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Nochmal vier Dr. Winter Arztromane für den Strand

Horst Weymar Hübner

Nochmal vier Dr. Winter Arztromane für den Strand

Sammelband: Nochmal 615 Seiten Liebe, Schicksal, Spannung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Nochmal vier Dr. Winter Arztromane für den Strand

von Horst Weymar Hübner

Der Umfang dieses Buchs entspricht 615 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende vier Romane:

Diese Augen klagen an - Dr. Florian Winter Band 5

Ein Baby ist mein Herzenswunsch - Dr. Florian Winter Band 6

Ich verzeih' dir nie! - Dr. Florian Winter Band 7

Tage der Angst - Dr. Florian Winter Band 8

Diese Augen klagen an

Dr. Florian Winter Band 5

von Horst Weymar Hübner


Um seine eigene Mittelmäßigkeit zu verbergen, intrigiert Dr. Schräder gegen seinen Kollegen Schwarzauer. Dr. Schwarzauer schweigt dazu, weil er selbst immer mal wieder falsche Diagnosen stellt. Doch dann trifft Dr. Schwarzauer in einem schweren Fall eine richtige Entscheidung und rettet dadurch Menschenleben. Das fällt bei Kollegen und Vorgesetzten angenehm auf. Eine Situation, die Dr. Schräder nun gar nicht gefällt.


1

Knapp siebzehn, schätzte Hennes Grossmann, der Rettungsfahrer vom Klinomobil. Und schon alles zu Ende mit ihr!

Das Mädchen lag auf der scherbenübersäten Straße, mit dem Kopf handbreit vor den gewaltigen Zwillingsreifen des Lastwagens. Geblutet hatte es nicht übermäßig.

Die verrenkte Körperhaltung war aber eindeutig.

Emil, Grossmanns Beifahrer, lehnte die zusammengeklappte Trage gegen den Lastwagen. „Zudecken hätten sie die wenigstens können.“

Er machte einen Schritt in Richtung Klinomobil, um eine Plastikfolie zu holen.

Hennes Grossmann erriet seine Gedanken. „Warte damit, bis der Arzt da ist. Muss gleich kommen.“

„Wer ist denn heute dran?“

„Schwarzauer wahrscheinlich.“

„Ach, du grüne Neune!“, platzte Emil heraus. Mit einem Blick auf die Unfallstelle fügte er hinzu: „Wenigstens kommt es nicht wieder zu Missverständnissen, wo hier alles glasklar ist. He, was treiben Sie denn da? Rühren Sie besser nichts an!“

Ein Mann im Straßenanzug war um das völlig zusammengestauchte Moped herumgegangen und wollte eben unter den Lastwagen kriechen.

Ärgerlich blickte er auf die beiden Rettungsfahrer im weißen Kittel. Dann setzte er energisch eine Bereitschaftstasche ab. „Sie haben sich ja mächtig viel Zeit gelassen! Vor zwanzig Minuten habe ich angerufen, ich bin der Landarzt hier.“

„Hier raus sind’s fünfundzwanzig Kilometer, fliegen ist mit dem Klino nicht drin, da hätten Sie den Hubschrauber anfordern müssen“, wehrte sich Grossmann gegen den Vorwurf der Trödelei. „Außerdem ist sie sowieso ...“

„Ist sie nicht!“, erwiderte der Landarzt und kroch neben die verrenkte Gestalt. „Ich wohne gegenüber, hab’ den Knall gehört und sie gleich versorgt.“ Mit drei sachkundigen Griffen brachte er das Mädchen in Seitenlage. „Wenn der Hubschrauber nicht im Einsatz wäre, könnte die Unfallchirurgie schon dran arbeiten. Haben Sie eine Decke? Sie kühlt aus.“

Emil holte eine Aluminiumfolie.

Zu dritt hoben sie das Mädchen darauf und wickelten es ein.

Voller Skepsis beobachtete Grossmann, wie dabei der Kopf nach rechts und links rollte, völlig ohne Halt.

„Sind Sie ganz sicher?“, vergewisserte er sich.

„Soll ich Ihnen die Spiegelprobe vormachen?“, brauste der Arzt auf.

„Nicht nötig wenn Sie es sagen“, beschwichtigte Grossmann und prägte sich die Unfallstelle näher ein.

Das Mädchen war natürlich ohne Sturzhelm gefahren. Die vorhandenen Bremsspuren stammten allein vom Lastwagen.

Auf der Kreuzung drängten sich gaffende Schulkinder, aus der anwachsenden Autoschlange ertönte ungeduldiges Hupen. Entsetzte, teilnahmsvolle, oder auch nur neugierige Anwohner lagen in den Fenstern.

Jemand schrie, dass es nun genug sei und endlich eine Ampel aufgestellt werden müsse.

Zwei Polizisten bemühten sich, die Situation zu meistern. Einer war noch stoppelbärtig und wirkte etwas zerknittert.

Die Tageszeit entschuldigte ihn. Es war sieben Uhr früh.

Er bekam eine Gasse frei und winkte die Autos durch.

Sein Kollege skizzierte die Unfallszene und wehrte einen blassen Mann im Overall ab, der gestikulierend auf ihn einredete.

Mit energischen Schritten kam er herüber, den Mann im Overall im Windschatten, markierte mit Kreide den Standort des Lastwagens, fasste die Zwillingsbremsspuren ein und umfuhr das Mädchen in der Folie und das auf Halbmeterlänge zusammengeschobene Moped.

Der blassgesichtige Mann im Overall starrte Grossmann und Emil an.

Plötzlich streifte er den linken Hemdärmel hoch und reckte ihnen den Arm hin.

„Ich verlange eine Blutprobe! Hier zapfen Sie mir was ab! Darauf bestehe ich. Es muss festgestellt werden, dass ich nüchtern bin. Hinterher heißt es sonst was, und dann habe ich den Hut an.“

Demnach war er der Fahrer des Lastwagens.

„Wir dürfen Ihnen kein Blut abnehmen“, wehrte Grossmann das Ansinnen ab. „Wir sind nur Fahrer und Sanitäter.“

Der Polizist mit dem Skizzenbrett trat hinzu und schüttelte den Kopf. „Sie haben keine Fahne, das Röhrchen hat sich auch nicht verfärbt. Außerdem waren Sie laut Fahrtenschreiber erst fünf Minuten unterwegs. Lassen Sie sich vom Doktor was zur Beruhigung geben.“

In seine letzten Worte hinein mischte sich das näher kommende Gellen eines Martinshornes.

Die Schaulustigen reckten die Köpfe.

„Ich brauche keine Tabletten, ich will eine Blutprobe!“, tobte der Fahrer.

Grossmann konstatierte Schock. Meist klappten Unfallbeteiligte zusammen, manchmal kam es auch anders.

Der Arztwagen stoppte auf der Kreuzung. Das Martinshorn erstarb, nur das Blaulicht rotierte weiter.



2

Emil rammte Grossmann den Ellenbogen in die Seite, als sich eine schlaksige Männergestalt vom Beifahrersitz zwängte und neben dem Wagen zu voller Größe entfaltete. Dr. Bert Schwarzauer in natura, oder, wie selbst die kleinste Lernschwester der Paul-Ehrlich-Klinik wusste, die größte Pfeife der Ambulanz. Pro Tag eine Fehldiagnose war das Minimum.

Es war ein offenes Geheimnis, dass Klinikleitung und Chirurgie auf Mittel und Wege sannen, wie sie ihn auf unspektakuläre Weise loswurden.

Schwarzauer griff seinen Metallkoffer aus dem Wagen und stelzte heran wie ein schreitender Storch auf der nassen Wiese.

„Guten Morgen, Herr Doktor!“, wünschte Emil grinsend; Grossmann ließ es mit einem Brummen genug sein.

Schwarzauer betrachtete die beiden misstrauisch. Aber sie sahen ihn so aufrichtig an, dass er jeden Argwohn unterdrückte.

„Von gut kann nicht die Rede sein. Tag, die Herrn! Packen wir’s gleich an.“

Der Polizist drängte den Lastwagenfahrer ab, der fortwährend schrie: „Die ist mir einfach rein gefahren. Mit geschlossenen Augen. Hat nicht gebremst und nichts. Glatt rein gefahren ist sie. Als ob’s Absicht war. Fragen Sie doch! Das sind alles Zeugen...“

Das Geschrei wurde leiser.

Der Landarzt hatte die Ankunft des Arztwagens bemerkt und eilte herbei. „Doktor Nies“, stellte er sich vor.

„Doktor Schwarzauer.“ Der Assistenzarzt machte eine ungelenke Verbeugung.

„Ich habe Unfallhilfe geleistet“, erklärte Dr. Nies. „Tetanus Prophylaxe.“

„Was haben Sie ihr gegeben?“ Trotz seiner Körpergröße hatte sich Dr. Schwarzauer mit erstaunlicher Behändigkeit niedergebeugt und das Mädchen halb ausgewickelt.

„HyperTET, zweihundertfünfzig internationale Einheiten, intramuskulär nach Vorschrift.“

„Was Sie nicht sagen? Ist Ihnen auch der Gedanke gekommen, dass sie es nicht verträgt?“

„Aber erlauben Sie, ich bin immer gut damit gefahren, und ich praktiziere seit zehn Jahren hier draußen“, erwiderte Dr. Nies schroff und maß den jungen Kollegen mit einem vernichtenden Blick.

Jetzt stieß Grossmann seinem Beifahrer den Ellenbogen in die Rippen und raunte: „Es geht schon los.“

„Haben Sie etwas diagnostiziert?“, forschte Schwarzauer. „Brüche? Schnitte? Innere Verletzungen?“ Dabei palpierte er vorsichtig den Schädel des Mädchens.

„Den Thorax hat’s erwischt. Außerdem großflächige Abschürfungen, aber keine starke äußere Blutung“, bellte Dr. Nies gereizt.

Schwarzauer griff eine Taschenlampe aus der Kitteltasche und leuchtete in die Pupillen. Er war unzufrieden und wischte dem Mädchen über die Stirn.

Verstört betrachtete er seine Hand, knöpfte den zerrissenen und durchbluteten Parka auf, griff unter den Pullover des Mädchens und wischte dort herum.

Wie auf der Stirn fand er auch hier kalten Schweiß.

Er fühlte den Puls. Der war fadenförmig und kaum noch erwähnenswert.

„Er macht sich wichtig“, flüsterte Emil. „Wie immer.“

„Und haut wie immer daneben“, ergänzte Grossmann.

Schwarzauer ging mit dem Stethoskop unter den Pullover.

Sekunden später beugte er sich über das Mädchen und brachte das rechte Ohr an Mund und Nase des Unfallopfers.

„Sauerstoff, Grossmann!“, brüllte er plötzlich den Klino-Fahrer an und zog dem Mädchen einfach den Pullover bis zum Hals hoch.

Eben bog der Polizist mit dem Skizzenbrett um das Heck des Lastwagens; in der anderen Hand hielt er eine zerschrammte Umhängetasche mit abgerissenem Trageriemen. „Sie werden die Personalien benöti...“

Das Wort blieb ihm im Halse stecken, denn Schwarzauer lupfte den BH hoch.

Dr. Nies gestikulierte entrüstet, die Zuschauer reckten den Hals noch mehr.

Schwarzauer achtete auf nichts, er befasste sich nur mit dem Unfallopfer. Blitzschnell kontrollierte er die Fingernägel, rollte Ober und Unterlippe nach außen und zog die Zunge heraus.

„Feine Prophylaxe!“, krächzte er den Kollegen vom Land an. „Warzen, Fingernägel, Lippen, Zunge, Gesicht, alles blau. Sie haben eine schwarze Zyanose bewerkstelligt! Grossmann, wo bleibt der Sauerstoff?“

„Kommt ja schon.“ Der Fahrer wuchtete das tragbare Beatmungsgerät aus dem Klino, Emil griff sich die Trage und klappte sie auseinander.

„Gänzlich ausgeschlossen!“, schnappte Dr. Nies.

Schwarzauer tippte wahllos auf ein paar Gesichtsstellen des Mädchens. Die Druckstellen blieben weiß. „Angioneurotisches Ödem, bitte!“

„Tief intramuskulär ...“, begehrte Dr. Nies auf.

„Vielleicht sogar ein Quincke!“

„.. streng nach Vorschrift.“ Nies hielt sich an seiner Bereitschaftstasche fest.

„Sie müssen eine Vene getroffen haben.“ Schwarzauer und Emil hoben das Mädchen auf die Trage, Grossmann legte die Atemmaske an und gab Sauerstoff.

„Hier, ihre Papiere.“ Der Polizist wühlte in der Tasche, zuckte mit der Hand zurück und starrte auf seinen Mittelfinger, in den sich ein Glassplitter gebohrt hatte.

„Her damit, ja“, sagte Schwarzauer. Dann entdeckte er das Glas im Finger des Polizisten. „Was machen Sie denn? Zeigen Sie her!“

Der Splitter stammte zweifelsfrei von einem zerbrochenen Glasröhrchen.

Schwarzauer zog ihn heraus. „Stecken Sie den Finger in den Mund!“ Danach warf er einen Blick in die Tasche und zog ein Röhrchenetikett heraus, an dem viele Scherben klebten.

Er las, starrte auf das Mädchen, auf Nies, schließlich auf den Polizisten. „Barbiturat! Das ist ja ein Hammer!“

„Was?“, Der Polizist schaute irritiert.

„Rezeptpflichtige Schlaftabletten! Darum keine Pupillenreaktion. Sie muss das ganze Röhrchen geschluckt haben. Grossmann, rein mit ihr! Und fahren Sie dem Teufel ein Bein ab!“ Schwarzauer fingerte nach dem Personalausweis.

Irmgard Weidner hieß das Unfallopfer.

„Ja, aber ...“ Ratlosigkeit stand in den Augen des Polizisten.

„Erklären Sie es ihm“, wandte sich Schwarzauer an Dr. Nies. „Suizid. Sie muss schon hoch im Tran gewesen sein, als sie in den Lastwagen rein fuhr.“

Er versenkte den Ausweis in der Kitteltasche, packte seinen Metallkoffer und stieg in das Klinomobil.

