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Nur dieses eine Mal

Ewa Aukett

Nur dieses eine Mal

Erotischer Liebesroman


Für die wilde Hummel


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Widmung

 

 

Für die wilde Hummel,

die mich mit ihrem Gesumme und dem honigsüßen Lachen auf Trab hält,

und mir den Glauben an mich selbst zurückgegeben hat.

Danke!

EINS

Angelique Darkness’ „Sizilianische Träume“

» Domènico blieb wie angewurzelt in der Tür des Schlafzimmers stehen und musterte die halbnackte Frau, die selig schlummernd auf seinem breiten Bett lag.

Guilia Valdés zwischen seinen Laken?

Er musste träumen.

Geräuschlos schloss er die Tür hinter sich, lockerte die Krawatte und zog sein Jackett aus. Langsam ging er zu der Schlafstätte hinüber, wohlweislich ihren wie hindrapierten Körper nicht aus den Augen lassend. Guilia seufzte leise. Als sie sich auf die andere Seite drehte, verrutschte die dünne Decke und gab ihre nackten Brüste frei.

Rund und prall wie spanische Melonen.

Domènico blieb am Fußende stehen und starrte sie mit dunklem Blick an. Ein boshaftes Lächeln legte sich auf seine Lippen. Monate der Kränkungen und Zurückweisungen hatte er ertragen müssen. Jetzt bekam er endlich seine Chance.

Rache war betörend, wie zuckeriger Honig.

Mit erzwungener Ruhe zog er sich aus.

Schließlich griff er nach dem Laken, das sie bedeckte, und ließ es sanft über ihren Körper hinabgleiten, bis dieser in all seiner Makellosigkeit vor ihm entblößt lag.

Ein weiterer Seufzer kam über ihre Lippen.

Wer hätte gedacht, dass die Königin der Intrigen und Lügen sich betrunken in sein Bett verirren könne. Domènicos Lächeln vertiefte sich, während er sacht nach ihrem linken Fuß griff, ihn anhob und einen federleichten Kuss darauf hauchte. Seine Augen ließen sie nicht los. Seitdem er sie kannte, versuchte sie seine Geschäfte zu manipulieren und ihm das Leben schwer zu machen.

Behutsam begann er an ihrem großen Zeh zu saugen und ein schläfriges Kichern entrang sich ihrer Kehle. Sie hatte ihm mit ihren Eskapaden der Vergangenheit nicht schaden können, aber seine Wut auf sie wuchs stetig und der Wunsch es ihr heimzuzahlen war ungebrochen.

Sie versuchte ihr Bein wegzuziehen, doch er hielt es sanft aber bestimmt fest. Er küsste ihre Haut und ließ seine Lippen über ihr Sprunggelenk wandern. Die Finger seiner rechten Hand strichen ihre Wade empor und blieben in ihrer Kniekehle liegen. Unruhig bewegte Guilia sich im Schlaf, ihr Atem wurde flacher.

Domènico war es nicht gewohnt auf Widerstand zu treffen. Er besaß Einfluss, Macht und Geld. Er war ein Álvarez und er war stolz darauf.

Das sizilianische Blut seiner Mutter, gepaart mit den spanischen Wurzeln seines Vaters, verlieh ihm sein hitziges Temperament und gutes Aussehen. Keine Frau verweigerte sich ihm und besaß anschließend die Frechheit ihn zu verspotten. Keine offenbarte je solchen Ungehorsam ihm gegenüber.

Es war an der Zeit, dass er Guilia bewies, wie zwecklos ihre Behauptung war, sie sei immun gegen seine Verführungskünste.

Seine Zunge bahnte sich einen Weg über ihr Schienbein zur Innenseite ihres Oberschenkels. Ihr schöner Körper begann sich unter seinen Liebkosungen anzuspannen und Domènico warf der nackten Nymphe einen lüsternen Blick zu. Ihre Augenlider bewegten sich unruhig und ihr dunkles Haar lag wie ein Vorhang ausgebreitet auf dem Kissen. Leichte Röte überzog ihren bloßen Leib.

Sacht ließ er ihren Fuß zurück auf die Matratze sinken und widmete sich auf die gleiche Weise ihrem rechten Bein. Wenn sie erwachte, könnte sie sich ihm nicht länger verweigern. Er registrierte mit anzüglichem Grinsen, wie sein eigener Körper auf den Anblick der willigen, nackten Frau vor ihm reagierte. Sie würde ihn anbetteln, dass er beendete, was er begonnen hatte und sie würde es nie wieder wagen sich ihm entgegen zu stellen.

Er drückte ihre Schenkel auseinander, ließ seine Hände über die samtene Haut ihrer schlanken Beine gleiten und berührte mit den Daumen die weichen Lippen ihres rosigen Fleisches. Ein leises Stöhnen verließ ihre Kehle und sie wand sich unter den kreisenden Liebkosungen seiner kundigen Finger. Während er zärtlich das Zentrum ihrer Weiblichkeit streichelte und sich ihr immer wieder näherte, ohne ihr Erfüllung zu schenken, beugte er sich über sie.

Seine Zunge hinterließ eine feuchte Spur auf ihrem Oberschenkel. Guilias Beine zuckten und Domènico platzierte seine warmen Hände darauf. Er ließ die Handinnenflächen an ihrer Haut entlang gleiten, bis seine Daumen sich zärtlich gegen ihren Schoß drückten. Ihr Atem ging stoßweise und ihr Körper bog sich ihm in eindeutiger Weise entgegen.

Domènicos Hand strich über ihren Venushügel. Sanft glitten seine Finger durch den schmalen Streifen dunkler Haare. Er umkreiste die erregte Knospe, senkte den Kopf und küsste sie an ihrer intimsten Stelle. Er hörte ihr heiseres Stöhnen und während er sie liebkoste, drängte sie sich ihm entgegen. Guilias Bewegungen wurden fahriger und er bemerkte das Beben, das von ihrem Körper Besitz ergriff.

Als er von ihr abließ, seufzte sie so enttäuscht auf, dass er ein leises Lachen nicht mehr zurückhalten konnte. Langsam wanderte sein Mund über ihren Bauch zu ihren Brüsten hinauf.

Zärtlich umfasste er den hübschen Busen und hob seinen Lippen einen steil aufgerichteten Nippel entgegen. Er strich mit der Zunge darüber, umkreiste die Brustwarze und begann sanft daran zu saugen.

 

Sie stöhnte unter seinen Berührungen und ihre Lider flatterten. Energisch hob er ihr Becken ein Stück an und setzte seine erotische Verführung fort. Er rückte näher an sie heran, drückte sich an ihren Körper und ließ sie spüren, wie sehr es ihn nach ihrem Schoß verlangte.

„Oh.“

Ihr heiseres Stöhnen machte es ihm schwer, sie nicht sofort zu nehmen. Er spürte ihre Bereitschaft und die Lust, die sie übermannte. Er wollte sie. Er wollte von ihr kosten, sie spüren und besitzen. Sie sollte ihm gehören.

Wach endlich auf, schoss es ihm durch den Kopf.

Unsanft biss er in die empfindliche Haut ihrer Brust, was ihr einen leisen Aufschrei entlockte. Nur langsam ließ die trunkene Schläfrigkeit nach und er spürte, wie die Wirkung des Alkohols, den sie offensichtlich zu sehr genossen hatte, mit wattiger Zähigkeit von ihr abfiel.

Mühsam schlug sie die Augen auf und zwei unergründliche Smaragde begegneten Domènicos dunklem Blick. Er sah sie an. Ihre Miene war verhangen von Lust und Begierde - fern jeder Erkenntnis. Gefangen zwischen Traum und Realität hob sie ihm ihr Becken entgegen. Lächelnd drückte er ihre Schenkel auseinander, führte sein hartes Glied an ihre feuchten, willigen Lippen und schob sich mühelos in ihren Leib. Guilia zuckte kurz zusammen, dann hieß ihr Körper ihn willkommen.

In dem Moment, da ihr Blick klar wurde, begann er sich zu bewegen.

„Nein!“

Sie umschloss ihn, eng und warm, und er glaubte schier den Verstand zu verlieren, während er sich immer und immer wieder in ihr versenkte. Zorn und Lust tobten in ihrem Gesicht, sie wollte ihn mit den Händen von sich schieben. Doch ihr Körper ließ ihn nicht gehen, bog sich ihm voller Gier entgegen und empfing ihn hungrig.

„Verdammt - geh weg!“, keuchte sie erbost. Ihre Wangen färbte ein tiefes Rot, während sie sich verzweifelt bemühte den Trieb zu bekämpfen, der sie längst fest in seinem Griff hielt.

„Nein!“, raunte er nicht weniger wütend. Er stütze sich mit den Händen neben ihrem Gesicht ab und stieß erneut in sie hinein. „Du bist zu mir gekommen. Ich nehme, was du so willig dargeboten hast und nun gehörst du mir.“ Domènico ließ sich auf die Knie sinken und zog Guilia hoch auf seinen Schoß. Tief drang er in sie ein und ihrer Kehle entrang sich ein röchelnder Laut. Schwer atmend krallte sie die Fingernägel in seine Schultern.

„Ich hasse dich.“

Wütend sah er ihr in die funkelnden Augen, in denen kalte Ablehnung und heiße Leidenschaft stritten.

„Ich weiß“, gab er zurück. Seine Hände glitten zu ihrem Hintern und die Finger kneteten ihre Pobacken. Mit kreisenden Hüften ließ er sich Zeit, ihr Inneres zu erforschen. Einen Moment lang sah sie aus, als wolle sie in Tränen ausbrechen, während die Empfindungen sie überwältigten. Sie zitterte und stöhnte.

Ihre Lippen bebten und Domènico presste ihren warmen Leib an sich. Grob stieß er seine Zunge in ihren Mund. Er konnte fühlen, wie ihre Muskeln sich anspannten, sich in ihrem Inneren zusammenzogen. Er spürte ihren herannahenden Höhepunkt und die Kontraktionen in ihrem Unterleib.

„Aber dein Körper liebt mich“, hauchte er an ihren Lippen. Domènico drückte sie zurück auf die Matratze, packte ihre Beine und hielt sie fest. Begierig steigerte er das Tempo seiner Bewegungen. Seine Stöße kamen heftiger, länger, tiefer.

Guilia stöhnte und schrie unter ihm. Sie beschimpfte ihn, flehte um mehr und konnte nicht verhindern, dass ihr Leib sich ihm erregt entgegen warf. Bockend und sich windend gab sie sich den Wogen ihrer Lust hin. Er spürte ihre Fingernägel in seinem Rücken, die schmerzhafte Abdrücke hinterließen. Überwältigt von seiner Gier ließ er ihre Beine los, die sich um seine Hüften wanden und ihn näher zogen.

Zitternd klammerte Guilia sich an ihn, während er von seinem eigenen Orgasmus übermannt wurde und sich mit wildem Stöhnen in die Hitze ihres Schoßes ergoss. «

***

„Kann ich Ihnen noch einen Kaffee bringen, Mr. Pérez-Vasquez?“ Die anmutige Brünette vom Empfang stand mit ineinander verschränkten Fingern vor ihm und schenkte Aléjandro ein seliges Lächeln.

Er ließ das Buch, das er in seinen Händen hielt, sinken und betrachtete die attraktive Frau einen Augenblick lang abschätzend von oben bis unten. Mit einem knappen Kopfschütteln lehnte er ab.

„Danke, ich bin versorgt“, erwiderte er. Interessiert beobachtete er, wie ihre Wangen sich eine Spur rosa verfärbten und sie sich mit einem Nicken abwandte. Sie war mehr als nur hübsch. Dunkle Augen, braunes Haar, aparte Gesichtszüge. Vielleicht würde er sie später in sein Hotelzimmer einladen - allerdings nicht zum Kaffee.

Verwirrt wandte er den Blick wieder auf die Lektüre in seinen Händen und stutzte.

Verdammt!

Seine älteste Freundin Melody hatte ihn gewarnt, als er das Buch kaufte.

„Du wirst feststellen, dass Domènico dir extrem ähnlich ist. Es wird sein, als hielte dir jemand einen Spiegel vor, in dem dir all deine angenehmen und unangenehmen Eigenschaften vor Augen geführt werden. Viel Spaß bei deinem Déjà-vu.“

Missmutig stopfte er das Lesezeichen zwischen die Buchseiten und klappte die gebundene Sonderedition mit einem lauten Knall zu.

Angelique Darkness.

Dieser Name verfolgte ihn seit vier Wochen.

Ja, schreiben konnte sie und sie zog ihn hinein in ihre Story. Besonders die erotischen Szenen ihres Romans sprachen ihn an und er war bestimmt nicht der Einzige.

Vor fast dreißig Tagen hatte Sienna ihn verlassen und das nur, weil sie aufgrund des Buches von Angelique Darkness irgendwelche hanebüchenen Rückschlüsse auf sein Mitwirken zog.

Steif und fest behauptete Sienna, Aléjandro habe eine Affäre mit der Autorin. Wie sonst könne es sein, dass der Medienmogul Domènico Álvarez ihm nicht nur optisch glich wie ein Ei dem anderen, sondern auch den gleichen unsteten Charakter besaß wie Aléjandro? Selbst vor seiner Familie hatte sie nicht haltgemacht.

