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Okzidentalismus

 

Ian Buruma /Avishai Margalit

 

Okzidentalismus

 

Der Westen

in den Augen seiner

Feinde

 

Aus dem Englischen von

Andreas Wirthensohn

 

 

Carl Hanser Verlag

Inhalt

Krieg gegen den Westen

 

Die okzidentale Stadt

 

Helden und Händler

 

Der Geist des Westens

 

Der Zorn Gottes

 

Die Saat der Revolution

 

 

Anmerkungen

 

Personenregister

Krieg gegen den Westen

Im Juli 1942, gerade einmal sieben Monate nachdem die Japaner die amerikanische Flotte in Pearl Harbor angegriffen und den westlichen Mächten in Südostasien eine schwere Niederlage zugefügt hatten, versammelten sich in Kyoto eine Reihe angesehener japanischer Wissenschaftler und Intellektueller zu einer Konferenz. Unter ihnen waren Schriftsteller der sogenannten Romantischen Gruppe ebenso wie Philosophen der buddhistisch-hegelianischen Schule von Kyoto. Das Thema, über das sie diskutierten, lautete: »Wie läßt sich die Moderne überwinden?«1

Die nationalistische Begeisterung erlebte damals gerade einen Höhepunkt, und die Konferenzteilnehmer waren allesamt auf die eine oder andere Weise Nationalisten. Der Krieg selbst jedoch, der in China, auf Hawaii oder in Südostasien tobte, wurde seltsamerweise kaum erwähnt. Dabei ließ zumindest einer der Teilnehmer, Hayashi Fusao, der vom Marxisten zum glühenden Nationalisten geworden war, später wissen, der Angriff auf den Westen habe ihn mit Begeisterung erfüllt. Obwohl er sich damals, als er die Nachricht vernahm, in der bitterkalten Mandschurei aufhielt, habe er das Gefühl gehabt, düstere Wolken hätten sich verzogen und einem strahlenden Sommerhimmel Platz gemacht. Ohne Zweifel wurden viele seiner Kollegen von ähnlichen Empfindungen übermannt. Doch auf dieser Konferenz ging es nicht um Kriegspropaganda. Die dort versammelten Männer – die literarischen Romantiker ebenso wie die Philosophen – hatten sich schon lange vor dem Angriff auf Pearl Harbor mit der Frage beschäftigt, wie sich die Moderne überwinden ließe. Sofern ihre Schlußfolgerungen kohärent genug waren, um sie politisch nutzen zu können, dienten sie der Propaganda für eine neue asiatische Ordnung unter japanischer Führung; die Intellektuellen freilich hätten sich aufs schärfste dagegen verwahrt, wenn man sie als Propagandisten bezeichnet hätte. Sie waren Denker und keine Auftragsschreiberlinge.

»Die Moderne« jedenfalls ist ein schwer faßbarer Begriff. In Kyoto war damit 1942 der Westen gemeint, nicht anders als im Jahr 2001 in Kabul oder Karachi. Doch der Westen ist fast ebenso schwer zu definieren wie die Moderne. Japanische Intellektuelle hegten einen starken Widerwillen dagegen, konnten aber nicht genau sagen, was dieser Westen denn nun eigentlich war. Die Verwestlichung, so meinte einer, sei wie eine Krankheit, die den japanischen Geist befallen habe. Die »moderne Sache«, so ein anderer, sei eine »europäische Sache«. Viel war die Rede von einer ungesunden Wissensspezialisierung, welche die Ganzheit der spirituellen Kultur des Orients zerstört habe. Die Schuld daran gab man einmal der Wissenschaft, dann wieder dem Kapitalismus, dem Eindringen moderner Technologie in die japanische Gesellschaft oder den Vorstellungen von individuellen Freiheiten und Demokratie. All das galt es zu »überwinden«. Ein Filmkritiker namens Tsumura Hideo verteufelte die Produktionen aus Hollywood und pries statt dessen Leni Riefenstahls Dokumentarfilme über die Naziparteitage; sie stimmten offenbar mit seinen Vorstellungen davon, wie eine gesunde nationale Gemeinschaft auszusehen habe, eher überein. Seiner Ansicht nach war der Krieg gegen den Westen ein Krieg gegen die »ekelhafte materialistische Zivilisation«, die auf der Macht des jüdischen Finanzkapitals beruhe. Alle waren sich darüber einig, daß Kultur – gemeint war natürlich die traditionelle japanische Kultur – spirituell und tiefgründig sei, während die moderne westliche Zivilisation oberflächlich und wurzellos sei und die kreativen Fähigkeiten zerstöre. Der Westen – und hier vor allem die USA – galt als kaltes, mechanisches Gebilde. Ein ganzheitlicher, traditioneller Orient werde, vereint unter der göttlichen imperialen Herrschaft Japans, die wärmende organische Gemeinschaft spirituell wiederherstellen. Oder wie es einer der Konferenzteilnehmer formulierte: Man habe es mit einem Kampf zwischen japanischem Blut und westlichem Intellekt zu tun.

