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Noah

Sebastian Fitzek

titelseite

Thriller

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Sandra

 

 

 

 

 

Zur Geburt Jesu Christi lebten dreihundert Millionen Menschen auf unserem Planeten.

 

Heute sind es sieben Milliarden.

 

In jeder Minute kommen 156 weitere Menschen hinzu.

Stufe I

Die Wachenden haben eine gemeinsame Welt, doch im Schlummer wendet sich jeder von dieser ab an seine eigene.

Heraklit

1. Kapitel

Alicia wurde von der Stille geweckt. Sonst waren es die Schreie, die sie in unregelmäßigen Abständen aus dem Schlaf hochschrecken ließen, doch heute Nacht war es anders. Heute Nacht blieb es stumm an ihrer Brust.

»Noel?«, flüsterte sie und tastete nach dem Köpfchen ihres Sohnes. Es war kurz vor ein Uhr morgens, also gab es vermutlich keinen Strom in Lupang Pangako, der »Endstation«, wie Quezon Citys größter Slum im Großraum Manila von den Bewohnern genannt wurde. Doch selbst wenn sie Licht hätte machen können, hätte Alicia sich dagegen entschieden.

Jay schlief, und das war ein Segen. Sie wollte ihren Siebenjährigen nicht wecken, sonst würde er sich wieder daran erinnern, dass es gestern nichts zu essen gegeben hatte.

»Gleich, mein Schatz«, hatte sie spätabends auf seine ungeduldigen Fragen reagiert und dabei das köchelnde Wasser umgerührt. »Du hattest einen anstrengenden Tag in Payatas. Ruh dich aus, ich weck dich, sobald die Suppe fertig ist.« Er hatte genickt, mit der ernsten Miene seines Vaters Christopher, die Augen gerötet vom vielen Reiben, aber gegen die Dämpfe auf der größten philippinischen Müllkippe war man einfach machtlos. Zehntausend »Scavangers« arbeiteten dort, Aasgeier, wie sie sich selbst bezeichneten – die Hälfte von ihnen Kinder wie Jay, immer mit dem Schlachtruf »Einhundert« auf den Lippen, sobald ein neuer Müllwagen aus der 12-Millionen-Metropole eintraf. »Einhundert« stand für »Einhundert Pesos«, der Preis für ein Kilo Kupferdraht. Mit Metall konnte man sehr viel mehr als mit Plastik verdienen, weswegen Jay zehn Stunden des Tages damit verbrachte, Autoreifen und Elektrokabel zu verbrennen, um das billige Gummi von dem wertvollen Rohstoff zu lösen.

Zum Glück war er ein folgsamer Junge und hatte sich gestern in seine Ecke auf den mit Sand ausgestopften Reissack gelegt, ohne zuvor in den Topf auf der Feuerstelle zu blicken. Sonst hätte Alicia ihm erklären müssen, weshalb sich nichts als Wasser und Kiesel darin befanden.

Mein Kind hungert, und ich koche Steine.

Alicia wunderte sich, dass sie überhaupt noch die Kraft zum Weinen fand. Zum Stillen fehlte sie ihr anscheinend.

»Noel?«

Sie versuchte vergeblich, ihren kleinen Finger zwischen die Lippen des Neugeborenen zu stecken. Sechs Tage war er jetzt alt, und anfangs hatte er noch mit Inbrunst an allem genuckelt, was sein Mund berührte. Heute ballte er nicht einmal mehr die Fäustchen.

Seit sie vor zwei Jahren zum ersten Mal den Fuß in diese Schattenwelt gesetzt hatte, wurde sie das Gefühl nicht los, in einem umgekippten Bienenstock zu leben. Zehntausende Seelen, zusammengepfercht am Rande der Müllkippe, verschmolzen in Lupang Pangako zu einem lebenden Organismus. Eine sich windende und wachsende Wellblechschlange, gespeist von einem niemals abreißenden Nachschub an menschlichem Strandgut, eingehüllt in eine Wolke ätzend säuerlichen Gestanks nach Abfall und Exkrementen.

Hin und wieder häutete sich die Schlange, Wirbelstürme und Regenfälle rissen ganze Wohnstreifen ab und trieben sie mitsamt ihrem kläglichen Inhalt wie Plastiktüten vor sich her. Viele schon hatten versucht, die Schlange zu töten. Gedungene Helfer legten Feuer, Planierraupen überrollten »versehentlich« schlafende Familien. Oder die Schlange vergiftete sich selbst, indem sie ihre Kinder in dem grünbräunlichen Fluss badete, in dem wegen der eingeleiteten Industriebrühe schon lange keine Fische mehr schwammen.

Doch Alicia wusste, sie hätte es noch schlechter treffen können. Ihre Hütte im Herzen des Slums war groß, ganze vier Quadratmeter für nur sechs Personen, und ihre Wände bestanden aus festen Kartonbrettern, nicht aus einer losen Plane wie die der Nachbarbehausung. Seit einem halben Jahr, seitdem ihr Mann Christopher nicht mehr lebte und ihre zwei Brüder in der Stadt auf einer Baustelle übernachten durften, hatten sie genügend Platz gehabt, und Jay musste nicht im Sitzen schlafen, so wie sie selbst es tat. Angelehnt an den Sperrholzverschlag für die Notdurft, das Baby an die ausgedörrte Brust gepresst, hatte sie versucht, die Augen zu schließen, und war tatsächlich für einige Stunden in einen Traum von einem besseren Leben gesunken, das sie aus dem Fernsehen kannte. Auch sie hätte sich hinlegen, die Beine ausstrecken können, Platz war genug, aber sie hatte Angst vor den Ratten. Letzte Woche erst hatten sie dem Säugling ihrer besten Freundin in den großen Zeh gebissen. Das Fieber hatte das zehn Wochen alte Mädchen nicht überlebt.

Und wird Gott dich auch zu sich nehmen, Noel? Ist das sein Plan?

Noch war ihr Baby nicht gestorben, wie sie erleichtert feststellte. Noch hörte sie seinen rasselnden Atem, zitternd wie der eines alten Mannes. Sie spürte Noels Bauch hart und unnachgiebig mit jedem Atemzug gegen ihre Hand drücken. Und in dem fahlen Mondlicht, das durch die Lücke im Wellblech fiel, sah sie seine großen Augen. Dunkel glänzend wie Klavierlack.

Silvania, eine katholische Ordensschwester, die hin und wieder nach ihnen sah, dachte, es wäre die Armut, die das Gesicht einer Zweiundzwanzigjährigen in das einer alten Frau verwandelt hatte. Aber sie irrte sich. Es war die Scham.

Alicia schämte sich, Steine zu kochen, weil die zweihundert Pesos, die Jay in den letzten zwei Tagen zusammengeschuftet hatte, gerade einmal für Señor Ramos reichten, einen Händler aus Makati, der einen Schlauch durch das Elendsviertel gelegt hatte, um hier das Wasser mit einem satten Aufschlag zu verkaufen; er nahm viel mehr Geld, als die Reichen zahlen mussten, die nur wenige Kilometer entfernt in ihren klimatisierten Villen hinter meterhohen, stacheldrahtbewehrten Zäunen in ihren Swimmingpools badeten.

Alicia schämte sich, ihren Sohn am nächsten Morgen wieder auf die Deponie schicken zu müssen, damit er barfuß, nur mit einer dreckigen Unterhose bekleidet, in dem Müll herumstocherte, in einer Wolke von Fliegen stehend, glücklich, wenn er einen halbvollen Joghurtbecher fand, denn den konnte man noch an Ort und Stelle auskratzen.

Und sie schämte sich dafür, dass sie keine richtige Frau war. Dass sie keine Milch geben konnte und ihre Brüste versiegt waren, ausgetrocknet wie der karge Acker ihres Vaters im Nordosten des Landes.

»Er braucht einen Arzt.«

Die Stimme ihres Sohnes riss sie aus der Lethargie, in die sie verfiel, wenn sie zu viel grübelte.

»Du bist wach, Jay«, sagte sie leise.

Ihr Sohn setzte sich in der Dunkelheit auf. »Ich hab dich weinen hören, Mama.«

»Das tut mir leid.«

»Mach dir um mich keine Sorgen. Bring lieber meinen Bruder hier raus.«

Gerade erst sieben, und Jay sprach mit dem bestimmten Tonfall seines Vaters. Es gab vieles, das Christopher ihm vererbt hatte: die traurigen Augen, der ernste Blick, die großen Hände, der Sinn für Zahlen (Jay liebte Mathematik und war ein Ass im Kopfrechnen) und natürlich das Schicksal, in Armut zu leben.

»Einen Doktor können wir uns nicht leisten«, sagte Alicia matt. Jay streckte sich und stand auf. »Ich kenne einen, der behandelt umsonst.«

»Nichts im Leben ist umsonst.«

»Er ist Arzt und kommt auf die Müllkippe, um nach ihnen zu sehen.«

Nach ihnen.

Alicia zündete eine Kerze an, wobei sie sich fragte, ob sie Bedauern in Jays Stimme hörte. Sehnte er sich danach, zu ihnen zu gehören? Zu den etwa dreihundert Kindern, die nicht wie sie nur am Rand, sondern permanent auf der Deponie lebten? Sie träumten davon, Sportler zu werden, Pilot oder – wie Jay – Mathematiklehrer, und sie erzählten einander von ihren Plänen, während sie nach der Arbeit Rugby schnüffelten. Brauchte er diese nach Klebstoff süchtige Gemeinschaft mehr als seine Mutter?

Alicias größte Angst war, dass ihr Sohn eines Tages nicht mehr nach Hause kommen, sondern sein Lager gleich dort im Abfall aufschlagen würde.

»Heinz ist ein netter Mann.«

»Was ist das denn für ein Name?«

»Ein Deutscher. Er ist gut zu uns.«

»Hmm.«

Längst hatte sie den Glauben an das Gute im Menschen verloren – nicht erst, seitdem Christopher bei einer Polizeikontrolle erschossen worden war und der Polizist ihr seine letzten Habseligkeiten nur unter der Bedingung hatte aushändigen wollen, dass Alicia mit ihm schlief.

»Alicia! Jay!«

Die Flamme der Kerze erlosch, als der Duschvorhang, der als Tür der Hütte herhalten musste, ruckartig zur Seite gezogen wurde. Sie konnte das Gesicht des Mannes nicht sehen, da er ihr mit einer Taschenlampe direkt in die Augen leuchtete, aber an der heiseren Stimme hatte Alicia ihren Cousin sofort erkannt.

»Marlon? Was willst du hier?«

»Beeilt euch«, keuchte der junge Filipino. »Los. Wir müssen weg.«

Marlon arbeitete nicht in den Müllbergen. Er war Kurier, der Schnellste unter den jungen Männern, die für Edwin, den Slumlord des Viertels, Drogen und andere Ware auslieferten.

»Wieso? Was ist los?« Instinktiv presste sich Alicia ihr Baby noch fester an die Brust.

»Hörst du das denn nicht?« Marlon leuchtete mit der Taschenlampe zur Decke.