„Lies dir ihre Bücher durch“, hatte Sienna ihn angefahren. „Sein Leben, seine Affären und sein Aussehen, alles weist auf dich hin. Wie er die Frauen liebt, wie er sie verführt und berührt. Jede Bewegung, jeder Liebesakt ist eine Hommage an dich.“ Ihr Blick war wütend. „Das bist du, Aléjandro! Domènico ist ein unberechenbarer, egozentrischer Mann, intelligent und mit hitzigem Temperament. Seine Mutter ist Sizilianerin, sein Vater Portugiese, er hat eine jüngere Schwester. Wie du! Er ist groß und durchtrainiert, mit schwarzem Haar und braunen Augen. Wenn sie sein Gesicht beschreibt, ist es als würde sie dich beschreiben. Die Darstellung des erfolgsverwöhnten Playboys mit dem enormen Frauenverschleiß ist so passend, dass ich kotzen könnte.“ Zornig hatte sie ihn angestarrt. „Wie lang läuft das bereits zwischen euch?“

All seine Beteuerungen, dass er diese Frau nicht kenne, waren sinnlos. Sienna glaubte ihm kein Wort. Sie hatte den Verlobungsring von ihrem Finger gezogen und auf den Couchtisch geknallt, danach war sie aus dem Haus gestürmt. Sie ignorierte seine Telefonanrufe, die Post kam ungeöffnet zurück und weder auf E-Mail noch SMS reagierte sie mit einer Antwort.

Stattdessen lächelte sie ihm wenige Tage später, in den Armen eines Anderen, aus der Zeitung entgegen. Sie hatte sich offensichtlich rasch getröstet. Nach dem anfänglichen Schock kochte Aléjandro vor Wut. Er war voller Zorn, erst auf Sienna, dann auf diese Angelique. Man servierte ihn nicht einfach ab.

Aufgebracht hatte er damit begonnen, Erkundigungen über die Verursacherin seiner gelösten Verlobung einzuholen. Auch wenn er Sienna auf diese Art nicht zurückgewinnen konnte, würde er sich auf seine eigene Weise Genugtuung verschaffen.

Wem sollte er Rechenschaft ablegen?

Er war schließlich wieder Single und konnte tun und lassen, was er wollte. Da brauchte er sich auch kein schlechtes Gewissen einreden.

Seit einer ganzen Weile schon veröffentlichte die Autorin diverse erotische Kurzgeschichten auf einer Plattform für neue Schriftsteller-Talente. Über Angelique Darkness selbst war nicht viel herauszubekommen. Dafür bot ihr erstes Buch allerdings ausreichend Material für Spekulationen.

Aus mehreren ihrer aufeinanderfolgenden kurzen Kapitel, die sich mit dem smarten, reichen Medienmogul Domènico Álvarez und seinen heißen Liebschaften befassten, war ein ganzer Band geworden. Nachdem sie ihm zudem die kratzbürstige, selbstbewusste Guilia Valdés zur Seite stellte und zwischen den beiden Protagonisten nicht nur die Fetzen flogen, sondern auch die Hormone übersprudelten, war die Geschichte zum Publikumserfolg mutiert. Vor zwei Monaten schließlich hatte sich ein kleiner Verlag in Brisbane die Rechte gesichert. Dieses Buch verkaufte sich bereits jetzt mit lauter werdendem Echo.

Dass die Autorin sich nach wie vor bedeckt und ihre Identität geheim hielt kurbelte die Verkäufe zusätzlich an – denn alles Rätselhafte hatte seinen eigenen Reiz. »Sizilianische Träume« mutierte mehr und mehr zu einem Selbstläufer. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann daraus ein Kassenmagnet wurde.

Wenn sie ihn schon als Vorlage für ihren Hauptdarsteller nutzte, wollte er ein Stück von diesem Kuchen abhaben. Ein Grund mehr, warum heute so viel von seinem Besuch bei Porterhouse Mills abhing. Zu gern wäre er geradewegs an die Autorin herangetreten, doch da man sie auf dem direkten Weg nicht erreichen konnte, war er zu diesem Schritt über ihren Verlag gezwungen. Wobei es ihm mittlerweile gar nicht mehr so verkehrt erschien.

Wenn er Mr. Mills bei seinem heutigen Treffen positiv stimmte und ihn von seinem Anliegen überzeugte, stünde Aléjandros weiteren Planungen nichts mehr im Wege. Er sah dem Treffen mit Zuversicht entgegen. Er konnte ausgesprochen überzeugend sein und wusste, wie man Menschen lenkte, um ihnen eine Idee als ihre eigene zu verkaufen.

Es war an der Zeit Angelique vor Augen zu führen, welche Konsequenzen ihr leichtsinniges Handeln nach sich zog. Er ließ weder sich noch seine Familie zum Gespött ihrer Geschichten machen.

Die gute Angelique Darkness konnte sich warm anziehen.

„Ehrlich gesagt hege ich gewisse Zweifel, dass sie sich auf diesen Vorschlag einlassen wird“, bemerkte Jonathan Mills. Er zerrte an seiner Krawatte, öffnete den obersten Hemdknopf und strich sich fahrig das schüttere Haar aus der Stirn. Aléjandro Javier Pérez-Vasquez war für ihn kein Unbekannter. Seit gut zwanzig Jahren gefeiert als Schauspieler, hatte er sein Hauptinteresse mittlerweile auf die Produktion verlagert und nebenher bei einigen preisgekrönten Filmen Regie geführt. Er galt als verschrobenes Genie und als Workaholic – der Ruf den er sich allerdings als Frauenschwarm während seiner Schauspielkarriere gemacht hatte, war geradezu legendär. Der Name A. J. Vasquez war ein Garant für Erfolg. Er war talentiert und er besaß die nötige Disziplin, um ein Projekt von Anfang bis Ende durchzuziehen.

Allerdings wusste Jonathan auch, dass Mr. Pérez-Vasquez zudem als heimliche Vorlage für Angelique Darkness’ männlichen Protagonisten gehandelt wurde. Die Autorin betonte immer wieder, dass es kein reales Vorbild für ihren rüpelhaften Macho gab. Doch selbst Jonathan war bei Auswertung der Leserstimmen der letzten Wochen klar geworden, dass diese Aussage wohl so nicht ganz stimmen konnte.

Der egozentrische Domènico Álvarez mit dem enormen Frauenverschleiß hatte überdeutlich viele Gemeinsamkeiten mit Mr. Pérez-Vasquez. Das würde nicht einmal seine Erfinderin abstreiten können.

Es war seltsam, diesen fleischgewordenen Frauentraum überraschend und sehr real vor sich sitzen zu haben.

Dass er ihm zudem nun das Angebot unterbreitete, sich die Filmrechte für »Sizilianische Träume« sichern zu wollen, zog Jonathan gerade ein wenig den Boden unter den Füßen weg.

Porterhouse Mills war ein kleiner Verlag, der sich nur mit wenigen namhaften Autoren rühmen konnte. Aber sie hatten ein Gespür für Talente und mancher Schriftsteller, der später zu einem der großen Verlage gewechselt war, hatte einst bei ihnen seine Karriere gestartet.

Sie waren nicht weltbekannt, doch in Brisbane etabliert und der Verlag hatte sich ganz gut gehalten - zumindest für ein paar Jahrzehnte. Erst seit die Wirtschaftskrise sich mehr und mehr ausweitete, ging es auch Porterhouse Mills längst nicht mehr so rosig wie früher. Hinzu kam der weitverbreitete Irrglauben in ihrer Branche, dass sich elektronische Bücher - sogenannte eBooks - niemals etablieren würden und als Konkurrenz zu gedruckten Büchern keine Chance hätten.

Sie hatten sich geirrt, sie alle. Dieser Markt boomte täglich mehr.

Jonathan und seine Partnerin Annie Porterhouse begegneten neuen Autoren mit deutlich weniger Enthusiasmus als früher. Irgendwann hatte Annie dann damit begonnen, sich auf dem größer werdenden Markt der unbekannten Schriftsteller umzusehen und diese selbsternannten Indie-Autoren genauer unter die Lupe zu nehmen. In Bezug auf Angelique waren sie sich allerdings so einig wie selten zuvor gewesen, was deren Talent und Zukunft betraf.

Der Besuch von Mr. Pérez-Vasquez war in Jonathans Augen ein eindeutiger Beweis, dass sie richtig handelten.

Angeliques Buch verkaufte sich täglich besser und die Zahlen stimmten ihn und Annie mehr als zufrieden. Sie hatten sich auf das Experiment eingelassen sowohl die Druckversion als auch das dazugehörige eBook zu vertreiben und es war genau der richtige Schritt gewesen.

Wenn Mr. Pérez-Vasquez tatsächlich die Filmrechte erwerben würde, wäre das ein Gewinn für sie alle. Gerade in Zeiten der weltweit stagnierenden Wirtschaft bedeutete das nicht nur zusätzlichen Profit, sondern auch gesicherte Arbeitsplätze.

„Sie werden gewiss die passenden Argumente finden, um Miss Darkness davon zu überzeugen“, erwiderte Aléjandro. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen, das seine dunklen Augen nicht erreichte. Aléjandro stand auf und Jonathan tat es ihm nach. Er war nicht klein, dennoch überragte der Schauspieler ihn um mehr als fünfzehn Zentimeter. Eine Visitenkarte erschien wie hingezaubert zwischen den schlanken Fingern und Jonathan nahm sie mit zugeschnürter Kehle entgegen.

„Überlegen Sie es sich, Mr. Mills.“ Den Kopf schief gelegt, musterte Aléjandro ihn eindringlich. „Es ist viel Geld, über das wir hier sprechen. Miss Darkness erhält ihr individuelles Mitspracherecht, ihre Anonymität bleibt gewahrt und ich erhoffe im Gegenzug eine positive Zusage bezüglich der Besetzung der weiblichen Hauptrolle. Davon hängt alles ab. Seien Sie zuversichtlich und überzeugend. Ein Nein wäre für alle Seiten sehr bedauerlich.“

Jonathan straffte die Schultern, nickte dem vor ihm stehenden Mann zu und schüttelte dessen dargebotene Hand.

„Ich werde tun was in meiner Macht steht, Mr. Pérez-Vasquez“, versprach er.

Aléjandro sah ihn nur an. Mit ausdruckloser Miene griff er nach Angelique Darkness’ Buch. Er klemmte es sich unter den Arm und lehnte mit einer herrischen Handbewegung Jonathans Versuch ab ihn zur Tür zu begleiten.

Als er allein war, starrte Jonathan erneut auf die Visitenkarte in seinen Fingern. Schließlich zwang er sich zurück an seinen Schreibtisch und wählte die Nummer von Annie. Er musste mit ihr sprechen. Sie brauchten dringend ein stimmiges Konzept, um Angelique von der Notwendigkeit ihres Einverständnisses zu überzeugen. Sie alle konnten dadurch nur gewinnen – und es wäre genau die Art von Aufmerksamkeit, die Porterhouse Mills endgültig wieder in die schwarzen Zahlen katapultieren würde.

***

Verblüfft starrte Cady Anderson ins Leere und presste Daumen und Zeigefinger gegen den Nasenrücken.

Nein - nein! Auf gar keinen Fall!

Seit zwei Wochen hatte sie bereits das absurde Gefühl verfolgt zu werden und sah hinter jeder Ecke einen Schatten lauern. Ständig befürchtete sie, dass ihre Tarnung aufflog und man ihr die Bude einrennen könnte. Natürlich war es albern - sie war nicht berühmt. Sie war niemand. Sie war höchstens ein bisschen paranoid.

Unter dem Künstlernamen Angelique Darkness hatte sie sich dazu hinreißen lassen einem alten Traum hinterher zu jagen. In Form von Domènico und Guilia lebten ihre dunklen Fantasien auf, während Cady kichernd und mit erhitzten Wangen vor ihrem Laptop saß. Sie hatte nicht geahnt, welche Resonanz ihre Geschichte um den gut situierten Lebemann und die zickige Marketingexpertin erzielen würde, als sie die ersten Seiten als unvollendetes eBook ins Internet stellte.

Es war ein seltsames Gefühl, plötzlich einen lesenden Fan-Club zu haben und in dem Wissen zu schreiben, dass irgendwo Menschen saßen, die ihre Geschichten mochten und mehr davon verschlingen wollten. In erster Linie waren es Frauen, die schon dem nächsten Kapitel entgegenfieberten. Es war befremdlich, es war schön und es machte süchtig.

Schließlich war der kleine, aber exquisite Verlag Porterhouse Mills mit einem Vertragsangebot an sie herangetreten. »Sizilianische Träume« wurde als Printausgabe, und somit als richtiges Buch veröffentlicht - und plötzlich schienen ihre Hirngespinste, eine ernst zu nehmende Autorin zu sein, gar nicht mehr so unrealistisch. Natürlich hatte sie glücklich zugesagt. Endlich ein Verlag, endlich die Chance sich auf dem Weg ihre Brötchen zu verdienen, den sie sich immer heimlich erhofft hatte.

Heute Morgen hatte sie der Anruf einer gewissen Susan Murray vom Sender Link-International überrascht. Die Dame am Telefon hatte sich als Regie-Assistentin des Late-Night-Talkers Steve Brighton vorgestellt und Angelique Darkness zu einem Interview-Termin in seine Show eingeladen.

Zweifelsfrei ein tolles Angebot.

Angelique würde ein Wochenende in Canberra verbringen, eine luxuriöse Suite in einem Fünfsternehotel bewohnen und eine hohe Gage erhalten.

Im Gegenzug wolle man die Exklusivrechte.

Sie bräuchte nicht einmal in das Studio kommen. Selbstverständlich könne das Interview in ihrem Hotel aufgezeichnet werden. Verfremdet, sie müsse sich nicht öffentlich zeigen.

Dieses Angebot war verdammt verlockend.

Cady hatte den Kreis der Eingeweihten um ihre wahre Identität so klein wie möglich gehalten. Wie zur Hölle war diese Frau an ihre Telefonnummer gekommen?

Du hättest sie fragen sollen, ging es ihr durch den Kopf.

Glücklicherweise hatte Cady rasch genug geschaltet und sich als Mitarbeiterin von Angelique ausgegeben. Man würde sich melden, war ihre souveräne Antwort. Sie notierte die Kontaktdaten und verabschiedete sich unverbindlich.

Cady schüttelte den Kopf. Sie konnte dieses Angebot nicht annehmen. Unmöglich!

