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Olympia 1936 - Danach kam alles anders

1. Die Amis kommen!

2. Na wat denn jetze?

3. Auf nach Berlin

4. Henri

5. Die Zeit der Spiele

6. Die Tage nach den Spielen

7. In der Heimat

8. Besuche

9. Nix wie weg!

10. Sharon

11. Westwärts, ostwärts

12. Kriegsbeginn

13. Martha

14. Neue Wege

15. Harros Solo

16. Schwedens Winter

17. Lukas

18. Heimwärts

19. Wieder zu Hause?

20. Berlin

21. Hannover

22. It’s Christmas

23. Und tschüss!

Die wichtigsten Personen

David Stern, geb. 1896

Harro (Harold) Stern, geb. 1906

Vadder Hinrich Wilhelm Stern, geb. 1876

Ralf, amerikanischer Sprinter

Jesse Owens, amerikanischer Sprinter

Avery Brundage, Leiter der US-Olympiadelegation

Henri Nannen, Journalist

Leni Riefenstahl, Filmerin

Heinz Hagen, Mitarbeiter von Vater Stern

Manni, Kurier

Ritter von Halt, Mitglied des Olympia-Organisationskomitees

Martha, amerikanische Sprinterin

Dimitri, russischer Journalist

Karl von Lunbarg, Onkel von David und Harro

Kurt von Lunbarg, älterer Bruder von Karl

Friedrich von Lunbarg, Neffe von Vadder, Karl und Kurt

Erna, Freundin von David

Chris Hill, Kollege von David

Sir Burton, Davids Chef

Sharon, Tochter von Sir Burton

Nadja, Freundin von Harro

Birger, Studienfreund, Bruder von Svenja

Svenja, Jugendliebe von Harro

Lukas, Sohn

Lt. Col. Barghorn, US-Offizier

Walter, US-Offizier

1. Die Amis kommen!

„Na, da bin ich ja mal jespannt, wat se diesmal wohl wieder aushecken?“

Vadder Stern sitzt voller Spannung, mit den Fingern auf die Lehne eines einfachen Holzstuhles trommelnd, in seinem Wesermünder Kontor hinter einem sehr großen, dunkelfarbenen Schreibtisch und denkt an seine Söhne. Ein kurzer Blick auf den Klappkalender zeigt ihm, dass heute der 23. Juli 1936 ist. Er kramt seine Taschenuhr aus der Weste und klappt den Deckel auf, dann geht er zu einer großen Wanduhr und zieht sie mit einem großen goldenen Schlüssel auf. Er tickt kurz gegen die Zeiger und murmelt, mit den Fingerkuppen über den Schnurrbart streichend, vor sich hin: „Hmh, ist ja noch nicht mal Mittag nicht.“

Im Hamburger Hafen macht gerade der Ozeandampfer S. S. Manhattan fest und lässt nach und nach die fast vierhundert Mitglieder der amerikanischen Delegation für die Olympischen Spiele in Berlin frei, die nach über einwöchiger Fahrt, begleitet von den Klängen einer sehr laut Marschmusik spielenden Kapelle, über eine wackelige, knarrende und quietschende Gangway das Schiff verlassen. Einige der Funktionäre und Sportler klopfen sich erleichtert auf die Schultern und lachen, als sie endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben.

Sie gehen den kurzen Weg über das feuchte Pflaster bis in die Empfangshalle des Hafengebäudes, wo die erforderlichen Einreise-Formalitäten erledigt werden, dann schlängeln sich die einheitlich gekleideten Amerikaner in ihren schicken dunklen Zweireihern mit gleichfarbiger Hose bzw. Rock, mit weißem Hemd oder Bluse, einer gestreiften Krawatte und ihren auch Kreissäge genannten Hüten durch eine Sperre deutscher Beamter und stellen sich den wartenden Journalisten und Fotografen.

Unter den Reportern sind auch David und Harro Stern, zwei Brüder aus Wesermünde. Die beiden arbeiten im Verlag ihres Vaters, der neben Kalendern und anderen Druckerzeugnissen auch das „Nordsee-Blatt“, die führende Tageszeitung der Stadt, herausgibt. Der mitunter etwas ruppig wirkende, aber geradlinige David ist Journalist und schreibt, während der von vielen Träumen und Ideen beseelte Harro fotografiert.

David hat seine früher mal sehr schlanken 176 Zentimeter in einen braunen Zweireiher gesteckt. Dazu trägt er ein blütenweißes Hemd mit passender, braun-blau-rot gestreifter Krawatte sowie einen braunen Hut mit einer etwas zu breit geratenen Krempe.

Harro, der etwas größer als sein zehn Jahre älterer Bruder ist, wirkt sehr sportlich in seinem dunkelblauen, geschlossenen Blouson mit dem hochgeklappten Kragen und dem dunkelblau gemusterten Käppi. Er schlägt David mit dem Handrücken vor den mittlerweile ganz leicht zu erkennenden Bauchansatz und frotzelt: „Schick siehste aus, da sieht man deine Plauze nicht so.“

David muss lachen, er klopft Harro mit der flachen Hand auf dessen Kappenschirm und zeigt mit dem Kopf in Richtung der amerikanischen Delegation: „Guck dir die Amis an, wie die aussehen. Anzug, Hut, Krawatte, die Damen im Kostüm, einfach perfekt. Da hab ich mich angepasst. Aber du siehst mal wieder aus wie einer von unseren Zeitungsjungs.“

Harro nickt und lächelt. Früher hatte er immer so seine Probleme mit den mitunter hart und beleidigend wirkenden Aussagen und Anspielungen des Bruders. Doch mittlerweile hat er sich an den etwas eigenwilligen Stil, der einer Mischung aus typisch norddeutschem Humor gepaart mit englischer Süffisanz entspricht, gewöhnt. Er schaut zwar maulig, das ist aber nur gespielt und so retourniert er sofort: „Na, ich bin ja auch noch in einem Alter, wo man so etwas tragen darf. Aber du bist ja fast vierzig. Da trägt man schon diese Seniorenkluft, hä?“

Harro blickt mit listigen Augen auf David, der schüttelt ganz kurz den Kopf und hat auch sicherlich einen Konter parat, aber er zieht es vor, plötzlich ernst zu schauen und seinem Bruder ein „An die Arbeit“ mit auf den Weg zu geben.

Er geht sofort mit forschen Schritten zu einem seriös aussehenden, aber skeptisch konzentriert schauenden Mitglied des US-Teams. Harro eilt dem Bruder hinterher und bleibt mit einem gewissen Abstand stehen, eine seiner Kameras schussbereit in beiden Händen. David ist nervös, in der linken Hand hält er eine schwarze Papp-Kladde, in die er immer seine Notizen macht, in der rechten, etwas wippenden Hand einen Bleistift: „Mr. Brundage?“

Der Angesprochene schaut auf David, der sich ganz leicht, aber doch spürbar vor dem amerikanischen Gast verneigt: „Excuse me, Sir. I am David Stern, I write for the Northsea-Magazine. Just three questions, please.“

Brundage guckt David direkt ins Gesicht, er mustert ihn geradezu und zeigt seine ganze angesammelte Skepsis, denn er, der Delegationsleiter des US-Teams, hat sehr harte Zeiten hinter sich, in denen er, gegen viele Widerstände ankämpfend, dafür sorgte, dass die amerikanischen Athleten doch zu den Spielen nach Berlin reisen durften. Brundage nickt zwar, wirkt dabei aber doch sehr reserviert: „Okay. What do you want to know?“

David spürt die in der Luft liegende Spannung. Auch ist er, was er von sich eigentlich gar nicht kennt, weiterhin nervös und formuliert dadurch leicht stotternd seine Frage: „Mr. Brundage, you are the leader of the US-Olympic-Team. Eh … what do you expect from the games in Berlin?”

