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Operation Romulus

Das Erste, das in einem Krieg stirbt, ist die Wahrheit, egal, ob auf Seiten der Angreifer oder der Angegriffenen.

Das Letzte, was nach einem Krieg wiederhergestellt wird, ist ebenfalls die Wahrheit …

… wenn überhaupt.

03. September 1943, Kapuzinerkloster Saint Antoine, in der Nähe von Bastia, Korsika

Die Explosion riss dem Posten die Beine ab. Aus Sicht des Obersturmbannführers sah es aus, als wäre der Posten in einem aufsteigenden Geysir aus Erde und Gestein verschwunden. Erst dann drang der Krach der Detonation in sein Bewusstsein. Eben noch hatte Obersturmbannführer Rauff sich darüber aufgeregt, dass die Posten wohl eher Gedanken an die korsischen Mädchen am Strand verschwendeten, als sich auf ihre Aufgabe zu konzentrieren und jetzt polterte der Stahlhelm eines der Posten auf die enge Straße, die sich am Kloster vorbei den Berg nach oben wandte. Die zweite Explosion ereignete sich zwischen dem Klostergebäude und dem ersten LKW. Dann erst nahm Rauff das Jaulen der Triebwerke wahr.

»Tiefflieger!« kam die Warnung eines Postens, als die erste Maschine bereits über das Kloster hinweggebraust war. Erst jetzt begannen die Flaks über Bastia und oben auf dem Berg zu bellen. Die zweite Maschine feuerte aus den Bordgeschützen. Ihre Schüsse fetzten faustgroße Löcher in die Körper zweier SS-Angehöriger, die die verschweißten Kisten aus den Klostergebäuden zu den wartenden LKWs schleppten. Wie die Träger krachte auch ihre Kiste zu Boden. Einem der SS-Männer hatte ein Geschoss den halben Schädel weggerissen. Durch den Aufschlag auf den steinigen Boden öffnete sich die Schweißnaht. Goldene Münzen und ein paar Ketten, offensichtlich sehr wertvoll, glitten aus dem Schlitz und blieben im Staub vor den Mauern liegen.

»Verdammte Scheiße!«, brüllte Rauff, sprang aus dem Horch 901 und rannte ungeachtet der Gefahr gestikulierend quer über die von Bastia nach Saint-Florent führende Straße zu den LKWs. »Fahrt die Wagen hier weg!«

Das Krachen weiterer Explosionen übertönte seine Stimme. »Zwischen die Bäume! Verdammt, fahrt die Wagen zwischen die Bäume!« Er duckte sich, als könne er sich damit gegen die niedergehenden Bomben schützen. Auch unten in Bastia dröhnten Explosionen. Vielleicht waren die deutschen Schiffe im Hafen das eigentliche Angriffsziel?

Einer der SS-Männer, der eben noch mit seinen Kameraden ziellos auf der Suche nach einer Deckung herumgerannt war, sprang in das Führerhaus des vorderen LKWs, ließ den Motor aufjaulen und raste mit dem Wagen vom Kloster weg, preschte von der Straße herunter, einen engen, steilen Seitenweg entlang und suchte Schutz in einem kleinen Hain Olivenbäume. Rauff selbst sprang in den zweiten Wagen, startete den Motor und jagte die Straße herunter nach Bastia. Die Ladeklappe des LKWs war noch herabgeklappt und die aufgeladenen Kisten drohten herunterzufallen. Nur wenige Meter über den Gebäuden des Klosters tauchte plötzlich eine der englischen Zweimotorigen auf. Die Bordkanonen bellten über das Heulen der beiden Propeller hinweg. Gleich einer Perlenschnur jagten die Einschläge hinter dem Wagen her, der eine der vielen Straßenkurven benutzte, um aus der Feuerlinie des Engländers zu kommen. Rauff hämmerte den nächsten Gang hinein und riss das Lenkrad herum. Der Wagen krachte zwischen zwei eng beieinander stehenden Gebäuden hindurch, verlor beide Seitenspiegel und blieb stehen. Die Geschosse des Jägers fetzten hinter dem LKW auf dessen ursprünglichen Kurs weiter, zerschossen einen stehen gebliebenen Eselskarren und zwei Zypressen, bevor die Bordkanonen verstummten.

»Gottverdammte Scheiße!«, wiederholte Rauff. Dann kehrte Ruhe ein. Waren die Jäger verschwunden? Kehrten sie in wenigen Minuten zurück? Mit Verstärkung?

Auch die Flaks verstummten, zuerst die in Bastia am Hafen, dann die oberhalb von ihnen auf dem Berg.

Auf jeden Fall konnten sie mit der Beladung der LKWs nicht so weitermachen wie bisher. Rauff sprang aus dem Führerhaus und rannte zur Straße. Er blieb an der Hausecke stehen. Von seinem Kommando war niemand zu sehen, sah man von den beiden Toten ab, die neben der aufgeplatzten Kiste lagen, und den über eine größere Fläche verteilten Resten des Postens, der von der Fliegerbombe getroffen worden war.

»Meldung!«, brüllte er.

»Zwei Spitfire, Herr Obersturmbannführer«, kam eine Meldung aus den oberen Fenstern des Klosters. »Sie haben Richtung Nordosten abgedreht und sind über dem Meer.«

»Und warum haben Sie sie nicht gesehen, als sie im Anflug waren?«

Schweigen.

»Verluste?«

»Müller und Weinrich«, kam die Meldung seines Stellvertreters. SS-Hauptsturmführer Rosslar trat aus der Tür hervor, aus der die beiden jetzt toten Träger der Metallkiste gekommen waren. »Und Lesener.« Das war der Posten, den die erste Bombe erwischt hatte.

»Lassen Sie die restlichen Kisten zu den LKWs bringen. Die Wagen bleiben im Sichtschutz.« Rauff verließ den Schatten des Hauses. »Ich will, dass zwei weitere Leute oben in der Kirche Ausschau halten, egal was die Mönche sagen. Kümmern Sie sich um die Toten. Zwei Mann sollen den Schmuck wieder einsammeln und die beschädigte Kiste reinbringen. Pesendorf soll sie reparieren. Und die Posten rund um das Kloster ziehen sich unter die Bäume und zwischen die Häuser zurück. Los! Los! Los!«

Und während Rosslars Befehle vor dem Kloster erschallten und die schwarzuniformierten SS-Leute des Rauffschen Kommandos in Bewegung kamen, drehte sich der Obersturmbannführer wieder dem Horch zu. Der stand unbeschädigt noch immer seitlich unter den weit ausladenden Ästen der Pinie am Haupteingang des Klosters. Rauff riss die Tür auf. »Zeigen Sie her!«

Der andere Mann im Wagen hatte für die bevorstehende Aktion seine SS-Uniform gegen einen zivilen Anzug getauscht. Blass und mit großen Augen starrte er den Obersturmbannführer an, noch immer den Schreck über den kurzen, aber heftigen Angriff der beiden englischen Jagdflieger in den Gliedern. Rauff setzte sich, ohne die Tür zu schließen, in den Wagen und streckte fordernd die Hand aus. Der zivil Gekleidete reichte dem Obersturmbannführer ein Blatt Millimeterpapier. Dieser nahm es und betrachtete Zeichnung und Ziffern darauf. In einer Mappe auf den Knien des ersten Mannes wusste der Obersturmbannführer weitere, gleiche Papiere mit ähnlichen Zeichnungen.

Auch Rauffs Atmung ging noch immer heftig. »Gut. Wiederholen Sie noch einmal Ihre Mission, Körner.«

Draußen wirbelte die SS-Mannschaft, schleppte im versuchten Laufschritt weitere Metallkisten zu den wartenden LKWs. Sie fluchten und schwitzten in der Sonne. Das Wetter bescherte ihnen hohe Temperaturen, die eher zum Baden denn zum Schuften einluden. Die Posten, die sich zurückgezogen hatten, waren nicht zu sehen. Sie achteten auf auftauchende Widerstandskämpfer. Die Korsen waren berühmt für ihr Streben nach Unabhängigkeit. Aber da war niemand. Jetzt konnte die SS ungestört die Kisten verladen.

Der Rest des Einsatzkommandos wartete entweder am Hafen von Porto Vecchio oder war in mehreren Fahrzeugen über die gesamte Strecke dorthin verteilt. Staub lag in der Luft, von den Bomben, dem Gewehrfeuer der Spitfires und den rennenden Männern aufgewirbelt. Es hatte zu lange nicht geregnet.

Körner sammelte sich. »Wir haben sieben dieser Karten angefertigt«, er wies auf die Zeichnung, die Rauff in den Händen hielt. »Sie zeigen den scheinbaren Platz, an dem das Schiff mit dem Schatz gesunken sein soll, Obersturmbannführer. Die Karten werden in den nächsten Monaten hier, doch vor allem in Nordafrika vorsichtig unter dem angeblichen Mantel der Geheimhaltung verteilt. Das Schiff mit dem Gold jedoch wird von Porto Vecchio aus …«

Obersturmbannführer Rauff hob die Hand. »Sie sollen nicht quatschen, Hauptscharführer!«

Hauptscharführer Körner zuckte wegen des scharfen Tons zusammen. Er diente schon seit mehreren Jahren unter dem SS-Obersturmbannführer, sowohl im Reichssicherheitshauptamt als auch an der Ostfront und zuletzt im Sonderkommando als Beuteeinheit während Rommels Afrika-Feldzug.

Der Zynismus und die Kaltherzigkeit, mit denen Rauff dabei vorging, richtete sich auch schnell gegen seine Untergebenen, wenn diese seiner Meinung nach nicht exakt und schnell genug seinen Befehlen nachkamen. Seit dem letzten Sommer arbeitete ihr Einsatzkommando im Geheimauftrag in Nordafrika. Sehr zum Leidwesen des Obersturmbannführers hatten sie dort keine Gelegenheit gehabt, Gas-Wagen gegen die Juden einzusetzen, mit denen sie in der Sowjetunion so »gute Erfahrungen« gemacht hatten.

Sie waren in den von Rommel eroberten Gebieten auf Beutefang gegangen, eine Beute, die sich jetzt in den Kisten befand, die nur wenige Meter von ihnen entfernt verladen wurden. Beute, die noch wenige Monate zuvor geweihte Stätten und Haushalte afrikanischer Juden geschmückt hatte. Nach den beiden verlorenen Schlachten von el-Alamein wurde die Luft dünner für das deutsche Afrika-Corps und natürlich damit auch für das Rauffsche Einsatzkommando. Um die eroberte Beute zu schützen, hatten sie diese weisungsgemäß nach Korsika gebracht. Und hier verlud die SS jetzt den Schatz im Gesamtgewicht von fast vier Tonnen.

