenohr, sodass Beethoven zumindest ahnungsweise »hören« konnte, was er komponierte.

»Wir hoffen, Sie genießen Ihre Tour«, sagte die Frau. »Sie haben ungefähr eine Stunde Zeit, das Museum zu erkunden, bevor Mr. Kirschs Präsentation beginnt. Ihr Audioguide wird Sie informieren, wann es Zeit ist, sich nach oben ins Auditorium zu begeben.«

»Danke. Muss ich auf irgendetwas drücken oder so?«

»Nein, das Gerät aktiviert sich von allein. Ihre geführte Tour beginnt, sobald Sie sich in Bewegung setzen.«

»Ja, natürlich«, sagte Langdon, lächelte die Frau an und machte sich dann auf den Weg, schlenderte durch das Atrium auf eine Gruppe anderer Gäste zu, die vor den Aufzügen warteten und allesamt die gleichen Kopfhörer trugen wie er selbst.

Er hatte erst die Hälfte des Weges zurückgelegt, als tief im Innern seines Kopfes eine Männerstimme erklang. »Guten Abend und willkommen im Guggenheim-Museum in Bilbao.«

Obwohl Langdon wusste, dass die Stimme aus dem Kopfhörer gekommen war, hielt er verdutzt inne und drehte sich um. Die Wirkung war verblüffend – genau, wie die junge Frau es beschrieben hatte: Als spräche eine Stimme mitten im Kopf.

»Ein herzliches Willkommen, Professor Langdon«, fuhr die Stimme freundlich und mit schwungvollem britischen Akzent fort. »Mein Name ist Winston. Ich habe die Ehre, Sie am heutigen Abend durch das Museum zu führen.«

Wen haben die hier als Sprecher unter Vertrag? Hugh Grant?

»Tun Sie sich keinen Zwang an. Streifen Sie nach Lust und Laune durch das Guggenheim, und sehen Sie sich an, was immer Sie interessiert«, fuhr die beschwingte Stimme fort. »Ich werde mich nach Kräften bemühen, Ihnen zu erklären, was Sie sich gerade anschauen.«

Anscheinend war jeder Kopfhörer – zusätzlich zu einem individuellen Erzähler, personalisierten Aufzeichnungen und Knochenleittechnologie – obendrein mit einem GPS-Sender ausgestattet, sodass das Gerät exakt bestimmen konnte, wo der Besucher stand und welcher Kommentar zu welchem Kunstwerk aktiviert werden musste.

»Mir ist bewusst, Sir, dass Sie als Kunstprofessor einer unserer fachlich versiertesten Gäste sind«, fuhr die Stimme fort. »Vielleicht benötigen Sie meine Hilfe deshalb nur in geringem Maße oder gar nicht. Schlimmer noch – es wäre möglich, dass Sie völlig anderer Meinung sind als ich, was die Analyse bestimmter Museumsobjekte betrifft.« Langdon stutzte: Die Stimme kicherte verlegen!

Du meine Güte, ging es ihm durch den Kopf. Wer hat bloß dieses Skript geschrieben? Der fröhliche Tonfall und der personalisierte Dienst waren zugegebenermaßen ein charmanter Einfall, aber Langdon konnte sich nicht annähernd vorstellen, wie viel Mühe es gekostet haben mochte, Hunderte von Kopfhörern auf diese Weise individuell vorzubereiten.

Zum Glück verstummte die Stimme in diesem Moment. Anscheinend hatte sie ihren programmierten Willkommensgruß abgespult.

Langdons Blick schweifte durch das Atrium und richtete sich auf ein weiteres riesiges Banner, das über der Menge hing:

EDMOND KIRSCH
HEUTE ABEND BEGINNT DIE ZUKUNFT

Was um alles in der Welt wird er wohl ankündigen?

Langdon wandte den Blick zu den Aufzügen, wo eine Gruppe plaudernder Gäste stand, einschließlich zweier berühmter Gründer globaler Internetkonzerne, eines prominenten indischen Schauspielers und mehrerer anderer gut gekleideter VIPs, von denen Langdon überzeugt war, sie kennen zu müssen, ohne dass er wusste, wen er vor sich hatte. Er war auch nicht willens – und noch weniger darauf vorbereitet –, Smalltalk über Sinn und Unsinn sozialer Netzwerke oder den künstlerischen Wert von Bollywood-Filmen zu führen, also bewegte er sich in eine andere Richtung, hin zu einem riesenhaften Werk moderner Kunst an der gegenüberliegenden Wand der Halle.

Die Installation war in eine dunkle Grotte eingebettet und bestand aus neun schmalen Fließbändern, die aus Schlitzen im Boden kamen und steil in die Höhe führten, bis sie in der Decke verschwanden. Die Bänder erinnerten an motorisierte Gehwege, nur dass sie vertikal statt horizontal verliefen. Jedes Band transportierte eine illuminierte Botschaft, die nach oben scrollte:

Ich bete laut … ich rieche dich auf meiner Haut … ich sage deinen Namen.

Als Langdon näher trat, erkannte er, dass die Bänder sich in Wirklichkeit gar nicht bewegten. Die Illusion wurde durch eine »Haut« aus winzigen LEDs auf den verschiedenen Bändern erschaffen, die in rascher Folge aufblinkten und auf diese Weise Worte formten, die sich aus dem Fußboden materialisierten und hinauf zur Decke schossen, wo sie verschwanden.

Ich weine bitterlich … überall Blut … niemand hat mir etwas gesagt.

Langdon bewegte sich um die vertikalen Bänder herum und nahm das gesamte Objekt in sich auf.

»Ein reizvolles Kunstwerk, nicht wahr?«, sagte der Audioguide, plötzlich wieder aktiv. »Es trägt den Titel Installation für Bilbao und wurde von der Konzeptkünstlerin Jenny Holzer geschaffen. Es besteht aus neun LED-Bändern, jeweils zwölf Meter hoch. Jedes dieser Bänder transportiert Zitate auf Baskisch, Spanisch und Englisch, die sich allesamt auf die Schrecken beziehen, die Aids heraufbeschworen hat, und den Schmerz, den die Hinterbliebenen der Aids-Opfer erlitten haben.«

Langdon musste einräumen, dass die Wirkung hypnotisch war und auf eigenartige Weise sein Inneres berührte.

»Vielleicht haben Sie früher schon Arbeiten von Jenny Holzer gesehen?«

Langdon blickte wie gebannt auf den nach oben scrollenden Text.

Ich vergrabe meinen Kopf … ich begrabe deinen Kopf … ich begrabe dich.

»Mr. Langdon?« Die Stimme im Innern seines Schädels wurde drängend. »Können Sie mich hören? Funktioniert Ihr Headset?«

Langdon schreckte aus seinen Gedanken. »Entschuldigung … was? Hallo?«

»Ja, hallo«, entgegnete die Stimme. »Ich glaube, wir haben uns bereits begrüßt. Ich wollte mich nur vergewissern, ob Sie mich hören.«

»Ich … es tut mir leid«, stammelte Langdon, drehte sich um und ließ den Blick durch das Atrium schweifen. »Ich dachte, du wärst eine Aufzeichnung. Mir war nicht bewusst, dass ich es mit einer lebenden Person zu tun habe.«

Er stellte sich eine lange Reihe von Kabinen vor, bemannt mit einer Armee von Kuratoren, bewaffnet mit Kopfhörern und Museumskatalogen.