Brundage überlegt kurz, nickt dann und sagt: „Well, Mister Stern. Funny, friendly games and a lot of medals for our team.“

David überlegt sich bereits die nächste Frage. Er wird jetzt sicherer und ringt sich nach einem kurzen Seufzer sogar ein Lächeln ab: „Who in your team is your favourite to win gold medals?“

Auch Brundage lächelt, denn er gewinnt langsam den Eindruck, dass es für ihn, zumindest in diesem Interview, keine Unannehmlichkeiten geben wird. Er erwidert Davids Blickkontakt: „Mister Stern. I am no clairvoyant.“ Er überlegt wieder, dann wird er diplomatisch: „You should know that we have a lot of good athletes in our team.“

David fühlt sich jetzt absolut sicher, ist aber mit der Antwort nicht zufrieden, denn eigentlich sind Harro und er nach Hamburg gefahren, um ein Interview mit Jesse Owens zu bekommen, also fragt er direkt nach: „What about Jesse Owens, Sir? What can he show us?“ Brundage stutzt kurz, er überlegt genau, nickt mehrmals und blinzelt souverän lächelnd mit den Augen: „Oh, yeah, I understand. Well, Mister Stern, he is the fastest man on earth since nearly one month. So I think he can show this again.“

David hat sein Ziel erreicht: ein Interview mit dem Chef. Denn seine Maxime im Geschäftsleben lautet: „Wenn du was willst, immer oben anfangen. Runter geht immer.“ Für’s Erste hat er jetzt erreicht, was möglich war. So verbeugt er sich wiederum kaum merklich vor seinem Gesprächspartner: „Thank you, Mr. Brundage. That was very kind of you. Thanks a lot.“ Dann zeigt er mit dem ausgestreckten Arm auf Harro: „Is he allowed to take some pictures?“ Brundage legt seinen Arm um Davids Schultern und lässt sich bereitwillig fotografieren. Harro ist voll in seinem Element und selbst als Brundage signalisiert ‚Jetzt ist es gut‘ und sich von David abwendet, knipst Harro immer weiter.

David geht zu Harro, der gut vier Meter entfernt steht und seine Kamera herunternimmt: „Das war schon mal große Klasse, mein Bruderherz.“

David nickt seinem Bruder voller Anerkennung zu, doch Harro wird plötzlich böse. Er mag es nicht, oder besser gesagt, nicht mehr, so angesprochen zu werden: „Nenn mich beim Arbeiten doch bitte einfach Harro. Dass wir Brüder sind, weiß ich auch so.“ David ist zwar leicht irritiert, schüttelt dann aber den Kopf und ist gedanklich schon wieder woanders. Er blickt suchend um sich, beruhigt aber gleichzeitig den Bruder: „Ja, Harro. Ist ja gut. Kommt nicht wieder vor. Entschuldige bitte.“ Er zeigt plötzlich in eine andere Richtung: „Da drüben ist übrigens Jesse Owens. Los jetzt!“

David, nur sein Ziel vor Augen, rennt sofort los. Harro braucht einen kurzen Moment, um sich wieder zu fangen und folgt dann mit schnellen Schritten dem Bruder zu einer größeren Menschenmenge, in deren Mitte Jesse Owens steht und sich bereitwillig bemüht, die teilweise von mehreren Leuten gleichzeit gestellten Fragen zu beantworten.

David versucht sich durch die Menge zu drängeln. Er wird aber von den anderen Journalisten abgeblockt, denn letztendlich wollen alle mit dem populären Sportler reden. Er blickt genervt auf Harro. Erneut versucht er zu Owens vorzudringen, erkennt aber die momentane Ausweglosigkeit seines Vorhabens und dreht sich zu Harro, der die ganze Zeit dicht hinter ihm steht und Davids Bemühungen in der Menschengruppe fotografisch festhält. „Momentan keine Chance, Harro.“ Aber David wäre nicht David, wenn er sein Ziel aufgeben würde. Er blickt in der Halle umher und zeigt auf einen großen schwarzen Mann, der im Gegensatz zu Jesse Owens völlig allein und etwas verloren wirkend in der großen Halle steht. David blickt auf Harro und zupft an dessen Jackenärmel: „Wetten, der rennt auch?“

Harro blickt skeptisch und schaut kurz auf Davids Finger an seinem Arm. Ihm wäre es lieber, wenn er genau wüsste, was sein Bruder vorhat. Er fühlt sich wie ein Korken, der bewegungslos auf dem Wasser dümpelt und sich nur bewegt, wenn an ihm gezogen wird. Dennoch folgt er seinem vorauseilenden Bruder, der bereits dabei ist, den vermeintlichen Läufer anzusprechen: „Hello, Sir. I am David Stern. Northsea-Magazine. I’d like to ask three questions, please.“

Der schwarze Mann zeigt seine strahlend weißen Zähne. Er ist froh, dass der hektische weiße Mann ihn in einer für ihn gut verständlichen Sprache anspricht und klopft ihm ermunternd mit dem Handrücken auf den Oberarm: „Okay! Go on, man.“

David lächelt, um seine jetzt plötzlich wieder auftretende Nervosität zu überspielen: „What is your discipline, Sir?“

Der Mann bemerkt Davids Unsicherheit, erwidert aber lächelnd: „Oh. I am a runner, man. Hundred yards, oh sorry, you call it metres, I am doing the hundred metres.“

David ist erfreut. Volltreffer, denkt er, ich hab es doch gewusst: „Are you running with Jesse Owens?“

Der Schwarze überlegt einen Moment, dann nickt er und lächelt amüsiert: „Yeah man, with him and against him.“

Harro steht wieder in der Nähe und fotografiert, allerdings ohne dass David irgendetwas gesagt bzw. signalisiert hat. Er ist zufrieden, dass er selbst entschieden hat, wann er seine Kamera bedient, und hebt den Daumen. David lächelt, räuspert sich zweimal und fragt weiter: „Oh, well, yeah. I understand. Who will be faster in Berlin?“

Der Schwarze beginnt jetzt zu lachen, erst leise kichernd, dann lauter. Er schaut auf den fotografierenden Harro und nickt mit dem Kopf Richtung David, dann antwortet er sehr entschlossen: „Me!“ Er schaut wieder auf David: „You must know I beat them all.“ Er macht eine Pause, schaut auf Harro, dann wieder auf David. Ganz plötzlich, kommt ihm eine Idee: „Why don´t you come to Berlin and have a look?“

David ist etwas überrumpelt und muss überlegen. Damit hat er nicht gerechnet. Schließlich nickt er, vorher einen kurzen Blick zu Harro werfend, dem Schwarzen zu: „We´ll see.“ Er denkt nach, fragt aber weiter: „Excuse me, please. What is your name?“

Der Schwarze schaut ihm in die Augen, legt David vertrauensvoll seinen Arm auf die Schulter und antwortet mit fester, klarer Stimme: „Call me Ralf, my friend. Just Ralf.“ Er geht einen Schritt zurück und bufft David mit der Faust freundschaftlich vor die Brust und reicht ihm die Hand: „See you in Berlin, okay?“ David ist völlig erstaunt über soviel Offenheit. Er erwidert den Händedruck und nickt verlegen. Ralf löst seine Hand, geht kurz zu Harro, klopft auch ihm mit einem „See you, man“ vor die Brust und begibt sich zu einer größerer Gruppe weiterer schwarzer Sportler, die dicht gedrängt zusammen stehen und sich angeregt unterhalten.

David schaut erstaunt auf Harro, dessen Augen vor lauter Aufregung blitzen: „Da hast du es, mein Alter. Auf nach Berlin. Du bist eingeladen.“

Davids Augen zeigen ebenfalls Begeisterung: „Mann, Harro. Das ist überhaupt die Idee. Wir beide fahren zu den Spielen nach Berlin.“

Harro lächelt zwar, allerdings hat sich seine vor Sekunden noch vorhandene Euphorie schlagartig in Skepsis verwandelt. Er schüttelt den Kopf, schaut den Bruder an und äußert seine Bedenken: „Na, ist ja super. Ich sehe unseren alten Herren allerdings schon im Achteck springen. Der lässt uns das doch nie machen.“

David, der ganz genau nachvollziehen kann, warum der Bruder jetzt nicht mehr so optimistisch ist, schaut sehr entschlossen auf Harro, legt ihm den Arm auf den Rücken und dirigiert ihn so in Richtung Hallenausgang: „Komm, Harro. Die Einzelheiten klären wir auf der Rückfahrt. Hier haben wir jetzt alles erreicht was ging.“

Die Brüder schauen sich noch einmal zu den aufbrechenden Amerikanern um, verlassen dann endgültig die Hafenhalle und fahren mit der Hochbahn zum Hamburger Hauptbahnhof. Dort steigen sie in den bereitstehenden D-Zug nach Bremen und setzen sich einander gegenüber auf die harten Holzbänke der 4. Zugklasse. Harro ist etwas niedergeschlagen, aber auch neugierig: „Wie stellst’n dir das vor mit Berlin, hä?“

David schaut sehr entschlossen. Der Mund wird schmal, die Augen allerdings blitzen vor Tatkraft und gleichzeitiger Spannung: „Na ja, Harro, du kennst doch unseren Alten. Wenn man begeistert genug von einer Sache ist, dann stimmt der schon zu. Du hast ihn sogar überzeugen können, bei uns im Verlag zu arbeiten. Obwohl er zu mir immer gesagt hat, das mit uns beiden in einem Laden geht niemals gut.“

Harro schüttelt den Kopf, dann nickt er plötzlich: „Na ja, David, es läuft ja auch gerade erst an. Aber unser Anfang heute war doch schon mal richtig gut. Das sind ganz dolle Bilder, sag ich dir. Du mit Brundage, du mit dem Ralf und du mit Owens.“ David winkt ab, schaut dann aber erstaunt und unterbricht den Redefluss: „Wieso Owens? Mit dem hab’ ich doch gar nicht geschnackt.“

Harro beugt sich begeistert nach vorne, legt seine Hände auf Davids Knie und schaut ihm frech und listig ins Gesicht: „Das sieht man auf dem Bild aber nicht. Da stehst du direkt vor ihm. So habe ich das fotografiert.“

„So langsam begreife ich die Macht der Fotografie“, sagt David nachdenklich.