Mit einem Knall flogen die Türen zu.

Grossmann steuerte eine wahnwitzig enge Kurve und brauste los. Der Arztwagen folgte.

„Schneller. Grossmann brüllte Schwarzauer und hielt sich an der verankerten Trage fest. ..Müggenburg, Sie helfen mir. Los, Mensch!“

Emil kletterte nach hinten.

„Jetzt ist Berufsverkehr!", meuterte Grossmann und hakte den Sicherheitsgurt ein.

„Ist mir doch egal!", schrie ihn Schwarzauer an. „In fünfzehn Minuten fahren Sie in die Schleuse und keine Sekunde später! Geben Sie mir die Klinik.“ Er streckte die Hand nach dem Funktelefon aus.

Grossmann steuerte links und tippte mit der rechten Hand den Notruf ein, während Dr. Schwarzauer etwas ruhiger sagte: „Als ob ein Selbstmordversuch mit Schlaftabletten noch nicht reicht, nein, da wird noch das Moped missbraucht und in ein Auto rein gefahren, damit’s auch hundertprozentig klappt. Sicher ist sicher. Und dieser Unschuldsengel serviert uns mit seiner Spritze gegen Wundstarrkrampf obendrein einen anaphylaktischen Schock. Ist die Verbindung bald da?“

Grossmann reichte ihm das Telefon nach hinten.

Emil Müggenburg haderte mit seinem Schicksal, das ihn an diesem Morgen auf den Helferplatz im Klinomobil bannte.

Anaphylaktischer Schock!

Der kam sehr selten vor und ging dafür zu neunundneunzig Komma neun Prozent auch tödlich aus.

Und das mit der Pfeife im Wagen!

Immer lag Schwarzauer mit seinen Diagnosen ja nicht daneben.



3

„Herr Professor, für Sie liegt ein Anruf auf dem Apparat im Ärztezimmer!“ Schwester Else, die mit mütterlicher Strenge und unverwüstlichem Mundwerk das Pflegepersonal von Station 3 B dirigierte, zeigte Verschwörermiene. „Der Herr Primarius Faulhaber. Vielleicht will er Ihnen gratulieren. Ein bisschen feierlicher könnte er’s schon machen.“

„Immer noch Doktor und bestenfalls unordentlicher Professor“, sagte Professor Winter lachend. „Die ordentliche Professur steht noch aus. Was macht unsere Sturzgeburt?“

Das Malheur war am späten Abend passiert, genau zwischen Taxi und Klinikportal. Die Frau hatte zu lange gewartet.

Das Neugeborene war auf den Boden gestürzt, die Mutter hatte sich am Geländer festgehalten, der Taxifahrer hatte über sein ruiniertes Taxi lamentiert und ein später Klinikbesucher war in Ohnmacht gefallen.

Zufällig wollte Professor Winter gerade das Haus verlassen und geriet mitten in die dramatische Szene.

Mit denen, die von seinen Mitarbeitern noch da waren, hatte er unten im Ambulanzraum Säugling und Mutter versorgt.

„Dem Baby geht’s besser als der Mutter“, gab die Oberschwester Auskunft und blickte drängend in Richtung Ärztezimmer.

„Merken Sie es für die Visite vor, ich möchte mir selber ein Bild machen.“ Professor Winter schob die Hände in die Kitteltaschen und ging zu seinem Anruf.

Es war unwahrscheinlich, dass Professor Dr. Faulhaber wegen der Habilitation anrief, zumal seit geraumer Zeit die gesamte Klinik davon wusste. Warum sollte Faulhaber, der Chefarzt der Chirurgie und ihr Primarius, als einziger nicht davon erfahren haben?

Zur Gratulation hätte er sich vermutlich auch selber herbemüht und sich der kollegialen Pflicht nicht mit einem Anruf entledigt.

Wenn jemand darauf achtete, dass die Form gewahrt wurde, dann Faulhaber.

Ob er vielleicht..., überlegte Professor Winter.

Zwischen der Gynäkologie und der Chirurgie bestanden gewisse Spannungen, die ihre Ursache in der zu geringen Anzahl der OPs hatten.

Die Operationstage waren genau eingeteilt. Immer wieder kamen aber Notfälle dazwischen, die eine Umdisposition erforderlich machten.

Er nahm den Hörer vom Schreibtisch auf.

„Hier Winter. Bitte?“

Erst vernahm er nur ein ungehaltenes Grollen, dann sagte der Primarius im heimatlichen Dialekt: „San Sie Arzt oder Primaballerina, weil Sie sich gar so lang bitten lassen? Könnten S’ grad zu mir rüber kommen?“

Wenn Faulhaber in seine bayerische Muttersprache verfiel, war er auf hundertachtzig. Dann ließ er auch die Anstandsregeln vermissen.

„In fünf Minuten“, sagte Professor Winter reserviert. Er legte auf.

Was wollte der weißblaue Löwe von ihm? Wenn es um einen OP ging, hatten sie das immer am Telefon ausgehandelt.

Es war schon recht ungewöhnlich, dass er ihn sehen wollte.

Etwas verstimmt und zugleich neugierig, begab er sich in die Chirurgie und hielt Ausschau nach seinem Freund Albert, der dort Oberarzt war.

Von Albert Rose war natürlich nichts zu sehen. Zudem gewann er den Eindruck, dass das Personal bemüht war, bei seinem Auftauchen schleunigst vom Korridor zu verschwinden.

Das sah nach Absicht aus.

Und das fand er äußerst seltsam.

Messinglettern auf der Tür verkündeten, wo Faulhaber sein Domizil hatte.

Ein brummiges „Kommen ’S rein!“, antwortete seinem Klopfen. Professor Faulhaber konnte nicht nur brüllen wie ein Löwe, er sah auch so aus.

Er strich sich die Haare glatt, was sich als zwecklos erwies, weil sie sofort wieder zu Berge standen.

Das roch irgendwie nach dicker Luft.

Professor Winter entschloss sich, es mit Humor zu nehmen.

„Soll ich Ihnen was vortanzen?“, fragte er. „Wegen der Primaballerina, meine ich.“

Unter buschigen Brauen schoss Faulhaber einen zornigen Blick auf ihn ab. „Nehmen S’ Platz und machen S’ mi net narrisch, Herr Winter!“

Hat sich was mit Gratulation, dachte Professor Winter und ließ sich gemächlich in einem Sessel nieder. Und Humor hat er heute morgen auch keinen!

Die Stirn finster umwölkt, begann der Professor hinter seinem Schreibtisch eine Wanderung.

„Zwengs de OPs hamma eh gnuag Schwierigkeiten, da braucht’s net noch, dass uns die Gynäkologen in die Chirurgie einipfuschen“, bollerte er. „Abgemacht is, dass ma uns net ins Geheg komman daten. Mir machen nix Gynäkologisches, und ihr machts nix Chirurgisches. Oder is dös vielleicht glogen?“

Professor Winter versteifte sich. „Dieses Abkommen besteht und wird eingehalten. Bitte, wer pfuscht irgendwo hinein?“

„Dös Weibsbüld, der gscherte Igel!“, grollte der Professor.

Das Angebot an weiblichen Igeln in der gynäkologischen Abteilung war begrenzt. „Kollegin Simon-Stoll?“

Dass Faulhaber nicht sehr viel von Frauen im Medizinerberuf hielt, war hinlänglich bekannt. Es rechtfertigte aber nicht den schlimmen Vorwurf des Hineinpfuschens.

„Freili. Mir kriagn an akuten Wurm und daten a schöne Appendektomie vorbereiten, und do kimmt sie und sagt, dös is alles an Schmarren und den Wurm, der koa Wurm is, den macht sie. Und sie dat no sticheln, und der Schwarzauer, der damische Depp, red’t ihr zua und moant, dös sei a sei Diagnosen und er dat ihr assistieren. Herr Winter, dös geht fei net!“

Professor Winter saß wie vom Donner gerührt. Dass Faulhaber polterte, bewertete er nicht über. Keiner kann schließlich aus seiner Haut!

Dass sich seine Stationsärztin Simon-Stoll einen akuten Blinddarm angeeignet hatte, fand er jedoch ein starkes Stück.

Und dass ihn heute morgen niemand informiert hatte, fand er noch stärker. Da musste er sich vom Chefarztkollegen der Chirurgie herunter rüffeln lassen und hatte von nichts eine Ahnung!

„Ich werde mich unverzüglich darum kümmern“, sagte er. „Im übrigen ist mir die Sache völlig unverständlich. Kollegin Simon-Stoll ist eine hervorragende Ärztin und genießt meine Wertschätzung. Wie lautete die Diagnose?“

Faulhabers Zorn war verraucht, nicht zuletzt wegen der Zusicherung, dass Professor Winter sich um den Vorfall kümmern werde. Wenn eine Aufregung abgeklungen war, redete er meist normal, und so sagte er, wenn auch etwas grimmig: „Da müssen Sie schon die hochgeschätzte Dame befragen. Den Wurm haben wir nicht wieder zu sehen bekommen.“

„Wir könnten auch Doktor Schwarzauer fragen, da die Diagnosen doch identisch waren.“ Professor Winter konnte sich diesen Vorschlag nicht verkneifen, denn Schwarzauer wirkte auf den Professor wie das berühmte rote Tuch auf den Stier.

Faulhaber bekam auch sofort einen roten Kopf und einen dicken Hals. „Verschonen S’ mich und nehmen S’ bittschön mehr Rücksicht auf meine Galle!“

Nun ja, dachte Professor Winter, Schwarzauers Diagnosen sind ein Kapitel für sich. Aber Simon-Stoll stellt doch exzellente Diagnosen!

Der Sache musste er nachgehen. Wegen der Verstimmung und überhaupt.

Er erhob sich. „Ich werde Sie informieren, Herr Professor.“

Faulhaber machte eine abwehrende Geste. „Tun Sie nicht so gschert, Herr Winter. Kollege, bitte nur Kollege. Das sind wir doch. Oder ich müsst Sie auch mit Professor anreden. Guten Tag, Herr Professor! Auf Wiedersehen, Herr Professor!' Klingt a bisserl blöd, meinen S’ nicht?“

Er brachte den Chefarzt der Gynäkologie an die Tür und verabschiedete ihn mit verbindlicher Herzlichkeit.

„Halten S’ mich nicht für einen Querulanten, weil ich so drauf dränge, dass die Zuständigkeiten respektiert werden. Am Ende operiert sonst jeder, wann es ihm grad passt und wen er zu fassen kriegt. Auch im Patienteninteresse ist das nicht wünschenswert.“

Professor Winter bekundete seine Zustimmung.

Dann starrte er noch ein paar Sekunden auf die Messingletter. Eben noch hatte der weißblaue Löwe seinem Namen alle Ehre gemacht, und übergangslos war er wieder der verträglichste Mensch!

Was Faulhaber im ersten Zorn von sich gab, durfte man tatsächlich nicht auf die Goldwaage legen, auch nicht den „gscherten Igel“ und den „damischen Depp“.

Von seinem Freund Albert wusste Professor Winter, dass Faulhaber im OP noch weit stärkeres Vokabular gebrauchte, ohne sich deswegen seine untergebenen Ärzte zu Todfeinden zu machen. Ein Bayer halt und ein vortrefflicher Operateur, dem niemand etwas vormachte.



4

Seit Professor Winter auf den Stuhl von Professor Frenzel gerückt war, leitete Dr. Simon-Stoll als Stationsärztin die Frauenabteilung. Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er sie dort jetzt wohl antraf.

Er legte sich ein paar Worte zurecht, um seine Missbilligung der gestohlenen Appendektomie auszudrücken.

Vor dem Ärztezimmer wirbelte ihm der „gscherte Igel“ buchstäblich in die Arme.

Verwirrt löste sich Dr. Simon-Stoll von ihm, strich sich die Zauselfrisur zurecht und sagte entwaffnend: „Ja, wie sagt man jetzt? Professor oder Herr Chefarzt? Guten Morgen auch. Fein, dass wir uns gleich treffen.“ Sie schaute ihn mit einem strahlenden Lachen an.

„Lassen wir es beim Kollegen, bitte. Zu Ihnen will ich gerade.“

„Ja?“ Sie war die Unschuld in Person.

„Ich komme eben aus der Chirurgie und durfte mir dort eine erbauliche Morgenandacht anhören.“ Er räusperte sich.

Das verstand sie. „Dann sind Sie in die Pfanne gekommen, wo eigentlich Doktor Schräder hineingehört? Oder geht es nicht um die falsche Appendicitis?“

„Es geht um den entzündeten Wurmfortsatz!“; bemerkte er mit Nachdruck. „Wieso falsch? Und wer ist Schräder?“

„Der böse Geist von Kollege Schwarzauer. Ich merke schon, ich muss Sie aufklären, gell?“

„Ich bitte sehr darum. Die ganze Sache missfällt mir.“

„Gehen wir besser rein und setzen wir uns!“, schlug Dr. Simon-Stoll vor. Aus der Teeküche waren zwei Schwestern getreten und sperrten die Ohren weit auf.

Im Ärztezimmer entdeckte Professor Winter wieder einmal mehr seinen Aschenbecher, der nur von Oberarzt Dr. Mittler verschleppt worden sein konnte.

Auffordernd blickte er seine Stationsärztin an.

„Die Berichte über die Vorfälle der Nacht liegen auf Ihrem Schreibtisch, auch der über die falsche Appendicitis, auf die sich die Chirurgie so versteift“, erklärte Dr. Simon-Stoll.

„Richtig, Sie hatten Nachtbereitschaft. Ich war noch nicht in meinem Zimmer.“

„Ja, dann!“, machte die Ärztin. Es klang eine Spur vorwurfsvoll. „Die Ambulanz brachte gegen Mitternacht eine Patientin mit Verdacht auf akuten Wurm. Schwarzauer und Schräder hatten unten Dienst. Schräder bestätigte die Diagnose des Hausarztes und wollte sofort die Appendektomie vornehmen.