»Nicht weiter schlimm, Sir. Ich bin heute Abend Ihr persönlicher Guide. Ihr Headset ist mit einem Mikrofon ausgestattet. Dieses Programm ist als interaktive Erfahrung ausgelegt. Sie können einen Dialog über Kunst mit mir führen.«

Erst jetzt sah Langdon, dass auch andere Gäste mit sich selbst zu reden schienen. Sogar diejenigen, die als Paare oder in der Gruppe gekommen waren, hatten sich mehrere Schritte voneinander entfernt und wechselten verwirrte Blicke, während sie mit ihren persönlichen Dozenten private Konversationen führten.

»Hat heute Abend jeder Gast seinen eigenen Museumsführer?«, fragte Langdon.

»So ist es, Sir. Heute Abend wird jeder der dreihundertachtzehn Gäste individuell betreut.«

»Also … das ist wirklich unglaublich!«

»Wie Sie wissen, Sir, ist Edmond Kirsch ein glühender Verehrer von Kunst und Technologie. Er hat dieses System eigens für Museen entwickelt, in der Hoffnung, Gruppenführungen zu ersetzen, von denen er persönlich rein gar nichts hält. Auf die von ihm erdachte Weise kann jeder Besucher seine ganz persönliche Führung genießen, das Tempo selbst bestimmen, mit dem er sich durch die Ausstellungsräume bewegt, und Fragen stellen, die er in einer Gruppe aus Verlegenheit oder aus welchen Gründen auch immer möglicherweise nicht stellen würde. Die Erfahrung eines Museumsbesuchs ist auf diese Weise viel intensiver und intimer.«

»Ich möchte ja nicht altmodisch erscheinen, aber weshalb wird nicht jeder Besucher von einer Person aus Fleisch und Blut herumgeführt?«

»Logistik«, erklang es aus dem Headset. »Private Guides bei einem Museumsevent würden die Zahl der im Museum anwesenden Personen verdoppeln und somit die Zahl möglicher Besucher zu jedem gegebenen Zeitpunkt halbieren. Und das babylonische Sprach- und Stimmengewirr, das entstehen würde, wenn alle Dozenten gleichzeitig ihre Vorträge hielten, wäre in höchstem Maße ablenkend. Hinter dem System von Mr. Kirsch steht der Gedanke, das Zwiegespräch mit dem Dozenten zu einer reinen und unverfälschten Erfahrung zu machen. Den zwischenmenschlichen Dialog zu fördern ist eines der großen Ziele aller Kunst, wie Mr. Kirsch zu sagen pflegt.«

»Das ist es ja gerade«, entgegnete Langdon. »Dieser zwischenmenschliche Dialog ist der Grund, weshalb viele Leute ein Museum zusammen mit einem Ehepartner, mit Freundin oder Freund besuchen. Diese Headsets könnte man ohne Weiteres als antisozial betrachten, findest du nicht?«

»Keineswegs«, erwiderte die Stimme in Langdons Kopf. »Wenn Sie mit einer Begleitung kommen, besteht die Möglichkeit, zwei Headsets dem gleichen Dozenten zuzuweisen und eine Gruppendiskussion zu genießen. Die Software ist sehr weit entwickelt.«

»Du scheinst auf alles eine Antwort zu haben.«

»Das ist mein Job, Professor.« Die Stimme lachte verlegen und wechselte das Thema. »Wenn Sie nun das Atrium durchqueren, Sir, und zu den Fenstern gehen, können Sie dort das größte Gemälde des Museums genießen.«

Als Langdon sich auf den Weg machte, kam er an einem attraktiven Paar vorbei, beide Mitte dreißig, beide mit weißen Baseballmützen im Partnerlook. Auf der Vorderseite der Mützen prangte statt eines Firmenlogos ein unerwartetes Emblem:

Es war ein Symbol, das Langdon sehr gut kannte, doch auf einer Mütze hatte er es noch nie gesehen. In den vergangenen Jahren war der durchstilisierte Buchstabe A zum weithin bekannten Zeichen für eine der am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppen des Planeten geworden, der Atheisten, die sich mit jedem Tag lauter gegen die Gefahren des religiösen Glaubens wandten – oder das, was sie dafür hielten.

Und jetzt haben sie ihre eigenen Baseballmützen? Wow!

Während Langdons Blick über die versammelten technikaffinen Genies glitt, rief er sich ins Gedächtnis, dass viele dieser jungen analytischen Geister mit hoher Wahrscheinlichkeit antireligiös eingestellt waren, genau wie Edmond. Das Publikum an diesem Abend war nicht gerade die Stammhörerschaft eines Professors für religiöse Symbologie.

KAPITEL 4

ConspiracyNet.com

BREAKING NEWS

Update: Um die »Top 10 Media News des Tages« auf ConspiracyNet aufzurufen, bitte hier klicken.

Außerdem erreicht uns soeben folgende brandaktuelle Information:

EDMOND KIRSCH PLANT ÜBERRASCHENDE BEKANNTMACHUNG

Zahlreiche Größen aus der Technik-Branche haben sich heute Abend in Bilbao, Spanien, eingefunden, um im Guggenheim-Museum an einer VIP-Veranstaltung des Futurologen Edmond Kirsch teilzunehmen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm. Nicht einmal den Gästen wurde verraten, was sie erwartet. Wie ConspiracyNet jedoch aus Insiderkreisen erfahren hat, wird Edmond Kirsch in Kürze eine Rede halten und seine Gäste mit einer bedeutenden wissenschaftlichen Entdeckung überraschen. ConspiracyNet bleibt an der Story dran. Weitere Informationen folgen, sobald sie uns vorliegen.

KAPITEL 5

Die größte Synagoge Europas steht in der Dohány-Straße in Budapest. Sie ist im maurischen Stil erbaut, mit schmuckvollen Zwillingstürmen. Der Innenraum bietet Sitzgelegenheiten für dreitausend Personen, jeweils zur Hälfte auf den Balkonen im ersten Stock, wo die Frauen Platz nehmen, und im Erdgeschoss, wo die Sitzbänke der Männer stehen.

Draußen im Garten befindet sich ein Massengrab mit den Leichen Hunderter ungarischer Juden, die während der Gräueljahre der nationalsozialistischen Besatzung ums Leben kamen. Diese Stelle ist bezeichnet durch einen Lebensbaum – eine Metallskulptur, die eine Trauerweide darstellt, auf deren Blättern die Namen der Opfer eingraviert sind. Bei Wind berühren die Blätter einander und erzeugen ein rasselndes Geräusch, das gespenstisch über den heiligen Boden weht.

Der bedeutende Talmud-Gelehrte und Kabbalist Rabbi Yehuda Köves – trotz seines fortgeschrittenen Alters und seiner angegriffenen Gesundheit noch immer aktives Mitglied der jüdischen Gemeinschaft weit über die Grenzen Ungarns hinaus – war seit mehr als drei Jahrzehnten das geistige Oberhaupt der Budapester Juden.