Harro klopft euphorisch auf Davids Oberschenkel: „Das ist doch das, was ich dir immer sage. Text ist die eine Sache, aber Fotos sagen auch was aus. Was meinst du, was in der Stadt los sein wird? David Stern vom Nordsee-Blatt auf einem Foto mit dem schnellsten Mann der Welt. Mann, David, damit wirst du richtig berühmt. Zumindest in Wesermünde und im Landkreis.“

David hebt die Hand und beschwichtigt seinen Bruder: „Nun lass uns das mit Berlin mal angehen. Wenn wir Vadder überzeugen wollen, brauchen wir ’nen richtig guten Plan.“ Harro lehnt sich wieder zurück, schaut dabei kurz aus dem Fenster, schlägt lässig die Beine übereinander und verschränkt die Hände hinter seinem Kopf: „Jo, hast ja Recht. Wir dürfen bei aller Planung nur nicht vergessen, in Bremen umzusteigen. Sonst landen wir im Ossiland.“

Sie vergessen nicht umzusteigen, sondern verlassen in Bremen ihren Zug und besteigen den Personenzug in Richtung Cuxhaven. Ihre langsam müde werdenden Körper werfen sie auf die harten Holzbänke und strecken die Beine aus. Harro seufzt zwar, aber er fühlt sich gut, und immer wenn er sich so richtig wohl fühlt, verfällt er in seinen typischen Küstendialekt: „Dat sach ich dir, David. Nach Berlin gurk ich aber nicht auf diesen Böcken. Da muss unser Vadder mal richtige Karten rausrücken, mindestens zweite Klasse.“

David lacht: „Mein kleiner Bruder. Noch keine Dreißig und macht schon schlapp. Nix mehr los mit euch jungen Leuten, wa?“ David tickt Harro zum Spaß mit seiner Fußspitze vors Schienbein, doch der wird gleich wieder ernst: „Komm, Bruder. Wir sind seit vier Uhr auf den Füßen. Wir haben noch nicht mal was gegessen.“

David nickt verständnisvoll: „Ja, ich weiß. Hast ja Recht. Wenn wir da sind, gibt’s am Bahnhof erstmal ’ne Wurst. Und das mit Berlin klären wir morgen im Büro. Hab da schon was im Kopf, muss aber noch mal ’ne Nacht drüber schlafen. Einverstanden?“

Harro hebt den Arm und legt seine Hand an die in den Nacken geschobene Mütze: „Ey, ey, Käpt’n.“ Dann richtet er sich auf der harten Bank wieder auf: „Meinst du, die Amis sind schon in Berlin?“

David blickt auf seine Uhr: „Die brauchen von Hamburg aus auch nicht länger als wir nach Geestemünde.“ Harro nickt, dann legt er los: „Ich überlege gerade, wie die Parteigrößen in Berlin wohl reagieren, wenn die Schwatten unseren Jungs wegrennen. Ich glaube, das würden die gar nicht so gut finden.“

David blickt lange auf seinen Bruder: „Glaubst du denn, dass die schneller sind als unsere?“ Harro lacht und sprudelt los: „Na, liest du denn keine Zeitung? Da wird doch schon erklärt, warum der Neger schneller ist als der Weiße. Wegen seiner ursprünglichen Natürlichkeit, wie das da heißt. Du, David – und wenn ich so’n Ralf sehe, da müssen unsere sich aber strecken; und Jesse Owens auch. Ralf sagt ja selbst, dass er allen wegrennt.“

David lächelt, schüttelt dabei aber den Kopf: „Ja, ja, Harro, aber schnacken und denn auch machen, das sind zwei paar Schuhe. Aber sag mal, wer schreibt denn so was, mit der ursprünglichen Natürlichkeit? Was soll das überhaupt heißen?“

Harro regt sich auf, er fuchtelt mit den Armen, sein Gesicht wird rot: „Wer schreibt denn so was? Noch nie was vom Untermenschen gehört, David?“

Der winkt ab: „Das kann man aber doch nicht alles so ernst nehmen. Genauso wie sie auf den Juden rumhacken. Als wenn nur die Weißen was taugen.“

Harro legt nach, er wird dabei immer lauter: „Was meinst du, wie viele in unserem Reich so was glauben? Was meinst du, was in den Verbindungen bei den Studenten los ist? Was da für Meinungen herrschen? Das müssen die doch irgendwoher haben.“

Er wackelt mit dem ganzen Oberkörper und hebt drohend den Zeigefinger: „Und, mein lieber David, vergiß mal bitte das Reichsbürgergesetz nicht. Mein lieber Freund, wenn die erst mal anfangen das alles umzusetzen, dann Gnade uns aber Gott.“

„Nicht so laut Harro, wir sind ja nicht allein im Zug“, zischt David. „Du hast ja Recht, es gibt ganz viele, die das alles glauben. Aber das eine ist das Beschließen von Gesetzen und das andere ist deren aktive Umsetzung. Wer macht sich denn da schon die richtigen Gedanken? Wir berichten doch auch darüber, was aus Berlin kommt und was die da in Nürnberg immer wieder beschließen. Aber die meisten unserer Leser interessiert die Politik doch gar nicht. Die wollen einfach nur, dass es ihnen gut geht, die wollen Schiffe bauen und Fische fangen – und Landwirtschaft ist auch noch was, was die bei uns interessiert. Das siehst du doch schon daran, dass wir in unserer Zeitung mehr Seiten über diese Themen haben als über die große Politik. Aber ich weiß ja, was du meinst, es gibt mittlerweile auch bei uns schon einige Blätter, die richtig hetzen. Sind ja nicht alle so wie wir.“

David kramt sein Taschentuch hervor und schnaubt sich die Nase. Während er das Tuch wieder in der Hosentasche verschwinden lässt, fährt er fort: „Was glaubst du, was ich beim Fußball alles so höre?“ Harro schaut sehr nachdenklich auf den Bruder, der weiter ausführt: „Weißt du eigentlich, dass einige Länder überlegt haben, die Spiele zu boykottieren?“

Harro verdreht die Augen und winkt ab: „Aber doch nur die Länder, die sowieso keine Chancen haben, überhaupt Medaillen zu gewinnen.“

David schüttelt heftig den Kopf: „Nee, nee, nee. Nicht nur die. Auch die Amerikaner haben ernsthaft überlegt, nicht zu kommen.“

Harro ist erstaunt: „Das wusste ich gar nicht. Weswegen denn?“ David schüttelt den Kopf: „Weswegen denn? Na, wegen unserer Regierung. Oder glaubst du, die jubeln weltweit über die Beschlüsse und Gesetze aus Berlin? Überleg doch nur mal, wie viele Juden das in Amerika gibt. Und die haben Einfluss, Harro. Auch im Sport. Und wenn die Amis nicht gekommen wären, hätten viele andere auch abgesagt.“

Harro schaut skeptisch: „Woher weißt du denn, dass die Amis nicht kommen wollten? Ich hab nichts davon gehört und auch nichts gelesen.“

David lächelt gequält: „Na ja, der ‚Stürmer‘ wird schon nicht darüber berichten, das weiß ich von …“ Harro wird wütend, er unterbricht David: „Ich les’ den ‚Stürmer‘ nicht. Das ist Propaganda. Das ist für mich keine Zeitung. Das ist ein reines Hetzblatt.“

David versucht Harro zu beruhigen: „Das weiß ich doch, Harro. Sollte ’n Scherz sein.“

„Deine Scherze, David, lass stecken. Manchmal liegst du einfach daneben.“ Harro versucht sich wieder zu beruhigen und fügt nur noch kurz an: „Weniger ist manchmal mehr, David. Und jetzt lass einfach gut sein mit dem Thema. Da reden wir in aller Ruhe drüber. Aber allein, vielleicht auch mit Vadder, aber nicht hier im Zug.“

David nickt, er macht sich, so weit das auf der harten Bank überhaupt möglich ist, etwas lang und reckt sich. Er weiß, dass er überzogen hat und seufzt: „Ist auch schon spät, Harro. Ich bin müde.“ Harro lehnt sich ebenfalls entspannt zurück. Die Brüder schweigen und lauschen den Geräuschen des Zuges, der unterbrochen von vielen Stopps in kleinen Dörfern durch die norddeutsche Tiefebene in Richtung Nordseeküste rattert.