Schwarzauer stellte die Gegendiagnose und rief mich an. Ein Glück. Der versteht von der Gynäkologie mehr, als die in der Chirurgie ahnen. Bei der Gelegenheit bekam ich mit, dass die meisten Fehldiagnosen, die Schwarzauer angelastet werden, auf die Kappe von Schräder gehen ...“

„Ich fürchte, Sie kommen vom Thema ab“, erinnerte Professor Winter. „Himmel, was wurde denn aus dem Wurm?“

„Kein Loslassschmerz, überhaupt nicht das typische Bild einer Appendicitis. Schwarzauer hat das sofort gemerkt, Schräder hat jedoch auf seiner Diagnose bestanden. Bis ich runterkam, war im Beisein der Patientin schon der schönste Streit im Gang. Es handelte sich tatsächlich um eine Pyosalpinx, wie Schwarzauer schon festgestellt hatte.“

„Und da haben Sie sich einfach den Fall genommen und mit Schwarzauer konspiriert!“

„Da gab es nichts mehr zu konspirieren, die Pyosalpinx war akut. Er hat sich als Assistent angeboten. Sollte ich ablehnen?“

Professor Winter bekam den vorsichtigen Blick. „Sie haben doch wohl nicht nur zu zweit die Laparotomie vorgenommen?“

„Kollege Zech und Hella, ich meine Doktor Pusch, sind uns zur Hand gegangen. Wechselschnitt rechts. Die Pyosalpinx war pflaumengroß. Schwarzauer hat sie in Spiritus gesetzt. Er meinte für alle Fälle.“

„Sein Weitblick sei gesegnet“, sagte Professor Winter trocken.

Dr. Simon-Stoll nickte wichtig. „Der Gedanke ist ihm bei dem Eingriff gekommen. Er hat ein bisschen aus der Schule geplaudert, und uns ist aufgefallen, dass Schräder ihn immer nur als Lückenbüßer und Prügelknaben einspannt. Es hat einige Zeit gedauert, bis wir ihm das begreiflich machen konnten. Er glaubt immer noch an das Gute im Menschen und stellt kollegiale Loyalität über alles.“

„Jetzt wohl nicht mehr, nachdem ihm meine Ärzte die Augen geöffnet haben“, seufzte Professor Winter. „Wo befindet sich das Präparat?“

„Im OP-Waschraum. Aber Schwarzauer braucht das selber“, sagte die Stationsärztin erschrocken. „Das wird sein erstes unwiderlegbares Beweisstück, dass nicht er die Pfeife, ich meine ...“

„Schon verstanden.“ Er half ihr über die Peinlichkeit des Augenblicks hinweg. Dafür blickte sie ihn dankbar an. „Ich halte fest, dass es sich um einen gynäkologischen Eingriff gehandelt hat. Aus den anderweitigen Querelen halten wir uns heraus.“

„Schützenhilfe könnte der Kollege aber schon gebrauchen, gell! Das wäre die Chance für ihn, endlich nach oben zu kommen. Bisher hat ihn Schräder immer unten gehalten.“

„Sie erwärmen sich ganz erstaunlich für Schwarzauer“, bemerkte er überrascht.

Jetzt blickten ihre Augen fast so zornig wie die des weißblauen Löwen. „Weil ich zwei Dinge nicht leiden kann Ungerechtigkeit und wenn jemand weniger als mittelmäßig ist und das mit Intrigen vertuscht.“

Das war ein vernichtendes Urteil.

Professor Winter klopfte zwei Zigaretten aus der Packung und bot der Kollegin eine an.

„Wo ist Schwarzauer? Mit Kollege Faulhaber habe ich Rücksprache vereinbart, andererseits will ich den jungen Kollegen, den Sie so offensichtlich unter Ihre Fittiche genommen haben, auch nicht um seinen Triumph bringen.“

„Er müsste noch auf der Rettungsstelle sein. Moment bitte, ich rufe an!“ Sie wählte die Nummer der Ambulanz und verlangte Schwarzauer. „So? Nein, er braucht nicht zurückzurufen. Ich versuch’s in einer Stunde noch mal.“

Sie legte auf und schaute über das Telefon hinweg den Chef an.

„Pech. Er ist mit dem Klino unterwegs.“ Ihre Augen drückten eine stumme Bitte aus.

„Da wird Kollege Faulhaber sich etwas gedulden müssen“, sagte Professor Winter. „Ich gehe erst mal über die Stationen und sehe mir die neuen Fälle und die frisch Operierten an. Das dauert mindestens eine Stunde.“ Er verzog keine Miene dabei.

Das herbe Gesicht der Ärztin wurde von einem inneren Leuchten auf wundersame Art verschönt. „Sind Sie heute schon geküsst worden?“ Ihre Burschikosität und ihre Unkompliziertheit hatten ihn nur zu Beginn ihrer Tätigkeit an der Klinik erstaunen können. Dennoch zog er die Brauen hoch.

„Danke der Nachfrage, meine Frau war so aufmerksam.“

„Ihre Frau ist ein Schatz, sonst hätte ich es jetzt gemacht. Ich zeige Ihnen das Präparat.“




5

Der Standzylinder war auf den obersten Bord im Waschraum gerückt. Ein OP-Pfleger holte ihn herunter und übergab ihn mit einem wissenden Grinsen dem Chefarzt.

Dr. Winter begutachtete die im konservierenden Spiritus schaukelnde Pyosalpinx. Pflaumengroß war noch untertrieben. Die Tube war ein gelber praller Eitersack.

Wie in solchen Fällen zwingend vorgeschrieben, hatte Dr. Simon-Stoll einen Teil des rechten Eileiters mit entfernt.

Ein Gewebesaum war mit den Tubenfimbrien verklebt.

Dr. Simon-Stoll gewahrte den kritischen Blick des Chefs.

„Ich musste die Adnexe zum Eierstock entfernen“, erläuterte sie.

„Ausgezeichnete Arbeit“, lobte Professor Winter. „Was war linksseitig?“

„Seltsamerweise kerngesund, was nicht dem Lehrbuch entspricht. Die Infektion hat nur rechtsseitig gewütet.“

Der Chefarzt gab dem Pfleger den Glaszylinder zurück, damit das beweiskräftige Präparat an seinen Platz auf dem Bord kam.

„Sehen wir uns auch gleich die Patientin an“, schlug Professor Winter vor.

„Gruber ist der Name“, sagte Dr. Simon-Stoll vor der Wachstation. „Die zweite Kabine links.“

Schwester Karin, der unverwüstliche gute Engel der Intensivstation, tauchte wie von der Decke gefallen auf.

Sie trat mit in die offene Kabine. „Die Patientin ist etwas schwer aufgewacht, aber das Befinden ist ordentlich. Das Fieber sinkt auch.“ Sie reichte dem Chef das Klemmblatt mit dem Zustandsbericht.

Maria Gruber war um zwei Uhr auf Intensiv gekommen.

„Wie lange haben Sie operiert?“, wandte sich Professor Winter an seine Ärztin.

„Eineinhalb Stunden. Schneller ging es nicht.“

„Das ist doch eine blendende Zeit“, bemerkte er anerkennend und warf einen Blick auf die EKG-Schreibung.

Das Bild war zufriedenstellend.

Die Patientin war wach und verfolgte misstrauisch die leise geführte Unterhaltung des Chefarztes und der Stationsärztin und die Bewegungen der Schwester, die eine neue Flasche Infusionslösung an den Stativgalgen hängte und anklemmte.

Ungezwungen setzte sich der Arzt zu ihr auf den Bettrand. „Ich bin Professor Winter, Frau Gruber“, sagte er und griff dabei nach ihrem rechten Handgelenk. „Sie sind ein wenig spät in die Klinik gekommen. Wann haben Sie denn erstmals Schmerzen verspürt?“

„Gar nicht.“ Das Sprechen bereitete ihr einige Mühe. „Ich war noch nie krank. Kann ich etwas zu trinken haben?“

Er maß den Puls während des Gesprächs an der Radialisarterie. Die Frau war etwas aufgeregt. Das erklärte die 85 Schläge in der Minute.

„Mit dem Trinken müssen wir uns noch gedulden“, sagte Professor Winter mit einem Lächeln und deutete auf die Infusionsflasche. „Da kommt aber alles heraus, was Ihr Körper benötigt!“

„Was ist das?“

„Eine Nährlösung mit Salzen und Spurenelementen und viel Flüssigkeit. Sie brauchen also keine Angst zu haben, dass Sie verdursten müssten. Wir sehen uns jetzt noch die Operationswunde an.“

Ganz geheuer war ihr die Sache nicht. Mit der rechten Hand hielt sie erst noch die leichte Decke fest.

„Wovor haben Sie denn Angst, Frau Gruber? Es tut nicht weh.“

Zögernd gab sie die Decke frei.

Schwester Karin war behilflich und schob den Bettkittel der Patientin etwas hoch. Frau Gruber genierte sich schrecklich.

„Ich gucke Ihnen doch nichts weg“, besänftigte Professor Winter die Frau und hob die Gazelagen etwas an. Der Wundverband war mit Pflasterstreifen auf der Haut befestigt.

Von der Einpinselung war der Leib noch goldgelb vom Jod.

„Ein bisschen ziept es vielleicht“, meinte er und hatte schon mit einem kurzen energischen Ruck einen Pflasterstreifen gelöst.

Viel gespürt hatte Frau Gruber bestimmt nicht. Sie zuckte nicht einmal zusammen. Lediglich ihre Augen weiteten sich. Ängstlich blickte sie den Arzt an.

Der Schnitt war fünf Zentimeter lang und vorbildlich genäht. Das war unverkennbar die Handschrift von Dr. Simon-Stoll.

„Ja?“, fragte Frau Gruber.

Sie wartete immer noch auf das angekündigte Ziepen.

„Das war es schon!“ Professor Winter drückte den Pflasterstreifen fest. Die Wunde hatte nur etwas Blut und Lymphflüssigkeit abgesondert, aber sie nässte nicht.

Er zog den Kittel herunter und deckte die Patientin zu. „Morgen können wir Sie wahrscheinlich schon in ein nettes Zimmer umquartieren“, sagte er aufmunternd und erhob sich.

Auf dem Weg nach nebenan in die nächste Kabine betrachtete er die Stationsärztin.“ Sie sind ein guter Operateur, aber Sie brauchen nicht bis zur letzten Naht alles selber zu machen. Ich schätze Ehrgeiz, ich weiß allerdings auch, dass Andere auch mal ran wollen.“

In ihren Augen blitzte es triumphierend auf.

„Gell, das hätten Sie ihm nicht zugetraut?“

„Schwarzauer?“

Sie nickte. „Die Cutisnaht hat er gelegt. Prima, gell? Ich habe ihm scharf auf die Finger geguckt, aber das hat ihn gar nicht beeindruckt. Er war ganz gelöst und zugleich wie besessen.“

„Hm!“, brummte er.

Dieses Gefühl kannte er noch, wenn man schon hundertmal und öfter zugeschaut und assistiert hatte und endlich mal selber an der Tabula arbeiten durfte, auch wenn man nur für die letzte Naht verantwortlich war. Ein Erfolgserlebnis war das, ein Hochgefühl, fast wie Weihnachten und Ostern zusammen.

Dieser Schwarzauer schien doch mehr drauf zu haben, als der 'Flurfunk' bisher zu vermelden wusste.

Da er nun schon einmal auf der Wachstation war, sah er auch gleich nach den übrigen Patienten und traf mit Dr. Schimanski zusammen, dessen Aufgabe es nicht nur war, die Patienten zu narkotisieren, sondern auch die frisch Operierten zu betreuen und zu überwachen.

Schimanski war darin genau bis zur Pingeligkeit.

„Kabine drei und sieben können wir auf Station verlegen“, berichtete er geschäftig und behielt die Lichtrufanlage im Auge, ob ihn nicht ein Signal in den OP, oder in den Kreißsaal beorderte. Er lächelte dünn, Neugierde im Blick. „Vorhin soll eine Löwenfütterung stattgefunden haben.“

„Das muss ein Irrtum sein“, erwiderte Professor Winter aufgeräumt. „Wie Sie sehen, bin ich nicht verspeist worden. Wie ich unschwer annehme, waren Sie diese Nacht ebenfalls mit dabei?“

„Ehrensache“, versicherte Dr. Schimanski treuherzig. „Ich lasse doch unser Team nicht im Stich. Tja, bis später dann.“

Sein Kittel wedelte hinter ihm her.

Professor Winter hatte den Dienstplan im Gedächtnis. Für letzte Nacht war Schimanski gar nicht eingeteilt gewesen. Die Frage war müßig, wieso er dennoch die Pyosalpinx narkotisiert hatte.

Natürlich hatten sie ihn angerufen Zech, oder Pusch, oder Simon-Stoll. Vielleicht hatten sie ihm auch gleich zu verstehen gegeben, dass der Chirurgie eins ausgewischt werden konnte. Eine gewisse Rivalität zwischen den einzelnen Abteilungen war nicht wegzuleugnen.

Schimanski hatte selbstverständlich keinen Augenblick gezögert, dem Komplott beizutreten.

Professor Winter schmunzelte heimlich. Der Operationsbefund hatte die Verschwörung gerechtfertigt, und dem Kollegen Faulhaber standen ein paar peinliche Minuten bevor.

„Wir sehen uns dann zur allgemeinen Visite“, sagte er vor der Wachstation verabschiedend zu Inge Simon-Stoll, deren Blick besorgt zur Korridoruhr ging, ob denn die Stunde schon um war.

„Und ich muss auch erst noch die Berichte lesen“, fügte er warmherzig hinzu, „die man mir auf den Schreibtisch gelegt hat.“

Simon-Stoll versenkte die Hände in die Kitteltaschen und wandte sich mit einem dankbaren Lächeln ab. Ihre kurze Frisur wippte bei jedem Schritt.

Sie sieht tatsächlich wie ein Igel aus, überlegte er und empfand Stolz.

