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Nordleute

Nordleute

Die Kajüte achteraus liegt zur Hälfte unter der Wasserlinie. Ein kleiner Raum von einigen Kvartmetern Fläche. Sechs Männer schlafen darin, hocken beim Essen mit gewinkelten Armen um den kleinen Eichentisch herum. Bleibt kaum Platz, den Priem in die Ecke zu spucken, bevor sie zu den holzgeschnitzten Löffeln greifen, die seit Jahrzehnten zu dem Bestand des »Polarwolf« gehören; genau wie die Eichenplanken, die den Bootsleib umspannen, oder etwa der hohe Vormast, an dessen Top die Ausgucktonne hin und her pendelt.

Sechs Männer, die seit vielen Jahren den »Polarwolf« unter Eis gefahren haben, zu Beginn der Fangreise ohne viele Worte ihre Spritgläser zusammenstießen und sich mit kärglichen Worten viel Glück im Eis und eine gute Heimkehr wünschten. Es war immer Sitte gewesen, so lange sie zurückdachten, dass der erste Harpunier danach sich die Pelzmütze über die Ohren stülpte, bedächtig sich die Handschuhe überstreifte und zuletzt die vergilbte und zerknitterte Seekarte hinter dem Wandspiegel hervorholte. Jahr für Jahr hatten die anderen dann seine eisenbeschlagenen Stiefel die Kajüttreppe hinaufpoltern hören, weiter – zur Brücke, wo er während des Aussteuerns aus dem And-Fjord die Wache übernahm.

Heute wie immer!

»Ja – gute Wacht!«, brummt der Schiffer.

»Gute Wacht«, sagt einer nach dem andern. Jeder nickt mit dem Kopf dazu und Ragnar Hoel streicht sich übers Haar, rückt ein wenig auf der Bank und fingert nach dem Tabaksbeutel, aus Gewohnheit. Er ist zweiter Schütze und nach Jörg Steffansson, dem ersten, kommt an ihn die Reihe, Wacht zu gehen. Wacht ist für ihn aber dasselbe wie Tabaksqualm! Deshalb –!

Das Schiff erreicht jetzt die ersten Wellen von See. Die dicken Mäntel und Kappen, die ringsum an der braun getäfelten Holzwand hängen, nicken und schwanken leicht nach der Leeseite über, wo sie einen Augenblick verharren – steif, wie aus Blech gezogen, von den Brettern hängen, bis sie mit einem Ruck zurückfallen.

Der »Polarwolf« hat den ersten Kamm überritten.

»Ja, Ragnar – ich glaube, wir kriechen in die Koje«, meint der Schiffer und leert sein Glas.

»Ist wohl Zeit, Schiffer!« und – nach einer Weile – »wie steht der Wind?«

»Nordost. Gut! Jawohl!«

»Ja, – hm – ja, dann gute Nacht.« Ragnar streift sich, auf dem Kojenrand hockend, die Hosen übers Knie und klopft fast gleichzeitig die Pfeife aus. Die Strümpfe baumeln schon über dem heißen Ofenrohr.

 

Der »Polarwolf« klatscht durch die Wellen. Manchmal holt er einen Brecher über – das tut ein anständiges Fangschiff, das seine Jugendträume hinter sich hat, im Allgemeinen nicht. Die Balken seines Holzleibes knarren und ächzen – aber das macht nur die Freude, nach langem Stillliegen im Winterhafen mal wieder eine ordentliche See um sich zu haben, eine See, die sich gähnend räkelt, atmet, die breite, richtige Wogen daherwirft, keine kleinen Wellen, in denen die Sonne ihr Lichtmuster spielen lässt – sondern Berge, die salzig riechen, die unermüdlich am Schiff vorbeiwandern und die Steuerbordkante aufrichten, hochtragen, zurückzerren – zu Tal, während der Bug im gleichen Takt die Wellen überschneidet.

Der Bug, ja – der »Polarwolf« hat Zähne wie seine Brüder, die weißen, zottigen Kumpane, die weit über der Baumgrenze, hoch im arktischen Norden, auf der Spur des Wilderns traben. Schwere Eisenplatten trägt er am Bug, die gewohnt sind, nicht nur Wasser zur Seite zu drücken, die schon manchen Eisblock angesprungen haben, dass er mit scharfem Gliemen in zwei Teile zersprang und kläglich geschunden den Schiffsleib entlangpolterte und rutschte. Zwar hat er auf der letzten Reise einen dieser Zähne verloren und ist wegen des dabei übernommenen Wassers beinahe abgesoffen, aber nun glänzt an Stelle der alten Eisenschuppen eine neue, stählerne. Ein »Polarwolf« hat guten Brauch für seine Zähne.

 

Die Wogen wandern – alte, vertraute Bekannte. Jörgen guckt beinahe etwas zu bedächtig in die Welt, wie er droben vor dem Rudergänger auf und ab schreitet; fehlt nicht viel, dass er ein trübes Gesicht macht. Seine Augen tragen ein seltsames Licht, groß und flackernd, so – als ob es von innen käme. Nun ja – Fangleute sind arme Teufel! Ewiger Kampf, wenig Verdienst und eine Frau an Land, die einen bis zur letzten Minute bettelte, die schwere Fangreise aufzugeben und vor der Küste zu fischen. Jörgen hat Sorgen.

 

Sind nur ungefähr drei Kvartmeilen bis unter Land – die Küste ist noch gut zu sehen. Nordlicht!

Dort wo der Felsen am Ende des Fjords jäh in den nachtblauen Himmel sticht, etwas zur Seite, gleich hinterm Hecklingen-Feuer, steht Jörgens kleine Fischerkate, wo die Frau jetzt schläft.

Verdammt, sie wird nicht schlafen, hockt am Tisch und heult, das weiß er sicher, Frauen heulen fast immer, wenn man sie für einen Katzensprung allein lässt.