2. Na wat denn jetze?

Am nächsten Morgen betritt Harro in Wesermünde das Verlagsgebäude des Druckhauses Stern und geht mit forschen Schritten über den langen Korridor direkt ins Chefkontor. Dort sitzt David, der wieder einmal wesentlich früher als Harro aufgestanden ist, zusammen mit dem Vater. Hinrich Wilhelm Stern ist ein immer noch jugendlich wirkender Anfangsechziger, ein galanter, gut aussehender Mann, der seine blitzgescheiten, listigen Augen hinter einer sehr modernen Hornbrille versteckt. Der geborene Ostpreuße wollte als junger Mann eigentlich nach Amerika auswandern. Doch dann verliebte er sich in die Tochter des Besitzers des Rittergutes Lunbarg, auf dem er das Geld für seine Überfahrt in die Neue Welt verdienen wollte. Das erste Ergebnis dieser Liebe war David, zehn Jahre später wurde Harro geboren.

Vater Stern erhebt sich von seinem Stuhl, geht kurz in seinem großen, holzvertäfelten Kontor auf und ab, streicht sich über seinen grau-blonden Schnurrbart und begrüßt Harro mit Handschlag. Schließlich sagt er mit seinem immer noch vorhandenen ostpreußischen Dialekt: „Setz dich, Harro. Der David hat mich schon aufjeklärt. Berlin, na jut, sehe ich ja eyn. Eventuell. Aber beyde dahin, dat seh ich nicht so. Da reycht eyner. Aber wie habt ihr eych dat denn vorjestellt, Jungens?“

Harro, der heute seinen neuen zweireihigen Anzug trägt, den er zu seinem erst vor wenigen Wochen erfolgten Einstieg in den Verlag bekommen hat, zupft kurz an seiner Krawatte, setzt sich dann und schaut auf David. Der erklärt mit den Händen gestikulierend in seiner ihm eigenen Präsentations-Sprache, einer Mischung aus geschliffenem Hochdeutsch, etwas Plattdeutsch, lokalem Slang sowie hin und wieder einigen englischen Brocken: „Vadder! Wir haben lange und viel diskutiert und uns entschieden, dass Harro nach seinem Studium hier bei uns im Verlag arbeitet. Jetzt lass uns den neuen Weg auch konsequent gehen. Guck dir die Bilder aus Hamburg an. Die sind einfach Klasse.“ Er hebt die Stimme: „Harro viewt mit seiner Kamera Dinge, die für andere absolut unentdeckt bleiben.“

Der jetzt wieder hinter seinem Schreibtisch sitzende Vater blickt skeptisch. Er hebt ganz langsam den Arm und zeigt dem Sohn die geöffnete Innenfläche seiner rechten Hand, dann sagt er mit ganz ruhiger Stimme: „Na, na, na, Jung. Nu trag man nicht so auf nich. Mit diesen kleynen neymodischen Apparaten so eyn bisschen rumknipsen kann ja nun nicht de Welt seyn.“

Harro ist sauer über dieses Desinteresse seines Vaters. In ihm brodelt es, denn er merkt gerade jetzt ganz besonders, dass er sich seine angehende Position im Verlag hart erkämpfen muss und dass ihm nichts geschenkt werden wird. Er ergreift das Wort: „Doch, Vadder. David hat Recht. Ich sehe da wirklich mehr als andere. Das hat schon früher mein Lehrherr gesagt, und mein Professor in Kiel hat das auch bemerkt. Ich bin bei so was einfach besser als andere. Ich kann eben besser beobachten, ich …“

„Ich will dich ja jar nicht hindern zu arbeyten. Wird ja langsam auch mal Zeyt damit anzufangen. Hast ja auch lang jenug rumstudiert und jemacht de janzen Sachen da.“ Vater Stern unterbricht Harro, denn bei ihm hat sich wegen der seiner Meinung nach viel zu langen, von ihm finanziell unterstützten Studienzeit von Harro, eine Menge Zorn angesammelt. Außerdem möchte er, dass sein Jüngster, den er in den letzten Jahren viel zu selten gesehen hat, sich ihm gegenüber respektvoll verhält und jetzt erst einmal beweisen soll, was in ihm steckt, so dass sich die getätigten Investitionen auch gelohnt haben.

David, der genau spürt, dass es wieder zu einem der vielen, früher meistens zur Weihnachtszeit stattfindenden, heftigen Streitgespräche zwischen Vater und Sohn kommen kann, versucht mit lauter werdender Stimme den drohenden Zwist zu unterbinden: „Vadder! Bitte! Noch bin ich dran. Ich sagte vorhin, dass wir uns auf einen Weg geeinigt haben. Den sollten wir jetzt auch gehen.“

Vater Stern jedoch ist richtig wütend. Er möchte natürlich auch, dass seine Söhne eines Tages das von ihm aufgebaute Unternehmen fortführen. Besonders von David, mit dem zusammen er die Zeitung gegründet hat, erwartet er einiges. Aber Harro soll sich erst einmal einfügen. Und so kehrt Hinrich Wilhelm Stern den mächtigen Alleinchef heraus: „Eyn für alle Mal. Ich lass mir von eych nicht vorschreyben, wat ich zu tun und zu lassen habe. Noch nicht! Da müsst ihr noch warten drauf.“

Plötzlich knallt Harro voller Wut mit der flachen Hand auf den Tisch: „Da ham wir’s ja mal wieder. Mit dir kann man einfach nicht reden. Kaum ist mit ’m Kopp mal ’ne Entscheidung gefallen, haust du sie mit dem A…“ Er holt tief Luft, setzt dann neu an: „… haust du sie mit dem Achtersten wieder um.“ Sein Kopf ist hochrot, er steht am Schreibtisch vor seinem Vater und wedelt mit den Armen: „Ich glaube, ich bin hier im Raum der Einzige, der eine richtige Lehre gemacht hat und auch noch einen Hochschulabschluss einbringen kann, oder? Das ist sehr viel wert in der heutigen Zeit. Guck nach vorne, Vadder, du willst immer alles so geregelt haben, wie es früher einmal war. Aber wir haben keinen Kaiser mehr und keinen Bismarck. Heute herrschen andere und damit auch andere Regeln.“

David springt auf und hält seinen Arm zwischen den erregten Vater und den völlig aufgebrachten Harro: „Jetzt kleit mi doch an ’n Moors. Seid ihr denn beide bekloppt? Wir haben doch alles auf der Reihe.“ David wendet sich beschwichtigend zum Vater: „Vadder. Bitte. Bitte! Wir sind doch jetzt in einem Alter, hier langsam mal Stück für Stück das Ruder zu übernehmen. Du bist doch schon sechzig. Ruh’ dich doch mal aus. Du hast seit Mutters Tod nicht einmal richtig Urlaub gemacht und das ist jetzt über zehn Jahre her. Du glaubst immer, ohne dich geht nichts. Lass uns doch beweisen, dass wir das hinkriegen.“

Vater Stern winkt ab. Er schnauft, erhebt sich von seinem Stuhl und kehrt seinen Söhnen den Rücken zu. Er schaut vor sich hin schnaubend aus dem Fenster und sagt: „Ich brauche keynen Urlaub nicht!“

Harro geht unruhig auf und ab. Auch er schnaubt, wenn er wütend ist, genau wie der Vater: „Ich hau wieder ab. Das hat ja doch alles keinen Zweck hier.“

David, der eigentlich, weil sich Vadder und Harro in ihrer Wut genau gleich verhalten, lachen möchte, schaut eindringlich auf seinen Bruder: „Harro, halt die Luft an.“

Harro atmet tief durch und erwidert lange Davids Blick. Er nickt ihm ermutigend zu, als er merkt, dass der Bruder die Entscheidung zur Beendigung des Streites sucht. David wendet sich an seinen Vater. Er wirkt dabei sehr bedrohlich: „Und Vadder, du hörst jetzt auch zu! Sonst ist hier auch für mich Feierabend. Dann geh ich eben wieder nach England.“

