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November-Mörder 2016: Vier Krimis

Alfred Bekker, Uwe Erichsen

November-Mörder 2016: Vier Krimis

Cassiopeiapress Krimi-Sammelband





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

November-Mörder 2016: Vier Krimis

Krimis von Alfred Bekker & Uwe Erichsen

Der Umfang dieses Buchs entspricht 555 Taschenbuchseiten.

Kriminalromane der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Dieses Buch enthält folgende vier Krimis:

Alfred Bekker: Killerjagd

Uwe Erichsen: Ein Detektiv im Goldfieber

Alfred Bekker: Schweigen ist Silber, Rache ist Gold

Uwe Erichsen: Jagd auf die Mörderbrut

Killerjagd

von Alfred Bekker


Die letzten Tage, die letzten Stunden, die letzten Augenblicke... Die Zeit schien ihm geradezu davon zu rasen, seit er den Tag seines Todes auf sich zukommen sah. Ein Todeskandidat wartet auf den Tag seiner Hinrichtung - und Privatdetektiv Bount Reiniger muss seine Unschuld beweisen.


1

Er wusste, dass es für ihn kein Entrinnen gab. Er würde sterben. Noch atmete er, aber im Grunde war er schon so gut wie tot.

Die letzten Tage, die letzten Stunden, die letzten Augenblicke... Die Zeit schien ihm geradezu davon zu rasen, seit er den Tag seines Todes auf sich zukommen sah. Jenen Tag, an dem für ihn das Licht ausgehen würde. Vor ihm lag das große schwarze Nichts. Er hatte sich nie gefragt, was danach kam.

Er hatte einfach gelebt. Jetzt fragte er es sich fast ständig. Er fragte es auch den Geistlichen, den sie zu ihm schickten. Als sie ihn dann holten, zitterten ihm die Knie. Sie mussten ihn aufrichten und halten.

Er wollte etwas sagen. Er wollte es herausschreien, dass er unschuldig war, dass er Claire Levine nicht umgebracht hatte, wusste aber insgeheim, dass das keinen Sinn hatte. Diese Männer machten nur, wozu man sie angewiesen hatte. Alle, die etwas zu dem Fall zu sagen hatten, hatten es gesagt und nun war es eben soweit.

Es ging durch lange, kahle Flure.

Wie durch Watte hörte er ihre Stimmen, so als wären sie allesamt weit entfernt.

"Ich will nicht sterben", ging es dann plötzlich über seine Lippen. Aber es war kein Schrei. Es war nichts weiter, als ein verzweifeltes Flüstern. Er fühlte den eisernen Griff der Wachleute. Seine Hände waren mit Handschellen zusammengekettet. Aber das alles wäre überhaupt nicht notwendig gewesen. Er war viel zu schwach, um sich wirklich zu wehren.

Schritt für Schritt ging es vorwärts. Dann kamen Sie nach draußen. Es war kurz nach Sonnenaufgang. Er sog die frische Luft ein. Er fragte sich, wie viele Gefangene diesen Weg vor ihm gegangen waren und was sie dabei gedacht hatten. Es dauerte nicht lange, dann waren sie alle in einem steril wirkenden Raum, in dessen Mitte eine dünn gepolsterte Liege stand, auf die man ihn festschnallen würde, um ihm dann die tödliche Injektion zu geben.

Er sah den Arzt, der in seinem weißen Kittel dastand und mit seinen eisgrauen Augen alles überwachen würde.

Der Gefangene musste unwillkürlich schlucken. Nacktes Entsetzen hatte ihn gepackt und so gut wie völlig gelähmt. Erst als er schon auf der Liege angeschnallt werden sollte, begann er sich zu wehren. Aber es war zu spät. Viel zu spät. Er riss verzweifelt an den Riemen, aber es war sinnlos. Schließlich waren alle Riemen angebracht und er konnte nur noch den Kopf ein paar Zentimeter hin und her bewegen. Mein Gott, dachte er. Ihn fröstelte.

Er hörte, wie der Arzt den Henker anwies, wie die Spritze anzusetzen sei. Eigentlich unnötig, denn der Kerl machte das sicher nicht zum ersten Mal. Aber so war es nun einmal Vorschrift. Nichts sollte schief gehen.

Und wenn doch?

Ein absurder Gedanke, schoss es dem Todeskandidaten durch den Kopf. Aber ein Gedanke, der sich einfach nicht aus seinem Kopf vertreiben ließ. Es geht ganz schnell, sagte er sich. Das Gift wird sofort wirken. Zack und aus. Augen zu und nicht wieder aufwachen. Aber das sagte man auch von der Gaskammer und dem elektrischen Stuhl und trotzdem klappte es nicht immer hundertprozentig. Zum Beispiel, wenn beim elektrischen Stuhl das Kopfstück nicht richtig passte oder die Stromstärke zu gering war.

Auch bei der Spritze waren Pannen denkbar. Er wusste nicht, ob er auf eine Panne hoffen oder sich wünschen sollte, das alles so schnell wie möglich vorbei war. Er wusste es einfach nicht. Bilder und Gedanken rasten vor seinem geistigen Auge dahin. Szenen aus seinem Leben, Gesichter von Menschen, die ihm etwas bedeutet hatten.

"Nein", flüsterte er ohnmächtig und dann bemerkte er, wie jemand die Injektionsnadel aus seinem Oberarm herauszog. Es war geschehen. Unwiderruflich.

Er schloss die Augen.

Namenlose Dunkelheit senkte sich über ihn.



2

"LaRue!"

Eric LaRue blickte auf und erschrak dabei. Er fühlte den Schweiß auf seiner Stirn stehen. Kalten Angstschweiß. Eine Sekunde lang überraschte es ihn, noch am Leben zu sein, dann wusste er, dass er eingenickt gewesen war und geträumt hatte. Es war nicht das erste Mal, dass ihm das passierte. Nachts fand er oft keinen Schlaf. Dafür überkam es ihn dann am Tag.

"Hey, aufwachen! Du hast Besuch!"

Jetzt erst war LaRue richtig wach. Er rieb sich die Augen und hörte den Gefängniswärter vor sich hin murmeln. "Verdammter Nigger!", knirschte es unter seinem ungepflegten buschigen Schnurrbart hindurch, auf dessen Haaren er immer herum kaute, wenn er Langeweile empfand.

LaRue kannte ihn.

Der Kerl hieß McBride, war in seinem Job ziemlich fett geworden und mochte niemanden, dessen Haut auch nur eine winzige Nuance dunkler war, als seine eigene.

Eric LaRue streckte die Handgelenke durch die Gitterstäbe. Eine Sekunde später waren sie zusammengekettet.

McBride drehte den Schlüssel herum, die Zellentür sprang auf und dann führte er den Gefangenen vor sich her. Es ging durch mehrere weitere stark gesicherte Durchgänge.

"Es ist dein Bruder, dieser Winkeladvokat, der dich sehen will", brummte McBride. Er grinste über das formlose Gesicht, aber davon konnte LaRue nichts sehen. "Ich hoffe er hat schlechte Nachrichten für dich! Jemand wie du, der sich an 'ner weißen Frau vergreift, gehört hingerichtet! Und zwar unverzüglich, ohne Aufschub und Revision und den ganzen Unsinn!" McBride zuckte die breiten Schultern und schob Eric LaRue in den Besuchsraum.

Eric schluckte.

Sein Bruder Miles saß dort und tickte mit den Fingern auf dem Tisch herum. Eric brauchte nicht erst abzuwarten, bis Miles den Mund aufmachte. Er wusste auch so Bescheid. Miles blickte auf. Sein Gesicht sprach Bände.

"Tut mir leid, Eric", flüsterte Miles. Eric setzte sich. Er hatte jetzt fast so weiche Knie wie in dem Traum, als es zur Hinrichtung ging. Diesen verdammten Traum, den er jetzt mit grausamer Regelmäßigkeit hatte, wenn er die Augen schloss. Der Puls schlug ihm bis zum Hals, die Kehle war wie zugeschnürt. Er glaubte, sein Gesicht würde brennen. Er hatte diesen Augenblick lange kommen sehen. Aber jetzt, wo er gekommen war, war es doch schockierend.

"Wir haben alles versucht, Eric", hörte er die Stimme seines Bruders, der sich mit der flachen Hand über das Gesicht fuhr. Miles vermied es, den Todeskandidaten offen anzusehen. Aber die halbe Sekunde, in der sich ihre Blicke dann doch trafen, sah Eric ein Glitzern in Miles' Augen, das er nicht bei ihm gesehen hatte, seit sie kleine Jungs gewesen waren. Tränen.

"Du kannst nichts dafür", hörte Eric sich selbst sagen und hatte dabei fast das Gefühl, als wäre es jemand anderes, der da sprach. Jemand, der viel mehr Kraft hatte, als er. "Du hast alles versucht!" Das hatte Miles wirklich. Die letzte Instanz hatte ihr Urteil gefällt. Eine Wiederaufnahme konnte es nur geben, wenn plötzlich ganz neue Beweise auftauchen sollten - aber was sollte da schon kommen? Eric LaRue war zum Tode verurteilt worden und dieses Urteil würde nun in absehbarer Zeit auch vollstreckt werden. Der Termin stand bereits fest.

"Ich war beim Gouverneur", berichtete Miles, um irgendetwas zu sagen. Er fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. "Aber er wird dich nicht begnadigen, Eric."

"Ist das sein letztes Wort?", flüsterte Eric mit erstickter Stimme. Er brauchte die Antwort im Grunde nicht abzuwarten. Er kannte sie im voraus.

"Ich fürchte ja", sagte Miles. Er brachte es einfach nicht fertig, seinen Bruder dabei anzusehen.

Eric nickte. Es überraschte ihn, aber ein wenig konnte er den Gouverneur sogar verstehen. Ein schwarzer Mann hatte angeblich eine weiße Frau umgebracht. Da schlugen die Emotionen ziemlich hohe Wellen. Und warum sollte ausgerechnet ein Politiker sich in dieser Situation ohne Not unbeliebt machen wollen?

Der Fall lag klar, die Beweise sprachen eindeutig für Eric LaRues Schuld. Die Öffentlichkeit war davon genauso überzeugt wie die Jury im Gerichtsaal. Und selbst die Handvoll Demonstranten vor dem obersten Gericht war nicht von Erics Unschuld überzeugt gewesen, sondern einfach nur ganz allgemein gegen die Todesstrafe.

"Die Chancen waren von Anfang an wohl nicht gut, was?", meinte Eric achselzuckend, während er die blanke Verzweiflung in sich aufsteigen fühlte. "Aber ich habe Claire nicht umgebracht... Ich war überhaupt nicht dort!" Er schüttelte den Kopf und fuhr dann fort: "Ich bin unschuldig, aber ich kann es nicht beweisen!"

"Ich weiß, Eric." Miles hörte seine eigene Stimme in diesem Moment wie die eines Fremden. Er fühlte sich scheußlich. Eric LaRue atmete indessen tief durch. "Das wär's dann also", meinte er resigniert.

"Ich habe noch nicht aufgegeben, Eric!", erklärte Miles. "Ich nehme morgen den Flieger nach New York, um mit einem Mann zu sprechen, der dir vielleicht noch helfen kann!" Eric lachte heiser. "Wer sollte das sein? Ein noch besserer Anwalt als du vielleicht? Ein weißer Anwalt womöglich?"

"Nein, ein Privatdetektiv."

Eric lachte heiser. "Was sollte der schon ausrichten? Wir hatten doch schon diesen Spellings engagiert... Und was hat es gebracht?"

"Der Mann, von dem ich spreche, spielt in einer anderen Klasse als dieser Spellings."

Eric winkte ab. "Ach, ja?"

"Ich spreche von einem Mann namens Reiniger", erklärte Miles und versuchte, seiner Stimme dabei einen einigermaßen optimistischen Tonfall zu geben. "Seine Agentur ist eine Top Adresse unter den privaten Ermittlern!"

"Ich mache mir keine Hoffnungen mehr, Miles. Vielleicht ist es besser, es einfach zu akzeptieren. Meine Zeit ist eben so gut wie um."

"Eric!"

"Manchmal denke ich, je eher ich es hinter mir habe, desto besser!"

"Was redest du da!"

Eric LaRue zuckte nur mit den Schultern.

"Es ist so, Miles! Im Grunde haben sie mich längst hingerichtet. Fünfzigmal oder hundertmal. Ich weiß es nicht, ich habe es nicht gezählt. Jede Nacht..." Er stockte. "Verstehst du, wovon ich rede, Miles?"

Miles schaute zur Seite.

"Ich weiß nicht."

"Ich träume immer dieselbe Szene. Ich habe sie mal in irgendeinem Spielfilm gesehen. Jemand wurde aus der Todeszelle geführt, um dann die tödliche Injektion zu bekommen." Er atmete tief durch. "Ich weiß nicht einmal mehr, wie der Film hieß, oder was der Kerl eigentlich verbrochen hatte, der da hingerichtet wurde. Aber jetzt werde ich diese Szene nicht los..."

"Eric..."

"Ich sterbe jede Nacht, Miles. Kannst du dir das vorstellen?"