Denn wenn sie es tat, würde anschließend halb Australien wissen, wer sich hinter ihrem Pseudonym verbarg. Es war allgemein bekannt, dass Steve Brighton es liebte, die wahre Identität derer zu enthüllen, die versuchten, ihr Privatleben zu schützen. Sie wollte ihren Frieden. Sie wollte keine Interviews geben, Lesungen abhalten und vor irgendwelchen Paparazzi flüchten müssen. Sie wollte nur schreiben und ihr ruhiges Leben beibehalten.

Mit einem Seufzer stemmte sie die Ellenbogen auf den Tisch und legte den Kopf in ihre Hände. Ihr Blick glitt zu dem Notizblock, der neben dem schnurlosen Telefon lag. Nachdenklich starrte sie darauf. Die Zahl, die Mrs. Murray ihr genannt hatte, war unglaublich hoch. Früher hätte Cady Stein und Bein geschworen, dass sie nicht käuflich sei, aber seit einem halben Jahr sah ihre Welt anders aus.

Verdammt! Es war so verlockend: einfach ja sagen, das Geld nehmen, einen Teil der Schulden bezahlen und wieder ruhig schlafen können. Nicht mehr bei jedem Telefonanruf zusammenschrecken und sich fragen, welcher Kreditgeber als Nächstes seine gierigen Finger nach ihr ausstreckte.

Leise stöhnend bettete sie die Stirn in ihre Handflächen. Hatte sie wirklich eine Wahl? Sie musste Rechnungen bezahlen - jede Menge sogar - und langsam verlor sie den Überblick über die Höhe ihrer Schulden. Ihre Handballen pressten sich auf die geschlossenen Lider.

In ihrem Kopf hämmerte seit Wochen die gleiche Frage, die sie daran hinderte, positiv nach vorne zu blicken: Welchen Gläubiger sollte sie zuerst bezahlen?

Es fiel ihr zunehmend schwerer, optimistisch zu bleiben.

Früher war das anders.

Trotz einer harten Kindheit hatte sie sich durchgeboxt und nach vorn gekämpft. Sie hatte einen tollen Job und war bis vor kurzem noch sehr zufrieden mit ihrem Leben. Erst als sie vor knapp sechs Monaten diese Arbeit verloren und gezwungen war eine Stelle in einem Callcenter anzunehmen, war es erneut bergab gegangen. Sie wusste kaum ihre Rechnungen zu bezahlen und musste jeden Cent dreimal umdrehen.

Die ständigen Sorgen belasteten sie und die Schreiberei half ihr, für eine Weile die kalte Realität zu vergessen. Auf diese Weise konnte sie abschalten und sich völlig in ihre Fantasien und Geschichten fallen lassen.

Das Problem war nur: Sobald sie aus dieser anderen Welt zurückkehrte, war auch die Beklemmung wieder da – ebenso wie die Schulden und die Angst vor dem, was am nächsten Tag kommen würde.

Durchwachte Nächte, Heulkrämpfe und dieses ständige unterschwellige Gefühl des Wartens auf die nächste Katastrophe, waren längst zu einem Teil ihres Lebens geworden.

Cady zuckte zusammen, als das Telefon erneut klingelte. Mit müden Augen nahm sie es in die Finger und starrte auf das Display: Jonathan Mills.

Oh bitte, nicht das auch noch. Sie hatte jetzt keinen Nerv auf ihren Literatur-Agenten.

Sie schob sich die Brille wieder auf die Nase.

Hatte Mrs. Murray ihn zusätzlich angerufen, um über den Verlag noch ein wenig nachzuhelfen?

Gereizt nahm sie das Gespräch entgegen.

„Hallo Jonathan“, grüßte sie.

„Cady! Hallo, hier ist Annie Porterhouse“, erklang eine melodische Stimme.

Dass ihre Lektorin in der Leitung war, machte den Anruf nicht angenehmer. Vermutlich wollte Annie wissen, wie es mit dem neuen Buch voranging und gerade jetzt hatte Cady überhaupt keinen Sinn für Annies unterschwellige Art Druck auf sie auszuüben.

Sie seufzte tonlos und fuhr sich schläfrig mit den Fingern durch das lange Haar.

„Hallo Annie“, erwiderte sie. „Wenn Sie wegen des Manuskriptes anrufen ...“

„Oh nein.“ Annie gluckste in den Hörer, was Cady zu einem irritierten Stirnrunzeln veranlasste. Kicherte diese Frau?

Cady kannte Miss Porterhouse als resolute und willensstarke Endfünfzigerin. Eine Frau, die sich ihren Platz in der Verlagsbranche hart erkämpft hatte und selten lächelte. Sie hatte wirklich Haare auf den Zähnen und ihr Ruf als gnadenlose Lektorin war legendär. Ein Kichern passte zu ihr, wie Schlagsahne auf einen sauren Hering.

„Ist es wegen Link-International?“, wollte Cady wissen.

Link-International?“, wiederholte Annie überrascht. „Der TV-Sender aus Canberra?“

Cady presste die Lippen aufeinander und schlug sich die Fingerknöchel gegen die Stirn.

Mist! Mist! Mist!

Hätte sie doch nur den Mund gehalten.

„Was ist mit Link-International?“, fragte Annie.

„Sie haben sich nach einem Interview mit Angelique erkundigt“, erwiderte Cady widerwillig. „Ich habe gesagt, man würde sich gegebenenfalls melden.“

„Das ist doch eine tolle Chance, Cady.“

„Ich weiß.“

„Überlegen Sie es sich, Cady. Sie haben großes Talent. Ihre Bescheidenheit ist hier fehl am Platz.“

„Ich weiß.“

„Sie sollten wirklich ...“

Nicht die gleiche Leier.

Kurzerhand unterbrach sie die Verlagschefin.

„Was ist der Grund Ihres Anrufes, Annie?“

Sie wollte diesen Sermon nicht zum gefühlten hundertsten Mal durchkauen.

 „Oh ja. Mein Telefonanruf.“

Annie gluckste leise vor sich hin.

Was war denn heute los?

„Wir haben ein Angebot für »Sizilianische Träume« bekommen“, erklärte die Lektorin.

„Was für ein Angebot?“

„Da werden Sie niemals drauf kommen“, verkündete Annie.

Cady presste die Lippen aufeinander und schwieg. Sie hatte keine Lust auf Ratespielchen. Wenn Annie nicht gleich zur Sache kam würde sie auflegen.

„Wir haben einen Interessenten, der die Filmrechte an Ihrem Buch kaufen will“, platzte diese heraus.

„Was?“ Das sich überschlagende Krächzen aus ihrer Kehle erschreckte Cady. Annie kicherte schon wieder.

„Sie haben richtig gehört, Cady. Pranchwood Studios will »Sizilianische Träume« verfilmen und man hat Ihnen ein umfassendes Mitspracherecht eingeräumt. Sie können sich mit einbringen und die Bezahlung ist phänomenal. Wir sprechen von einem Betrag im sechsstelligen Bereich.“

Cady ließ das Telefon auf die blank polierte Oberfläche ihres alten Eichentisches sinken und versuchte mühevoll Atem zu holen. Ein wildes Rauschen betäubte ihre Ohren und benebelte ihre Sinne. Sie konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen.

Verstört schloss sie die Augen.

Irgendjemand erlaubte sich einen furchtbar schlechten Scherz mit ihr und das nun schon zum zweiten Mal an diesem Tag.

Das war verrückt. Cady hatte ihr ganzes Leben damit zugebracht, sparen zu lernen und sich dreimal zu überlegen, welche Anschaffung wirklich notwendig war - und plötzlich sollte das mit einem Fingerschnippen vorbei sein?

Einfach so?

Nein. Ihr fiel nichts in den Schoß.

Es gab immer einen Haken.

Bei Link-International hieß er Steve Brighton. Was war es hier?

In ihrem Leben waren Probleme nicht mal eben aus der Welt geschafft. Sie war es gewohnt sich abzustrampeln und hart dafür arbeiten zu müssen, um auch nur kleine Teile jenes Schuldenberges abzutragen, der mittlerweile zu ihrem Lebensinhalt geworden war.

Über Jahre hatte Cady sich ihre Zuversicht bewahrt. Sie war fröhlich geblieben, dachte positiv und sagte sich ständig, dass es anderen Leuten noch schlechter ging. Irgendwie war es immer weiter gegangen. Es verlangte ihr kein großes Opfer ab, sich einzuschränken und ein bescheidenes Leben zu führen.

Aber ihre Welt war ein Stück weit aus den Fugen geraten, seit sie vor einem halben Jahr ihren Job in der einstigen Vermittlungsagentur für Lehrkräfte verloren hatte. Ihr liebevoller, altersschwacher Boss hatte sich in den Ruhestand begeben, weil seine Pumpe nicht mehr mitmachte - und sie war mit Ende dreißig offensichtlich zu alt für eine adäquate Beschäftigung an anderer Stelle. Zumindest hinterließen die unzähligen Absagen auf ihre Bewerbungen genau diesen Eindruck.

Letztlich war ihr keine andere Wahl geblieben, als das Jobangebot in diesem Callcenter anzunehmen. Eine Arbeit, die sie hasste wie die Pest.

Sie arbeitete im Mehrschichtbetrieb und entweder musste sie um halb vier in der Früh aus dem Bett oder sie kam erst mitten in der Nacht heim. Das Gehalt deckte gerade die monatlichen Kosten und Cady blieb kaum genug Geld, um sich etwas zu essen zu kaufen. Von Kleidung oder Ähnlichem ganz zu schweigen.

Die Einnahmen aus den Verkäufen ihrer Bücher waren zwar ein Bonus, aber nach Abzug der Steuern blieb auch davon nicht viel übrig.

Seit fünf Monaten ernährte sie sich fast nur noch aus ihrem kleinen Gemüsebeet. Eine magere Beute, denn sie war nicht unbedingt das, was man eine begnadete Gärtnerin nennen konnte. Der Ertrag ihrer Ernte war dürftig. Wie das nächste halbe Jahr verlaufen sollte, war ihr immer noch schleierhaft, zumal es ja nicht nur um sie allein ging.

Sie teilte ihr Leben mit dem Rüden Loki und der Hündin Vicky - und dann war da noch diese zarte, blasierte Katze namens Caramel ... drei Lebewesen, von denen sie sich um nichts in der Welt getrennt hätte, denn sie waren alles, was Cady an „Familie“ geblieben war. Ja, für ihre „Babys“ würde sie jeden Weg gehen, ganz gleich, welchen Preis es von ihr forderte.

Link-International oder Pranchwood Studios? Beides gefiel ihr nicht besonders. Letzteres am wenigsten ... aber es brachte das meiste Geld. Ein sechsstelliger Betrag und damit die Aussicht auf ein fast schuldenfreies Leben war mehr als verlockend – es war die Lösung ihrer Probleme.

„Cady???“

Annies Stimme hatte deutlich an Lautstärke zugenommen. Vermutlich rief sie nicht das erste Mal ihren Namen. Fahrig hob Cady die Hand und legte das Telefon wieder an ihr Ohr.

„Ich bin noch da“, krächzte sie.

„Ach, meine Liebe. Ich kann mir vorstellen, dass das ein kleiner Schock für Sie ist.“

„Gelinde gesagt“, warf Cady ein. Annie lachte.

„Nun, wir hätten da vielleicht einen kleinen Haken an der Geschichte“, bemerkte sie zögernd. Cadys beginnendes Glücksgefühl sackte augenblicklich zurück in den Keller. Natürlich - es gab immer einen Haken.

Wie schlimm mochte es sein?

„Eigentlich sind es sogar zwei: Der Produzent möchte, dass Sie damit beginnen das Drehbuch zu schreiben ... und außerdem hofft er, dass Sie die weibliche Hauptrolle selbst übernehmen. Er ist der Ansicht, Sie kennen die Figur der Guilia am Besten und sind somit vielleicht auch in der Lage sie im Film zu verkörpern. Die fehlenden schauspielerischen Kenntnisse sollen Ihnen in einem sechswöchigen Intensivkurs von dem Kollegen vermittelt werden. Sie erhalten dafür natürlich eine gesonderte Gage.“

„Bitte was?“

Selbst in Cadys eigenen Ohren klang ihre Stimme hysterisch und schrill. Das Rauschen wurde so laut, dass sie nicht mehr hörte, was Annie am anderen Ende der Leitung von sich gab. Wilde Punkte tanzten vor ihren Augen und sie spürte, wie ihr schwindelig wurde.

Was hatte sie heute gegessen?

Zwei Tomaten und einen Apfel. Es war fünf Uhr nachmittags. Sie hatte in den letzten Monaten gute zwanzig Kilo abgenommen. Nicht dass es ihr geschadet hätte - sie war keineswegs unglücklich damit, dass die Pfunde von ihren Hüften geschmolzen waren. Nur der Weg zu ihrer veränderten Figur hätte gern ein anderer sein können. Hunger war eine neue und unangenehme Erfahrung.

Keine Panik.

Es war bloß ihr Kreislauf, der sich meldete.

Ihr eigener Herzschlag dröhnte in ihrem Kopf. Vielleicht bildete sie es sich auch nur ein. Mit verschwommenem Blick starrte sie auf das Telefon in ihren Fingern und ein hysterisches Kichern kroch durch ihre Kehle hinauf.

Schauspielerin? Sie?

Das Drehbuch bekam sie ja vielleicht noch hin – mit ein bisschen Hilfe ... aber sie als Schauspielerin?

Cady lachte leise.

Dieser idiotische Produzent wollte, dass sie die Hauptrolle spielte?

Ha - natürlich kannte sie die Figur der Guilia. Wem mochte sie vertrauter sein als Cady. Aber ihre Protagonistin war locker zehn Jahre jünger als sie. Wie wollte man diese Tatsache kaschieren? Von diversen weiteren Problemen, wie ihrem mangelnden Talent und ihrer Kamerascheu, ganz zu schweigen.

„Cady?“

Verwirrt schaute sie sich um ehe ihr einfiel, dass Annie immer noch am anderen Ende der Leitung war. Sie kicherte erneut und hob das Telefon wieder ans Ohr.