Im Raum herrscht eisiges Schweigen. Der Vater scheint einzulenken. Er wendet sich jedenfalls zu David, blickt ihn an und lässt sich mit einem tiefen Seufzer in seinen dicken Ledersessel in der mit einem übergroßen Abraham-Lincoln-Gemälde sowie wesentlich kleineren Kaiser-Wilhelm- und Bismarck-Portraits geschmückten Sitzecke des Kontors fallen, verschränkt die Arme vor der Brust und schaut auf seine Söhne: „Na, wat denn jetze?“

David baut sich auf, er ruckelt wieder kurz mit dem Oberkörper, überprüft, ob sein Vater und Harro ihn anschauen, dann legt er los: „Wir hatten uns doch darauf geeinigt, dass wir unseren Verlag ausbauen wollen. Das Nordsee-Blatt verbessern, neue Objekte rausbringen.“ David schaut fragend in die Runde: „Richtig?“

Harro schaut auf David und murmelt Kopf nickend: „Richtig!“

David nickt, schaut dann auf seinen Vater: „Richtig?“

Vater Stern reagiert nicht. David wird lauter: „Vadder! Richtig?“

Hinrich Wilhelm Stern reagiert immer noch nicht, er schaut seine Daumen rollend zur Zimmerdecke. David brüllt: „Vadder?“ Er macht eine Pause, wartet bis sein Vater ihn endlich anschaut, fragt dann ganz ruhig: „Richtig, Vadder?“

Der Vater zuckt zusammen, schließlich hebt er ohne etwas zu sagen die Hand und nickt. David nimmt das als Zustimmung. Er atmet tief durch, schaut auf Harro und fährt fort: „So! Und diesen Weg gehen wir jetzt. Und zwar folgendermaßen. Erstens …“ David wird unterbrochen. Die Sekretärin des Verlages klopft kurz an der Tür und betritt, ohne ein Signal bekommen zu haben, mit einem Tablett in der Hand den Raum: „Herr Stern, ich …“

David fühlt sich gestört und brüllt: „Raus!“ Die Sekretärin schaut völlig überrascht auf David, dann auf den Vater, zieht den Kopf ein und verschwindet sofort wieder hinter der Tür. David atmet tief durch, beginnt dann erneut: „So, und diesen Weg gehen wir jetzt. Und zwar folgendermaßen: Erstens. Vadder, du bleibst auf der Brücke. Zweitens. Harro und ich fahren nach Berlin und berichten jeden Tag von den Olympischen Spielen. Daraus macht ihr hier im Verlag eine Sonderbeilage. Drittens. Nach den Spielen werden wir aus unserem Material ein Buch machen.“ Er macht eine kurze Pause, atmet erneut tief durch und blickt mit ganz festen Augen auf den Bruder: „Danach werden Harro und ich peu à peu das Kommando im Verlag übernehmen. Harro kümmert sich um die neue Technik für die Druckerei, hilft mir bei der Gestaltung und ich kann mich dann endlich um die Inhalte der neuen Objekte kümmern. Und du, Vadder, machst mit Frau Lienau erstmal ’n richtig schönen Segelurlaub oder fährst mit ihr mal in die Berge.“

Vater Stern fällt fast aus dem Sessel: „Woher weyßt du von Frau Lienau?“ David hüstelt etwas, wischt sich mit dem Taschentuch über die Lippen und schaut mit dem Kopf signalisierend „Mach du mal weiter“ auf Harro: „Vadder! Glaubst du allen Ernstes, dass du deinen zwei ausgeschlafenen Burschen was vormachen kannst?“

Der Vater wiegelt den Kopf, er reibt sich die Hände an seinen Hosenbeinen und seine Lippen werden zum Strich: „Och, Mensch, Jungens. Nun hört doch mal zu. Eyre Mutter ist doch schon …“

Harro tritt an den Sessel zu seinem Vater, er beugt sich vor und legt seine Hände auf die dicken Lehnen: „Jo, Vadder. Alles in Ordnung. Keine Erklärungen bitte, das hast du gar nicht nötig. Du machst deine Dinger, wir unsere. Aber was den Verlag betrifft, den steuern wir in Zukunft gemeinsam.“ Er richtet sich wieder auf und schaut auf seinen Bruder. Lange schauen sie sich an, sie sind sich einig.

Vater Stern schält sich aus seinem Sessel und guckt mit einem gewissen Stolz auf seine Söhne: „Na jut, denn jeht ihr man erstmal nach Berlin und wenn ihr zurück seyd, dann sehen wir mal weyter hier.“ Er lächelt, denn er freut sich, weil er erreicht hat, was er für sich herausfinden wollte. Er will, dass sie gemeinsam den Verlag vorantreiben. Zuerst war er skeptisch, aber jetzt hat er die Bestätigung, dass die Söhne zusammenstehen, selbst wenn es gegen ihn geht. Dieser Zusammenhalt beruhigt ihn und macht ihn sogar ein bißchen stolz. Ironisch brabbelt er vor sich hin: „Und eines sag ich eych, de Zeyt wo ihr nicht da seyd hier, die werde ich richtig jenießen hier, ihr Lorbasse.“ Dann verlässt Vater Stern mit einem leichten Grinsen sein Kontor.

Die Brüder schauen sich an. Harro nickt mit dem Kopf Richtung Tür. David versteht, was Harro meint und geht zu der Sekretärin Frau Lienau, um sich für seine Ruppigkeit zu entschuldigen.

3. Auf nach Berlin

Die Sonne versucht sich durch die Wolkendecke zu kämpfen. Es ist noch sehr früh und auch etwas kühl an diesem 30. Juli 1936. Die Brüder stehen auf dem Geestemünder Bahnhof. Beide im Anzug, David wieder mit Hut, Harro mit seinem Käppi und beide mit einem großen Koffer. Harro hat eine große Tasche mit seiner Fotoausrüstung umgehängt. Der Zug rollt ein und die beiden besteigen den Waggon, wo sie es sich in ihrem Abteil bequem machen.

Diesmal reisen sie in der 2. Klasse. David sitzt seinem Bruder gegenüber und zeigt seine gute Laune: „Na, Kleiner, aufgeregt?“

„Wenn du weiterhin immer ‚Kleiner‘ zu mir sagst, werden wir in Berlin nie für voll genommen.“ Harro schüttelt den Kopf. Er ist mal wieder sauer. Schweigend schaut er aus dem Fenster und lauscht dem typischen intervallmäßigen Schnaufen der Dampflok, die sich langsam in Bewegung setzt, um den voll besetzten Zug in Fahrt zu bringen.

David hat den Unmut des Bruders für sich abgehakt, er ist begeistert: „Mensch Harro, jetzt lass uns mal ’ne Strategie abstecken. Diese Reise muss ein Riesenerfolg werden. Mann, wir werden die tollsten Leute kennen lernen. Andere Journalisten aus der ganzen Welt, Reporter, Sportler, vielleicht sogar Filmstars. Weißt du, im Hotel Adlon trifft sich die Welt. Da werden wir hingehen.“

Harro blickt kurz aus dem Augenwinkel auf David und winkt amüsiert ab: „Ja, ja, Bruderherz. Aber wir wohnen nicht im Adlon. Wir wohnen in einer Pension in Charlottenburg. Wer weiß, wie die Bude aussieht.“

David schmunzelt: „Ja, mein Kl…, eh Bruderherz.“ David bricht ab, denn er bemerkt Harros wieder aufkommenden Unmut. „Sag bitte Harro. Einfach Harro. So wie mich alle nennen. Vergiss nicht, wir sind auf dieser Mission als Journalisten unterwegs. Du schreibst, ich fotografiere. Das, Herr Kollege, ist unsere Aufgabe!“

David ist beeindruckt. Es ist nicht so, dass er den Bruder nicht ernst nimmt. Aber die langen Gespräche mit dem Vater, ob Harro denn, trotz zweier Ausbildungen und seinen weiteren Begabungen auch als Mensch schon so weit sei, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen, haben auch bei David Spuren hinterlassen. David verzieht mit einem leichten Lächeln das Gesicht und murmelt sich selbst zu: „Er wird tatsächlich richtig erwachsen.“