"Noch ist es nicht vorbei, Eric. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben."

Eric LaRues Blick war glasig. Er nickte kurz. "Ich danke dir für alles, was du getan hast!", murmelte er dann. Miles' Lächeln war verkniffen. "Das ist doch das Mindeste!", meinte er schwach.

"Du glaubst, dass du es mir irgendwie schuldig bist, alles zu versuchen, selbst wenn es keinen Sinn hat, nicht wahr? Aber in Wahrheit glaubst auch du nicht mehr an eine Möglichkeit, mich hier lebend herauszubringen!"

"Das ist doch Unsinn, Eric!", war Miles Erwiderung. Aber in Wahrheit hatte Eric es ziemlich genau getroffen.



3

"Sie sind meine letzte Hoffnung!", bekannte Miles LaRue offen, als er Bount Reiniger gegenübersaß.

Bount lehnte sich in seinem Sessel zurück und sah sein Gegenüber nachdenklich an. Einen zum Tode Verurteilten aus dem Staatsgefängnis von Houston, Texas herauszubekommen, dessen Hinrichtung schon terminiert und dessen Gnadengesuch abgelehnt worden war, war sicher alles andere als eine Kleinigkeit.

Besonders in einem Fall, wo alles so klar auf der Hand zu liegen schien.

Miles LaRue hatte eine Akte mitgebracht, in der alles Wesentliche zusammengefasst war. Bei den Unterlagen befanden sich auch Fotos, die die Polizei vom Tatort gemacht hatte und Kopien der Polizeiberichte.

"Wenn Sie noch weitergehende Unterlagen benötigen, Mister Reiniger, so stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung. Sie können in sämtliche Akten sehen, die mit dem Prozess etwas zu tun haben und von denen ich Kopien besitze!" Bount hob die Augenbrauen und nickte dann, während er mit den Augen die Berichte überflog.

Claire Levine, eine hübsche Blondine mit Pagenschnitt, war in ihrem Haus erschlagen worden. Tatwaffe war mit ziemlicher Sicherheit eine ungefähr dreißig Zentimeter hohe Bronzefigur, die in Claires Wohnzimmer auf einem Marmorvorsprung über dem Kamin gestanden hatte. Jedenfalls war an dieser Statue Blut gefunden worden, das aus der klaffenden Wunde an Claires Kopf kam.

Im Haus waren jede Menge Fingerabdrücke gefunden worden, von denen die meisten wohl niemals identifiziert werden würden. Aber bei der Wohnung eines einigermaßen kontaktfreudigen Menschen war das nichts Ungewöhnliches. Auch an der Bronzefigur waren Abdrücke. Und zwar außer von Claire nur noch die von Eric LaRue, der jetzt auf seine Hinrichtung wartete. Den Fakten nach also ein eindeutiger Fall. Bount las die Aussage von Rosa Montalban, einer Freundin von Claire, die am Abend des Mordes noch auf einen kurzen Besuch hatte vorbeikommen wollen. Rosa hatte sich schon gewundert, als sie die offene Tür bemerkte. Wenig später fand sie die Leiche. Seit gut zwei Stunden tot, wie die Polizei später feststellen sollte. Am Morgen hatte Rosa einen sehr heftigen Streit zwischen Claire und Eric mitbekommen. Eric war ziemlich außer sich gewesen und hatte ein paar wüste Drohungen ausgestoßen.

"Was hatte Ihr Bruder mit dieser Claire zu tun?", erkundigte sich der Privatdetektiv.

"Er... hat sie geliebt", erklärte Miles LaRue mit einem merkwürdigen Zögern.

"Sie sprechen in der Vergangenheit", stellte Bount fest. Miles zuckte die Achseln. "Die beiden waren seit kurzem nicht mehr zusammen, aber wahrscheinlich habe ich trotzdem etwas untertrieben. Eric liebte sie insgeheim wohl noch immer. Claire war eben eine..." Er stockte. Seine Finger tickten nervös auf der Sessellehne herum. "Wie soll ich sagen?", fuhr er dann mit einem seltsamen Unterton fort. "Sie war eben eine außergewöhnliche Frau." Er seufzte. "Leider wussten auch andere ihre Vorzüge zu schätzen..."

"Eifersucht als Tatmotiv?", meinte Bount zweifelnd. Aber Miles schüttelte den Kopf.

"Nein, das hat die Polizei am Anfang vermutet. Wäre es dabei geblieben, säße Eric jetzt nicht in der Todeszelle. Bei Eifersucht hätte man auf einer Tat im Affekt plädieren können und jeder mittelmäßige Anwalt hätte mindestens lebenslänglich für ihn herausgeholt." Sein Lachen war heiser und sarkastisch.

"Selbst bei einem Schwarzen. Aber die Anklage konnte das Gericht von einem anderen Motiv überzeugen!"

"Und das wäre?"

"Eric und Claire waren nicht nur privat ein Paar, sondern auch geschäftlich. Sie waren Teilhaber einer Werbeagentur. Aber Claire wollte aus der Firma heraus. Sie hatte die Chance, eine Top-Position bei einem der Branchenführer zu bekommen. Natürlich nur unter der Bedingung, dass sie bei Eric aussteigt. Schließlich kann sie sich ja nicht selbst Konkurrenz machen." Bount hob die Schultern. "Ich verstehe nicht, wo da das Problem für ihren Bruder gelegen hat!"

"Eric hatte finanzielle Schwierigkeiten. Und wenn Claire ihr Kapital aus der Agentur herausgezogen hätte, wäre das der Ruin gewesen. Anders bei Claires Tod. Die beiden hatten eine Lebensversicherung für den Fall der Fälle abgeschlossen und sich gegenseitig als Begünstigte eingetragen, damit die Firma nicht im Regen steht, wenn einer der beiden Inhaber stirbt und dessen Erben ausgezahlt werden müssen." Miles hob die Hände. "In solchen Fällen ist das nichts Ungewöhnliches. Ich habe es den beiden seinerzeit empfohlen..."

"Und jetzt hat man Ihrem Bruder einen Strick daraus gedreht!"

Miles nickte düster. "Sie sagen es, Mister Reiniger... Mord aus Habgier! Das hört sich schon anders an, als wenn jemand seine Ex-Geliebte im Streit erschlägt, nicht wahr? Dazu kommt noch, dass es Zeugen gibt, die gehört haben, wie Eric gesagt hat, dass er jetzt nur noch darauf hoffen könne, dass Claire einen Unfall baut..."

Bount hob die Augenbrauen.

"Hat er nicht versucht, sich mit ihr zu einigen?"

"Doch, das hat er. Aber sie war auf dem Ohr taub. Sie hätte entweder auf die Chance ihres Lebens verzichten müssen, oder ihm ihren Anteil einfach überschreiben können. Damit hätte sie ein kleines Vermögen verschenkt." Miles schüttelte den Kopf.

"Für Claire war es eine einmalige Chance. Aber solange ihr Geld in der Agentur steckte, konnte sie sie nicht wahrnehmen was ich aus Sicht ihrer neuen Arbeitgeber auch verstehen kann. Sie musste sich entscheiden - und zwar ziemlich schnell." Bount blätterte weiter. Er sah ein Foto von Eric. "Sie sehen Ihrem Bruder ziemlich ähnlich!", meinte er dazu.

"Ich weiß. Früher wurden wir oft verwechselt. Aber das hat sich inzwischen gelegt."

Dann stieß Bount auf Erics Alibi, dass er bei Vernehmungen angegeben hatte. Er hatte ausgesagt, zur Tatzeit mit dem Wagen unterwegs gewesen zu sein, um in Galveston an einer Roulette Runde teilzunehmen. Das Spiel war Erics Laster. Und deswegen hatte er weder finanzielle Rücklagen, die ihn in einer Situation wie dieser hätten über Wasser halten können, noch irgendeine Aussicht auf einen Kredit. In dieser Hinsicht war sein Rahmen nämlich längst ausgeschöpft. Alles, worauf man eine Hypothek legen konnte, war schon belastet.

An jenem Abend war Eric offenbar ziemlich verzweifelt gewesen. Als er dann zurückfuhr konnte seine Verzweiflung allerdings kaum geringer geworden sein, denn er hatte verloren. Viel sogar. Selbst für seine Verhältnisse. Und darum hatte er die Runde auch vorzeitig verlassen. Eric LaRue hatte einfach kein Geld mehr gehabt und Kredit gab ihm ohnehin niemand mehr. Er hatte noch etwas getrunken, bevor er zurück nach Houston gefahren war. Dabei hatte er sich auch noch etwas verfahren.

Zu der Zeit, in der Claire Levine erschlagen wurde, behauptete Eric, irgendwo zwischen Galveston und Houston gewesen zu sein. Und dafür sollte es sogar eine Zeugin geben. Eine junge Anhalterin, die er mitgenommen und in Houston irgendwo am Straßenrand wieder herausgelassen hatte. Aber die Anhalterin war nicht aufzufinden gewesen. Und Eric wusste noch nicht einmal ihren Vornamen. Der Staatsanwalt wertete das als Schutzbehauptung, um die erdrückenden Indizien zu entkräften.

Schließlich waren auf der Mordwaffe Erics Fingerabdrücke. Bount musterte jetzt sein Gegenüber mit einem nachdenklichen Blick. "Glauben Sie Ihrem Bruder eigentlich, dass er unschuldig ist?"

"Ja."

Er sagte es, ohne zu zögern. Erstaunlich, dachte Bount. Aber Miles LaRue schien nicht den geringsten Zweifel an der Unschuld seines Bruders zu haben.

"Glauben Sie ihm auch die Story mit der Anhalterin?"

"Warum sollte er die erfinden?", gab Miles ziemlich aggressiv zurück.

Bount zuckte die Achseln.

"Ich frage ja nur."

"Hören Sie, Reiniger! Ich kenne Eric. Und ich weiß, dass er hitzig sein kann. Aber ich glaube einfach nicht, dass er zu einer solchen Tat fähig wäre!"

"Wenn es da Zweifel gibt, wäre es besser, Sie schenken mir gleich reinen Wein ein."

"Ich hätte Eric auch verteidigt, wenn ich gewusst hätte, dass er lügt. Schließlich ist er mein Bruder, Aber ich bin davon überzeugt, dass er unschuldig ist, und dass er die Wahrheit gesagt hat. Leider lässt sich das nicht beweisen." Bount klappte die Mappe zu und erhob sich. "Was soll ich eigentlich genau für Sie tun? Wenn die Hinrichtung jetzt noch ausgesetzt werden soll, dann müsste wirklich etwas ganz Neues auf den Tisch kommen."

"Sie sagen es!", nickte Miles.

Bount nahm sich eine von seinen Zigaretten und bot auch Miles eine an. Aber der lehnte ab. "Irgendjemand muss Claire Levine ja letztlich getötet haben", stellte er dann mit der Zigarette zwischen den Lippen fest. "Ich glaube kaum, dass Ihr Bruder eine Chance hat, wenn es nicht gelingt, den tatsächlichen Mörder zu finden."

"Es würde schon genügen, wenn Sie diese Anhalterin auftreiben würden!"

Bount zuckte die Achseln.

"Ich werde tun, was ich kann. Aber erwarten Sie keine Wunderdinge von mir!"

"Das tue ich auch nicht."

"Sie hätten früher zu mir kommen sollen, Mister LaRue. Jetzt wird es ziemlich knapp, finden Sie nicht auch?" Miles' Gesichtsausdruck veränderte sich ein wenig. Dann sagte er etwas gepresst: "Sie sind nicht der erste Privat Eye, den ich engagiere."

Bount runzelte die Stirn.

"Ach, nein?"

"Der erste hatte einen..." Er zögerte, bevor er weitersprach.

"Einen Unfall", sagte er dann. "Die Begleitumstände waren allerdings sehr merkwürdig. Die Sache wird vermutlich nie wirklich aufgeklärt werden! Sie sollten also vorsichtig sein, Mister Reiniger!"

"Keine Sorge."

Miles LaRue erhob sich nun ebenfalls und verabschiedete sich. Bount brachte ihn noch zur Tür. Draußen im Vorzimmer saß June March, Bount Reinigers blondmähnige Assistentin. Sie war gerade damit beschäftigt, die Termine für die nächste Zeit zu koordinieren.

Als Miles LaRue verschwunden war, wandte Bount sich an seine Assistentin und meinte: "Für die nächste Zeit kannst schon einmal alles streichen."

June hob die Augenbrauen und blickte etwas ungläubig drein.

"Was ist los, Bount? Ein kleiner Extra-Urlaub?"

"Wir machen eine kleine Reise nach Houston, Texas!"

Sie seufzte. "Wahrscheinlich nicht zum Vergnügen, was?"

"Nein. Der Bruder von Mister LaRue sitzt in der Todeszelle und er hätte gerne, dass ich ihn da heraushole. Ich schlage vor, dass du gleich deine Sachen packst, nachdem du die Termine für die nächsten Tage abgesagt hast!"

"Okay, Bount." Sie zuckte die Achseln. In diesem Job musste man mit solchen Dingen rechnen. Wenigstens ging es diesmal in eine Gegend mit angenehm warmem Klima.