»Ja und?«

Hubschrauber näherten sich. Nichts Besonderes. Die Lichtfinger ihrer Suchscheinwerfer tasteten jede Nacht die Dächer der Slums ab. Ihr Wummern gehörte zum nächtlichen Puls der Schlange.

»Sie riegeln uns ab.«

»Was?«, fragten Alicia und Jay wie aus einem Mund.

»Die Straßen. Jetzt.«

»Was redest du da?«

»Alle Zufahrten werden gesperrt, die Brücken blockiert. Die gesamte Deponie wird abgeschottet. In einer halben Stunde kommt hier keiner mehr raus«, warnte Marlon. Der sorgenvolle Unterton in der Stimme war untypisch für einen Mann, dem drei Striche in die Unterlippe eintätowiert waren. Einen für jeden Auftragsmord, der auf das Konto des Sechzehnjährigen ging.

»Was sollen wir tun?«, fragte Jay. Der Junge bewunderte Marlon, ahmte seine Körperhaltung nach, seinen Gang und jetzt auch seinen mühsam beherrschten Tonfall.

»Lasst alles stehen und liegen. Wir dürfen keine Zeit verlieren.«

»Halt, nein.« Alicia hielt Jay am Handgelenk zurück, der sich bereits an ihr vorbeischieben wollte. »Wir gehen nirgendwohin, bevor du uns nicht sagst, was hier vor sich geht.«

Marlon atmete schwer aus und fuhr sich erschöpft über den kahlrasierten Schädel.

»Ich weiß nichts Genaues, aber die Armee rückt an. Im Auftrag der Gesundheitsbehörde.«

»Die Armee? Was haben die vor?«

»Sie sagen, es ist wegen der neuen Krankheit, du hast es im Radio gehört, oder? Sie haben Angst, die Seuche ginge von uns aus.«

Alicia nickte. Sie hatte eine Unterhaltung am Brunnen aufgeschnappt. Wenn wir dieses Brackwasser hier trinken können, werden wir auch die Manila-Grippe überleben, hatte sie sich gedacht und den Gerüchten keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt. Drogen, Gewalt, Krankheiten, Hunger. Es gab Millionen Möglichkeiten, an denen man hier verrecken konnte, wieso sollte sie sich um eine weitere sorgen?

»Du meinst, die wollen uns in Quarantäne stecken?«, fragte sie. »Das gesamte Quartier?«

»Nein.« Marlon schüttelte den Kopf.

Das Wummern der Hubschrauber über ihren Köpfen wurde lauter.

»Ich glaube, sie wollen uns töten.«

2. Kapitel

Zur gleichen Zeit, 9876 Kilometer Luftlinie entfernt

»Ich muss ihr helfen!«

Für einen Mann, der sich nicht einmal mehr an seinen eigenen Namen erinnern konnte, war er sich in diesem einen Punkt erstaunlich sicher: Er musste das Mädchen davor bewahren, zu dem Kerl ins Auto zu steigen; falls er es nicht tat, würde etwas Schreckliches geschehen.

Weshalb er sich dessen so gewiss war, war ihm nicht klar, und so bald würde er es wohl auch nicht herausfinden, denn im Augenblick hatte er große Mühe, sich zu konzentrieren, da der Mann neben ihm in der Reihe nicht aufhörte, in einem fort auf ihn einzureden.

»Ich weiß ja, dass du keine Labertasche bist, mein Großer, aber ich sag’s dir trotzdem noch mal: Sprich mit niemandem, hörst du? Zu keinem ein Wort. Lass mich für dich antworten, wenn du gefragt wirst. Nur wenn es sich gar nicht vermeiden lässt, wenn es überhaupt nicht anders geht, dann sag, du bist Noah aus Holland und hier nur auf der Durchreise. Das erklärt deinen komischen Akzent, okay?«

Noah nickte stumm.

Während er in den letzten Wochen mehr Zeit mit Nachdenken als mit Reden verbracht hatte, quasselte Oscar mal wieder, als gelte es einen Schnellsprechwettbewerb zu gewinnen. Seine Worte schlugen dicke Atemwolken in der kalten Luft.

Es war Februar in Berlin, und der Winter tat das, was er am besten konnte: Er hatte sein Windmesser aufgeklappt und schnitt sich durch alles, was sich ihm in den Weg stellte: Kleider, Haut, Seelen. Dabei machte er keine Standesunterschiede. Es war ihm gleichgültig, ob er an dem Pelzkragen einer Grunewalder Witwe rüttelte, einem Postboten in Lichtenberg den Schneeregen ins Gesicht klatschte oder – wie in diesem Moment – eine viel zu lange Schlange vor dem Obdachlosenasyl in der Franklinstraße dazu brachte, noch enger zusammenzurücken.

»In zehn Minuten geht’s los.« Oscar gestikulierte beim Sprechen wild mit den ebenso kurzen wie dicken Armen und deutete zum Eingang des grauen Betonhauses, vor dem sich die Traube der Wartenden staute.

»Wir dürfen nicht auffallen, das wär nicht gut. Wenn du kontrolliert wirst, vermeide jeden Blickkontakt. Pluster dich nicht so auf, es wirkt einschüchternd, wenn alle sehen, wie kräftig du bist, und lass mich zuerst vortreten, ja? In der Auffangstation sind Alkohol, Drogen, Zigaretten und Waffen tabu. Du trägst doch keine Waffe bei dir, oder?«

Oscar schenkte ihm einen argwöhnischen Blick, als befürchtete er tatsächlich, Noah habe heute früh beim Stöbern nach Pfandflaschen eine Pistole im Müll gefunden. Dabei stellte er sich auf Zehenspitzen, um den Größenunterschied zwischen ihnen ein wenig auszugleichen. Selbst so reichte er Noah gerade einmal bis zur Brust.

»Schön, ich habe nämlich keine Lust, dass du aussortiert wirst. Heute ist der vierzehnte Februar, vierzehn und zwei macht sechzehn, die Quersumme davon ist sieben. Sieben! Wir können also heute nicht in unser Versteck zurück, verstehst du?«

Nein. Ganz und gar nicht.

Noah verstand das meiste nicht von dem, wovon sein merkwürdiger Weggefährte den ganzen Tag über redete. Streng genommen verstand er sein gesamtes Leben nicht mehr, wobei Leben vermutlich der falsche Begriff für das Dasein war, das er fristete, seitdem er vor gut vier Wochen zum ersten Mal wieder zu Bewusstsein gekommen war; tief unter der Erde, in dem stickigen Verschlag neben dem stillgelegten U-Bahn-Schacht, den Oscar sein »Versteck« nannte.

»Sie führen Spannungsmessungen durch, davon habe ich dir doch erzählt.« Oscar rollte mit den Augen, als habe er es mit einem begriffsstutzigen Idioten zu tun. Mit seiner orangefarbenen Pudelmütze, dem Mormonenbart im kreisrunden Gesicht und einem enormen Kegelbauch wirkte er wie ein Schlumpf, wobei Noah sich wunderte, dass er wusste, wie ein Schlumpf aussah, wo er doch nicht einmal sein eigenes Gesicht in dem Spiegel der Bahnhofstoilette wiedererkannt hatte.

Vielleicht würde es seine Erinnerung beflügeln, wenn er sich die dunklen Haare schnitt und den Bart stutzte, doch er bezweifelte es. Für ihn war der Mann mit den traurigen Augen, der schiefen Nase und dem kantigen Gesicht ein Fremder, in dessen vernarbtem Körper er gefangen gehalten wurde.

»Unser Versteck befindet sich direkt unter dem Ostflügel der Gedächtniskirche.« Oscar flüsterte jetzt, damit die Obdachlosen vor und hinter ihnen nichts von seinen paranoiden Ausführungen aufschnappen konnten. »Geographisch betrachtet liegt das im Bezirk Wilmersdorf, und der hat dort die Postleitzahl 10789. Dreimal darfst du raten, was die Quersumme davon ist. Fünfundzwanzig. Und die von fünfundzwanzig ist? Richtig, sieben.« Oscar blinzelte nervös. »Hast du etwa gedacht, die haben 1993 die neuen Postleitzahlen eingeführt, nur damit die Briefe schneller ankommen? Jaha, das sollen wir alle denken. In Wahrheit ist das ein Code. Der Einsatzplan, nach dem sie ihre Überwachungsroutine koordinieren. An Tagen, deren Quersumme der der Postleitzahl entspricht, müssen wir untertauchen. Begreifst du jetzt, weshalb es so wichtig ist, dass wir da heute reinkommen?«

Nein. Ich begreife kein Wort. Alles, was ich weiß, ist, dass du vermutlich ebenso verrückt bist wie ich.

Noah drehte sich wieder zu dem Mädchen um, das zwei Meter weiter hinten in der Schlange stand. Die Kleine war ihm zuerst ihrer Haare wegen aufgefallen; genauer gesagt wegen der Büschel, die ihr fehlten. Ihr Kopf zeigte mehr Haut als Strähnen, so als leide sie unter den Nebenwirkungen irgendeines grässlichen Medikaments. Noah schätzte sie auf höchstens siebzehn, aber angesichts der schlechten Haut und des fehlenden Schneidezahns war das schwer zu sagen; erst recht für einen Mann, der schon Schwierigkeiten damit hatte, sein eigenes Alter zu bestimmen, das vermutlich irgendwo in den Dreißigern lag.

Seitdem er die Kleine entdeckt hatte, hatte er sie mehr oder minder unauffällig beobachtet, und jetzt, anderthalb Stunden später, meinte er das Mädchen fast besser zu kennen als sich selbst.

Während er nicht wusste, wo er herkam, konnte es keinen Zweifel daran geben, dass sie schon lange auf der Straße lebte. Ihre Augen hatten den Opiumblick, wie Oscar sagen würde, vernebelt und gleichzeitig leer wie bei so vielen, die hier draußen in der Kälte darauf warteten, dass das Obdachlosenasyl endlich seine Tore öffnete.

»Kennst du sie?«, unterbrach Noah seinen Begleiter, der gerade über Spähtrupps und Geokoordinaten schwadroniert hatte.

»Sie?«

Oscar blinzelte, offensichtlich perplex darüber, dass Noah die Sprache wiedergefunden hatte.

»Das Mädchen da.«

Er zeigte an einer Schwangeren vorbei, die mit einem Zigarettenstummel im Mund direkt hinter ihnen stand.

In einiger Entfernung fing ein Kind an zu weinen, und mehrere Männer brüllten sich an, vermutlich stritten sie sich um den letzten Schluck aus einer gemeinsam erbettelten Flasche.

»Wen meinst du?«

»Schräg rechts, die mit den seltsamen Haaren. Sie umklammert einen Rucksack vor der Brust.«

Als wäre ihr Leben drin.

»Die mit dem Vierauge redet?«

»Ja.«

Neben ihr stand ein junger, drahtiger Mann mit schulterlangen Haaren und einer John-Lennon-Brille auf der Nase. Noah hatte ihn dabei beobachtet, wie er vor wenigen Minuten aus einem silbernen Kleinbus mit der Aufschrift »Kältemobil« gestiegen war. Zuerst hatte er gedacht, der Bus würde weiteren Nachschub für das Heim bringen; einen neuen Schwung verlorener Seelen, die jeden Abend vor den Toren der Caritas strandeten. Aber der Fahrer war alleine ausgestiegen und hatte sich suchend umgeschaut, während er zögernd die Schlange abgeschritten war, bis er schließlich das Mädchen entdeckte.