Für die Asiaten der damaligen Zeit – und in gewissem Maße noch heute – bedeutete der Westen auch Kolonialismus. Seit dem 19. Jahrhundert, als China im Zuge des Opiumkriegs gedemütigt worden war, waren sich gebildete Japaner bewußt, daß das eigene nationale Überleben davon abhing, daß man die Ideen und die Technologie, denen die westlichen Kolonialmächte ihre Überlegenheit zu verdanken hatten, gründlich studierte und nachahmte. Niemals zuvor hatte sich eine große Nation einer solch radikalen Transformation unterzogen wie Japan zwischen den 1850er und den 1910er Jahren. Die zentrale Parole der Meiji-Zeit (1868–1912) lautete Bunmei Kaika, Zivilisation und Aufklärung – gemeint waren die westliche Zivilisation und Aufklärung. Alles Westliche, von den Naturwissenschaften bis zum literarischen Realismus, wurde von japanischen Intellektuellen gierig aufgesogen. Europäische Kleidung, preußisches Verfassungsrecht, britische Seekriegsstrategien, deutsche Philosophie, amerikanisches Kino, französische Architektur – dies alles und noch viel mehr wurde übernommen und adaptiert.

Dieser grundlegende Wandel machte sich denn auch bezahlt. Japan blieb von der Kolonialisierung verschont und stieg rasch zu einer Großmacht auf, der es dann 1905 gelang, Rußland in einem durch und durch modernen Krieg zu besiegen. Tolstoj bezeichnete den japanischen Sieg denn auch als einen Triumph des westlichen Materialismus über die asiatische Seele Rußlands. Es gab allerdings auch Nachteile. Die industrielle Revolution erfolgte in Japan schon kurz nach der deutschen und hatte die gleichen Verwerfungen zur Folge. Die verarmte Landbevölkerung wanderte in großer Zahl in die Städte, wo die Situation oftmals grauenhaft war. Die Armee war eine brutale Zufluchtsstätte für junge Männer vom Land, und ihre Schwestern mußten mitunter an die Großstadtbordelle verkauft werden. Neben diesen ökonomischen Problemen gab es jedoch noch einen weiteren Grund, warum viele japanische Intellektuelle die großangelegte Verwestlichung Ende des 19. Jahrhunderts rückgängig zu machen suchten. Japan litt gleichsam an einer Art geistigen Verstimmung. Man hatte die westliche Zivilisation zu gierig verschlungen. Nicht zuletzt deshalb versammelte sich diese Intellektuellengruppe in Kyoto, um über Möglichkeiten zu diskutieren, wie man das Rad der Geschichte zurückdrehen, den Westen überwinden und zu einer idealisierten spirituellen Vergangenheit zurückkehren konnte.

Dies alles wäre nur noch von historischem Interesse, wenn solche Ideale ihre inspirierende Kraft verloren hätten. Doch der Haß auf alles, was man mit der westlichen Welt (für die exemplarisch die USA stehen) assoziiert, ist noch immer stark, auch wenn er nicht mehr in erster Linie in Japan zu finden ist. Er macht radikale Muslime empfänglich für eine politisierte islamische Ideologie, in der die USA als Inkarnation des Teufels fungieren. Er findet sich bei extremen Nationalisten in China und anderen Teilen der nichtwestlichen Welt. Und seine Ableger zeigen sich sogar im Westen selbst im Denken radikaler Antikapitalisten. Diesen Haß als politisch rechts oder links zu bezeichnen würde in die Irre führen. Die Sehnsucht nach einer Überwindung der Moderne war im Japan der 1930er Jahre unter marxistischen Intellektuellen gleichermaßen verbreitet wie in rechtsgerichteten chauvinistischen Kreisen. Dieselbe Tendenz läßt sich bis zum heutigen Tag beobachten.