Die Kollegin war eine echte Stütze der Gynäkologie, ein Kamerad und Kumpel, aufopfernd, resolut, verantwortungsbewusst, mit einem sicheren Blick für Situationen, die eine sofortige Entscheidung erforderten, zugleich auch eine haarige Kratzbürste und zu jedem Streit bereit, wenn es um Belange der Medizin ging.

Der personifizierte Widerspruch, so hatte Kollege Mittler sie einmal charakterisiert.

Dieser Schräder aus der Chirurgie konnte sich noch auf einiges gefasst machen!



6

Auf dem Rotthof lag kein Segen. Jedenfalls behaupteten das die Leute.

Sie mussten es schließlich wissen. Denn so hatten sie es schon von ihren Eltern gehört und die wiederum von ihren Eltern.

Warum das so war, konnten sie nicht sagen. dass es so war, leuchtete jedem ein.

Denn noch nie waren den vielen Besitzern des Rotthofes Kinder geschenkt worden. Darum gab es ja auch so viele Besitzer.

Manche Leute sagten, dass der Hof uralt sei und in grauer Zeit zum Kloster Heisterbach gehört habe.

Andere wussten zu berichten, ein Zehntvogt aus Heisterbacherrott habe ihn erbaut, was schon der Name Rotthof beweise.

Vielleicht traf beides zu, möglicherweise war es auch ganz anders.

Für die Kierdorfs war die Geschichte ihres Hofes unerheblich, soweit sie Gründung und mutmaßliche Erbauer betraf.

Anders verhielt es sich mit dem Unsegen, der auf dem Hof liegen sollte. Walter Kierdorf glaubte schon bald selber daran.

Der Vorbesitzer war vom umstürzenden Traktor erdrückt worden, von der Witwe hatte er den ziemlich verwahrlosten Hof übernommen. Die Landwirtschaftskammer Rheinland war ihm behilflich gewesen, aus dem Grünen Plan hatte es auch Geld gegeben.

Kinder waren keine vorhanden gewesen. Wie schon bei allen anderen Vorbesitzern.

Erst hatte er nichts darum gegeben, an eigene Kinder dachten Anna und er vorläufig nicht.

Sie brachten erst einmal den Hof in Schwung und modernisierten ihn. Mit der herkömmlichen Wirtschaft, wie sie noch in der Nachbarschaft betrieben wurde, war kein Staat mehr zu machen.

Der Landwirt musste sich spezialisieren. Das hatte Walter auf der Landwirtschaftshochschule gelernt.

Also fackelten Anna und er nicht lange, sondern bauten zunächst zielstrebig eine Schweinemast auf. Die Nachbarn spotteten und warteten auf das rasche Ende.

Dass die Nachbarn vergeblich warteten, lag daran, dass Walter günstige Verträge mit dem Mastfutterhersteller und einem Schweinehändler abgeschlossen hatte.

Danach begann er auch noch mit der Kälberaufzucht auf Grünland. Zwar waren seine Kälber nicht so heraus gemästet wie bei anderen Landwirten, er verzichtete auch darauf, seinen Tieren Gewicht an zu spritzen, und das Fleisch seiner Kälber war rosarot und nicht weiß, aber bald sprach es sich herum, dass er ohne Chemie und Hormone arbeitete.

Plötzlich waren seine Grünlandkälber gefragt. Er konnte gar nicht so viele aufziehen, wie verlangt wurden.

Argwöhnisch hatten die Nachbarn wieder abgewartet. Der Spott war ihnen aber schon vergangen.

Als er schließlich auch noch eine Hühnerfarm einrichtete und dort bis zu zweitausend Eier am Tag produzierte, begann sich der Neid zu regen.

Kierdorfs Eier waren zwar nicht die größten, aber sie hatten alle einen wunderbaren gelben Dotter und schmeckten nicht nach Fischmehl.

Jeden Tag kam der Lastwagen vom Eierhof und holte ab. Ein gewisses Kontingent lieferten die Kierdorfs direkt an Bonner Hotels und an einige Privatleute, die von Anfang an für die Landeier geschwärmt hatten.

Die Arbeit war zu zweit längst nicht mehr zu bewerkstelligen. Schon für die Kälberaufzucht war ein Helfer eingestellt worden. Dann kam noch ein Lehrling dazu.

Mit eigenen Kindern, die sie sich sehnlichst wünschten, war es nichts.

Im zweiten Jahr der Kälberaufzucht verlor Anna ihr Kind im vierten Monat. Die Nachbarn wurden es nicht einmal gewahr, sie wunderten sich nur, dass die Frau ein paar Tage fort war.

Zwei Jahre später war sie endlich wieder in Umständen, wieder unbemerkt von der Nachbarschaft. Und wieder behielt sie das Kind nicht.

Kälber drückten sie gegen das Weidegatter. Im dritten Monat.

Jemand aus dem Dorf sah Anna zufällig im Siegburger Krankenhaus. Der Dorfklatsch blühte.

Die Wahrheit erfuhr auch diesmal niemand.

Es fiel nur auf, dass Walter Kierdorf mürrischer blickte, dass er mit Anna schon mal herumschrie und dass er, was früher undenkbar war, immer öfter in die Wirtschaft kam und Schwierigkeiten hatte, wieder herauszufinden.

In dem Zustand fuhr er auch noch heim.

Die Polizei bekam einen Wink und legte sich auf die Lauer. Ohne Erfolg.

Trotz umnebeltem Kopf schien er den Braten zu riechen.

Wenn er dann heimkam, ging es nicht selten recht laut zu. Der Lehrling war hinter einem Mädchen aus dem Dorf her, und aus dem, was der so erzählte, hörte man heraus, dass auf dem Rotthof häufiger gestritten wurde, als man meinte, und dass es um Kinder ging, dass Walter seiner Frau Vorwürfe machte.

Also schloss man haarscharf, dass sie vielleicht keine Kinder kriegen konnte. Von den zwei Fehlgeburten wusste man schließlich nichts, nicht einmal der Lehrling.

Und in der Wirtschaft witzelte man erst heimlich und dann sogar, wenn Walter da war, ob es am Ende an ihm lag, und ob er es nicht könne.

Dreimal hörte er darüber hinweg, dann nicht mehr. Das war beim Schützenfest.

Es gab einen ziemlichen Aufruhr, ein paar Verletzte, dem Schützenkönig wurde die Königskette abgerissen, und der Herr Kaplan nannte es einen Skandal.

Außerdem musste der Zahnarzt dem Bruder des Bürgermeisters die Zahnbrücke flicken.

Fortan trank Walter seinen Korn und sein Bier zu Hause, aber man sah ihn deswegen nicht mit fröhlicherer Miene auf dem Rotthof und auf der Mastweide, oder durchs Dorf fahren, wenn er die Eier nach Bonn brachte.

Abends saß er meist über den Büchern. Er rechnete aber nicht, er grübelte.

All die Geschichten fielen ihm ein, die er über die Vorbesitzer des Rotthofes gehört hatte. Nie hatte es auf dem Hof eine Geburt gegeben.

Es musste schon was dran sein, dass vielleicht ein Fluch auf dem Rotthof lag.

Tagsüber war er gereizt, wurde jähzornig und brüllte schon wegen einer Kleinigkeit herum. Der Helfer, ein ruhiger Mann aus dem Westerwald, nahm das eine Weile hin, dann kündigte er.

Es dauerte fast ein halbes Jahr, bis Walter eine neue Kraft fand. Die war aber nicht halb so gut.

Das war nicht dazu angetan, seine Laune zu bessern.

Den Nachbarn blieb das nicht verborgen. Die Ehe ging aus den Fugen, man erwartete, dass er Anna davonjagte und sich eine Jüngere auf den Hof holte, oder dass er abends zu irgendwelchen Frauenzimmern fuhr.

Der Wahrheit kamen sie im Prinzip sehr nahe, nur verhielt es sich etwas anders.

Der Vorschlag zur Trennung kam nämlich von Anna.

„Lass dich scheiden, der Hof braucht einen Erben“, sagte sie eines Abends. „Ich kriege keine Kinder mehr.“

In den letzten Monaten hatte sie ihn zu fürchten begonnen. Er schrie schon morgens mit ihr herum. Und nun erwartete sie ein neues Unwetter.

Er starrte sie aber nur ganz groß und ganz verwundert an und sagte: „Das werden wir ja sehen. Scheidung ist nicht. Die Frau auf dem Hof bist du.“

In dieser Nacht weinte Anna viele Stunden. Dass Walter so garstig war, lag an den Kindern, die nicht kamen. Mindestens vier hatte er haben wollen.

Dass nun gar nichts mehr war, daran gab sie sich die Schuld. Warum hatte sie auch auf der Kälberweide nicht besser achtgegeben!

Walter wünschte sich Kinder so sehr, und sie konnte sie ihm nicht schenken. Am besten war, sie ging einfach fort. Erst mal zu ihrer Schwester in den Erftkreis.

Dann war auf dem Rotthof der Platz für eine Andere frei.

In dieser Nacht war noch jemand im Haus wach. Bis zum Morgen brannte in Walters Büro das Licht. Er sagte nichts, er schaute sie nur übernächtigt an. Am Nachmittag machte er die Eiertour in die Stadt.

Bei seiner Rückkehr war Anna fort. Dazu fehlten ein paar Kleider, das gute Kostüm, der kleine Koffer und ihre Tasche, die sie einmal als Souvenir von einer Fahrt mit dem Landfrauenverein an den Gardasee mitgebracht hatte.

Walter lief herum, als suchte er den gestrigen Tag. Schließlich kam ihm der Lehrling in die Finger.

„Wo ist die Bäuerin?“

„Fort.“

„Was heißt fort? Wohin fort?“

„Mit dem Taxi. Der Kürtens Jupp ist vorgefahren, sie ist eingestiegen, und fort war sie. Mit Gepäck. Hab mich bloß gewundert, warum sie’s nicht schon längst gemacht hat.“

„Halt’s Maul!“

„Ich halt’s nicht! Sie sind nicht gut zu ihr. Meine Mutter hätte sich das vom Vater nicht gefallen lassen. Bei uns im Nachbardorf hat einer seine Frau geprügelt, angefangen hat es wie hier. Da hat sie ihm die Mistgabel reingesteckt.“

Walter Kierdorf überlegte, ob er dem Lehrling eine runterhauen sollte, oder ob es besser war, einmal gründlich nachzudenken.

Landwirtschaftliche Lehrlinge waren schwer zu bekommen, also dachte er nach.

Danach suchte er die Telefonnummer von Josef Kürten heraus und rief ihn an. Der betrieb das einzige Taxi im Dorf.

„Du hast heute die Anna gefahren. Wohin?“

„Das soll ich dir nicht sagen.“

„Sollst du’s nicht oder willst du’s nicht? Wohin?“

„Hör mal, Walter, das geht nur sie was an.“

„Mich auch. Also?“

Der Kürtens Jupp wurde schwankend. Bei jenem denkwürdigen Schützenfest hatte er einiges abgekriegt. Bald war wieder Schützenfest, und mit dem Rotthofbauern waren sie damals nicht einmal zu acht fertig geworden.

Andererseits hatte ihn Anna gebeten, kein Sterbenswort verlauten zu lassen, wohin er sie gebracht hatte.

Fein saß er jetzt in der Zwickmühle.

„Wenn du mich so fragst“, sagte er vorsichtig, „die Frau, die an die Tür kam, sah der Anna zum Verwechseln ähnlich.“

Da wusste Walter Bescheid. Er zog sich um und fuhr nach Köttingen zur Schwägerin.

Die fiel aus allen Wolken und wollte ihn nicht zur Tür herein lassen.

„Ist die Anna da?“

„Warum?“ Feindselig funkelte sie ihn an.

„Das sag ich ihr selber.“ Groß und stark und breit stand er vor der Tür.

Plötzlich hörte er Schritte im Hausflur. An der Schwägerin vorbei sah er Anna aus dem Wohnzimmer kommen.

Wie vom Donner gerührt blieb sie stehen, genau unter der Wandlampe. Die Knie gaben ihr nach, haltsuchend lehnte sie sich an die Wand.

„Komm!“, sagte Walter. „Du und ich, wir gehören auf den Hof.“

Er schimpfte nicht, er drohte nicht, er stand einfach draußen unter der Türlampe und schaute sie an.

Nach einer ganzen Weile nickte sie zaghaft.

„Tu’s nicht, Anna!“, warnte ihre Schwester. „Geh nicht zu dem Saukloben zurück, dir tut’s noch leid!“

Aber Anna ging schon, um zum zweiten Mal an diesem Tag zu packen.

Walter trug ihr Gepäck zum Kombi und verstaute es.

Auf der Rückfahrt wartete sie ängstlich auf den Moment, wo er sie anzuschreien begann, weil es jetzt niemand hörte, dass er ihr Vorhaltungen machte, weil sie fortgegangen war, und wegen der Leute.

Gar nichts sagte er. Sie merkte, dass er sie ein paarmal von der Seite anblickte.

Erst als der Rotthof im Scheinwerferlicht auftauchte, brummte er etwas und bremste.

Jetzt fängt er an, dachte sie bang. Jetzt geht es los!

Er machte eine Kopfbewegung gegen den Hof. „Das haben wir doch für uns aufgebaut und nicht für eine Andere. Mir kommt keine auf den Hof. Du hättest nicht fortlaufen sollen.“

„Immer deine Vorwürfe! Ich hab’s nicht mehr ausgehalten.“

Er nickte, als sähe er das ein. „Saukloben sagt die Schwadschnüss zu mir!“ Langsam legte er die schwieligen Hände um das Lenkrad. „Ab morgen fährst du die Eiertour mit, und nächste Woche machst du’s allein. Du musst öfter raus hier. Das wird alles ganz anders.“

Sie hörte es, und sie wollte ihm gern glauben. Doch sie kannte ihn. Vielleicht ging es zwei Tage gut, dann aber war er wieder grob und ungerecht.