»Das ist Pattrix«, klärte Oscar ihn auf.

Noah nickte. Es hätte ihn auch gewundert, wenn Oscar sie nicht erkannt hätte. Er lebte seit über vier Jahren »auf Platte«. Eine lange Zeit, in der es Oscar erstaunlich gut gelungen war, dem Tauschhandel zu widerstehen, den die meisten seiner Schicksalsgenossen eingegangen waren: Intelligenz gegen Promille.

Mit clownartig großen Stiefeln, mehrlagigen dreckstarren Hosen, einem sich im Zustand der Auflösung befindlichen Norwegerpulli und einer speckigen Fliegerjacke, die sich beim besten Willen nicht über seinem Bauch schließen wollte, war Oscar ähnlich erbärmlich gekleidet wie all die anderen hier, die das Kettenkarussell des Lebens aus der Bahn geschleudert hatte. Was Klamotten anging, hatte Noah mal einen besseren Geschmack gehabt, zumindest, wenn er die Sachen, die er am Leib trug, selbst ausgesucht hatte. Als Oscar ihn fand, halbtot neben den Gleisen, hatte Noah in teurer und warmer Kleidung gesteckt, die ihm heute gute Dienste erwiesen: gefütterte Stiefel mit Gummikappe, schwarze Jeans mit Cargo-Taschen an den Seiten, eine matt glänzende, tiefschwarze Schneejacke mit Kapuze, die sich in der Hüfte zusammenschnüren ließ. Insgesamt schleppte er anderthalb Kilo an Kleidungsgewicht mit sich herum, die lange Unterhose und dicke Thermosocken nicht mitgerechnet.

»Pattrix?«, fragte Noah.

»Ihr Spitzname. Eine Mischung aus Patricia und Pattex.«

Oscar formte mit beiden Händen eine Tüte und tat so, als inhaliere er Klebstoff. »Weshalb glaubst du wohl, sieht die so stumpf aus? Ihr Foto auf einer Zigarettenpackung, und niemand würde mehr rauchen.«

Noah stimmte ihm zu. Womöglich war das Mädchen gerade im Rausch, das würde ihren trüben Blick erklären und auch, weshalb ihr die arktischen Windböen nichts auszumachen schienen. Sie wirkte völlig abwesend, wie in eine andere Welt entrückt. Noah ging jede Wette ein, dass sie nicht einmal wahrgenommen hatte, dass sich ihre Blase vor einer Viertelstunde entleert hatte, wovon ein dunkler Fleck zwischen ihren Beinen zeugte.

Ebenso unwahrscheinlich war es, dass auch nur ein einziges Wort des bebrillten Mannes zu ihr durchdrang, der gerade auf sie einredete. Noah konnte nicht verstehen, was er zu ihr sagte, aber es war offensichtlich, dass er die zugedröhnte Teenagerin dazu bewegen wollte, mit zum Wagen zu kommen.

Zum Kältemobil.

Und das musste er um jeden Preis verhindern, auch wenn Noah in diesem Moment niemandem hätte erklären können, weshalb.

»Hey, bist du verrückt geworden?«

Oscar zog am Ärmel seiner Jacke, um ihn daran zu hindern, aus der Reihe zu treten.

»Wenn du jetzt deinen Platz aufgibst, können sie dich morgen mit einem Eiskratzer von der Straße spachteln.«

Oscar deutete auf die gewaltige Menge vor und hinter ihnen. Von den elftausend Obdachlosen, die die Hauptstadt nach beschönigten Schätzungen zählte, schien die Mehrheit heute Abend den Weg in die Franklinstraße gefunden zu haben. Kein Wunder, wurde doch die kälteste Nacht des Jahres erwartet.

»Ich muss ihr helfen«, erklärte Noah.

»Helfen?«, zischte Oscar erregt und warf einen nervösen Blick über seine Schulter. »Welchen Teil zwischen ›Sag kein Wort‹ und ›Bloß nicht auffallen‹ hast du eben nicht verstanden?« Er tippte sich an die Stirn. »Das lässt du mal schön bleiben, Großer. Außerdem kümmert sich doch schon jemand um die.«

Ja. Aber das ist der Falsche.

Eigentlich hätte Noah erleichtert sein müssen. An Tagen, an denen die Minusgrade in den zweistelligen Bereich sanken, waren die dreiundsiebzig Betten des Nachtheims schneller weg als Schnee auf einer heißen Herdplatte. Das Straßenmädchen musste dringend ins Warme, bevor die Jogginghose an ihren Schenkeln gefror, da kam der Sozialarbeiter wie gerufen. Und dennoch stimmte etwas nicht an dem Bild.

Ein Ruck ging durch die Schlange.

»Okay, es geht los«, sagte Oscar. »Lass dich bloß nicht abdrängen, Noah.«

Noah.

Noch immer hatte er sich nicht an diesen Namen gewöhnt, aber irgendwie musste er ja genannt werden, und Noah lag im wahrsten Sinne des Wortes auf der Hand. Immerhin waren die vier Buchstaben dieses Namens in seinen rechten Handballen tätowiert; ungelenk und mit grober Feder gestochen.

Von wem auch immer.

Der Name war ihm fremd, so wie der Rest der Hölle, in der er aufgewacht war; ohne Papiere, ohne Geld, das Gedächtnis in einem Meer aus Schmerzen ertränkt.

Als er das erste Mal zu sich kam, Oscars gutmütiges Gesicht über sich schwebend, hatte er einen kalten Stofffetzen auf seinem dumpf glühenden Kopf gespürt und ein unerträgliches Brennen in der Schulter, als hätte jemand versucht, ihm einen Nagel durch die Knochen zu treiben.

»Du hättest es schlechter treffen können«, hatte sein Lebensretter drei Wochen später beim letzten Verbandswechsel befunden.

Die Kugel war einmal glatt durch die linke Schulter gegangen. Es war ein Wunder, dass keine wichtigen Sehnen und Nerven verletzt waren, und dieses Wunder wurde nur noch von der Tatsache getoppt, dass Noah nicht an einer Infektion zugrunde gegangen war.

»Dir ist Schreckliches widerfahren«, hatte Oscar zu ihm gesagt. »Aber es hat dir nicht das Leben geraubt. Nur dein Gedächtnis.«

Nur.

Wahrscheinlich müsste er Oscar ewig dankbar dafür sein, dass er ihn gesund gepflegt hatte, dort unten in dem Verschlag, nur eine Mauer von den U-Bahn-Gleisen getrennt, doch angesichts der Umstände, in denen er sich wiedergefunden hatte, wollte ihm das nicht so recht gelingen. Was war ein Leben schon wert, wenn man nicht wusste, woher man kam, was für Wurzeln man hatte und wieso diese von der Axt des Schicksals offenbar mit einem gewaltigen Hieb gekappt worden waren? Ein Leben ohne Erinnerungen, das nur noch von Instinkten gesteuert war, die Noah sagten, dass er weder in diese Stadt noch in dieses Land gehörte. Dass er sich mit Oscar nicht in seiner Muttersprache unterhielt. Und dass der Mann, der Pattrix mittlerweile zu seinem Wagen schob, kein Sozialarbeiter war.

»Bin gleich wieder da«, murmelte Noah und schüttelte Oscars Arm ab, der wütend protestierte, es aber nicht wagte, ebenfalls aus der nach vorne aufrückenden Reihe auszuscheren.

»Komm sofort zurück!«, zischte er ihm hinterher.

Doch er dachte nicht daran, Oscars Rufen Folge zu leisten.

3. Kapitel

»Hey. Hey, Sie da.«

Er war schon nach wenigen Metern erschöpft und spürte die Wunde in seiner Schulter mit jedem Schritt. Noah musste mehrfach rufen, bevor der Mann, der Pattrix wie eine Blinde an der Hand über den Bürgersteig zum Wagen führte, sich endlich zu ihm drehte.

»Meinst du mich?«

»Ja. Stehen bleiben!«

»Wie bitte?«

Der hagere Kerl mit den schulterlangen Haaren zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

Das Mädchen neben ihm blickte teilnahmslos ins Leere wie eine abgestellte Schaufensterpuppe, die Hände schützend vor ihrem nach vorne gedrehten Rucksack verkrampft.

»Was haben Sie mit ihr vor?«, wollte Noah wissen.

Ein arrogantes Lächeln wanderte über die Lippen des Mannes. »Ich weiß zwar nicht, was dich das angeht, aber ich bringe sie in ein Jugendheim, wo sie weit besser aufgehoben ist als in einem Erwachsenenasyl.« Er strich dem Mädchen sanft über den Kopf, was diese mit einem Zucken der Mundwinkel quittierte. Hinter sich hörte Noah, wie Oscar erneut versuchte, ihn zur Rückkehr zu bewegen, aber auch diesen Ruf ignorierte er.

»Sie arbeiten fürs Jugendamt?«, fragte er stattdessen.

»So ist es.«

»Haben Sie einen Ausweis?«,

»Hör mal, Jesus, was ich nicht habe, ist Zeit. Also lass mich bitte meine Arbeit machen. Du siehst doch, das Mädchen muss schleunigst aus der Kälte gebracht werden.«

»Mit einem Mietwagen?«

Der Mann hatte sich wieder zur Straße drehen wollen, doch Noahs Frage ließ ihn in der Bewegung erstarren.

»Wie war das?«

Verdammt, wieso habe ich das gesagt?

Die Worte waren aus Noahs Mund gesprudelt, bevor er gewusst hatte, dass er sie hatte formulieren wollen. Mit den nächsten Sätzen erging es ihm nicht anders. Er hatte das eigenartige Gefühl, sich selbst beim Sprechen zuzuhören.

»Ihr Kleinbus ist frisch gewaschen. Er hat ein Kölner Kennzeichen, was an sich schon ungewöhnlich ist für ein Berliner Behördenfahrzeug. Die nachfolgende Ziffernkombination TX ist für Taxis oder Mietwagen reserviert. Außerdem haben Sie ein großes D als Aufkleber am Heck, so wie es zum Beispiel bei Europcar üblich ist. Einzeln wären die Auffälligkeiten vielleicht zu erklären, in Summe aber zeigen sie mir, dass Sie nicht der sind, für den Sie sich ausgeben.«

Der Mann öffnete den Mund, blieb aber stumm. Noah war kaum weniger erstaunt.

Woher weiß ich das alles?

Sein Kopf war voll mit faktischem Wissen, das hatte er schon herausgefunden: Er kannte die Hauptstadt von Guinea, wusste, dass der Körper die meiste Wärme über den Kopf abgab (weswegen er für die Kapuze seiner Jacke sehr dankbar war) und dass der Mensch bis zu zwei Liter Blut verlieren konnte, wie er selbst erfolgreich unter Beweis gestellt hatte. Aber während er sich offenbar mit fremden Autokennzeichen auskannte, wusste er noch nicht einmal, wie die erste Ziffer seiner Telefonnummer lautete – wenn er denn überhaupt eine hatte.