Selbstverständlich haben unterschiedliche Menschen ganz unterschiedliche Gründe, warum sie den Westen hassen. Wir können nicht einfach linksradikale Gegner des »US-Imperialismus« mit radikalen Islamisten in einen Topf werfen. Beide Gruppen mögen die globale Ausbreitung amerikanischer Kultur und Unternehmensmacht hassen, aber ihre jeweiligen politischen Ziele lassen sich nicht sinnvoll miteinander vergleichen. In ähnlicher Weise mögen sich romantische Dichter nach einem pastoralen Arkadien sehnen und die moderne, kommerzialisierte Metropole verachten, aber das heißt nicht, daß sie auch nur das geringste mit religiösen Eiferern gemeinsam haben, die das Reich Gottes auf Erden errichten wollen. Viele empfinden Unbehagen gegenüber bestimmten Aspekten der modernen westlichen bzw. amerikanischen Kultur, doch dieses Unbehagen schlägt nur selten in revolutionäre Gewalt um. Symptome sind nur dann von Interesse, wenn sie sich zu einer wirklichen Seuche auswachsen. Wenn jemand die westliche Popkultur, den globalen Kapitalismus, die amerikanische Außenpolitik, Großstädte oder sexuelle Freizügigkeit nicht mag, so ist das nicht weiter von Belang; wenn man aber aus genau diesen Gründen dem Westen den Krieg erklärt, dann wird es sehr wohl bedeutsam.

Das entmenschlichende Bild des Westens, das seine Feinde gezeichnet haben, haben wir als Okzidentalismus bezeichnet. Im vorliegenden Buch wollen wir die verschiedenen Vorurteile genauer untersuchen und auf ihre historischen Wurzeln hin befragen. Daß sie sich nicht einfach als spezifisch islamisches Problem erklären lassen, steht außer Frage. Zwar ist in der muslimischen Welt einiges schiefgelaufen, doch läßt sich der Okzidentalismus ebensowenig auf eine Krankheit des Mittleren Ostens reduzieren, wie man ihn vor fünfzig Jahren für eine spezifisch japanische Seuche halten konnte. Schon die Verwendung dieser medizinischen Terminologie bedeutet, selbst in einen unheilvollen rhetorischen Habitus der Okzidentalisten zu verfallen. Wir sind jedoch davon überzeugt, daß der Okzidentalismus ähnlich wie der Kapitalismus, der Marxismus und viele andere moderne »Ismen« in Europa entstanden ist und erst später in andere Teile der Welt transferiert wurde. Der Westen hat die Aufklärung und ihre säkularen, liberalen Ableger hervorgebracht, aber auch ihre oftmals verheerenden Gegengifte. In gewisser Weise läßt sich der Okzidentalismus mit den bunten Textilien vergleichen, die von Frankreich nach Tahiti exportiert wurden, wo sie zur Kleidung der Eingeborenen wurden, die ihrerseits wiederum von Gauguin und anderen Malern als typisches Beispiel eines tropischen Exotismus betrachtet wurde.

Wie die Debatten der in Kyoto versammelten Intellektuellen gezeigt haben, ist es nicht ganz einfach, den historischen Kontext der westlichen Moderne und ihres haßerfüllten Zerrbildes, des Okzidentalismus, zu bestimmen. Es gibt zu viele Querverbindungen und Überlappungen, als daß sich vollkommene Kohärenz herstellen ließe. Der Philosoph Nishitani Keiji machte die Reformation, die Renaissance und die Entstehung der Naturwissenschaften für die Zerstörung einer einheitlichen geistigen Kultur Europas verantwortlich. Das trifft den Kern des Okzidentalismus. Einer der grundlegenden Unterschiede zwischen dem modernen Westen und der islamischen Welt, so wird oftmals behauptet, sei die Trennung von Kirche und Staat. Die Kirche als spezifische eigene Institution hat im Islam niemals existiert. Für einen gläubigen Muslim bilden Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Religion keine eigenständigen Kategorien. Der Professor in Kyoto freilich war kein Muslim, und doch galt ihm als Ideal ein Staat, in dem Politik und Religion ein einheitliches Ganzes bilden und die Kirche sozusagen mit dem Staat verschmelzen sollte. Im Japan der Kriegszeit handelte es sich dabei um den Staats-Shintoismus, eine moderne Erfindung, die weniger auf alten japanischen Traditionen als vielmehr auf einer spezifischen Interpretation des vormodernen Westens beruhte. Die Japaner wollten die verzerrte Vorstellung von einem mittelalterlichen christlichen Europa zu neuem Leben erwecken, indem sie den Shintoismus in eine politisierte Kirche verwandelten. Diese Art spiritueller Politik findet sich in allen Formen des Okzidentalismus, von Kyoto in den 1930er Jahren bis Teheran in den 1970er Jahren. Sie ist zudem wesentlicher Bestandteil des Totalitarismus. In Hitlers »Drittem Reich« mußte jede Institution von den Kirchen bis zu den einzelnen Universitätsfakultäten der totalitären Vision angeglichen werden. Gleiches gilt für die Sowjetunion unter Stalin oder für Maos China.