An diesem Abend kam Rabbi Köves aus der Synagoge, als gerade die Sonne am gegenüberliegenden Ufer der Donau versank. Vorbei an den malerischen »Ruinenkneipen« an der Dohány-Straße ging er zu seinem Haus am Marcius-Platz, einen Steinwurf entfernt von der Elisabethbrücke, welche die alten Städte Buda und Pest verband, die erst 1873 formell vereinigt worden waren.

Das Pessachfest stand bevor, für den Rabbi von jeher eine der schönsten und freudvollsten Zeiten im Jahreslauf, doch seit seiner Rückkehr vom letzten Parlament der Weltreligionen war er von quälender Unruhe erfüllt.

Wäre ich doch nie dort gewesen!

Der Gedanke an das, was ihm drei Tage zuvor auf dem außerordentlichen Zusammentreffen mit Bischof Valdespino, Al-‘Allāma Syed al-Fadl und dem Zukunftsforscher Edmond Kirsch eröffnet worden war, ließ den Rabbi nicht mehr los.

Zu Hause angekommen, ging Köves geradewegs in seinen ummauerten Garten und sperrte sein házikó auf – das kleine Gartenhaus, das als sein privates Refugium und Studierzimmer diente, ein einzelner Raum mit deckenhohen Bücherregalen, deren Böden sich unter der Last religiöser Schriften bogen.

Köves trat an seinen Schreibtisch und verzog das Gesicht beim Anblick des Durcheinanders, das sich ihm bot.

Hätte jemand diese Woche meinen Schreibtisch gesehen, hätte er mich für einen Verrückten gehalten.

Über die Arbeitsfläche verstreut lagen ein halbes Dutzend obskurer religiöser Texte, aufgeschlagen und vollgepappt mit Haftnotizen. Dahinter, auf Holzgestellen, drei schwere Folianten – hebräische, aramäische und englische Ausgaben der Thora, alle drei aufgeschlagen beim gleichen Buch.

Genesis.

Am Anfang …

Köves konnte die Genesis in allen drei Sprachen aus dem Gedächtnis zitieren. Für einen Gelehrten seines Kalibers war das Studium der Schöpfungsgeschichte etwa so, als würde Einstein zum kleinen Einmaleins zurückkehren. Normalerweise las Köves hochgelehrte Kommentare über den Zohar, die bedeutendste Schrift der Kabbala, oder fortgeschrittene kabbalistische Theorien auf dem Gebiet der Kosmologie. Nichtsdestotrotz hatte er sich in dieser Woche eingehend mit der Genesis beschäftigt. Der Notizblock auf seinem Schreibtisch war von einem Chaos aus handgekritzelten Notizen übersät – ein so wirres Durcheinander, dass Köves selbst kaum noch erkennen konnte, was er geschrieben hatte.

Als hätte ich mich in einen Wahnsinnigen verwandelt.

Rabbi Köves hatte mit der Thora angefangen, der hebräischen Bibel, und sich auf die Geschichte der Genesis konzentriert, die für Juden und Christen gleichermaßen Gültigkeit besaß. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Als Nächstes hatte der Rabbi sich den instruktiven Texten des Talmuds zugewandt und die rabbinischen Erläuterungen über Ma’aseh Bereschit gelesen, den Schöpfungsakt. Anschließend war er zum Midrasch gewechselt und hatte über den Kommentaren zahlreicher ehrwürdiger Exegeten gebrütet, die sich bemüht hatten, die vermeintlichen Widersprüche in der traditionellen Schöpfungsgeschichte aufzuklären. Und schließlich hatte Köves sich in der mystischen kabbalistischen Wissenschaft des Zohar versenkt, in welcher der unbegreifliche Gott sich in Gestalt von zehn Sephiroth manifestierte, den zehn göttlichen Erscheinungsformen, erblühend aus dem Baum des Lebens oder Ez Chajim, aus dem wiederum sich die vier Welten der Kabbala entfalten, die Welt der Tat, der Erhabenheit, der Schöpfung und der Formgebung.

Die geheimnisvolle Komplexität der Glaubenssätze, die den Judaismus ausmachten, war Köves stets ein Trost gewesen – eine ständige Mahnung Gottes, dass die Menschheit nicht geschaffen worden war, um alle Dinge zu begreifen.

Dennoch. Nach dem schockierenden Erlebnis von Kirschs Präsentation und intensivem Nachsinnen über die Schlichtheit und Klarheit dessen, was Kirsch entdeckt hatte, fühlte sich Köves, als hätte er sich in den letzten drei Tagen über ein Wirrwarr unauflöslicher Widersprüche das Hirn zermartert. Irgendwann hatte er nicht mehr anders gekonnt, als seine alten Texte und Schriften zur Seite zu schieben und einen langen Spaziergang am Ufer der Donau zu unternehmen, um den Kopf frei zu bekommen.

Schließlich aber hatte er mehr und mehr die schmerzliche Wahrheit akzeptiert, dass Kirschs Entdeckung verheerende Auswirkungen auf die Gläubigen dieser Welt haben würde. Die Enthüllungen des Wissenschaftlers widerlegten jenseits aller Zweifel fast sämtliche religiösen Dogmen – auf bestürzend einfache und überzeugende Weise.

Ich kann dieses letzte Bild nicht vergessen, dachte Köves, als er sich einmal mehr Kirschs erschütternde Schlussfolgerung während seiner Präsentation ins Gedächtnis rief. Was ich da gesehen habe, hat schreckliche Folgen nicht nur für die Gläubigen, sondern für alle menschlichen Wesen.

Trotz seiner Betrachtungen im Lauf der vergangenen Tage war Köves noch keinen Schritt weiter bei seiner Suche nach der Antwort auf die Frage, was mit der unfassbaren Information anzufangen war, die Kirsch geliefert hatte.

Köves bezweifelte, dass Valdespino oder al-Fadl sich inzwischen Klarheit darüber verschafft hatten. Er hatte erst vor zwei Tagen mit den beiden telefoniert, aber ihr Gespräch hatte sich als wenig produktiv erwiesen.