4

June blies sich eine Strähne aus den Augen. Auf den Knien hatte sie eine der Akten, die Miles LaRue bei Bount Reiniger zurückgelassen hatte. Sie blätterte lustlos darin herum, während Bount gedankenverloren aus dem Fenster sah und den Ausblick auf die geschlossene Wolkendecke über North Carolina genoss. Die Hälfte des Fluges hatten sie etwa hinter sich.

"Die Chancen, diese Anhalterin zu finden, sind gleich null!", meinte June resigniert. "Sieh dir diese Beschreibung an, die Eric LaRue von ihr gegeben hat! Die ist so gut wie nichts wert!"

Bount zuckte die Achseln und drehte sich zu ihr herum.

"Man soll sich die Leute eben genau anschauen, die man zu sich ins Auto steigen lässt!"

"Es sieht nicht gut aus, Bount!"

"Ich weiß."

June beugte sich wieder über die Unterlagen.

"LaRue hat Anzeigen aufgegeben, damit sie sich meldet. Ohne Ergebnis", stellte sie fest.

"Vielleicht liest sie keine Zeitung."

"Oder sie wollte damit nichts zu tun haben. Vielleicht hat Sie Gründe, dass sie nichts mit den Uniformierten zu tun haben will..."

"Vielleicht war sie auf der Durchreise. Sie kann jetzt sonst wo sein, June!"

"Trotzdem!", meinte sie. "Diese Anhalterin ist eine der wenigen Chancen für Eric LaRue..."

Bount hob zweifelnd die Schultern. "Selbst wenn wir Sie fänden, ist das noch keine Garantie, dass Eric LaRue freikommt. Der Ankläger wird behaupten, dass LaRue sie gekauft hat!"

"Zumindest gäbe es dann begründete Zweifel an Eric LaRues Schuld. Und das wäre doch schon etwas!"

"Ich denke, wir sollten uns zuerst in der Umgebung dieser Claire Levine umsehen. Es muss doch noch andere geben, die einen Grund gehabt haben, sie umzubringen... Vorausgesetzt, dieser Eric ist wirklich unschuldig."

June schien verwundert.

"Du bist dir nicht sicher, nicht wahr?"

"Kann man sich bei der Beweislage sicher sein? Wir müssen jede Möglichkeit in Betracht ziehen."



5

Ein Mitarbeiter von Miles LaRues Anwaltskanzlei holte Bount und June vom Flughafen ab. Miles besaß ein großes Haus in einem Villenvorort von Houston, das ziemlich leer war, seit seine Frau ihn vor ein paar Jahren verlassen hatte. Jedenfalls gab es genug Räume für Unterkunft und die Einrichtung eines provisorischen Büros. Und das Angebot, Miles' Zweitwagen, einen robusten Landrover, zu benutzen, nahm Bount gerne an.

Dem Privatdetektiv war es lieber, im Haus des Anwalts unterzukommen, als in einem der Houstoner Hotels abzusteigen. Der Fall LaRue hatte in Houston und Umgebung eine Menge Aufsehen erregt. Und wenn jetzt jemand engagiert wurde, um Eric im letzten Moment noch vor dem Henker zu retten, dann würde das früher oder später die Runde machen. Bount hatte keine Lust, dann auf dem Präsentierteller zu stehen. Das konnte seine Arbeit nur behindern.

"Wenn Sie irgendetwas brauchen sollten, Mister Reiniger, dann sagen Sie es mir", ließ Miles den Privatdetektiv wissen.

"Sie können von mir jede Unterstützung bekommen!" Bount nickte. "Das wird vermutlich auch nötig sein!", meinte er.

"Wo werden Sie anfangen?"

"Ich würde gerne zuerst mit Ihrem Bruder reden!" Miles blickte auf die Rolex an seinem Handgelenk und hob dann bedauernd die Hände. "Tut mir leid, aber da werden Sie bis morgen warten müssen. Die Besuchszeiten sind vorbei."

"Dann werde ich mich am Tatort mal umsehen. Was ist mit dem Haus von Miss Levine? Ich nehme an, es ist freigegeben."

"Natürlich."

"Wem gehört es jetzt?"

"Einer Erbengemeinschaft. Im Augenblick steht es leer. Soweit ich weiß wird es über ein Makler-Büro zum Verkauf angeboten."

"Wie heißt das Büro?"

"Es ist das Büro von Rosa Montalban!"

Das ließ Bount aufhorchen. "Die Lady, die die Leiche gefunden hat? Welch ein Zufall!"

Miles nickte. "Ja, sie ist Immobilienmaklerin."



6

Rosa Montalban hatte ihr Büro in einer Traumetage mitten in Houston. Beste Lage, aber sicher nicht billig. Ihre Geschäfte konnten also nicht schlecht gehen.

Bount hatte Glück, sie an diesem Tag überhaupt noch zu erwischen. Ihre Mitarbeiter hatte sie schon nach Hause geschickt. Sie kamen ihm auf dem Flur entgegen. Und sie selbst hatte auch schon ihre Sachen zusammengepackt, um für heute Schluss zu machen.

Aber die Tür zu ihrem Makler-Büro war noch nicht abgeschlossen worden, und so ging Bount einfach hinein. Rosa war dunkelhaarig und kurvenreich. Und der tiefe Ausschnitt ihres Sommerkleides zeigte genug, um jede Art von fairer Verkaufsverhandlung von vornherein unmöglich zu machen.

Sie blickte auf und musterte Bount mit ihren dunkelbraunen Augen.

"Wer sind Sie?", fragte sie.

"Mein Name ist Reiniger. Ich komme aus New York und interessiere mich für ein bestimmtes Objekt." Bount nannte ihr die Adresse und sah, dass Rosa Blick sich sogleich etwas veränderte.

"Eigentlich wollte ich gerade Schluss machen, aber wenn Sie ernsthaft interessiert sind... Ich sage Ihnen aber gleich, dass unter einer halben Million Dollar nichts zu machen sein wird. Wollen Sie es sehen?"

"Gerne", nickte Bount.

"Ich nehme an, Sie sind mit dem Wagen hier."

"Richtig."

"Dann fahren Sie hinter mir her."

Rosa fuhr einen kleinen Sportflitzer und Bount musste sich ganz schön ranhalten, um ihr auf den Fersen zu bleiben. Keine Viertelstunde brauchten sie, dann hatten sie Claire Levines Haus erreicht. Es war wirklich ein schönes Anwesen. Der Garten wirkte inzwischen ein wenig verwildert. Leider hatte Claire nicht allzu lange Freude an diesem Besitz gehabt. Rosa fuhr mit dem Sportflitzer auf den Hof, Bount stellte den Landrover dahinter.

"Kommen Sie, Mister Reiniger!" Sie winkte ihm zu, war dann auch schon an der Tür und drehte den Schlüssel herum. Bount folgte ihr.

Rosa führte ihn durch die Räume. Bount blickte sich ein bisschen um, fand aber kaum Persönliches über Claire Levine. Auf dem Nachttisch im Schlafzimmer stand ein Foto, das sie zusammen mit einem Mann zeigte. Aber es war nicht Eric LaRue.

Vermutlich sein Nachfolger in Claires privater Gunst, dachte Bount.

Im Wohnzimmer wurde es interessant. Bount Reiniger erkannte es von den Fotos wieder, die er in den Akten gesehen hatte. Nur von der Bronze-Figur war nichts zu sehen. Aber die war ja schließlich auch ein Beweisstück.

"Ist irgendetwas, Mister Reiniger?", hörte Bount Rosas Stimme, während er den Blick schweifen ließ. Die Spurensicherung hatte sicher jeden Flecken in diesem Raum abgesucht. Aber Bount hoffte auch nicht darauf, auf eine neue Spur zu treffen. Er versuchte vielmehr, sich den Hergang der Tat vorzustellen.

In den Berichten stand nichts von Einbruchsspuren. Also hatte Claire ihren Mörder selbst hereingelassen, vermutlich, weil sie ihn kannte. Vor dem Kamin hatte der Mörder nach der Bronze-Figur gegriffen und zugeschlagen... So sah es der Staatsanwalt. Und die Jury war dieser Sichtweise gefolgt.

"Verschwinden Sie!", hörte Bount indessen Rosa ziemlich ärgerlich sagen. Sie hatte ihre schlanken Arme in Hüften gestemmt und schien ziemlich aufgebracht zu sein. "Sie wollen dieses Haus überhaupt nicht kaufen!"

"Das habe ich auch nie gesagt", erwiderte Bount gelassen.

"Sie haben mir vorgespielt..."

"Ich habe gesagt, ich sei an dem Haus interessiert. Und das stimmt auch!"

"Wegen dem Mord an Claire Levine, nicht wahr?"

"Ja."

"Ich hatte gehofft, die Sache wäre jetzt langsam ausgestanden. Aber jetzt, wo die Hinrichtung des Mörders bevorsteht, wird die Geschichte noch einmal interessant!"

"Nun..."

"Sind Sie von der Presse? Es ist soviel über die Geschichte geschrieben worden. Sie hätten nur bei Ihren Kollegen abzuschreiben brauchen, anstatt mir die Zeit zu stehlen! Aber da sind Sie leider nicht der erste, der das nicht kapiert hat!" Bount holte seine Lizenz aus der Jackentasche und reichte sie ihr. Sie nahm das Dokument stirnrunzelnd, während Bount dazu sagte: "Ich versuche herauszufinden, was geschehen ist." Rosa verdrehte die Augen, gab ihm die Lizenz zurück und schüttelte dann energisch den Kopf.

"Es ist doch nicht zu fassen!", meinte sie. "Ein Privatdetektiv aus New York! Was wollen Sie? Diesen Hund noch in letzter Sekunde vom Haken holen, der Claire umgebracht hat?"

"Eigentlich hatte ich gehofft, ich könnte mit Ihnen ein paar Takte über die Sache reden. Schließlich sind Sie es, die die Tote entdeckt hat."

Rosa lachte kopfschüttelnd. "Ich habe nichts dagegen, dass man diesen Eric LaRue demnächst vom Leben zum Tode befördert! Ich denke, er hat es nicht besser verdient! Und ich werde Sie ganz bestimmt nicht dabei unterstützen, wenn Sie versuchen sollten, seinen Kopf aus der Schlinge zu holen!" Bount nickte. "Ich verstehe Sie", sagte er.

"Ach, ja?" Sie hatte einen ironischen Unterton, der Bount nicht besonders gefiel. Aber der Privatdetektiv behielt die Ruhe.

"Claire Levine war Ihre Freundin. Es muss ein Schock für Sie gewesen sein, sie da so liegen zu sehen..." Sie schluckte. "Ihr Schnüffelhandwerk verstehen Sie anscheinend", murmelte sie dann. "Sie sind gut informiert, das muss der Neid Ihnen lassen!"

Bount versuchte es mit einem erneuten Anlauf.

"Miss Montalban, möchten Sie nicht sicher sein, dass der Kerl, der demnächst hingerichtet wird, auch der Richtige ist?"

"Ich bin mir sicher!"

Bount verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln. "Wie schön für Sie. Vielleicht sagen Sie mir trotzdem, was das eigentlich für eine Bronze-Figur war, die dort über dem Kamin stand."

Rosa atmete tief durch und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie beruhigte sich ein bisschen. Schließlich sagte sie: "Das war gewissermaßen symbolisch, Mister Reiniger. Die Figur war ein Preis, den der texanische Verband der Werbewirtschaft jährlich für den besten Spot vergibt. Eric und Claire haben ihn während ihrer gemeinsamen Zeit gewonnen. Und dann hat Eric sie damit erschlagen..."



7

Am nächsten Morgen stand Captain Bo Harris vom Houston Police Department auf Bounts Liste. In seiner Zuständigkeit hatten die Ermittlungen im Levine-Fall gelegen.

Im Police Department geriet er an einen jungen Detective. Er wirkte ziemlich schmächtig in seiner etwas überweiten Jacke. Aber immerhin konnte er seine Dienstwaffe ganz gut verbergen.

"Was wollen Sie denn von ihm?", fragte er.

"Das muss ich ihm schon selbst sagen."

"Vielleicht kann ich Ihnen helfen! Der Captain ist gerade nicht da!"

"Wenn Sie sich im Mordfall Claire Levine auskennen!" Der Detective musterte Bount mit seinen hellblauen Augen, die etwas nervös wirkten. Aber aufmerksam. Das waren Augen, denen so schnell nichts entging.

"Darüber steht doch alles in den bunten Blättern!", raunte der Detective. In seinen Augen blitzte es jetzt seltsam. "Jeder weiß darüber Bescheid. Alle Fakten sind dutzendfach breitgetreten worden. Wenn Sie also von der Presse sind oder eine Biographie des Mörders schreiben oder einfach nur Ihre Neugier befriedigen wollen, schlage ich Ihnen vor, sich an Pressearchive, Bibliotheken und so weiter zu wenden." Er hob die Augenbrauen. Sein helles Gesicht, das von der texanischen Sonne in diesem Jahr noch kaum etwas abbekommen zu haben schien, hatte jetzt einen unverhohlen arroganten Ausdruck.