»Im Gegensatz zu Ihnen kenne ich die Bestimmung der Kisten, Hauptscharführer.« Rauff sprach den Dienstgrad in einem Ton aus, der dem Angesprochenen den Abstand zu seinem Vorgesetzten deutlich machte. »Und ich weiß, was wir vorhaben. Ich will überprüfen, ob Sie alle Einzelheiten Ihrer Mission kennen.«

Der Hauptscharführer schluckte. »Ich begebe mich getarnt als französischer Zivilist nach Algier. Dort warte ich. Sobald ich irgendwelche Gerüchte über den Schatz höre, werde ich aktiv und verteile unsere vorbereiteten Informationen und die falschen Karten. Sparsam mit den Karten umgehen, es dürfen nicht zu viele kursieren. Ebenso mit den Informationen und Gerüchten. Erst auf direkten Befehl von Ihnen oder einem glaubwürdigen Vertreter werde ich die konspirative Tätigkeit beenden.«

»Richtig. Und wenn es Jahre dauern wird. Selbst wenn wir, was der Führer verhindern möge, diesen Krieg verlieren sollten.« Seit Stalingrad war Rauff sich nicht mehr so sicher, was den Endsieg anging, noch dazu, wo die Alliierten vor kurzem in Sizilien und jetzt sogar in Italien gelandet waren. Die Räumung Korsikas stand bevor und von den versprochenen Wunderwaffen war weit und breit nichts zu sehen.

Rauff beobachtete die Männer seines Kommandos beim Verladen. Seine Gedanken aber weilten bei der allgemeinen Lage. Es wurde Zeit, dass sich das Kriegsglück wieder zugunsten der Deutschen wendete. So richtig aber glaubte Rauff nicht mehr daran.

Im Westen über Frankreich ging die Sonne unter und südöstlich von Korsika, auf Sizilien, trafen sich zur selben Zeit die Alliierten mit Vertretern der italienischen Regierung, um einen Waffenstillstand zu unterzeichnen. Deutschland würde Italien als Verbündeten verlieren.

Nur wenige Stunden nach dem Gespräch zwischen Rauff und seinem Untergebenen befand sich die Beute auf einem Schiff, das Kurs auf die Meerenge von Gibraltar nahm und von dort seinen Bug nach Süden drehte.

Auch andere, weit über Rauff stehende Personen im Staatsapparat des Deutschen Reiches zweifelten mittlerweile am Endsieg. Und deshalb hatten sie die Hände nach dem Schatz ausgestreckt, den Rauff zusammengeraubt hatte und der als sogenannter Rommel-Schatz in die Geschichte eingehen sollte.

Dieses Hände-Ausstrecken jedoch erfolgte nicht, um sich persönlich zu bereichern. Operation Romulus war angelaufen.

Von dieser Operation aber wusste auch SS-Obersturmbannführer Walter Rauff nichts.

Teil Eins: Deutschland

01

02. Februar 1945, Heinkel-Werke, Oranienburg bei Berlin

Die Bombe klebte an der Unterseite des Flugzeuges. Der Zünder in seiner rechten Hand zitterte. Dann die Stimme. »Herr Hauptmann!« Er drehte den Kopf. Hinter ihm standen zwei Soldaten.

»Raus hier!« Das war seine eigene Stimme. »Eine Bombe!«

Die Soldaten rannten. Einer ließ sein Gewehr fallen. Auf dem Boden der Halle erzeugte die Waffe ein unnatürlich lautes Geräusch. Das Echo dieser Töne hallte in seinem Kopf wider wie in einem riesigen, leeren Kirchenschiff. Er richtete sich auf. In diesem Moment explodierte der Zünder in seiner Hand. Der Schlag schleuderte ihn gegen den Flugzeugrumpf …

… und Hauptmann Johann Göbbs erwachte aus dem Traum, der ihn seit Monaten quälte. Der Wagen, in dem er saß, hatte eine plötzliche Bremsung gemacht.

»Passen Sie doch auf, Pfeiffer!« Generalmajor Nadler, der neben Göbbs auf den hinteren Sitzen des Wagens saß, fluchte auf den Fahrer. Aus der aufgeschlagenen Akte auf seinem Schoß waren mehrere Blätter gerutscht und hatten sich auf dem Wagenboden verteilt.

Göbbs rieb sich die in einem Lederhandschuh steckende Hand. Die Narben waren empfindlich und manchmal hatte er das Gefühl, als wäre alles noch da, wo es hingehörte, und schmerzte. Die Ärzte hatten gesagt, das würde noch lange so bleiben. Zwei Finger fehlten an der rechten Hand, ein Andenken an den missglückten Anschlag auf die Flugzeuge in Norwegen. Eines von mehreren Andenken. Dieser Zünder hätte ihm auch beinahe das Augenlicht gekostet. Das zweite Andenken: die eingeschränkte Sehfunktion seines linken Auges. Das dritte war das feine Narbengewebe, das sich schräg über die linke Gesichtshälfte vom Nasenflügel über das Auge hinweg bis zum schon weiter nach hinten gewanderten Haaransatz zog. Das linke Ohr fehlte fast völlig – Nummer vier – und statt Geräusche wahrzunehmen, hörte Göbbs seit der Explosion auf dieser Seite ein stetiges Klingeln – fünftens. Der Anschlag hatte ihm zwar einen Orden eingebracht, da er augenscheinlich die Sprengung der Flugzeuge verhindert hatte, jedoch auch ein von den Ärzten ausgesprochenes Flugverbot. Seine geminderte Sehkraft, das Ohrgeräusch und die Verletzung der Hand wurden als Begründung ins Feld geführt. Stattdessen hatte man ihn in das Reichsluftfahrtministerium nach Berlin versetzt.

Er schnaubte bei diesem Gedankengang. Dabei wussten die Ärzte noch gar nichts von Andenken Nummer sechs.

›Ach, bin ich jetzt ein Andenken? Das fasse ich mal als Beförderung auf. Vor einigen Wochen noch hast du versucht, mich zu ignorieren. Dann war ich Problem Nummer sechs. Jetzt schon ein Andenken.‹

Es stimmte. Er hatte versucht, die Stimme in seinem Kopf zu ignorieren. Wusste er doch nicht, wie er diese einzuordnen hatte. War sie sein schlechtes Gewissen? Seine bessere Hälfte? Oder war sie wirklich das, was sie schien? Denn die Stimme ähnelte in Klang, Ton und Aussprache sowie in der Wortwahl der seines Großvaters. So jedenfalls nahm er sie wahr. Der aber war vor einigen Jahren gestorben. Die Stimme selbst hatte das weder bestätigt, noch verneint. So funktionierte das auch nicht. Göbbs konnte der Stimme keine Fragen stellen … besser, die Stimme antwortete nicht auf seine Fragen. Sie kam mit Anmerkungen, mit Ideen, mit Ratschlägen und mit Gedanken, die er sich nicht zu denken traute. Vielleicht war es auch die Stimme seines Unterbewusstseins, die sich in dieser Form seit dem Unfall artikulierte – auch wenn sie ihn duzte.

Ja, lieber das als die Selbstdiagnose Schizophrenie.

»Wie lange soll das denn dauern?«, stöhnte der Generalmajor mit Blick auf das Hindernis, das sich vor ihrem Wagen aufbaute, und riss den Hauptmann damit aus seinen Grübeleien.

Der Fahrer verstand das falsch. »Soll ich rausgehen und fragen, wann es weitergeht?«

Sie befanden sich auf dem Weg zu den Heinkel-Flugzeugwerken nahe Oranienburg nördlich der Reichshauptstadt und waren kurz vor ihrem Ziel. Der Wagen fuhr unter einer kleinen Eisenbahnbrücke durch, passierte eine Kurve und musste kurz danach überraschend an einer Kreuzung halten. Ein Konvoi verstopfte die Querstraße und einige Wagen stauten sich bis in die Seitenstraßen. Die Fahrzeuge waren offensichtlich auf dem Weg an die Front, an die viel zu nahe Ostfront.

›Die armen Schweine‹, merkte die Großvater-Stimme an.

Links neben ihrem Wagen erstreckte sich ein Komplex aus mehreren kleinen und einem großen Gebäude, militärisch genutzt, aber eher als Schulungs- denn als Kasernenobjekt. Zwei Hitlerjungen in Uniform standen am Tor. Trutzige Steinsäulen hielten einen eisernen Zaun. Direkt auf der Kreuzung musste ein Opel Blitz halten. Die Plane wurde von innen zurückgeschlagen und Männer sprangen auf die Straße: Uniformierte, Hitlerjungen und Zivilisten mit Armbinden des Volkssturms. Sie drängten sich zusammen und zündeten Zigaretten an. In der Kälte zogen sie ihre Schultern hoch, als erhofften sie sich dadurch etwas Wärme. Der Konvoi bestand aus den unterschiedlichsten Typen von LKWs, denen man die bisherige zivile Nutzung zum größten Teil noch ansah. Auf dem einzigen Militär-LKW in Sichtweite war eine Flak provisorisch befestigt.

Die beiden Männer auf der Rückbank des wartenden Wagens musterten die am Konvoi stehenden Soldaten.

»Alte Männer und Kinder. Volkssturm und HJ«, murmelte Hauptmann Göbbs.

›Arme Schweine. Kanonenfutter‹, wiederholte die Großvater-Stimme.

Generalmajor Reinhold Nadler, Abteilungsleiter im Reichsluftfahrtministerium, sah kurz zu den Soldaten. »Kanonenfutter. Arme Schweine. Es wird Zeit für den Einsatz der Wunderwaffe. Nun, vielleicht erleben wir ja heute ihre Geburt.« Dann sortierte er weiter seine Zettel.

›Das wird die dort auch nicht mehr retten!‹

Göbbs schwieg, schaute nach links aus dem Wagenfenster und betrachtete den Komplex hinter dem Zaun, musterte die frierenden Hitlerjungen am Tor, die ihrerseits den Konvoi beobachteten. Ob sie froh waren, nicht mit dabei zu sein?

›Na klar!‹ Die Stimme hatte es sich neben ungebetenen Ratschlägen zur Gewohnheit gemacht, die Fragen zu beantworten, die Göbbs selbst im Geiste stellte, sich aber nicht zu beantworten wagte.

Generalmajor Nadler hatte die herausgerutschten Blätter wieder einsortiert und schloss die Akte, in der er seit ihrer Abfahrt aus dem Reichsluftfahrtministerium gelesen hatte. Man wusste im Ministerium, dass er als einer der Günstlinge Görings durch dessen besondere Fürsprache schon vor Jahren ins Reichsluftfahrtministerium gelangt war. Wie durch ein Wunder hatte Nadler auch die Reorganisationen und Straffungen des Ministeriums überstanden, die Albert Speer durchgeführt hatte, als ihm im Juni des Vorjahres die Luftrüstung übertragen worden war.

Mit einer Geste, als würde er den Inhalt des Ordners schützen wollen, legte Nadler seine Hand auf den Deckel und sah seinen Nachbarn an.

»Gut geschlafen?« Sein Ton war freundlich.

»Eher nicht, Herr Generalmajor.« Göbbs hasste Leute, die sich nach außen beständig freundlich gaben. Und Nadler hatte er noch nie anders als freundlich erlebt. Meist waren diese Menschen kreuzgefährlich. Vor allem, wenn sie Abteilungsleiter im Reichsluftfahrtministerium waren. Göbbs hatte persönlich bisher noch nicht viel mit Nadler zu tun gehabt und ermahnte sich, vorsichtig zu sein, so vorsichtig, wie auch sonst immer – mindestens.

›Noch vorsichtiger, mein Junge!‹

Na gut, also noch vorsichtiger.