Er hätte wohl gute Chancen, bei einer dieser Quizshows zu gewinnen, die sich Oscar hin und wieder auf dem kleinen Schwarzweißfernseher ansah, wenn der Empfang im Versteck mitspielte – solange ihm nur keine Fragen über seine eigene Identität gestellt würden.

»Kommen wir zur 500-Euro-Frage: Wer hat auf Sie geschossen?«

»Keine Ahnung. Darf ich das Publikum fragen?«

»Wie viel zahlt man Ihnen für das Mädchen?«, fragte Noah, wieder hätte er nicht zu sagen vermocht, wie er zu dieser Mutmaßung gelangt war. Sein Gehirn arbeitete wie der Autopilot eines Flugzeugs. Er saß zwar im Cockpit, aber der Steuerknüppel bewegte sich von ganz alleine.

»Wie bitte?«

»Ihre Auftraggeber. Geschäftsleute, nehme ich an. Manager, reiche Säcke, die sich einen Kick davon versprechen, wenn sie den Abschaum von der Straße auflesen, um ihn noch mehr zu quälen. Werden Sie von denen pro Opfer oder pro Nacht bezahlt?«

»Du bist doch vollkommen durchgeknallt«, protestierte der Mann, ließ aber die Hand des Mädchens los, als habe sie plötzlich Feuer gefangen. »So eine Scheiße muss ich mir nicht anhören.« Er setzte einen Schritt zurück, ohne Noah aus den Augen zu lassen. »Schon gar nicht von einem Penner wie dir.«

Der angebliche Mitarbeiter vom Jugendamt versuchte, seinen Worten einen überheblichen Klang zu verleihen, aber das Zittern in der Stimme entlarvte ihn.

Noah überlegte, ob der Mann eine Waffe ziehen würde, als er in seine Fellkragenjacke griff, ahnte aber im nächsten Moment, dass es nicht zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung kommen würde. Falsch. Er ahnte es nicht nur, er wusste es.

In den vergangenen dreißig Sekunden hatte Noah mehr über sich selbst herausgefunden als in den letzten Wochen, und seine Entdeckungen machten ihm Angst.

Ich bin ein Mensch, der schon sehr oft in die tiefsten Abgründe der Seele geblickt hat.

So oft, dass er das Böse erkannte, sobald es ihm begegnete. Und was noch viel schlimmer war: Das Böse erkannte ihn. Und manchmal wich es zurück, wenn ihre Wege sich kreuzten. So wie in diesem Moment.

Der Mann hatte seinen Zündschlüssel aus der Jacke gezogen und entfernte sich hastig, ohne sich noch ein einziges Mal umzudrehen.

»Patricia?«, fragte Noah vorsichtig. Keine Reaktion. Die Kleine hatte von den Geschehnissen um sie herum nicht das Geringste mitbekommen. »Kannst du mich hören?«

Er schnipste mit den Fingern vor ihren halb geschlossenen Augen. Sie blinzelte nicht einmal.

»Hey, Noah. Wir sind dran«, rief Oscar aus einiger Entfernung. Noah drehte sich um und entdeckte seinen Begleiter am Eingang des Obdachlosenasyls. Er stand bereits in der Tür und wedelte mit den Armen.

»Komm endlich!«

Vorsichtig griff Noah nach der Hand des Mädchens, das sich widerstandslos von ihm führen ließ. Sie bewegte sich mit kleinen Schritten wie in Trance, und daher dauerte es eine geraume Weile, bis er sie zu dem Haus der Caritas geleitet hatte.

»Was zum Teufel ist nur in dich gefahren?«, begrüßte ihn Oscar, der sich sehr beherrschen musste, nicht laut loszubrüllen, nachdem es Noah nur unter großem Protest gelungen war, sich mit Pattrix im Schlepptau an dem Kopfende der Schlange vorbeizudrängeln.

Eine Mitarbeiterin des Hauses, eine junge Frau in Jeans und Lederjacke mit streng zurückgebundenen Haaren und Rollkragenpulli, schloss wortlos hinter dem Dreiergespann die hölzerne Eingangstür, sehr zur Entrüstung der Wartenden, die draußen zurückbleiben mussten.

Sie standen nun in einem großen Vorraum, ähnlich dem Eingangsbereich eines Mietshauses, von dem eine weitere Treppe nach oben führte.

Die plötzliche Wärme, die sie umschloss, trieb Noah das Wasser in die Augen, und seine Schusswunde begann unangenehm unter dem Verband zu jucken.

»Um ein Haar hättest du es vermasselt«, zischte Oscar. »Die haben nur noch drei Betten.«

Passt doch, dachte Noah, während die Mitarbeiterin sie die Treppe nach oben zu einer Art Empfangstheke begleitete, über der ein von Neonröhren beleuchtetes Schild mit der Aufschrift »Aufnahme« hing. Dahinter erwartete sie eine groß gewachsene Frau. Sie trug einen weißen Arztkittel, einen Mundschutz, und ihre Hände steckten in Latexhandschuhen, als wollte sie jeden Moment anfangen zu operieren.

»Hallo, Oscar«, sagte die Dame; sie klang erschöpft, aber nicht unfreundlich. Ihr graues Haar war kürzer geschnitten als ein Dreitagebart, was sie auf den ersten Blick ein wenig brutal wirken ließ, doch das Lächeln in ihren Augen korrigierte diesen Eindruck sofort wieder. »Lange nicht mehr gesehen. Wen hast du uns denn mitgebracht?«

»Pattrix, ich meine Patricia, kennen Sie ja, Frau Simone. Und Noah habe ich auf dem Avus-Rastplatz kennengelernt. Er ist per Anhalter aus Holland zu uns gekommen.«

Oscar klopfte Noah auf die gesunde Schulter, wozu er sich etwas strecken musste. »Ist etwas wortkarg, spricht kaum unsere Sprache.«

»Verstehe.« Die Frau, die offenbar Simone hieß, entweder mit Vor- oder Nachnamen, zeigte mit dem Daumen hinter sich zu einem Flur, der an der Theke entlang in die anderen Teile des Gebäudes führte. Von dort drang geschäftiger Lärm zu ihnen. Türen schlugen, Geschirr klapperte, Menschen riefen durcheinander, jemand hämmerte dumpf gegen eine Wand.

»Also dann, du weißt ja, wie es bei uns läuft, Oscar. Ich bringe euch als Erstes zur ärztlichen Untersuchung. Die wird wegen der Manila-Grippe etwas intensiver ausfallen. Ich persönlich glaube ja, dass die wieder mal ein Mordsbohei um die Ansteckungsgefahr machen, und am Ende stellt sich raus, dass die Regierung Millionen für unnütze Impfchargen vergeudet hat. Aber bis dahin bin ich verpflichtet, diesen Maulkorb zu tragen, nehmt’s mir also bitte nicht übel.«

Oscar zuckte mit den Achseln, und Noah nickte – mehr zu sich selbst als zu Simone, weil er sich an die Nachrichtensendung von gestern erinnerte. Eine Pandemie breitete sich aus, eine Krankheit, die mit grippeartigen Symptomen begann und unbehandelt zum Tode führen konnte. Experten des Robert-Koch-Instituts rechneten mit Zehntausenden von Opfern in den nächsten Wochen und rieten den Menschen, bei Fieber sofort den Arzt zu verständigen.

»Nach der Vorsorge könnt ihr duschen und frische Kleidung aussuchen, wir haben heute neue Spenden reinbekommen, auch warme Schuhe darunter, und es gibt Spaghetti. Aber ich fürchte, nur für euch Männer. Patricia kommt nicht rein.«

»Was?«, hörte sich Noah fragen.

Er war so entsetzt, dass er Oscars Ermahnung, kein Wort zu sagen, vollkommen vergessen hatte.

»Sie wollen die Kleine wieder in die Kälte schicken?«

Falls Simone erstaunt über Noahs doch vorhandene Deutschkenntnisse war, ließ sie es sich nicht anmerken.

»Nur fürs Protokoll: Ich schicke niemanden weg, wenn ich noch Betten habe. Aber sie wird nicht bleiben wollen

»Nur fürs Protokoll«, erwiderte Noah und spürte, wie er sich vor Wut anspannte, als er auf Patricia zeigte, »aber haben Sie sich das Mädchen einmal genauer angesehen? Die ist doch gar nicht mehr in der Lage, eine eigene Entscheidung zu treffen.«

»Ach ja?«

Simone trat hinter der Theke hervor. Erst jetzt erkannte Noah, dass sie wie Oscar einige Pfunde zu viel auf der Hüfte trug, was sie nicht daran hinderte, mit erstaunlich schnellen Schritten zu Patricia zu gehen und nach ihrem Rucksack zu greifen.

Schlagartig war es mit der Teilnahmslosigkeit des Mädchens vorbei.

»Sehen Sie?«, fragte Simone und hatte Schwierigkeiten, das wimmernde Kreischen zu übertönen, in das Patricia verfallen war, kaum dass sie versucht hatte, den Reißverschluss der Tasche zu öffnen.

Großer Gott, was bewahrt sie nur darin auf?

Noah erfuhr die Antwort, bevor er seine Frage stellen konnte.

»Tiere sind nicht erlaubt.«

Simone nickte in Richtung Hausordnung, die unter Klarsichtfolie an einer Betonsäule im Empfangsbereich hing, direkt unter einem Hinweis zur Hygiene beim Händewaschen, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern.

Mittlerweile war es ihr gelungen, Patricias Finger so weit von dem Rucksack zu lösen, dass sie ihn öffnen konnte. Die Drogen hatten dem Mädchen jede weitere Kraft zum Widerstand geraubt.

Ungläubig starrte Noah auf das kleine, sandfarbene Fellknäuel in der Tasche. Der Kopf des Hundewelpen war nicht sehr viel größer als ein Pfirsich.

»Darf ich vorstellen: Das ist Toto. Sie hatte ihn gestern schon hereinschmuggeln wollen, da war sie allerdings nicht so high wie heute.«

»So viel zum Thema ›nicht auffallen‹«, raunte Oscar, dessen Worte in dem anhaltenden Gewimmer von Patricia untergingen, das allerdings etwas leiser geworden war, seitdem Simone den Rucksack wieder bis auf einen Luftschlitz für Toto verschlossen hatte.

»Okay, ich verstehe das mit den Tieren. Sie wollen keine Krankheiten einschleppen …«

»Ganz genau«, unterbrach ihn Simone, wieder auf ihrem Rückweg hinter die Theke. In der Zwischenzeit hatten sich mehrere Mitarbeiter der Caritas, zwei Männer und eine junge Praktikantin, im Flur genähert, angelockt von dem Tumult, den sie vom Empfang her hörten.

»Aber können Sie keine Ausnahme machen?«

»Leider nein. Erst recht nicht an Tagen wie heute, wo das Gesundheitsamt uns wegen der Pandemie doppelt und dreifach kontrolliert.«

»Tja, das ist tragisch, aber da können wir nichts tun«, sagte Oscar und klatschte in die Hände. Er machte Anstalten, an der Theke vorbeizuwatscheln, in Richtung der Arztzimmer, wie Noah vermutete. Diesmal war er es, der ihn an seiner Jacke zurückhielt.