»Meine Freunde«, hatte Valdespino begonnen. »Es ist nicht zu bestreiten, dass Mr.  Kirschs Präsentation in vielerlei Hinsicht erschütternd war. Ich habe ihn gedrängt, mich noch einmal aufzusuchen, damit wir die Diskussion vertiefen können, aber er meldet sich nicht. Ich glaube, die Zeit ist gekommen, dass wir eine Entscheidung treffen.«

»Was mich angeht«, sagte al-Fadl, »ich habe meinen Entschluss bereits gefasst. Wir können nicht tatenlos dasitzen und zuschauen. Wir müssen das Heft selbst in die Hand nehmen. Kirschs Verachtung für sämtliche Religionen ist nur zu gut bekannt, und er wird seine Entdeckung auf eine Weise unter die Menschen bringen, dass sie dem Glauben den größtmöglichen Schaden zufügt. Deshalb müssen wir selbst diese Entdeckung veröffentlichen, und zwar sofort. Dabei müssen wir sie ins richtige Licht rücken, um sie den Gläubigen überall auf der Welt so schonend wie möglich beizubringen und den Schock zu mildern.«

»Ja, es wäre anzuraten, dass wir selbst die Sache in die Hand nehmen«, meinte Valdespino. »Nur vermag ich mir nicht vorzustellen, wie man ein solches Wissen auf schonende Weise vermitteln könnte.« Er seufzte. »Außerdem ist da noch die Frage unseres Eides gegenüber Mr.  Kirsch, die Angelegenheit geheim zu halten.«

»Zugegeben«, sagte al-Fadl. »Auch mir gefällt der Gedanke nicht, unseren Schwur zu brechen, aber ich glaube, wir müssen in diesem Fall das kleinere Übel wählen und zum Wohle aller handeln. Denn wir alle werden angegriffen, ohne Unterschied – ob Muslime, Christen, Juden oder Hindus. Und da sämtliche Religionen in den fundamentalen Wahrheiten übereinstimmen, ist es unsere Pflicht, Kirschs Material so behutsam an die Öffentlichkeit zu bringen, dass es den geringstmöglichen Schaden verursacht.«

»Ich fürchte, das ist unmöglich«, sagte Valdespino. »Wenn wir tatsächlich mit Kirschs Material an die Öffentlichkeit gehen, gibt es nur eine Option: Wir müssen seine Entdeckung in Zweifel ziehen. Wir müssen Kirsch diskreditieren, bevor er mit seiner Botschaft vor die Welt treten kann.«

»Edmond Kirsch diskreditieren?«, zweifelte al-Fadl. »Einen brillanten Wissenschaftler unglaubwürdig machen, der sich bekanntermaßen noch nie geirrt hat? Das ist absurd! Die Logik seiner Darlegungen war zwingend!«

»Bestimmt nicht zwingender als die Darlegungen eines Galileo, Bruno oder Kopernikus zu ihrer jeweiligen Zeit«, meinte Valdespino. »In der Vergangenheit haben die großen Religionen mehrmals in einem solchen Dilemma gesteckt. Und wieder ist es die Wissenschaft, die gegen die Mauern unserer Festung anrennt.«

»Aber auf einer weit fundamentaleren Ebene, als es bei den astronomischen und physikalischen Entdeckungen jemals der Fall gewesen ist!«, rief al-Fadl aus. »Kirsch stellt den Kern jeder Religion infrage – das Fundament von allem, woran wir glauben. Sie können die Geschichte zitieren, so viel Sie wollen, Valdespino, aber vergessen Sie nicht: Trotz aller Bemühungen Ihres Vatikans, Männer wie Galileo zum Schweigen zu bringen, hat seine Wissenschaft letztendlich den Sieg davongetragen. Bei Kirsch wird es genauso sein. Und es gibt keine Möglichkeit, das zu verhindern.«

Lastende Stille breitete sich aus.

»Nun, mein Standpunkt in dieser Sache ist ganz einfach«, sagte Valdespino schließlich in das Schweigen hinein. »Ich wünschte, Kirsch hätte diese Entdeckung niemals gemacht, denn wir sind nicht darauf vorbereitet, damit umzugehen. Deshalb sollte niemals ans Tageslicht kommen, was Kirsch herausgefunden hat.« Er zögerte kurz. »Auf der anderen Seite bin ich überzeugt, dass alles, was sich auf der Welt ereignet, zu Gottes Plan gehört. Vielleicht wird der Herr, wenn wir zu ihm beten, zu Kirsch reden und ihn dazu bringen, seine Entscheidung zu überdenken und letztlich doch nicht an die Öffentlichkeit zu gehen.«

Al-Fadl schnaubte hörbar. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kirsch zu den Männern zählt, die Gottes Stimme hören können.«

»Mag sein«, sagte Valdespino. »Aber Wunder gibt es jeden Tag.«

»Bei allem Respekt vor Ihrem Wunderglauben«, gab al-Fadl hitzig zurück, »Sie sollten lieber beten, dass Gott Mr.  Kirsch tot umfallen lässt.«

»Meine Herren!«, versuchte Köves die Wogen zu glätten. »Wir dürfen unsere Entscheidung nicht überstürzen. Es besteht keine Notwendigkeit, dass wir noch heute Abend zu einer Einigung gelangen. Mr.  Kirsch hat erklärt, er werde noch einen Monat mit der Veröffentlichung warten. Darf ich vorschlagen, dass jeder von uns im Stillen über diese Angelegenheit sinniert? In ein paar Tagen setzen wir unser Gespräch fort. Vielleicht hilft uns Kontemplation, einen Weg aus dem Dilemma zu finden.«

»Ein kluger Rat«, meinte Valdespino.

»Wir sollten aber nicht zu lange warten«, warnte al-Fadl. »Ich schlage vor, wir setzen uns in zwei Tagen noch einmal telefonisch in Verbindung.«

»Einverstanden«, sagte Valdespino. »Und dann treffen wir die endgültige Entscheidung.«

Dieses Gespräch hatte vor zwei Tagen stattgefunden. Nun war der Abend der neuerlichen Telefonkonferenz gekommen.

Köves saß allein in seinem házikó, von wachsender Unruhe erfüllt. Der für den Abend geplante Anruf war seit zehn Minuten überfällig.

Endlich klingelte das Telefon. Köves riss das Mobilteil aus der Ladestation.

»Ich grüße Sie, Rabbi Köves«, meldete sich Bischof Valdespino. Er klang seltsam bedrückt. »Bitte entschuldigen Sie die Verspätung, aber …« Er zögerte. »Ich fürchte, Al-‘Allāma al-Fadl wird nicht an unserer Konferenz teilnehmen.«

»Wieso nicht?«, fragte Köves verwirrt. »Es ist doch alles in Ordnung?«

»Das weiß ich eben nicht. Ich habe den ganzen Tag versucht, ihn zu erreichen, aber der Al-‘Allāma ist allem Anschein nach spurlos verschwunden. Keiner seiner Kollegen konnte mir sagen, wo er ist.«

Köves spürte, wie ihn ein Frösteln überlief. »Das ist äußerst beunruhigend.«

»Allerdings. Ich hoffe nur, ihm ist nichts passiert.«

»Das hoffe ich auch.«

»Leider habe ich weitere schlechte Nachrichten.« Der Bischof stockte kurz; dann fuhr er fort, wobei seine Stimme noch bedrückter klang als zuvor: »Ich habe soeben erfahren, dass Edmond Kirsch für heute Abend eine Veranstaltung organisiert hat, um seine Entdeckung der ganzen Welt zu offenbaren.«

»Heute Abend schon?«, rief Köves fassungslos. »Er hatte doch gesagt, in einem Monat!«

»Ja«, sagte Valdespino. »Er hat gelogen.«

KAPITEL 6

Winstons beschwingte Stimme hallte durch Langdons Kopf. »Direkt vor Ihnen, Professor, befindet sich das größte Gemälde unserer Ausstellung, auch wenn die meisten Besucher es im ersten Moment nicht sehen können.«

Langdon blickte zur anderen Seite des Atriums, entdeckte aber nur eine Wand aus Glas, hinter der die Lagune schimmerte. »Ich fürchte, mir geht es genauso. Ich sehe auch kein Gemälde.«

»Es ist ja auch auf ziemlich unkonventionelle Weise ausgestellt.« Winston lachte. »Es hängt nicht an der Wand, es liegt auf dem Boden.«

Hätte ich mir denken können. Langdon ging weiter, den Blick auf die Steinplatten gerichtet, bis er die riesige Leinwand zu seinen Füßen entdeckte.