"Unsere Zeit hier ist nämlich sehr kostbar, müssen Sie wissen."

"Wie heißen Sie?", fragte Bount.

"Ballard."

"Wissen Sie, meine Zeit ist auch sehr kostbar, Mister Ballard, und deshalb spreche ich wohl besser mit dem Captain. Ich wette um fünf Dollar, dass die Tür dort hinten sein Büro ist..." Bount wandte sich zum Gehen.

"Warten Sie!", rief Detective Ballard. "Captain Harris ist wirklich nicht da! Was wollen Sie denn wissen? Ich habe bei den Ermittlungen mitgemischt..."

Bount blieb stehen, kam einen Schritt zurück und setzte sich auf eine Ecke von Ballards Schreibtisch.

"Ich interessiere mich für diese Anhalterin, die Eric LaRue auf seinem Weg von Galveston nach Houston mitgenommen hat! Über die steht fast nirgends etwas. Weder in den Akten, noch sonst wo..."

"Sie sind keiner von der Presse", murmelte Ballard.

"Privatdetektiv?"

"Ja." Bount zeigte ihm seine Lizenz. Ballard fasste sie mit zwei Fingern an, fast so, als könnte er sich daran verunreinigen. Er gab sie Bount zurück und verzog dabei das sonst so glatte Gesicht.

"Ich mag Leute nicht, die sich in unseren Job mischen." Darauf ging Bount nicht weiter ein. Statt dessen fragte er: "Was wissen Sie über diese Anhalterin?"

"Ich weiß nicht, wie Sie an die Akten herankamen - aber wie auch immer! Sie werden sicher die Beschreibung gelesen haben, die dieser schwarze Bastard von ihr gegeben hat."

"Nicht sehr präzise."

"Sie sagen es."

"Ich nehme an, Sie haben nach ihr gefahndet!" Ballard lachte heiser. Dann meinte er süffisant: "Natürlich. Aber als Private Eye wissen Sie doch, dass es unmöglich ist, jemanden zu finden, der gar nicht existiert!"

"Und da sind Sie sich so sicher?"

Er zuckte die Schultern. "Nichts als ein Märchen, was der Kerl uns da erzählt hat. Der Nigger wollte seinen Hals retten. Da erzählt man doch alles Mögliche, meinen Sie nicht?"

"Hört sich an, als würden Sie Schwarze nicht mögen." Er verdrehte die Augen. "Es gibt zum Glück kein Gesetz, das mich dazu zwingt!"

"Was haben Sie denn gemacht, um die Anhalterin zu finden?"

"Die übliche Routine. In der Vermisstenabteilung nachgefragt, in unseren Akten und natürlich bei der Sitte. Oft landet so eine Herumstreunerin auf dem Strich."

"Und?"

"Sie haben das Phantombild in den Akten gesehen?"

"Ja", nickte Bount.

"Das ist überall herumgezeigt worden. Glauben Sie mir! Es gibt diese Frau nicht."

"Und im Leichenschauhaus?"

"Da haben wir damals zuerst nachgeschaut. Und ich wette, LaRues Anwalt hat alles versucht, um sie finden!" Bount zuckte die Achseln.

"Schön möglich!"

"Wissen Sie was? Am, besten, Sie suchen sich schnellst möglich eine andere Sache, in der Sie herumschnüffeln können!"

Bount hob die Augenbrauen. "Soll das eine Warnung sein?"

"Nehmen Sie es, wie Sie wollen! Aber ich glaube nicht, dass Sie sich viele Freunde machen werden, wenn sie weiter in dem Fall herum bohren!"

Bount grinste. "Wenn es diese Frau nicht gibt, kann ich sie ja auch nicht finden und Sie brauchen sich keine Sorgen darüber zu machen, dass der Mann, den Ihr Department verhaftet hat, noch in letzter Sekunde vom Haken gelassen wird!"



8

Als Bount Reiniger dem Todeskandidaten gegenübersaß, sah er einen gebrochenen, verzweifelten Mann.

Eric LaRue blickte mit müden Augen auf und musterte Bount zweifelnd.

"Sie sind also der Kerl, den mein Bruder engagiert hat!"

"So ist es", nickte der Privatdetektiv.

"Ich habe ihm gesagt, dass er das lassen soll!"

"Warum?"

"Es ist herausgeschmissenes Geld."

"Ich kann ja wieder gehen."

"Das war nicht gegen Sie gerichtet, Mister..."

"Reiniger."

"Sehen Sie, ich wüsste nicht, wie Sie etwas für mich tun könnten! Sie müssten schon etwas völlig Neues auf den Tisch legen. Etwas, das bei der Verhandlung noch nicht berücksichtigt worden ist. Aber da fällt mir nichts ein."

"Ich könnte die Anhalterin finden!"

Eric lachte heiser. "Manchmal bin ich mir selbst schon nicht sicher, ob es sie wirklich gegeben hat!", meinte er zynisch und hob ein wenig die Schultern. Es war eine Geste der Gleichgültigkeit. Dieser Mann hatte den Kampf um sein Leben schon so gut wie aufgegeben. Bount konnte es ihm nicht verdenken.

"Wo haben Sie sie getroffen?"

"Eine halbe Meile hinter Billings' Drugstore stand sie plötzlich an der Straße. Da habe ich sie mitgenommen. Sie wirkte ziemlich heruntergekommen. Ihre Sachen waren schmuddelig und hätten dringend eine Wäsche vertragen können."

"Hatte sie sonst noch etwas bei sich?"

"Eine kleine Tasche."

"Kam sie aus der Gegend?"

"Nein."

"Wie kommen Sie darauf?"

"Ich weiß nicht, ob sie vielleicht hier in der Gegend wohnte. Viel bei sich hatte sie nicht, also glaube ich kaum, dass sie eine besonders lange Reise hinter sich hatte. Aber andererseits hatte sie einen besonderen Akzent... Eine typische Texanerin war sie jedenfalls nicht."

"Was war das für ein Akzent?"

"Keine Ahnung."

"Spanisch vielleicht?"

Aber Eric schüttelte energisch den Kopf.

"Es war kein Akzent, den ich bisher gehört hatte. Aber das ist auch schwer zu sagen. Wir haben nämlich nicht viel miteinander geredet."

"Warum nicht?"

Eric zuckte die Achseln. "Sie war nicht sehr gesprächig."

"War das erste Mal, dass sie nach Houston kam?"

"Ja, ich denke schon. Sie hat mich nach einer Bar mit dem Namen Clou gefragt."

"Und?"

"Ich habe sie in der Nähe abgesetzt. Es war nicht allzu weit von meinem Weg entfernt."

"Hat sie auch gesagt, was sie da wollte?"

"Hat sie nicht." Eric atmete tief durch. "Das ist alles Monate her! Wer weiß, wo sie jetzt ist!"

Er hat recht, dachte Bount. Aber an irgendeinem Ende des Fadens musste man ja schließlich anfangen, um das Knäuel nach und nach aufzulösen.

"Ist Ihnen sonst noch irgendetwas an ihr aufgefallen?", fragte Bount dann nach kurzer Pause.

"Nein." Eric schüttelte den Kopf und wirkte irgendwie abwesend. Er kämpft nicht mehr, überlegte Bount.

"Irgendeine Kleinigkeit vielleicht!" bohrte der Privatdetektiv unbeirrt weiter.

Nach einigen Sekunden Pause, erwiderte Eric dann plötzlich: "Sie zitterte, obwohl es warm war. Das ist mir aufgefallen." Bount horchte auf.

"Glauben Sie, dass sie drogensüchtig war?"

"Von solchen Dingen verstehe ich nichts, Mister Reiniger." Eric wirkte jetzt in sich gekehrt. Er schien ins Nichts zu blicken. Dann meinte er plötzlich. "Sie hatte so ein Amulett um den Hals. Daran hat sie immer herumgespielt."

"Was war das für ein Amulett?"

"Ein Mandala."

"Na, das ist ja immerhin etwas."

Eric atmete tief durch. Sein Gesichtsausdruck schien zu sagen, dass ohnehin alles keinen Zweck hatte. "Ich wette, nicht einmal Sie glauben daran, dass ich unschuldig bin, Reiniger!"

"Es spielt keine Rolle, was ich glaube", erwiderte der Privatdetektiv kühl. "Ich möchte gerne noch wissen, wie Ihre Fingerabdrücke auf die Mordwaffe kommen?"

"Ich habe diese Figur oft angefasst. Immer, wenn ich bei Claire war, habe ich sie in die Hand genommen. Es war ein...Reflex, wissen Sie? Mit dieser Figur hat es etwas Besonderes auf sich..."

"Ein Preis für den besten Spot, ich weiß."

"Woher...?"

"Und es war nicht zufällig auch ein Reflex, der sie nach dieser Statue greifen ließ, um die Frau zu erschlagen, die sie einmal geliebt haben und die nun drauf und dran war, Sie zu ruinieren."

"Damals dachte ich so darüber, heute weiß ich, dass ich mich selbst ruiniert habe. Wenn ich keine Spielschulden gehabt hätte, hätte man die Agentur mit einem Kredit problemlos über Wasser halten können. Claire hat nur ihre Chance gesucht, hätte ich vielleicht auch getan."

"Wann haben Sie sie das letzte Mal gesehen?"

"Am Tag vor ihrem Tod. Da habe ich auch das letzte Mal diese verdammte Figur angefasst... Sie war irgendwie ein Symbol für unsere besseren Zeiten, wissen Sie? Privat und auch was unsere Arbeit betrifft."

Bount hob die Augenbrauen.

"Was wollten Sie bei ihr?"

"Ich wollte noch einmal mit ihr über die Sache reden, obwohl ich um Grunde wusste, dass es zwecklos sein würde. Wir haben uns schrecklich gestritten. Unglücklicherweise war auch noch jemand dabei."

"Wer?"

"Jim Graham, ihr neuer Lover. Ich glaube, er nennt sich Import/Export-Kaufmann. Seine Aussage vor Gericht passte natürlich hervorragend in die ganze Geschichte hinein, wie Sie sich sicher denken können."

"Allerdings."

Eric zuckte die Achseln. "Ich hätte auf Miles hören sollen", murmelte er unvermittelt.

"Inwiefern?", fragte Bount.

Erics Augen wurden schmal. "Er hatte mir geraten, mich schuldig zu bekennen und dann auf Tötung im Affekt zu plädieren. Aber ich bin unschuldig. Und ich dachte, dass mir nichts passieren kann, da ich Claire nicht umgebracht habe. Ich habe mich geirrt..."



9

Als Bount wieder hinter dem Steuer des Landrovers saß, rief er per Handy June an, die inzwischen versuchte, mit ihrem PC in den Polizei-Computer hineinzuhacken. Vielleicht war die junge Anhalterin ja doch irgendwann einmal aufgegriffen worden. Die Suche der Polizei schien ja nicht sehr intensiv gewesen zu sein.

Aber das Ergebnis von Junes Bemühungen war bislang gleich null.

"Sie hatte einen Akzent", meinte Bount.

"Mexikanisch?", fragte June.

"Eric glaubt, dass es etwas anderes war. Und dann war da noch ein Amulett. Ein Mandala."

"Sonst noch was?"

"Sie könnte drogensüchtig gewesen sein oder sonst wie krank. Eric sagt, dass sie trotz Hitze gefroren hätte."

"Ich werde mal die hiesigen Ärzte durchtelefonieren."

"Mach das. Aber die Notaufnahme der hiesigen Kliniken ist vielleicht viel versprechender. Wer nicht einmal eine Karte für den Bus löst, wird kaum Geld für den Arzt haben."

"Und was machst du jetzt, Bount?"

"Ich nehme mir Billing's Drugstore vor." Wenig später bemerkte Bount im Rückspiegel einen Polizeiwagen, der mit Sirene und Blaulicht an dem Landrover vorbeizog.

Bounts Blick ging zum Tachometer. Aber er fuhr nicht zu schnell. Trotzdem - er wurde an den Straßenrand gewinkt. Zwei Uniformierte mit Sonnenbrille stiegen aus und kamen näher. Bount ließ das Seitenfenster des Landrovers herunter.

"Was gibt's, Officer?", fragte er den ersten.

"Ihren Führerschein!"

Bount kramte ihn aus der Tasche heraus und gab ihn durch das Fenster. Der Cop warf einen kurzen Blick darauf, allerdings ohne die Sonnenbrille abzunehmen. Dann nickte er seinem Kollegen zu. Bount konnte es förmlich spüren, dass hier etwas falsch lief.

"Ist das Ihr Wagen, Mister...Reiniger?"

"Nein, ich habe ihn geliehen."

"Von wem?"

"Von Mister Miles LaRue, dem Besitzer."

"Ich möchte die Papier sehen."

Dagegen war nichts einzuwenden. Bount beugte sich zum Handschuh-Fach, und erstarrte dann, als er mit den Augenwinkeln die Mündung des 38er Revolvers sah, den der Cop urplötzlich herausgerissen hatte.

Die Waffe zeigte ziemlich genau auf Bounts Schläfe. Was immer dieses Theater zu bedeuten hatte, es war im Augenblick wohl das beste, überhaupt nichts zu tun.