Vom Haus her kam schwanzwedelnd Harras gelaufen, starrte unschlüssig ins grelle Licht, dann kam er auf die rechte Seite getrottet und kratzte an der Beifahrertür.

Wenigstens einer, der zeigt, dass er sich über meine Rückkehr freut, dachte sie und ließ ihn einsteigen.

Er sprang ihr auf den Schoß, begrüßte sie stürmisch und freudig winselnd und mit der Schnauze stoßend und fuhr stolz die letzten fünfzig Meter mit.

Als sie durch die Haustür traten, sagte Walter: „So ist es gut.“

Es war kein Triumph in seiner Stimme, keine überhebliche Zufriedenheit, dass er sich durchgesetzt hatte. Er sagte es einfach so. Es klang ehrlich.

„Weil es seine Ordnung hat?“, fragte Anna.

„Weil du wieder da bist.“

Er tat sich schwer, Gefühle auszudrücken und gute Gefühle zu zeigen.

Auch in dieser Nacht lag Anna wach und fragte sich, was die Zukunft brachte.

Der neue Tag kam und ging, der nächste, noch einer.

Walter kam ihr wie umgekrempelt vor.

Seit langer Zeit gab es keine bösen Worte mehr. Wirklich nahm er sie auch auf die Eiertour mit, zeigte ihr die Hotels und Restaurants und die Privathäuser und die kürzesten Wege.

Als die neue Woche begann, durfte sie allein losfahren.

Nach vierzehn Tagen kannte sie bereits die Küchenchefs, einige Besitzer, zwei Köchinnen von Privathaushalten und die Hausfrauen. Sie kam mit ihnen ins Gespräch und fand heraus, dass es überwiegend ganz reizende Leute waren, die auch ihr Päckchen zu tragen hatten.

Von dem heißersehnten Nachwuchs, der nicht kam, sprach Walter nicht mehr. Anna bemerkte das wohl. Sie hatte sich auch damit abgefunden, dass auf dem Rotthof keine Kinder geboren wurden.

Um so mehr überraschte es sie, dass er kurz vor Weihnachten ohne Vorwarnung davon redete. Zunächst hörte es sich ganz anders an.

„Du kennst doch die Winters, frag mal die Frau, ob du zu ihrem Mann in die Sprechstunde gehen kannst.“

„Ich bin nicht krank. Warum?“

Er schaute ziemlich hilflos. „Der ist doch Frauenarzt, ich meine, vielleicht wird’s nichts wegen der zwei, du weißt schon.“

Jetzt war es heraus.

Anna versteifte sich. „Wir reden besser nicht mehr davon.“

„Du magst Kinder auch.“

„Wir kriegen keine.“

„Vielleicht liegt’s an, an einer Kleinigkeit. Wir verstehen nichts davon. Aber der Winter ist Doktor. Frag die Frau. Die haben ein Kind, die werden das schon verstehen.“ Seine Augen glänzten vor Eifer.

Sie sträubte sich. „Wie stellst du dir das vor, ich mit dem Eierbrett in der Hand?“

„Warum nicht? Der Doktor soll dich doch nicht für umsonst untersuchen. Das wird bezahlt. Die Leute erwarten ja auch nicht, dass wir die Eier verschenken. Heutzutage kostet alles sein Geld. Wann bist du wieder dort? Wart mal!“ Er holte den Ausfahrplan. „Am Freitag. Frag die Frau, die ist immer so nett.“

„Ich weiß nicht.“ Anna fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut.

„Oder soll ich mal wieder die Tour fahren und fragen? Ich trau’ mich schon.“

Sie merkte, dass er hartnäckig blieb und nicht davon abzubringen war. Halbherzig versprach sie, die Frau Doktor zu fragen, ob es mal möglich sei, zu ihrem Mann in die Sprechstunde zu kommen.

Am Freitag, als sie mit dem Eierbrett zum Haus ging, nahm sie allen Mut zusammen und brachte schüchtern ihr Anliegen vor.



7

Ihre ganze Angst erwies sich als unbegründet. Frau Winter blickte zwar etwas verwundert, nahm sie aber sofort mit hinein, als sei das die selbstverständlichste Sache der Welt, und rief ihren Mann an.

Bei dieser Gelegenheit hörte Anna, dass der Doktor an der Paul-Ehrlich-Klinik arbeitete.

Sie wollte schon einen Rückzieher machen. Von Krankenhäusern hatte sie genug. Aber dann dachte sie an Walter und stellte sich sein Gesicht vor, wenn sie ohne gute Nachricht nach Hause kam.

Frau Winter machte für sie einen Termin nach Weihnachten aus und lud sie noch zu einer Tasse Tee ein.

In diese etwas ungewöhnliche Runde krabbelte unbekümmert das Baby der Winters hinein.

Aufmerksam beobachtete Helga Winter, mit welcher Liebe und Hingabe Frau Kierdorf sich mit Klein Stefan befasste und darüber die Umgebung, den Tee und die Unterhaltung vergaß.

Die Frage nach den eigenen Kindern der Frau schenkte sie sich beim Anblick dieses Bildes, denn das war schon die klare Antwort.

Abends, als Florian heimkam, hatte sie eine lange Unterhaltung mit ihm und schilderte ihm ihren Eindruck und den Verdacht, den sie hatte.

„Schon möglich, aber dazu kann ich ohne eingehende Untersuchung gar nichts sagen“, meinte er.

In der zweiten Januarwoche kam dann Anna Kierdorf in seine Sprechstunde.

Die Befragung nahm er sehr behutsam vor. Nur sehr zögernd erzählte sie ihm von den zwei Fehlgeburten. Sie war gehemmt, sie hatte Angst.

Die körperliche Untersuchung erhärtete die Aussage der Frau. Er stellte schwartenartige Uterusadhäsionen fest, Verwachsungen, die eine erfolgreiche Einbettung des Keimes in die Gebärmutterschleimhaut verhinderten.

Zustande gekommen waren die Adhäsionen als Folge einer stürmischen Abrasion. Das gefiel ihm nicht.

„Es sind ja zwei Ausschabungen vorgenommen worden, Frau Kierdorf“, sagte er und blickte zuversichtlich und freundlich. „Und danach haben Sie gewiss Schmerzen und außergewöhnliche Blutungen gehabt. Bitte, versuchen Sie sich jetzt genau zu erinnern, ob die Schmerzen nach der ersten oder zweiten Ausschabung größer waren.“

Da brauchte sie gar nicht nachzudenken. „Nach der zweiten, Herr Doktor.“

Er machte sich eine Notiz. „Hat es stark nach geblutet?“

„Das wohl nicht, aber sehr lang.“

„Wie lange?“

„Bestimmt drei Wochen.“

Das ließ nur den Schluss zu, dass sich schon nach der ersten Abrasion Verwachsungen gebildet hatten, die bei der zweiten Ausschabung ganz erheblich in Mitleidenschaft gezogen wurden und schwartige Wucherungen zur Folge hatten. Er machte sich eine weitere Notiz.

„Hat danach mal eine Regel ausgesetzt?“

„Nein, Herr Doktor.“

„Was war denn damit?“, fragte er freundlich. „Sie brauchen sich doch nicht zu genieren, Frau Kierdorf. Sehen Sie, auf dem Stuhl, auf dem Sie jetzt sitzen, haben schon Frauen Platz genommen, die wollten vor Scham im Boden versinken, nur weil ich fragte, wo es ihnen weh tut. Ich möchte jeder Patientin helfen, ich kann das aber nur, wenn ich ein genaues Bild gewinne.“

Anna nickte tapfer. „Ja, schon, das ist wohl so, Herr Doktor. Aber über solche Sachen redet man halt nicht, das ist ,das ist “

„Unanständig, meinen Sie?“ Er lächelte gewinnend. „Wir reden doch über Ihren Körper, über einen Teil davon, und dass dieser Teil sich nicht so verhält, wie er sollte. Der Körper ist eine ganz natürliche Sache und besitzt ganz natürliche Einrichtungen. Es fällt doch niemandem ein, zu behaupten, der Kopf etwa, sei eine unanständige Sache. Der gehört doch auch zum Körper. Sehen Sie das mal so und vergessen Sie alles andere. Regeln sind also nicht ausgeblieben. Haben sie sich zeitlich verschoben?“

„Ja. Manchmal um eine Woche.“ Wieder schrieb er. Die lange Nachblutungszeit nach der zweiten Abrasion ließ sich ja noch erklären. Die Schmerzen waren ein Indiz dafür, dass es zu einer Eileiterentzündung gekommen war.

Diese trat nach Fehlgeburten gelegentlich auf. Dann blieben hastig herangereifte Follikel meist als Blase stehen.

„Hatten Sie nach der zweiten Ausschabung noch unter anderen Beschwerden zu leiden, Frau Kierdorf? Zum Beispiel Verstopfung oder Durchfall?“

„Schlecht war mir, jeden Tag.“

„Haben Sie sich übergeben?“

„Auch, ja.“

„Und wie ist das jetzt? Unmittelbar nach der Regel, meine ich.“

„Manchmal wird mir immer noch schlecht. Das gibt sich aber nach ein paar Tagen.“ Besorgt blickte sie ihn an.

Die Symptome deuteten zumindest auf eine chronische Eileiterentzündung hin.

„Tja, Frau Kierdorf, dann schlage ich doch vor, dass Sie mal für drei Tage zu uns kommen, damit wir eine eingehende Untersuchung machen können. Wir werden Sie röntgen und ein paar Tests mit Ihnen machen. Jetzt wäre doch gerade die Zeit, wo Sie gut abkömmlich sind.“

Ganz behagte ihr das nicht. „Schon, übern Winter stellen wir nie mehr als achtzig Kälber ein. Aber mit den Ferkeln geht es doch bald wieder los. Und zu dritt bei den vielen Hühnern und nachmittags noch die Tour, geht’s nicht anders, Herr Doktor?“

„Leider nicht. Die Entscheidung muss ich natürlich Ihnen überlassen. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wünschen Sie und Ihr Mann sich von ganzem Herzen Kinder. Der Erfüllung dieses Wunsches steht, soweit ich das jetzt schon sagen kann, eine Störung im Weg. Ich muss die Natur dieser Störung ganz genau erkennen, wenn ich sie beseitigen soll. Eher werden Sie keine Kinder haben können, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht“, schränkte er ein.

Ihre großen braunen Augen blickten so sehnsüchtig und zugleich so erschrocken, dass er zu ahnen begann, wie sehr ihre Ehe durch die Kinderlosigkeit belastet war.

Er stellte ein paar Fragen. Die Antworten bestätigten seine Vermutung.

Noch hielt die Ehe. Nüchtern ausgedrückt war sie ein Zweckverband auf Gedeih und Verderb.

Irgendwann aber musste sie für beide Partner zur Hölle werden. Rund und harmonisch war sie die letzten Jahre ohnehin nicht verlaufen, die zurückliegenden paar Monate ausgeklammert.

Unvermittelt zupfte die Frau ein Taschentuch hervor und schneuzte sich geräuschvoll. Sie hatte sich bewundernswert in der Gewalt. Nur ihren Augen konnte sie nicht befehlen. Die bekamen rote Ränder.

„Besprechen Sie sich mit Ihrem Mann, Frau Kierdorf“, empfahl er. „Und dann rufen Sie hier an und lassen sich von meiner Sprechstundenhilfe einen Termin geben.“

Sie schluckte aufgeregt. „Ja, Herr Doktor. Es wird das Beste sein.“

Danach hörte er nichts mehr von ihr, und schließlich hätte er den Fall völlig aus den Augen verloren, wenn ihn nicht die Frühstückseier vom Rotthof gelegentlich daran erinnert hätten.



8

Es ging schon auf das zeitige Frühjahr an, als das Ehepaar Kierdorf ganz überraschend in die Sprechstunde geschneit kam.

Anna Kierdorf machte einen sehr entschlossenen Eindruck. Walter Kierdorf nicht. Er stellte eine Menge skeptischer Fragen und gab zu erkennen, dass ihn die Klinik und die geplante Untersuchung seiner Frau mit Unbehagen erfüllten.

Nur allmählich gelang es Professor Winter, seine Zweifel auszuräumen.

Eine Woche später kam Frau Kierdorf dann wirklich zur dreitägigen Untersuchung in die Klinik.

Die Röntgenkontrastdarstellungen brachte die Ursache der Kinderlosigkeit zutage.

Übeltäter waren die schwartigen Verwachsungen, die so stark in die Bauchhöhle drückten, dass sie beide Uterintuben, die Eileiter, abknickten und eine Tubenquetschung bewirkten.

Dr. Winter nahm unter Assistenz von Dr. Mittler eine Perturbation vor.

Doch die Tubendurchblasung mit Kohlendioxyd brachte keinen Erfolg.

Es blieb nur ein operativer Eingriff übrig, um die Tubenquetschung zu beheben.

Frau Kierdorf hatte Einwände gegen das Bauchaufschneiden, aber nun war es ihr Mann, der ihr gut zuredete.

Als Professor Winter versicherte, dass sie hernach wie neu sei, und dass vor allem nach Beachtung einer gewissen Schonzeit der Bestellung des Nachwuchses nichts mehr im Weg stehe, willigte sie ein.

Der Eingriff verlief reibungslos, und Professor Winter war einigermaßen gespannt, wann er erfahren würde, dass seine Bemühungen von Erfolg gekrönt waren und sich Nachwuchs auf dem Rotthof ankündigte.

Da Helga jeden Freitag von dort den Wochenbedarf an Eiern gebracht bekam, rechnete er sich eine gute Chance aus, zum engen Kreis derer zu gehören, die zuerst davon hörten.

Das Ereignis ließ jedoch auf sich warten.



9

Dieser Meinung war auch an diesem Morgen Walter. Wie so oft in den letzten Wochen blickte er Anna skeptisch an. Er hatte sich alle Mühe gegeben. Mochte der Kuckuck wissen, woran es nun noch lang.

„Der Doktor kocht man auch bloß mit Wasser“, brummte er.