Harro hat es gehört und erwidert: „Ja, Bruder. Ich bin erwachsen. Soweit wir Sterns das überhaupt können. Vadder ist ja heute teilweise noch ’n Kindskopp. Und du, na ja, weißt ja selbst, kennst dich ja besser als ich.“ Harro schnaubt tief durch, diesmal ist es aber keine Wut, die ihn animiert so zu handeln, es ist pure Entschlossenheit. Er fährt fort: „Weißt du David, ich habe mir etwas vorgenommen. Ich freue mich, dass wir die Möglichkeit haben, zu den Olympischen Spielen zu fahren. Aber das ist nicht das Ende meiner Fahnenstange. Fotografieren mache ich nur als Steckenpferd, obwohl ich besser bin als die meisten. Aber das weißt du ja, hast mich ja selbst mal da drauf gebracht. Weißt du noch, meine ersten Zeichnungen? Und weißt du noch, wie ich Erna dazu gebracht habe mir Modell zu sitzen? Auch später für die Fotos.“

Die Brüder schmunzeln, David tickt Harro vor die Brust: „Aber sie hat das gern gemacht, Harro. Auch weil sie dir damit ’n büschen den Kopf verdrehen konnte. Das hat ihr gefallen.“

Harro lacht, er ist in Redelaune: „Mann, war ich aufgeregt damals. Aber weißt du was, David? Weißt du, was mir gerade einfällt? Wir sind Brüder. Seit fast dreißig Jahren. Aber wir haben nie richtig zusammen gespielt. Oder? Ja mal so’n bisschen, ganz früher. Oder auch so Dinger in den Semesterferien wie mit den Zeichnungen und Fotos. Aber das ist schon viel zu lange her. Du warst früher im Krieg, dann in England. Ja, und ich bin nach Bremen, nach Göttingen und dann nach Kiel und hab da studiert. Und jetzt bin ich fertig mit allem und soll bei euch im Verlag arbeiten. Aber eines bedrückt mich, wir kennen uns gar nicht richtig, oder?“

David schluckt, er greift auf den freien Sitz neben seinem und holt aus seiner Aktentasche eine Kanne mit Kaffee und eine Blechbüchse, in der selbst geschmierte Brote liegen. Diese reicht er Harro und schaut ihn sehr ernst an: „Dann lass uns die Zeit in Berlin nutzen, um das zwischen uns aufzuarbeiten, was wir bisher nicht geschafft haben.“

Harro nickt nur, er nimmt eine Stulle und beißt herzhaft in sein Brot. Nach der Mahlzeit lehnt David sich bequem in seinen Sitz zurück. Harro beobachtet, selbst langsam wegschlummernd, wie David innerhalb kürzester Zeit eingeschlafen ist.

Nach kurzer Zeit schreckt Harro hoch und sieht, wie David heftig atmend mit schweißnasser Stirn in seiner rechten Hosentaschen nestelt. David zieht ein Taschentuch hervor und wischt sich die Stirn ab. Harro ist erschrocken: „Wat is’ los, David?“

David hüstelt, winkt dann aber ab: „Hab geträumt. Nix Schlimmes.“

„Nix Schlimmes?“, wiederholt Harro. „Das sah aber ganz anders aus. Was hast du geträumt?“

David atmet einige Male tief durch und schnaubt sich die Nase. „Ach, erzähl ich mal in Ruhe. Damals, in England. Mit dem Unfall.“

Harro lässt nicht locker: „Welcher Unfall? Wieso erzählst du nichts? Bist du krank?“

David schüttelt den Kopf: „In Ruhe mal, Harro. Dann erzähl ich dir alles. Aber keine Sorge, ich bin in Ordnung. Das kommt nur manchmal wieder hoch. Also, keine Sorgen machen, Okay?“ Harro schaut sehr skeptisch, aber er nickt.

In Hannover verlassen die Brüder ihren Zug und besteigen den Fernzug Köln – Berlin. Sie sind beeindruckt von dem komfortabel eingerichteten Abteil. Harro streicht sogar über die samtige Armlehne des Sitzes. Er schmunzelt und sagt in Erinnerung an frühere Bahnfahrten während seiner Studienzeit: „Ist man doch ’n ganz annern Schnack so ’n richtiger Zug.“

Auch Davids Blick schweift durchs Abteil und er nickt anerkennend. Harro möchte wissen, was es mit Davids Traum auf sich hat und spricht, wenn auch indirekt, das Thema noch mal an: „Ich träum’ ja auch viel, David. Aber meistens was Angenehmes. Letzte Nacht war ich noch mit Svenja in Kiel im Park unterwegs.“ Harro gerät ins Schwärmen, er beobachtet aus den Augenwinkeln seinen Bruder: „Mann, David, war das ein schöner Sommer letztes Jahr.“ David allerdings geht nicht auf Harros Ausführungen ein. Er schaut nachdenklich aus dem Fenster auf die vorbeifliegende Landschaft und so verläuft die Weiterfahrt nach Berlin zumindest für Harro viel zu ruhig. Nach gut zweistündiger Fahrt erreicht der Zug in Berlin den Anhalter Bahnhof.

In aller Ruhe, die anderen Fahrgäste aus dem Zug hetzen lassend, hängen sie ihre Taschen um, setzen Hut und Mütze auf, nehmen ihre Koffer und verlassen langsam den Zug. Es herrscht ein dichtes Gedränge auf dem Bahnhof und so unterhalten sich David und Harro, die beide zum ersten Mal in Berlin sind und sich überhaupt nicht auskennen, lautstark über mehrere Passanten hinweg. Harro schaut umher: „Wo müssen wir denn hin?“

David zeigt mit dem Kopf: „Na, zur U-Bahn.“ Harro schüttelt genervt den Kopf: „Schlaumeier, dat weiß ich auch. Und welche?“

David ist ebenfalls ziemlich genervt und wird etwas laut: „Mensch, Harro, zum Adolf-Hitler-Platz. Ich denk, du hast dich vorbereitet. Ist die Linie 2, glaube ich.“

Ein Passant mischt sich ein und sagt mit unverkennbarem Berliner Dialekt: „Stimmt, Meester. Det is de zweie.“ David nickt ihm zu: „Danke.“

Die Brüder wühlen sich durch die Menge, finden den Bahnsteig und betreten die U-Bahn, in der ebenfalls dichtes Gedränge herrscht. Sie halten ihre Koffer zwischen den Beinen. Harro hat seine Tasche mit der Fotoausrüstung quer vor dem Bauch hängen und stupst damit einen anderen Fahrgast an. Dieser ist darüber sehr ungehalten und fährt Harro an: „Hey, pass doch uff, Mann. Bis doch nicht alleene unterwegs, wa.“

Harro schaut ihn an: „Entschuldigung.“ Doch der Fahrgast legt nach: „Ja, ja. Entschuldigung. Mann, hör doch uff. Mach doch dein Umzuch mit’n LKW und nicht mit de U-Bahn.“

Endlich erreicht die U-Bahn den Adolf-Hitler-Platz, und die Brüder können die Bahn verlassen. Auf dem Bürgersteig angekommen, gönnen sie sich erstmal einen Blick über den mit einem riesigen Flaggenmeer schon ganz für Olympia geschmückten Platz. Sie stellen ihre Koffer ab und wischen sich synchron mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Harro ist erstaunt: „Ist wärmer hier als bei uns, oder?“

David wedelt sich mit seinem Hut etwas Luft zu, er nickt: „Hast Recht, aber ist ja auch eine andere Klimazone hier. Kontinentalklima. Für Seeluft-Verwöhnte wie uns ganz schön stinkig.“

Harro schnuppert und blickt umher: „Stimmt. Stinkt wirklich. Na ja, guck mal, bei den vielen Autos hier auch kein Wunder.“ David blickt sich noch einige Male um, setzt seinen Hut wieder auf und kramt einen Stadtplan aus seiner Aktentasche, während Harro eine vorbeikommende Passantin anspricht: „Entschuldigung, zur Reichsstraße, Pension Charlotte?“

Die Passantin bleibt stehen und lächelt Harro an: „Na, da kommen Se mal mit, junger Mann, da muss ich auch hin. Sind nur gut dreihundert Meter. Det schaffen Se doch, oder?“

Harro geht sofort mit und antwortet: „Na, klar. Mit Ihnen würde ich sogar noch viel weiter laufen.“ Er hat momentan nur Augen für die junge Dame und bemerkt gar nicht, dass David immer noch auf dem Bürgersteig steht und in seinem Stadtplan blättert. Nach einem kurzem Stück bleibt er allerdings stehen und brüllt etwas singsangmäßig in Richtung David: „Halloooo, Herr Kollege Steeern. Auf geht es. Das Hotel ruft.“

David schaut Richtung Harro. Dabei fühlt er plötzlich, wie er nach Harros Rufen von einigen Passanten geradezu angegafft wird. Manche bleiben sogar stehen und schauen ihn an. Er ist verwundert und blickt zurück, folgt dann aber Harro. Dabei schaut er sich noch einmal um und sieht, dass immer noch einige Leute hinter ihm herschauen und tuscheln.