"Ganz ruhig!", zischte der Cop und zog dabei den Mund breit. Er kaute auf einem Kaugummi herum und wirkte angespannt. "Nehmen Sie die Hände und falten Sie sie hinter dem Kopf. Und dann steigen Sie ganz vorsichtig aus, Reiniger!" Bount atmete tief durch. Er blickte von einem Cop zum anderen und fragte sich, was er wohl falsch gemacht haben mochte. "Was soll das eigentlich?"

"Mund halten!", knurrte der zweite Uniformierte, der indessen die Wagentür aufriss.

Bount kam heraus, so wie man es ihm gesagt hatte. Ziemlich roh wurde er dann mit dem Oberkörper auf die Motorhaube des Landrovers geschleudert und nach Waffen abgesucht. Aber Bount hatte kein Schießeisen bei sich. Die Automatik, die er in New York trug, hätte er auf seinem Flug nicht mitnehmen können.

Seine Arme wurden gepackt und nach hinten gebogen. Bount hörte die Handschellen klicken. Und während der eine der beiden Cops ihn dann zum Streifenwagen führte, leierte der andere die Rechte herunter, die dem Gefangenen zustanden.

"Vielleicht erklären Sie mir mal, was hier eigentlich vor sich geht!", meinte Bount, als er schon im Wagen saß.

"Was hier vor sich geht?"

Der Cop, der neben Bount Platz genommen hatte verzog das Gesicht und spuckte dann seinen Kaugummi in den Aschenbecher. "Was hier vor sich geht? Da wissen Sie doch sicher hundertmal besser als ich!" Er lachte heiser. "Wir werden jetzt mal in aller Ruhe feststellen, was der Besitzer dieses Landrover dazu sagt, dass Sie sich die Kiste ausgeliehen haben!"

"Könnte ja sein, dass er gar nichts davon weiß!", frotzelte der andere.

"Wollen Sie mich für dumm verkaufen?", rief Bount ärgerlich.

"Um es kurz zu machen: Dieser Wagen ist als gestohlen gemeldet worden!"



10

Drei Stunden später saß Bount einem breitschultrigen, aber nicht besonders großen Mann gegenüber, dessen kurzgeschorene graue Haare die braungebrannte Kopfhaut hindurch schimmern ließen.

Es war niemand anderes als Captain Bo Harris. Harris grinste schief und rieb sich den mächtigen Stiernacken.

"Tut mir leid, Sir", meinte er scheinheilig. "Irgendwie scheint dieser Landrover in die Liste der gestohlenen Wagen hineingeraten zu sein." Er zuckte mit den Achseln und funkelte Bount dabei mit seinen dunkelbraunen Augen angriffslustig an. "Ich habe auch keine Erklärung dafür. Vielleicht hat sich jemand bei der Nummer vertan..."

Bount lächelte dünn.

Das war nichts als reine Schikane. Wahrscheinlich hatte der junge Detective, mit dem Bount gesprochen hatte, nichts Besseres zu tun gehabt, als aus dem Fenster zu blicken und sich Bounts Wagennummer zu notieren. Dann war er zu seinem Chef gerannt.

"Sie sind Privatdetektiv aus New York", stellte Bo Harris fest. "Und Sie fahren Miles LaRues Wagen..."

"Was dagegen?"

In Harris' Augen blitzte es angriffslustig. "Ich nehme an, Sie arbeiten für LaRue."

"Ich habe nicht die Absicht, mit Ihnen darüber zu reden, Captain!", erwiderte Bount kühl.

"Das brauchen Sie auch nicht. Es liegt ja wohl klar auf der Hand. Genauso, wie klar sein dürfte, weswegen er Sie engagiert hat..." Harris beugte sich etwas vor und verzog das Gesicht.

"Ach, ja?", machte Bount.

"Ich habe ihn angerufen. Er wird hier gleich auftauchen, um Sie abzuholen."

"Zu gütig!"

Harris beugte sich plötzlich und hielt Bount den Zeigefinger wie einen Revolverlauf entgegen. "Sie sollten sich nicht in Dinge einmischen, die nicht Ihre Angelegenheit sind, Reiniger!

Haben Sie mich verstanden? Fliegen Sie zurück nach New York und fangen sie dort ihre Verbrecher!"

"Ich lasse mir nicht gerne Vorschriften machen, Harris!"

"Ich habe mich ein bisschen erkundigt. Es scheint Ihnen ja finanziell nicht so schlecht zu gehen, dass Sie jeden Auftrag annehmen müssen!"

Bount grinste.

"Das ist allerdings wahr!"

"Dann lassen Sie von diesem die Finger, wenn Sie nicht wollen, dass Sie sie sich verbrennen!"

Bount blieb gelassen. Er begriff. Dieser unsympathische Captain sah es nicht gerne, wenn in einer Sache noch einmal herumgerührt wurde, die er für abgeschlossen erklärt hatte.

"Die Sache mit dem Wagen hat sich doch erledigt, oder?", fragte Bount.

"Nun..."

"Dann kann ich ja gehen!"

"Das können Sie, Reiniger! Aber ich warne Sie! Mit Ihrer Halsstarrigkeit werden Sie sich hier keine Freunde machen!"

"Ich werde es verkraften!"

"Der Staatsanwalt sieht das übrigens auch nicht gerne. Er ist dafür bekannt, dass er für die konsequente Anwendung der Todesstrafe eintritt. Auch im Fall Eric LaRue." Bount hob die Augenbrauen. Das war wirklich erstaunlich. Da hatte er kaum zu ermitteln begonnen, und schon hatte er sich den Unwillen einiger einflussreicher Leute zugezogen.

"Grüßen Sie den Staatsanwalt schön von mir, wenn Sie ihm gleich Bericht erstatten!", meinte Bount schneidend. "Und wenn Sie und er wirklich gute Arbeit geleistet haben, wird es wohl niemanden geben, der Eric LaRue noch retten kann. Ich weiß also nicht, was Sie so beunruhigt!"

Bount erhob sich.

"Meinen Führerschein und meine Lizenz hätte ich gerne zurück", forderte er dann.

Captain Harris' Blick war finster. "Sie haben die Wahl, Reiniger... Und wenn Sie sich dafür entscheiden, hier zu bleiben, werden Sie Houston in schlechter Erinnerung behalten!"

"Und dies war ein Vorgeschmack, meinen Sie?"

"Hier ist nicht New York. Sie haben hier kein Heimspiel. Und ich werde dafür sorgen, dass Sie jede Menge Schwierigkeiten bekommen!"

Bount verzog das Gesicht.

"Tut mir leid, aber ich bin nicht sehr ängstlich!"



11

Bount verwünschte Harris für die Stunden, die er durch diesen selbstherrlichen Captain verloren hatte. Das ganze war nichts anderes als reine Schikane. Und wahrscheinlich würde sich Bount noch auf weiteres in der Art einstellen müssen. Allerdings fragte sich der Privatdetektiv, wer wohl die treibende Kraft bei der Sache gewesen war. Harris oder der Staatsanwalt?

Bounts Weg führte dann zu Billings Drugstore. Aber dort hatte nie jemand ein Mädchen mit einem Mandala-Amulett gesehen.

Das war im Grunde auch kein Wunder. Unter den Beschäftigten herrschte ständiges Kommen und Gehen. Kaum einer arbeitete länger als ein paar Monate hier. Die Sache war bereits lange genug her, dass seitdem fast die gesamte Angestellten-Crew ausgetauscht worden war.

Als Bount dann am Abend den Clou aufsuchte, hatte dort der Betrieb gerade erst begonnen. Dementsprechend wenig war hier jetzt los.

Bount setzte sich an die Bar, nahm einen Drink und schaute sich etwas um. "Wie lange sind Sie schon hier?", fragte er dabei den Mixer.

"Fünf Jahre. Warum? Hört man mir immer noch an, dass ich aus South Carolina komme?"

Bount lächelte.

"Ich fürchte ja. Aber mich stört das nicht."

"Aber Sie sind auch nicht von hier, stimmt's?", meinte er.

"Ich suche ein Mädchen", sagte Bount.

Der Barmann lächelte erst, beugte sich über den Tresen hinüber und grinste über das ganze Gesicht.

Er hatte Bount gründlich missverstanden. "Da kann ich Ihnen sicher helfen", meinte er gedämpft.

"Ich suche jemand ganz bestimmtes", meinte Bount. "Eine junge Frau mit brünetten Haaren und einem merkwürdigen Akzent. Und einem Amulett, einem Mandala."

"Was soll das sein - ein Mandala?"

"Ein Kreis. Die eine Hälfte ist schwarz, die andere weiß. In der schwarzen Hälfte ist ein weißer Punkt, in der weißen ein schwarzer."

Der Barmann kniff die Augen zusammen. "Sie sind kein Tourist, was?"

"Nein."

"Bulle?"

Bount musterte einen Augenblick lang sein Gegenüber und überlegte, ob es jetzt besser war ja oder nein zu sagen. Ein Drink, den ein ziemlich müde wirkender Geschäftsmann bestellte, nahm ihm die Entscheidung ab.

Als der Barmann dann zurückkam, nahm Bount einen zweiten Anlauf. "Sie ist vor ungefähr einem Jahr hier in der Nähe abgesetzt worden und wollte in diesen Laden hier!"

"Ist sie Ihnen durchgebrannt?"

Bount verzog das Gesicht. "Ich dachte immer, Barmixer seien diskret."

"Bin ich auch."

Die beiden Männer wechselten einen kurzen Blick und Bount verstand. Er griff in die Hosentasche und legte ein paar Scheine auf den Tisch, die der Barmann mit einer lässigen Bewegung in die Taschen seiner bunten Weste wandern ließ.

"Die einzige Lady, die ich je mit einem solchen Amulett gesehen habe, sitzt da drüben!" meinte er dann mit einem breiten Grinsen. "Sie heißt Lori."

"Danke."

Bount nahm seinen Drink und setzte sich zu Lori. Lori war hellblond und vollbusig. Die Anhalterin hingegen brünett und sehr schlank und außerdem wohl auch etwas jünger. Mit anderen Worten: Fehlanzeige. Bount setzte sich trotzdem zu ihr. Vielleicht wusste sie ja etwas über die Anhalterin. Und als er sie dann zu einem sündhaft teuren Drink einlud, wurde sie auch etwas gesprächiger.

"Was wollen Sie von dem Mädchen? Ist sie Ihnen durchgebrannt?", fragte Lori, nachdem Bount sie ihr beschrieben hatte. Der misstrauische Unterton war nicht zu überhören.

"Das heißt, Sie kennen sie", stellte Bount fest.

"Kann sein... Kann aber auch nicht sein." Zwei hundert Dollarscheine machten Lori die Entscheidung etwas leichter. Sie fasste sich an das Mandala. "Sie hat mit mir das hier geschenkt", erzählte sie.

"Sie ist also hier abgestiegen?"

"Ja."

"Was wollte sie?"

"Einen Job. Sie sah gut aus, wenn auch ein bisschen heruntergekommen. Aber sie war noch keine einundzwanzig. Und Mister Lawrence, der Besitzer, wollte keine Schwierigkeiten."

"Ich verstehe. Wie heißt sie?"

"Nadine."

"Und weiter?"

"Nichts weiter. Ihren zweiten Namen hat sie mir nie gesagt. Sie hat ein paar Tage bei mir gewohnt." Lori zuckte mit den Schultern. "Sie tat mir einfach leid."

"Sie sprach ein bisschen seltsam, nicht wahr?"

"Ja."

"Woher kam sie?"

"Darüber hat sie nie geredet. Aber sie erwähnte mal, dass sie in Montreal gewesen sei. Kann also sein, dass sie Franco Kanadierin ist." Sie zuckte die Achseln. "Ist aber nur eine Vermutung. Ich habe sie auch nie gefragt. Sie wird schon ihre Gründe gehabt haben, sich auf den Weg zu machen!"

"Wo ist sie jetzt?"

Lori zuckte mit den Schultern. "Ich weiß es nicht..." Bount wusste instinktiv, dass sie log. Er sah es ihren dunklen Augen an, die ihn gierig musterten. Sie hatte ihr Gegenüber auf geschickte Art neugierig gemacht, erst durch das, was sie sagte und dann durch das, was sie verschwieg. Bount kannte dieses Spiel zu Genüge. Aber welche Wahl hatte er schon? Lori spürte einfach, dass Bount in der Klemme steckte und auf ihre Informationen angewiesen war. Und diesen Vorteil wollte sie sich noch etwas dicker vergolden lassen.

Also legte Bount noch zwei Scheine drauf.

"Sie hat sich von einem Typen abschleppen lassen", erzählte sie dann. "Sie nannte ihn Larry. Pinkfarbener Caddy und Goldkettchen überall dort, wo man sie am Körper unterbringen kann. Wenn Sie mich fragen: ein Zuhälter."

"Hier aus Houston?"

Sie wartete auf einen weiteren Schein, bis sie antwortete.

"Nein, San Antonio. Jedenfalls stand das an seinem Nummernschild."