„Die sind verrückt, oder?“, wollte sie amüsiert wissen.

„Nun, das ging mir auch durch den Kopf“, gab Annie zu.

Cady verzog den Mund. Sie brauchte keine Bestätigung ihrer eigenen Zweifel - sie wollte dass Annie beteuerte, sie würde sich ganz großartig machen.

Kopfschüttelnd schloss Cady die Augen.

Annie Porterhouse war Lektorin, keine Motivationstrainerin. Umständlich räusperte sie sich am anderen Ende der Leitung.

„Jonathan versicherte mir, dass der Herr bei völlig klarem Verstand war.“

„Wieso will man mich? Ich bin keine Schauspielerin, ich habe noch nie vor einer Kamera gestanden. Das ist völlig absurd.“

„Danach haben wir nicht gefragt“, erwiderte Annie.

Cady schüttelte immer noch den Kopf.

Sie fühlte sich seltsam, als habe sie zu viel getrunken. Der Cocktail aus Endorphinen und Adrenalin in ihrem Körper sorgte für ein wahres Gefühls-Chaos. Sie war unschlüssig, ob sie vor dem anstehenden Abenteuer - das plötzlich vor ihr lag - davonrennen oder sich mit Anlauf hineinstürzen sollte. Ihr Blick fiel auf Loki und Vicky, die auf ihren Plätzen neben dem Kachelofen lagen.

Wie lang würde sie sich das Futter für sie noch leisten können? Sie hätte schon längst mit ihnen zum Tierarzt gehen müssen, um sie impfen zu lassen.

Caramel, die grazile schokoladenfarbene Katze, sprang auf den Tisch, setzte sich mit aufmerksamem Blick vor Cady und starrte sie an.

Diese Katze tat nie etwas ohne Grund - so verrückt es in den Ohren anderer oft klang. Cady sah ihr in die leuchtend grünen Augen und war sich plötzlich ziemlich sicher, dass Caramel ihr klar zu machen versuchte, dass ihre Entscheidung doch längst gefallen war.

Sie holte tief Luft.

„Wird man öffentlich machen, dass die Autorin auch gleichzeitig die Hauptdarstellerin ist?“, wollte sie wissen.

„Nein, es wurden absolutes Stillschweigen und Anonymität zugesichert“, gab Annie zurück. „Lediglich Mr. Pérez, der Produzent, wäre über Ihre wahre Identität informiert. Für alle anderen sind Sie eine unbekannte Laienschauspielerin, die man engagiert hat, um die Authentizität der weiblichen Protagonistin zu erhalten - was mit einer bekannten Akteurin nicht gewährleistet wäre.“

Authentizität?

Die hatten doch allesamt einen Knall!

Sie sollte die Hauptrolle in ihrer eigenen Geschichte spielen? Das war verrückt!

Dass sie selbst es überhaupt in Erwägung zog, obwohl sie noch nicht einmal das Interview mit Steve Brighton wollte, war Wahnsinn.

Warum dachte sie überhaupt darüber nach?

Cady verzog die Lippen. Sie wusste warum: das Geld lockte. Das Geld für den Verkauf der Filmrechte und die zusätzliche Gage. Keine finanziellen Sorgen mehr, keine Angst vor dem nächsten Morgen und einem möglichen Anruf der Bank. Endlich wieder mit leichtem Herzen durchs Leben laufen.

Sie hatte sich bereits unzählige Male eine solche Chance gewünscht – und nun, wo sie sich ihr bot, hatte sie das Gefühl sich selbst wie ein Opferlamm zur Schlachtbank zu schicken.

Cady seufzte, strich Caramel über das schmale Köpfchen und pustete sich das Haar aus der Stirn. Okay, sie hatte schon ganz andere Dinge überstanden, aber das hier war etwas anderes als Hunger und Geldnot.

Es ging nicht nur darum an Mimik und Gestik zu arbeiten oder Texte auswendig zu lernen ... sie würde nackt vor einer Kamera agieren müssen. Nackt!

Noch dazu mit einem Mann, der vermutlich aussah wie ein griechischer Adonis und mit dem sie Szenen darstellen musste, in denen sie ungezügelten Sex miteinander hatten. Ein Mann, neben dem sie sich - mit ihrer Cellulite und den Narben - noch unansehnlicher fühlen würde, als sie es ohnehin schon tat.

Verdammt!

Sie hatte schon ein Problem damit, dass alle Welt erfahren könnte, wer sie wirklich war - und nun überlegte sie allen Ernstes sich auf eine Weise preiszugeben, die weitaus mehr von ihr offenbarte als nur ihre Identität als Autorin?

Wie wollte sie das mit ein paar Wochen Training kompensieren?

Ihre Hände schwitzten und sie biss sich auf die Unterlippe.

Es war so wahnsinnig viel Geld!

Konnte sie sich wirklich dazu überwinden?

Tief durchatmend versuchte sie, ihre Aufregung unter Kontrolle zu bekommen. Das wäre kein Spaziergang und sie würde danach nicht so tun können, als wäre das alles nicht passiert. Selbst wenn niemand den Zusammenhang zwischen Angelique und ihr herstellen würde, jeder wüsste wie sie nackt aussähe – sogar ihre Nachbarn.

Aber was war schlimmer?

Dass alle Welt ihren unästhetischen Körper sehen würde - den bislang nur die Gäste am Strand im Badeanzug hatten betrachten können - oder dass jemand herausfinden würde, wer Angelique Darkness wirklich war?

Sie hatte es bis heute vermieden, damit hausieren zu gehen, dass sie ein Buch geschrieben hatte. Nur wenige Menschen wussten davon. Der Gedanke, dass viele Leser glaubten, sie hätte all die Dinge erlebt, von denen sie erzählte, bereitete ihr Unbehagen. Wenn sie Geschichten schrieb, war darin natürlich auch immer ein Teil von Cady selbst enthalten und mit jeder Zeile, die sie veröffentlichte, machte es sie ein Stück weit verletzbar. Aber in erster Linie waren es ihre Wünsche und Träume, ihre geheimen Fantasien, denen sie Raum zum Wachsen gab.

Wenn sie ehrlich war, war der Gedanke daran sich nackt zu präsentieren wesentlich annehmbarer, als der sich als Autorin der »Sizilianischen Träume« zu offenbaren. Sie würde nur ihr Äußeres bloßstellen, nicht das, was in ihr war.

Wenn sie dem Angebot des Produzenten folgte, obwohl sie weder Schauspielerin noch Model war, gab es immerhin die Chance, dass er seine Wahl überdachte.

Wer sagte denn, dass sie Talent besaß?

Sie war nur Cady Anderson, irgendeine Laiendarstellerin, die keine Ahnung von diesem Job hatte und nicht wusste, worauf sie sich da eigentlich einließ.

Was hatte sie also zu verlieren? Höchstens ein bisschen Stolz, wenn dieser Verrückte feststellte, dass er sich besser jemand anders für seine Darbietung suchte.

Das war kurios, wirklich kurios.

Sie war so gut wie erledigt!

Nervös drückte sie das Telefon an ihr Ohr.

„Man kennt mich doch gar nicht. Rein optisch passe ich überhaupt nicht in die Rolle der Guilia. Außerdem bin ich zu alt.“

„Der Herr bestand darauf. An der Optik kann man nacharbeiten, heute wird doch alles retuschiert, was nicht hundertprozentig stimmt. Im schlimmsten Fall müssen Sie sich eben die Haare färben und bekommen ein Körperdouble. Im Übrigen sind Sie keineswegs zu alt, Cady. Sie sehen wesentlich jünger aus, als Sie sind.“

Cadys Augenbrauen hoben sich. Das war wohl Annies Art ein Kompliment zu machen. Wobei sie recht hatte - Falten ließen sich durch ein entsprechendes Grafikprogramm vertuschen und die essentielle Frage war doch eher die, ob sie überhaupt einen Funken Talent besaß. Aber das sollte nicht ihr Problem sein.

„Ich kann meine Hunde und die Katze nicht allein lassen.“

Für einen Moment herrschte Schweigen, dann gab Annie ein zustimmendes Schnauben von sich.

„Ja nun, dann nehmen Sie die mit. Wenn Sie Kinder hätten, würden Sie diese auch nicht allein zu Hause lassen.“

***

Drei Stunden zu spät.

Missmutig strich Cady sich das immer noch feuchte Haar aus der Stirn, warf einen Blick in den Innenspiegel und seufzte. Sie wollte heulen vor Wut und sich irgendwo verkriechen.

Doch dafür blieb keine Zeit. Verdorben hätte es allerdings nichts mehr, sie sah ohnehin grauenhaft aus.

Dieser Montag war die reinste Katastrophe.

Auf dem Weg nach Byron Bay war alles schief gegangen, was schief gehen konnte.

Sie hätte wieder ins Bett gehen sollen, als sie noch die Möglichkeit dazu hatte. Stattdessen war sie morgens bereits in der Küche über Caramel gestolpert und hatte sich schmerzhaft die rechte Schulter geprellt. Eine Viertelstunde saß sie heulend auf den Fliesen und tat sich selbst leid.

Irgendwann riss sie sich aus ihrer eigenen Lethargie. Es war Zeit aufzubrechen. Die Jammerei half ihr auch nicht weiter. Außerdem war ihr bereits ein ausgesprochen großzügiger Vorschuss zugedacht worden und sie fühlte sich verpflichtet, wenigstens  wie verabredet zu erscheinen.

Also, Augen zu und durch.

Wie sehr sich dies schon zu Beginn des Tages bestätigen würde, war Cady da noch nicht klar gewesen.

Rasch hatte sie Caramel eingefangen, sich drei blutige Kratzer geholt, als sie die Katze in den Korb sperrte, und diese dann mit Leberwurst bestochen, damit sie friedlich blieb.

Glücklicherweise war die Samtpfote davon so begeistert, dass sie gleichzeitig die kleine Beruhigungspille schluckte, die darin versteckt war und ihr helfen sollte, die Fahrt möglichst entspannt zu überstehen.

Geplant waren ungefähr zwei Stunden Fahrt.

Doch Cady war kaum aufgebrochen, als sie schon im Stau stand und ihr der Pacific Motorway entlang der Goldküste verwehrt blieb. Ein schwerer Unfall sorgte für eine unabsehbare Vollsperrung in beide Richtungen, weshalb sie ihr Navigationssystem neu programmiert hatte.

Vermutlich hatte sie irgendetwas falsch eingetippt, denn vor ihr lag plötzlich ein gut hundertdreißig Kilometer längerer Weg, wodurch sich ihre Reisezeit verdoppelte. Kurzerhand schickte sie eine entsprechende Nachricht an die Handynummer, die sie für Notfälle dieser Art erhalten hatte, und machte sich auf den Weg.

Das Unwetter zog gerade über Queensland, als sie die Umgebung der National Parks hinter sich ließ. Mehrfach musste sie rechts ranfahren, weil die Scheibenwischer der Wassermassen nicht mehr Herr wurden, die vom Himmel herunter kamen. Schließlich war sie ein paar Meilen nach Kyogle mit einem Platten liegen geblieben.

Ihr Handy fand kein Netz und sie keine Hilfe.

Sie holte Loki und Vicky aus dem Kofferraum und sperrte sie auf den Rücksitz neben Caramel, damit sie sich nicht in der fremden Umgebung selbstständig machten und vom nächsten Auto überrollt wurden. Anschließend hievte sie das Reserverad aus der Vertiefung im Kofferraumboden und begab sich eifrig daran, den Reifen zu wechseln. Währenddessen prasselte der Regen nur so auf sie herunter, durchnässte sie bis auf die Unterwäsche und sie brach sich zu allem Überfluss drei Fingernägel ab.

Nach einer gefühlten Ewigkeit war sie endlich fertig. Wutentbrannt verstaute sie das defekte Rad samt Werkzeug im Kofferraumboden und öffnete die hintere Tür ihres Wagens, um Loki und Vicky wieder in den Kofferraum zu verfrachten.

Im gleichen Augenblick erbrach Loki, der inzwischen die Tüte mit den Hundekeksen in ihrem Rucksack geplündert hatte, sich auf Cadys Schuhe. Mit hängenden Ohren und in geduckter Haltung hockte der Rüde auf dem Rücksitz und beobachtete sie geradezu schuldbewusst. Einen Moment lang war sie versucht, sich einfach auf den Asphalt zu setzen und eine weitere Runde zu heulen.

Dieser Tag war eine einzige Katastrophe!

Stattdessen führte sie die Hunde kurz an den Seitenstreifen, ließ sie sich erleichtern und sperrte sie wieder in den Kofferraum.

Resigniert säuberte sie ihre Schuhe mit Unmengen an Papiertaschentüchern, vermied den Blick in den Spiegel und setzte ihren Weg fort.

Es war später Nachmittag, als sie endlich in Byron Bay eintraf und der Erfolg ihrer Bemühungen, die Spuren ihrer Odyssee zu beseitigen, war eher mäßig. Sie bemühte sich vergeblich, die Reste von Schmieröl aus ihrem Gesicht zu entfernen, fuhr mit den Fingern durch das feuchte Haar und band es im Nacken zu einem Zopf.

Sie verzog das Gesicht, als dieser sich klamm und kühl an ihre Haut legte. Frustriert warf sie einen Blick auf ihr ramponiertes Outfit. Zeit zum Umziehen war ihr nicht geblieben. Die letzte Stunde war sie durchgefahren, ohne anzuhalten – nicht einmal, als sie hörte, wie Loki sich den Rest der Hundekekse im Kofferraum noch mal durch den Kopf gehen ließ und Vicky sich an die Vernichtung der halb verdauten Leckereien machte. Cady hatte einen Moment gegen das daraufhin einsetzende Gefühl von Übelkeit in ihrem Magen angekämpft.

Vor einer halben Stunde war dann Caramel erwacht und tauchte seither das Innere des Fahrzeuges in ein Crescendo aus empörten, schrillen Misstönen. Seufzend zog Cady den Schlüssel ab und hängte sich ihre Handtasche über die Brust.

