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Number 9

© 2016 GEORG BOCK

1. AUFLAGE

UMSCHLAGGESTALTUNG, ILLUSTRATION:

TREDITION GMBH, HAMBURG

VERLAG: TREDITION GMBH, HAMBURG

ISBN TASCHENBUCH: 978-3-7345-2476-9

ISBN HARDCOVER: 978-3-7345-2477-6

ISBN E-BOOK: 978-3-7345-2478-3

DAS WERK, EINSCHLIESSLICH SEINER TEILE,

IST URHEBERRECHTLICH GESCHÜTZT. JEDE

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IM INTERNET ÜBER HTTP://DNB.D-NB.DE

ABRUFBAR.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1 - Gewohnheit

Kapitel 2 - Wer nicht hören will

Kapitel 3 - Tränen der Vergeltung

Kapitel 4 - Stunde null

Kapitel 5 - Der Blutschwur

Kapitel 6 - Vom Regen in die Traufe

Kapitel 7 - Das neunte Grab

Kapitel 8 - Memoiren der Brüderlichkeit

Kapitel 9 - Fremde Horizonte

Vorwort

In erster Linie ist es mir ein Bedürfnis, zu versichern, dass alle handelnden Personen frei erfunden sind. Im gleichen Atemzug möchte ich jedoch erwähnen, dass sich die fiktive Erzählung über eine Gruppe Jugendlicher in ihrem Geschehen wohl nicht allzu fern von jeglicher Realität befindet. Eine Gesellschaft frei von elterlichen Ketten und voll polizeilicher Willkür ist mit unserem System schon längst keine Utopie mehr. So ist die Bedeutung dieses Buches bewusst auf Themen gerichtet, mit denen ich nicht allein innerlich zu kämpfen habe. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kann eine Vielzahl der Leser hierbei gezielt Parallelen zu eigenen Erfahrungen ziehen und Gefühle oder Verhaltensweisen gar nachempfinden.

Die meisten werden sich nun fragen, was kann dieser Normalbürger mit seinen 22 Lenzen an Lebenserfahrung schon wissen? Was kann dieser gewöhnliche Junge noch erzählen, was uns ohnehin nicht schon zu Ohren gekommen ist? Gehören Sie dieser voreingenommenen Meinung an, schlagen Sie das Buch an dieser Stelle einfach zu und gönnen Ihrem Kamin damit etwas Gutes.

Ohne jeden Zweifel wird viel zu viel als überzogener Schwachsinn abgestempelt, was von einem Menschen kommt, der heutzutage der jungen Generation angehört. Kein wirklich sinnvolles Wort wird einem in dieser schnelllebigen Zeit als Teenager oder angehendem Erwachsenen noch zugetraut. Nur zu gern werden alle Missetaten, die wir begehen, genauestens unter die kritische Lupe der Gesellschaft gelegt und als völlig irreparabel angesehen.

Diese Lektüre hat zu Ihrer Überraschung gewiss nicht die Intention, belehrend zu wirken oder jemandem eine richtige Denk- und Sichtweise aufzuerlegen. Weder als Appell noch als eine Art Hilferuf soll dies hier gelten. Es liegt nicht in meinem Sinne, eine schlechte Stimmung zu verbreiten oder gar die Parteien gegeneinander aufzuhetzen.

Vielmehr bin ich der felsenfesten Überzeugung, dass sich niemand in unserem Land auf die Zunge beißen sollte. Schon gar nicht, wenn er meint, damit jemanden erreichen zu können. Dies gelingt mir sicher nicht mit einem bahnbrechenden Ausdruck oder den perfekten formellen Mitteln. Kein dicker Wälzer wird meine Gedankengänge unterstreichen. Es ist die schonungslose Ehrlichkeit, die das zur Darstellung bringt, was mir am Herzen liegt. Also wieso ein Blatt vor den Mund nehmen, wenn ja selbst schon die versteckte Thematik der Autoren heutzutage in all ihre Einzelteile zerpflückt und kritisiert wird ...