Andere Teilnehmer des Treffens in Kyoto gingen nicht bis zur Reformation oder Aufklärung zurück, sondern betrachteten die Industrialisierung, den Aufstieg des Kapitalismus und des Wirtschaftsliberalismus im 19. Jahrhundert als Wurzeln des modernen Übels. Düster raunend sprachen sie von der »Maschinenzivilisation« und vom »Amerikanismus«. Einige waren der Ansicht, Europa und Japan mit ihren altehrwürdigen Kulturen sollten gegen die unheilvolle Verderbnis des Amerikanismus gemeinsame Sache machen. Solches Gerede fiel in einigen Teilen Europas auf fruchtbaren Boden. So ließ etwa Hitler in seinen Tischgesprächen wissen, daß die »amerikanische Zivilisation rein mechanischer Natur ist. Ohne diese Mechanisierung würde Amerika schneller zerfallen als Indien.« Ein Bündnis mit Japan war freilich auch nicht unproblematisch, denn die Japaner seien »uns durch ihre Lebensweise, durch ihre Kultur viel zu fremd. Doch gegenüber dem Amerikanismus empfinde ich Haß und tiefen Abscheu.«2

Da sich die gegenwärtigen Formen des Okzidentalismus oftmals in gleicher Weise auf die USA konzentrieren, sei darauf verwiesen, daß Antiamerikanismus mitunter aus einer ganz spezifischen amerikanischen Politik resultiert – etwa der Unterstützung antikommunistischer Diktaturen oder Israels oder multinationaler Unternehmen oder des IWF oder was auch immer unter die Rubrik »Globalisierung« fällt, die üblicherweise den amerikanischen Imperialismus bezeichnet. Manche Menschen fühlen sich von Amerika schlicht und einfach deshalb so abgestoßen, weil es über so viel Macht verfügt. Andere nehmen es der US-Regierung übel, daß sie ihnen hilft, sie mit Nahrungsmitteln versorgt oder beschützt, ähnlich wie man sich gegen einen Übervater wendet. Wiederum andere hassen Amerika, weil sich das Land abwendet, obwohl man von ihm Hilfe erwartet. Doch oftmals geht es gar nicht darum, was die US-Regierung tut oder nicht tut. Die in Kyoto versammelten Professoren nahmen nicht auf konkrete amerikanische Politik Bezug, sondern auf eine spezifische Vorstellung von Amerika als einer entwurzelten, kosmopolitischen, oberflächlichen, trivialen, materialistischen, ethnisch gemischten, Modetrends hinterherjagenden Zivilisation. Auch darin folgten ihnen europäische, oftmals deutsche Denkmodelle. Martin Heidegger etwa war ein erbitterter Gegner dessen, was er selbst als »Amerikanismus« bezeichnete und was in seinen Augen die europäische Seele in Mitleidenschaft zog. Und ein weniger begnadeter Denker der Vorkriegszeit wie etwa Arthur Moeller van den Bruck, dem wir die Wendung vom »dritten Reich« zu verdanken haben, vertrat die Ansicht, das »Amerikanertum« müsse man geistig und nicht geographisch verstehen. Es markiere »den entscheidenden Schritt, mit dem wir uns von einer Abhängigkeit vom Boden zu einer Nutzung des Bodens bewegen, einen Schritt, der die unbelebte Materie mechanisiert und elektrifiziert«.