»Oh doch, wir können etwas tun.«

Er drehte sich zu Patricia, deren Unterlippe bebte. Das Mädchen atmete schwer und hatte die Arme wieder vor dem Rucksack verschränkt.

Ihr Blick jedoch war nicht mehr so leer wie zuvor. Die Angst, das Einzige zu verlieren, was ihr im Leben noch etwas bedeutete, hatte ihn geklärt.

»Was hast du vor?«, fragte Oscar sorgenvoll, als Noah sich zu dem Mädchen hinunterbeugte und versuchte, ihr tief in die Augen zu sehen.

Drei Minuten später lag Patricia in warme Decken gehüllt auf der Liege der Krankenstation des Obdachlosenasyls, während eine Ärztin ihr behutsam einen Katheter legte, um sie mit einer Elektrolytinfusion zu versorgen.

Und Noah stand mit Oscar wieder draußen in der Kälte.

4. Kapitel

»Das fass ich jetzt nicht. Das darf ja wohl nicht wahr sein.«

Oscar stapfte vorneweg, und Noah hatte trotz seiner wesentlich längeren Beine Mühe, mit den Schritten seines wütend schwadronierenden Kumpans mitzuhalten.

»Ich hab dir doch nicht das Leben gerettet und die letzten Wochen all meine Vorräte, mein Geld und mein Versteck mit dir geteilt, damit wir jetzt gemeinsam im Schneesturm verrecken!«

Tatsächlich hatten sich einige Flocken in den eisigen Wind gemischt, der ihm ins Gesicht schlug, seitdem sie das Obdachlosenasyl verlassen hatten.

»Du hättest mich ja nicht begleiten müssen«, antwortete Noah in geduckter Körperhaltung, das Gesicht zum Bürgersteig gesenkt, damit sein Körper dem Wind möglichst wenig Angriffsfläche bot.

»Nicht begleiten?« Oscar lachte hysterisch auf und drehte sich zu ihm herum. »Ohne mich würdest du keine zehn Minuten in meiner Welt überleben, gottverdammich …«

Er reckte beide Hände zum Himmel wie Gläubige, die ihren Schöpfer fragen, weshalb er ihnen diese Bürde auferlegt.

»Da fasst man sich einmal ein Herz, gibt seine gesamten Ersparnisse für einen Unbekannten aus, für Medikamente, Pflaster und Verbände, obwohl der gesunde Menschenverstand es einem doch schon sagt, dass es nichts Gutes bedeuten kann, wenn einem plötzlich jemand mit Durchschuss vor den Füßen liegt. Dass damit der Ärger quasi vorprogrammiert ist. Aber ich wollte ja nicht auf meine innere Stimme hören. ›Oscar‹, habe ich mir gesagt, ›Oscar, du warst selbst einmal auf der Flucht. Vielleicht hat dieser Kerl ja genau die gleichen Probleme wie du? Vielleicht ist das endlich der Partner, den du gut gebrauchen könntest, immerhin wirst du ja auch nicht jünger, und das Leben auf der Straße alleine wird kaum einfacher, nicht wahr?‹« Oscar schlug sich gegen die Stirn. »An dem Tag, an dem ich dich gefunden habe, wollte ich das Versteck eigentlich gar nicht verlassen. Aber ich konnte nicht schlafen, wollte mir kurz die Beine vertreten. Es war reiner Zufall, der stillgelegte Tunnel liegt normalerweise gar nicht auf meinem Rundgang, also dachte ich, das Schicksal hat uns mit Absicht zusammengeführt und der liebe Gott wird meine Nächstenliebe sicher belohnen. Und tjaha, das tut er. Und wie er das belohnt, Scheiße.«

Oscar blieb stehen, legte den Kopf in den Nacken und schrie den Himmel an: »Herr, ich bin so glücklich, heute im Freien pennen zu dürfen. Bitte mach es schön kalt, nicht so warm wie im Asyl, das ist besser für die Durchblutung, und zu heißes Duschen soll ja auch nicht so gesund für die Haut sein.«

Ein Geschäftsmann, der ihnen auf dem Bürgersteig entgegenkam, warf den Obdachlosen einen abfälligen Blick zu und eilte kopfschüttelnd weiter.

»Du hättest nicht mitkommen müssen«, wiederholte Noah und schloss zu Oscar auf, der sich wieder in Bewegung gesetzt hatte. Im Inneren des Rucksacks, den er sich so wie Patricia bäuchlings vor die Brust gebunden hatte, spürte er eine leichte Bewegung, als Toto seine Lage veränderte.

Oscar presste wütend die Lippen aufeinander, dann deutete er auf den Rucksack vor Noahs Bauch. »Den Hund mitzunehmen war wirklich das Bescheuertste, was du tun konntest.«

»Aber?«, fragte Noah nach, da Oscar mit der Stimme oben geblieben war, als wollte er noch etwas hinzufügen.

»Aber es hat mir auch gezeigt, dass ich mich in dir nicht getäuscht habe.«

»Du meinst, ich bin ein guter Mensch, weil ich mich um das Tier kümmere?«

»Quatsch. Jeder zweite Penner schleppt permanent seinen Köter mit sich rum. Und genau das ist es.« Er setzte sich wieder in Bewegung, und Noah hatte Mühe, ihn zu verstehen, weil Oscar jetzt von ihm abgewandt gegen den Wind sprach.

»Das ist was?«, hakte er nach, bemüht, zu ihm aufzuschließen.

»Ich will sagen, dass ich keinen Tippelbruder kenne, der jemals einem Fremden sein Tier anvertraut hätte. Nicht mal für eine Nacht.« Er warf Noah einen fragenden Blick aus den Augenwinkeln zu. »Wie hast du es nur geschafft, dass Pattrix dir ihren Rucksack gegeben hat?«

Noah zuckte mit den Achseln. »Ich weiß nicht. Ich hab ihr nur versprochen, dass ich mich gut um Toto kümmern werde.«

Sie näherten sich einer Brücke und überquerten einen zugefrorenen Fluss, der den Straßenschildern zufolge Spree hieß. Wie so oft hatte Noah keine Ahnung, wohin Oscar ihn führte, aber an diesen Zustand hatte er sich gewöhnt. Die letzten Tage war er ihm wie ein Hund hinterhergetrottet. Zuerst apathisch wie in Trance und mittlerweile zunehmend verzweifelt. Die Realität, in der er aufgewacht war, war ihm so unwirklich erschienen wie ein böser Traum, aus dem er jede Minute aufzuwachen hoffte. Doch als er nach und nach begriff, dass weder seine Schusswunde noch Oscar noch das nach Staub und Schmieröl stinkende Tunnelversteck unter der Erde sich als Sinnestäuschung entpuppen würden, hatte ihn eine Phase der Ratlosigkeit gelähmt. Wohin sollte er gehen? Mit wem sprechen? War er auf der Flucht? Wurde er wirklich von bösen Mächten gejagt, wie Oscar ihm wieder und wieder zu erklären versuchte? Begab er sich tatsächlich in Lebensgefahr, wenn er sich an die Behörden wandte oder ins Krankenhaus ging? Oder war die Gefahr, die ihm angeblich drohte, nur eine weitere der unzähligen fixen Verschwörungstheorien, die in dem verschrobenen Gehirn dieses seltsamen Menschen steckten, von dem Noah kaum mehr wusste als über sich selbst. Nur dass er einmal Arzt gewesen war, wie er auf Nachfrage zugegeben hatte, weshalb er sich so gut mit Schusswunden, Druckverbänden, Antibiotika und der Dosierung von Schmerzmitteln auskannte.

»Du solltest dir deine nächsten Schritte sehr gut überlegen«, hatte Oscar ihm eröffnet, als das Fieber wieder so weit gesunken war, dass Noah sich zum ersten Mal aufrecht auf die Campingliege setzen konnte, die ihm zwei Wochen als Krankenlager gedient hatte. Er hatte zur Polizei gehen wollen, um zu erfahren, ob sich irgendjemand um ihn sorgte und eine Vermisstenanzeige aufgegeben hatte, doch Oscar hatte entsetzt die Augen aufgerissen.

»Ich würde das besser bleiben lassen.«

»Weshalb?«

»Dich wollte jemand ermorden, Großer. Mich kannst du als Killer getrost ausschließen, sonst hätte ich dich wohl kaum wieder gesund gepflegt. Also musst du davon ausgehen, dass der Mörder, wer immer das sein mag, in dieser Sekunde noch hinter dir her ist. Und das ist wahrscheinlich nur die Spitze des Eisbergs. Du hast keine Kopfverletzungen, also ist vermutlich ein seelisches Trauma daran schuld, dass du dein Gedächtnis verloren hast. Dein Gehirn will etwas Schreckliches verdrängen, etwas sehr Schreckliches. Und es wartet auf dich da draußen. Solange du hier untergetaucht bleibst, bist du in Sicherheit.«

Noah hatte sich eine Weile fassungslos in dem Versteck umgesehen, das er bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ein einziges Mal verlassen hatte. Nicht einmal für die Notdurft, um die sich Oscar mit Bettpfanne und einer mit Trichter versehenen Pfandflasche gekümmert hatte.

»Soll das heißen, ich soll für immer mit dir hier im Untergrund leben?«

In einem fensterlosen Gerümpelkeller?

Damals hatte Noah noch nicht geahnt, dass er sich nicht in einem Keller, sondern in einem Verschlag am Ende eines blinden U-Bahn-Tunnels, zehn Meter unter der Berliner Erde, befand. Die regelmäßig wiederkehrenden Geräusche hatte er nicht als das Rattern einer U-Bahn auf ihrem Gleisbett erkannt, einfach weil er viel zu sehr damit beschäftigt war, die anderen Rätsel zu lösen. Zudem vermittelte ihm das Versteck tatsächlich ein Gefühl der Sicherheit, das er nicht in Frage stellen wollte.

Oscar hatte sich redlich Mühe gegeben, es behaglich einzurichten. Drei der vier Betonwände waren mit selbstgezimmerten Regalen versehen, deren Bretter sich unter der Last unzähliger Bücher bogen. Es gab Strom und ein funktionierendes Handwaschbecken neben einem zum Schreibtisch umfunktionierten ledernen Reisekoffer, der auf zwei Ziegelsteinsockeln stand.

Das Wasser zapfte sich Oscar direkt von einem Rohr aus der Wand, den Strom von den Versorgungsleitungen der Schienen, die sich in dicken Strängen unter der Decke langzogen. Alles in allem erinnerte der Verschlag an eine zum Hobbyraum umfunktionierte Garage, mit verschiedenfarbigen Teppichresten ausgelegt, einem in die Wand geschraubten, tragbaren Fernseher (der erst seit zwei Jahren funktionierte, seitdem in der Berliner U-Bahn das Funknetz für den Handyempfang verstärkt worden war, wie Oscar ihm erklärt hatte) und einem kleinen, aber sauberen Kastenbett, wie man es eher in einem Kinderzimmer erwartete, direkt neben der provisorischen Kochstelle mit Bunsenbrenner.