KAPITEL 1 - imageGEWOHNHEIT

Die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen schon die wenigen Wolken, die der Nachthimmel noch übrig gelassen hatte. Es nieselte leicht, sodass die Tropfen langsam an meiner Stirn herunterliefen. Diesige Luft entstieg aus den Kanaldeckeln der völlig zerbröckelten Straßen. Der Geruch von Zigaretten und Erbrochenem juckte mir in der Nase. Ich schaute Richtung Himmel und sah die ersten Lichter in den Zimmern eines brüchigen Hochhauses brennen. Es war nur eines von Hunderten. Sie umgaben mich, als wären sie heraufgezogene Mauern meines Gefängnisses. Die Frage, ob das Geflimmer in den Fenstern schon wieder oder immer noch brannte, wurde mir schnell gleichgültig. Mein Handy vibrierte. Nach ein paar Sekunden begann die Uhrzeit zu interessieren, in der ich mich befand. Ich holte es aus der Hosentasche und erspähte die neue Splitterapp, die ich mir heruntergeladen hatte. „Gestern Abend sah das noch nicht so aus“, kam mir in den Sinn, doch ich war noch zu erschöpft, um ernsthafte Gedanken darum kreisen zu lassen. Da stand ich nun, am größten sozialen Brennpunkt unserer Stadt. Es war zweifelsohne der Ort, an dem man um diese Zeit mit solchen Umständen am wenigsten sein sollte. Mal wieder.

Da kamen sie. Die ersten Worte dieses noch unwirklichen Tages. „Lauft!“, schrie es wie aus der Pistole geschossen. Wie vom Blitz getroffen schreckte ich auf und drehte mich das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit um. Es waren Rocky und Wiz, die mit einem Eiltempo auf mich zusteuerten. Rockys blutende Platzwunde nahe seiner Augenbraue ließ mich schnell aus meinem Trott in die Realität zurückkehren. Ehe ich mich versah und selber die Beine in die Hand nehmen konnte, macht sich Schmidt bemerkbar, der kurz hinter mir die gleiche stehende Pose angenommen hatte. Unsere Blicke kreuzten sich binnen weniger Sekunden, worauf ein kurzes Nicken folgte. Wir rannten sofort und ohne jeglichen Plan los. Nachdem die ersten Meter und Schlaglöcher geschafft waren, bot sich das nächste Hochhaus als erster Sammelpunkt. Nach der erstmöglichen Ecke bog ich scharf rechts ab. Schmidt, der kurz nach mir um die Ecke schoss, schnappte sichtlich nach Luft. „Ich werde langsam zu alt für diesen Scheiß“, sagte er mit einem leichten Schmunzeln auf den Lippen und den Händen auf den Knien. „Du bist zu alt für diesen Scheiß“, begegnete ich ihm mit demselben verschmitzten Gesichtsausdruck. „Wo sind die ganzen anderen Halbstarken?“ Schmidt ließ sein Schulterzucken antworten. Nachdem sich unsere Atmung wieder verlangsamt hatte, horchten wir hinaus in die noch verlassenen Straßen. Es dauerte einige Minuten, bis die ersten Laute zu hören waren. Es war ein dumpfes Klacken von Absätzen auf dem zerstörten Asphalt, welches immer näher auf uns zukam. „Es sind zwei“, flüsterte Schmidt. Seine Atmung wurde wieder schneller. Ich sah mich nach dem bestmöglichen Versteck um. Mir fiel eine Reihe von Biotonnen auf der hinteren Seite des Hochhauses auf. Ich tippte meinem Freund behutsam auf den Hinterkopf und zeigte, ohne auch nur ein Wort zu verlieren, auf den einzig möglichen Ausweg. Seine unmissverständlichen Gesten ließen mich schnell wissen, was er von dieser Idee hielt. Doch es dauerte nicht lang, als auch ihm klar wurde, dass sich keine bessere Gelegenheit bot. Wir gingen wie auf Scherben um die nächste Ecke des Hauses, klappten die Deckel der nach Verwesung riechenden Mülleimer auf und stiegen ein. Bevor Schmidt das Dach über seinem neuen Zuhause schloss, streckte er mir beide Mittelfinger freudig entgegen. Ich antwortete mit einem ihn lächerlich machenden Handkuss und ließ mich in die Abfälle nieder.