Aber – sie erwartet ein Kind – das ist etwas anderes! Jörgen Steffansson bewegt sich in schlimmen Gedanken – seine Lider sind nicht nur rot von der Brise, die ihm durch das herabgelassene Brückenfenster über das Gesicht streicht.

Auf Backbord klirrt eine Kette, eine leere Tonne poltert, hüpft die Reling entlang. Jörgen drückt sich aus seiner Ecke. Das Fass zerrt er zum Bug zurück und legt zwei kunstvolle Schlingen drüber hin, zurrt es am Anker fest. Er stiert auf die See hinaus – und plötzlich sind seine Augen nicht mehr weich, sondern sehr ruhig, fest. – Er rückt sich die Mütze aus der Stirn, ruft den Rudergänger an. »Kurs?«

»Nordnordwest kvart Nord l.«

»Stimmt – jaha! – Schlag die Glocke an!«

Ein zerzauster Kopf taucht aus dem Mannschaftslogis herauf. »Schon Wachtwechsel, Jörgen?«

»Segel setzen, wir kriegen Mitwind, dreht auf Südost. – Sachte Fahrt!«

Der »Polarwolf« rollt, die Ruderkette knarrt, dann quietscht ein Seilzug. Schon knallt ein Segel, bläht sich groß und bauchig im Wind.

»Besan fertig!«

Breit und wuchtig schlägt das Großsegel, halbgesetzt, im Südost, schlappt hierhin, dorthin, klettert langsam höher am Fockmast. »Hau ruck! – Hau ruck!« Jörgen hakt inzwischen die Kette der Fockfläche an Deck fest.

»Volle Fahrt voraus!«

»Volle Fahrt voraus!«, gibt der Rudergänger zurück, wirft den Telegrafenhebel nach unten, holt ihn nochmals hoch, drückt wieder nach unten, bis der Zeiger auf voller Kraft stehen bleibt.

Der »Polarwolf« ist plötzlich artig, dreht langsam in der hochgehenden Dünung auf den alten Kurs zurück – stampft weiter. Die grauen Segel knarren im vollen Wind. – Wachtwechsel!

»Uuuuh – uuah!«

»Wachtwechsel! Ragnar!«

»Bist du es – Ingeborg? – Ist doch noch so früh –«

»Ablösung, Ragnar!«

»Ja so –«

Ein Schluck aus der Kaffeetasse, eine derbe Brotschnitte mit Anchovis, ein Stück Zucker in den Mund.

 

Jörgen, der Erste, kommt von Deck. Qualmt wie ein Schlot.

Eiskristalle glitzern ihm an den Wimpern und in den stachligen Barthaaren – auf der dicken Pelzjacke hat sich der Atem in einer festen weißen Kruste niedergeschlagen.

»Morgen! – Hübsch kalt draußen!«

»Wetter?«

»Gut.«

»All right!«

Der Schiffer ist aufgewacht, blinzelt aus der Koje zu den Burschen hin.

»Ragnar, hast du was Feines geträumt? – Du hast die ganze Zeit im Schlaf gegrinst.«

»Hab ich?«

Ragnar kaut gedankenvoll an seinem Brot herum, nestelt dann eifrig an seinem Windzeug, dem Anorak. Der Schiffer legt sich wieder aufs Kissen zurück – denkt an seine Älteste, die blonde Ingeborg, die immer rot wird, wenn Ragnar auf Besuch kommt. Ein paar Mal hat sie ihn eigentümlich angesehen, ihren Vater – wollte etwas sagen.

»Du Vater!«

»Ja –«

»Weißt du – ich muss dir etwas sagen –«

»Ja?«

»Oh, ich – ja! – weißt du! – Ein andermal!«

Daran denkt der Schiffer, während er den Jungen betrachtet, der auf Armlänge neben ihm sitzt.

Es ist fünf Uhr abends. Träg flutet die See. Vorn am Bug sprüht weißer Schaum, achtern quirlen Schlieren, fantastische Figuren auf schwarzem Grund, legen sich hinter die Schraube, stoßen zusammen – fliehen, wogen auf und nieder, jagen über die leichten Wellen. Ein Spiel – nur – ein Spiel im Nebel.

 

Irgendwo im Norden – in Nordnordost – liegt die Bäreninsel. Wenn ihre schwarzen Klippen plötzlich hochsteilen aus der milchweißen Wand – ist es zu spät.

»Ein Mann in den Ausguck!«, befiehlt Hjalmar, der Schiffer– fast gleichzeitig wirft er den Hebel auf sachte Fahrt.

Ein Windstoß fährt durch die Rahen, Bewegung kommt in die Nebel, Fetzen fliegen, umschlingen den Vormast, mischen sich in den gelbschwarzen Rauch des Schlots, der sich auf die See senkt. Einen Augenblick schimmert matte Helle in schmalem Strich durch den dicken Brei – genügt!

»Eislicht!«, sagt der Schiffer, stiert nach vorn, mit kleinen Augen, in denen kaum die Pupille mehr zu sehen ist.

»Eis voraus!«, krächzt eine Stimme von oben – unwirklich.

Ein Fenster klirrt, der Telegraf klingelt.

»Maschinen volle Kraft achteraus!«

Der »Polarwolf« macht einen Sprung zur Seite, treibt zurück – langsam – schneller – »Stopp!«

Vier Mann klettern wie schwarze Teufel aus der Luke vom Logis an Deck. Jon, der alte Fänger, höhlt die Hände vor dem Mund und brüllt zur Ausgucktonne hinauf.

»Eis, ja – Eis!«, kommt’s zurück.