Keine fünf Minuten später stand sie, zwei Hundeleinen in der linken Hand und in der Rechten den Katzenkorb, vor der weiß lackierten Haustür der noblen Strandvilla, vor der sie ihren Wagen geparkt hatte.

Sie sah sich einen Moment lang um.

Geld regiert die Welt, schoss es ihr durch den Kopf.

Hier war es unübersehbar. Die hell verputzte Villa strahlte Luxus und Eleganz aus, ohne dass es überladen wirkte. Durch die blank polierten Butzenglasscheiben konnte sie einen verschwommenen Blick in den komfortabel eingerichteten Empfangsbereich erhaschen.

Direkt am Strand gelegen bot sich den Bewohnern wahrscheinlich ein grandioser Ausblick auf malerische Sonnenauf- und Sonnenuntergänge. Weißer Sand und Palmen, azurblaues Meer und ein weiter, offener Himmel - die perfekte Urlaubskulisse. Selbst am späten Nachmittag schien die Sonne noch auf sie herunter.

Hier hatte es ganz offensichtlich nicht geregnet.

Cady seufzte.

Vielleicht könnte sie ein paar schöne Fotos knipsen - den Moment festhalten und das Beste daraus machen. Dem Aufenthalt selbst sah sie ohnehin mit äußerst gemischten Gefühlen entgegen.

Caramel gab ein lang gezogenes Maunzen von sich. Mit einem weiteren Aufseufzen beugte Cady sich vor und drückte notgedrungen ihre Nase auf den Klingelknopf. Wenn sie jemand beobachtete, hielt er sie vermutlich für irgendeine verrückte Alte.

Einen Augenblick später erkannte sie durch das gewölbte Glas die schemenhafte Gestalt eines groß gewachsenen Menschen. Offensichtlich ein Mann. Er schien für einen Moment innezuhalten, ehe er zu ihr hinüber kam. Erst kurz vor dem Eingang wurden die Konturen unwesentlich schärfer.

Die Tür öffnete sich schwungvoll und Cady sah sich plötzlich dem lebendig gewordenen Domènico Álvarez gegenüber. Sprachlos und mit geöffnetem Mund starrte sie ihn an.

„Kann ich Ihnen helfen?“, wollte Aléjandro wissen. Interessiert ließ er seinen Blick über die junge Frau wandern, die ihm gegenüberstand.

Sie sah aus, als hätte ihr jemand erst vor wenigen Stunden einen gigantischen Kübel Wasser über den Kopf gekippt. Die klamme Kleidung klebte an ihrem Körper und das feuchte Haar hatte sie zu einem behelfsmäßigen Zopf im Nacken gebunden. Sie bot einen befremdlichen Anblick.

Hübsch, doch ziemlich absonderlich.

Die weiße Bluse, die sie trug, gab nur deshalb nicht mehr preis, weil sie eine abgegriffene Lederjacke darüber trug. Eine abgewetzte Jeanshose schmiegte sich an jede Linie ihrer gut geformten Beine. Er unterdrückte ein Schmunzeln. Ja, sie gefiel ihm wirklich gut, auch wenn ihr Kleidungsstil deutlich zu wünschen übrig ließ. Eindeutig Old-School, er fühlte sich an die Neunziger erinnert.

Er hob den Blick und sah ihr ins Gesicht.

Ein schmales Oval mit hohen Wangenknochen und einer Nase, die vielleicht ein wenig zu breit schien, sich aber trotzdem harmonisch in das Gesamtbild einfügte. Ihre Wangen wirkten hohl, als hätte sie in kurzer Zeit zu viel Gewicht verloren.

Ein energisches Kinn und Lippen, die kein Maler schwungvoller hätte zeichnen können, vervollständigten das Bild. Aus veilchenblauen, mandelförmigen Augen, die von langen Wimpern eingerahmt wurden und ihn durch die Gläser einer altmodischen Brille hindurch musterten, starrte sie ihn an.

Offenbar legte sie nicht nur wenig Wert auf die Qualität ihrer Kleidung, sondern auch auf ein nicht vorhandenes Make-up. Stattdessen zierte ihre Wange ein dunkler Schatten.

Das war Motoröl, oder?

War das ein neuer Trend?

Tatsächlich musste Aléjandro zugeben, dass es für ihn ein ungewohnter Anblick war, einer Frau gegenüberzustehen, die offensichtlich keinen Wert auf ihr Äußeres legte.

Seine Verlobte war anfangs sogar mit Make-up ins Bett gegangen, ehe sie die Permanent-Variante wählte, und sie war nicht die erste Frau mit dieser Marotte in seinem Leben gewesen. Er hatte beides nicht nachvollziehen können, aber die Diskussionen diesbezüglich hatte er längst aufgegeben. In der Branche und den Kreisen, in denen er sich bewegte, wurden Schönheit und Jugend hoch gehandelt. Da galten andere Maßstäbe.

Während er die Fremde musterte, schätzte er sie auf gut einen Meter siebzig. Zu seinem Bedauern verbarg die Lederjacke deutlich mehr, als er zu sehen erhoffte und so konnte er über die weiteren Proportionen nur spekulieren.

Da er lediglich einen Gast an diesem Tag erwartete und dieser seine verspätete Ankunft bereits angekündigt hatte, ahnte er, wer vor ihm stand. Zugegeben, er hatte sie sich anders vorgestellt. Eher wie die glutäugige, rassige Guilia in ihrem Roman.

Angelique Darkness ... war es ein Wunder, dass er bei einem solchen Namen an eine zierliche, grünäugige Schönheit mit dunkler Haarpracht dachte? Wer erwartete schon eine groß gewachsene Blondine, die aussah wie eine ertrunkene Ratte.

Als ein misstönendes Maunzen aus dem Korb in ihrer rechten Hand erklang, zuckte sie deutlich sichtbar zusammen. Blinzelnd schüttelte sie den Kopf, grinste Aléjandro entschuldigend an und stellte den Korb ab, ehe sie sich ihm zuwandte.

„Verzeihung. Mr. Pérez?“

Er nickte wortlos. Sein Blick verharrte kurz auf dem Transportkorb, dann wanderte er zu den beiden stattlichen Hunden undefinierbarer Rasse hinüber, die zu ihrer Linken standen. Seine Augenbrauen zogen sich widerwillig zusammen.

„Nennen Sie mich Aléjandro“, erwiderte er gedankenverloren.

„Die Ähnlichkeit hat mich gerade ein bisschen umgehauen“, fuhr sie unbeirrt fort und lächelte. „Mein Name ist Cady, Cady Anderson.“ Sie reichte ihm die Hand.

Irritiert betrachtete er sie einen Moment lang.

Cady Anderson?

„Müsste ich Sie kennen?“, wollte er wissen. Ihr Grinsen vertiefte sich und Aléjandro starrte sekundenlang auf ihre Lippen. Ihre Unterlippe war ein weniger voller als die Oberlippe. Ein Mund, der eindeutig zum Küssen einlud - und zu anderen Dingen.

„Sie haben mich herbestellt, Mr. Pérez.“

Irrte er sich oder ignorierte sie sein Angebot, ihn beim Vornamen zu nennen, einfach?

„Angelique Darkness.“

Es war eine Feststellung, keine Frage. Cady versteifte sich sichtlich und in ihre Augen trat ein unbehaglicher Ausdruck.

„Mr. Mills dürfte Sie doch zwischenzeitlich über alles informiert haben“, entgegnete sie ausweichend.

War es ihr etwa unangenehm, bei ihrem Pseudonym genannt zu werden?

„Ich verstehe“, bemerkte er gedehnt. Erneut betrachtete er sie prüfend von oben bis unten. Er spürte den wachsenden Unmut, den seine stille Musterung bei ihr entfachte.

„Sie sind spät dran.“

Aléjandro nahm ihre Hand. Sie hatte einen festen Griff, kühle Haut und lange, schlanke Finger. Für einen Moment beäugte er nachdenklich die Hand in seiner. Natürlich gewachsene Fingernägel, keine quadratischen Acrylkrallen, wie sie in letzter Zeit Mode waren. Sie hatte Pianistenhände, schön geformt und gepflegt - abgesehen von den drei frisch verschorften Kratzern auf ihrem Handrücken und den dunklen Rändern unter ihren Nägeln.

Was hatte sie unterwegs getrieben? Einen Ölwechsel vorgenommen?

Er hob den Blick und sah ihr in die Augen.

Eine wirklich ungewöhnliche Farbe.

Faszinierend.

„Ich weiß, es tut mir leid, aber ...“

„Interessiert mich nicht“, unterbrach er sie rüde. Ihre linke Augenbraue hob sich unwillig. „Sie sind blond!“, setzte er hinzu.

„Scharf beobachtet“, erwiderte sie trocken und wollte ihm ihre Finger entziehen.

Er hielt sie fest und betrachtete Cady aus schmalen Augen.

„Ehrlich gesagt habe ich erwartet, Sie wären ... ein etwas anderer Typ.“

In ihrem Gesicht zuckte es. Amüsierte sie sich über ihn?

„Tja, das passiert, wenn man die Katze im Sack kauft.“ Sie hob gelassen die Schultern. „Ich kann selbstverständlich wieder gehen ...“

„Nein! Ich bin nur überrascht.“

Aléjandro zog sie ein Stück zu sich heran und musterte sie eindringlich.

„Sie sind doch Angelique, oder nicht?“, fragte er. Leicht verstimmt schoben sich ihre Augenbrauen zusammen, doch sie hielt seinem bohrenden Blick stand.

„Das würde ich gerne innerhalb Ihrer vier Wände besprechen und nicht hier draußen, wo jeder zuhören kann, Mr. Pérez.“ Sie schaute kurz auf seine Finger hinunter und sah ihm erneut in die Augen. „Darf ich meine Hand jetzt wieder haben, oder wollen Sie sich mit mir verloben?“

Ihre zweideutige Bemerkung verursachte ein ungewohntes Pochen an seiner Schläfe. Das war dreist: ihn ausgerechnet mit seiner verunglückten Beziehung zu Sienna zu verhöhnen, über die in den letzten Wochen ausgiebig in den Medien berichtet und spekuliert worden war. Er spürte, wie Ärger in ihm hochstieg.

Die andere Hand zur Faust geballt betrachtete er sie unter halb gesenkten Lidern. Gut, wenn sie es auf diese Weise bevorzugte, dann konnte sie es haben.

Mit stoischer Gelassenheit starrte er sie einen Moment lang an. Winzige Lachfältchen lagen um ihre Augen, aber er erkannte auch die dunklen Schatten darunter. Interessiert musterte er ihre Lippen. In weniger als zwei Monaten würde er sie küssen und noch ganz andere Dinge mit ihr tun.

Ihr langer, schlanker Hals lud ihn ein, sie näher zu ziehen. Es würde ihm wirklich großes Vergnügen bereiten, ihr eine Lektion zu erteilen. Wenn sie meinte, ihn provozieren zu müssen, musste sie auch mit den Konsequenzen klarkommen.

Sie wollte Domènico Álvarez?

Er würde ihn ihr geben.

Aléjandro grinste anzüglich. Die nächsten Wochen würden sich amüsanter gestalten, als er erwartet hatte.

„Verloben? Eher nicht“, antwortete er und ließ endlich ihre Hand los.

Aber flachlegen werde ich dich in jedem Fall, ging es ihm durch den Kopf.

Ein erneutes Maunzen veranlasste ihn den Blick auf den Korb zu senken, den sie nun wieder an sich nahm. Zwischen seinen Augenbrauen bildete sich eine steile Falte und sein Lächeln erlosch.

„Sie bringen Ihre Katze und Ihre Hunde mit?“

Ihm war bewusst, dass man ihm seine mangelnde Begeisterung deutlich ansah. In seinem Haushalt gab es keine Tiere. Er hatte nichts gegen Haustiere, aber er hasste es, wenn sie überall ihre Haare hinterließen.

„Na ja, Sie haben das Gesamtpaket gebucht“, erwiderte Cady trocken und ein freches Grinsen veränderte ihr ganzes Gesicht.

Er betrachtete sie prüfend.

„Inwieweit ich allerdings Ihren Ansprüchen genügen werde, kann ich nicht beurteilen. Wie Sie selbst wissen, bin ich Autorin und keine Schauspielerin. Ob der Intensivkurs irgendwelche Früchte trägt, kann ich nicht versprechen.“

„Ich bin sicher, wir werden es herausfinden“, erwiderte Aléjandro, trat zur Seite und ließ sie hinein. Missmutig sah er dabei zu, wie acht Hundepfoten ihre Abdrücke auf den polierten Marmorfliesen hinterließen.

Das konnte ja heiter werden.

ZWEI

Nachdem er Cady ihr Zimmer gezeigt hatte, war Aléjandro verschwunden. Dankbar ließ sie die Hunde los, stellte den Transportkorb ab und befreite Caramel aus ihrem Gefängnis. Immer noch ein wenig wackelig auf den Beinen kletterte die junge Katze hinaus und entschied sich ihren Rausch kurzerhand auf dem Bett auszuschlafen.

Cady machte sich auf den Weg zurück zu ihrem Auto, um ihr Gepäck zu holen. Als sie die Eingangshalle durchquerte, entdeckte sie Aléjandro der in dem weitläufigen, offenen Wohnraum mit dem Handy am Ohr geschäftig hin- und herlief. Ob er gerade mit Jonathan und Annie telefonierte, um sich zu beschweren? Der Widerwillen, dass drei Schmutz verursachende Tiere in sein perfektes, makelloses Haus einzogen, war ihm deutlich ins Gesicht geschrieben gewesen.

Sie grinste schadenfroh und zuckte mit den Schultern.

Sein Problem.

Wenn er meinte, sie hierher beordern zu müssen, dann musste er auch mit den Konsequenzen leben. Cady huschte durch die Haustür hinaus zu ihrem Auto, wo sie eine Kiste vom Beifahrersitz und einen Koffer aus dem Fußraum zog, die sie beide neben dem Wagen abstellte. Sie schlug die Beifahrertür zu.