Das überdimensionale Bild zeigte nur eine einzige Farbe, ein leuchtendes Blau. Andere Gäste standen um das Gemälde herum und blickten auf die weite blaue Fläche hinunter, als stünden sie am Ufer eines Teichs.

»Das Gemälde misst fünfhundertfünfzig Quadratmeter«, erklärte Winston.

Zehnmal so groß wie Langdons erstes Apartment in Cambridge.

»Es ist von Yves Klein«, fuhr Winston fort, »und unter dem liebevollen Namen The Swimming Pool bekannt geworden.«

Langdon musste zugeben, dass die faszinierende Tiefe des Blautons den Eindruck vermittelte, als könnte man direkt in die Leinwand eintauchen.

»Klein hat diese Farbe eigens entwickelt«, erläuterte Winston. »Sie nennt sich International Klein Blue, kurz IKB. Nach Aussage des Künstlers beschwört ihre Tiefgründigkeit die stofflose Grenzenlosigkeit seiner eigenen utopischen Sicht auf die Welt.«

Langdon hatte das Gefühl, als würde Winston von einem Skript ablesen.

»Klein ist weithin bekannt für seine blauen Gemälde, aber auch für ein kunstvolles Trickfoto, Sprung in die Leere, das bei seiner Veröffentlichung im Jahr 1960 für einige Aufregung gesorgt hat.«

Langdon hatte Sprung in die Leere im MoMA gesehen, dem Museum of Modern Art in New York. Das Bild war bestürzend, zeigte es doch einen gut gekleideten Mann bei einem Kopfsprung von einer hohen Mauer – direkt auf das Straßenpflaster. In Wirklichkeit handelte es sich um eine Fotomontage, clever ausgedacht und teuflisch geschickt mit einer Rasierklinge zurechtgeschnitten, lange vor den Zeiten von Photoshop und digitalen Freistelltechniken.

»Außerdem hat Klein ein Orchesterwerk komponiert«, fuhr Winston fort. »Es nennt sich ›Symphonie monoton-silence‹. Ein Orchester spielt volle zwanzig Minuten lang einen einzelnen D-Dur-Akkord.«

»Und das hört sich jemand an?«

»Tausende. Dieser eine Akkord bildet allerdings nur den ersten Satz. Im zweiten Satz sitzt das Orchester einfach nur da, zwanzig Minuten lang, mucksmäuschenstill, und gibt völlige Stille von sich.«

»Du machst Witze, nicht wahr?«

»Nein, Sir, keineswegs. Zur Ehrenrettung der Zuhörer muss ich allerdings sagen, dass die Aufführung wohl doch nicht so langweilig war, wie man meinen könnte, denn auf der Bühne gab es drei nackte Frauen, in blaue Farbe eingetaucht, die sich auf großen Leinwänden hin und her rollten.«

Obwohl Langdon den größten Teil seiner Karriere dem Studium der Kunst gewidmet hatte, bedauerte er es manchmal, dass es ihm nie gelungen war, die avantgardistischeren Kunstrichtungen gebührend zu würdigen. Die Anziehungskraft moderner Kunst war und blieb ihm ein Rätsel.

»Ich möchte nicht respektlos erscheinen, Winston, aber für mich ist oft schwer zu entscheiden, wann etwas moderne Kunst ist und wann es sich schlicht und ergreifend um Unsinn handelt.«

Winstons Antwort war todernst. »In der Tat, diese Frage stellt sich häufig. In der von Ihnen bevorzugten Welt der klassischen Kunst werden Werke des großen künstlerischen Geschicks wegen bewundert – die akkurate Pinselführung des Malers oder die Fertigkeit des Bildhauers beim Umgang mit Hammer und Meißel. In der modernen Kunst hingegen geht es bei Meisterwerken häufig mehr um die Idee als um die Ausführung. Jeder könnte eine vierzigminütige Sinfonie komponieren, die aus nichts als einem einzigen Akkord und Stille besteht, aber es war Yves Klein, der diesen Einfall hatte.«

»Zugegeben.«

»Auch die Nebelskulptur draußen vor dem Museum ist ein Beispiel für konzeptionelle Kunst. Die Künstlerin hatte die Idee, unter der Brücke, die Sie gesehen haben, perforierte Rohre zu befestigen und Nebel auf die Lagune zu blasen. Die Umsetzung dieser Idee wurde dann von einheimischen Klempnern vorgenommen.« Winston hielt kurz inne. »Wobei ich der Künstlerin gute Noten geben muss dafür, dass sie ihr nebelhaftes Medium als Code benutzt.«

»Nebel? Als Code?«

»In der Tat. Ein verschlüsselter Tribut an den Architekten dieses Museums.«

»Frank Gehry?«

»Frank O. Gehry«, verbesserte Winston. »Fog, was auf Englisch bekanntlich Nebel heißt.«

»Sehr einfallsreich«, entgegnete Landon und ging zu den Fenstern.

»Von dort haben Sie einen hübschen Blick auf die Spinne«, erklang wieder Winstons Stimme in seinem Kopf. »Haben Sie Maman auf dem Weg nach drinnen gesehen?«

Langdon schaute über die Lagune hinweg zu der hoch aufragenden Spinnenskulptur auf der Plaza. »Ja. Sie ist kaum zu verfehlen.«

»An Ihrem Tonfall merke ich, dass Sie kein Fan von ihr sind.«

»Ich versuche es«, entgegnete Langdon. »Als Anhänger eines eher konventionellen Kunstverständnisses fühle ich mich hier ein wenig wie ein Fisch auf dem Trockenen.«

»Interessant«, sagte Winston. »Ich hätte gedacht, dass gerade Sie Maman am ehesten zu schätzen wüssten. Im Hinblick auf die Körperstrukturen ist sie ein perfektes Beispiel für die klassische Idee der Juxtaposition. Vielleicht möchten Sie Maman ja an der Universität vorführen, wenn Sie Ihre nächste Vorlesung über dieses Konzept halten.«

Langdon betrachtete die Spinne, ohne eine anatomisch enge Nachbarschaft irgendwelcher Körperteile zu erkennen. »Ich glaube, ich bleibe bei meinem David

»Selbstverständlich. Michelangelo ist sozusagen der Goldstandard«, pflichtete Winston ihm leise lachend bei. »Wie genial er den David in diesen feminin anmutenden Kontrapost gebracht hat, mit der schlaffen Schleuder über der Schulter – schon das allein erzeugt eine Aura femininer Verletzlichkeit. Und doch spricht aus seinen Augen eine kompromisslose Entschlossenheit, und seine Muskeln und Sehnen treten deutlich hervor und unterstreichen seinen unbedingten Willen, Goliath zu besiegen. David wirkt todbringend und verletzlich zugleich.«

Langdon war beeindruckt von dieser Beschreibung. Die meisten seiner Studenten jedenfalls hatten kein derart klares Verständnis von Michelangelos Meisterwerk.