„Warum?“

„Na, ist was? Ich seh’ nichts, du sagst nichts. Ist wohl doch was dran, was über den Hof gesagt wird.“

„Nun werd’ doch nicht schon wieder ungeduldig“, entgegnete sie. „Es braucht alles seine Zeit.“

„Von Anfang an sind keine Kinder geboren worden“, knütterte er.

„Auf das dumme Geschwätz gebe ich nichts. Überhaupt bin ich mit dem Doktor ganz zufrieden. Der hat sich richtig Mühe gegeben.“

„Ich etwa nicht?“ Es sah gerade so aus, als wollte er wieder wütend werden.

„Ich beschwer’ mich ja nicht. Außerdem brauche ich heute Nachmittag das Auto.“

„Ich brauch’s auch.“

„Ich muss aber in die Klinik!“

Jetzt wurde er misstrauisch. „Schon wieder? Ich denke, du bist mit dem Doktor zufrieden?“

Anna wirkte mit einem Mal recht verlegen.“ Ich geh’ in seine Sprechstunde, und die ist in der Klinik. Das Mädchen hat mir für heute einen Termin gegeben.“

„Du hast angerufen? Hast du aber nichts von gesagt!“

„Gestern schon. Ich wollte erst mal die Untersuchung abwarten.“

Er war etwas begriffsstutzig und kratzte sich am Kopf. „Was die bloß immer zu untersuchen haben! Dann nimm halt das Auto.“ Er griff die Jacke vom Haken und schlüpfte hinein. An der Tür blieb er stehen. „Du bist doch nicht etwa krank?Ich meine ..

Anna sah wie blutübergossen aus. Zögernd sagte sie: „Morgens wird mir jetzt immer schlecht. Das könnte was bedeuten.“

Jetzt endlich verstand er. „Du, das wäre was!“ Ein Lachen flog über sein Gesicht. Dann kamen ihm Zweifel. „So richtig wie damals ...?“ Erschrocken verstummte er.

Wie damals bei den Kindern, die ich nicht behalten durfte, dachte sie und nickte. „Genau so.“

Ängstlich beobachtete sie sein Gesicht. Dieses Lachen hatte sie so lange nicht mehr an ihm gesehen. Es tat ihr gut und entschädigte sie für viele hässliche Stunden und böse Worte.

Mit ein paar Schritten war Walter beim Tisch und zog seine Anna von der Eckbank hoch. Kräftig fasste er sie unter und stemmte sie in die Höhe bis unter die Decke.

Er war rein närrisch vor Freude. Schließlich wollte er sie auch noch herumschwenken. Plötzlich aber schaute er ganz erschrocken und stellte sie behutsam auf die Füße zurück. „Das machen wir man besser nicht. Am Ende passiert noch was. Du, ich fahr’ dich in die Stadt rein, was meinst du?“

„Ist nicht nötig, und jetzt lass mich los, der Hund guckt schon ganz jeck!“

Harras hatte sich vorsichtshalber erhoben, weil ihm das ganze Treiben fremd und unverständlich war. Und weil man nie wissen konnte, fletschte er obendrein die Zähne.

Walter betrachtete seine wohl gerundete Frau, als müsste sich schon etwas erkennen lassen. „Ich fahre dich doch besser hin. Und du machst jetzt nur noch leichte Arbeiten.“ Draußen auf dem Flur begann er zu pfeifen.

Harras spitzte verwundert die Ohren.

Noch verwunderter waren der Helfer und der Lehrling. Sie kamen aus der Ferkelmasthalle und wollten Augen und Ohren nicht trauen, als sie den Rotthofbauern pfeifend und mit ganz anderem Gesicht als gewöhnt zum Kälberstall gehen sahen.

Anna stand am Fenster und blickte ihm nach.

Mein Gott, wenn es nun blinder Alarm ist, dachte sie beklommen. Er freut sich doch wie ein Kind! Was denn dann? Hätte ich nur den Mund gehalten!



10

Mit dem Martinshorn scheuchte Hennes Grossmann den morgendlichen Berufsverkehr an den Straßenrand und blies die Kreuzungen frei. Hier draußen ging das noch.

Doch mit jedem Kilometer näher an Bonn heran nahm die Verkehrsdichte zu.

„Die fünfzehn Minuten kann ich nicht halten!“, rief er Dr. Schwarzauer hinten zu.

Die „Pfeife“ widmete ihm nicht einmal einen Blick, knurrte dafür aber unheildrohend: „Sie können, Mensch, oder ich reiße Ihnen den Kopf ab und nähe ihn verkehrt herum drauf!“

Grossmann hielt den Mund. Starke Sprüche von Schwarzauer war er nicht gewöhnt. Das war eine völlig neue Erfahrung. Die musste er erst verarbeiten.

In rasender Fahrt nahm er eine Kurve.

Die Sauerstoffflaschen klirrten in der Halterung, Emil Müggenburg wurde von der Fliehkraft gegen die Milchglasscheibe gedrückt, in der nur ein schmaler Normalstreifen Aus- und Einblick gestattete. Schwarzauers Metallkoffer rutschte von der Ablage und prallte mit einer Ecke dem Arzt schmerzhaft ins Kreuz.

„Was ist denn, was ist denn?“, keuchte Schwarzauer und schüttelte den Funktelefonhörer. Mit der Ambulanz hatte er gesprochen und Alarm gegeben, damit alles vorbereitet war, wenn sie mit dem Unfall ankamen.

Jetzt wartete er auf die Verbindung mit einem Internisten des Hauses. Er musste eine Reihe von Maßnahmen ergreifen, um das Mädchen überhaupt lebend in die Klinik zu bringen. Wegen des anaphylaktischen Schocks brauchte er guten Rat der inneren Medizin. Das war nichts für die Chirurgie.

„Müggenburg, übernehmen Sie das verdammte Ding!“ Mit diesen Worten drückte er Emil den Hörer in die Hand und betrachtete das Gesicht des Mädchens. Die Blaufärbung der Haut ging langsam zurück.

„Für wie lange haben wir Sauerstoff?“

„Mindestens zwei Stunden.“ Emil lauschte in den Hörer. „Hallo?“ Er schüttelte den Kopf. „Immer noch nichts.“

Schwarzauer hantierte bereits an der Bordapotheke. Der Sauerstoffmangel im Gewebe drohte zu einer Hypoxie auszuwachsen. Die stark erschwerte Atmung des Mädchens hatte den Status einer Dyspnoe bereits erreicht. Die Sauerstoffzufuhr über das Beatmungsgerät war ein Notbehelf. Außerdem musste die Atemmaske herunter, wenn er eine Magenspülung versuchte.

Er hatte keine Ahnung davon, ob das schon mal in einem dahin rasenden Klinomobil versucht worden war. Die Einrichtung dafür war vorhanden.

Er war entschlossen, den Versuch zu wagen.

In der Bordapotheke fand er das gesuchte Medikament: Glonoinum Kapseln. Die enthielten medizinisches Nitroglyzerin. Das Nitro besaß die lobenswerte Eigenschaft, in Sekundenschnelle die Gefäße zu öffnen und die Koronararterien zu erweitern.

Er hob die Maske an, öffnete mit einem energischen Griff den Mund und zwängte die Kapsel zwischen die Zähne.

Ein kurzer Druck gegen den Unterkiefer ließ die Kapsel zerbrechen.

Aufatmend setzte Schwarzauer dem Mädchen die Maske wieder auf und kramte weiter in der Apotheke.

Jetzt benötigte er Lobelin. Das verwendeten sie stets in der Chirurgie, wenn es zu Zwischenfällen kam. Lobelin wirkt gegen verminderte Atmungsreserven und Atemstörungen.

Die Schachtel mit den Ampullen befand sich zuunterst.

Er zog den Inhalt einer Ampulle auf und injizierte die gesamten 3 Milligramm intravenös.

Zusammen mit dem Glonoinum musste das jetzt eine Stabilisierung ergeben.

„Immer noch nichts?“ Er schoss einen Blick auf Müggenburg, dem bereits der Schweiß auf der Stirn stand.

Emil schaute schon fast verzweifelt.

„Grossmann, notieren Sie mal vorsichtshalber, wie lang das dauert!“, bestimmte Schwarzauer und griff mit der linken Hand nach einem Plastikwännchen. Das Mädchen rollte gerade aus der Seitenlage zurück. „Müggenburg, eine Hand haben Sie ja frei! Halten Sie den Kopf!“

Zu zweit gelang es ihnen, den Unfall in Seitenlage zu halten.

Schwarzauer, die „Pfeife“, entfernte die Atemmaske und hielt das Ohr an die Nase des Mädchens.

Große Erleichterung überkam ihn, als er immerhin flache Atemstöße wahrnahm. Ideal war das nicht, aber besser als nichts schon.

Wieder zwängte er den Mund auf und kitzelte mit einem Spatel die hintere Gaumenpartie. Es bestand die Hoffnung, dass sich das Mädchen erbrach.

Erwartungsvoll hielt er das Wännchen unter.

Es erfolgte keine Reaktion. Mochte der Himmel wissen, wann das Mädchen bereits das Schlafmittel geschluckt hatte.

Er probierte es noch einmal.

„Das wird nichts mehr!“, sagte Emil resignierend.

„Wenn ich um Ihre geschätzte Meinung bitte, sage ich das vorher!“, motzte ihn die ,Pfeife' an. „Schlauch, aber dalli!“

Während Müggenburg den dünnen Schlauch aus dem Schränkchen zerrte und mit der anderen Hand noch immer das Telefon hielt, spritzte der Arzt bereits etwas Atropin zur Vermeidung eines Vagusreflexes.

Mit Grausen und für einen Augenblick dachte Schwarzauer an schwere innere Verletzungen des Unfalles und an die Möglichkeit, mit dem Schlauch gar nicht bis zum Magen vorzudringen.

Einerlei er musste auch noch dieses Risiko eingehen, um das Zeug aus dem Magen zu holen, das noch nicht von Pankreas und Magensäften angegriffen, umgebaut und aufgenommen war.

Er machte den Schlauch gleitfähig und führte ihn mit Fingerspitzengefühl in die Speiseröhre ein.

Neben sich hörte er Müggenburg reden. Endlich war die Verbindung da! Voller Grimm vermutete er, dass man ausgerechnet einen Internisten gewählt hatte, der noch im Bett lag, oder genüsslich beim Frühstück saß.

„Was soll der Quatsch?“, brauste Müggenburg auf. Seinem Tonfall war zu entnehmen, dass ihm unheimlich wurde. „Wieso die Zentrale? Ihr seid wohl nicht ganz gebacken! Die Innere, Herrgott noch mal! Und etwas plötzlich!“

Schwarzauer fuhr herum. Ihre Gesichter waren nur eine Armlänge auseinander.

„Da verscheißert uns wer!“, knurrte Müggenburg.

In Schwarzauers Brust tobte ein Aufruhr. Vor Minuten hatte er mit Kollege Schräder in der Ambulanz gesprochen. Schräder war schließlich nicht auf den Kopf gefallen und kannte die wichtigsten Hausanschlüsse auswendig. Zur Not konnte er sich der Telefonliste bedienen, die neben dem Apparat an die Wand gepinnt war.

Eine Bösartigkeit, dass der Notruf nicht zur Inneren durchgegangen, sondern bei der Zentrale gelandet war? Eine Retourkutsche für die diagnostizierte Pyosalpinx in der Nacht?

Er hatte nie bemerkt, dass Schräder nachtragend war.

Jetzt hielt er es für möglich. Insbesondere eingedenk der Seelenmassage, die ihm dieser burschikose Kohlrabikopf aus der Gynäkologie und das in Windeseile zusammengetrommelte OP-Team verabreicht hatten.

Ein Trottel war er, dass er seit einem Jahr den Mund und dafür den Buckel hinhielt.

Ein fürchterlicher Zorn und eine wilde Verbissenheit überkamen ihn.

„Grossmann, Sie notieren doch?“, rief er nach vorn.

„Keine Sorge, die Sauerei liefere ich Schwarz auf Weiß eigenhändig ab!“ Es hörte sich an wie ein Schwur.

Schwarzauer hatte wegen der Seitenlage Schwierigkeiten mit dem Schlauch. Ständig erwartete er, auf Widerstand zu stoßen, auf eine Speiseröhrenruptur oder eine Abquetschung.

Wenn er eine Fingerbreite geschafft hatte, wurde ihm wieder ein Stückchen besser zumute.

Schließlich war er unten. Es wurde ihm nicht einmal bewusst, dass er weniger als eine halbe Minute benötigt hatte.

Mit traumhaft sicheren Handgriffen schloss er den Schlauch an das Gerät an und begann mit der Magenspülung. Vielleicht war mit der Dialyse noch etwas zu machen.

Er hielt das Wännchen wieder unter und betrachtete eingehend, was aus dem Ableitschlauch heraus plätscherte.

Ausgiebig gefrühstückt hatte das Mädchen auf keinen Fall.

Eine Riechprobe wehte ihm sauren Dunst in die Nase und den unverwechselbaren Duft eines stark fermentierten Barbiturats. Die Fermente des Pankreas, der Bauchspeicheldrüse, hatten bereits kräftig an dem Schlafmittel genagt.

Fast fürchtete er schon, dass das Mädchen alle Tabletten säuberlich zerkaut hatte, aber da kamen die ersten weißen Stückchen.

„Gut so, immer weiter damit!“, brummte er vor sich hin. Je mehr von dem Zeug herauskam, um so besser waren die Überlebenschancen des Mädchens. Zumindest von der Schlafmittelvergiftung her.

„Jetzt klappt es!“, meldete Müggenburg aufgeregt. „Wollen Sie?“ Er reckte Schwarzauer den Hörer hin. „Doktor Nettebohm.“

„Vier Minuten, siebzehn Sekunden!“, meldete Hennes Grossmann. Seine Stimme bebte vor Grimm.