Seit dem Anruf von Annie war fast eine Woche vergangen. Cady hatte sich einen Tag Bedenkzeit erbeten und eine Nacht darüber schlafen wollen. An Schlaf war allerdings nicht zu denken gewesen. Sie verbrachte die nächsten Stunden grübelnd an ihrem alternden Laptop. Sich selbst gegenüber konnte sie zugeben, dass sie ihre Entscheidung längst getroffen hatte. Doch sie tat sich schwer damit, es laut auszusprechen.

Natürlich würde sie auf das Angebot eingehen.

Die Verlockung war einfach zu groß und sie hätte völlig verrückt sein müssen, es nicht zu tun. Das war die einmalige Chance, ihre Schulden los zu werden und endlich ein normales Leben führen zu können. Keine Sorgen mehr, keine durchwachten Nächte, kein Magenknurren. Sie wollte keine goldenen Wasserhähne oder einen teuren Sportwagen vor der Tür, aber es wäre schön sich wieder etwas leisten zu können und sei es nur ein Paar neue Socken oder neues Spielzeug für ihre haarigen Lieblinge.

Kurz nach acht Uhr hatte sie bei Annie angerufen und dem Auftrag zugestimmt.

Zwei Stunden später ging die E-Mail eines gewissen Pete Smolders in ihrem Postfach ein. Cady studierte den Vertrag lang und ausgiebig, unterschrieb und schickte die Unterlagen auf dem Postweg an die Pranchwood Studios zurück. Dass ihr dabei ein wenig mulmig war, hat sie einfach verdrängt.

Ganz gleich, ob dieser Job ihrem eher zurückhaltenden Charakter entgegenkam: die dafür anberaumte Summe war deutlich überzeugender als ihre Skrupel.

Sie war zu ihrer Nachmittagsschicht im Callcenter aufgebrochen und hatte sich mit Arbeit abgelenkt. An eine Fortführung ihres zweiten Manuskriptes von »Sizilianische Träume« war vorerst nicht zu denken. Das Chaos in ihrem Kopf war zu groß.

Drei Tage später starrte sie fassungslos auf ihren Bildschirm. Die Summe, die in der Online-Übersicht ihres Bankkontos erschien, versetzte sie in Fassungslosigkeit. Es war von einem Vorschuss die Rede gewesen, den sie vorab erhalten sollte, aber das, was in ihrem Kontoauszug erschien, war deutlich höher ausgefallen als erwartet. Eine ganze Weile saß sie schluchzend vor dem Monitor und schüttelte nur den Kopf. Als sie sich endlich ein wenig beruhigt hatte, begann sie die ersten Schuldenposten zu begleichen.

Es war ein berauschendes Gefühl und mit jeder Position, die auf der langen Gläubigerliste wich, kehrte ihre Zuversicht zurück. Solange sie sich zurückerinnern konnte, hatten Abschlagszahlungen und Schuldscheine ihren Alltag bestimmt.

Nun würde sie schuldenfrei sein - zum ersten Mal in ihrem Leben.

Am gleichen Tag hatte sie sich dem notwendigen Gespräch mit ihrem Personalchef gestellt. Immerhin standen ihr ein mehrwöchiges Schauspieltraining und eventuelle Dreharbeiten bevor. Natürlich hatte sie ihm nichts von dem erzählt, was sie vorhatte - er hätte ihr ohnehin kein Wort geglaubt.

Ihre Bitte, sie aus persönlichen Gründen für ein halbes Jahr freizustellen, lehnte er kategorisch ab. Stattdessen verließ Cady eine Viertelstunde später mit ihren Papieren und ihrer Kündigung sein Büro. Sie weinte diesem Job keine Träne nach. Dank dieses verrückten Produzenten und seinem Interesse an »Sizilianische Träume«, würde sie sich in Ruhe eine neue und wesentlich angenehmere Arbeit suchen können, sobald sie am Filmset nicht mehr gebraucht wurde.

Auch wenn sich herausstellte, dass sie als Hauptdarstellerin völlig ungeeignet sei, konnte sie von dem Verkauf der Filmrechte noch eine ganze Weile leben, ohne am Hungertuch zu nagen. Solange sie keinen Höhenflug bekam und bescheiden blieb, hatte sie nichts zu befürchten. In der Zwischenzeit würde sie versuchen es sich bei Aléjandro bequem zu machen und die Entwicklungen der nächsten Wochen abzuwarten.

Mit einem Lächeln öffnete sie die hintere Tür ihres Wagens, hob den zweiten Koffer aus dem Fußraum hinter dem Beifahrersitz und stellte ihn ebenfalls neben der Kiste ab. Als sie schließlich über die Rückbank hinweg nach dem schweren Rucksack langte, an dem Loki sich bedient hatte, durchzuckte ein stechender Schmerz ihren Rücken.

Cady stöhnte auf.

Verdammte Bandscheiben.

Von jung und knackig war sie mit achtunddreißig wohl doch schon ein ganzes Stück entfernt. Sie schluckte. Hatte sich denn heute wirklich alles und jeder gegen sie verschworen?

Flach atmend ließ sie den Rucksack los und versuchte sich aufzurichten. Erneut schoss ein Stechen durch ihren Rücken. Sie keuchte.

Verflucht!

„Ich nehme an, Ihr Gepäck werde ich wohl hineintragen müssen“, bemerkte Aléjandro hinter ihr. Cady drehte den Kopf. Er war durch die Tür getreten und kam die zwei Stufen zu ihr hinunter. Sein Gesicht drückte deutlichen Unwillen aus, als er wortlos ihre Koffer und die Kiste nahm, um damit wieder im Haus zu verschwinden.

Sie spürte, wie ein hysterisches Lachen in ihr emporkroch und Cady schüttelte, schwankend zwischen Belustigung und Verzweiflung, den Kopf. Als ob sie auf seine gastfreundliche Hilfe gehofft hätte. Sie rechnete bestimmt nicht damit, dass er plötzlich zum Gentleman mutierte. Den Eindruck hatte er bereits zu Beginn ihres Kennenlernens verdorben.

Großartig! Nun stand sie hier, vornübergebeugt, halb in ihrem Auto, stützte sich auf dem Sitz ab und wusste sich nicht mehr zu bewegen. Wenn das nicht mal wieder eine der peinlichen „Typisch-Cady-Situationen“ war. Sie hätte darüber gelacht, wenn es nicht so furchtbar wehgetan hätte.

„Wollen Sie hier Wurzeln schlagen?“

Seine warme Stimme erklang direkt hinter ihr.

„Das nicht, aber Sie haben unglücklicherweise das Auslaufmodell gebucht“, gab sie zurück. Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und zog sie kurzerhand nach hinten. Cady konnte ein Wimmern nicht unterdrücken. Dennoch war sie froh, dass sie nun neben dem Wagen stand.

Ihr schwindelte. Sie schloss die Augen und kämpfte gegen die Übelkeit an, während sie sich in gekrümmter Haltung gegen das Auto lehnte.

„Was ist mit Ihnen?“

„Hexenschuss!“, keuchte sie.

„Was?“

Mühsam hob sie den Blick und sah ihn an. Er musterte sie mit ungläubigem Ausdruck. Wahrscheinlich kannte er das Wort Rückenschmerzen nur aus der Werbung für Schmerzmittel. So durchtrainiert, wie er aussah, hatte er so etwas selbst sicher noch nie erlebt.

Tja, das war das Los des Alters und der Preis für mehr als zwanzig Jahre Schreibtischarbeit.

 

„Brauchen Sie einen Arzt?“

Cady war kalkweiß und er bemerkte feine Schweißperlen auf ihrer Stirn. Er konnte darauf verzichten, dass sie ihm hier vor die Füße kippte. Ein gequältes Lächeln erschien auf ihren Lippen.

„Wenn er eine Spritze mitbringt, gerne.“

Irritiert musterte er sie einen Moment, atmete tief durch und trat neben sie. Stützend legte er ihr eine Hand um die Taille. Ihre Kleidung roch nach Regenwasser und Asphalt.

Was hatte sie eigentlich auf dem Weg hierher getrieben?

Er erinnerte sich schwach, dass sie es ihm erklären wollte und er sie rüde unterbrochen hatte.

„Können Sie laufen?“, wollte Aléjandro wissen. Ihn traf ein unsicherer Blick. Seine plötzliche Nähe schien ihr offensichtlich Unbehagen zu bereiten. Er nahm es mit Genugtuung wahr und verstärkte den Griff um ihre Körpermitte. Sie zuckte zusammen und atmete japsend aus.

„Ich weiß nicht“, flüsterte sie. Er wollte sie von der Stelle ziehen, aber ihre Fingernägel krallten sich in seinen Arm und sie schüttelte heftig den Kopf. „Nein! Bitte nicht.“

Unsicher ließ er sie los und beobachtete Cady.

Ihr Gesicht wurde grau. Alarmiert zog Aléjandro sein Handy aus der Hosentasche und wählte eine Nummer. Während er ungeduldig darauf wartete, dass in der Praxis seines Arztes jemand abnahm, entfernte er sich zwei Schritte von ihr.

„Praxis Germaine. Betsy am Apparat.“

„A. J. Vasquez hier, ich muss Dr. Germaine sprechen.“

Betsy bat ihn, einen Moment zu warten.

Unwillig wandte Aléjandro sich wieder Cady zu. Sie hatte sich zwischenzeitlich mit dem Gesicht zu ihrem Auto gedreht, krallte ihre Finger in das Dach und versuchte offensichtlich ihre Rückenmuskulatur zu dehnen.

„Aléjandro, welche Überraschung.“ Melodys Stimme drang an sein Ohr. „Was kann ich für dich tun?“

„Was muss ich bei einem Hexenschuss beachten?“, wollte er wissen.

„Du hast einen Hexenschuss?“

„Nein, ich nicht.“

„Oh, eine neue Freundin“, ereiferte sie sich. „Das ging schnell. Du solltest die Lady nicht gleich zu Anfang kaputtmachen, Aléjandro.“

„Melody!“

Sie lachte.

„Okay, okay. Ist das der erste Hexenschuss?“

„Ist das wichtig?“

„Natürlich ist das wichtig, sonst hätte ich nicht gefragt.“

Aléjandro trat neben Cady, die sich immer noch an dem Wagen festhielt und zwei Schritte nach hinten bewegte. Sie hielt die Augen geschlossen und versuchte ihren Atem zu kontrollieren.

„Ist das Ihr erster Hexenschuss?“

Sie schüttelte stumm den Kopf, ohne ihn überhaupt anzusehen.

„Sie verneint“, gab Aléjandro weiter. Er konnte Melodys Grinsen regelrecht hören.

„Also doch eine Frau. Aber ihr seid noch beim Sie, also scheint wenigstens nicht der wilde Sex die Ursache dafür gewesen zu sein.“

Melody!

Ihr Lachen wurde noch lauter.

„Okay, okay! Wichtig sind jetzt gezielte Dehnübungen für den Rücken oder ein lockerer Ausdauersport, wenn sie es gewöhnt ist.“

Aléjandro musterte Cady von oben bis unten. Sie war durchaus schlank, jedoch nicht so dünn, wie er es von Ausdauersportlern kannte.

„Letzteres weiß ich nicht, Dehnübungen macht sie bereits.“

„Prima. Gib ihr unbedingt ein Schmerzmittel und je nachdem was sie besser verträgt, sollte die Partie mit Wärme oder Kälte behandelt werden.“

„Soll ich Elias anrufen?“

„Den Masseur? Auf gar keinen Fall. Du kannst ihr deine schönen, warmen Hände auf den Rücken legen oder eine sanfte Streichmassage machen. Aber durchkneten ist gerade gar nicht drin. Alles, was die Nerven noch mehr reizt, verstärkt den Schmerz möglicherweise. Also verkneif dir im Augenblick olympiareife Turnübungen im Bett.“

Er ignorierte ihre Sticheleien.

„Was noch?“

„Wenn es nicht besser wird, ruf mich noch mal an, dann komme ich nach Feierabend vorbei und gebe ihr eine Spritze. Ansonsten leichte Bewegung, Wärme, Stufenlagerung. Keine Massage, aber auch keine völlige Ruhe. Wenn sie das nicht zum ersten Mal hat, weiß sie, was sie zu tun hat. Für die nächsten Tage kannst du sie jedenfalls nicht auf deiner Küchentheke vernaschen.“

Aléjandro verdrehte die Augen.

„Wer sagt, dass ich das will?“

„Ist sie hübsch?“

„Ja.“

„Wieso diskutieren wir dann überhaupt? Ich kenne dich.“

„Tja, offensichtlich ... aber ich kann warten.“

Sie kicherte leise.

„Lohnt es sich?“

„Ja, ich denke schon.“

Aus mehr Gründen, als Melody ahnte.

„Dann viel Erfolg.“

„Habe ich immer.“

Er hörte ihr Kichern noch, als er auflegte. Mit grimmigem Blick sah er zu Cady hinüber.

„Ich bringe Ihr restliches Gepäck rein.“ Rasch zog er den schweren Rucksack aus dem Auto und verschwand damit im Haus.

 

Cady hob den Kopf und sah ihn durch die Tür verschwinden. Ungeduldig bemühte sie sich den grässlichen Schmerz auszublenden, schlug die Autotür zu und drehte sich zu der Villa um. Die zwei niedrigen Stufen wirkten plötzlich wie ein unüberwindbares Hindernis. Verdammt, warum ausgerechnet heute und in Anwesenheit von diesem arroganten Schnösel?

A. J. Vasquez.

Sie hatte gehört, wie er sich am Telefon gemeldet hatte.

Wieso hatte ihr das niemand gesagt?

Jonathan und Annie hatten ihr erzählt, sie würde auf einen Aléjandro Pérez treffen. Auf ein Zusammentreffen mit dem Mann, den alle Welt für die Vorlage ihres Protagonisten hielt, war sie nicht vorbereitet gewesen.