Hier geht es nicht um Politik, sondern um eine Idee oder fast schon eine Vision von einer maschinengleichen Gesellschaft ohne menschliche Seele. In diesem Sinne spielt der Antiamerikanismus in den feindseligen Ansichten über den Westen eine wichtige Rolle. Mitunter steht er auch für den Haß auf den Westen insgesamt. Doch er ist nur ein Teil des Ganzen. Okzidentalismus ist nicht das gleiche wie Antiamerikanismus. Die Idee, ein Buch über den Okzidentalismus zu schreiben, kam uns denn auch in einem ganz anderen Zusammenhang. Eines stürmischen Wintermorgens besuchten wir den Friedhof von Highgate im Norden Londons, auf dem die Berühmten und die Unbekannten gemeinsam unter wild durcheinanderstehenden Grabsteinen liegen. Vor dem ziemlich pompösen Grabmal von Karl Marx, das lange nach seinem Tod von einigen seiner Bewunderer errichtet worden war, blieben wir stehen. Sein großer steinerner Kopf blickt ernst über die ringsum verstreuten Gräber, von denen einige die sterblichen Überreste von Sozialisten aus der Dritten Welt und anderen alten Kämpfern gegen den amerikanischen Imperialismus bergen. Wir unterhielten uns über Marx und über das, was andere über ihn gesagt hatten. Dabei kamen wir auch auf Isaiah Berlin zu sprechen, der Marx als typischen Juden beschrieben hatte, dessen Humor so schwer sei wie das Essen, das er zu sich nehme. Bevor sie von den Nazis vernichtet wurden, waren die deutschen Juden oftmals besser gestellt, weltlicher und assimilierter als ihre Glaubensbrüder im Osten, vielleicht auch ein wenig zu stolz auf ihre hohe deutsche Kultur und deshalb nicht immer beliebt. Sie selbst mögen sich als kultivierte Kinder der Aufklärung betrachtet haben, doch in den Augen der Ostjuden – und hier besonders bei denen, deren Leben sich im eng begrenzten Umfeld der althergebrachten Traditionen des Schtetl abspielte – fehlte ihnen eine spirituelle Dimension. Sie galten als kalte, arrogante, materialistische und mechanische Menschen, die zweifellos erfolgreich waren, aber eben auch gottlos. Kurz: Sie hatten keine Seele. Auch das war eine Form von Okzidentalismus.

Es gibt natürlich höchst triftige Gründe, viele Bestandteile, die in das giftige Gebräu namens Okzidentalismus Eingang finden, mit Vorsicht zu betrachten. Nicht jede Kritik an der Aufklärung führt zu Intoleranz und gefährlichem Irrationalismus. Der Glaube an den von Wirtschaft und Industrie vorangetriebenen universellen Fortschritt ist mit Sicherheit offen gegenüber Kritik. Blindes Vertrauen in den Markt ist ein eigensüchtiges und oftmals schädliches Dogma. Die amerikanische Gesellschaft ist alles andere als ideal, und die amerikanische Politik ist nicht selten desaströs. Der westliche Kolonialismus hat allerhand auf dem Kerbholz. Und der Aufstand des Lokalen gegen die Ansprüche des Globalen kann legitim, ja sogar notwendig sein. An dieser Stelle geht es jedoch nicht um die Kritik am Westen, so harsch sie mitunter auch ausfallen mag. Das Bild des Westens im Okzidentalismus ähnelt den schlimmsten Aspekten seines Gegenparts, des Orientalismus, der seine menschlichen Ziele ihrer Menschlichkeit beraubt. Manche orientalistischen Vorurteile erweckten den Eindruck, nichtwestliche Menschen seien keine Lebewesen im vollen Sinne; geistig-seelisch stünden sie auf der Stufe von Kindern und dürften deshalb als minderwertige Geschöpfe behandelt werden. Der Okzidentalismus ist mindestens genauso reduktionistisch; seine Bigotterie kehrt die orientalistische Sichtweise schlicht in ihr Gegenteil. Eine ganze Gesellschaft oder Zivilisation auf eine Masse seelenloser, dekadenter, geldgieriger, entwurzelter, ungläubiger und gefühlloser Parasiten zu reduzieren ist eine Form intellektueller Zerstörung. Noch einmal sei es gesagt: Ginge es bei dieser Sache nur um Abneigungen oder Vorurteile, würde sie nicht weiter interessieren. Vorurteile sind nun einmal Teil der condition humaine. Wenn die Vorstellung von der Minderwertigkeit anderer jedoch revolutionäre Züge annimmt, führt sie zur Vernichtung von Menschen.