»›Polarulv‹ hoi!«, schreit Knud Dahl übermütig in die graue Masse hinein, haut dem strohblonden Magnus auf den Rücken, dass der in den Kniekehlen zusammensackt. »›Polarulv‹ hoi! – Robben – an die Arbeit! – Tausend Robben! – Geld in Masse – und dann – zur Liebsten!«

Jon, der Alte – weiße Haare drängen unter den Zotten seiner Isländermütze hervor – dreht sich nach dem Jungen um. Seine sonnenmüden Augen glitzern spöttisch. »Robben, Geld und – Weiber!« Dann verschwindet sein Grienen plötzlich, als er Knud, den blondhaarigen tanzenden Wisch, eine Weile betrachtet hat. Wollte ihm eine derbe Antwort geben. »Altes Kamel«, schimpft er sich selbst stattdessen, knurrt wie ein gereizter Kater. »Er ist ja noch jung – auf der ersten Fahrt! – Kaum siebzehn Jahre!«

Knud ist schon verschwunden, schleift sein Messer, schiebt einen Bissen Brot zwischen die Backen – rennt wieder an Deck.

»Langsame Fahrt!«

»Langsame Fahrt!«

Ein leichter Druck durchläuft das Boot. Eis – neugefroren. Kleine runde Schollen reiben am Schiffsbauch entlang, verschwinden im Nebel.

»Stopp!«

»Stopp!«

Klingeln aus dem Maschinenraum, Schürfen am Bug. Ein Stoß, dass Knud das Gleichgewicht verliert und über die Ladeluke hinhaut.

»Halbe Fahrt!«

Klirren und Brechen. Weiß glitzert es aus dem Wasser, schiebt sich zusammen, wogt und scharrt.

Die Eiskante.

Aus der Ferne klingt ein leichtes Plätschern, schwillt zum Rauschen, fällt zurück – so rauscht und flüstert es seit Fahrtausenden im Eis. Im ewigen Treiben und Strömen um den Pol. Die Stimme des Eises.

Hjalmar, der Schiffer, hat alle Fenster der Brücke geöffnet; seine Nasenflügel zittern, prüfen die Luft, die Kälte. Ein echter Jagdhund. Großfänger.

Nach einer Weile wendet er sich an den Zweiten.

»Ragnar, nimm die Wacht! Kurs wie bisher. Ich gehe schlafen.«

Ragnar nickt, dreht sich kurz um, brüllt zum Bug hin:

»Geht schlafen, Jungs! – Kein Robbeneis!«

Olav hockt wieder mal im Maschinenraum, putzt einen Zylinderkopf, schmiert im Getriebe herum. Der »Wolf« bockt – sucht seinen Weg zwischen den nagenden Schollen, treibt zurück – treibt voraus. Gleichmäßig knattert der Motor. Immerhin – er spuckt nicht, pfeift nicht, bleibt schön im Zweiertakt. Olav versteht es, eine Melodie drin einzuflechten, eine Melodie, die eigentlich nicht ins Eis passt, in die schroffen, knirschenden Blöcke, deren Poltern sogar durch die Eisenwand des Maschinenraums dröhnt. Sie passt eigentlich nur an einen Ort – ein stiller ruhiger Fjordwinkel müsste es sein, ein Häuschen, ein – Olav verliert ein wenig das Gleichgewicht, sitzt unbequem auf dem harten Boden, dicht bei der singenden und schleudernden Welle. Hat geklappt. Nun – Olav putzt jetzt eifrig Messinggriffe – Wacht ist Wacht!

 

Die Bäreninsel liegt im Süden. Der Wind hat aufgefrischt. In den letzten Tagen ist er rundgegangen, immer nördlicher – über den Pol, bis nach Westen, bläst jetzt aus Südwest. Der »Polarwolf« wird gehoben und geschoben, mit Wind und Schraube – gleichmäßig klatschen die Wogen um das Schiff. Der »Wolf« läuft seine neun Knoten auf dem Trail nach den Robbenfeldern – man glaubt bald, auf einem Schnelldampfer zu sein. Vorn am Mast schaukelt das Toplicht, und wenn ein Mann an der Steuerbordreling entlangstolpert, sieht er im grünen Licht aus wie ein Geist. Auf Backbord kriegt er zum Entgelt Ohren wie Klatschrosen, leuchtend von blutvollem Leben. Macht das Signallicht.

Seit acht Uhr ziert Jörgen die Brückennock. Unbeweglich steht er, nimmt mal das Glas zur Hand und sucht die dunkle Linie des Horizonts ab. Nichts zu sehen. Bald eine Eisbank, die träge in der Strömung zieht, mal die Schwingen eines Sturmvogels, der schattenartig, unermüdlich dem »Polarwolf« folgt. Doch plötzlich stutzt der Schütze, schaut lange angestrengt nach Nordwest hinüber.

»Hol mich der Teufel«, brummt er erfreut, »wir bekommen Besuch. Deckswache hoi! – Knud! Hörst du?«

»Hab zwei Ohren am Kopf, Jäger!«

»Halt’s Maul, Junge – geh zum Schiffer und sag ihm, er soll raufkommen – Boot in Sicht – und – Sprit!«, setzt er für sich hinzu.

»Ich glaube, wir halten drauf zu – wahrscheinlich ist’s der ›Kolibri‹. Werden sehen«, meint der Schiffer. »Viel Neues werden wir nicht erfahren – und geht ordentlich Sprit drauf, wie ich Johannsen kenne. Egal – feiern wir nochmals Abschied –«

Das gelbe Pünktchen über der See ist nun gut zu erkennen. Unruhig flirrt es durch die Gegend, schlägt verrückt nach allen Seiten. Nach zwei Stunden sieht man auch das, was dazu gehört. Zwei schlanke Masten, die Aufbaut und das Focksegel.

Der ›Kolibri‹ hat gleich verstanden, dass er zu warten hat. Johannsen, der als Schiffer auf ihm fährt, weiß, was guter Seemannsbrauch ist. Hat das Ölzeug in die Ecke gefunkt und die mächtigen, behaarten Pranken für eine Minute unter Wasser gelegt. Sein spärliches blondes Haar hat er fein gestrählt und den Kamm wieder in die kleine Kiste gelegt, die zu unterst in seinem Spind verwahrt liegt.