»Wir sind noch gar nicht dazu gekommen, uns zu unterhalten, Herr Hauptmann.«

Der Angesprochene drehte seinem Vorgesetzten das Gesicht zu. »Sie haben gelesen, Herr Generalmajor.«

»Und Sie geschlafen. Kommen Sie, Göbbs. Ich meine überhaupt und insgesamt. Wie lange sind Sie jetzt bei uns? Drei Wochen? Vier?«

»Drei.«

»Nun seien Sie doch nicht so einsilbig.« Nadler wies auf die rechte Hand seines Gesprächspartners, an der der kleine und der Ringfinger fehlten. »Ostfront?«

›Der hat garantiert deine Akte gelesen!‹

Das denke ich auch, antwortete Göbbs in Gedanken. Er hatte sich angewöhnt, ab und an auf diese innere Stimme zu reagieren, auch wenn ein Irrenarzt ihn wahrscheinlich in eine geschlossene Anstalt eingewiesen hätte. So aber gab die Stimme eher Ruhe, nervte ihn nicht und lenkte ihn auch nicht ab.

Göbbs war sich sicher, dass Nadler seine Akte gelesen hatte. Warum stellte er ihm diese Fragen? Was beabsichtigte Nadler damit? Suchte er einen Gesprächsanfang, einen Anknüpfungspunkt? Dieser Generalmajor machte zwar den Eindruck, als könne er sehr gut damit leben, den Krieg nur vom Schreibtisch aus zu erleben, aber Göbbs hütete sich davor, ihn zu unterschätzen. Das war eine der Lektionen, die er von seinem Großvater gelernt hatte. »In unserer Zeit, Junge«, hatte der alte Mann einmal gesagt, »ist es wichtig – überlebenswichtig – niemandem zu trauen. Egal, für wen du arbeitest. Egal, wovon du überzeugt bist. Und erst recht egal, wer dir Hilfe und Unterstützung geschworen hat. Du darfst niemandem trauen, hörst du? Niemandem! Nur dir.« Dann hatte er gekichert, ihm zugezwinkert und ergänzt: »Und mir.«

Nur wenige Monate nach diesen Worten waren in Deutschland die Nazis an die Macht gekommen. Göbbs hatte sich die fast schon paranoid zu nennende Einstellung seines Großvaters all die Jahre hindurch bewahrt.

Er hob die Hand mit den fehlenden Fingern, zog den Handschuh aus und registrierte insgeheim belustigt, dass der Generalmajor vor der Verstümmelung zurückzuckte. Er sah seinen Vorgesetzten an.

»Nicht alle Verletzungen werden deutschen Soldaten an der Ostfront zugefügt, Herr Generalmajor. Norwegen.« Göbbs zog den Handschuh wieder über, als wolle er die Verletzung auch vor sich selbst verbergen.

»Sie sind ein Zyniker, Herr Hauptmann.«

›Wieder einer, der den Unterschied zwischen Zynismus und Ironie nicht begriffen hat.‹ Die Großvater-Stimme war schneller mit ihren Bemerkungen als Göbbs mit seinen Gedanken. Aber vielleicht waren diese Bemerkungen ja auch seine Gedanken. Es war zum Verrücktwerden – wenn er das nicht schon war.

»Und die anderen Verletzungen?« Nadler blickte in das Gesicht seines Gesprächspartners. Die Narbe war nicht zu übersehen.

»Ebenfalls. Bis auf diese hier.« Göbbs zeigte auf eine helle, kaum zu erkennende, gerade einmal zwei Zentimeter lange Narbe rechts auf der Stirn. »Die habe ich meinem Rennwagen zu verdanken, bei dem die Bremsen versagt haben.«

»Sie sind Rennen gefahren?«

»Ja, bei uns im Taunus gibt es eine lange Tradition der Autorennen. Aber als der Unfall sich ereignete, war ich ein Kind und fuhr die Rennen in selbstgebauten Kinderautomobilen. Mein Vater und mein Großvater waren begeistert von den Autorennen und haben mir so eines gebaut.«

›Immer wieder die alte Geschichte?‹ Die Großvater-Stimme klang jetzt beleidigt und Göbbs hoffte, sie würde nun eine Weile schweigen.

Nadler war irritiert. Göbbs sah seinem Gesicht an, dass er nicht wusste, ob der Hauptmann ihn auf den Arm nehmen wollte oder nicht. Mittlerweile war sich Göbbs hundertprozentig sicher, dass Nadler seine Akte gelesen hatte. Wollte er testen, wie Göbbs auf seine Versetzung in das Reichsluftfahrtministerium, das RLM, reagierte? Oder auf das von den Ärzten ausgesprochene Flugverbot? Dann würde er gleich auf das Fliegen kommen.

Ein fast nicht zu sehendes Lächeln umspielte Göbbs’ Lippen. »Die richtigen Rennwagen mit funktionierenden Bremsen fuhr ich später, als ich es mir leisten konnte.« Göbbs ließ ab und an ganz gerne durchblicken, dass seine Familie vermögend war, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Anschaffungen und Ausgaben.

Nadler schluckte, sammelte sich. »Mensch Göbbs, ich meine den Unfall, dem Sie diese große Narbe im Gesicht zu verdanken haben. Nun kommen Sie schon«, Nadlers Stimme klang wieder freundlich, doch zugleich hatte sich eine leichte Schärfe eingeschlichen. »Lassen Sie sich doch nicht alles aus der Nase ziehen! Die haben Sie ja immerhin noch.« Er lachte über seinen eigenen Witz, scheinbar ohne zu merken, dass Hauptmann Johann Göbbs nicht lachte. »Ein Kampfeinsatz gegen die Briten? Oder gegen Widerstandskämpfer? Die sollen ja in Norwegen recht aktiv sein.«

»Ein Anschlag auf unsere Flugzeuge, Herr Generalmajor, wohl vom Widerstand. Ich war zur falschen Zeit am falschen Ort, wie man so schön sagt.«

»Da haben Sie aber Glück gehabt.«

»Ich habe neun Leben, Herr Generalmajor. Wie eine Katze.« Es war ein Spruch, den Göbbs gerne brachte.

»Waren es nicht sieben?« Wieder war der Generalmajor irritiert.

»Mark Twain hat gesagt, dass der Unterschied zwischen einer Lüge und einer Katze darin besteht, dass die Katze nur neun Leben hat.«

»Twain? Der Amerikaner? Ich wusste gar nicht, dass der noch gelesen wird.«

›… dass der noch gelesen werden darf, wolltest du wohl sagen.‹

»Doch, er steht nicht auf der Liste der verbotenen Autoren.« Göbbs rechter Mundwinkel zog sich eine Winzigkeit nach oben.

»Wie auch immer, jetzt jedenfalls haben Sie eines weniger, Göbbs.« Nadler lachte erneut.

»Eigentlich zwei, Herr Generalmajor.«

Jetzt war Nadler einmal mehr verwirrt und sein Lachen erstarb für einen Augenblick, doch Göbbs wies schnell auf die Stirnnarbe. »Ich verfehlte einen Pfeiler nur um wenige Zentimeter.«

»Dann sind wir ja doch bei sieben Leben.« Nadlers Bauch hüpfte, als er lachte, und Göbbs hatte Angst, dass die Uniformknöpfe an der straff gespannten Jacke reißen und wie Geschosse durch den Wagen sausen könnten. »Sehen Sie, Göbbs. Ein deutscher Generalmajor hat immer Recht, wenn er mit Untergebenen redet.«

Dann beruhigte er sich und sah Göbbs von der Seite an. »Was sind Sie geflogen? Aufklärer oder Jagdflieger?«

Und schon waren sie beim Thema. Göbbs trug seit der Entlassung aus dem Krankenhaus und dem Beginn seiner Tätigkeit im Reichsluftfahrtministerium wieder seine Fliegeruniform. »Es steht doch alles in meiner Akte, Herr Generalmajor. Transportflugzeuge bin ich in Norwegen geflogen, die Tante Ju und den großen Dessauer.«

Nadler nickte. »Junkers. Die Ju 52 und die Ju 90.« Es klang, als wolle er sein Wissen beweisen. Göbbs bezweifelte, dass Nadler auch nur eine der Maschinen würde fliegen können.

»Keine Kampfeinsätze?«

»Im Polenfeldzug und am Anfang in Frankreich. Aber wahrscheinlich war ich nicht effektiv genug. Nach dem Frankreichfeldzug zog man mich nach Norwegen ab.«

»Vielleicht weil Sie Norwegisch können?«

Na also, Nadler hatte doch seine Akte gelesen. »Mein Großvater war ein Norweger, der bereits als junger Erwachsener nach Deutschland gekommen ist.«

»In Bad Soden im Taunus. Und trotzdem hat man Sie nach Norwegen geschickt?«

»Wohl eher genau deshalb, meiner Sprachkenntnisse wegen. Englisch und Norwegisch. Ich selbst bin nie vorher dort gewesen.«

Jedenfalls steht nichts darüber in den Akten der Gestapo, fügte er in Gedanken hinzu.

»Sie haben nie das Land ihrer Väter besucht?«

Göbbs verschränkte die Arme vor der Brust und sah nach draußen zu den frierenden Hitlerjungen vor dem Eisentor. »Das Land meines Großvaters. Und er hatte es schon vor der Geburt meines Vaters verlassen. Ich hatte keinerlei Beziehungen zu Norwegen und bin erst nach der Kapitulation Frankreichs nach Norwegen versetzt worden. Da war das Unternehmen Weserübung schon lange vorbei.«

Die Bitterkeit in seiner Stimme konnte er nur mit Mühe unterdrücken. Unternehmen Weserübung, der Überfall Deutschlands auf Dänemark und Norwegen. Bei den Kriegshandlungen war das Gestüt seines Großvaters, das er noch immer in Norwegen besessen hatte, fast völlig zerstört worden. Göbbs’ Großvater hatte daraufhin seinen ersten Herzinfarkt erlitten, von dem er sich nie wieder richtig erholt hatte. Den zweiten nach dem Überfall auf die Sowjetunion. Im Juli 1941 hatten sie seinen Großvater beerdigt. Göbbs hatte keinen Heimaturlaub dafür bekommen und konnte das Grab des großen alten Mannes, der für ihn immer das unbesiegbare Vorbild gewesen war, erst acht Monate später besuchen.

Nadler hob beschwichtigend die Hände. »Schon gut, Göbbs. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Sie sind erst einige Wochen aus dem Krankenhaus raus und müssen sich an den Dienst im Ministerium gewöhnen.«

Göbbs’ Blick wanderte an Nadlers voluminösen Körper vorbei wieder aus dem Autofenster zum neben der Straße liegenden Schulkomplex mit den Hitlerjungen. Dabei machte er den Eindruck, als würde er durch die Mauern hindurch irgendwo weit in die Ferne sehen. »Es ist nicht einfach, wenn man gesagt bekommt, dass man nie wieder fliegen darf und einem der Flugzeugführerschein entzogen wird.« Er ließ ein wenig Mutlosigkeit in seiner Stimme mitschwingen. Es war wohl die richtige Zeit, diese Bemerkung zu machen. Sollte Nadler ihn ruhig für weich in dieser Beziehung halten. Das würde vielleicht einiges einfacher machen.

»Das kann ich verstehen, Göbbs. Aber machen Sie sich nichts draus. Das wird schon wieder.«

Das wird schon wieder. Nur mühsam unterdrückte Göbbs jetzt doch ein Schnauben. So wie dieser Krieg mit seinem noch immer propagierten Endsieg, an den nur noch die Verbohrten und Unverbesserlichen glaubten? So wie der Einsatz der Wunderwaffe? Was sollte schon wieder werden? Seine Verletzungen? Dieses Deutschland? Europa? Die ganze Welt?