Alle Möbel und Gegenstände waren offensichtlich aus dem Sperrmüll zusammengeklaubt, repariert und gesäubert worden, nur der Mini-Kühlschrank unter dem Waschbecken, dessen Ventilator ununterbrochen rauschte, wirkte neu.

»Selbstverständlich sollst du nicht für immer hierbleiben«, hatte Oscar gesagt und dabei seinen Blick durch den ärmlichen, aber auf eigentümliche Weise sogar gemütlichen Unterschlupf gleiten lassen.

Das Einzige, was Noah an der Behausung wirklich gestört hatte, war die andauernde Hitze. Ein gewaltiges Heißluftrohr verlief durch den Boden und sorgte damit für eine gut funktionierende, aber nicht regulierbare Fußbodenheizung. Noah hatte gehofft, er würde sich daran gewöhnen, sobald seine eigene Körpertemperatur wieder jenseits der 40-Grad-Marke lag, doch das war ihm nicht gelungen.

»Du bleibst nur so lange, bis du dein Gedächtnis wiedergefunden hast«, hatte Oscar vorgeschlagen. »Erst wenn du die Hölle kennst, die auf dich wartet, solltest du wieder dorthin zurückkehren, meinst du nicht? Und was hast du schon zu verlieren, außer Zeit? Wenn sich dein Zustand nicht bessert, kannst du immer noch das Risiko eingehen und zur Polizei gehen.«

Damals hatte Noah sich einverstanden erklärt, wenn auch nur zum Schein. Er war viel zu resigniert und erschöpft, um einen eigenen Plan zu fassen. Sein Einverständnis, vorerst an Oscars Seite zu bleiben und sich seinen Ratschlägen zu fügen, sollte nur so lange gelten, bis er genug Kraft gesammelt hatte, um wieder eigene Wege zu gehen, wohin auch immer diese ihn führen mochten.

Heute, zwei Wochen nach dieser Unterredung, spürte er, dass der Moment des Abschieds nicht mehr fernlag. Spätestens morgen, das beschloss er in dieser Minute, würden sich ihre Wege trennen.

»Sie hat dir Toto einfach so überlassen?«, fragte Oscar noch einmal. Mittlerweile hatten sie die Brücke passiert, und der Bürgersteig war nicht mehr so vereist wie die kaum gestreute Überführung.

»Ja.«

»Siehst du. Und genau deshalb hab ich mich deiner angenommen. Ich weiß nicht, wer du bist, aber ich weiß, was du bist.«

»Und?«

Was bin ich?

Oscar blieb wieder stehen, diesmal, um sich einen Schnürsenkel zu binden. Dazu stellte er den rechten Stiefel auf eine Parkbank. Seine wulstigen Finger verkrampften sich in der eisigen Luft, als er sich dafür die Handschuhe ausziehen musste.

»Du bist etwas Besonderes, Noah. Ja, ja. Halt die Luft an, das ist jetzt keine schwule Anmache. Das ist die Wahrheit.« Er sah zu ihm hoch, ohne von dem Stiefel abzulassen. »Du bist trainiert wie ein Schwimmer kurz vor den Olympischen Spielen, du hast Hände, die nie hart gearbeitet haben, aber Narben an verschiedenen Stellen deines Körpers. Wenn du auf der Pritsche im Versteck dein Bett machst, gehst du so ordentlich vor wie ein Soldat, der gewohnt ist, Befehle auszuführen, und gleichzeitig steht in deinen Augen eine traurige Melancholie, die einen quasi anschreit: ›Vertrau mir. Ich tue dir nichts.‹ Tja, und so, wie es aussieht, hat Pattrix den Schrei deiner Augen gehört und konnte ihm nicht widerstehen.«

Oscar richtete sich auf und stülpte sich die Handschuhe wieder über. »Und ich kann es offenbar auch nicht.«

Ein Geländewagen rauschte mit überhöhter Geschwindigkeit die Straße hoch und hupte. Angesichts der Tatsache, dass der Feierabendverkehr noch nicht durch war, war erstaunlich wenig los, was wahrscheinlich nicht nur dem schlechten Wetter, sondern auch dieser Grippewelle geschuldet war, von der alle sprachen. Wer nicht unbedingt vor die Tür musste, blieb in den eigenen vier Wänden.

»Ist es noch weit?«, erkundigte sich Noah, der sich mittlerweile fragte, wie es ihm in Oscars Verschlag jemals zu heiß gewesen sein konnte. Ihm wuchsen winzige Eiszapfen am Bart, und er sehnte sich nach den überhitzten, Schleimhaut austrocknenden Temperaturen im Versteck.

Aber da können wir heute Nacht ja nicht hin, weil die Quersumme nicht stimmt, dachte er und wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Ein Amnesiepatient und ein Paranoider auf Wandertag.

»Wohin gehen wir überhaupt?«

»Ins Kempinski«, antwortete Oscar. Als Noah nicht reagierte, sah er ihn mit hochgezogenen Brauen an. »Du kapierst den Witz nicht, richtig?«

»Ist das ein Hotel?«

Oscar seufzte. »Mann, langsam verstehe ich, weshalb sie auf dich geschossen haben. Ja, das ist ein Hotel. Aber die Betten sind mir zu weich, du weißt ja, ich hab’s mit dem Rücken, daher checken wir lieber da vorne ein.« Er zeigte auf ein weit entferntes, beleuchtetes Schild mit einem weißen U auf blauem Hintergrund.

Zehn Minuten später schlugen sie ihr Lager im U-Bahnhof Hansaplatz auf, einem von insgesamt drei Bahnhöfen, die die Berliner Verkehrsbetriebe für Obdachlose öffnete, wenn die Temperaturen unter minus drei Grad fielen.

5. Kapitel

»Drei Bahnhöfe für ganz Berlin«, hatte Oscar geschimpft, als sie den Eingang des Bahnhofs betraten, und dabei auf die vielen Menschen gezeigt, die sich vor den weiß gekachelten Wänden für die Nacht eingerichtet hatten. Die begehrtesten Plätze, also die in den Ecken, die die wenigste Angriffsfläche für betrunkene Jugendliche und andere Schläger boten, waren längst vergeben. Viele von denen, die erst gar nicht ins Asyl gegangen oder dort wegen Alkohol, Drogen, Überfüllung oder sonst einem Grund abgelehnt worden waren, lagen auf umgestülpten Pappkartons, Plastiktüten oder einfach nur auf dem nackten Boden, ließen eine Flasche oder ein Tetrapak kreisen oder versuchten, ein wenig Schlaf zu finden.

Nach einigem Suchen hatten Noah und Oscar einen Platz in dem Seitenarm eines Fußgängerübergangs ergattert, etwas abseits vom Eingangsbereich; eine kleine Nische zwischen einem Zeitungskiosk und einem mobilen Imbissstand, beide waren bereits geschlossen.

»Hätte ich von Anfang an gewusst, dass du heute Abend ein Tierheim eröffnen willst, wären wir gleich hierhergekommen und hätten uns einen der besseren Plätze gesichert«, maulte Oscar zehn Minuten später immer noch. Sie waren gerade dabei, den Boden mit Zeitungen auszulegen, die der Kioskbesitzer am Tage nicht losgeworden war und neben seinem Stand für die Altpapiersammlung bereitgelegt hatte.

»Was ist denn an der Lage hier so schlecht?«, fragte Noah, als sein Begleiter nicht aufhören wollte zu schimpfen. Sie lagen nebeneinander, Oscar hatte sich die Stelle an der Wand gesichert. Immerhin war es hier angenehm warm, in der Nische konnte man sich vor dem allgegenwärtigen Durchzug abschirmen, zudem waren die Rolltreppengeräusche und das Gegröle der Betrunkenen längst nicht so laut wie vorne. Nur das grelle Neonlicht über ihrem Kopf würde das Einschlafen erheblich erschweren.

»Es gibt hier keine Kameras«, antwortete Oscar.

Noah sah ihn fragend an. »Und?«

»Und deswegen sieht es niemand, wenn hier jemand randaliert.« Zum Beweis zeigte er auf ein mächtig demoliert wirkendes Münztelefon neben einem Mülleimer an der gegenüberliegenden Wand, dessen Hörer an seinem Kabel herunterhing.

»Und keiner hilft dir, wenn dich jemand abziehen will.« Er machte eine Pause. »Oder anzündet.«

»Anzündet?«

Noah, der gerade den Rucksack hatte öffnen wollen, um nach Toto zu sehen, hielt in der Bewegung inne. Oscar schnalzte lakonisch mit der Zunge.

»Frag mich nicht, wieso, aber aus irgendeinem Grund ist es gerade in Mode, Penner im Schlaf mit Benzin zu übergießen und …« Oscar bewegte den Daumen, als wollte er ein Feuerzeug benutzen. Dann zog er sich seine Pudelmütze vom Kopf und faltete sie einmal quer, offenbar plante er, sie als Kopfkissen zu benutzen.

»Deshalb ist es hier in diesem Bereich so leer. Die meisten fürchten sich, auch weil hier ab Mitternacht das Licht ausgeht und du dann komplett Freiwild bist. Aber trotzdem ist das immer noch besser, als unten auf dem Bahnsteig pennen zu müssen.«

»Wieso?«

»Heute ist Samstag. Am Wochenende drehen die Kids immer durch. Vor allem die aus besserem Hause. Allein in diesem Monat wurden zwei von uns auf die Gleise geworfen, als Mutprobe. Die traurige Nachricht ist: Sie haben überlebt, wenn du verstehst, was ich meine.« Oscar zeigte auf seine Beine und machte eine sägende Handbewegung.

»Sehr beruhigend«, murmelte Noah und öffnete endlich den Rucksack. Als er Toto sanft herausnahm, hielt der Hund die Augen fest geschlossen und zitterte am ganzen Körper. Im Gegensatz zu ihrem Schlafplatz, der nach Urin stank, roch der Welpe wie frisch gebadet. Glücklicherweise schien er noch nicht in den Rucksack gemacht zu haben.

»Hey, Kleiner.« Er hielt das braune Mischlingsknäuel mit beiden Händen. Das Fell, unter dem sich die Rippen wie Zahnstocher abzeichneten, fühlte sich warm und gemütlich an. Als er die Nase berühren wollte, versuchte Toto an seinem Finger zu lecken.

»Er hat Durst«, kommentierte Oscar das Offensichtliche.

Noah wühlte in Patricias Rucksack und fand unter einer Rolle Klopapier und einem alten Putzlappen, der dem Welpen als Nest gedient hatte, einen Glasaschenbecher und eine Kunststoffflasche mit der Aufschrift »Welpenmilch«. Als er noch weiterkramte, stieß er auf ein durchsichtiges Tütchen, in dem sich offensichtlich etwas Trockenfutter befand.

Auch wenn du dich selbst schon aufgegeben hast, Pattrix. Wenigstens um deinen Hund wolltest du dich kümmern.