Die Gruppe erreicht die Reichsstraße und steht dann endlich vor der Pension Charlotte. „So, da sind wir. Ich arbeite übrigens hier in der Pension. Sie gehört meiner Tante. Die heißt Lucie. Und ich bin Ingrid. Ingrid Heinemann.“

Harro nickt und lacht: „Oh, freut mich. Ich bin Harro Stern. Fotoreporter aus Wesermünde. Das ist mein Kollege David. Heißt auch Stern.“ Dann erklärt er: „Wir sind Brüder! Ja, eh …, wir sollen für unsere Zeitung von den Olympischen Spielen berichten.“

Ingrid blickt leicht verwirrt zwischen den Brüdern hin und her: „Ja, eh, das freut mich.“ Sie begrüßt David und gibt ihm die Hand. Sie schaut ihn sehr lange an und streicht dabei immer wieder mit ihrer flachen Hand über ihren Mantel: „Ja, dann lassen Sie uns mal reingehen. Die Rezeption ist im ersten Stock. Aber es gibt einen Fahrstuhl. Warten Sie, ich gehe mal vor und hole ihn.“

Ingrid eilt sehr forsch die Eingangstreppe empor und hält die Tür auf. Die Brüder folgen ihr. Während Harro jetzt die hölzerne, mit schweren Messingbeschlägen versehene Eingangstür offen hält, bedient Ingrid per Schlüssel den Fahrstuhl und dessen Tür, damit die Brüder mit ihrem Gepäck einsteigen können. Dann betritt auch sie den Fahrstuhl und berührt dabei ganz leicht Davids Hand. Sie lächelt zwar, aber irgendwie ist sie auch leicht verunsichert und heilfroh, als der Fahrstuhl endlich den ersten Stock erreicht.

Sie stellt sich hinter den Tresen und fragt: „Haben Sie Durst, meine Herren? Darf ich Ihnen was zu trinken anbieten?“ Harro und David schauen sich an und antworten gleichzeitig: „Oh ja.“ Harro fügt noch schnell ein: „Gerne!“ hinterher. Harro unterbricht die entstehende Pause: „Haben Sie eine Limonade für mich?“

Ingrid nickt: „Aber klar.“ Dann schaut sie auf David: „Und Sie, Herr Stern?“ David schaut zwischen Harro und Ingrid hin und her: „Ja, hmh, haben Sie für mich ein Bier?“

Ingrid geht in den hinteren Raum und ruft: „Aber ja, gern, natürlich!“

Harro verzieht anerkennend den Mund: „Ganz nett bis jetzt, wa?“ David allerdings ist nachdenklich: „Hmmmhhh.“

Ingrid kommt zurück, in den Händen die Getränke: „Gläser, meine Herren?“ Harro winkt ab: „Nein danke, vielen Dank, das geht auch so!“

Die Brüder nehmen die von Ingrid gereichten Flaschen und trinken durstig. David setzt die Flasche ab und seufzt: „Das tat richtig gut jetzt.“ Er setzt noch mal an, trinkt die Flasche aus und stellt sie auf den Tresen, woraufhin Ingrid amüsiert lächelt: „Möchten Sie noch eines, Herr Stern?“ David schüttelt den Kopf: „Nein danke. Das reicht erstmal, vielen Dank. Dürfen wir jetzt bitte unsere Zimmer sehen?“

„Aber klar.“ Ingrid nickt David zu, dreht sich um und greift zum Bord mit den Zimmerschlüsseln.

Plötzlich betritt eine etwas ältere, überaus gepflegt und elegant wirkende Dame den Raum. In sehr gewähltem Deutsch begrüßt sie ihre Gäste, wobei ein leichter pommersch gefärbter Dialekt zum Vorschein kommt: „Ich freue mich, Sie begrüßen zu dürfen. Wie ich sehe, hat sich meine Nichte Ihrer ja schon angenommen. Nun ja, meine Herren. Willkommen in Berlin. Ich hoffe, Sie werden sich wohl fühlen.“

David verbeugt sich und stellt sich vor: „Stern, David Stern. Das ist mein Kollege und Bruder Harro. Wir sind Reporter aus Wesermünde.“

Die Dame nickt, reicht David die Hand: „Angenehm. Lucie von Miltzow. David und Harro. Das sind ja interessante Namen in der Konstellation.“ Sie reicht auch Harro die Hand. Der schaut Frau von Miltzow in die Augen und erklärt lächelnd: „Ja, da haben Sie Recht. Das haben wir aber schon öfter gehört. Mein Bruder war sehr klein und schwach bei seiner Geburt. Da hat unsere Großmutter entschieden, wenn er die Nacht überlebt, dann soll er David heißen. Ja, gnädige Frau, er hat, wie man sieht, überlebt und nun heißt er so.“ Harro senkt etwas den Kopf und schaut, weil er meint, wieder einmal zu privat geplaudert zu haben, entschuldigend auf David.

Frau von Miltzow ist neugierig: „Aha. Und woher kommt Harro?“ Harro schaut wieder entschuldigend auf David, bleibt aber sehr offen: „Ich heiße eigentlich Harold, aber das sagt keiner zu mir. Bei uns sagen alle Harro. Sogar mein Vater.“

Frau von Miltzow legt leicht lächelnd den Kopf zur Seite: „Nun ja, meine Herren. Dann haben wir das ja jetzt geklärt. Dann wollen wir Ihnen mal Ihre Zimmer zeigen. Ich gehe vor.“ Sie geht, man könnte auch sagen sie rennt, mit schnellen Schritten los und sagt dabei sehr resolut: „Bitte folgen Sie mir!“

Sie schreitet die Treppe herab und parliert immer weiter: „Ich nehme immer die Treppe. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus. Aber Sie sind ja noch jung. Ich habe Ihnen die Zimmer im Erdgeschoß zugeteilt. Sie werden ja sicherlich auch mal später nach Hause kommen. Da müssen Sie dann nicht durchs ganze Haus laufen. So, hier ist das etwas größere Zimmer.“

Frau von Miltzow schließt die Tür auf, geht auf die gegenüber liegende Flurseite und öffnet das andere Zimmer. Sie selbst bleibt auf dem Flur stehen und zeigt mit den Händen, aber eigentlich ist ihr ganzer Körper in Bewegung und es sieht ein wenig aus, als würde sie beim Erklären tanzen: „Dieses ist etwas kleiner, dafür aber zum Hinterhof, also ruhiger, meine Herren. In beiden Zimmern haben Sie ein Waschbecken. Die Toilette und das Bad sind am Ende des Ganges.“

Frau von Miltzow wirkt in ihrer sehr bestimmten, aber großzügigen Art etwas belustigend auf die Brüder. Sie scheint das zu merken und fügt mit einem lächelnden Unterton hinzu: „Ja, aber wer wo schläft, das dürfen Sie entscheiden.“ Harro verbeugt sich: „Vielen Dank auch, gnädige Frau. Sehr zuvorkommend.“

Er schaut mit listigen Augen auf David. „Also, Bruder, ich denke mal, du lieber ruhig. Dann habe ich hier mehr Platz für meine ganzen Fotosachen.“ Harro zeigt auf das größere Zimmer. David nickt und fügt hinzu: „Einverstanden. Breite dich mal richtig aus.“

Lucie von Miltzow übernimmt wieder das Kommando: „Meine Herren, hier sind Ihre Schlüssel. Der größere von beiden passt vorn in die Haustür. Diese hier sind für Ihre Zimmer. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“ Dann entschwindet Lucie von Miltzow mit wiederum forschen Schritten auf der Treppe. Die Brüder schauen ihr nach, lachen kurz laut auf und atmen voller Erleichterung tief durch.

Harro betritt sein Zimmer, lässt sich auf das breite Doppelbett fallen und ruft: „Mann, Bruder, hier könnte ich mir ja jeden Abend jemanden einladen, dann muss ich nicht alleine schlafen. Juhu!“ David lächelt wohlwollend und macht sich auf den Weg in sein Zimmer: „Ich geh dann mal auspacken.“

Die beiden packen ihre Koffer aus und richten ihre Zimmer ein. Anschließend nimmt David seinen Kulturbeutel, klemmt sich ein Handtuch und saubere Unterwäsche unter den Arm und schaut kurz zu Harro ins Zimmer: „Ich geh mal ins Bad.“

Er geht über den mit einem dicken, dunkelroten Läufer ausgelegten Flur ins Bad und ist sofort begeistert über die sehr moderne Ausstattung mit Dusche, Badewanne und den zwei unterschiedlich großen Waschbecken. Er wäscht und rasiert sich, inspiziert dabei weiter das Bad und fasst voller Neugierde an einen großen, hell lackierten, mehr als mannshohen Behälter. Dabei verbrennt er sich fast die Finger. „Lass doch die Griffel weg“, sagt er zu sich selbst und pustet auf die heiß gewordenen Finger. Er verlässt gut gelaunt das Bad und klopft bei Harro.