Der Okzidentalismus ließe sich zum einen beschreiben, indem man der Geschichte all seiner Verbindungslinien und Überlappungen nachspürt: von der Gegenreformation und Gegenaufklärung in Europa bis zu den verschiedenen Varianten von Faschismus und Nationalsozialismus in Ost und West, dem Antikapitalismus und den Globalisierungsgegnern und schließlich bis zum religiösen Extremismus, der heute vielerorts wütet.3 Um der Klarheit, aber auch der Kürze willen haben wir uns jedoch für einen anderen Weg entschieden. Statt streng chronologisch oder regional geordnet vorzugehen, arbeiten wir spezifische Strömungen des Okzidentalismus heraus, die sich bei diesem Phänomen immer und überall finden lassen. Diese Stränge verbinden sich zu einer Art Kette der Feindseligkeit – einer Feindseligkeit gegenüber der Stadt, die als wurzelloser, arroganter, gieriger, dekadenter und frivoler Kosmopolitismus erscheint; gegenüber dem Geist des Westens, wie er in Wissenschaft und Vernunft zum Ausdruck kommt; gegenüber dem gesetzten Bürgertum, dessen Existenz die Antithese zum sich selbst opfernden Helden darstellt; und schließlich gegenüber dem Gottlosen, der vernichtet werden muß, um den Weg frei zu machen für eine Welt des reinen Glaubens.

Das vorliegende Buch will weder Munition für einen globalen »Krieg gegen den Terror« liefern noch die gegenwärtigen Feinde des Westens dämonisieren. Wir wollen vielmehr die Antriebskraft verstehen, die hinter dem Okzidentalismus steckt, und zeigen, daß die heutigen Selbstmordattentäter und heiligen Krieger nicht unter einer einzigartigen Krankheit leiden, sondern von Ideen befeuert werden, die eine Geschichte haben. Diese Geschichte läßt sich geographisch nicht eindeutig festlegen. Der Okzidentalismus kann überall seine Blüten treiben. Japan, einstmals Brutstätte eines mörderischen Okzidentalismus, findet sich heute im Lager seiner Ziele wieder. Verstehen heißt nicht entschuldigen, ebensowenig wie vergeben vergessen bedeutet, aber ohne Verständnis derjenigen, die den Westen hassen, besteht kaum Hoffnung, sie an der Auslöschung der Menschheit hindern zu können.

Die okzidentale Stadt

Die Werte dieser westlichen Zivilisation unter Führung der USA sind zerstört worden. Diese schrecklichen symbolischen Türme, die von Freiheit, Menschenrechten und Humanität künden, sind zerstört worden. Sie sind in Rauch aufgegangen.

Osama bin Laden4

 

Schon bald nachdem die beiden Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center gerast waren und die beiden Türme zum Einsturz gebracht hatten, wurden in China Videobänder verkauft, auf denen die schrecklichen Ereignisse mit Szenen aus Hollywood-Katastrophenfilmen zusammengeschnitten waren. Es war, als wäre das reale Ereignis – zwei brennende Wolkenkratzer, die Tausende von Menschen unter sich begraben – nicht dramatisch genug, als könnte nur die Phantasie den wahren Hauch solcher Katastrophen erfassen, welche die meisten von uns nur aus dem Kino kennen.