Vorsichtig goss Noah ein paar Schlucke von der Milch ein, nachdem er die Innenfläche des Aschenbechers mit etwas Spucke und Zeitungspapier ausgerieben hatte, doch als er Toto davorsetzte, machte der keine Anstalten, etwas trinken zu wollen. Erst als Noah den kleinen Finger benetzte und ihm damit einige Tropfen auf das Maul träufelte, zeigte sich wieder die Zunge, und Toto öffnete sogar ein Auge.

»Der ist viel zu früh von seiner Mutter getrennt worden«, stellte Oscar fest, während er die Freitagsausgabe einer großformatigen Zeitung über sich ausbreitete. »Bestimmt vom Polenmarkt oder so. Ohne Impfung, dafür mit Parasiten und was weiß ich.« Er seufzte wie jemand, dem klar ist, dass er den Lauf der Dinge ohnehin nicht verändern kann, selbst wenn er es wollte.

»Besser, wir schlafen abwechselnd«, wechselte er das Thema und ließ, indem er sich unter seiner Zeitungsdecke zur Wand drehte, keinen Zweifel daran aufkommen, wer dabei den Anfang machen sollte.

»Und weck mich ja nicht«, brummte er. »Meine innere Uhr ist frisch aufgezogen. Ich wach von ganz alleine in zwei Stunden wieder auf.«

Noah wollte protestieren, doch Toto beanspruchte vorerst seine komplette Aufmerksamkeit und forderte nach weiterer Milch, indem er ungestüm an seinem Finger saugte.

»Ja, ja. Ist ja schon gut.«

Er versuchte es erneut mit dem Aschenbecher, und diesmal rappelte sich der Kleine tatsächlich dazu auf, etwas daraus zu trinken. Das Tier dabei zu beobachten, wie es etwas tapsig, aber entschlossen vor dem Glas stand und erst langsam, dann immer gieriger die Nahrung daraus schlürfte, hatte etwas Beruhigendes. Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte Noah, wie sich seine permanente innere Anspannung legen wollte, und das ausgerechnet auf dem Boden eines U-Bahnhofs. Er musste an die eisigen Temperaturen denken und an die vielen Menschen in der Schlange in der Franklinstraße. Die Vorstellung, dass einige von ihnen vielleicht noch da draußen waren, ließ ihn erschauern.

Oscar hatte ihm nicht viel über sich und seine Vergangenheit erzählt, nur dass er sich das Dasein auf der Straße freiwillig ausgesucht habe. In Anbetracht ihrer menschenunwürdigen Situation konnte er das nicht begreifen.

»Wieso lebst du so?«, fragte er Oscar deshalb nicht zum ersten Mal, seitdem das Schicksal sie zusammengeführt hatte.

»Ist eine lange Geschichte«, bekam er als Antwort zu hören. »Lass mich jetzt bitte schlafen, ja?«

»Hat es etwas mit der Frau zu tun?«

»Mit welcher Frau?«, stieß Oscar krächzend hervor, der sich nun doch gezwungen sah, sich unter lautem Papiergeraschel zu Noah herumzudrehen. Seine Ohren waren rot, als wäre er beim Lügen ertappt worden.

»Die auf dem Foto, das du ständig bei dir trägst.«

Noah zeigte auf den Hals seines Begleiters. Momentan wurde die silberne Kette vom Kragen des Pullis verdeckt, und das Medaillon, das an ihr hing, war ebenfalls nicht zu sehen.

Das Blut schoss Oscar jetzt auch in die Wangen. »Hast du etwa geschnüffelt, du mieser, kleiner …«

»Du klappst das Ding jeden Abend auf und küsst die Innenflächen des Amuletts, bevor du einschläfst«, fiel Noah ihm ins Wort. »Man muss wahrlich kein Sherlock sein, um zu ahnen, was es mit diesem Ritual auf sich hat.«

Kaum hatte er es ausgesprochen, wunderte er sich, weshalb fiktive Namen von Romanfiguren in seinem Kopf gespeichert waren, der eigene hingegen nicht. Aber vielleicht war Oscar ja nicht nur Arzt, sondern auch Psychiater und konnte ihm dieses medizinische Phänomen irgendwann erklären.

Dazu allerdings müsste der sture Hund endlich mal etwas mehr von sich preisgeben.

Apropos Hund …

Toto hob gerade den Kopf aus der Schüssel und schüttelte sich, als wäre er aus einem Bad im See gekommen.

»Na, keinen Appetit mehr?«

»Ja, genau. Kümmere dich mal lieber um den Köter, und lass mich in Ruhe«, blaffte Oscar und drehte sich wieder zur Wand, unverkennbar froh darüber, das Gespräch an dieser Stelle beenden zu können.

Noah wollte noch etwas erwidern, aber dann machte Toto Anstalten, sich von ihrem Lager entfernen zu wollen, also nahm er ihn wieder hoch, kraulte ihn unter dem winzigen Kinn und legte ihn auf seinem Bauch ab. Der wilde Herzschlag des Welpen war selbst unter seiner dicken Jacke noch zu spüren. Toto schien seinen neuen Besitzer das erste Mal bewusst wahrzunehmen und musterte ihn aus großen Augen. Er wirkte erstaunt, aber gesättigt, im Gegensatz zu Noah, dem mit einem Mal der Magen knurrte.

Kein Wunder.

Das Letzte, was sie gegessen hatten, war der Döner heute früh, den sie von einem Teil ihres Pfandgelds erstanden und geteilt hatten. Noah überlegte kurz, ob er Oscar, der ihr Geld verwaltete, noch einmal um einen Euro bitten sollte, damit er sich etwas aus einem Automaten ziehen konnte. Aber er bezweifelte, dass Oscar auf eine weitere Ansprache reagieren würde. Außerdem wollte er das warme Knäuel auf seinem Bauch nicht wieder aufscheuchen. Schließlich ertappte er sich dabei, wie er die Hand vor den Mund hielt, weil er gähnen musste.

Verdammt.

Der Dicke ist nicht mal eingeschlafen, und ich mach jetzt schon schlapp.

»Und nun?«, fragte er Toto, als ob der wüsste, wie man sich am besten wach halten konnte.

Er griff sich die Zeitung, die er sich zurechtgelegt hatte, um sich später mit ihr zuzudecken. »Soll ich dir was vorlesen?«

Toto atmete geräuschvoll aus und legte den Kopf auf beide Pfoten.

»Ich nehme das mal als ein Ja.«

Er schlug die erste Seite auf. »Interessierst du dich für Politik?«

Neben ihm grunzte Oscar etwas unwirsch, und Noah begann zu flüstern, als er die erste Schlagzeile zitierte:

»Europäische Gesundheitsminister beraten wegen der Manila-Grippe. In der kommenden Woche wollen die Gesundheitsminister von sieben europäischen Staaten in Brüssel zusammenkommen, um zu beratschlagen, wie man die Pandemie am besten . . .«

Toto gähnte und räkelte sich dabei wie eine Katze auf Noahs Bauch.

»Okay, okay. Langweilig. Verstehe. Also keine Politik. Lieber Sport?«

Er blätterte weiter, konnte den Meldungen hier aber nichts abgewinnen. Fast die komplette Berichterstattung drehte sich um Fußball, eine Sportart, die in seinem früheren Leben wohl nicht zu seinen Steckenpferden gezählt hatte.

»Hah, aber das hier hört sich doch interessant an, Kleiner.«

Er hatte sich mittlerweile zur Rubrik Deutschland und die Welt vorgearbeitet.

Wie ein Lottogewinn, den keiner abholt.

Noah presste sein Kinn auf die Brust und sah dem Welpen direkt in die großen dunklen Augen, bevor er sich räusperte und flüsternd weiterlas:

»Die Million steht schon bereit, aber niemand will sie haben!« Das erklärte der Chefredakteur der New York News den verblüfften Reportern auf einer am Sonntag einberufenen Pressekonferenz. Dabei sucht seine Zeitung und mit ihr das halbe Internet nun schon seit Wochen mit Hochdruck nach dem Urheber einer abstrakten Zeichnung, die der New York News zugestellt wurde. In ganzseitigen Anzeigen und sogar auf Plakaten in der Stadt wird die Frage gestellt: »Künstler gesucht. Wer hat das gemalt?«

Es war Anfang des Jahres, als in der Leserbriefredaktion eine Paketrolle ohne Absender einging. Sie enthielt eine auf den ersten Blick naive Kindermalerei, betitelt als »Der Bach des Ostens«. Weil der Chefredakteur Kevin Rood das erstaunlich hochwertig laminierte Bild »zu schade zum Wegwerfen« fand, ließ er es rahmen und hängte es in seinem Vorzimmer auf, wo es einige Zeit unbeachtet blieb – bis Matthew Springfields, ein bekannter und einflussreicher Kunstkritiker, das Werk zufällig entdeckte, während er auf ein Interview wartete. »Die sich überlagernden Farben, die Anordnung der konträren Felder erzeugen ein solch strahlendes und zugleich diffuses Licht, dass ich für einen Moment glaubte, ein Frühwerk des jungen Mark Rothko vor mir zu haben.«

Springfields gab das Bild einigen unabhängigen Kunstexperten zur Schätzung, von denen zwei weitere ebenfalls zu dem Schluss kamen, dass dieses »Meisterwerk des Color Field Painting« von einem bislang unentdeckten Talent stammen müsse. Ein Galerist aus Miami taxierte den Wert des Bildes sogar auf über 1 Million Dollar, was zur Folge hatte, dass . . .

Noah hob kurz den Kopf, um nach Toto zu sehen. Lächelnd bemerkte er, dass der Welpe auf seiner Brust friedlich eingeschlafen war, weshalb er den Artikel stumm zu Ende las.

... sich namhafte Galeristen und Kunstagenten mit Vorschüssen zu überbieten begannen, sollte der Maler sich bei ihnen melden.

Doch alle Aufrufe verhallten ergebnislos. Der Urheber will anscheinend auch weiterhin anonym bleiben.

Und so suchen mittlerweile nicht nur die USA, sondern die gesamte westliche Welt im Internet nach dem Künstler, auf den ein Millionenvertrag wartet, und alle fragen sich: WER HAT DAS GEMALT?

Neugierig geworden, was das für ein Bild sein sollte, blätterte Noah eine Seite weiter, wo das Werk in einem halbseitigen Kasten zu sehen war.

Kaum hatte er einen ersten Blick darauf geworfen, wurde sein Mund trocken. Es knackte in seinen Ohren, und ihm wurde schwarz vor Augen. In seinem Inneren hörte er einen Schrei. Spitz und zitternd wie von einer Person, die in dem Waggon einer Geisterbahn sitzt, die sich unerwartet in die Tiefe stürzt.

Er hörte das Rattern der Räder auf den Gleisen, spürte den Fahrtwind im Gesicht, und Bilder sprangen ihn an wie Figuren aus den Nischen eines Gruselkabinetts.

Ein Zimmer.

Stimmen.

Kinderstimmen.

»Darf ich es behalten?«, fragte ein Junge.