Dabei hatte sie ihn vor der Veröffentlichung ihrer Geschichte gar nicht gekannt.

Sie besaß keinen Fernseher, sie bezog keine Zeitung und sie surfte lediglich für Recherchezwecke durchs Internet. Ihr Leben fand in der realen Welt statt und sie interessierte sich nur bedingt für irgendwelche Prominenten.

Auch als ihre Freundin Faith sie anrief und darauf hinwies, wollte Cady sich nicht selbst davon überzeugen, indem sie im Internet nach Bildern des Schauspielers stöberte. Sie hatte ihre eigene Vorstellung von Domènicos Äußerem, sie wollte sich diese Illusion nicht zerstören.

„Du bist so dämlich, Cady“, murmelte sie vor sich hin.

Es hätte ihr eigentlich in dem Augenblick klar sein müssen, als er die Tür öffnete und sie für den Bruchteil einer Sekunde glaubte, Domènico persönlich gegenüberzustehen.

Faith, Jonathan Mills, Annie Porterhouse - jeder der wusste, dass sie dieses Buch geschrieben hatte und dem die Gerüchte über A. J. Vasquez zu Ohren gekommen waren, hatte ihr gesagt, dass es da diesen Schauspieler gebe. Einen Schauspieler, auf den die Beschreibung von Domènico so prägnant passte, dass jeder ihn für die Vorlage hielt. Normalerweise war sie besser im Kombinieren diverser Zusammenhänge.

Aléjandro Pérez ... wahrscheinlich war A. J. Vasquez sein Künstlername.

Sie hatte der Tatsache einfach nicht ins Auge sehen wollen. Natürlich war er nicht nur der Produzent, er würde auch die männliche Hauptrolle übernehmen. Er passte perfekt. Wer sonst sollte Domènico verkörpern, wenn nicht der Mann, dem ohnehin nachgesagt wurde, er habe ihr als Vorlage gedient?

Vorsichtig bewegte sie sich auf die Treppe zu. Sie würde das schaffen, sowohl diese Stufen zu bewältigen als auch die bevorstehende Zeit mit Aléjandro.

Einen Moment lang überlegte sie, sich bei ihm zu entschuldigen.

Aber wofür eigentlich?

Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen oder sich in irgendeiner Weise mit seiner Person beschäftigt. Bis heute hatte sie nicht geahnt, wie ähnlich er Domènico tatsächlich war und sie verstand nicht, wie es überhaupt dazu hatte kommen können. Wie war es möglich, dass sie eine Figur kreierte, die einem realen Menschen so sehr glich?

Hatte sie vielleicht doch etwas aufgeschnappt? In irgendeinem Magazin, das sie in einem Wartezimmer durchgeblättert hatte?

Cady schüttelte leicht den Kopf. Unmöglich. Sie beschäftigte sich immer nur mit ihrem Notizbuch und selbst den heimischen Internetanschluss nutzte sie in erster Linie für Recherchen über Orte und Länder.

Das alles war nichts weiter als ein unglaublicher Zufall. Zudem schien ihn die vermeintliche Ähnlichkeit nicht so massiv zu stören, wenn er so bereitwillig sein angebliches Alter Ego auf der Leinwand darstellen wollte.

Cady schluckte.

Auf der Leinwand.

Bislang hatte sie mehr oder weniger erfolgreich verdrängt, was diese Tatsache für sie selbst bedeuten würde. Aber nun war die Vorstellung plötzlich sehr lebendig. Explizit mit einem Mann wie A. J. Vasquez an ihrer Seite. Sie mochte schon keine Fotos von sich. Von Heimvideos ganz zu schweigen. Wie würde es erst sein sich überlebensgroß, in Bewegung und noch dazu redend zu erleben. An die bevorstehenden Liebesszenen wollte sie gar nicht denken.

Grauenhaft!

Neben ihm würde sie lächerlich wirken.

Zu ihrem Verdruss erschien Aléjandro erneut in der Tür und tänzelte leichtfüßig die zwei Stufen herunter. Allein für die Eleganz, mit der er sich bewegte, hätte sie ihm zu gern einen ihrer Schuhe an den Kopf geworfen. Die Rolle des Domènico passte zweifellos zu ihm, zumindest in Teilen.

„Ich helfe Ihnen hinein!“

Das war kein nett gemeintes Angebot, sondern ein Befehl. Unter anderen Umständen hätte Cady ihn bereits in seine Schranken verwiesen. Sie war eindeutig zu alt, um sich herumkommandieren zu lassen. Im Augenblick war sie allerdings froh, wenn sie nicht auf allen vieren die Stufen hinaufkriechen musste. Sie war ausgesprochen dankbar, dass ihr Gästezimmer im Erdgeschoss der Villa lag.

Als er den Arm um ihre Taille legte und ihre Hand auf seiner Schulter deponierte, spürte sie erneut einen Anflug von Nervosität. Gott, wie sie das verabscheute. Sie war fast vierzig und keine errötende Jungfrau mehr. Aber sobald er in ihre Nähe kam und sie noch dazu berührte, schwappte eine Welle aus Hitze über sie hinweg.

Du bist eindeutig schon zu lange Single, ging es ihr durch den Kopf. Vielleicht solltest du einfach mit ihm ins Bett gehen.

Sie unterdrückte ein Lachen.

Ja, klar. Ausgerechnet sie.

Seit einer Ewigkeit genoss sie ihre Unabhängigkeit und war nie der Typ gewesen, der sich zwischendurch einen Kerl mit nach Hause schleppte. Es hatte durchaus Interessenten gegeben. Doch das Vergnügen für Cady war eher mager ausgefallen. One-Night-Stands lagen eben nicht jedem. Da blieb sie lieber dauerhaft für sich.

„Bewegen Sie sich von allein oder muss ich Sie tragen?“, wollte Aléjandro wissen.

Sie spürte den Atem, der ihre Schläfe streifte, und vermied es ihn anzusehen. Es fiel ihr zunehmend schwerer die Wärme zu ignorieren, die durch den Stoff ihrer Jeans drang, während er sich an ihre Seite drückte und seine Hand auf ihrer Hüfte lag. Zähneknirschend verkniff sie sich den patzigen Kommentar, der geradezu auf ihrer Zunge brannte.

Auch wenn er noch so gut roch, er blieb ein eingebildeter Snob.

Domènicos Esprit und Charme gehörten eindeutig nicht zu Aléjandros herausragenden Eigenschaften.

„Für unser beider Wohl kann ich davon nur abraten.“

„Dann bewegen Sie Ihren süßen Arsch.“

 

***

 

Bedächtig wechselte Cady die Richtung und bewegte sich zurück zu der Fensterfront, an der sie vor Sekunden gestartet war. Aléjandro saß auf dem Sofa, blätterte in seinem Manuskript und warf ihr einen undefinierbaren Blick zu.

Sie war sich wohl darüber bewusst, dass ihre regelmäßigen Wanderungen ihn störten. Obwohl es in erster Linie dazu diente, ihren Rückenschmerzen entgegen zu wirken, konnte sie doch nicht leugnen, dass ihr sein Unmut eine gewisse Schadenfreude bereitete. Natürlich gab er es nicht offen zu, aber sie spürte, wie sehr ihn die Situation nervte.

Mit einem Schnauben legte er den Entwurf auf den Tisch, stand auf und griff nach seinem Handy.

„Ich rufe Dr. Germaine an. Lass dir eine Spritze geben. Dieses Herumgerenne ist ja nicht zum Aushalten.“

Cady sah ihn nur wortlos an.

Drei Stunden waren seit ihrer Ankunft vergangen und sie hatte mit den üblichen Maßnahmen auf die Schmerzen reagiert. Tabletten und Bewegung.

Sie war mit ihren Hunden in Aléjandros Garten geschlichen, wo diese augenblicklich mit der Dekoration seines Rasens begannen. Sein Gesichtsausdruck, als sie ihm die Tüten reichte und ihn mit unschuldigem Wimpernaufschlag bat, die Häufchen zu entfernen, weil sie sich mit dem Hexenschuss nicht herunter beugen konnte, hatte jeden Schmerz wettgemacht.

Für einen Moment war sie überzeugt, er wolle sie erwürgen. Als er die Hinterlassenschaften eingesammelt und Cady die vollen Tüten in die Hand gedrückt hatte, musterte er sie aus dunklen Augen. Das war der Augenblick, in dem er meinte, wenn sie schon solche Intimitäten teilten, dann sollten sie auf weitere Förmlichkeiten verzichten und zum Du übergehen. Cady stimmte kichernd zu und selbst um seine Mundwinkel zuckte es verdächtig. Vermutlich war er doch nicht so spröde, wie es auf den ersten Blick schien.

Sein ungeniertes Angebot ihr auch noch beim Umziehen behilflich zu sein, lehnte sie mit einem Lachen ab. Nein, angesichts ihrer eigenen Verfassung hielt sie das für keine gute Idee. Sie war hier zum Arbeiten, nicht zu ihrem Vergnügen. Allerdings war ihr das zwanglose Geplänkel lieber, als seine Leidensbittermiene.

Bekleidet mit Bermudas und einem T-Shirt war sie in den Wohnraum zurückgekehrt. Zu ihrer Überraschung hatte er zwei Decken auf dem Boden ausgebreitet und die Plätze in diesem Moment den Hunden angeboten, die danebenstanden und ihn bei seinem Tun interessiert beobachteten.

Cady hatte so getan, als wäre es das Normalste von der Welt.

Sie startete ihren Laptop, zog die bereits daheim ausgedruckten Manuskriptseiten aus ihrer Tasche und reichte Aléjandro schließlich einen Teil davon, als er zu ihr trat. Je schneller sie mit der Arbeit begannen, desto rascher würde sie selbst ihre Scheu verlieren.

In den nächsten Stunden befassten sie sich nur noch mit dem halbfertigen Drehbuch, das Cady begonnen hatte. So überheblich und uncharmant Aléjandro auch sein mochte - was die Arbeit betraf, kannte er sich aus. Er machte Vorschläge, gab Hinweise auf Verbesserungen und sie änderten einzelne Textpassagen. Es war ihr nicht schwergefallen, die Dialoge gemeinsam mit ihm anzupassen und sich von ihm bezüglich Mimik und Gestik anleiten zu lassen.

Tatsächlich musste sie zugeben, dass sie zunehmend Spaß daran fand. Sie hielt sich nach wie vor nicht für sonderlich talentiert, was die Schauspielerei betraf, aber Aléjandro vermittelte ihr neben der nötigen Ernsthaftigkeit für die Rolle auch die Freude, die es ihm bereitete.

Lediglich ihr Rücken schränkte sie weiterhin massiv ein. Eigentlich wollte sie keinen Arzt konsultieren, doch angesichts der Tatsache, dass der Schmerz kaum weniger wurde, erschien ihr die Aussicht auf ein Analgetikum mittlerweile durchaus verlockend.

Während Aléjandro leise in sein Handy sprach, sah Cady zu den Hunden hinüber. Ihr Gastgeber hielt sich erstaunlich tapfer, obwohl sie ihm anmerkte, dass er sich mit Tieren nicht auskannte. Tatsächlich hatte er sich sogar dazu herabgelassen, ihnen kurz die Köpfe zu kraulen, als sie seiner Bitte, sich hinzulegen so widerspruchslos nachgaben.

Cady warf ihm einen verstohlenen Seitenblick zu.

Sie schätzte ihn auf gut einen Meter neunzig. Er war breitschultrig und durchtrainiert. Die Muskeln zeichneten sich deutlich unter dem schwarzen T-Shirt ab, das er trug. Der Sportler war ihm anzusehen.

Ein sehr attraktiver Mann, wie sie zugeben musste. Das rabenschwarze Haar besaß einen modischen Schnitt und die ebenso dunklen Augen machten sie immer dann nervös, wenn er sie besonders lang und intensiv musterte.

Er war dem optischen Bild, das sie von Domènico gezeichnet und in ihrem Kopf gesehen hatte, extrem ähnlich.

Sogar die eher barsche Seite, die er ihr gegenüber offenbar gern an den Tag legte, fühlte sich seltsam vertraut an. Cady lächelte. Kein Wunder, dass jeder der ihr Buch las und ihn kannte, augenblicklich Parallelen zog.

 

„Dr. Germaine ist in einer halben Stunde hier“, bemerkte Aléjandro. Mit dem Skript in der Hand stand sie mitten im Zimmer und lächelte vor sich hin. Irritiert betrachtete er sie. Cady stutzte, schien wie aus weiter Ferne wieder in die Realität zurückzufinden und schüttelte den Kopf.

„Okay danke.“

„Geht es dir gut?“, wollte er wissen. Sie verzog das Gesicht.

„Ja, sicher.“

Er starrte sie einen Augenblick an, ehe er sich abwandte.

„Mir knurrt der Magen, ich lass uns etwas zu essen kommen. Worauf hast du Lust?“

„Wer den kürzesten Weg hat“, gab sie zurück.

Er grinste sie über die Schulter hinweg an. Offenbar war er nicht der Einzige, der hungrig war. Sein Blick glitt über ihre nackten Arme und Beine. Auf Essen hätte er durchaus noch ein wenig verzichtet, wenn sie seinen fragenden Blicken nicht immer ausgewichen wäre.

Doch die junge Frau, die sich hinter dem Pseudonym der geheimnisvollen Angelique verbarg, war wesentlich zurückhaltender, als er nach der Lektüre ihres Buches erwartet hatte. Er würde sich kräftig ins Zeug legen müssen. Wie praktisch, dass er Herausforderungen liebte.

„Mexikanisch“, antwortete er schließlich. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.

„Klingt toll.“

Während er die Bestellung aufgab, beobachtete er Cady, die zu dem offenen Küchenbereich hinüberging. Ihr Laptop stand auf der Theke und sie tippte mit fliegenden Fingern auf der Tastatur herum. Er hatte noch nie einen Menschen so schnell schreiben sehen.

Okay, es war ihr Job.