Nadler riss Göbbs aus der Schleife der Gedanken. Er beugte sich über ihn und wies auf den Komplex neben den Fahrzeugen. »Dort haben wir für Sie ein Zimmer vorbereiten lassen, während Sie in den Heinkel-Werken sind. Die ehemalige Flieger-Technische Vorschule. Bis zum vorigen Jahr haben wir hier ausgebildet, unseren Nachwuchs für das technische Unteroffizierskorps der Fliegertruppen. Die Schule ist seit Oktober unter Verwaltung der Reichsjugendführung. Im Vertrauen«, Nadler senkte die Stimme, »man sagt, auch das wird nicht mehr lange so bleiben. Die Jungen sollen wohl in Bälde in den Volkssturm eingegliedert werden.« Dann setzte er sich wieder gerade hin und tippte dem Fahrer auf die Schulter. »Pfeiffer, gehen Sie doch mal rüber und fragen Sie, wie lange die hier die Straße noch blockieren wollen. Wir müssen weiter.«

Der Gefreite murmelte ein schwäbisch gefärbtes »Jawohl, Herr Generalmajor«, knöpfte sich die Jacke bis zum Kragen zu und verließ das Fahrzeug. Er gesellte sich zu dem Trupp am LKW und bot Zigaretten an.

»Der soll nicht rauchen, der soll machen, dass die weiterfahren!«

In diesem Moment setzte sich der Konvoi wieder in Bewegung. Hitlerjungen und Volkssturm-Männer sprangen in ihren LKW. Der Fahrer schmiss seine Zigarettenkippe in den Straßengraben und rannte zurück zu ihrem Fahrzeug. Mit ihm kam ein Schwall kalter, nach Zigarettenrauch riechender Luft in das Auto.

»Pfeiffer!«, donnerte Nadler los. »Sie sollten keine Zigarettenpause einlegen.«

»‹tschuldigung, Herr Generalmajor« Pfeiffer senkte zerknirscht seinen Kopf. »Die gehen an die Oder«, sagte er dann, »nach nur drei Wochen Ausbildung.«

Nadler und Göbbs schwiegen. Was gab es dazu auch zu sagen?

Kurz darauf hatte das letzte Fahrzeug des zusammengewürfelten Konvois die Kreuzung passiert. Pfeiffer ließ den Motor an, bog an der Kreuzung nach links ab und folgte dem Konvoi auf der Chaussee mehrere hundert Meter. Nadler wies auf den Wald links der Straße.

»Hinter den Bäumen liegt Werk Eins«, erklärte Nadler. »Das Oberwerk. Hier wird produziert … wurde produziert. Werk Zwei sehen Sie dort unten.« Er wies nach rechts. Vor ihnen querte eine Brücke die Straße. Folgte man der mit den Augen, führte eine Straße vorbei an bewachten Baracken. In zirka einem Kilometer konnte man auf dem leicht abschüssigen Gelände Häuser und zwei riesige Hallen erkennen. »Der Flugplatz am Unterwerk.« Nadlers Stimme war Stolz anzuhören. »Dort werden wir in zwei bis drei Stunden sehen, was der Führer für eine Waffe für uns konstruiert hat.«

›Die der Führer konstruiert hat? Dass ich nicht lache‹, kicherte die Großvater-Stimme.

In Göbbs’ Geist tauchte die Gestalt Adolf Hitlers auf, wie er, mit einem Bleistift hinter dem Ohr, an einem Reißbrett stand, an den Lippen Farbe von Kopierstiften, und wie ein Wahnsinniger an einigen Linien herumradierte. Jetzt musste er sich ein Grinsen verkneifen. Der Führer als Konstrukteur! Das einzige, was dieser Mann konstruiert hatte, war der größte Zusammenbruch in der deutschen Geschichte.

»Auf dem Flugfeld ist seit Anfang des Jahres das Jagdgeschwader 7 stationiert. Deren Messerschmitt Me 262 hat sich als äußerst erfolgreiches Flugzeug mit Strahltriebwerk erwiesen.« Nadler wies mit seiner Hand weiter nach Süden. »Hinter dem Flugfeld befindet sich die Versuchsstelle für Höhenflüge. Streng geheim, Göbbs. Ich sage Ihnen das nur, weil eines der Projekte, das sie begleiten werden, in direkter Regie der Versuchsstelle und in Zusammenarbeit mit den Heinkel-Werken ablaufen wird.«

Er winkte weiter mit der Hand, die er die ganze Zeit ausgestreckt gehalten hatte. »Der Ort dort hinten heißt Leegebruch. Ein Großteil der Arbeiter der Heinkel-Werke kam bisher von dort. Jetzt sind die meisten Männer an der Front und wir beschäftigen Frauen, Fremdarbeiter und KZler. Aber wem sage ich das?« Nadler schnaubte unzufrieden.

Göbbs kam sich bei den Worten Nadlers vor wie bei einer Stadtführung, die er als Junge bei einer Urlaubsreise mit seinem Großvater einmal mitgemacht hatte.

Er hörte kaum den Worten Nadlers zu, hatte er sich doch schon im Vorfeld mit den Unterlagen zu den Heinkel-Werken vertraut gemacht. Seine Augen hingen am Oberwerk. Etwas zu lesen oder aber den vollständigen Komplex vor sich zu sehen, waren zwei grundverschiedene Dinge. Er hatte sich die Flugzeugwerke nicht so groß vorgestellt. Es gelang ihm nicht, sich im Vorbeifahren einen Überblick zu verschaffen. Der Wagen bog nach links von der Straße ab, beschrieb eine Kurve und hielt vor dem Tor. Ein Wachposten trat heran, salutierte, kontrollierte die Papiere und winkte das Fahrzeug durch. Göbbs konnte bei der Einfahrt erkennen, dass ein großer Teil des Werkes innerhalb des Geländes noch einmal von Stacheldrahtzaun und Wachtürmen umgeben war. Das KZ-Werk, hier mussten die Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen arbeiten.

Der Wagen hielt hinter der Werkseinfahrt links vor einem Gebäude, dessen Grundriss doppelt T-förmig war. Das Haus des Werkschutzes hinter ihnen nahm Göbbs die Sicht auf den mit Stacheldraht umsäumten Teil des Werkes.

»Die Werksleitung«, kommentierte Nadler. Direkt vor ihnen ragten sechs kantige Säulen zwei Etagen hoch, um auf dem Vordach von einem Adler mit ausgebreiteten Schwingen gekrönt zu werden. Sie traten zwischen die Säulen und wurden durch das Vordach vor dem gerade aufkommenden Eisregen geschützt. Eine vom Erdboden bis zum Dach reichende Fensterfront gewährte Einblick in das Innere. Rechts und links des Säulenvordaches erstreckte sich das Gebäude, geklinkert und zweigeschossig mit großen Fenstern.

Ein Major trat durch den Ausgang, riss den Arm hoch und grüßte mit ausgestrecktem Arm. »Heil Hitler!«

»Heil Hitler!«, erwiderte Nadler eher nachlässig. Göbbs hob den Arm, schwieg aber.

»Major Schneidereit«, tönte Nadler. »Alles vorbereitet für den Testflug heute?«

Schneidereit lachte. »Selbstverständlich, Herr Generalmajor. Wir brauchen noch etwa eine Stunde und etwas besseres Wetter. Aber«, sein Blick wanderte zum Himmel, »zur Not verschieben wir den Testflug um eine Stunde. Mein Wetterfrosch hat Besserung gelobt.« Sein Blick kehrte zu Generalmajor Nadler zurück. »Die Horten-Brüder werden heute nicht da sein, haben aber ihren Oberingenieur Steinbauer geschickt. Wenn Sie uns die Ehre auf eine Tasse Kaffee geben würden. Herr Eichler und Oberst Voigt warten bereits auf Sie.«

»Gut, gut. Wer wird fliegen? Hauptmann Uhse oder eine andere Ihrer hübschen Fliegerinnen? Oder verstecken Sie die charmanten Damen wieder vor uns und haben Sie sie mit der Überführung von Flugzeugen an die Front betraut?«

»Leutnant Ziller fliegt, wie mit dem Ministerium abgesprochen. Er hat sich schon lange vorbereitet und ist auch die Segelvariante geflogen. Ziller hat Ende Dezember, Anfang Januar in Lärz auf einer Messerschmitt 262 trainiert, um sich an die Strahltriebwerke zu gewöhnen, da er bisher nur Erfahrungen mit Propellermaschinen und Lastenseglern hatte. Er ist einer unserer besten Männer.«

»Schon gut, Schneidereit, schon gut!« Erneut leutselig wirkend, winkte Nadler mit der Hand ab. Die Einzelheiten schienen ihn nicht zu interessieren. »Ich hatte nur auf ein wenig Weiblichkeit in dieser harten Zeit gehofft. Gut, dann eben Kaffee, wenn Sie welchen haben. Warum nicht. Hier draußen ist es lausig kalt, wie in Sibirien. Kein Wunder, dass der Russe so nah ist.« Er lachte wieder als einziger über seinen Witz.

»Göbbs, Sie verschaffen sich einen kleinen Überblick. Ich denke, Sie werden von …« Er sah hilfesuchend zu Major Schneidereit.

»… Hauptmann Langner …«, assistierte dieser.

»… von Hauptmann Langner begleitet. Er wird Ihnen alles Wichtige zeigen und sagen. Seien Sie in einer halben Stunde …?« Erneut wandte er sich fragend zu Schneidereit. Der nickte und Nadler fuhr fort: »… in einer halben Stunde auf der Startbahn am Unterwerk.«

»Langner ist in einer Minute da«, bemerkte Schneidereit noch. Damit ließen sie Göbbs vor dem Eingang stehen und verschwanden hinter der gläsernen Tür.

Nur kurz darauf öffnete sich diese wieder, um einen Hauptmann auszuspucken.

›Oh, Hauptmann Langner. Da stimmt das alte lateinische Sprichwort Nomen est omen aber nicht!‹ Die Großvater-Stimme klang deutlich amüsiert und Göbbs verkniff sich ein Grinsen. Der Körperumfang dieses Mannes machte seinem Namen wirklich keine Ehre. Er schien, was seine Ausdehnungen in Länge, Breite und Höhe angingen, in alle Richtungen dasselbe Maß zu haben. Rote Äderchen an den feisten Wangen und eine fast schon blaurot verfärbte Nase zeigten deutlich, wo seine Vorlieben lagen.

»Sie sind also der Neue, der mich hier ablösen wird?« Langner gab Göbbs die Hand und musterte ihn von oben bis unten. Dabei schnaufte er, als habe er die Etagen des hinter ihm liegenden Gebäudes im Laufschritt absolvieren müssen. Göbbs trat unwillkürlich einen halben Schritt zurück, um sich vor dem Mundgeruch des Hauptmanns zu schützen. Langner war ihm auf Anhieb unsympathisch.

»Wir haben drei Tage, um Sie einzuarbeiten, dann bekomme ich meinen Marschbefehl. Hat man mir versprochen.« Bei dem »man« verdrehte er die Augen nach oben, als wolle er auf imaginäre Vorgesetzte verweisen, die irgendwo über ihm saßen.

»Marschbefehl?« Göbbs sah sein Gegenüber an.