12

Bount hatte den Landrover in einer Seitenstraße abgestellt, aber als er dort auftauchte, erlebte er eine unangenehme Überraschung.

Drei Kerle warteten da auf ihn.

Alle drei trugen Motorradhelme. Von ihren Gesichtern konnte Bount nur die Augen sehen, aber das genügte vollkommen, um zu erkennen, dass diese Leute es auf ihn abgesehen hatten.

Einer hatte einen Baseballschläger in der Hand, die beiden anderen schwangen Totschläger.

Der Baseballschläger donnerte indessen auf die Motorhaube des Landrovers und hinterließ dort einen hässlichen Knick. Die drei kamen jetzt näher.

Bount blieb stehen und sondierte die Lage. Es war klar, dass es die drei auf ihn abgesehen hatten, aus welchen Gründen auch immer. Bount drehte sich halb herum und sah, dass er in der Falle saß, denn in seinem Rücken waren jetzt auch zwei Kerle aufgetaucht.

Mit den Augenwinkeln registrierte Bount das Messer, das einer von ihnen in der Hand hatte. Es blinkte bedrohlich in der milchigen Abendsonne.

Bount fragte sich, mit wem er es hier eigentlich zu tun hatte. Eine Motorradgang schied aus, dann hätte man irgendwo in der Nähe die Maschinen gesehen. Außerdem trugen sie keine bedruckten Jacken oder sonst irgendwelche typischen Erkennungszeichen.

Aber für Straßenräuber benahmen sie sich auch ziemlich merkwürdig.

Sie sagten nämlich kein Wort. Und dem Landrover hatten sie eine Beule verpasst, anstatt ihn mitzunehmen.

Als sie heran waren, konnte der Baseballschläger Bount kaum noch überraschen, der urplötzlich in Kopfhöhe durch die Luft schwang.

Bount duckte sich, so dass der Schlag ins Leere ging. Er hörte den Kerl unter seinem Helm ächzen und nutzte die Sekunde, die ihm blieb, ehe sein Gegner erneut ausholen konnte. Ein gezielter Tritt vor den Solar Plexus ließ den Mann stöhnend nach hinten taumeln und raubte ihm erst einmal den Atem, während sich gleichzeitig Bounts Faust in die Magengrube eines Angreifers bohrte, der versucht hatte, sich von hinten an ihn heranzumachen.

Der Kerl hatte Bount festhalten und in den Würgegriff nehmen wollen. Jetzt stöhnte er kurz auf und holte dann mit dem Totschläger aus. Ein trockener Handkantenschlag stoppte ihn, die nachfolgende Rechte, die ihm wie ein Hammer in den Bauch fuhr, setzte ihn erst einmal außer Gefecht. Bount machte einen Satz und drehte sich dann zu den drei verbliebenen Gegnern herum.

Mit so heftiger Gegenwehr schienen die Männer mit den Helmen nicht gerechnet zu haben. Sie wechselten ein paar unschlüssige Blicke, aber Bount ahnte, dass sie nicht so einfach klein beigeben und abziehen würden.

Indessen kam der Kerl mit dem Baseballschläger wieder zu sich, während sich der fünfte Angreifer immer noch die Eingeweide festhielt.

"Jetzt machen wir dich alle!", ächzte es dumpf unter einem der Helme hervor. Aber sie hatten jetzt eingesehen, dass das nicht ganz so einfach werden würde, wie sie sich das vorgestellt hatten.

Bount sah das Messer blitzen und hervorschnellen. Bounts Reaktion war um den Bruchteil einer Sekunde zu spät und so spürte er dann am linken Unterarm, wie die Klinge den Stoff seines Jacketts aufschlitzte und ihm den Arm ritzte. Es blutete stark. Fast gleichzeitig bekam Bount dann auch noch mit dem Baseballschläger einen Hieb in Schulterhöhe. Er taumelte und ging zu Boden.

Die Kerle kreisten ihn ein.

Ein Stiefel trat nach ihm . Es war ein spitzer Cowboystiefel, in dessen Leder eine Art Schlangenmuster eingearbeitet war. Er traf Bount schmerzhaft in der Seite, während einer der anderen Kerle mit dem Totschläger auf ihn einhämmerte.

"Gib's ihm!", grunzte jemand.

Bount wusste, dass es jetzt ums Ganze ging. Im letzten Moment sah er den Baseballschläger erneut herabsausen, wich aber aus. Das Holz krachte auf den Asphalt. Bount riss es dem Kerl aus der Hand und ließ den Schläger seitwärts kreisen, so dass es dem mit dem Messer gegen die Knie krachte und ihn laut aufschreien ließ. Dann rollte sich der Privatdetektiv herum und kam wieder auf die Beine. Den Baseballschläger hielt er fest umklammert. Er ließ ihn ein paarmal hin und her kreisen, aber seinen Gegnern schien plötzlich die Lust an der Sache vergangen zu sein.

"Verdammt, meine Knie!", kreischte der Messer-Mann und raubte seinen Komplizen damit den letzten Nerv.

Der Kerl lag am Boden, versuchte sich aufzurichten, knickte aber ein und musste sich bei einem seiner Kumpane stützen. Die Kerle wechselten ein paar Blicke und begannen dann den ziemlich überstürzten Rückzug.

"Wir sehen uns wieder, Mann!", tönte einer von ihnen. Sie konnten gar nicht schnell genug davonkommen, stiegen in einen verbeulten Chrysler und brausten um die nächste Ecke. Bount ging zum Landrover, wobei er mit der Hand versuchte, die Blutung an seinem Unterarm zu stillen. Das sah nicht gut aus. Er würde zum Arzt gehen müssen.

Den Baseball-Schläger nahm er mit und legte ihn auf den Rücksitz des Rovers. Bount fluchte innerlich. Einer der Kerle hatte offenbar mutwillig den Außenspiegel blind gemacht. Der Privatdetektiv konnte von Glück sagen, dass noch Luft in den Reifen war.



13

"Was glaubst du, was hinter diesem Vorfall steckt?", fragte June, während Bount den Sitz der Manschette überprüfte, die der Arzt ihm verpasst hatte.

Der Privatdetektiv zuckte die Achseln.

"Keine Ahnung. Die Kerle haben auf mich gewartet."

"Vielleicht hatten Sie es gar nicht auf Sie abgesehen, Reiniger!", meinte Miles LaRue. "Sie haben beim Landrover gewartet. Und der gehört mir!" Der Anwalt hob ein wenig die Schulter und trat zum Fenster. "Es ist schon ein Weilchen her, da hatten es mal so ein paar Rassenfanatiker auf mich abgesehen. Ich lag zwei Wochen im Krankenhaus." Bount horchte auf. Vielleicht waren diese Schläger ja in derselben Ecke zu suchen. "Hat man die Kerle nicht erwischt?"

"Nein." Miles zuckte die Achseln. "Man hat sich auch nicht sehr viel Mühe gegeben."

"Lief da schon der Prozess gegen Ihren Bruder?"

"Ja, das war ja das Ärgerliche dabei! Ich hatte alle Hände mit der Verteidigung zu tun und dann kommt so etwas dazwischen. Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, wäre ich der Sache vielleicht entschlossener auf den Grund gegangen, aber so hatte Eric erst einmal Vorrang."

"Verstehe...", nickte Bount. "Aber diese Kerle haben mich ja kommen sehen. Ich glaube kaum, dass das ein Versehen war. Aber wie auch immer. Diese Schläger haben mir ja schon angekündigt, dass sie mich wieder beehren werden!"



14

Am nächsten Morgen machten sich Bount und June auf den Weg nach San Antonio. Allerdings ging es zuvor noch zu einem Waffengeschäft, wo Bount eine Automatik samt Munition kaufte.

Die Waffengesetze von Texas waren ziemlich liberal, da war so etwas kein Problem.

Jedenfalls hatte Bount keine Lust, beim nächsten Zusammentreffen den behelmten Schlägern wieder nur mit bloßen Händen begegnen zu müssen.

"Die Sache bekommt eine hässliche Wendung", meinte June, als Bount wieder hinter dem Steuer des Landrovers Platz genommen hatte.

"Dass niemand davon begeistert sein würde, dass wir hier auftauchen und in der Levine-Sache herumwühlen, konnten wir uns eigentlich im Voraus ausrechnen!", grinste Bount. Als sie in San Antonio ankamen, war es schon Nachmittag. Mit New York verglichen war San Antonio eine Kleinstadt. Und so war das hiesige Milieu auch nicht mit der Bowery zu vergleichen. Hier jemanden zu finden, dessen Vornamen man wusste und der einen pinkfarbenen Caddy fuhr, war nur eine Sache von Stunden.

Bount und June hörten sich ein bisschen um und dann hatten sie ihn.

Er hieß Larry Costello und residierte in einem luxuriösen Apartmenthaus. Voll klimatisiert, eine angenehme Umgebung, eine erste Adresse. Seine Geschäfte schienen nicht allzu schlecht zu gehen.

Er war vermutlich zu Hause. Jedenfalls stand sein nicht gerade unauffälliger Wagen auf dem Parkplatz.

Als Bount und seine Begleiterin dann wenig später vor Larry Costellos Wohnungstür standen, mussten sie dreimal klingeln, ehe jemand öffnete. Costello trug tatsächlich überall Goldkettchen. Um den Hals, am Arm und am Fuß. Er stand im Bademantel und mit nassen Haaren da. Und in der Rechten hielt er einen Revolver.

Bount blieb jedoch gelassen.

"Nicht gerade die feine Art, Gäste zu begrüßen, finden Sie nicht auch?", meinte er sarkastisch. Sein Gegenüber fand das allerdings nicht sehr komisch. In seinem Gesicht zeigte sich keinerlei Regung.

Larry musterte erst Bount und dann June. "Was wollen Sie?", fragte er dann ziemlich gereizt. Vermutlich hatte der Kerl seine guten Gründe, so misstrauisch zu sein.

"Wollen wir das auf dem Flur besprechen?", erwiderte Bount kühl. "Ich weiß nicht, vor wem Sie sich fürchten, aber mit der Kanone in der Hand könnten Sie doch ganz beruhigt sein!" Larry atmete tief durch.

Das schien ihm einzuleuchten. "Ich bin nur vorsichtig", meinte er. Vielleicht hatte er im Moment gerade irgendwelche Auseinandersetzungen mit der Konkurrenz. Aber das interessierte Bount nicht sonderlich. Larry nickte knapp. Dann winkte er Bount und June mit dem kurzen Revolverlauf herein.

"Was ist los, Larry?", fragte eine Frauenstimme aus dem Hintergrund mit akzentschwerer Sprache.

"Setzen Sie sich!", meinte Larry dann, ohne darauf zu achten. Dabei deutete er auf eine Couch. In der Tür zum Nebenraum lungerte eine zierliche Asiatin herum und rauchte eine Zigarette.

"Los, verschwinde!", zischte Larry zu ihr hinüber und sie verschwand. Wenn auch eher widerwillig.

Bount Reiniger kam gleich zur Sache.

"Ich suche Nadine", erklärte er ohne Umschweife. Und der Blick, den Larry Costello in der nächsten Sekunde aufsetzte, sagte genug. Er kannte sie. Er war zweifellos der Mann, mit dem die Anhalterin mitgegangen war.

Immerhin, dachte Bount. Eine Spur, die nicht völlig kalt sein konnte!

Larry grinste schwach und brauchte einen Moment, um das zu verkraften und sich zu fassen. "Keine Ahnung, von wem Sie sprechen. Nadine nennen sich viele."

"Diese Nadine haben Sie in einem Laden namens Clou in Houston aufgegabelt. Sie ist brünett, kommt vermutlich aus Kanada und hat einen französischen Akzent." Bount verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln. "Ich schätze, von der Sorte gibt es nicht ganz so viele", setzte er dann nicht ohne ironischen Unterton hinzu.

Larry machte ein unbestimmtes Gesicht. "Wer sind Sie?", zischte er dann mit deutlichem Misstrauen im Tonfall.

"Jedenfalls kein Bulle!", erwiderte Bount. Larry Costello zeigte beim Grinsen die Zähne. Die vordere Reihe war so gleichmäßig, dass sie nicht echt sein konnte. Wahrscheinlich hatte er den größten Teil davon bei irgendwelchen Streitereien eingebüßt. "Das genügt mir nicht!", knurrte er.

"Ich will Ihnen keine unnötigen Schwierigkeiten machen", kündigte Bount an, während er seelenruhig in die Tasche griff, um sich eine Zigarette zu nehmen, die er sich dann eine Sekunde später zwischen die Lippen steckte. "Also machen Sie mir auch keine und erzählen Sie mir, wo die Kleine ist!" Larry ließ die Waffe sinken. Bount spürte, wie June, die neben ihm saß, fast hörbar seufzte.

"Sie kommen zu spät, Mister!"

Bount runzelte die Stirn, während er den Zigarettenrauch hinausblies. "Ist sie nicht mehr hier?", fragte er.

"So ist es."

"Wieder auf Reisen gegangen?"