Dann war wieder einige Zeit kein Sterbenswörtchen zu vernehmen. Als ich schon kurz davor war, die Luke über mir wieder zu öffnen, erschienen abermals die klackenden Absätze. Sie traten diesmal näher an uns heran, als uns lieb sein konnte. „Diese kleinen Ärsche müssen hier noch irgendwo sein. Ich hab sie genau über die Grenze weglaufen sehen. Wie Hosenscheißer“, sagte eine erste erzürnte Stimme. „Wenn ich den Nächsten von diesen Hunden erwische, wird mein Knüppel das Erste und das Letzte sein, was die jemals noch sehen werden“, trat eine zweite, noch viel aggressivere auf den Bildschirm. Ich brauchte nun nicht zweimal überlegen, um zu wissen, welche Gefahr da direkt vor unserer Nase auf uns lauerte. Die gleiche Bedrohung, vor welcher Rocky wegspurtete. Sie lauerte und wartete darauf, um möglichst viele von uns nach allen Regeln der Kunst zu verdreschen. Es war die sogenannte Polizei. „Unser Freund und Helfer“, dachte ich mir. Völlig gleich, ob wir uns etwas geleistet hätten oder nicht. Schmidt und ich würden den nächsten Tag wohl nicht mehr erleben. Der erste Tropfen Angstschweiß rann in die Augen. Ein ungeheures Gefühl in meiner Bauchregion machte sich breit. Es war ein aussichtsloses Unterfangen, da wir uns nicht zum ersten Mal in den Mülltonnen versteckt hatten und das den uniformierten Männern sicher nicht verborgen blieb. Kein Zufall also, dass die Schritte gezielt auf uns zukamen. Einer zweigte in Schmidts Richtung ab. Der andere hielt direkten Kurs auf meinen kostenlosen Sarg. Je geringer der Abstand wurde, desto unerträglicher wurde mein körperlicher Zustand. Kopfschmerzen setzten ein und der Gestank, welcher unter mir hervorkroch, benebelte sämtliche meiner Sinne. Ich hatte wenig entgegenzusetzen und war ein gefundenes Fressen. Als die erste Hand auf dem Deckel zu spüren war, zog sich die Schlinge um meinen Hals immer enger zusammen. Für den Bruchteil einer Sekunde verabschiedete ich mich innerlich von all meinen Träumen und Hoffnungen. Die so großen Wünsche und erstrebenswerten Pläne rannten immer weiter in die Ferne. Die erste Träne rollte schon aus den Augen, als ein grelles Geräusch wie aus dem Nichts in meine Ohren sprang. Die aufliegende Hand wich ab. Eine verzerrte Stimme jagte durch die plötzliche Stille. Es war so eine, wie sie nur von einem Walkie Talkie stammen konnte. Sie stotterte: „Wir haben einen!“ „Zu Befehl, wir sind auf dem Weg“, rief es direkt über mir. Ohne wirklich zu realisieren, was hier gerade geschah, stellte ich fest, wie sich die Absätze wieder von uns abwandten. Erneut verstrichen mehrere Minuten. Das Gefühl in meinen Beinen kehrte nun langsam wieder zurück. Es war ein stechender Schmerz, sodass ich wusste, nicht mehr lange hier drinnen ausharren zu können. Da öffnete sich plötzlich unüberhörbar die Klappe einer Tonne. „Komm endlich da raus“, nuschelte es bedrückt in meine Richtung. Ohne Frage war Schmidt wieder aus seinem Loch gekrochen. Ich stieg mit einem Satz nach oben und schnappte nach frischer Luft. Meine Augen, geblendet vom Tageslicht, kamen wieder zu sich. Viel war von dem Kumpel, den ich so schätzte, nicht mehr zu erkennen. Zerplatzte Eierschalen und geleeartige Pasten kennzeichneten sein Gesicht. Eine rote Masse, von der ich gar nicht wissen wollte, was sie wirklich war, bedeckte seinen vorher weißen Pullover. Er war sichtlich bedient, doch machte keinen großen Hehl daraus. „Wir müssen schleunigst hier weg und die anderen suchen“, lenkte er schnell von seinem Anblick ab. „Aber was ist, wenn …“, als er mich auf halber Strecke unterbrach. „Daran will ich nicht mal denken. Wir werden sicher nicht die Einzigen gewesen sein, die heute Morgen noch unterwegs waren. Die werden das schon geschafft haben. Haben die bis jetzt doch immer.“ Wir begannen vorsichtig, von einer Straßenseite auf die andere zu eilen. Wie aus dem Nichts stach mir ein grelles Blitzlicht in die Augen. Beim zweiten Mal Hinschauen machte ich das Fenster einer verlassenen Garage aus. Schmidt, welcher das markante Leuchten wenig später ebenfalls mitbekam, joggte an mir vorbei und brach in diese Richtung auf. Wenig später erreichten wir ein braunes Holztor. Der Weg nach innen war versperrt. Ich fackelte nicht lange und klopfte mit der geballten Faust zweimal fest an. Schmidt war merklich von dieser Überlegung überrascht und nicht gerade überzeugt. Gebannt starrten wir auf die verrostete Türklinke, bis sie sich mit einem Quietschton öffnete. Wiz’ verdrecktes Antlitz ragte hervor. Ich kannte ihn noch nicht wirklich lange, doch ein bekanntes Gesicht zu sehen, war in diesem Moment Gold wert. „Macht euch hier rein, ihr Wahnsinnigen. Ich dachte schon, ihr seht mein Handylicht nie“, lachte er uns mit seinen gelblichen Zähnen an. Er stieß die Tür einen Spalt weiter auf und deutete auf eine kleine Couch im Hintergrund des abgedunkelten Raumes. Ich erblickte sofort die Gestalten, die sich da hinten tummelten. Es waren Rich, die Zwillinge und Rocky, welcher immer noch blutüberströmt vorzufinden war. Ich atmete tief durch: „Die Bullen haben niemanden bekommen. Und du brauchst das doch sowieso.“ Rocky streckte mir seine Faust entgegen: „Solltest die Cops mal sehen. Die würden sich nach so einer mickrigen Wunde sehnen. Die waren aber einer mehr, da mussten wir die Biege machen. Schade eigentlich. Hätte gerne noch die Telefonnummern ausgetauscht.“ „Dafür werden wir schon noch eine Gelegenheit bekommen“, kicherte Wiz. Im Gleichschritt stimmten die Zwillinge mit ihrem Gelächter ein. Schmidt unterbrach daraufhin mit ernster Stimme die aufgeheiterte Verfassung: „Wir müssen uns hier ganz schnell vom Acker machen. Die werden jeden Block einzeln auseinandernehmen, wenn die rauskriegen, dass sie die Falschen haben.“ Alle wussten, wie recht er hatte. Ohne irgendetwas groß zu bereden, machten wir uns auf zur Straße. Ich schaute mich in alle möglichen Himmelsrichtungen um. Nichts Gefährliches in Sicht. Es war schon fast zu ruhig für diesen Ort. Wahrscheinlich waren die Polizisten mit ihrer bedauernswerten Beute beschäftigt. Die armen Leute würden wohl das abbekommen, was eigentlich uns zustand. Doch für großes Mitleid blieb wie immer keine Zeit. Ein letzter Blick nach rechts und links. Die anderen standen schon in den Startlöchern, als Schmidt wortlos das Zeichen zum Aufbruch gab. Einzig und allein meine heisere Stimme gab allen noch mit auf den Weg: „Heute Abend wie immer Clubraum, ihr Schwachköpfe.“