Die bewußte Verschränkung von Wirklichkeit und Phantasie hinterließ den Eindruck, als handle es sich bei den Opfern nicht um echte Menschen, sondern um Schauspieler. Die meisten von ihnen blieben ohnehin unsichtbar, denn die Fernsehanstalten übten sich in gänzlich ungewohnter Zurückhaltung und weigerten sich, das Leid in Nahaufnahme zu zeigen. Zumindest für einige Sekunden wirkten die Bilder für viele Menschen unwirklich, als sie den Fernseher einschalteten. Sich einzureden, das alles habe sich gar nicht wirklich ereignet, bot die Möglichkeit, dieses Schockerlebnis auf Distanz zu halten. Bei erschreckend vielen Menschen (nicht nur in China) trug die Vorstellung, es handle sich dabei um eine Art Kinofilm, um ein rein imaginäres Ereignis, um einen Akt in einem Drama, jedoch dazu bei, etwas viel Schlimmeres zu empfinden. Die Zerstörung der Türme, die Macht und Reichtum Amerikas ebenso symbolisierten wie die imperiale, globale, kapitalistische Vorherrschaft, die für die Stadt New York standen, unser heutiges Babylon, das seinerseits wiederum all das symbolisiert, was die Menschen an Amerika hassen und was sie zugleich ersehnen – daß all das innerhalb von knapp zwei Stunden vollkommen zerstört wurde, erfüllte viele Menschen nicht nur in China mit einem Gefühl tiefer Befriedigung.

In diesem eigenartigen Sinne war die Auslöschung der Zwillingstürme und der darin befindlichen Menschen ein großer Erfolg. Denn sie war physischer wie metaphysischer Teil von Osama bin Ladens Krieg gegen den Westen; es handelte sich um einen realen und zugleich um einen symbolischen Angriff auf New York, auf Amerika, auf eine ganz bestimmte Vorstellung von Amerika und vom Westen ganz allgemein. Ein bewußt geplanter und durchgeführter Massenmord bediente sich eines antiken Mythos – des Mythos von der Zerstörung der sündigen Stadt. Die Tatsache, daß es den Attentätern vor allem um eine Säuberung ging, geht aus dem Abschiedsbrief eines ihrer Anführer hervor, eines jungen Ägypters namens Mohammed Atta. Darin brachte er seine tiefe Abscheu gegenüber Frauen und Sexualität zum Ausdruck: »Derjenige, der meinen Leichnam waschen wird, soll Handschuhe tragen, damit er meine Geschlechtsteile nicht berührt. (…) Ich möchte nicht, daß eine schwangere oder eine unreine Person kommt, um Abschied von mir zu nehmen, denn das billige ich nicht.«

Soweit sich das beurteilen läßt, kauften das chinesische Videoband nicht arme Dorfbewohner, welche die Amerikaner oder auch die Großstädter hassen, sondern junge Menschen in Shanghai, Peking und anderen Großstädten, deren Wolkenkratzer denjenigen in New York nacheifern und immer weiter in den Himmel wachsen. Der Westen ganz allgemein und Amerika im besonderen rufen Neid und Ablehnung gerade bei denen hervor, die deren Bilder und Waren konsumieren, und weniger bei denjenigen, die sich kaum eine Vorstellung vom Westen machen können. Die Mörder, welche die Türme zum Einsturz brachten, waren gebildete junge Männer, die längere Zeit im Westen gelebt und sich dort auf ihre Mission vorbereitet hatten. Mohammed Atta hatte in Kairo einen Universitätsabschluß in Architektur erworben, bevor er dann an der Technischen Universität Hamburg-Harburg eine Arbeit über Moderne und Tradition in der Städteplanung zu schreiben begann. Bin Laden selbst war früher Bauingenieur gewesen. Die Twin Towers verkörperten wie kaum ein anderes Bauwerk die technologische Hybris moderner Ingenieure. Und die Zerstörung dieses Gebäudes wurde von einem der ihren geplant.

Die Reaktion auf den Anschlag in Amerika reichte jedenfalls vielerorts über Schadenfreude angesichts des Unglücks einer mitunter anmaßenden Supermacht hinaus und brachte mehr zum Ausdruck als bloße Unzufriedenheit mit der amerikanischen Außenpolitik. Vielmehr konnte man das Echo deutlich älterer Haßgefühle und Ängste vernehmen, die sich im Laufe der Geschichte immer wieder in neuer Gestalt zeigen. Jedesmal wenn die Menschen große Städte errichtet hatten, befürchteten sie Vergeltung, ganz gleich ob diese von Gott, King Kong, Godzilla oder den Barbaren vor den Toren der Stadt geübt wurde. Seit jeher sind die Menschen gepeinigt von der Angst, dafür bestraft zu werden, daß sie die Götter herausgefordert haben: indem sie das Feuer stahlen, zuviel Wissen erlangten, zuviel Reichtum anhäuften oder Türme bauten, die bis in den ...

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