Er blickt lange sinnend in den angelaufenen Spiegel, zupft an den Bartstoppeln herum, die sich inzwischen angesammelt haben – »noch nicht nötig« – meint er am Ende erleichtert und schließt das Rasiermesser ebenfalls in die Kiste.

Über die Weste, die im Laufe der Fahre viel Speck geschluckt hat, legt er einen bunten Schal, schlüpft in den pelzgefütterten Kittel und fetzt sich hinter den Tisch. In der Schublade liegt zwischen Messern, Schrauben, einigen Papierfetzen und wenig Seifenstücken das Logbuch. Mit zwei Fingern holt er es sorgsam hervor, spuckt zwischen den Beinen hindurch kunstgerecht in eine Konservenbüchse, die der Koch dort neuerdings aufgestellt hat, deren er sich im Bedarfsfall jedoch selten erinnert.

»Ja – aber Ordnung muss sein!«, sagt Johannsen grimmig – zweifelhaft, ob das die Blechbüchse oder das Logbuch angeht – ist ja auch gleich. Tja, die Feder ist ein zerbrechliches Ding. Wer doch in ihre Geheimnisse eingeweiht wäre wie der deutsche Doktor, den er auf der letzten Reise an Bord hatte. Jetzt noch schüttelt er den Kopf darob, wie das flüssig und geschwind übers Papier lief. »Beim Teufel, schneller als ein Seehund abgespeckt ist, hatte der schon eine ganze Seite vollgeschrieben.«

Behutsam und respektvoll steckt der alte Fänger die stählerne Spitze in den Mund und taucht den Halter bis auf den Grund der Tintenflasche.

Dass er jetzt schon seine Begegnung mit dem »Polarwolf« einträgt, hat zwei Gründe. Erstens hat er nachher nicht so viel Arbeit, dann – nachher – kann er das gewöhnlich nicht so gut. Hjalmar Isachsen, der Schiffer vom »Polarwolf«, hat immer einen ordentlichen mannsstarken Tropfen an Bord – herrliche dickbäuchige Flaschen, die unter wollenen Decken am Fußende seiner Koje liegen. – Die Zunge ist so trocken – und die Lippen – Mal ein wenig anfeuchten –!

Der »Polarwolf« stoppt jetzt, Segel flattern, sacken zusammen, langsam treibt das Schiff aus dem Wind, wiegt und tanzt. Achtern steht der Käpten und brüllt zum »Kolibri« hinüber:

»›Kolibri‹ hoi!«

»›Polarulv‹ hoi!«, kommt der Anruf aus rauen Kehlen zurück, prompt wie ein Echo.

»Ist der Schiffer da – Johannsen?«

»Ja, wir holen ihn schon!« Dann ist Ruhe. – Neugierig mustern sich die Mannschaften über die tanzenden Wogen hinweg.

Schweigend stehen auf beiden Fronten die schwarzen, dick vermummten Kerls. Pfeifen glimmen. Die See rauscht.

Hüben und drüben ist alles froh, mal eine Abwechselung zu haben, aber es fällt kein Sterbenswörtchen. Drüben hockt Johannsen in der Kajüte und meint gelassen zum Koch: »Jaso, der ›Wolf‹ ist’s! – Ja – da will ich doch mal an Deck gehen.«

Stapfen – trapp, die Kajüttreppe hinauf, mal den Kopf in die frische Seeluft gesteckt. Aber langsam – es eilt nicht. Man soll nicht glauben, dass es einen freut, hier Leute zu treffen –

»Jaha, – ’nen Abend!«

»’n Abend!«, schallt’s vom »Polarwolf« herüber.

»Jaso – seid ihr da?« Das war Johannsen.

»Ja.«

»Ist das Isachsen?«

»Ja – Isachsen.«

»So – So!«

»Jaha.«

»Mhm – du bist wohl auf Fang?«

»Jaja –«, hüstelt Isachsen und spuckt seinen Priem über Bord. »Ja, hör mal – hast du Fang –?«

»1500 Felle! – Schlecht!« Johannsen reibt sich die Hände – er ist sattsam zufrieden, glänzt über den ganzen Leib ob des guten Fangs. Sein Gesichtsausdruck jedoch ist ärmlich, gequält beinahe. »Schlecht, ja –«, setzt er mit innerlichem Stolz hinzu.

»So – 1500? –«

»Jahau!«

»So so –«

»Hattest du gutes Wetter?«

»Ja, gutes.«

»Soso!« Ein Abschluss, diese letzte Bemerkung, wohlgesetzter Schlussstein eines zeremoniellen Gesprächs.

Die Mannschaften starren schweigend vor sich hin. Den Leuten vom »Wolf« ist es, als wäre die dicke Schiffswand des »Kolibri« aus hauchdünnem Glas gebaut, so deutlich sehen sie drüben im Laderaum die Felle liegen. Weiße Robbenjunge, gefleckte Klappmützdecken, gelbliche Bärenhäute, Tran und Speck – nun, nun –

»Jaja«, beginnt Hjalmar nach einer Pause, »willst du nicht herüberkommen – ein wenig zusammenplaudern?«

›Endlich kommt der Sprit‹, denkt Johannsen und feuchtet die Lippen mit seiner dicken Zunge, hebt aber gleichzeitig hilflos die Schultern, meint: »Die Zeit, ja – so wenig Zeit.« Der Form halber: »Willst nicht du herüberkommen?« – Hoffentlich lehnt er ab! – Über das Gesicht des pfiffigen Isachsen huscht ein Lächeln. Am die Augenwinkel sammeln sich die kleinen und kleinsten Fältchen.