»Maman unterscheidet sich nicht gar so sehr von David«, fuhr Winston fort. »Man könnte beide als Sinnbilder gegensätzlicher archetypischer Prinzipien interpretieren.«

Langdon lachte auf. »Nun übertreib mal nicht.«

»Wieso? In der Natur ist die Schwarze Witwe eine furchterregende Kreatur – ein Räuber, der seine Opfer im Netz fängt und tötet. Doch obwohl sie so tödlich ist, wird sie mit einem vollen Eiersack dargestellt, bereit, Leben zu geben, was sie zur Erzeugerin und Zerstörerin zugleich macht. Kraft und Zerbrechlichkeit in einem – so, wie David Tödlichkeit und Verletzlichkeit verkörpert. Maman könnte von daher als moderner David betrachtet werden, wenn Sie so wollen.«

»Will ich aber nicht«, widersprach Langdon. »Allerdings gestehe ich, dass mir deine Interpretation, so gewagt sie auch sein mag, Futter zum Nachdenken gibt.«

»Fein. Dann möchte ich Ihnen eine letzte Arbeit zeigen. Rein zufällig ein Original von Edmond Kirsch.«

»Was du nicht sagst! Ich wusste gar nicht, dass Edmond selbst ein Künstler ist.«

Winston kicherte. »Das Urteil darüber überlasse ich Ihnen.«

Langdon ließ sich von der Stimme in seinem Kopf an den Fenstern vorbei zu einem geräumigen Alkoven führen, wo sich eine Gruppe von Besuchern vor einer großen Platte aus getrocknetem Lehm versammelt hatte. Sie hing an der Wand und erinnerte Langdon auf den ersten Blick an eine Sandsteinplatte voller Fossilien, im Gestein zusammengebacken über Jahrmillionen hinweg. Der getrocknete Lehmbrocken jedoch enthielt keine Fossilien. Stattdessen zeigte er primitive Zeichnungen ähnlich denen, die ein Kind mit einem Stock in nassen Beton kratzen würde.

Die Betrachter wirkten wenig angetan.

»Das hat Edmond gemacht?«, murmelte eine in Nerz gehüllte Dame mit aufgespritzten Botox-Lippen. »Ich verstehe nicht, was das soll.«

Der Lehrer in Langdon konnte nicht widerstehen. »Oh, es ist sehr durchdacht«, erklärte er. »Bis jetzt ist es sogar mein Lieblingsobjekt in diesem Museum.«

Die Frau drehte sich zu ihm um und musterte ihn von oben bis unten. »Ach, wirklich? Dann erläutern Sie mir doch bitte dieses Kunstwerk.«

Mit dem größten Vergnügen. Langdon trat vor die primitiven Zeichnungen, die in die Lehmoberfläche gedrückt worden waren.

»Nun, als Erstes hat Edmond dieses Stück in Lehm als Hommage an die früheste Schriftsprache der Menschheit betitelt: Keilschrift.«

Die Frau blinzelte verwirrt.

»Die drei tief eingedrückten Zeichen in der Mitte«, fuhr Langdon fort, »stehen für das Wort ›Fisch‹ auf Assyrisch. So etwas nennt man Piktogramm. Wenn Sie Ihre Fantasie ein wenig bemühen, erkennen Sie einen Fisch, der mit offenem Maul nach rechts schwimmt, sowie die dreieckigen Schuppen auf seiner Haut.«

Die Besucher betrachteten das Lehmbild mit neu erwachtem Interesse und schief gelegtem Kopf.

»Und hier«, fuhr Langdon fort und deutete auf eine Reihe von Vertiefungen links von dem Fisch, »sehen Sie Fußspuren im Lehm. Sie versinnbildlichen den evolutionären Schritt des Lebens vom Wasser auf das Land.«

Mehrere Umstehende nickten anerkennend.

»Und schließlich dieses unregelmäßige Sternchen ganz rechts – das Symbol, das der Fisch anscheinend verschlingen will«, erläuterte Langdon. »Es ist eines der ältesten Symbole der Menschheit für Gott.«

Mrs.  Botox musterte ihn stirnrunzelnd. »Ein Fisch, der Gott frisst?«

»So sieht es aus. Es ist eine verspielte Version des Darwin-Fisches: Die Evolution frisst die Religion.« Langdon zuckte die Schultern. »Wie ich bereits sagte, sehr durchdacht.«

Als er davonging, konnte er die Menge hinter sich murmeln hören. Winston lachte. »Sehr amüsant, Professor. Edmond hätte sich über Ihren improvisierten Vortrag sehr gefreut. Nicht viele Menschen sind imstande, dieses Werk zu entziffern.«

»Nun ja«, sagte Langdon. »Genau genommen ist das mein Beruf, nicht wahr?«

»Ja. Und ich verstehe jetzt, warum Mr.  Kirsch mich aufgefordert hat, Sie als besonderen Gast zu behandeln. Er hat mich sogar gebeten, Ihnen etwas zu zeigen, das keiner der anderen Gäste heute Nacht zu sehen bekommt.«

»Ach wirklich? Und was?«

»Sehen Sie rechts von den Fenstern den Gang mit der Absperrung davor?«

Langdon blickte in die angegebene Richtung. »Ja, sehe ich.«

»Gut. Dann halten Sie sich jetzt bitte an meine Anweisungen.«

Ein wenig unsicher befolgte Langdon Winstons Schritt-für-Schritt-Instruktionen. Er ging zu der Absperrung, blickte sich suchend um, ob jemand ihn beobachtete, drückte sich diskret hinter den Pfosten hindurch und schlüpfte in den Gang, sodass er aus dem Blickfeld verschwand.

Nachdem er die Menge im Atrium hinter sich gelassen hatte, ging er ein Dutzend Schritte weiter bis zu einer Tür mit einem numerischen Tastenfeld.

»Tippen Sie die folgenden sechs Ziffern ein«, sagte Winston und nannte die Kombination.

Langdon tippte den Code ein. Das Schloss klickte vernehmlich.

»Gut, Professor. Bitte treten Sie ein.«

Langdon verharrte einen Moment, unsicher, was ihn erwartete. Dann gab er sich einen Ruck und drückte die Tür auf. Der Raum dahinter lag in nahezu völliger Dunkelheit.

»Ich mache das Licht für Sie an. Schließen Sie bitte die Tür hinter sich.«

Langdon schob sich vorsichtig weiter nach vorn, wobei er angestrengt in die Dunkelheit spähte. Das Schloss klickte, als er die Tür hinter sich zudrückte.

Nach und nach erstrahlte weiches Licht und gab den Blick frei auf einen der größten Säle, die Langdon je gesehen hatte, so gigantisch wie ein Hangar für eine ganze Flotte von Jumbo-Jets.

»Dreitausendzweihundert Quadratmeter«, sagte Winston in Langdons Kopf.