Immerhin war sie Schriftstellerin. Aber er hatte durchaus Autoren erlebt, die für die Suche nach den passenden Buchstaben deutlich länger brauchten. So selbstverständlich erschien ihm das keineswegs.

Erneut wanderte sein Blick über ihre Gestalt, während sie an der Theke stand und auf ihren Laptop starrte. Die Kleidung war wenig vorteilhaft. Die weiße Bermudas war locker zwei Nummern zu groß und das graue T-Shirt nahm ihrer ohnehin schon blassen Haut noch den letzten Rest Farbe. Cady brauchte dringend eine Stilberatung und ein wenig Sonnenbräune konnte ihr auch nicht schaden. Für die Rolle der Guilia würde sich das ändern müssen. Damit konnten sie direkt morgen anfangen.

Der Lieferservice versprach in vierzig Minuten da zu sein und Aléjandro legte auf. Er wanderte zu dem Sofa hinüber, machte es sich bequem und betrachtete Cady ungeniert. Sie hatte schöne Beine, lang und gut geformt. Die Hosen hätten für seinen Geschmack deutlich kürzer sein können. Ähnlich verhielt es sich mit dem viel zu großen T-Shirt. Es konnte eine beachtliche Oberweite nicht kaschieren, doch der Rest blieb unter dem locker fallenden Baumwollstoff verborgen.

Seine Pläne für die nächsten Wochen gefielen ihm zunehmend besser und ihre uneitle Art reizte ihn zusätzlich. Er war sich seiner Attraktivität durchaus bewusst und er hatte sehr wohl gemerkt, dass Cady versuchte, ihm auszuweichen. Aber er ließ sich nicht täuschen. Sie war nicht immun gegen ihn und er würde das zu seinem Vorteil nutzen.

Als sie den Kopf wandte und ihn ansah, bemerkte sie seine nachdrückliche Musterung und er registrierte aufmerksam die leichte Röte, die sich auf ihren Wangen ausbreitete.

„Essen gibt es in vierzig Minuten“, meinte er. Herausfordernd betrachtete er sie vom Scheitel bis zur Sohle und wanderte zurück zu ihren Augen. Er schenkte ihr ein sinnliches Lächeln. „Ich bin wirklich extrem hungrig.“ Cady lächelte schief, wandte den Blick ab und starrte auf ihren Laptop. Mit einem anzüglichen Grinsen bemerkte er, wie sich ihre Gesichtsfarbe intensivierte.

Sie räusperte sich.

„Vierzig Minuten sind ja nicht mehr so lang“, erwiderte sie ausweichend.

Aléjandro erhob sich, schlenderte beiläufig zu ihr hinüber und blieb nah bei ihr stehen.

„Was macht dein Rücken?“, wollte er wissen. Seine Hände legten sich auf ihre Schultern und mit den Daumen begann er, sanft ihre Nackenmuskulatur zu massieren.

Sie versteifte sich spürbar. Aléjandro grinste boshaft.

„Ich ... nun, das wird schon wieder.“ Täuschte er sich, oder war da ein leichtes Zittern in ihrer Stimme? Sie räusperte sich. „Die Schmerzen sind definitiv nicht in meinem Genick und ich brauche wirklich keine Massage.“

„Du bist völlig verspannt“, stellte er amüsiert fest und knetete weiter ihren Nacken. Sie hatte weiche, warme Haut und ihr Duft stieg ihm in die Nase. „Dr. Germaine meinte, eine Streichmassage im Bereich des Hexenschusses könnte vielleicht helfen.“

Hölzern entwand Cady sich seinem Griff und entfernte sich einen Schritt, ehe sie ihn ansah. In ihren Augen lag plötzlich etwas Dunkles. Sie wirkte beunruhigt.

„Ganz ehrlich, das ist lieb gemeint“, entgegnete sie, „aber es geht mir gut.“ Als er sich ihr erneut mit einem Lächeln näherte, wich sie einen weiteren Schritt zurück und Aléjandro verharrte irritiert.

„Wenn du mich kurz entschuldigen würdest.“

Sie nickte ihm knapp zu und verließ hastig die Räumlichkeiten. Deutlich überrascht blieb er stehen, wo er war.

Er hatte sich die Anziehung zwischen ihnen doch nicht eingebildet, oder? Bis vor fünf Sekunden hätte er geschworen, dass sie sich ebenso zu ihm hingezogen fühlte, wie er sich von ihr.

Missmutig kehrte er zu seinem Platz auf dem Sofa zurück. Offenbar musste er mit mehr Fingerspitzengefühl an die Angelegenheit herangehen. Sein erster Vorstoß war vermutlich zu plump gewesen. Bedauerlicherweise gehörte Geduld nicht unbedingt zu seinen herausragenden Eigenschaften, aber darin konnte er sich üben. Vielleicht hatte sie einen Freund? Das würde erklären, warum Miss Anderson deutlich „tugendhafter“ war, als erwartet.

 

Das kühle Nass vertrieb endlich die Hitze.

Cady schöpfte sich weiterhin Wasser ins Gesicht und fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. Schließlich drehte sie den Hahn zu, stützte sich mit beiden Händen auf das Waschbecken und starrte in den Abfluss.

Was war plötzlich los mit ihr?

Sie stellte sich an wie eine pubertierende Göre, die gerade ihren ersten Kuss bekam. Es war nichts weiter gewesen. Nur die Annäherung eines attraktiven Mannes, der ihre Nackenpartie berührte. Er war nicht der erste Kerl, der ihre Schultern massierte und natürlich war sie sich klar darüber, was er mit seiner anzüglichen Bemerkung hatte andeuten wollen. Sie hätte schon gewaltig auf den Kopf gefallen sein müssen, um es nicht zu verstehen.

Zu ihrem Verdruss gefiel er ihr nicht nur optisch. Wenn er wollte, konnte er durchaus charmant sein. Der Klang seiner warmen, dunklen Stimme in Verbindung mit einer Berührung in einem Bereich, in dem sie besonders erregbar war, machte sie eindeutig nervös.

Sie hätte schon sehr naiv sein müssen, um zu ignorieren, dass sein Interesse über freundschaftliche Kollegialität hinausging. Darauf bildete sie sich nichts ein. Cady empfand ihr eigenes Aussehen als absolut durchschnittlich. Weder war sie sonderlich hübsch, noch ausgesprochen hässlich. Sie war sich allerdings bewusst darüber, dass die meisten Männer von den typisch weiblichen Attributen angezogen wurden, über die sie zu ihrem Verdruss reichlich verfügte. Nicht unbedingt das größte Kompliment, mit dem sie sich schon seit ihrem vierzehnten Lebensjahr herumschlug.

Er wollte nichts von ihr persönlich.

Okay, das war vielleicht nicht ganz richtig. Möglicherweise war er einer Affäre mit ihr nicht abgeneigt, allerdings war sie nicht hergekommen, um sich in eine kurze Liebschaft zu stürzen. Eigentlich ging sie jedweder Form von Beziehung schon seit Jahren aus dem Weg.

Bettgeschichten, und wenn sie noch so belanglos waren, bedeuteten in der Regel zusätzliche Komplikationen. Ein Abenteuer stand nicht auf ihrem Plan für die nächsten Wochen.

Cady schloss die Augen.

Sie hatte keine Angst.

Das war auch nicht die alte Furcht, die sie von früher kannte. Sie war panisch.

Panisch, weil die unerwarteten Reaktionen ihres eigenen Körpers sie erschreckten. Es gefiel ihr viel zu sehr, wenn er sie berührte.

War sie so ausgehungert nach ein bisschen Körperlichkeit?

War sie schon zu lang allein und ohne Mann?

Verdammt!

In den nächsten Wochen würde er ihr noch deutlich näher kommen als mit diesem harmlosen Versuch einer Massage. Es gab keine Chance ständig davon zu laufen. Aber konnte sie das professionell und sachlich sehen, als Teil ihres Jobs? Nichts weiter als Show?

Sie würde ihn küssen, sie würde halb nackt mit ihm in einem Bett liegen und wenigstens so tun, als hätten sie stürmischen, ungezügelten Sex. Allein bei dem Gedanken an die bevorstehenden Szenen aus ihrem Buch wurde Cady heiß.

Bislang hatte sie erfolgreich vermieden, sich damit auseinanderzusetzen. Es hatte bis zu ihrer Ankunft keine real existierende Person gegeben, die sie nervös machen konnte, und dieser Gedanke war weit weg gewesen. Wäre er ein hässlicher, unattraktiver Kerl, der sie kalt ließ, hätte sie das Problem nicht. Sie hatte schlimmere Dinge in ihrem Leben durchgestanden und gelernt unangenehme Situationen zu bewältigen, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Sie war entschlossen, auch das durchzustehen.

Leider war er das völlige Gegenteil von einem unattraktiven, hässlichen Kerl. Er war genau der Typ Mann, der ihre Libido ansprach und dessen maskulin schroffe Art eben die Seite in ihr anklingen ließ, die sie seit Jahren in irgendeiner geheimen Kammer verschlossen geglaubt hatte.

Mit weit aufgerissenen Augen hob sie den Kopf und betrachtete ihr Spiegelbild.

War sie bereit dazu?

Ein schiefes Lächeln spielte um ihre Lippen, während sie die Frau mit dem nassen Gesicht musterte.

„Kannst du wirklich so tun als ob, Cady?“, flüsterte sie sich selbst zu.

Nur weil in ihren Geschichten die Rede von wilden, hemmungslosen Liebesspielen war, bedeutete das keineswegs, dass sie davon auch nur die geringste Ahnung hatte. Es waren doch nur Fantasien, die sie in ihren Computer getippt hatte. Wenn sie ehrlich war, hätte sie nicht einen Dollar auf sich selbst gesetzt und schon gar nicht auf ihre schauspielerische Leistung.

Ihr Liebesleben war so aufregend wie die letzten zwei Wochen Sommerferien in ihrer Kindheit, als sie darauf gewartet hatte, dass ihre Schulfreunde endlich aus dem Urlaub zurückkamen.

Ein Klopfen an der Tür ließ sie erschrocken zusammenfahren.

„Bist du okay?“ Aléjandros Stimme drang zu ihr hinein. Beunruhigt richtete Cady sich auf.

„Ja.“

Er schwieg einen Moment, als müsse er über ihre Antwort nachdenken.

„Dr. Germaine ist hier.“ Es klang dumpf durch das Holz und sie hörte, wie seine Schritte sich leise entfernten. Fahrig griff sie nach dem Handtuch, trocknete sich Gesicht und Haaransatz und machte sich mit einem Seufzer auf den Weg.

 

***

 

Nachdem Melody ihr eine Spritze in den Rücken gesetzt hatte, konnte Cady spüren, wie der Schmerz Augenblicke später abebbte. Erleichtert und deutlich beweglicher als zuvor folgte sie der Ärztin zurück in den Salon, wo Aléjandro mit finsterem Gesicht neben der Küchentheke stand und telefonierte.

Er beendete das Gespräch mit einer knappen Verabschiedung, als die beiden Frauen den Raum betraten.

Melody ging zu ihm, stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.

„Ich mach mich wieder auf den Weg, Darling. Sei lieb zu deiner Kollegin und nimm sie nicht so hart ran. Der Rücken braucht noch ein paar Tage Schonung.“

Er nickte grimmig und starrte zu Cady hinüber, die seine düstere Miene grübelnd zur Kenntnis nahm. Sie griff nach dem Skript, das er auf den Couchtisch gelegt hatte und tat, als würde sie konzentriert darin lesen.

Der Kerl hatte noch mehr Launen als sie selbst.

„Gute Besserung, Cady“, rief Melody. Die Angesprochene hob den Kopf und nickte der Ärztin, die sich zum Gehen wandte, lächelnd zu. „Wenn weitere Probleme auftauchen, ruf mich an.“

„Ja. Vielen Dank.“

Melody winkte kurz, dann war sie mit Aléjandro abgerauscht. Seufzend kehrte Cady zu ihrem Laptop zurück und starrte auf den Monitor. Das Drehbuch, an dem sie vorhin noch getippt hatte, war im Hintergrund verschwunden. Stattdessen war eine weitere Datei blau hinterlegt, als habe jemand Zugriff darauf genommen. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen und sie schob die Brille auf der Nase nach oben.

Der Einzige, der versucht haben könnte, in den Notizen zu ihrem neuen Buch zu lesen, war Aléjandro. Ärger machte sich in ihr breit. Dazu hatte er kein Recht.

Er betrat den Salon, als sie den Kopf hob und ihre Blicke begegneten sich.

„Du warst an meinem Laptop“, stellte sie fest. Eine Sekunde lang wirkte er ertappt, dann verdüsterte sich sein Gesicht.

„Ja“, gab er zu. „Du bist manchmal so distanziert. Ich dachte, ich könne auf diesem Weg eine Erklärung erhalten, was mit dir los ist.“

„Die wirst du nicht in meinem neuen Buch finden“, bemerkte sie verstimmt.

„Ich habe nicht gewusst, dass es dein Manuskript ist.“

„Es ist gleichgültig, was es ist. Du hast kein Recht dazu in meinen Dateien herumzuschnüffeln.“

„Da ich diesen Film produziere und die Regie führe, habe ich sehr wohl ein Anrecht darauf zu erfahren, was mit meiner Hauptdarstellerin nicht stimmt. Immerhin investiere ich Zeit und Geld in dich.“

Cadys Augenbraue hob sich überrascht. Dass er auch der Regisseur war, war ihr neu. An ihrem Ärger änderte diese Tatsache jedoch gar nichts.

„Dann frag mich einfach, aber missbrauch nicht mein Vertrauen“, erwiderte sie gereizt. „Außerdem sind wir nicht verheiratet, ich muss dir nicht alles erzählen.“

Er klappte den Mund auf, um etwas zu sagen, als es an der Tür klingelte. Ihr einen verärgerten Blick zuwerfend, wandte er sich ab und verschwand wieder im Eingangsbereich.

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