»Wenn du meinst, Johannsen?« Drüben ein Tuscheln – dann lehnt sich Johannsen weit über die Reling und weist nach achtern. ›Himmel‹, denkt er, ›jetzt geht’s um alles‹ – »Sieh!« brüllt er zögernd und dann freudig, als er hört, dass sein Fangboot auf das Wasser niederklatscht, »meine Leute haben bereits das Boot klar, da muss ich wohl kommen!«

»All right!«, grinst Hjalmar, sieht dem Boot entgegen, das sich von der dunklen Wand ablöst und in rascher Fahrt auf die Leeseite des »Polarulv« zustrebt.

Einen Augenblick steht der Kahn mit drei schwarzen Gestalten bald in Augenhöhe mit dem Schiffer – im nächsten ist er nicht mehr zu sehen. Dann kracht es achtern. Ein Haken langt über die Bordleiste. Zwei Fäuste legen sich über die Reling – Schnaufen und Prusten – es könnte ein Walross sein. Dann steht Johannsen vor dem Käpten und schüttelt mit ihm die Hand.

»Willkommen an Bord!«

»Man dankt!«

»Wollen wir in die Kajüte gehen!«, blinzelt Isachsen vergnügt.

»Wie du meinst –« Nach einer Weile: »Das wäre geschafft!« – Dunkle Worte.

 

Es ist gegen acht Uhr morgens. Die erste Wache hat schon gefrühstückt, die zweite wird in wenigen Minuten damit zu Ende kommen. Johannsen blickt verwegen, hoheitsvoll die »Tafelrunde« lang; sein Gesicht strahlt rot wie die Sonne, wenn sie im Nebel steht. Manchmal misst er sorgmütig den sich »verjüngenden« Inhalt der Flasche, die vor ihm aufgebaut ist:

»Ja, ich muss jetzt von Bord gehen. Die Zeit! Die Zeit!« Eine Rauchwolke dampft aus seiner Pfeife hoch. »Ja – so gehe ich, also –«

Es ist zwölf Uhr mittags, vier Stunden Helle noch bis zum Abend. Johannsen ist traurig. »Ja, Schiffer Isachsen – ärmlicher Fang! Aber ich werde jetzt gehen, meine Leute –«

Um drei Uhr klettert er ins Boot, das bereits die Positionslampen gesetzt hat. Seine Ruderleute sind auch nicht mehr nüchtern. Wie ein Korken zieht die kleine Nussschale los, kantert drüben unsanft an den Bauch des »Kolibri«.

Schiffer Hjalmar Isachsen steigt schwerfällig zur Kajüte hinunter, setzt den Kurs fest, zirkelt und misst auf der Karte herum. »Ja, Jörgen, ist wohl Zeit, dass wir loszockeln!«

Weiter kreuzt der kleine »Kolibri«, der sibirischen Küste zu, ins Weiße Meer, nach dem Ost-Eis.

»Nun sind wir lange Zeit allein«, sagt der Schiffer, zu Ragnar gewandt – eine Antwort vielleicht auf dessen Blick nach den geleerten Flaschen. »Willst du einen Sprit haben?«

»Alles in Ordnung, Schiffer!«, schreit Ragnar. »Eine Meile ab Land.«

»Kurs?«

»Nordnordwest kvart Nord!«

Die Laute werden ihm von den blaugefrorenen Lippen weggerissen. Jörgen ist auch auf dem Posten, starrt in den Schneesturm voraus, nieder aufs Deck, wo der Gischt über den Schneematsch sprüht. Seine Stirn ist schweißig. Die Finger krallen sich im Fensterrahmen fest, wie Eisenklammern – Schmiedeeisen! Trotzdem fliegt sein schwerer Körper wie ein Wollknäuel hin und her.

Der Mann am Steuer ist starr wie ein Felsen. Nur die Augen in seinem Gesicht haben Leben, wandern von der Kimme der anrollenden Woge weiter zur nächsten, streifen die Gesichter der beiden Schützen, das bleiche Gesicht Ragnars, das lederne, braune Jörgens, während die nackten Arme und Fäuste das Rad umspannen, dass die Adern wie Stränge quellen.

Der Mann am Steuer ist ein Norweger –!

Der Kutter schlägt wild, verzweifelt über die grobe See, die Rahen stöhnen und pfeifen. Weit hinten am Horizont breitet sich fahles grünes Licht, flieht durch den Dunst, durch die Nacht. Das Licht zerfetzt. Der Sturm steift auf. Ein Flammenstreifen züngelt unversehens über die rasenden Seen, hakt sich in jagenden nachtdunklen Wellen fest. Und noch einer. Flutet plötzlich eine Fülle von Licht durch das Chaos, wabert lohend noch, sinkt zusammen. Erneut schießt es durch die Luft, wandert wie ein Scheinwerfer von Ost nach West, suchend, zitternd. Der »Polarwolf« springt an, baumend schießt die Back nach oben, voraus, fällt.

»Achtung!«

»Brecher!«

Ein Berg klatscht gegen die Brücke, wild schießt das Wasser an den Wänden hin.

»Kreuzsee, Dünung Süd-West – Süd-Ost! – Zwei Mann ans Steuer!«, sagt der Schiffer über die Schulter zurück, presst wieder den kantigen Schädel dem Wind entgegen. Gleich darauf: »Kvart weiter gegen West! Ragnar, siehst du die Grundseen – Weg von der Küste –«

»Freiwacht an Deck! Segel weg!«

Wilder jagt der »Wolf« durch gespenstische, gläserne Berge, springt über gründunkle Tiefen. Zwei, vier Leute rennen über die Planten, einer hockt schon in den Rahen. Taue fliegen, verschneite Körper, vereiste Segel. Gischt überm Bug kämpft der »Wolf« gegen die See, die gierig über die Reling brodelt, schwemmt und schäumt.