Larry verzog das Gesicht zu einer Maske. "Kann man so sagen", meinte er. "Eine sehr lange Reise..." Larry zuckte die Achseln, so als ginge ihn das Ganze nichts an. Was er wirklich darüber dachte, war ihm kaum anzusehen.

"Erzählen Sie", forderte Bount.

"Sie wissen sicher, dass sie an der Nadel hing..."

"Weiter!"

"Sie hat sich eines Tages meine Kreditkarten und mein Bargeld unter den Nagel gerissen und ist auf und davon. Vor ein paar Tagen ist sie dann gefunden worden. Sie hatte sich den goldenen Schuss gesetzt. Sie liegt im Leichenschauhaus. Die Polizei sucht noch nach irgendwelchen Angehörigen, aber es hat sich niemand gemeldet. Auch oben in Kanada nicht."



15

"Sie heißt Nadine Poincheval", sagte das zartgliederige weibliche Wesen, das ein Polizei-Sergeant war und auf den Namen Whitney hörte. Sie reichte dem Arzt, der neben ihr stand, kaum bis zur Schulter.

Der Arzt hatte das Tuch vom Gesicht der Toten genommen.

"Ich nehme an, Sie haben auch ein paar Fotos", meinte Bount. Sergeant Whitney nickte mit ernstem Gesicht. "Natürlich. Wissen Sie irgendetwas über sie, Mister Reiniger?" Bount schüttelte den Kopf.

"Nur, dass sie vor fast einem Jahr in der Nähe von Houston in ein Auto gestiegen und mitgenommen wurde. Jetzt wäre sie eine wichtige Zeugin."

Sergeant Whitney zuckte mit den Schultern. "Ich schätze, für eine Vernehmung ist es jetzt zu spät. Alles was wir bisher über sie wissen ist, dass sie in Montreal zweimal wegen Handtaschendiebstahl geschnappt wurde. Nach Angehörigen wird noch gesucht..."

"Hatte sie noch irgendetwas bei sich?"

"Sie können sich die Sachen gerne ansehen", meinte sie. Eine Viertelstunde später waren sie alle drei in der Aservatenkammer und warfen einen Blick auf die Sachen, die Nadine bei sich gehabt hatte. Viel war es nicht. Es passte alles in eine mittlere Sporttasche hinein, die noch ziemlich neu zu sein schien, genau wie die sorgfältig zusammengefalteten Jeans, an denen sogar noch das Preisschild war.

Interessanter waren paar andere Dinge.

Eine Zeitungsseite zum Beispiel, die für sie offenbar von Bedeutung gewesen war. Jedenfalls hatte sie das Blatt aufgehoben. Bount faltete es auseinander. Auf der einen Seite waren Anzeigen, auf der anderen ein Bild von Eric LaRue. LARUE AUCH IN LETZTER INSTANZ ZUM TODE

VERURTEILT lautete die Überschrift.

"Dieser Fall scheint sie sehr beschäftigt zu haben", meinte June.

"Kein Wunder!", erwiderte Bount und nahm eine lederne Handgelenk-Tasche aus der Sporttasche. Nadine hatte versucht, das aufgeklebte Monogramm möglichst schonend zu entfernen, aber es war immer noch sichtbar, welche Buchstaben sich dort zuvor befunden hatten.

"E und L". murmelte Bount. "Eric LaRue."

"Ein Beweis ist das noch nicht", gab June zu bedenken.

"Nein. Aber es fügt sich logisch zusammen. Diese Nadine Poincheval hat viele beklaut, warum nicht auch Eric? Und nachdem der verhaftet wurde, hatte er natürlich andere Sorgen, als sich um seine verschwundene Handgelenktasche zu kümmern."

"Leider bringt das Eric aber noch kein Alibi, Bount!"

"Es ist ein Anfang."

Bount öffnete die Tasche, Einziger Inhalt war ein Führerschein, ausgestellt auf den Namen Nadine Poincheval. Aber dieser Führerschein war ausgestellt in Houston, Texas. Einem Ort, in dem Nadine vermutlich noch nie gewesen war, bevor Eric sie dorthin gebracht hatte. Während ihrer Zeit in Houston konnte sie das Papier nicht erworben haben. Dafür stimmte das Datum nicht.

"Sieht aus wie eine Fälschung", meinte Bount. June kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe.

"Du meinst, diese Nadine könnte Eric den Führerschein gestohlen und dann ein paar Änderungen vorgenommen haben!"

"Genau." Bount wandte sich an Sergeant Whitney. "Es müsste sich doch feststellen lassen, wer der eigentlicher Besitzer dieses Führerscheins ist, oder?"

"Nun..."

"Eine Führerscheinnummer in einen Computer eintippen das dürfte doch nicht allzuviel Mühe machen!" Er lächelte charmant. "Außerdem werde ich Ihnen ewig dafür dankbar sein!"

Sie atmete tief, rang noch zwei Sekunden mit sich und nickte dann.

"Meinetwegen!"

Es dauerte nicht lange, bis das Ergebnis vorlag. Die Nummer des Führerscheins gehörte tatsächlich einem gewissen Eric LaRue aus Houston. "Sie sind der erste nette Polizist, den ich hier in Texas kennen gelernt habe!", meinte Bount grinsend an Sergeant Whitney gewandt.

Diese stemmte ihre schlanken Arme in die schmalen Hüften.

"Soll das ein Kompliment für mich oder eine Beleidigung für meine Kollegen sein?"

"Beides!"



16

Gegen Mittag des folgendes Tages traf Bount Rosa Montalban in Smiley's Coffee Shop, wo sie ihre knappe Mittagspause verbrachte - sofern die Geschäfte das zuließen. Sie sah so entzückend aus wie vor zwei Tagen, als Bount ihr zum ersten Mal begegnet war. Ihr Blick war angestrengt auf den Inhalt einer Ablage-Mappe gerichtet, während sie mit zwei Fingern den letzten Rest ihres Imbisses hielt. Ein Donut vielleicht, so schätzte Bount.

Sie blickte erstaunt auf, als sie den Privatdetektiv bemerkte und verdrehte dann die Augen. "Sie schon wieder?", ging es ihr nicht gerade erfreut über die Lippen. "Woher wissen Sie überhaupt, dass ich hier bin?"

"Eine Ihrer charmanten Mitarbeiterinnen hat es mir verraten. Haben Sie was dagegen, wenn ich mich zu Ihnen setze?"

"Würde es etwas nützen, wenn ich 'Ja' sagen würde?" Bount lächelte. "Käme auf einen Versuch an!"

"Am besten Sie sagen gleich, was Sie diesmal wollen, dann sparen wir eine Menge Zeit. Stöbern Sie immer noch in dieser Mordgeschichte herum?"

Bount Reiniger setzte sich und nickte. "Das ist mein Job", meinte er. "Dafür werde ich bezahlt."

Sie blickte Bount mit ihren dunklen Augen ruhig an. "Sie werden dafür bezahlt, zu glauben, dass dieser Eric LaRue unschuldig ist. Aber ich fürchte, Sie werden im Trüben fischen, Mister Reiniger! Ich glaube nicht an einen Justizirrtum oder dergleichen!"

"Und ich glaube gar nichts", erwiderte Bount. "Ich versuche einfach nur herauszufinden, was passiert ist."

"Ist das nicht eindeutig?"

Bount beugte sich ein wenig vor und erklärte dann: "Eric hat damals angegeben, zur Tatzeit mit dem Wagen unterwegs gewesen zu sein."

"Ja, ich weiß. Ich war im Gerichtssaal. Eine plumpe Lüge, die schwer zu widerlegen ist, weil es keinen Zeugen gibt, wenn man auf dem Highway unterwegs ist, keinen Unfall baut und nirgends tankt."

"Es gab eine Zeugin. Eine Anhalterin."

"Die niemals existiert hat!"

"Wir haben sie gefunden."

Jetzt veränderte sich Rosas Gesicht deutlich.

"Ist das Ihr Ernst?"

"Ich sage Ihnen das, damit Sie begreifen, dass es vielleicht doch lohnt, mal darüber nachzudenken, wer sonst noch für den Mord an Ihrer Freundin Claire in Frage kommt. Denn irgendjemand muss sie ja schließlich getötet haben." Sie überlegte einen Moment und erwiderte dann: "Haben Sie jetzt nicht, was Sie wollen? Jemand, der Eric LaRue ein Alibi gibt. Na bravo! Ich schätze, Sie können bald ins heimatliche New York!"

"So einfach ist das nicht", meinte Bount. "Die Anhalterin ist tot. Goldener Schuss. Aber sie hatte die Tasche noch bei sich, die sie Eric gestohlen hatte. Samt Führerschein." Bount zuckte die Achseln. "Sein Bruder Miles verhandelt gerade mit dem Staatsanwalt und dem Richter."

"Aber es wird nicht reichen, meinen Sie!"

"Da werden einige Leute zugeben müssen, dass sie Fehler gemacht haben - und wer tut das schon gerne? Auf jeden Fall wäre es besser für Eric, wenn ich den wirklichen Täter präsentieren könnte. Sie waren Claires Freundin. Denken Sie nach, wer sie sonst noch hätte umbringen können!"

"Ich habe keine Ahnung."

"Was ist mit diesem Jim Graham?"

"Sie waren erst kurze Zeit zusammen, Claire und Jim. Ich weiß nicht viel über ihn. Aber wenn es dieser Eric LaRue nicht war und Sie unbedingt einen Verdächtigen präsentiert haben wollen, dann würde ich an Ihrer Stelle mal einen Blick auf seinen Bruder werfen."

"Miles?"

"Ja."

Bount kniff die Augen zusammen. "Weshalb?" Rosa stand auf, legte das Geld passend neben ihr Gedeck und wandte sich zum Gehen. "Ich schlage vor, Sie fragen ihn selbst, Mister Reiniger!"

Und damit ließ sie Bount einfach stehen. Er blickte ihr nach, wie sie mit der Mappe unter dem Arm davonging. Den Bruchteil einer Sekunde lang ließ sich der Privatdetektiv dabei von ihrem Hüftschwung hypnotisieren.

Warum nicht?, dachte er dann. Ich werde Miles fragen!



17

Bount traf Miles LaRue vor dem Gerichtsgebäude.

"Wie ist es gelaufen?", fragte der Privatdetektiv ohne Umschweife.

"Sie werden die Sache prüfen", meinte er. "Das Auffinden dieser Anhalterin ist meiner Ansicht nach ein neuer Umstand, der das rechtfertigen könnte. Könnte, wohlgemerkt. Aber ob die Hinrichtung wirklich ausgesetzt wird, müssen wir abwarten." Bount zuckte die Achseln. "Wir werden wohl noch etwas drauflegen müssen."

"Was sollte das sein?"

"Den wahren Mörder zum Beispiel."

Miles blickte auf. In seinen Augen flackerte es. Ein Muskel zuckte unkontrolliert unterhalb des linken Auges. Dann machte er eine ausholende Bewegung und winkte ab. "Das ist illusorisch, Mister Reiniger."

"Es schien auch illusorisch zu sein, die Anhalterin zu finden."

Miles sah Bount jetzt fast ein bisschen ärgerlich an und sagte sehr bestimmt: "Das war schon der Fehler bei Erics Verteidigung! Nach der Taube auf dem Dach zu greifen, an statt den Spatz in der Hand zu nehmen!"

"Hätte er sich wirklich schuldig bekennen sollen, obwohl er Claire nicht getötet hat?"

"Lassen wir das!", meinte er. "Es ist sinnlos, über vergangene Fehler zu diskutieren. Trinken Sie einen Kaffee mit mir?" Bount schüttelte den Kopf.

"Keine Zeit", meinte er.

Miles sah sein Gegenüber einige Augenblicke lang nachdenklich an. Dann nickte er langsam. "Sie wollen es wirklich, nicht wahr?" Er schüttelte den Kopf. "Sie wollen wirklich Claires Mörder stellen!"

"Ich dachte, das sei in Ihrem Sinne! Sie haben mich doch engagiert, um ihren Bruder aus der Todeszelle zu holen!" Miles hob die Augenbrauen.

"Ja, das ist richtig", meinte er mit einem merkwürdigen Unterton, den Bount nicht so recht zu deuten wusste. Dann versuchte er zu lächeln. Er klopfte Bount versöhnlich auf die Schulter. "Entschuldigen Sie", murmelte er dann. "Das war ein anstrengender Morgen für mich. Und die Sache steht noch auf Messers Schneide." Er wandte sich zum Gehen. Seinen Wagen hatte er ein paar Meter weiter am Straßenrand geparkt.

"Mister LaRue!", rief Bount ihm nach.

Miles drehte sich noch einmal herum. "Was ist noch?"

"Wie gut kennen Sie Rosa Montalban?" fragte Bount. Miles runzelte die Stirn kam wieder zurück.

"Was soll die Frage?"

"Warum geben Sie mir nicht einfach eine Antwort?"

"Ich kenne Miss Montalban nur flüchtig."

"Wie kann Sie auf die Idee kommen, dass Sie etwas mit Claires Tod zu tun haben könnten - vorausgesetzt Eric ist unschuldig?"

Miles schluckte. "Ich habe keine Ahnung, Mister Reiniger!", presste er heraus.