KAPITEL 2 - image

WER NICHT HÖREN WILL ...

Das überlaute Ringen der Schulklingel weckt mich auf. Die Bank, auf welche ich meinen Kopf gelegt habe, gibt eher kein gutes Kissen ab. Völlig zerknirscht setze ich mich auf und sehe, wie die 33 Leute meiner Klasse ihre Sachen zusammenpacken. Ich suche sofort den Blickkontakt mit den Jungs. Rocky, den die Klingel ebenfalls weckte, schaut gefühlt noch durch mich hindurch. Die Zwillinge zwei Bankreihen weiter hinten beginnen sich ihre Zigaretten zu drehen. Sie sehen dabei immer wie zwei Meter große Affen aus. Das ist auch generell das Einzige, was ich wirklich über sie weiß. Nachdem sie sich die fertigen Glimmstängel in den Mund gesteckt haben, trotten sie los. „Auf, du Penner, wir gehen noch eine rauchen, dann ab zur letzten Stunde für die Woche“, sagt einer von beiden zu mir, wobei mir nicht einmal wirklich klar wird, welcher von den zweien es ist. Ich stammele noch halb im Tiefschlaf: „Kein Bock jetzt. Ich mach mich gleich hoch in den Bunker.“

Die beiden rücken ohne ein Wort ab. Nach ein paar Sekunden der Besinnung wache ich langsam, aber sicher auf und blicke erneut hinüber zu Rocky. Er liegt natürlich wieder auf der durchlöcherten Bank und schläft einfach wieder ein. Das macht er immer so. Egal, ob wir uns in den ersten oder letzten Stunden befinden. Es erklärt, warum in der Nacht immer sein größter Bewegungsdrang zu verzeichnen ist. Den kurzgeschorenen, mittelgroßen Jungen kenne ich schon mein halbes Leben lang. Er kam damals in der vierten Klasse zu uns. Wir verstanden uns auf Anhieb, da er die gleiche gleichgültige Art an den Tag legte. Sein großes Markenzeichen war jedoch der Kampfsport. Egal, welche Richtung, ob legal oder nicht, er liebte alles, wo man sich körperlich wehren konnte. Nur so konnte er seinem Unmut über das ganze System Luft machen. Es kümmerte ihn auch stets keinen Deut, wie groß oder überlegen seine Gegner waren. Nie gab es zwei Optionen.