Während die Männer sich über das bauchende Großsegel werfen, es über den Baum zurren, Taue fliegen und Rollen kreischen – zu ihren Füßen ergießt sich ein klatschender Schwall auf den andern, dass es aussieht, als ob der »Wolf« schon, seiner Kräfte beraubt, in die Knie gehen müsste – ist auf der Brücke plötzlich alles Leben erstorben. Jörgen steht wie ein Stück Holz, sein Arm ist halb erhoben, die Hand sticht abwehrend hoch. Augen hat er – Augen wie eine Marionette. Und der Mund ist zusammengekniffen wie im Krampf. Hjalmar Isachsen, der Schiffer, hat sich überm Steuer aufgebaut, stiernackig, die breiten Tatzen über die Fäuste des Rudergängers geklammert – Augen voraus! Er hat ein ungewisses Lächeln um den Mund, um das er selbst nicht weiß. Ist aber ganz anders als sonst, das Lächeln! Der es sieht – friert – erstarrt.

Zwei Schiffslängen voraus leuchtet durch den Schneesturm eine milchig blaue Masse, ein Berg, ein Koloss. Wie ein riesiges Haupt lugt er den Nordleuten entgegen, taucht seitlich ab. Die nächste Dünung trägt ihn vor den Bug. Hell leuchtet jetzt seine Bruchfläche. Wie ein großes Licht, wie das ewige Licht!

Ein starker rollender Wasserberg wischt den »Wolf« wie einen Ball zur Seite. Das Licht wächst riesengroß, fliegt an Backbord vorbei. Wogt im Kielsprut weiter, wird schemenhaft blass, bleich. Dann hat es der peitschende Schnee verschluckt.

Ein Block Klareis poltert mit den überkommenden Seen an Bord.

Keiner von denen auf der Brücke hört, wie die Wogen dröhnen; ganz mechanisch stellen sie fest, dass der »Wolf« sich wie sonst durch die Wogen wirft, dass die Schraube wie vordem ihren Takt poltert. Da wachen sie auf. Der Orkan ist lächerlich, von diesem Augenblick an, wo der Tod an ihnen vorüberging, vor dem Bug stand – im Kielwasser untertauchte.

Wachtablösung. – Die Schläge der Schiffsglocke reißt der Wind nach achtern. Nur ein blechernes Ballern, das in den Ohren der Männer zurückbleibt. »Kurs Nordnordwest!«

Ragnar beugt sich über die beleuchtete Kompassscheide, die, von einem Spinnennetz feinster Fäden gehalten, unaufhörlich schlingert und wiegt.

»Kurs Nordnordwest!«, knurrt Jörgen, schiebt sich an das offene Brückenfenster, durch das der Schnee hereinpfeift. Jörgen hat die Wacht. Jens nimmt die schwieligen Fäuste frei von den Speichen des Rades, tritt einen halben Schritt zurück zum warmen Schornstein, der durch das Brückenhaus nach oben zieht. Jens ist jetzt ganz privat, kaut gemütlich seinen Priem und grinst zu Jon hin, der vom wild schlagenden Steuer hin und her gebeutelt wird. Der Sturm tobt weiter, rollt schäumende Wellenberge unter dem »Polarwolf« hindurch.

 

Eineinhalb Tage noch rast der Sturm mit unverminderter Kraft und peitscht die Grate der aufgerührten Wellen, dass der Gischt gleich weißen Fahnen von ihnen fliegt. Dann kommt wieder einmal der Schiffer auf die Brücke gestampft, klammert sich an die Nock backbords. Schaut aufmerksam voraus.

Die Schneeschleier werden durchsichtiger, seltener. Barometer – steigt! Wenig – immerhin. Dann hat er das, was er sucht. Backbords schneidet das Schneegestöber plötzlich ab – Licht bricht sich in grünen Wasserbergen – dahinter schiebt sich Nebel vom Horizont heran.

»Freiwache an Deck! Heißt das Großsegel! Haben’s geschafft, Jungs!«

Schon klettern ein paar Männer über den tiefgezurrten, gefesselten und verketteten Großbaum, lösen die Taue. – »Hau ruck! – Hau ruck! – Festhalten! – Klatsch! Brecher!«

Klatsch!, fasst der Wind in das sich entfaltende Segel. Seilzüge knarren. – »Hau ruck! All right, Jungs!«

»Sichern! Achtung!« Weit holt der »Wolf« über nach Steuerbord. Das Großsegel taucht in die See, schleppt nach – doch bevor die nächste Welle heran ist, schwebt es frei – gelöst, eine straffe hohe Wand, baucht und bläht sich – zum Norden – zum Norden!

Es ist, als hätte der »Wolf« eine Kandare ins Maul bekommen. Mit eleganten Sätzen überschneidet er die schäumenden Berge, die einer langlaufenden, ruhigen Dünung Platz gemacht haben, noch bevor die junge Sonne den Zenit erreicht hat. Für kurze Zeit blitzt und funkelt die weite Wasserwüste wie im Feuer von Myriaden edler Diamanten – scharfer Salzduft reinigt die Köpfe – die Wasser dampfen. Nicht lange. Dahinter lauert der Nebel, schiebt sich näher und näher – still, schweigend. Und der »Polarwolf« taucht ein in das graue Meer des Vergessens.

»Halbe Fahrt! Ohmmmm! – Ohmmmm! –« Die Nebelsirene schreit. »Ohmmmm! – Achtung! – Wir warnen! – Ohmmmm!« Doch von nirgends kommt eine Antwort. Nur die behänden Wellen spielen mit dem Echo der Sirene.

Isachsen holt sich bedächtig eine Prise Tabak aus der Hosentasche. »Niemand im Fahrwasser, sind ja auch weit ab vom Spitzbergenkurs. Na – denn volle Fahrt! – Volle Fahrt!«

Die Flanken des »Wolfs« zittern stärker unter der Kraft der Maschine. Wieder plätschern Seen über die Back – doch nicht mehr wütend. Spielender – leicht. Ramsch!, und der »Wolf« klettert einen Berg hinauf – ramsch!, sackt er drüben hinab – weiter! – weiter! – nach dem Norden – auf Fang – Robbenfang!