"Ich sagte Ihnen schon mal, dass es am besten ist, wenn Sie mir reinen Wein einschenken", entgegnete Bount sachlich. Miles zuckte nur mit den Schultern. "Ich habe Ihnen nichts zu sagen!" sagte er. Dann drehte er sich um und ging davon. Bount sah ihm dabei zu, wie er in den Wagen stieg und davonfuhr.

"Na, Reiniger?", hörte der Privatdetektiv plötzlich eine Stimme in seinem Rücken. Er drehte sich um und sah in das Gesicht von Captain Harris, der säuerlich das Gesicht verzog.

"Sie können es nicht lassen, was?"

"Haben Sie etwas anderes erwartet?"

"Ich dachte, ich hätte sie eindringlich gewarnt!" Bount grinste. "Ich nehme an, Sie wissen es schon..."

"Das mit der Anhalterin?"

"Spricht sich ja schnell herum, nicht wahr? Hat der Staatsanwalt seinen Ärger schon an Ihnen ausgelassen, oder haben Sie das noch vor sich?"

Captain Harris machte eine wegwerfende Geste, aber die Sache nahm er in Wirklichkeit keineswegs so leicht, wie er jetzt tat. "Das war doch nur Wind um nichts! Sie werden diesen Kerl nicht vom Haken bekommen!"

Dann schauten sie beide plötzlich in eine andere Richtung. Autoreifen quietschten, Blech knallte aufeinander, irgendjemand hupte wie verrückt.

Es war der Wagen von Miles LaRue. Er war scheinbar mutwillig in eine Reihe von parkenden Fahrzeugen hineingefahren.



18

Bount drängte sich durch den Menschenauflauf, der innerhalb weniger Augenblicke entstanden war.

Miles LaRue saß am Steuer seines Wagens und blickte starr ins Nichts, während im Hintergrund schon eine Polizeisirene dröhnte. Miles hatte eine Schramme an der Stirn. Sein Gesicht war eine Maske des Schreckens.

Bount riss die Tür auf.

"Sind Sie verletzt?"

Er sagte nichts, wahrscheinlich stand er unter Schock. Einer der Umstehenden fuchtelte mit den Armen in der Luft herum.

"Ich wollte gerade in meinen Wagen steigen, da kommt dieser Verrückte angerast!", hörte Bount ihn aufgebracht reden.

"Der hätte mich um ein Haar umgemäht!"

"Das muss ein Selbstmörder sein!", gab eine Frau in den mittleren Jahren ihren klugen Kommentar.

Ja, dachte Bount. Wenn man Miles' stieren Blick sah, dann konnte man wirklich leicht auf so einen Gedanken kommen. Bount versuchte dem Anwalt herauszuhelfen. Es klappte auch. Miles hatte außer der Schramme am Kopf noch etwas mit dem Brustkorb. Prellungen vermutlich. Bount tastete ihn kurz ab. Gebrochen schien nichts.

"Sie hätten tot sein können", sagte Bount, während Miles sich gegen das Dach seines Wagens lehnte. "Wenn Sie einen Wagen mit geringerer Knautschzone fahren würden, wären Sie es sicher auch."

Miles nickte.

"Es waren die Bremsen", murmelte er so leise, dass niemand außer Bount es hören konnte. "Die Bremsen..." Er blickte auf. Langsam schien er sich von seinem Schock zu erholen.

"Jemand wollte mich aus dem Weg räumen, Reiniger! Diese Reihe von parkenden Wagen war die letzte Chance für mich den Wagen zu stoppen... Dahinten kommt die Kreuzung. Wenn ich dort erst gewesen wäre..." Er sprach nicht weiter.

"Was glauben Sie, wer dahintersteckt?", fragte Bount. Miles zuckte die Achseln. "Während des Prozesses haben ein paar Fanatiker rassistische Parolen an mein Haus gesprüht und versucht, Feuer zu legen. Und meine Reifen waren auch regelmäßig zerstochen... Aber dies hier geht entschieden weiter!" Er hob die Schultern und ächzte dann mit schmerzverzerrtem Gesicht. "Ich habe im Augenblick nicht viele Freunde hier in Houston, was?", meinte er dann mit einen schwachen Lächeln.

"Das scheinen wir gemeinsam zu haben!", erwiderte Bount Reiniger.

Mit den Augenwinkeln sah Bount die kleine, aber kräftige Gestalt von Bo Harris. Er stand in einiger Entfernung da und sah zu. Es schien ihn nicht sehr zu rühren, was hier passiert war. Jedenfalls verriet sein Gesicht keinerlei Regung.



19

Bount brachte Miles in die Klinik, nachdem er sich dessen Wagen - oder besser gesagt, das, was davon übrig geblieben war, genauer angesehen hatte.

"Sie sollten Polizeischutz fordern", meinte Bount. "Solange Ihr Bruder weder hingerichtet noch bei einem Wiederaufnahme-Verfahren freigesprochen wird, sind Sie in Gefahr..." Miles lächelte schief. Er presste die Hände gegen den Oberkörper. Wie es schien, hatte er doch etwas mehr abgekriegt. "Was können die schon machen?" Er lachte heiser.

"Ich erlebe so etwas nicht zum ersten Mal, Mister Reiniger! Im Höchstfall werden sie ihre Streifenwagen veranlassen, öfter vor meinem Haus spazieren zu fahren. Aber im entscheidenden Moment ist dann meistens niemand da!"

"Hat Sie in letzter Zeit jemand bedroht?"

"Nicht mehr Leute, als sonst auch! Ich bin Anwalt!" Miles zuckte die Achseln. "Ein paar zusammengeklebte Drohbriefe, eingerahmt mit den Symbolen des Ku-Klux-Clans... Darüber rege ich mich schon gar nicht mehr auf!"

"Es wäre nicht schlecht, wenn Sie mir die trotzdem einmal zeigen würden."

Miles nickte. "Meinetwegen", murmelte er. Den Rest des Weges schwiegen sie.

Als Bount dann den Landrover auf dem Klinikparkplatz hielt, kam der Privatdetektiv auf einen anderen Punkt zurück. "Sie sind meiner Frage vorhin ausgewichen", stellte er fest. Miles wandte sich herum, wollte etwas sagen, blies aber dann nur etwas Luft heraus. Er sah Bount an und schien dabei abzuschätzen, in wie weit er mit der Sprache herausrücken sollte.

"Sie sind hartnäckig", meinte er.

"Meistens bleibt mir keine andere Wahl." Schließlich nickte Miles. Er hatte sich entschieden. "Okay", sagte er. "Aber Sie müssen mir versprechen, dass die Sache unter uns bleibt."

"Einverstanden."

Miles atmete tief durch und sagte dann gedämpft: "Ich hatte eine Affäre mit Claire."

Bount begriff. Miles wurde so mit einem Schlag zum Verdächtigen und konnte natürlich kein Interesse daran haben, dass sich das herumsprach.

"War das, als Eric noch mit ihr zusammen war?", fragte Bount dann.

"Zwischen den beiden war es schon so gut wie aus."

"Weiß Eric davon?"

"Keine Ahnung. Ich habe es ihm nicht gerade auf die Nase gebunden." Miles zuckte die Achseln und blickte ins Leere "Es hat auch nicht sehr lange gedauert. Auf irgendeiner Party hat sie dann diesen Graham kennen gelernt..."

"Wann haben Sie Claire zum letzten Mal gesehen?"

"Das weiß ich jetzt nicht mehr."

Bount hob die Schultern ein wenig. "Wie kommt es nur, dass das für mich irgendwie nicht sehr überzeugend klingt?"

"Was wollen Sie eigentlich? Denken Sie vielleicht, ich hätte Claire umgebracht?"

"Das ist jetzt Ihr Gedanke gewesen."

"Okay", murmelte er dann ziemlich gereizt. "Ich glaube, es war zwei oder drei Tage vor ihrem Tod. Es war ganz flüchtig. Wir haben nicht miteinander geredet. Zufrieden?" Bount nickte. "Fürs erste."

"Tun Sie mir einen Gefallen, Reiniger: Rufen Sie in meiner Kanzlei an und sagen sie denen, wo ich bin."

"Mach ich."



20

Der Privatdetektiv trieb Jim Graham in einem Fitness-Center auf. Graham lag unter einem ziemlich schweren Gewicht und verzog jedes Mal das sonnengebräunte Gesicht zu einer grotesken Grimasse, wenn er es ächzend hochstemmte. Offenbar hatte das harte Training schon einigen Erfolg gebracht. Graham hatte jedenfalls ein Paar eindrucksvolle Bizepse vorzuweisen.

Während Graham noch vor sich hin grunzte und sich den Schweiß aus allen Poren trieb, entdeckte Bount bei einem der benachbarten Folterinstrumente einen Bekannten.

Es war Detective Ballard, der unwillkürlich zusammengezuckt war, als er Bount erkannt hatte. Eine Hantel knallte lautstark auf den Boden und dieses Geräusch verdarb Graham augenscheinlich etwas die Freude an seiner Quälerei.

"Pass doch auf, Ray!", schimpfte er Ballard an. Kein Wunder, dass er ärgerlich war. Graham gehörte nämlich das Fitness-Center, wie man am Eingang lesen konnte. Der junge Police-Detective stierte indessen Bount an. Dann erschien auf seinem Gesicht ein zynischer Zug. Seine hellblauen Augen glitzerten kalt.

"Sieh an!", zischte er.

"Das nenne ich eine Überraschung!", meinte Bount. Ballard konnte da nur das Gesicht verziehen.

"Man muss sich fit halten, Reiniger!", knurrte er, nahm sich ein Handtuch und wandte sich zum Gehen. Vorher wechselte er mit Graham einen kurzen Blick und nickte ihm zu.

Dann ging Ballard hinaus.

Graham kam indessen unter seinem Gewicht hervor und hängte sich ebenfalls ein Handtuch über den Nacken.

"Sie sind also dieser Reiniger, der versucht, den Mörder von Claire vor seiner gerechten Strafe zu retten!"

"Sie sind gut informiert!"

"Sie glauben, diese unglaubwürdige Story von der Anhalterin beweisen zu können, die Eric LaRue damals vor Gericht erzählt hat?"

"Hat Ballard Ihnen das erzählt?"

"Spielt das eine Rolle?"

"Nein."

Graham streckte Bount den Zeigefinger entgegen und trat nahe an den Privatdetektiv heran. Jim Graham war ein hochgewachsener, durchtrainierter Mann, dessen gleichmäßige Bräune wohl von der Höhensonne kam. Seine dunkelbraunen Augen musterten Bount kühl. "Ich warne Sie", zischte er. "Treiben Sie ihr Spiel nicht zu weit! Sie könnten es sonst noch bereuen!"

"Ach, wirklich?"

"Ich mag es nicht, wenn mit allerlei Tricks versucht wird, die Vollstreckung eines rechtskräftigen Urteils zu verhindern!" Graham ballte dabei die Rechte unwillkürlich zur Faust. "Ihr Auftraggeber, dieser Miles, hatte schon einmal einen Schnüffler engagiert... Wie hieß er noch? Spellings, wenn ich mich nicht irre..."

"Sie meinen, es ist ihm nicht gut bekommen, den Auftrag angenommen zu haben!"

Graham verzog das Gesicht zu einem breiten Grinsen und zeigte zwei Reihen makellos weißer Zähne.

"So ist es, Reiniger!", zischte er.

"Sie sind nicht der Erste, der mich einzuschüchtern versucht", erwiderte Bount.

"Tun Sie von mir aus, was Sie wollen, Mister!", knurrte Graham.

Sein Lächeln sollte Überlegenheit signalisieren. Aber es lag auch eine Portion Krampf darin. Import/Export-Kaufmann nannte er sich, war auch als Kredit-Hai bekannt und besaß darüber hinaus dieses Fitness-Studio und hatte den Informationen nach, die June über ihn zusammengetragen hatte, den Ruf, ab und zu auch auf der anderen Seite der Grenze, die das Gesetz zog, nach guten Geschäften zu grasen.

Er zuckte die Schultern und wandte sich zum Gehen. "Ich schätze, unsere kleine Unterhaltung ist damit beendet, Reiniger!"

"Ich dachte, sie fängt gerade erst an!", erwiderte Bount.

"Vergessen Sie's!"

Graham wollte ihn einfach so stehen lassen und hatte schon anderthalb Schritt hinter sich gebracht, da ließ Bounts Stimme ihn stoppen.

"Wo waren Sie eigentlich zu der Zeit, als Claire Levine umgebracht wurde?"

Das war ein Satz, der Wirkung hatte. Graham stand wie erstarrt da, während er Bount noch immer den Rücken zuwandte.

"Wenn LaRue Sie engagiert hat, werden Sie doch sicher einen Blick in die Protokolle geworfen haben!"

"Das ist richtig. Aber man scheint Ihnen diese Frage nie gestellt zu haben. Vielleicht liegt es daran, dass Sie so gute Beziehungen zur Polizei haben..."

"Meinen Sie, weil Detective Ballard sich bei mir fit hält, liegt mir auch gleich die ganze Mordkommission zu Füßen?"

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