»Ja klar. Heutzutage wird jeder Etappenhengst an die Front geschickt, solange er zwei gesunde Arme, Beine und Augen hat. Ich hatte nicht das Glück einer Verletzung.«

»Das Glück einer Verletzung?« Göbbs riss sich erneut den Handschuh herunter und hielt dem Hauptmann seine verstümmelte Hand vor die Nase. »Wollen wir tauschen? Dann darf ich wenigstens wieder fliegen.«

Langner taumelte einen Schritt zurück und starrte auf die drei Finger, die Göbbs von seiner Hand geblieben waren. Er hüstelte, strich sich über den stramm sitzenden Uniformmantel, sah sich um, als suche er etwas und blickte danach wieder Göbbs an. Dieser registrierte, dass Langner ihm nicht in die Augen sah. Sein Blick schien auf einen Punkt leicht rechts von Göbbs’ Nase gerichtet zu sein, als hätte dieser dort eine Warze.

›Arschloch!‹, sagte die Großvater-Stimme.

Göbbs hatte dieser Bemerkung nichts hinzuzufügen. Aber er ärgerte sich über sich selbst. Warum nur rutschte er nach dem Unfall immer wieder in diese aggressive Stimmung ab? Er musste sich unter Kontrolle bekommen. Betont langsam zog er sich den Handschuh wieder über. »Schon gut. Es hat nicht jeder das Glück eines wachen Verstandes.« Er zwinkerte Langner zu, um der Bemerkung scheinbar etwas von seiner Schärfe zu nehmen. »Wissen Sie, wo es hingeht?«

»Wohin schon. Alles, was laufen kann, wird dem Russen entgegengeworfen. Würde mich nicht wundern, wenn sogar Sie in ein paar Wochen ihren Marschbefehl bekämen.«

Er atmete noch einige Male tief durch, bevor er die nächste Frage stellte: »Sie kennen Ihre Aufgabe, Hauptmann …«

»Göbbs. Und ja, ich kenne meine Aufgabe. Als Verbindungsoffizier zwischen dem Reichsluftfahrtministerium und den Heinkel-Werken werde ich als eine Art Wachhund fungieren. Ich habe über die Einhaltung der Richtlinien des RLM zu wachen und dem RLM alles mitzuteilen, was hier im Werk vor sich geht. Dazu bin ich berechtigt, in Vorgänge bis zur Geheimhaltungsstufe ›Geheime Kommandosache‹ eingewiesen zu werden.«

»Oh« Langners Augen öffneten sich weit zwischen den Fettwülsten. »Ich habe nur die Freigabe bis ›Geheim‹, mit einer Ausnahme. Und die zeige ich Ihnen nachher.«

›Wahrscheinlich muss er deshalb an die Ostfront.‹ Die Großvater-Stimme klang trocken.

Langner drehte sich zum Werk. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihre neue Wirkungsstätte. Als Verbindungsoffizier zum RLM werden Sie es nicht leicht haben, das sage ich Ihnen schon vorweg. Der Betriebsleiter Hans Eichler bekommt die Anweisungen von Heinkel persönlich. Natürlich sind die mit dem RLM abgesprochen. Deshalb wundere ich mich, dass es uns als Verbindungsoffiziere überhaupt gibt. Andererseits bekommen wir Weisungen und Informationen vom RLM, die die hier im Werk gar nicht umsetzen können. Gleichzeitig sollen wir natürlich alles, was hier geschieht, ans Ministerium melden, wie Sie schon sagten. Die freuen sich hier total über uns.« Jetzt klang Langner sarkastisch. »Haben ja noch nicht genug Aufpasser, seit die KZler aus Sachsenhausen hier arbeiten und die SS eine Produktionshalle nach der anderen hinter Stacheldraht verschwinden lässt.« Langner kratzte sich an der Stirn und schob dabei seine Uniformmütze nach hinten. Langsam, als wolle er dem Satz besondere Bedeutung beimessen, sagte er: »So wie die deutschen Arbeiter an die Front verschwunden waren, wurden sie durch Frauen, Fremdarbeiter und später durch KZler ersetzt.«

Göbbs nickte, den Satz hatte er vor wenigen Minuten schon fast wortgleich von Nadler gehört.

Langner griff nach dem Oberarm von Göbbs und ließ ihn in der folgenden halben Stunde kaum los. Göbbs wurde durch das Oberwerk geführt und Langner zeigte ihm Hallen, Werksstraßen, Stacheldrahtzäune und sogar ein Schwimmbecken, bevor sie vor einem PKW stehen blieben. Der kleine, dicke Hauptmann betrachtete den Himmel. Schon vor einer ganzen Weile hatte der Eisregen aufgehört und der Himmel begann aufzuklären. Ein leichter Wind schob die Wolkenfetzen gemächlich vom Himmel. »Hatte doch der Wetterfrosch von Major Schneidereit tatsächlich Recht. Wir werden fliegen können. Kommen Sie. Lassen Sie uns runterfahren zu Werk Zwei. Ich will Ihnen unser Baby zeigen.«

Ungläubig legte Hauptmann Göbbs seine Hand auf die Tragfläche. Dann sah er Langner an. Der nickte. »Es besteht zum größten Teil aus Holz.«

»Aus Holz?«

»Ja, mit einer Schicht aus Leim und Kohlenstaub. Dadurch wird es auf den Radarschirmen unserer Feinde nahezu unsichtbar. Nur die Lufteinlässe der Düsentriebwerke sind aus geschweißtem Stahl, die Tanks in den Tragflächen aus Aluminium. Und das Cockpitdach natürlich aus Plexiglas.«

»Und es fliegt?«

»Besser als die Messerschmitt 262.« Er blickte die ungewöhnliche Konstruktion fast schon liebevoll an. »Unser Projekt Dreitausend.«

Göbbs verstand nicht, was man auch seinem Gesicht ansah.

»Tausend Kilometer Reichweite«, erklärte Langner. »Tausend Kilometer pro Stunde schnell und das alles mit einer Eintausend-Kilogramm-Bombenlast an Bord. Damit werden wir die Lufthoheit zurückerlangen. Das gibt dem Krieg die Wende, auf die wir alle warten.«

Nicht alle, dachte Göbbs.

›Bei Odins Zehennägeln, so etwas habe ich noch nie gesehen!‹ Die Großvater-Stimme klang fassungslos.

Ich auch nicht, antwortete Göbbs.

Vor ihm stand auf dem Flugfeld die ungewöhnlichste Konstruktion, die Göbbs je unter dem Begriff »Flugzeug« gesehen hatte. Ein Nur-Flügler mit einer sich flach aus dem Rumpf erhebenden Plexiglashaube, unter der sich der Platz für den Piloten befand, einem Bugrad und jeweils einem weiteren Rad unter den Flügeln. Das fehlende Heck gab dem Flieger ein Aussehen, als wäre er nicht aus dieser Zeit, fand Göbbs. Die Maschine hatte eine Spannweite von knapp achtzehn und eine Länge von fast acht Metern. War der Hauptmann sonst aus Misstrauen Fremden gegenüber eher einsilbig, so fand er dieses Mal kaum Worte, weil er von dieser Maschine begeistert war.

Sie standen unweit einer Startbahn. Hinter ihnen öffnete sich die Zufahrt zum Werk. Auf dem Gelände befanden sich neben mehreren kleineren Gebäuden zwei riesige Hallen, von denen Langner die nähere als Endmontagehalle bezeichnet hatte. Die mehr als einhundert Meter lange Front der anderen, der Einfliegehalle, säumten gewaltige Stahltore. Sie waren in mehreren Flügeln zusammengeschoben und ließen einen Blick in das Innere der Halle zu. Göbbs hatte zwei Focke-Wulf 190 und eine Messerschnitt Me 262 bemerkt, bevor sich seine Aufmerksamkeit auf das Fluggerät konzentrierte, das von einem kleinen Traktor auf das Flugfeld gezogen worden war.

»Das ist … das bei Weitem bemerkenswerteste Flugzeug, das ich je gesehen habe. Und es fliegt?« Er musste die Frage einfach wiederholen.

»Ziller – das ist der Hauptmann, der den Bomber fliegt – hat auf der Messerschmidt geübt und ist von unserer Horten IX hier«, Langner legte die Hand auf die Tragfläche, »schwer begeistert. Bisher ist er die Segelvariante geflogen. Die wurde im Schlepp einer zweimotorigen Maschine auf Höhe gebracht. Heute ist der offizielle Jungfernflug mit den Strahltriebwerken.«

Göbbs umrundete die Horten IX. »Tausend Kilometer pro Stunde?«

»Ist berechnet«, antwortete Langner. »Wir machen heute einen ersten Test. Stellen Sie sich das vor, Herr Hauptmann: ein normaler Bomber hat neunzehn Minuten nach der ersten Ortung, bevor er Englands Küste erreicht. Die sehen uns schon, wenn wir noch über dem Festland sind. Mit der Horten reduziert sich die Vorwarnzeit der Engländer um mehr als die Hälfte. Bei einem Niedrigflugeinsatz in fünfzehn Metern Höhe vielleicht sogar auf zwei bis drei Minuten! Ihre Tarnfähigkeit und die Geschwindigkeit bringen die Wende, Sie werden es sehen.«

Göbbs legte ebenfalls eine Hand an die Tragfläche, dort, wo das Triebwerk war. Erstaunt zog er die Augenbrauen hoch. »Es ist warm.«

»Der Triebwerksspezialist von Junkers, die die Triebwerke hergestellt haben, hat die Turbinen warm laufen lassen.« Langner fühlte sich sichtlich wohl, als er mit seinem Fachwissen glänzen konnte.

»He!« Ein Ruf unterbrach ihr Gespräch und Göbbs’ Staunen. »Was machen Sie da?« Hinter ihnen kam ein Zivilist näher. Langner verdrehte die Augen.

»Georg Steinbauer«, flüsterte er Göbbs zu. »Es heißt, er ist eine absolute Koryphäe auf dem Gebiet des Flugzeugbaus. Arbeitet seit einigen Jahren bei den Horten-Brüdern in Gotha und tut, als ob die Horten IX einzig und allein sein Baby ist. Angeblich hat er auch bei der V1 und der V2 mitgewirkt, bis Wernher von Braun ihn abgelöst hat. Für zwei Genies ist der Platz auf einer Baustelle grundsätzlich zu eng.«

Dann drehte er sich zu dem näher gekommenen Zivilisten um. Georg Steinbauer war ein hagerer Mann über fünfzig, mit einer winzigen Brille und dünnem, grauen Haar, das seinen Kopf in einem Kranz umgab. Trotz der Kälte trug er keine Kopfbedeckung. Ein langer, brauner Mantel flatterte um seine Glieder und konnte nicht verbergen, dass Arme und Beine eher schlaksig an ihm wirkten, ganz so, als sei ein Vierzehnjähriger in seiner Wachstumsphase einfach nur gealtert, ohne dass sich sein Körper weiterentwickelt hatte.