In der Höhe des Hornsundes, weit im Westen drüben allerdings, schneidet der »Polarwolf« unversehens eine starte Eisbank an. Hat wohl ihre sechzig Quartmeilen Tiefe. In voller Fahrt ging der Bootskörper in das Feld hinein. Wer konnte auch sehen, dass etliche hundert Meter voraus in der ruhigen See Schollen auf und nieder wiegten. Der Nebel liegt ja immer noch wie ein Tuch über dem Wasser.

»Na – sucht mal den Strich nach Robben ab – werdet verdammt wenig Glück haben!«, brummt Isachsen, erbost, dass er so unsanft aus dem Schlafe geweckt wurde durch das plötzliche Rumpeln und Stoßen, als das Boot knirschend auf Eis rannte.

»Klar, Schiffer – schätze, dass auf diesem Dreckeis kein Seehund es aushalten würde – übrigens, waren zwei Mann auf der Brücke, unmöglich, dass einer von ihnen das Eis ausmachen konnte, bevor es zu spät war, beizudrehen – na, dann sachte Fahrt! Rin in die Schweinerei!«, erwidert Jörgen.

»Man muss sich nicht alles gefallen lassen«, meint er droben zu Jon, der das Ruder hat, »sind hier nicht auf dem Oslofjord. Schlafen, was – Zeit genug zum Schlafen – hat wohl nichts Gutes geträumt, der Alte – nun ja – übrigens, gib mal das Glas – ja –«

Der Posten am Fockmastausguck hebt fast im selben Atemzug den Arm weit nach Steuerbord hinaus, lässt ihn einen Augenblick stehen, winkelt dann den Ellbogen durch, dass der Unterarm aufs Deck weist. »Klappmütze! Steuerbord.«

Klar, dass gleichzeitig schon Jörgen hinterm Spriet hockt, die Büchse schussbereit über die Verschanzung gelegt. Zweihundert Meter voraus liegt ein Klumpen auf fast zwei Meter hohem Eisrist. Die vom Logis haben sich schon hinter dem Schützen aufgebaut – Jens nestelt den riesigen Fanghaken von der Mastleiter los, zieht ihn sachte auf Deck nieder – 150 –.

»Na, Jörgen! Schon gut«, kommt der Schiffer an, wirft rasch ein paar Patronen in das Magazin seiner Kragbüchse – »will ihn mal nehmen! – Ist der Erste heuer, so – na, lass mich mal ran!«

Ist nicht gut, zu schießen – solange die Maschine die Planten hüpfen lässt. Jon pfeift zweimal durch den Sprechtrichter den Maschinisten an. Das bedeutet: »Maschine Stopp!« So, nun ist alles all right.

»Peng«, sagt es vorne am Bug, die Klappmütze senkt ihren Kopf aufs Eis, wedelt einige Takte mit ihrer rechten Vorderflosse.

»Maschine volle Kraft! – Pass auf, der kommt noch mal – siehst du – er haut ab – so – klatsch, – ein zäher Teufel. – Weg ist er – drauf, was das Zeug hält – Jens, den Haken raus!«

Jörgen klettert mit ein paar hastigen Stiegen in die Rahen hoch – besserer Überblick von dort oben. »Tja, da ist er, backbords – im kleinen Eis – Backbord, hart ran, Jon, press das Steuer – hier, ja – habt ihr ihn gesehen?«

Der Seehund haut ein paar kräftige Schläge mit seinen Ruderbeinen, treibt dann im Eis. Das Wasser um ihn ist mit einer dunklen Blutwolke bedeckt. »Na, er schwimmt«, brummt Isachsen erleichtert. »Hat noch genug Speck auf dem Leib – vom Winter her – da ist er – hau mal den Haken in seinen Wanst – hast du ihn – so – die Schlinge!«

Ragnar macht eine Trosse klar, fiert sie ins Wasser, der Klappmütze über den dicken Kopf. »Hau ruck, hau ruck! – Geschafft!«

Der dicke Seehund liegt nun auf dem reinen Deck, zuckt immer noch mit dem Kopf, wenn ihn jemand unsanft anfasst. Ein verteufelt zähes Leben haben die Kerle. Jens macht sein Messer frei, prüft mit dem Daumennagel die Schneide. »Ja, denn los! So –« Ratsch! »Was, du bist immer noch nicht still – habt ihr so was schon erlebt – will der Kerl mir an die Hand fahren und hat doch kaum einen Tropfen Blut mehr im Leib. Biest – hier – da hast du«, ratsch!

Ist ein waschechter Kampf, nicht eher ist der Seehund ruhig, bis er seinen Fell- und Speckmantel losgeworden ist. Der Schiffer dreht das zwei Meter lange Tier auf den Rücken, betastet das Rückenfleisch. »Hier und hier – schneid mal ein paar Fetzen raus, Junge – gibt Eismeersteak zum Mittag! Hab auch noch ein wenig Sprit nachher. Sucht mal weiter in der Gegend herum. – Jörgen, Ragnar – kommt runter in die Kajüte. – Jon auch, soll ein anderer das Ruder übernehmen. Ja, denn man los!«

»Hab gedacht«, meint er drunten zu den andern, »ist hier Mist – ist nicht das richtige Eis hier zu finden, wollen den Kurs etwas umlegen. Wir müssen nach dem Wester-Eis! Skal! Jungs!«

»Skal, Schiffer!«

»Na, Jon, hast du schon was ausgemacht?«

»Ich dachte, Schiffer!«

»Na, und was sagst du, Jörgen? Hier hocken wir herum. Hab den Punkt eingetragen. Hier die Bank, die wir heute Morgen angerannt haben. Ist kein Eis vom Grönland-Strom, das – kam von Osten – von der Hinlopenstraße – oder von Novaja – zu wenig Großeis dazwischen – kein Blaueis. Gibt keine Robben drauf. Bin dafür, wir hauen ab – ja!«

»Dachte, du wolltest ins Nord-Eis gehen – bin auch dafür, setzen den Kurs auf Südwest – nichts los hier – die Hunde haben weiter im Westen geworfen dieses Jahr – der erste April heute, denn schon los, keine Zeit zu verlieren!«, sagt der alte Jon.