Nachdem sich alle anderen aus dem tristen Klassenraum verabschiedet haben, stehe ich mit einem Ruck auf und schleiche Rocky entgegen. Er sägt mal wieder einen halben Wald Holz. Sein Schnarchen verrät ihn ohnehin jedes Mal. Mir kommt die Idee, so leise und nah wie möglich an sein linkes Ohr heranzukommen. „Aufstehen, Herr Richter, Sie sind umzingelt“, rufe ich mit verstellter Stimme. So als würden mehrere Polizisten gleichzeitig auf ihn zielen. Sichtlich erschrocken und genervt schnellt er auf. „Bist du eigentlich komplett durch, du Vollpfosten? Hätte dir fast eine gedrückt“, nuschelt es aus seinem heraufgezogenen Zipper. „Ruhig, Prinzessin. Hab dich so sanft geweckt, wie ich nur konnte. Los, wir müssen zu unserem Liebling von Lehrer. Dann ist Wochenende.“ Mit hochgezogenen Augenbrauen schnappt er sich seinen braun-gelben Rucksack und läuft mir nach. Der Flur ist totenstill. Wir gehen schnurstracks den langen Gang entlang und zwei Treppen später stehen wir vor Raum 005. „Dreck, wir sind schon wieder zu spät“, lacht sich Rocky ins Fäustchen. „Herr Fimmler wird sich schon seine schwieligen Hände reiben, wenn der es mal schafft richtig durchzuzählen“, halte ich bereit. Daraufhin trifft mein Handknöchel zwei Mal auf die voll bemalte Holztür. Ein behäbiges Schlurfen ist zu hören. Das sind die widerlichen Hauspantoffeln unseres Lehrers in Pädagogik. Herr Fimmler muss so um die fünfzig sein. Er hat dürftiges braunes Haar, bis hin zu den Geheimratsecken gekämmt. Sein ständiger Achselschweiß und die wuchernde Brustbehaarung gehören noch zu seinen angenehmsten Marotten. Er ist ein großer Verfechter der Theorie, dass früher alles besser war. Vor allem auf uns, die verkommene Jugend, wälzt er alle Missstände unserer Gesellschaft bedingungslos ab. Belehrungen gehören zu seinem Tagesgeschäft und er wird nie müde zu betonen, wie sehr wir doch der Bevölkerung auf der Tasche liegen.

Die Tür öffnet sich. Fimmler steht vor uns und lächelt in einer Art, wie man ihm gerne ins Gesicht spucken würde. „Kommt rein, ich hab schon auf euch gewartet“, spricht aus seinem wulstigen Mund heraus. „Na, darauf möchte ich wetten. Ohne uns können Sie doch gar nicht beruhigt ins Wochenende gehen und Ihre Scheine zählen“, provoziere ich gezielt. Er verzieht keine Miene. Noch genau zwei Sitzplätze in der ersten Reihe direkt vor dem Lehrertisch sind frei. Da, wo sich niemand freiwillig hinsetzt. Doch die eigentliche Besonderheit liegt darin, dass sie direkt neben unseren Aufpassern sind. Diesen Namen haben wir ihnen verspottenderweise gegeben. Es handelt sich dabei um zwei Polizisten, die sich in jedem unserer Schulräume befinden. Sie sind hochgradig bewaffnet und stets hinter einer schwarzen Maske versteckt, sodass sie wie leblose Marionetten wirken. Der Zweck dieser Zwei-Mann-Armeen ist schnell erzählt. Diese uniformierten Lakaien mit dem Knüppel im Anschlag dienen einzig und allein unserer Eindämmung. Kein Schüler darf seine Stimme oder gar seinen Finger ohne Aufforderung des Lehrers erheben. Sind unsere Pädagogen dann einmal so liebenswert und lassen uns sprechen, darf nur mit Ja und Amen geantwortet werden.

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