Der Saal ließ das Atrium geradezu winzig erscheinen.

Als das Licht immer intensiver wurde, erblickte Langdon eine Ansammlung wuchtiger, hausgroßer Umrisse auf dem Steinboden – sieben oder acht gedrungene Silhouetten, wie Dinosaurier auf einer Weide.

»Was ist das denn, um Himmels willen?«, fragte er entgeistert.

»Professor, darf ich Ihnen The Matter of Time vorstellen? Mit mehr als vierhundertfünfzig Tonnen ist es das schwerste Objekt im Museum.«

Langdon hatte immer noch Mühe, sich zurechtzufinden. »Und warum bin ich alleine in diesem Saal?«

»Wie ich bereits sagte, Mr.  Kirsch hat mich gebeten, Ihnen diese erstaunlichen Objekte zu zeigen.«

Die Leuchtkraft hatte nun das Maximum erreicht. Der Saal wurde von weichem Licht durchflutet.

Sprachlos blickte Langdon auf die Szenerie, die sich ihm darbot.

Großer Gott, ich bin in einem Paralleluniversum!

KAPITEL 7

Almirante Luis Ávila erreichte die Sicherheitskontrolle des Museums und warf einen Blick auf die Uhr, um sich zu vergewissern, dass er im Zeitplan lag.

Perfekt.

Ávila legte den Angestellten mit der Gästeliste sein Documento Nacional de Identidad vor, den Personalausweis. Für einen Moment ging sein Puls schneller, als sie seinen Namen nicht auf der Liste entdecken konnten. Dann aber fanden sie ihn – ganz unten, hinzugefügt in letzter Minute. Ávila durfte eintreten.

Genau wie der Regent mir versichert hat, ging es ihm durch den Kopf.

Wie er das fertiggebracht hatte, vermochte Ávila nicht zu sagen: Die Gästeliste an diesem Abend war angeblich vollkommen »wasserdicht«.

Er setzte seinen Weg zum Metalldetektor fort, wo er sein Mobiltelefon auf den Tisch legte, ehe er mit äußerster Vorsicht einen außergewöhnlich schweren Rosenkranz aus der Jackentasche zog und über das Handy legte.

Vorsichtig, ermahnte er sich. Ganz vorsichtig.

Der Sicherheitsmann winkte ihn durch den Metalldetektor und trug die Schale mit den persönlichen Gegenständen außen herum zur anderen Seite.

»Qué rosario tan bonito«, sagte der Mann bewundernd beim Anblick des metallenen Rosenkranzes, der aus einer dicken Perlenkette mit einem massiven, abgerundeten Kreuz bestand.

»Gracias«, bedankte sich Ávila. Ich habe ihn selbst entworfen.

Er durchquerte den Detektor ohne Zwischenfall. Auf der anderen Seite nahm er sein Handy und den Rosenkranz wieder an sich und verstaute beides vorsichtig in den Taschen, bevor er seinen Weg zu einer zweiten Kontrolle fortsetzte, wo man ihm ein ungewöhnliches Audio-Headset reichte.

Ich brauche keinen Audioguide. Ich bin hier, um zu arbeiten.

Als er das Atrium durchquerte, ließ er das Headset diskret in einen Mülleimer fallen.

Das Herz schlug Ávila bis zum Hals, als er nach einer Stelle Ausschau hielt, an der er ungestört sein würde. Er musste den Regenten kontaktieren und ihn wissen lassen, dass er ohne Probleme ins Museum gelangt war.

Für Gott, Vaterland und König, dachte er. Vor allem für Gott.

_________

In einem der abgelegensten Winkel der im Mondlicht schimmernden Wüste von Dubai kroch in genau diesem Augenblick der ehrwürdige, achtundsiebzigjährige Al-‘Allāma Syed al-Fadl mit letzter Kraft durch den tiefen Sand.

Al-Fadls Haut war verbrannt und von Blasen übersät und seine Kehle so rau, dass er kaum noch Luft bekam. Der heulende Wind, der den körnigen Sand vor sich herpeitschte, hatte ihn bereits vor Stunden geblendet, doch er quälte sich immer noch voran. Einmal glaubte er, das ferne Brummen von Wüstenbuggys zu hören, doch es war vermutlich nur das Orgeln des Windes. Al-Fadls Zuversicht, dass Gott ihn retten würde, war längst tiefer Resignation gewichen. Die Geier kreisten nicht mehr über ihm; sie hüpften neben ihm her.

Der große Spanier, der al-Fadl in der vergangenen Nacht in dessen eigenem Wagen entführt hatte, hatte kaum ein Wort gesprochen, als er immer tiefer in die Wüste vorgedrungen war. Nach einer Stunde Fahrt hatte er angehalten, al-Fadl aus dem Wagen geworfen und ohne Wasser und Nahrung in der Dunkelheit zurückgelassen.

Al-Fadls Entführer hatte weder seine Identität offenbart, noch hatte er eine Erklärung für sein Tun geliefert. Der einzige Hinweis war ein seltsames Emblem in der rechten Handfläche des Spaniers gewesen – ein Symbol, das al-Fadl nicht kannte.

Stundenlang hatte der alte Mann sich mühsam durch den Sand geschleppt und mit brüchiger Stimme vergeblich um Hilfe gerufen. Irgendwann war er entkräftet und nahezu völlig ausgetrocknet in den erstickenden Sand gesunken. Er hatte gespürt, wie sein Herz nach und nach aufgab, während er sich eine allerletzte Frage stellte – die gleiche Frage, die ihm seit Stunden immer wieder durch den Kopf gegangen war.

Wer will meinen Tod?

Erschreckenderweise fand er darauf nur eine einzige schlüssige Antwort.

KAPITEL 8

Robert Langdons Blick schweifte von einem der kolossalen Exponate zum nächsten. Jedes Stück war ein riesiges Blech aus angerostetem Stahl, schwungvoll gebogen und behutsam auf die Kante gestellt, sodass es eine gewölbte, freistehende Wand bildete. Die stählernen Ungetüme waren fast fünf Meter hoch und besaßen verschiedene fließende Formen. Es gab ein welliges Band, einen offenen Kreis, eine weite Spirale.

»The Matter of Time«, wiederholte Winston. »Der Stoff der Zeit von Richard Serra. Da die Wände nicht abgestützt sind, entsteht angesichts des tonnenschweren Materials die Illusion von Instabilität, nicht wahr? In Wirklichkeit sind diese Wände extrem standfest. Wenn Sie sich eine Dollarnote vorstellen, die Sie um einen Stift wickeln, bleibt sie von allein stehen, sobald Sie den Stift wegziehen, gestützt durch ihre eigene Geometrie.«

Langdon verharrte vor dem riesigen Ring aus Metall. Das Material war oxidiert und schimmerte in einem braunen Kupferton, der eine beinahe organische Beschaffenheit zu besitzen schien. Alle sieben Objekte strahlten ungeheure Wucht und Schwere aus, vermittelten zugleich aber den Eindruck eines empfindlichen, exakt ausgewogenen Gleichgewichts.