„Yes Sir, come in“, dröhnt es von innen. David lächelt und betritt das Zimmer. Harro liegt auf dem Bett, die Hände hinterm Kopf verschränkt. David blickt sich in Harros Zimmer um, das jetzt, wo er im Raum steht, noch größer wirkt als vorhin, als er nur einen kurzen Blick durch die Tür geworfen hat. „Machst schon einen auf international, oder was? Also, ehrlich, ich sage dir was. Besser können die hohen Herren im Adlon auch nicht wohnen. Musst dir mal das Bad angucken. So was gibt das bei uns noch gar nicht. Ist man doch ’n ganz annern Schnack, so ’ne richtige Großstadt.“

Harro erhebt sich von seinem Lager: „Also, ich bin echt zufrieden hier. Aber mal ehrlich jetzt, David, ich habe Hunger. Riesenhunger.“

David stimmt Harro zu: „Gut. Denn mach dich frisch und dann gehen wir essen.“ Er verlässt den Raum und geht in sein Zimmer. Harro springt förmlich vom Bett herunter in seine bereitstehenden Hausschuhe, schnappt seine Utensilien und verschwindet im Bad.

David holt aus dem Schrank einen seiner drei mitgebrachten Anzüge heraus und macht sich richtig schick. Er wählt zu dem dunkelgrauen, nadelgestreiften Zweireiher ein weißes Hemd und eine knallrote Krawatte. Harro klopft an und betritt Davids Zimmer. Er hat sich mal wieder freizeitmäßig gekleidet, mit seinem Blouson und seinem geliebten Käppi. David mustert Harro und schüttelt den Kopf: „Nee, nee, der Herr. So mal gar nicht. Wir sind hier in einer Weltstadt bei einem historischen Ereignis. Da zieht man sich vernünftig an. Wer weiß, wem wir alles begegnen.“

Harro schaut an sich herunter, dann auf David: „Ist ja gut. Wusste ja nicht, dass wir heute schon gleich richtig loslegen. Bis gleich.“ Er verschwindet blitzschnell aus dem Zimmer und geht sich umziehen. Kurz darauf steht Harro im dunkelblauen Anzug, mit hellblauem Hemd und weinroter Krawatte sowie einem dunkelblauen Hut wieder in der Tür.

David mustert Harro und nickt zustimmend: „Jawoll. So bist du ja von einem richtig feinen Herrn gar nicht mehr zu unterscheiden.“ Sein kritischer Blick bleibt jetzt allerdings an Harros Schuhen haften, er schüttelt den Kopf: „Und welche Schuhe willst du anziehen?“

Harro schaut auf seine Schuhe und zuckt mit den Schultern: „Na, diese hier.“ David verdreht amüsiert die Augen: „Ja, ja. Ich merke schon. Das musst du noch lernen, mein Kl…“ Er beißt sich auf die Zunge und fährt, etwas spaßig ironisch förmlich werdend, fort: „Herr Kollege. Es ist jetzt siebzehn Uhr dreißig, dass heißt, bis wir in einem Restaurant sitzen, ist es nach achtzehn Uhr. Aber ein Gentleman trägt nach sechs Uhr abends keine braunen Schuhe mehr. No brown after six, Sir. Das solltest du wissen.“

Harro spielt jetzt den genervten Befehlsempfänger: „Klar.“ Und ruft laut, fast militärisch: „Sir!“ David schaut gespielt verächtlich, aber immer noch lächelnd über die eigene Schulter auf seinen Bruder: „Na geht doch!“

Zurück in Davids Zimmer zeigt er seine blitzblanken, schwarzen Stiefel. „Jo, dafür, dass du nie beim Barras warst, ist das ja ganz gut geworden.“ David streckt seine Arme aus: „Komm, Bruder, lass dich drücken. Auf dass all unsere Pläne hinhauen.“

Die Brüder drücken sich, doch Harro löst sich sehr schnell aus Davids Umarmung und wird sehr ernst und nachdenklich: „Weißt du, David. Das eine sind unsere Pläne. Aber es gibt auch noch meine eigenen Pläne. Deswegen fotografiere ich. Fotografie ist für mich Freiheit. Und wenn wir hier gute Arbeit machen und gute Kontakte knüpfen … Mann, David, dann steht uns die Welt offen. Weißt du, jede Woche fahren vom Kaiserhafen die Schiffe nach Amerika. Irgendwann will ich da auch mal hin. So wie Vadder das ja auch vorhatte. Deswegen habe ich auch immer so fleißig englisch gelernt. Gut, du warst ja schon mal über drei Jahre in England. Aber du bist auch zehn Jahre älter als ich.“

Plötzlich schlägt Harros Euphorie um und er wird melancholisch: „Weißt du übrigens, wie das damals für mich war, als du nicht da warst? Ich war noch nicht mal sechzehn als du abgehauen bist, David. Ich hätte dich da gebraucht. Weißt du das? Aber ich war ja nur der kleine Bruder.“

„Harro, vergiss bitte nicht, auch ich habe noch Pläne für mein Leben.“ Er muss lächeln, als wenn er selbst nicht mehr so richtig daran glauben würde. „Und ich habe Träume. Weißt du, die Jahre in England waren sehr hart für mich. Aber ich habe wahnsinnig viel gelernt bei der Daily Times. Alles, was wir später gebraucht haben, um die Zeitung zu gründen. Aber das konnte ich damals noch nicht absehen, dass alles mal so kommen würde.“

David holt tief Luft und geht einige Schritte durch den Raum: „Wenn ich nicht im Dienst war, Harro, dann habe ich gelitten. Ich habe gelitten wie ein Hund. Alles fremd, keine Freunde, kaum Geld. Trotzdem, das sage ich dir, geht man normalerweise nach einer solchen Station nicht zurück in die Provinz. Aber ich habe es getan. Und weißt du warum? Ich sage es dir. Für euch! Für dich! Und für Vadder, der nach Mutters Tod ja nun richtig durchhing. Und ich sage dir noch etwas. Es hat sich gelohnt. Weil Vater sich wieder aufgerichtet hat, weil du dann endlich dein Abitur gepackt hast. Weißt du, Harro, ich hing damals auch durch, mir ging es richtig, entschuldige bitte, mir ging es richtig beschissen. Aber ich hatte Aufgaben zu erledigen. Eigentlich auch in England.“

Harro ist überrascht: „Aber ich habe dich nicht darum gebeten. Und Vadder auch nicht!“

David nickt, seine Lippen sind nur noch ein schmaler Strich: „Weißt du, Harro. Es gibt Aufgaben, die stellt dir kein anderer, die stellst du dir selbst. Und es gibt Aufgaben, die stellt dir das Leben. Was wäre denn gewesen, wenn ich euch gefragt hätte? Häh? Vadder hätte gesagt, ach, das geht schon. Und du hättest doch auch keinen Mucks von dir gegeben. Ja nicht zeigen, dass es einem mies geht.“ David kommt in Rage: „Das ist doch Scheiße, Mann. Aber glaub mir, ich habe das gespürt. Und deswegen bin ich zurückgekommen. Und ich sage dir, ich werde aus unserem Laden einen richtig großen Verlag machen, so wie Burton in England, und du wirst mir dabei helfen.“

Harro hat genau zugehört, doch jetzt ergreift er das Wort und unterbricht Davids Ausführungen: „Das will ich gerne tun. Aber darüber sind wir uns ja schon einig, oder hast du unser Gespräch mit Vadder schon vergessen? Aber, denk dran, ich habe auch meinen Kopp. Ich bin fast dreißig. Andere haben da schon lange eine Familie!“

Als David antwortet, klingt er richtig traurig: „Ja, ja. Familie. Das ist nicht so einfach, Harro. Hätte ich auch gern. Aber es geht nicht immer nur danach, was man will. Kennst du das Wort Schicksal?“

Er wird plötzlich nachdenklich, aber seine Stimme überschlägt sich fast. Er kommt mit dem Atmen kaum nach: „Kennst du das Wort Verantwortung? Weißt du eigentlich, was das heißt?“ Er wendet sich appellierend an ...

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