.„Habe alle Hände voll“, sagte Schwarzauer. „Drücken Sie mir den Hörer ans Ohr.“

Er brachte das Kunststück fertig, seine zusammengeklappte lange Gestalt in der Kurve, die Grossmann eben mit unverschämter Geschwindigkeit nahm, senkrecht zu halten, das Wännchen auszubalancieren, den Spülungsdurchfluss zu regulieren und dabei noch zu telefonieren.

„Anaphylaxie nach Tetanus-Prophylaxe, Herr Kollege“, sagte er mit erzwungener Ruhe und ganz klar und deutlich, um jeglichen Missverständnissen vorzubeugen. „Einhergehend mit Selbsttötungsversuch mittels Barbiturat und offenbar selbst herbeigeführtem Verkehrsunfall. Eine schwarze Zyanose besteht auch...“

Er wollte noch weitere Erklärungen abgeben, doch Dr. Nettebohm rief konsterniert dazwischen: „Wenn es sich hier nicht um eine Ihrer meisterlichen Diagnosen handelt, dann liegt eine völlig infauste Situation vor...“

Schwarzauer unterbrach ihn seinerseits: „Die Situation wird in der Tat unrettbar, wenn Sie sich noch mit langem Wehklagen auf halten, Herr Kollege! Was kann ich gegen die Anaphylaxie unternehmen? Bitte kurz und bündig.“

Nettebohm schnaubte entrüstet. „Nun, schließlich ist es Ihre Haut, die Sie zu Markte tragen! Sind Sie ganz sicher, dass es sich um einen sofortigen Primärschock handelt?“

Schwarzauer zog es die Kopfhaut zusammen. Die Verantwortung nahm ihm niemand ab, die trug er nun ganz allein. Und was war in einem Fall wie diesem schon ganz sicher?

Aber da war das typische Erscheinungsbild, die Ödembildung, die Blaufärbung, der kalte Schweiß, die Atemnot und die Kreislaufschwäche.

„Ganz sicher“, antwortete er.

„Was haben Sie vorbeugend gespritzt?“ Das hörte sich wie eine Verurteilung an.

„Ein Landarzt war so aufmerksam, die Morgenbescherung anzurichten“, knurrte Schwarzauer. „HyperTET zweihundertfünfzig IE. Muss eine Venula erwischt haben.“

Anders konnte er sich das auch nicht erklären. Bei der intramuskulären Applikation hatte Dr. Nies eine kleine Vene getroffen.

„Geben Sie ein Glucocorticoid!“, empfahl Nettebohm. „Haben Sie Prednisolon an Bord?“

„Moment!“ Schwarzauer fasste Müggenburg ins Auge. „Prednisolon?“

Emil schütte den Kopf.

„Nicht da“, sprach Schwarzauer in den Hörer.

„Dann nehmen Sie etwas anderes. Celestan solubile, Monocortin S und zur Not auch Hydrocortison...“ Nettebohm wurde ungeduldig.

Der hat gut reden, dachte Schwarzauer. Der sitzt in der Klinik, und wenn er was braucht, hustet er nur, und schon flitzen Assistenten und Schwestern und schaffen es herbei!

Er blickte in die Bordapotheke. Da war nichts von dem enthalten, was der Internist aufgezählt hatte.

Aber in seinem Koffer hatte er ein paar Ampullen Fortecortin. Vielleicht ging es damit.

„Müggenburg, sehen Sie im Koffer nach, im Ampullenfach Fortecortin müsste reichlich da sein!“

Emil hatte schon die flache Schachtel ergriffen und hielt sie ihm hin.

Nettebohm hatte mitgehört. „Sie Glückspilz! Genau das Richtige bei einer schweren anaphylaktischen Reaktion. Geben Sie initial fünfzig Milligramm intravenös. Es sind doch Mono-Ampullen?“

„Völlig richtig.“

„Halten Sie fünfzig Milligramm in Reserve. Wenn’s ganz dick kommt, applizieren Sie die noch intramuskulär. Mit der anderen Geschichte müssen Sie Zusehen, wie Sie über die Zeit kommen.“

„Habe ich schon mit Glonoinum und Lobelin in Angriff genommen.“

„Ja, dann ...“ meinte Nettebohm. „Ich begebe mich in die Ambulanz.“

„Das könnte nicht schaden.“ Schwarzauer gab Müggenburg zu verstehen, dass der ihm den Hörer wegnehmen konnte.

Respektvoll schielte Emil dabei in den Metallkoffer. Der Doktor mochte eine Pfeife sein, aber er war eingerichtet wie jemand, , dem im düstersten Augenblick das Glück freundschaftlich zur Seite stand.

Schwarzauer kontrollierte die Flüssigkeit, die aus dem Ausleitungsschlauch plätscherte. Keine Sekunde hatte er die Dialyse unterbrochen.

Der Mageninhalt schien ausgespült.

Er holte den Schlauch heraus und zog ihn zur Kontrolle durch die Finger. Es haftete kein Blut daran. Damit war die Wahrscheinlichkeit einer Speiseröhrenzertrümmerung oder Quetschung ausgeschlossen.

Emil kippte das Wännchen samt Inhalt in einen Plastiksack und verschloss ihn. Den Schlauch packte er in einen Beutel.

„Soll ich sie wieder beatmen?“, fragte er.

„Immer zu!“, forderte ihn Schwarzauer auf. „Das gibt Reserven.“

Er köpfte bereits die zweite Brechampulle und zog ihren Inhalt ebenfalls auf.

„Legen Sie jetzt die Stauschlinge an!“

Grossmann fuhr wie von Hornissen gestochen. Draußen kreischten irgendwo Räder.

Das Klino wurde dermaßen durchgerüttelt, dass Schwarzauer dreimal ansetzen musste, bis er in die Armvene einstechen konnte.

„Schlauch ab!“

Er drückte den Kolben nieder und injizierte das Fortecortin.

Müggenburg nahm ihm die leere Spritze ab und schloss sie weg, bevor sich noch einer rein setzte.

Erwartungsvoll maß Schwarzauer wieder den Puls des Mädchens. Erst war er schlecht fühlbar gewesen.

Jetzt wurde er lebhaft. Der Körper erzeugte den Rettungspuls, beginnende Tachykardie zeichnete sich ab.

Die kritische Situation spitzte sich zu. Durch die Atropingabe war der Vagusnerv beeinflusst. Der musste jetzt aber einspringen, um den Puls herunter zu steuern.

Schwarzauer kam es wie eine Ewigkeit vor, bis ihm der Vagus den Gefallen tat und den Puls in Richtung einer Bradykardie umlenkte.

Mit Sicherheit nahm jetzt der Kohlendioxyd-Anteil im Blut rapide zu. Besser, er gab noch etwas Adrenalin, bevor es zur Azidose kam.

Während er eine kleine Gabe setzte, wedelte ihm Müggenburg mit einer Ambulanzkarte unter der Nase herum. „Das müssen Sie aufschreiben, da blickt nachher kein Mensch mehr durch.“

„Ich schon“, belehrte ihn Schwarzauer. „Ist alles hier registriert.“ Er tippte sich an den Kopf.

Er gab auch noch ein Antihistaminikum und machte sich dann daran, die Karte gewissenhaft auszufüllen und die ungefähren Uhrzeiten dabei zu schreiben.

Müggenburg nahm das Dokument an sich. „Jetzt können wir nur noch die Daumen drücken.“ Er wandte sich nach vorn. „Schaffst du’s, Hennes?“

„Muss ich wohl. Mein Kopf gefällt mir so ganz gut, wie er jetzt drauf sitzt“, antwortete der Fahrer mit grimmigem Humor.

Der Doktor machte etwas Ordnung im Klino und notierte die Ampullenfehlmenge, damit nicht vergessen wurde, den Metallkoffer aufzufüllen. Auch ein Arzt, der zum Noteinsatz ausgeschickt war, blieb nicht vom bürokratischen Krimskrams verschont.

Plötzlich starrte er angestrengt auf sein linkes Hosenbein, auf das Knie, den weißen Leinenschuh. Das Hosenbein war feucht. Rot tropfte es von oben herab.

Sein Blick ging höher. Es kam aus der Trage.

Aus der Folie tropfte Blut!

Nies hatte doch nur von großflächigen und wenig blutenden Hautabschürfungen gesprochen.

Da stimmte etwas nicht!

Mit ein paar Handgriffen öffnete er die Folie.

Das Mädchen schwamm in seinem Blut!

„Schnell, die Kugelschere!“, schrie er den zusammenfahrenden Müggenburg an.

Emil reckte den Hals und gewahrte die Blutlache, während er blindlings nach der Schere mit den kugeligen Spitzen griff und sie dem Doktor in die ausgestreckte Hand klatschte.

Schwarzauer schnitt dem Mädchen die Jeans auf. Die Fetzen klappte er zur Seite.

Vom rechten Beckenkamm zum vorderen oberen Darmbeinstachel rechts zog sich furchenförmig eine Platzwunde. Das Blut war geronnen, die enganliegenden Jeans hatten die Koagula breit gedrückt und verschmiert.

Die Ursache der beängstigenden Blutung konnte das nicht sein.

Lag womöglich eine gravierende Unterleibsverletzung vor?

Wenn er sich das Aussehen des Mopeds vor Augen führte und überhaupt bedachte, wie man auf solch einer motorisierten Kaffeemühle zu sitzen pflegt, dann sprach alles dafür, dass das Mädchen durch den Anprall mit dem Unterleib gegen den Tankverschluss und gegen die Lenksäule geschleudert worden war.

Behutsam palpierte er die Nabel- und Schamregion und die Leistengegend.

In der Umbilicalis, der Nabelgegend, ertastete er ein seltsam weiches Gebilde, das ihm sofort unter den Fingern verschwand.

Durch hartnäckiges Suchen spürte er es in der Tiefe des Gewebes wieder auf. Es hatte ungefähr Apfelgröße und war von nicht zu definierender Beschaffenheit.

Außerdem entwischte es ihm erneut.

„Müggenburg, packen Sie mal mit an. Ich brauche eine Rückenlage.“

Emil schaute zweifelnd. Die „Pfeife“ sollte eigentlich über die stabile Seitenlage, und besonders darüber froh sein, dass sich der Zustand des Unfalles nicht dramatisch verschlechterte. Da war es wahrhaftig nicht nötig, ein zusätzliches Risiko heraufzubeschwören.

Außerdem verkündete Grossmann eben, dass sie in fünf, sechs Minuten da seien.

Also sträubte sich Emil. „Muss das sein?“

Schwarzauer maß ihn mit einem Blick, als wollte er ihn auf der Stelle fressen.

Da gab Emil klein bei und sagte besser nichts mehr.

Kaum befand sich das Mädchen in Rückenlage, als Schwarzauer wieder dem apfelartigen Gebilde nachspürte.

Er suchte es bis hinunter in die Pubica-Region, den Schambereich.

Das Ding blieb unauffindbar. Aber es war da, er hatte es zweimal gespürt.

Er dachte an eine gewaltige Blutkoagulation, eine Gerinnselzusammenballung im Bauchraum.

Koagula wurden aber niemals so hart und selten so groß.

Die Sache gefiel ihm immer weniger. Eigentlich gab es für die Sache nur noch eine vernünftige Erklärung, und die gehörte in den Fachbereich der Gynäkologie.

„Die Blutung wird ja immer schlimmer!“, rief Emil alarmiert.

„Sehe ich selber“, knurrte Schwarzauer. „Helfen Sie mir!“

„Wobei?“

„Die Schere, schnell!“

Der Doktor zerschnitt den Slip des Mädchens.

„Dafür feuern sie uns!“, warnte Emil. „Davon erfährt der Professor, und dann springt er bis an die Decke!“

„Was kümmert Sie es? Wenn einer fliegt, dann ich. Und heraus ist das auch nicht.“

Das Blut, das sich in der Folie sammelte, quoll aus dem Genital. Ob aus der Harnröhre oder dem Scheideneingang, stellte Schwarzauer nicht fest. Äußerliche Verletzungen bemerkte er nicht.

Nach der Blutung musste es innen katastrophal aussehen.

„Sterile Vorlage!“ Er streckte die Hand aus.

Müggenburg riss ein Päckchen an. Schwarzauer praktizierte die Vorlage mit Hilfe der Verpackung so zwischen die Oberschenkel des Mädchens, dass er den Sterilmull nicht mit den Fingern zu berühren brauchte.

Der Doktor war nicht zu bremsen, und Emil erkannte resignierend, dass das vermeintliche Verhängnis ebenfalls nicht aufzuhalten war.

Wenn sie schon flogen, dann sollte ihnen keiner nachsagen können, sie hätten schlechte Arbeit geleistet.

Er schloss den Absauger an, als Schwarzauer das verlangte. Schlürfend nahm das Rohr Blutwasser und die Koagula aus der Folie auf.

„Blutersatz!“

Emil angelte eine Flasche aus dem Thermosschrank. Der Doktor riss eine Packung auf und schloss den Infusionsschlauch an. Zielsicher setzte er die Venenkanüle in den linken Arm, drückte die in den Schlauch eingedrungenen Luftblasen nach oben, weil ihm das selbsttätige Aufsteigen zu lange dauerte, und stellte die Tropfenfolge im Kontrollbecher ein.

Im nächsten Augenblick packte ihn eine unwiderstehliche Kraft und riss ihn nach vorne.

Er prallte gegen Müggenburg, der krampfhaft die Flasche in die Höhe hielt und mit der anderen Hand eben noch einen Haltegriff erwischte.

Schwarzauer flog noch gegen den Thermosschrank und verfluchte grimmig die Fahrkünste von Grossmann. Die Räder des Klinos kreischten, drei, vier Autohupen gellten draußen wütend los.

„Nasenbär, blöder!“, sagte Grossmann und gab schon wieder Gas.

Schwarzauer rieb sich die Schulter und sah, dass nichts im Klino passiert war. Das hob seine Laune beträchtlich.

Minuten später signalisierten die altbekannten Schleuderbewegungen nach rechts und links, dass sich das Klino auf der Zufahrt zur Klinik befand.

Das Horn hatte Grossmann abgestellt.

Endlich bremste er. Das Motorengeräusch veränderte sich, klang dumpf und hallend.