»Ingenieur Steinbauer«, Langner streckte ihm die Hand hin, so dass Steinbauer gar nicht anders konnte, als sie zu ergreifen. »Das ist Hauptmann Göbbs vom Reichsluftfahrtministerium. Er wird meine Stelle übernehmen, wenn ich das Reich an der Ostfront verteidige.«

»Ach, der neue Wachhund vom RLM«, knurrte Steinbauer und schob sich wie unbeabsichtigt zwischen Göbbs und die Horten IX. »Können Sie uns nicht einfach unsere Arbeit machen lassen? Wenn ich richtig informiert bin, sind Sie für das Oberwerk zuständig, nicht für mein Flugzeug. Niemand hat hier Zutritt! Das ist ein streng geheimes Projekt, Herr Hauptmann.« Göbbs trat einen Schritt zurück, um sich nicht den Nacken zu verrenken, wenn er zu dem deutlich größeren Steinbauer aufsah. Er hasste Situationen, in denen er während einer Konfrontation zu seinem Gesprächspartner aufschauen musste. »Ich bin für den Gesamtkontakt zuständig, Herr Steinbauer, und meine Einführung beginnt heute, weil in Bälde der Testflug Ihres Flugzeuges ansteht, wie ich informiert worden bin. Und in diesem Zusammenhang bin ich sehr wohl berechtigt, mir vorweg ein Bild von der Maschine zu machen. Oder wollen Sie dem Reichsluftfahrtministerium in der Situation, in der sich das Reich gerade befindet, Steine in den Weg legen?« Steinbauer wurde bei den Worten des Hauptmanns rot vor Wut. Bevor er noch etwas entgegnen konnte, setzte Göbbs nach: »Ich bin sicher, im Ministerium wird man an der Art und Weise Ihrer Zusammenarbeit mit mir sehr interessiert sein.« Jetzt ersetzte Blässe das Rot. Dann schnappte Steinbauer nach Luft und trat einen Schritt zur Seite.

»Dann bitte«, presste er zwischen den Zähnen hindurch hervor.

›Gratuliere‹, meldete sich die Großvater-Stimme wie selbstverständlich. ›Du kannst ja richtig einen auf Offiziersschwein machen! Ich bin zutiefst zufrieden mit dir, Junge.‹

Göbbs wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Maschine zu, strich mit der Hand über die Außenhaut, musterte das Fahrwerk, die Triebwerke und begann, dem Ingenieur Fragen zu stellen. Nach anfänglichem Unmut beantwortete Steinbauer die Fragen Göbbs’ zunehmend bereitwilliger, vor allem, als er mitbekam, dass der Hauptmann Flieger war und dessen Fragen von Sachkenntnis zeugten. Steinbauer erzählte von der Entwicklungszeit, der Bauzeit, den Testflügen, von Flugeigenschaften und Reichweiteberechnungen und vor allem ohne zu zögern auch von Entwicklungsschwierigkeiten, Serienfertigung, Produktionsorten und geplanten Stückzahlen.

»Göring hat uns volle Unterstützung zugesichert. Wenn die Testflüge hier in Oranienburg alle glatt über die Bühne gehen, bekommen wir einen ersten Auftrag über vierzig Flugzeuge.«

›Vierzig?!‹ Die Großvater-Stimme klang entsetzt.

»Vierzig dieser Babys«, murmelte Langner hinter Göbbs verzückt. »Wissen Sie, was das für die Front bedeutet? Wir können weit im Hinterland des Feindes dessen Nachschublinien und Industrie angreifen. Welch’ eine Entlastung für die Front.«

Steinbauer starrte verzückt den Flieger an. »Göring und die Brüder Horten reden schon über das nächste Projekt, einen Großjäger, der den Atlantik überqueren kann. Wir haben die ersten Studien bereits angefertigt. Er ist machbar. Drei Triebwerke auf jeder Seite, vierzig Meter Flügelspannweite und wir können New York erreichen. Wenn alles glatt läuft, beginnen wir im April mit der Montage.«

»Wir tragen den Krieg bis auf den amerikanischen Kontinent.« Langners Stimme war vor Euphorie kaum zu verstehen.

»Gibt es …«, Göbbs musste sich räuspern, denn seine Stimme klang belegt bei den Vorstellungen, die seine beiden Gesprächspartner hier entwickelten. »Gibt es weitere Prototypen?«

»Wir hatten drei Prototypen hier in Oranienburg, unter anderem die Segelvariante. Jetzt aber nicht mehr. In Gotha gab es einen weiteren Prototyp, der ist aber weggeschafft zu den vierzig fast einsatzbereiten Maschinen in einem Stollen im Thüringer Wald bei Friedrichroda. Dort haben wir eine geheime Basis mit Start- und Landebahn, Werkstätten und Personal, aber das wissen Sie ja sicher bereits.«

Göbbs nickte, als wüsste er es, jedoch war diese Information neu für ihn: vierzig Maschinen und eine komplette Fluganlage, irgendwo in den Thüringer Bergen … Er würde auf einer Landkarte nach Friedrichroda suchen müssen.

»Wir warten jeden Tag auf die Triebwerke von BMW, um sie einzubauen. Leider ist BMW mit der Entwicklung der Triebwerke nicht so schnell, wie wir hofften. Deshalb mussten wir bei unserer Maschine hier auf die Triebwerke von Junkers zurückgreifen, auch wenn die in den letzten Jahren immer unzureichender geworden sind. Kriegsproduktion halt.« Steinbauer hatte sich in einen Rausch geredet. Göbbs spürte in ihm den Wissenschaftler, den Ingenieur, der sich nicht um die Folgen seiner Arbeit kümmerte. Es ging Steinbauer einzig und allein um das Konstruieren, das Herstellen eines wundervollen Flugzeuges, das Erproben neuer Techniken, um sein Flugzeug schneller zu machen, mit einer immer größeren Reichweite und höheren Tragkraft. Langner dagegen dachte nur an den Einsatz der Horten als Waffe und die militärischen Auswirkungen, die dieser Einsatz haben würde. Göbbs’ Gedanken wurden unterbrochen, als ein Wagen vorfuhr, aus dem Generalmajor Nadler und Major Schneidereit in Begleitung eines Zivilisten und eines weiteren Offiziers ausstiegen.

»Der Betriebsleiter, Hans Eichler«, erklärte Langner und meinte den Zivilisten. »Das andere ist Oberst Voigt von der Versuchsstelle für Höhenflüge. Er hat sozusagen die Oberhoheit über die Flugversuche. Alles streng geheim hier. Normalerweise tummeln sich hier dreimal so viel Leute wie heute.«

Zeitgleich betraten mehrere Personen von der Einfliegehalle her kommend das Flugfeld.

»Ziller.« Langner wies auf den Vordersten, der in seiner Montur unschwer als Flieger zu erkennen war. Der Hauptmann hatte ein sympathisches Gesicht und ein offenes Lächeln.

»Bewundern Sie meine Lady?«, fragte er, als er nahe genug heran war und Langner und Göbbs mit Handschlag begrüßt hatte.

»Ich beneide Sie gerade«, sagte Göbbs und stellte sich vor.

»Wir werden sicher noch Gelegenheit haben, miteinander zu reden.« Ziller nickte ihm zu. »Aber nun entschuldigen Sie mich sicherlich. Ich habe ein Flugzeug zu fliegen.« Seine Gedanken waren ganz auf den bevorstehenden Testflug gerichtet.

Langner griff Göbbs wieder an den Arm und zog ihn zur Seite. »Lassen Sie uns etwas aus der Schusslinie gehen und die hohen Herren dort ihre Gespräche ungestört führen.«

Sie zogen sich einige Meter zurück, während Nadler, Schneidereit, Voigt und Eichler um die Maschine kreisten wie Geier um ein sterbendes Wild. Ingenieur Steinbauer begleitete sie und machte dabei den Eindruck eines Museumswärters, der ignorante Primaner durch sein heiliges Reich geleiten musste.

Langner beugte sich vertrauensvoll zu Göbbs. »Habe ich Ihnen schon erzählt, dass das gar nicht der eigentliche Jungfernflug ist?«

Erstaunt drehte sich Göbbs ihm zu und zog dabei wie unbeabsichtigt seinen Arm aus dessen Griff. Die aufdringliche Nähe seines Gesprächspartners war ihm unangenehm. Langner roch aus dem Mund, als habe er etwas Schlechtes gegessen. Gleichzeitig verbreitete er eine leichte Wolke aus Alkoholdunst um sich. Und dauernd musste er Göbbs am Oberarm berühren.

»Kurz vor Weihnachten sollte Ziller die Triebwerke testen, gab aber zu viel Schub und musste starten. Er drehte zwei Runden über dem Flugfeld und landete wieder problemlos.«

Rund um das Flugzeug brach jetzt Aktivität aus. Ein Fotograf lief herum und machte Aufnahmen. Die Bodenmannschaft half Ziller in die Kanzel, letzte Handgriffe überprüften innen und außen verschiedene Funktionen. Nadler rief Befehle, auf die niemand hörte, und zum Schluss kam ein »Also los!« aus der Kanzel, die daraufhin mit der Plexiglashaube geschlossen wurde. Der Fotograf hatte den Fotoapparat mit einer Filmkamera getauscht. Männer der Bodenmannschaft drehten die Maschine mit dem Bug in Richtung Startbahn und schoben sie langsam in die Startposition.

Langner ließ sich von einem Soldaten zwei Ferngläser bringen. Auch Nadler, Schneidereit, Voigt, Eichler und der bei ihnen stehende Ingenieur Steinbauer hoben Gläser an die Augen.

Ziller hatte die Triebwerke gestartet und das Röhren des Strahlantriebes donnerte über das Flugfeld. Die Maschine kam in Bewegung, zuerst langsam, aber rasch schneller werdend. Und dann hob sie ab. Johann Göbbs war jetzt nicht mehr Hauptmann der deutschen Luftwaffe, er war auch kein Angehöriger des Reichsluftfahrtministeriums mehr und auch sonst nichts anderes. Nicht mal mehr Agent des britischen Auslandsgeheimdienstes Secret Intelligence Service, des SIS. Johann Göbbs, mit den Augen am Fernglas, hier auf einem Flugfeld nördlich von Berlin, in der Nähe einer Stadt, von der er bis vor drei Wochen kaum etwas gehört hatte, war nur noch Flieger. Er sah dieses Flugzeug und wünschte sich wie nichts sonst auf der Welt, dort unter der Plexiglashaube zu sitzen, das Röhren der Triebwerke mit dem ganzen Körper wahrzunehmen und mit aufjaulenden Motoren über die Startbahn zu jagen, um dann diesen Moment zu spüren, in dem sich die Räder von der Erde lösen.

Der Flug dauerte knapp dreißig Minuten und Ziller brachte die Maschine auf über fünfhundert Kilometer pro Stunde. Johann Göbbs stand die ganze Zeit auf ein und derselben Stelle. Er merkte nicht, wie ihm die Füße kalt wurden, die Beine. Er hielt das Fernglas mit klammen Fingern an die Augen gepresst und beobachtete das fliegende Dreieck, das, mal näher mal weiter entfernt, seine Runden zog. Mal war die Horten kaum zu erkennen über den westlich liegenden Wäldern, dann wieder donnerte sie nur hundert Meter über ihnen dahin. Sie zog Kreise über Oranienburg, Schleifen über den Heinkel-Werken, verschwand in den tiefliegenden Wolken, tauchte an anderer Stelle wieder auf. In Göbbs’ Nähe hatte sich eine Gruppe Techniker versammelt, die aufgeregt jedes einzelne Flugmanöver, jede Reaktion des Flugzeuges kommentierten. Göbbs selbst brauchte die Kommentare nicht. Er war lange genug geflogen, um zu sehen, dass einerseits Ziller ein ausgezeichneter Pilot war, der das Flugzeug beherrschte, und dass andererseits die Maschine ein Potential hatte, das weit über das der Maschinen hinausging, die zurzeit im Einsatz waren, egal ob auf deutscher Seite, auf Seite der Russen oder der Alliierten. Sollte es gelingen, diese Maschinen in Serie zu fertigen, würde das unvermeidliche Ende des Krieges noch weiter hinausgezögert werden. Allein die vierzig bereitstehenden Flugzeuge waren eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Im Gegensatz zu Langner glaubte er nicht, dass diese Flugzeuge eine Wende im Krieg herbeiführen würden. Aber eine Verlängerung des Krieges. Und das hieße: noch mehr Opfer, noch mehr Leid und Sterben und noch größere Verwüstungen und Zerstörungen.