Schluss! Isachsen holt Lineal und Zirkel aus der Tischlade – zieht einen Strich vom achtundsiebzigsten Grad nach Westsüdwest, berechnet die Abweichung des Kompasses, die hier oben an die zwölf Grad ausmacht. »Ja, gib mal weiter, Ragnar, Kurs Westnordwest quart gegen West. Gute Fahrt! Skal, Jungens! –Schiebt schon los!«

Droben lehnt Knud auf der Brücke, wie ein echter großer Seemann – ein Fänger! Schritte knirschen auf der Brückentreppe.

Jon übernimmt das Steuer – schaut prüfend auf die Rose. Der »Polarwolf« dreht sachte nach West hinüber – stößt Scholle auf Scholle in sprühenden Splittern zur Seite. Die grünen Wogen schäumen am Bug, die tanzenden Wellen. Der Nebel lichtet sich, dünner wird das Eis.

Knud starrt enttäuscht den Alten an. »Machen wir Schluss hier? Hier stecken doch noch Berge von Robben! Man müsste eben suchen!«

»Maul’ nicht, Junge – was geht das dich an – bist du eigentlich deine Eierschalen schon richtig los geworden – he? Gott, was bist du für ein Greenhorn! Hast du noch nicht gemerkt – wir fahren ins Wester-Eis. Jaha! Ins Wester-Eis! – Schlag mal die Glocke an – oder da, halt das Steuer, Freiwache raus, hoi – Deck schrubben! Wachtwechsel – verdammt, die Kerls nehmen sich aber Zeit!«

Der Koch schiebt drunten über Deck – läuft zu dem abgespeckten Kadaver hin – ist noch etwas Fleisch nötig – nun, hier liegt genug davon. Ist für ihn das erste Mal, dass er auf einem Eismeerfänger angeheuert hat – vom Hardangerfjord stammt er, der Koch – deshalb trägt er sein langes Küchenmesser mit der Schneide nach oben. Kann nicht anders sein, als dass er im Blutkuchen ausrutscht und lang über den Seehund hinfliegt. Seine weiße Mütze ist im Augenblick schön rot gefärbt. Fluchen kann er, der Kerl – allerdings bleibt ihm rasch die Spucke weg, als er seine Handfläche hochhebt.

Ein tiefer Ritz klafft durch sie hin. Helles Blut strömt breit heraus aus der Wunde, vermischt sich mit dem dunklen Seehundsblut.

»Jon– Jon!«

»Ja, lauf mal zum Koch hin – der Kerl hat sich die Hand um ein Haar abgesäbelt – rasch, na!«

»Jon – Mensch! Übel – was!«

Jon schiebt gemächlich näher, fasst die Hand des bleichen Smutjes am Gelenk, hält sie in die Höhe. »Ruhig – ja!«

Ehrfürchtig stehen die andern um die beiden herum, starren auf Jon – der seinerseits auf die Wunde starrt.

Jon hatte einen Kameraden – er ist vor fünf Jahren im Packeis gestorben. Ein Lappe war es – mit dünnen Säbelbeinen und einem schütteren weißen Bart um das braune, faltige Gesicht. Ein Geheimnis hatte er, war schon seit Generationen in seiner Familie gewesen. Die Lappen sind ja seit jeher auf gutem Fuß mit dem Teufel gewesen – sagen die einen. Die andern meinen, dass sie eben der Natur manches Rätsel entrissen haben. Sollen schon Lappen gelebt haben, die Tote wieder auferwecken konnten.

Jon war ein guter Freund des Lappen Elias, ja, so hieß er, und Elias hatte ihm sein Geheimnis übertragen, als er starb. Hatte Jon bestimmt – er musste schwören bei dem Geist, der die ganze Natur beherrscht, genauer, bei dem, der besonders alle Quellen und Gewässer, das unendliche weite Meer beherrscht – dass er sein Geheimnis bis zu seinem Ende bei sich bewahren würde und es erst, wenn er sicher wusste, dass er sterben müsste, seinem besten Freund anvertrauen dürfte. – Jon also hatte er zu seinem Nachfolger bestimmt. Jon konnte, wenn er – natürlich nur ganz leise – die Worte des Geheimnisses vor sich hinsprach – Blut stillen, und war es selbst eine klaffende Wunde, aus der der rote Saft hervorquoll.

Scheu steht der Smutje vor dem alten Fänger, der sein Gelenk mit einem eisernen Griff umspannt hält, dass die verletzte Hand Leichenfarbe annimmt. Jons Augen starren klein und unbeweglich auf die Wunde – man sieht, wie seine zusammengekniffenen Lippen sich leicht bewegen – Jon spricht das Geheimnis. Und die Wunde hört auf zu bluten. Wirklich! Alle haben es gesehen! Ja, der Jon!

»Nun, das ist all right!«, sagt Jon. »Wasch deine Finger nicht vor heute Abend.«

Ja, der Jon. Der hat es in sich!

Vorne im Buglogis kreischt das Grammofon, das Jörgen nach seiner letzten Reise im vorigen Jahr gekauft hat. Er kam in Tromsö an Land – nun, da musste man sich doch erholen, nach einer Dreimonatsreise im Eis. Jörgen war ziemlich betrunken – so etwa, dass seine Beine nicht immer geraden Kurs gingen, selbst wenn er es durchaus so einrichten wollte; damals kaufte Jörgen das Grammophon. Er dachte wohl, es ginge immer so weiter mit Tanzen und Toddys und kleinen Mädchen. Ja, da hatte er was Schönes angerichtet – die Telegrafbucht in Tromsö ist schon manchem zum Verhängnis geworden.

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