»Ihnen ist sicher aufgefallen, Professor, dass die erste Figur nicht ganz geschlossen ist.«

Langdon umrundete das Gebilde und stellte fest, dass die Enden der Wand sich nicht ganz trafen – als hätte ein Kind versucht, einen Kreis zu malen, und sich beim Schließen dieses Kreises knapp verschätzt.

»Die schräge Lücke bildet einen Durchgang ins Innere, der den Besucher einlädt, den negativen Raum darin zu erkunden.«

Es sei denn, dieser Besucher leidet an Klaustrophobie, dachte Langdon und ging rasch weiter.

»Ich darf Ihre Aufmerksamkeit nun auf die drei wellenförmigen Bänder aus Stahl lenken. Wie Sie sehen, stehen sie in paralleler Anordnung und so nahe beieinander, dass sie zwei geschwungene Gänge von mehr als dreißig Metern Länge bilden. Dieses Werk heißt The Snake. Besonders unsere jungen Besucher haben ihren Spaß daran, durch das Objekt hindurchzurennen. Und noch etwas ist interessant: Zwei Personen, die an entgegengesetzten Enden des Objekts stehen, können sich im Flüsterton unterhalten. Es hört sich für sie an, als stünden sie einander direkt gegenüber.«

»Sehr bemerkenswert, Winston. Aber würdest du mir bitte verraten, warum Edmond so daran gelegen ist, dass du mir diese Objekte zeigst?« Schließlich weiß er, dass ich mit dieser Art von Kunst nicht viel anfangen kann.

»Darauf komme ich gleich. Das Objekt, auf das ich Ihre besondere Aufmerksamkeit lenken soll, Professor, heißt Torqued Spiral. Es steht ganz hinten in der rechten Ecke. Sehen Sie es?«

Langdon blinzelte. Das Ding, das aussieht, als wäre es einen halben Kilometer weit weg? »Ja, ich sehe es.«

»Wunderbar. Lassen Sie uns dort hingehen, Sir.«

Langdon ließ den Blick nervös in die Runde schweifen. Dann setzte er sich in Bewegung, während Winston weiter dozierte.

»Ich habe gehört, Professor, dass Edmond Kirsch ein glühender Verehrer Ihrer Forschungen ist – insbesondere Ihrer Einsichten über die Entwicklung und das Zusammenspiel der unterschiedlichen religiösen Traditionen durch die Geschichte hindurch, und wie sie sich in der Kunst widerspiegeln. Edmonds Fachgebiete, die Spieltheorie und die computergestützte Prognose, sind ganz ähnlich – er analysiert die Entwicklung verschiedener Systeme und macht Vorhersagen, wie sie sich mit der Zeit verändern werden.«

»Und er ist offensichtlich ein Könner auf diesem Gebiet. Man nennt ihn nicht umsonst den modernen Nostradamus.«

»Das trifft zu, auch wenn der Vergleich an eine Beleidigung grenzt, wenn Sie mich fragen.«

»Wie kommst du darauf? Nostradamus war der bedeutendste Wahrsager aller Zeiten.«

»Ich möchte Ihnen nicht widersprechen, Professor, aber Nostradamus hat nahezu eintausend verschwommen formulierte Vierzeiler verfasst, die im Lauf von vier Jahrhunderten vor allem deshalb so bekannt geworden sind, weil abergläubische Menschen auf mehr oder weniger fantasievolle Weise versucht haben, in diesen Versen eine Bedeutung zu finden, wo es keine gibt. Dabei geht es um alles Mögliche, angefangen mit dem Zweiten Weltkrieg über den Tod von Prinzessin Diana bis hin zum Terroranschlag auf das World Trade Center. Es ist völlig absurd. Edmond hingegen hat eine beschränkte Anzahl äußerst präziser Vorhersagen publiziert, die sich innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne als zutreffend erwiesen haben – angefangen bei Cloud Computing, fahrerlosen Autos und einem Prozessor, der aus lediglich fünf Atomen besteht. Mr.  Kirsch ist kein Nostradamus.«

Okay, Winston, ich nehme alles zurück. Langdon wusste, dass man von Kirsch behauptete, er wecke leidenschaftliche Loyalität bei denen, die mit ihm arbeiteten. Offenbar gehörte Winston zu seinen glühendsten Verehrern.

»Gefällt Ihnen meine Führung bisher, Professor?«, wechselte Winston unvermittelt das Thema.

»Ausgesprochen gut. Hut ab vor Edmond, dass er diese Technologie so perfektioniert hat.«

»Ja, dieses System war viele Jahre lang ein Traum von ihm. Er hat unglaublich viel Zeit und Geld darauf verwendet, es still und heimlich zu entwickeln.«

»Tatsächlich? Die Technologie erscheint mir nicht allzu kompliziert. Ich muss gestehen, anfangs war ich skeptisch, aber du hast mich überzeugt – bisher ist es eine interessante Unterhaltung.«

»Das ist sehr freundlich von Ihnen, Sir. Ich hoffe nur, ich ruiniere nicht alles, wenn ich Ihnen jetzt die Wahrheit gestehe. Ich fürchte, ich war nicht ganz ehrlich zu Ihnen.«

»Wie bitte?«

»Erstens, mein richtiger Name ist nicht Winston. Ich heiße Art.«

Langdon lachte auf. »Ein Museumsdozent mit Namen Art? Ich kann dir nicht verdenken, dass du ein Pseudonym gewählt hast. Freut mich, dich kennenzulernen, Art. Und zweitens?«

»Als Sie mich gefragt haben, warum ich nicht einfach mit Ihnen herumlaufe und persönlich mit Ihnen rede, habe ich Ihnen eine ehrliche Antwort gegeben: Mr.  Kirsch will die Zahl der Besucher im Museum möglichst klein halten. Diese Antwort war allerdings unvollständig. Es gibt einen weiteren Grund, weshalb wir uns via Headset unterhalten und nicht persönlich.« Die Stimme zögerte. »Ich bin nämlich nicht in der Lage, mich physisch von einem Ort zum anderen zu bewegen.«

»Oh, das tut mir leid.« Langdon stellte sich vor, wie Art in einem Rollstuhl saß, in einem Büro im Callcenter. Er bedauerte, Art so sehr mit Fragen bedrängt zu haben, dass der sich nun veranlasst sah, seinen Zustand zu offenbaren.

»Sie müssen kein Mitleid haben. Ich versichere Ihnen, Ihre Beine würden an mir sehr eigenartig aussehen. Ich bin nicht ganz das, was Sie sich vorstellen.«

Langdons Schritte wurden langsamer. »Was meinst du damit?«

»Der Name Art ist weniger ein Vorname, eher eine Abkürzung. Er steht für ›artifiziell‹, auch wenn Mr.  Kirsch das Wort ›synthetisch‹ bevorzugt.« Die Stimme zögerte erneut. »Die Wahrheit ist, Professor, Sie haben an diesem Abend mit einem künstlichen Dozenten interagiert. Einer Software, wenn Sie so wollen.«

Langdon blickte sich um. »Soll das ein Scherz sein?«, fragte er unsicher.

»Ganz und gar nicht, Professor.

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