Göbbs wusste, was er wahrscheinlich tun müsste.

Und die ganze Zeit schwieg die Großvater-Stimme.

02

10. Februar 1945, Waidmannsluster Damm, Berlin-Reinickendorf

Ein wenig versteckt hinter hohen Tannen und Gebüsch, vom Gehweg aus kaum zu sehen – was den anständigen Bürgern dieses Stadtviertels recht war –, stand ein Haus, dessen Bewohnerinnen zumindest unter den Frauen der Gegend einen äußerst zwielichtigen Ruf hatten. Es war ein unauffälliges Haus und trotzdem herrschte hier an manchen Abenden ein reger Verkehr – in des Wortes doppelter Bedeutung.

Das Bordell war Ziel von Herren des gehobenen Standes, im Militär wie auch im zivilen Bereich. In Friedenszeiten hatten hier sogar Diplomaten verkehrt. Einen Hauptmann wie Johann Göbbs sah man hier eher selten. Hier gehörten Majore zu den unteren Diensträngen. Nichtsdestotrotz schien Göbbs hier bekannt zu sein, denn Maria, die füllige und »im Dienst« gealterte Hausdame begrüßte ihn mit einem dicken Schmatz auf beide Wangen. »Liebster Johann. Ich bin so froh, dass Sie mal wieder in der Stadt sind. Ihre Verletzungen sind hoffentlich so weit ausgeheilt, dass Sie voll einsatzbereit sind.« Sie zwinkerte ihm dabei zweideutig zu.

Göbbs zwinkerte ebenfalls. »Deshalb bin ich hier, Maria.«

»Wollen Sie erst etwas trinken?« Sie wies einladend in den Salon, in dem sich eine Handvoll Uniformierter mit Gläsern in den Händen tummelten.

Göbbs, der früher gern einige Zeit in Zivil zwischen den Gästen gestanden und sich mit ihnen unterhalten hatte, schüttelte den Kopf. »Heute nicht, Maria.«

Und das nicht nur, weil er in Uniform war. Heute war er nicht auf der Suche nach Informationen, die er angetrunkenen, euphorisierten und in mehrerlei Hinsicht erleichterten Bordellgästen entlocken konnte. Die, die hierherkamen, wussten bisher nicht, dass er ein einfacher Flieger gewesen war. Die Gefahr, jetzt hier Mitarbeiter des Reichsluftfahrtministeriums zu treffen, bestand durchaus. Zwar war sein letzter Besuch mehrere Monate her, doch bestand mit seinen Narben und seiner Versetzung nach dem »Unfall« an das Ministerium mittlerweile eine erhöhte Gefahr, dass ihn jemand erkennen könnte. Er wollte in diesen Kreisen nicht mehr gesehen werden. Im Ministerium brauchte niemand zu wissen, dass er hier »verkehrte«. Die Gäste, mit denen er früher gesprochen hatte, wussten nichts von ihm, nicht, dass er Flieger war, nicht, dass er jetzt im RLM tätig war und dort an einem streng geheimen Projekt mitarbeitete, und erst recht nicht, dass er viele Jahre lang für den norwegischen Geheimdienst gearbeitet hatte und nach der Annektierung Norwegens vom britischen SIS übernommen worden war.

Maria nickte, als wüsste sie um die Geheimnisse des Hauptmanns. Göbbs hoffte, dass dem nicht so war. Er zog die Augenbrauen nach oben und schaute zur Decke. »Ist sie frei?«

»Giulietta?« Maria sprach den Namen mit einer leichten italienischen Betonung aus. Göbbs wusste aber, dass die Thüringerin Julia Meyer hieß, in Erfurt geboren worden und von der Abstammung her arischer als so manch ein Mitglied der herrschenden Partei war. Und dass sie – wie er – für den SIS arbeitete.

»Ja.« Maria nickte ihm zu. »Gehen Sie ruhig, Johann.«

Göbbs lächelte und stieg durch das weitläufige Treppenhaus nach oben.

›Giulietta?‹, fragte die Großvater-Stimme.

Lass mich, antwortete Göbbs. Das war vor deiner Zeit.

›Julia?‹ Die Stimme ließ nicht locker.

Du sollst mich in Ruhe lassen!

›Du wirst gefühlsduselig, Junge!‹, warnte ihn die Großvater-Stimme.

Mach mir das nicht kaputt, entgegnete er. Das ist einerseits mein Job und andererseits genau das, was ich jetzt möchte. Herrgott nochmal! Ein bisschen Freude in dieser kaputten Zeit. Ist das so verwerflich? Und jetzt verzieh dich bitte. Das hier gehört nicht dir!

Und die Stimme verstummte.

Landschaftsbilder in Öl hingen an den Wänden. In der ersten Etage folgte er dem langen Flur, ging an den Zimmern Eins bis Sechs vorbei, hinter deren noblen Türen diverse Herren aus Industrie und Militär erleichtert wurden. Die verschnörkelten Zimmernummern aus Messing glänzten im Licht der dezenten Flurbeleuchtung. Das wegen der Luftangriffe nach außen verdunkelte Zimmer Sieben betrat er, ohne anzuklopfen. Einige Kerzen brannten im Raum verteilt. Ein riesiges Himmelbett, rot mit weinroten, halbdurchsichtigen Vorhängen, betonte die linke Seite des Raumes. Mehrere Spiegel an den Wänden, eine kleine Kommode, ein winziger Tisch mit zwei Stühlen und eine halboffene Tür, die in ein von einer einzigen Kerze beleuchtetes Badezimmer führte.

Eine zierliche Gestalt rauschte aus der Dämmerung heran und sprang ihn an. Göbbs, überrascht, verlor das Gleichgewicht und krachte auf den Rücken, die Gestalt auf seinem Brustkorb. Der Schlag presste ihm die Luft aus der Lunge und er war sekundenlang nicht in der Lage, zu reagieren. Die junge Frau nutzte die Situation, indem sie ihn mit den Beinen umklammerte, ihre Arme unter seinen Achselhöhlen hindurch auf den Rücken schob und ihre Lippen auf seine presste.

»Nur einer betritt mein Zimmer, ohne zu klopfen«, keuchte sie zwischen zwei Atemzügen – ein Privileg übrigens, dessen Göbbs noch immer nicht ungestört frönen konnte. Verzweifelt versuchte er, seine malträtierten Lungen wieder dazu zu bekommen, gleichmäßig zu atmen. Er japste auch noch, als die Lippen der Frau begannen, über sein Gesicht zu wandern, während ihre Hände ungerührt seine Jacke aufknöpften.

»Ich hatte so eine Angst um dich«, hauchte sie in sein gesundes Ohr und fuhr mit der Zunge über die Augen. Sie presste mit ihrem Oberkörper seinen wieder auf den Boden, da er halbherzig versuchte, sich aufzurichten, platzierte ihre Knie rechts und links neben seine Hüfte und setzte sich schließlich auf, die Hände auf seinen Brustkorb gestützt.

»Das war beim letzten Mal noch nicht da.« Ihre Finger spielten kurz mit dem Eisernen Kreuz, bevor sie die Jacke komplett geöffnet hatte und sich erneut mit ihren Händen auf seiner Brust abstützte.

»Ich …«, krächzte Göbbs, der langsam wieder Luft bekam. »Ich muss dir … was erzählen.«

Sie verschloss seinen Mund mit ihrer kleinen Hand und presste den Unterkörper in seinen Schoß. Er merkte, wie er sofort auf die Berührung reagierte.

»Du bist seit deinem Unfall nicht hier gewesen. Nur ein einziger Brief aus dem Lazarett, den dieser Soldat hier abgab.« Ihre Stimme klang vorwurfsvoll.

»Ich war vorsichtig«, verteidigte er sich und war froh, wieder in ganzen Sätzen reden zu können. »Ich hab ihm eine wirre Geschichte erzählt, von der Tochter eines Grafen, dem eifersüchtigen Vater, der sein einziges Kind ins Bordell getrieben hat und meiner unerwiderten Liebe … Er hatte wohl früher zu viele Groschenromane gelesen.«

»Der arme Junge war völlig verwirrt«, schnurrte sie. Dann wurde ihre Stimme plötzlich samtweich. »Erzählen kannst du später. Jetzt ist erstmal privat.« Mit ihrer freien Hand öffnete sie ihren Bademantel, griff nach seiner Hand, führte sie an ihre Hüfte, unter das dünne Hemdchen und nach oben bis zu ihrer Brust. Göbbs, solcherart deutlich eingeladen, griff zu. Er hielt diesen wunderbaren Teil ihres Körpers fest, der seine Hand ausfüllte und sich warm, weich und fest zugleich anfühlte, und er merkte plötzlich, wie sehr er das alles in den letzten Monaten vermisst hatte. Mit Griffen, die so schnell und hektisch waren wie ihre Lust groß, rissen sie sich die Kleidung vom Leib und fielen übereinander her, direkt auf den Dielen an der Tür, heftig, laut keuchend, schwitzend, bis Julia schließlich schluchzend auf ihm zusammenbrach und auf seinem Brustkorb liegen blieb. Sie vergrub das Gesicht an seiner Schulter und schlang ihre Arme erneut um ihn.

»Dieses ganze verdammte Reich bricht zusammen und du kommst nicht zu mir, meldest dich nicht.«

Seine Hände lagen noch immer auf ihrem Gesäß, das sich jetzt aber nicht mehr bewegte. »Ich konnte dir keinen Brief schreiben. Du selbst hast mir die Richtlinien zur Kontaktaufnahme eingebläut.«

»Oh verdammt, Hauptmann Göbbs!« Sie hieb mit ihren Fäusten auf seine Brust. »Verdammt! Verdammt! Verdammt!«

Nur wenige Minuten später lagen sie auf dem Bett, die vom Schweiß glänzenden Körper mit einem Laken bedeckt, um nicht auszukühlen.

»Warum ist dir der Zünder in der Hand explodiert? Was ist schief gegangen?« Julia hielt seine verstümmelte Hand, strich wie selbstverständlich über die Narben an der Stelle, an der einmal Finger gewesen waren. Es kitzelte, die Haut war überempfindlich. Sie streichelte den Rest seines Ohres und fuhr ihm mit den Fingern zart über das geschlossene Auge, den Verlauf der Narbe folgend.