Stimmen mischten sich dazwischen. Türen knallten.

Das Klino stand in der Schleuse.

Jemand riss die hintere Wagentür auf.

Jetzt passiert es, dachte Müggenburg, als er das höhnische Gesicht von Schräder erkannte und dahinter das von Nettebohm.

Zwei Pfleger standen außerdem bereit, eine Schwester. Und ein Techniker schob ein mobiles Beatmungsgerät herbei.

„Na, dann rücken Sie mal Ihren anaphylaktischen Schock heraus, Herr Kollege!“, sagte Schräder mit seltsamer Betonung.

Müggenburg und Schwarzauer lösten die Verriegelung der Trage und hoben den Unfall hinaus. Müggenburg hielt angestrengt die Flasche mit dem Blutersatz immer einen halben Meter höher.

„Die Karte!“, zischte Emil.

Schwarzauer trug noch den Blutersatz ein und drückte Nettebohm das wichtige Dokument in die Hand.

Als er sich ächzend aufrichtete und die lange Gestalt streckte, verschwand das Team mit dem Mädchen schon durch die Zugangstür zur Ambulanz.

Grossmann kam um das Klino herum. „Das waren genau dreizehn Minuten.“

Schwarzauer betrachtete ihn und lachte schließlich. „In Ordnung, dann bleibt der Kopf drauf!“ Und dann fügte er anerkennend hinzu: „Das war blitzsaubere Maßarbeit. Ich denke, wir fahren noch öfter zusammen.“

Er griff in den Wagen, wuchtete seinen Metallkoffer heraus und eilte dem Team nach.

Er musste von seinem Verdacht berichten, bevor die das Mädchen auf die Tabula nahmen und zu schneiden begannen.



11

Die allgemeine Visite schien an diesem Morgen überhaupt nicht zustande kommen zu wollen.

Professor Winter war noch mit den Berichten beschäftigt, als ihn ein Anruf seines Oberarztes Mittler in den Kreißsaal rief. Irgendwelche Komplikationen. Genauer ließ sich Mittler nicht aus. Seine Stimme klang gejagt.

Wilde Hektik empfing den Chefarzt wenige Minuten später beim Betreten des Kreisssaales.

Schwester Luise, die Hebamme, saugte gerade einem winzigen Neugeborenen die Atemwege frei.

Dr. Mittler arbeitete an der Mutter auf dem Gebärstuhl. Simon-Stoll assistierte ihm, Dr. Pusch nahm gerade etwas in Empfang und hob es in die Höhe ein zweites Neugeborenes. Und dazu sagte sie zu Mittler: „Sie hätten ruhig etwas höher reizen können. Es sind schon zwei Buben.“

„Und was für welche! Der hier wiegt keine drei Pfund, und der dort sieht auch nicht gerade stramm aus“, bemängelte die Hebamme. „Geben Sie mir den Kavalier her!“

Jetzt entdeckte die Laufschwester den Chefarzt und zischte ein: „Achtung!“, in den Saal.

Die meisten Köpfe fuhren herum. „Morgen, Herr Chefarzt!“, dröhnte es Professor Winter entgegen. Bloß ein Pfleger im Hintergrund griff dem Gang der Dinge vor und rief: „... Herr Professor!“

Dafür verpasste ihm die Laufschwester einen Rippenstoß.

„Morgen, allerseits.“ Professor Winter blieb außerhalb des Sterilitätsbereiches. „Wo klemmt es?“

Der Betrieb lief nach der kurzen Unterbrechung weiter. Hella Pusch trug den zweiten Winzling zum Absaugen.

Ohne sich umzuwenden, brummte Dr. Mittler unter dem Mundschutz: „Drillinge ohne Vorwarnung. Keine Untersuchung, keine Begleitpapiere. Mutter ist zweitgebärend. Nach ihren Worten ist sie vierzehn Tage über die Zeit...“

„Zwei haben Sie doch schon, Herr Kollege.“

„Den dritten Lümmel hätten wir auch gern, aber der hat sich quer gelegt und die Nabelschnur aufgerollt“, meldete Dr. Mittler. „Versorgung seit zwei Minuten unterbrochen.“

Das hieß, es war höchste Eisenbahn, sonst erstickte das Kind im Mutterleib mangels Sauerstoffzufuhr.

„Mundschutz!“, rief Professor Winter. „Handschuhe!“

Schimanski regulierte seine Narkosegeräte. Wie es aussah, hatte er der Mutter einen passablen Rausch gegeben. Jedenfalls wirkte sie nicht ansprechbar.

Die Laufschwester eilte mit Mundschutz und Handschuhen herbei und vermummte den Chefarzt. Manka zog ihm die Handschuhe über.

„Kopf rechts!“, rief Dr. Mittler. „Vakuumextraktor!“

Professor Winter trat an den Stuhl, betastete die Bauchdecke, bis er den Kindskopf spürte, und setzte einen Drehgriff an.

Langsam wich der Kopf dem sanften Druck und bewegte sich nach unten.

„Stuhl zurück!“, verlangte Professor Winter.

Schimanski leierte an der Verstellung.

Mit den Augen dirigierte der Chefarzt die Kollegin Simon-Stoll.

„Jetzt den Bracht-Griff!“, wies er sie an, als er sah, dass Mittler die Saugglocke einführte.

„Zwei Minuten dreißig!“, mahnte Schwester Manka. In ihren Augen über dem Atemschutz war nichts mehr von asiatischer Ruhe zu erkennen. Die körpereigenen Reserven des Kindes waren erschöpft.

„Saugglocke sitzt!“, keuchte Dr. Mittler. Er war vom Schemel gerutscht, als er die Glocke dem gerade noch ertastbaren Kinderschädel aufsetzte. „Handpumpe ein!“

Dr. Pusch griff zu und stellte einen Unterdruck her, bis der Manometerzeiger deckungsgleich auf der roten Skalenmarkierung stand. „Vakuum hergestellt!“

Dr. Mittler ließ die rechte Hand drin, mit der linken ergriff er die Kette.

Bei einer Extraktion zog man nicht am Schlauch selbst, weil der leicht abging, sondern an der Kette, die im Schlauch verlief.

„Bitte unterstützen!“, verlangte er. Professor Winter und Simon-Stoll drückten durch die Bauchdecke schräg auf die Gebärmutter und erzeugten einen unterstützenden Schub.

Mittler brachte die Kette zentimeterweise hervor und veränderte die Zugrichtung zur Waagerechten.

Professor Winter spürte, dass der Durchtritt Schwierigkeiten bereitete. Ein Uterusreflex, wie er bei Mehrfachgeburten vorkam.

„Noch mal“, sagte er und erzeugte im Verein mit Simon-Stoll einen weiteren Schub, der aber nur annähernd die Durchtrittswehen ersetzen konnte.

„Zwei Minuten fünfzig!“ Jetzt war Panik in Schwester Mankas Stimme.

Dr. Mittler hatte ein weiteres Stück Kette ans grelle Lampenlicht gefördert. Professor Winter beugte sich vor und erkannte, dass der Kopf unmittelbar vor der Entwicklung stand.

Mittler veränderte ein weiteres Mal die Zugrichtung, jetzt nach oben.

Hella Pusch tat einen erleichterten Atemzug, der im gesamten Kreißsaal zu hören war.

Der Kopf war entwickelt.

Dr. Pusch öffnete das Ventil und hob das Vakuum auf. Mittler nahm die Saugglocke ab, reichte sie nach hinten und griff schon mit beiden Händen zu. Er entwickelte rechte, dann linke Schulter und hatte zehn Sekunden später den letzten des Trios draußen.

Die Nabelschnur hatte sich mehrfach um den Hals des Kindes geschlungen.

„Zwei Klemmen!“, verlangte er.

Manka hielt sie schon hin.

Er klemmte die Nabelschnur ab, durchtrennte sie und wickelte mit Hilfe von Dr. Pusch die würgende Umschlingung ab.

„Noch ein Junge“, sagte jemand.

Dafür hatten die Ärzte jetzt aber keinen Blick übrig. Das Neugeborene war blitzeblau.

Dr. Pusch hielt es an den Beinchen hoch und trug es zum Tisch der Hebamme, die noch mit dem Wiegen und Vermessen der ersten beiden beschäftigt war.

Sie saugte die Atemwege des Winzlings ab und begann mit der Beatmung.

Dr. Mittler warf ihr einen Blick zu und sagte dann zu seinem Chefarzt: „Danke, Herr Kollege, die Nachgeburt mache ich schon. Wenn Sie sich bitte um den dreifachen Nachwuchs kümmern möchten?“

Professor Winter hatte keine Einwände. Für ihn war es eine selbstverständliche Sache, dem Team zur Verfügung zu stehen. Mittler war in diesem Falle der leitende Arzt, und ihm ordnete man sich unter.

Die reibungslose Zusammenarbeit war wichtig und nicht die Stellung innerhalb der Klinik.

Anderswo wurde das anders gehandhabt, das war ihm bekannt. Aber er war entschlossen, den alten Zopf abzuschneiden und frischen Wind in die verkrusteten Strukturen fahren zu lassen.

An der Reaktion des Teams merkte er, dass die Leute ihm das hoch anrechneten.

Mit ihrem altbekannten flotten Mundwerk sagte denn auch die Hebamme respektlos, als er an ihren Tisch trat: „Willkommen beim Brötchen backen, Herr Doktor. Hier, halten Sie mal den Wicht!“

Ehe er sich’s versah, drückte sie ihm einen Nackedei in die Hände und schob ihn zum vorbereiteten Inkubator. „Legen Sie ihn rein. Und nicht zimperlich, der geht nicht gleich aus den Fugen. Die Naseninfusion legen wir ihm sofort an.“

Sie werkte noch mit dem Zweiten herum und befestigte die Kennnummer am Handgelenk.

Irgendwelche Namen hatte die Mutter bei der Einlieferung nicht genannt, die in Betracht kamen. Von Drillingen hatte sie schon gar nicht gesprochen. Das waren so die Überraschungen, die der Klinikbetrieb mit sich brachte.

Um Verwechslungen auszuschalten, hatte Schwester Luise einfach drei Markierungsbänder gegriffen und mit „Drilling 1“, „2“ und „3“ beschriftet.

Professor Winter bettete die Nummer eins in den temperierten Inkubator. Das winzige Kerlchen sah verrunzelt aus, wie ein vorjähriger Apfel. Es gab glucksende Laute von sich, was nicht gerade ein schlechtes Zeichen war.

Die Hebamme kam schon mit Nummer 2. Dieser Wicht brüllte dünn, aber zum Gotterbarmen.

„Wird’s nicht?“, fragte sie über die Schulter. Auf dem Tisch beatmete Dr. Pusch immer noch die Nummer 3. Die Blaufärbung ließ zusehends nach. Weitere Zugeständnisse machte das Neugeborene nicht an die fremde kalte Umwelt.

Geburtsschock, konstatierte Professor Winter und kam Dr. Pusch zu Hilfe.

Die Saugwirkung der Glocke hatte eine Kopfgeschwulst entstehen lassen. Sie sah gefährlicher aus, als sie war.

„Geben Sie noch mal Sauerstoff!“, riet er.

Dr. Pusch verabreichte noch eine Dusche, während die Hebamme schon geschickt hantierte und den Spätling säuberte.

„Erst legt er sich quer, und nu will er auch hier nicht!“, räsonierte Schwester Luise. „Zu ’nem Drilling gehören bekanntlich drei. Also hab dich nicht so! Herr Doktor, braten Sie ihm ruhig mal was über!“

Die gute Luise war noch nie eine Freundin großartiger Förmlichkeiten gewesen. Sie schob die winzigen Füße einfach dem Chefarzt in die Hand.

Professor Winter legte den Zeigefinger zum Kreuzgriff zwischen die winzigen Fußknöchel. „Komm schon, Musketier!“ Er hob die Nummer 3 hoch.

Die Hebamme nickte aufmunternd. Also klatschte er dem Wicht hinten eine drauf.

Ein klägliches Protestgeschrei beantwortete diese ungebührliche Behandlung.

„Nu haben wir sie zusammen“, erklärte Luise zufrieden. „Unsere drei Musketiere! Wie finden Sie das, Herr Doktor? Klingt doch brauchbar!“

Unter munteren Reden nahm sie den Kleinen an sich, verpasste ihm seine Kennnummer, kontrollierte den Nabelverband und verfrachtete ihn mit Schwung auf die Waage.

„Sehr dünn, mein Herr!“, befand sie. „Vierzehnhundertdreiundachtzig Gramm, Sonderbehandlung.“ Eine Schwester trug unverzüglich die Gewichtsangabe ein.

„Siebenundvierzig Zentimeter!“, meldete die Hebamme. „Das ist auch nicht gerade die Welt. Da müssen wir ordentlich was zufüttern. So, und jetzt ab dafür.“

Sie hob den dritten Musketier in den Inkubator und fuhr den dabeistehenden grinsenden Pfleger an: „Was gibt’s da zu griemeln? Machen Sie das erst mal nach, dann können Sie wieder mitreden.“

„Ich bin nicht verheiratet“, wehrte der Pfleger ab.

„Anfänger!“, speiste sie ihn ab und reckte den Kopf wie eine Glucke, wenn der Habicht über dem Hühnerhof auftaucht. „Wo bleiben die Naseninfusionsbestecke?“

Im Handumdrehen bildete sich um die Inkubatoren eine zweite Menschentraube.

Professor Winter legte die Infusionen selber und klebte die Schläuche mit Heftstreifen auf den winzigen Nasenflügeln und der Neugeborenenstirn fest.

„Verständigen Sie den Kinderarzt!“, wies er Dr. Pusch an. „Er muss sie sehen, bevor sie auf Pflegestation kommen.“

Mehrlingsgeburten galten grundsätzlich als Risikokinder. Wegen des geringen Geburtsgewichtes traf das auf die drei Musketiere in besonderem Maße zu.

Das Blut musste untersucht, die Blutgruppe bestimmt und mit der von Mutter und Vater verglichen werden.

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