Er schluckte. »Zwei Dinge gingen daneben. Ich war noch nicht fertig. Als ich die Bomben anbrachte und den Zünder noch in der Hand hielt, erschienen die Soldaten. Ich wollte nicht, dass sie bei dem Anschlag ums Leben kamen. Und dann ging der Zündsatz hoch. Wahrscheinlich war er fehlerhaft. Wäre der Zünder schon im Sprengstoff gewesen, hätten meine Reste sich mit denen der Flugzeuge vermischt und sie hätten wohl das ein oder andere Zahnrad mit in meinen Sarg gelegt.«

Sie legte eine Hand auf seinen Mund. »Das ist nicht witzig.« Dann schluckte sie und gab seine Lippen wieder frei. »Und jetzt bist du der große Held?«

»Jetzt bin ich der große Held«, bestätigte er. »Man dachte, ich hätte den Sprengsatz entdeckt und wäre beim Entschärfen gewesen. Sie haben mir das Eiserne Kreuz verliehen und mich nach dem Krankenhaus ins Ministerium versetzt.«

»Du hättest sterben können!«

»Wir sind im Krieg. Ich kann jederzeit sterben. Du auch, wenn die Alliierten eine Bombe genau über diesem Tempel der Freude abwerfen.«

»Wir haben einen Keller hier«, wehrte sie ab. »Du aber hast dein Leben riskiert, um deutsche Soldaten zu retten.«

»Ich habe neun Leben, wie eine Katze.«

»Neun Leben? Ich dachte, eine Katze hätte sieben?«

»Die alten ägyptischen Pharaonen haben ihre Katzen alle neun Gänge ihres Gerichtes vorkosten lassen. Neun Gänge, neun Leben.«

»Nach der Aktion in Norwegen hast du nur noch acht Leben.«

»Sieben, habe ich vor einigen Tagen meinem neuen Vorgesetzten, Generalmajor Nadler, vorgerechnet.«

»Sieben nur noch? Dann wird es langsam knapp, mein Lieber.« Sie richtete sich auf, setze sich an die Rückenlehne des Bettes und zog sich die Decke über die Brust. »Generalmajor Nadler also. Den kenne ich. Der war schon öfter hier Gast.« Sie sah seinen Blick und fügte schnell ein »… aber nicht bei mir!« hinzu, hüstelte und ihr Ton wurde eine winzige Nuance dienstlicher. »Dann können wir jetzt offiziell werden, Paul Joseph.« Sie redete ihn mit dem Codenamen an, den die Engländer ihm gegeben hatten, nachdem sie ihn in den SIS integriert hatten. Dass das nun gerade die Vornamen des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda waren, schien dem verqueren Humor eines Londoner SIS-Beamten entsprungen zu sein, der in Johann Göbbs’ Nachnamen eine eventuelle Ähnlichkeit zu Goebbels gefunden hatte.

Vielleicht war es aber auch die Rache dafür, dass Göbbs auf die Bezahlung eines bestimmten Betrages für seine Dienste bestand, einzuzahlen auf das Konto einer Schweizer Bank. Dem bereits beträchtlich angewachsenen Betrag würde Göbbs sich nach dem Krieg widmen. Vielleicht zusammen mit Julia.

»Gut, Anna.« Es war das immer gleiche Spiel zwischen ihnen. Sobald sie sich »dienstlich« unterhielten, läuteten sie das mit der Nennung ihrer Codenamen ein, wenn sie sich sicher waren, dass sie nicht abgehört wurden. Und das waren sie hier in diesen Räumen, wie Julia von einem ihrer »Kunden« bei der Abwehr erfahren hatte.

»Ich bin nach Oranienburg abkommandiert, in die Heinkel-Werke«, nahm Göbbs den Faden auf und versuchte, das Gefühl zu verdrängen, das sich bei der Erwähnung Nadlers in ihm geöffnet hatte. Julia machte ihren Job, er seinen.

»Das Werk war schon Ziel mehrerer Angriffe, also müssten die Briten und Amerikaner darüber Bescheid wissen.«

»Davon gehe ich aus.«

»Es unterteilt sich in ein Oberwerk, oberhalb einer Landstraße, nur einen oder zwei Kilometer westlich von Oranienburg, und ein Unterwerk, direkt an der Stadtgrenze. Das Oberwerk hat bis vor kurzem Flugzeugkomponenten gebaut. Das Unterwerk mit zugehörigem Flugplatz war für den Zusammenbau der Komponenten in der Endmontagehalle, das Einschießen der Bordbewaffnung und die Erprobung der Flugzeuge zuständig. Mit zunehmender Rohstoffknappheit verlegte man sich bei Heinkel auf das Jägernotprogramm und die Reparatur beschädigter Flugzeuge. Du musst unbedingt weiterleiten, dass beinahe das gesamte Oberwerk von KZ-Häftlingen am Laufen gehalten wird. Die SS hat große Teile eingezäunt und nutzt die Häftlinge für die Arbeit im Werk. Das Werk darf auf keinen Fall bombardiert werden. Für die Häftlinge gibt es keinen ausreichenden Schutz bei Fliegerangriffen. Die haben ein paar Splitterschutzgräben, aber keinen Zugang zu den Luftschutzbunkern auf dem Gelände. Außerdem sind Teile der Produktion ausgelagert. In einem Klinkerwerk in der Nähe des KZ Sachsenhausen werden in mindestens vier Lagerhallen Flugzeugteile und Flugzeugausrüstung produziert.«

Göbbs schwieg einen Moment, sortierte seine Gedanken. »Ich habe darüber hinaus erfahren, dass seit dem letzten Sommer nach einem Platz zur Dezentralisierung der Flugzeugproduktion gesucht wird. Wenige Kilometer östlich von Oranienburg liegt ein kleiner Ort, Schmachtenhagen. Dort sollen wohl Hallen errichtet werden, oder bereits errichtet worden sein, die eine Auslagerung der Produktion ermöglichen. Näheres weiß ich noch nicht.«

Julia nickte. »Wie gesagt, ich gehe davon aus, dass zumindest die Informationen zur Produktion bereits bekannt sind. Deine Einschätzung zu den Häftlingen und die anderen Informationen leite ich weiter. Aber du hast noch mehr?«

Göbbs nickte, schob das Laken von ihrem Oberkörper beiseite und legte eine Hand auf ihre Brust. »Die haben ein neuartiges Flugzeug in Oranienburg. Sie nennen es Horten IX. Es wurde in Gotha produziert und steht im Unterwerk. Verantwortlich ist die neben dem Flugfeld liegende geheime Versuchsstelle für Höhenflüge. Trotzdem sitzt der zuständige Ingenieur im Oberwerk. Bei ihm gibt es auch einige interessante Baupläne zu der Maschine. Das Ganze erscheint ein wenig kompliziert.« Göbbs schüttelte den Kopf, als wolle er noch immer versuchen, dieses Durcheinander zu begreifen. »Obwohl die Versuchsstelle für Höhenflüge, die VfH, Träger der Flugversuche ist, hat man den verantwortlichen Ingenieur in die Heinkel-Werke einquartiert. Er heißt Steinbauer, Georg Steinbauer. Wie ich von meinem Vorgänger, der an die Ostfront versetzt worden ist, erfahren habe, muss er eine absolute Koryphäe im Flugzeugbau sein. Er kommt wohl aus der Raketenforschung um Wernher von Braun und ist bei den Horten-Brüdern maßgeblich an der Konstruktion dieses neuen Flugzeuges beteiligt. Sie haben die Maschine im Unterwerk getestet.« Seine Hand wanderte von der Brust über den Bauchnabel abwärts und schob das Laken dabei noch weiter zur Seite. »Und ich war dabei. Ein völlig neuer Typ von Flugzeug, mit Flugeigenschaften, die den Alliierten wirklich gefährlich werden können.«

Er fasste zusammen, was er von Nadler, Langner und Steinbauer über die Horten IX erfahren hatte. Dann fuhr er fort: »Ziller, der Flieger, hat am Tag nach dem ersten noch einen zweiten Testflug unternommen, die Bremsfallschirme aber etwas zu früh ausgelöst, was zu einer harten Landung führte. Ziller blieb unverletzt, die Maschine wurde gering beschädigt. Im Moment wird sie repariert. Das Ministerium macht Druck, weil sich die Russen schon hinter der Oder sammeln und man jeden Tag mit dem Start der Offensive Richtung Berlin rechnet. Im Ministerium will man mit einem dritten Testflug die Geschwindigkeit austesten. Die Serienproduktion soll wohl durch Göring bereits in Auftrag gegeben worden sein. Angeblich gibt es in Gotha einen zweiten Prototyp und vierzig bereits gefertigte Maschinen in einem geheimen Stollen in Thüringen. Nach Steinbauers Worten warten die nur noch auf die Triebwerke von BMW. Wenn diese einsatzbereit werden, haben die Alliierten ein großes Problem. Die Bomber können sämtliche Nachschubbasen in Europa erreichen, ohne dass ihnen nennenswert etwas entgegengesetzt werden kann.«

Julia griff nach seiner Hand, drückte sie in den Schoß, den sie ihm entgegenpresste.

»Und was kann man dagegen tun?« Ihre Stimme klang rauchiger als noch wenige Minuten zuvor.

»Übermorgen soll ein Vergleichsfliegen mit einer Messerschmitt stattfinden, die auch ein Strahltriebwerk hat. Und in acht Tagen der Geschwindigkeitstestflug.«

Göbbs dachte nach. Seine Hand begann, langsam zu reiben, die Finger zwischen dem dichten Haarkleid auf Erkundung zu gehen. »Ich müsste die Maschine manipulieren. Aber ich will nicht, dass Ziller bei einem der Testflüge etwas passiert.«

Julias Stimme wurde leise, als sie antwortete. »Und genau das ist dein Problem, Hauptmann Johann Göbbs. Du willst nie, dass irgendwem irgendetwas passiert. Du warst Jagdflieger und triffst keine gegnerischen Flüchtlingstrecks, also wirst du abkommandiert. Du arbeitest für den norwegischen Widerstand und kannst keine deutschen Soldaten in die Luft jagen, während diese das Land deines Großvaters besetzt halten. Ein Flugzeug wird getestet, das hunderten alliierten Soldaten den Tod bringen kann, das den Krieg verlängern und damit noch mehr zivile Opfer fordern wird und du hast Angst um einen einzigen deutschen Flieger? Du lässt dich bezahlen und verweigerst die Ausführung?«

Göbbs schwieg einen Moment, bevor er antwortete. »Ziller ist ein sympathischer Mensch.«

»Warten wir ab, was die Zentrale sagt.« Sie glitt auf ihn. »Ich denke, du wirst in drei bis vier Tagen wiederkommen müssen. Da habe ich die Antwort aus London. Und jetzt«, sie schob ihren Körper auf seinem nach unten, »wirst du auch gleich noch einmal kommen müssen.«

Eine halbe Stunde später stand Göbbs angezogen an der Kommode, während Julia ins Bad verschwinden wollte.

»Es wird alles zusammenbrechen, Julia.«

Sie blieb stehen, schaute ihn an. »Sieh zu, dass du überlebst.«

»Sieh du zu, dass du Berlin verlassen kannst«, entgegnete er leise.

Sie lachte bitter auf. »Erstens kann ich das nicht, weil unsere Agenten ihre Anlaufstelle brauchen, und zweitens hat Goebbels die Stadt zur Festung erklären lassen, wie du weißt. Er wurde von Hitler mit der Verteidigung der Reichshauptstadt beauftragt. Die lassen niemanden mehr raus. Wer Berlin verlässt, muss einen guten Grund dafür haben, einen verdammt guten und weit nach oben reichende Beziehungen. Selbst der Führer harrt hier aus, das große Vorbild. Und mit ihm sein ganzer gottverlassener Stab.«

»Wenn die Russen hier genauso wüten, wie in den eroberten Gebieten im Osten, dann musst du dich verstecken.

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