»Wieso?«

»Es gefällt mir.«

Noah sah den Rücken eines Jungen, nicht älter als zwölf, dreizehn Jahre, der etwas in einen Koffer legte. Plötzlich veränderte sich das Bild. Der Junge verschwand. Und mit ihm das Zimmer. Jetzt sah er …

… einen Mann auf einem hellen Teppich. Direkt vor einem Kamin. Reglos.

Und dann der Fleck. So rot. Direkt unter seinem Kopf …

Nach dem jemand die Hand ausstreckte. Um ihn zu berühren, um … ihn umzudrehen.

Der spitze Schrei in seinen Ohren veränderte sich, wurde dunkler. Lauter.

So laut, dass Noah Probleme damit hatte, sich auf die Erinnerungen zu konzentrieren, die sich wieder zu verflüchtigen drohten.

Er suchte nach der Quelle des Lärms und drehte den Kopf in die Richtung, aus der er die Schreie vermutete.

Doch erst als er die Augen wieder öffnete, Totos Kläffen hörte und Oscar sah, der wild gestikulierend neben ihm kniete, wurde Noah langsam bewusst, dass er selbst es gewesen war, der lauthals um Hilfe geschrien hatte, während er mit der Geisterbahn in den Keller seiner Erinnerungen gerast war.

6. Kapitel

New York City, USA

An diesem Tag musste Celine lernen, dass es im Leben manchmal nicht mehr als ein kaum hörbares »Hm« braucht, um sämtliches Glück aus einer menschlichen Seele zu pressen.

»Was ist?«, fragte sie ängstlich.

Sie stützte sich mit den Ellenbogen hoch und versuchte, einen besseren Blick auf den Monitor zu erhaschen. Angeblich hatte Dr. Malcom in seiner Praxis nur die neuesten Geräte. »Er sieht aus wie mein fettleibiger Vater, ist immer schlecht rasiert, und ich frage mich, wie er durch diese Aschenbechergläser in seiner Brille da unten überhaupt etwas erkennen kann«, hatte ihre Freundin Janet Dr. Malcom beschrieben. »Aber er hat kleine Hände, was bei einem Gynäkologen ja wohl eher von Vorteil ist. Und er hat einen genialen Hightech-Ultraschall, auf dem man wirklich jedes Detail sieht, ich kann ihn dir nur empfehlen.«

Was das gewöhnungsbedürftige Äußere des Arztes anging, hatte Janet recht gehabt. Nur bei dem Ultraschall hatte sie zu viel versprochen. Sosehr sich Celine auch bemühte, mehr als trübe Mondlandschaften konnte sie auf dem Bildschirm kaum erkennen.

Bei den vorangegangenen Scans hatte sie immer höflich genickt, wenn Dr. Malcom ihr etwas zeigte.

»Sehen Sie die Füßchen?«

»Ja, klar.«

»Und hier ist der Kopf.«

»Ach ja?«

Nur eins war eindeutig gewesen: das Herz. Mehr hatte sie nicht sehen müssen. Dieses kleine, flimmernde Staubkörnchen, das ihr lebendiger schien als alles, was ihr jemals zuvor begegnet war.

Als sie dieses klopfende Etwas zum ersten Mal erblickt hatte, war sie glücklich gewesen. Obwohl zwischen ihr und ihrem Freund seit einem Monat Funkstille herrschte. Obwohl ihr Vertrag bei der New York News in zwei Wochen auslief und der Chefredakteur alle Termine, an denen eine mögliche Verlängerung besprochen werden sollte, bislang hatte platzen lassen und sie also davon ausgehen musste, bald nicht nur schwanger, sondern auch arbeitslos zu sein. Celine Henderson war glücklich, auch wenn sie bald das traumhaft günstige 2000-Dollar-Zimmer in ihrer WG in Greenwich Village wieder kündigen und zu ihren Eltern nach New Jersey zurückziehen musste. Das war für das Pünktchen, wie sie das beginnende Leben in ihrem Bauch getauft hatte, ohnehin das Beste.

Sie strich sich eine Strähne ihrer missglückten Stufenschnitt-Frisur von der Stirn und starrte auf den Ultraschallmonitor. Im Salon hatte die »pflegeleichte Allwetterfrisur« noch ganz okay ausgesehen. Aber da hatte ihr Friseur auch eine Ewigkeit an ihr herumgezuppelt, um das dunkelblonde Haar so auszurichten, dass es ihr ovales Gesicht wie eine Haube umrahmte. Seit dem ersten Waschen sah sie nicht mehr aus wie ein »verwegenes Hollywood-Starlet« (O-Ton des »Coiffeurs«), sondern wie das, was sie war: eine verlassene Schwangere, die ihr Selbstwertgefühl mit einem neuen Haarschnitt hatte aufpeppen wollen.

Das war gründlich in die Hose gegangen, aber völlig unwichtig, so wie das meiste in ihrem Leben kaum noch von Bedeutung schien, jetzt, wo Dr. Malcom »Hm« gesagt hatte und ihr nicht in die Augen sehen wollte.

Was ist los, Doktor?, traute Celine sich nicht zu fragen.

Sie war jetzt 11 plus 5, also in der zwölften Woche.

Damit bin ich doch im sicheren Bereich, oder?

Das hatten ihr alle gesagt. Ab der zwölften Woche sinkt das Risiko eines Abgangs. Nicht, dass sie davor Angst gehabt hätte. Mit neunundzwanzig war sie ja keine Spätgebärende, und sie kam aus einer kinderreichen Familie. Angeblich war ihre Mutter mit ihr schwanger geworden, obwohl sie die Pille genommen und Dad ein Kondom benutzt hatte. »Ich bin mir nicht einmal sicher, ob wir überhaupt Sex hatten«, hatte ihr Vater Ed in Anspielung auf den Namen seiner Frau Maria gewitzelt. Und auch ihre beiden älteren Schwestern hatten mit dem Nachwuchs nichts anbrennen lassen. Lucile hatte einen zweijährigen Jungen und Emily Zwillinge entbunden.

Und ich werde die Nächste sein, die den Familienstammbaum wachsen lässt.

Noch vor zwei Minuten war sie sich dessen sicher gewesen, aber dann hatte Dr. Malcom vielsagend gegrunzt und seitdem mit sorgenfaltiger Stirn auf den Monitor gestarrt, während er die Ultraschallsonde auf ihrem Bauch in alle Himmelsrichtungen bewegte.

Das Geschlecht konnte man zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht eindeutig bestimmen, und selbst wenn, hätte sie es gar nicht wissen wollen. Ganz gleich, ob Junge oder Mädchen, ihre Welt würde sich zum Besseren ändern, wenn das Baby erst einmal geboren war. Nicht, dass ihr die Zukunft nur noch rosig erschien. Natürlich würde es für sie als Alleinerziehende schwer werden. Noch immer ärgerte sie sich über Steven, der beim Anblick des positiven Schwangerschaftstests allen Ernstes angefangen hatte zu heulen, und das nicht vor Freude. Noch mehr allerdings ärgerte sie sich über sich selbst, sich mit Steven etwas vorgemacht zu haben. Sie waren viel zu unterschiedlich, als dass aus ihrer oberflächlichen Beziehung etwas Dauerhaftes hätte entstehen können. Immerhin war er groß, muskulös, charmant und einfühlsamer als die meisten anderen, die sie in einer Bar hatten abschleppen wollen. Aber so etwas wie Chemie oder Magie hatte es nie zwischen ihnen gegeben, vielleicht weil Steven keine Geheimnisse in sich trug, die es zu erforschen galt. Sein Lebenslauf war vorprogrammiert: erst als Juniorpartner bei einer Wallstreet-Kanzlei, später als Staatsanwalt, zu dem er wegen seines markanten Yale-Gesichts Jahr für Jahr in Folge wiedergewählt werden würde. Das stand so fest wie die Tatsache, dass er in einem Landhaus mit weißem Zaun, Doppelgarage und Golfrasen vor dem säulenbewehrten Eingang residieren würde, außerhalb der Stadt, mit den statistisch vorgesehenen 1,4 Kindern, die er irgendwann einmal ganz sicher haben wollte, nur eben nicht jetzt. Daran änderte auch nichts die Tatsache, dass ihn mittlerweile sein schlechtes Gewissen zu quälen schien. Seit knapp drei Wochen wurden ihr von einem anonymen Absender in unregelmäßigen Abständen wunderschöne Blumen ins Büro geliefert, die nur von ihm stammen konnten. Aber weder Rosen noch Orchideen würden sie dazu bewegen, sich wieder mit ihm in Verbindung zu setzen, um noch einmal über den richtigen »Zeitpunkt« zu diskutieren, so als wäre die Geburt eines Babys ein Outlook-Termin. Sie wunderte sich nur, dass die Blumenlieferungen nicht mit dem Tag aufgehört hatten, an dem die Frist zur legalen Abtreibungsmöglichkeit verstrichen war.

Celine wusste, ein Kind würde sie glücklich machen, egal wann. Und tatsächlich hatte sie ihr Leben bereits jetzt aus einer völlig neuen Perspektive kennengelernt. Und damit meinte sie nicht nur ihr Badezimmer, in dem sie in den ersten Wochen vor der Toilettenschüssel gekniet hatte.

»Dir müsste man Blut abzapfen und es verkaufen«, hatte ihr Mitbewohner Adrian gemeint, als sie ihn wieder einmal eine halbe Stunde vor dem Gemeinschafts-WC hatte warten lassen, um dann mit einem Lächeln im Gesicht die Tür zu öffnen, hinter der sie sich gerade lautstark übergeben hatte.

»Du kotzt dir die Seele aus dem Leib und bist trotzdem bei guter Laune. Ich kenne Jungs auf der Uni, die würden ihrem Dealer ein Vermögen für den Stoff zahlen, der das bewirkt.«

Tja, welche Glückshormone auch immer bislang in meinem Blut gewesen sind. Jetzt gerade sind sie verschwunden. Celine räusperte sich. »Gibt es ein Problem?«

Jetzt war sie raus. Die Frage, auf die sie keine Antwort hören wollte.

Dr. Malcom sah auf. Die Sorgenfalten wollten nicht von seiner Stirn verschwinden. Er nahm seine Brille ab. »Ich habe mir gerade die Nackenfalte angesehen.«

Nackenfalte?

Verdammt, sie konnte sich dunkel erinnern, etwas darüber in einem der unzähligen Ratgeber gelesen zu haben, die ihre wohlmeinende Familie bei ihr abgeladen hatte. Mit den Ausgaben von »Dein Baby und du«, »Hoppla, ich komme« oder »Was sich jetzt ändert« konnte sie die Regale ganzer Ikea-Einrichtungshäuser füllen. Doch mit den Babybüchern war es wie mit den Facebook-Freunden. Je mehr man davon hatte, desto weniger Beachtung schenkte man dem Einzelnen.

Manchmal fragte sie sich, ob es eine schlechte Mutter aus ihr machte, weil sie nicht jeden Tag nachlas, was genau in ihrem Körper vorging. Aber die Zentimeter- und Gewichtsangaben machten ihr eher Angst, denn was, außer regelmäßig zur Vorsorge zu gehen, sollte sie in drei Teufels Namen denn tun, wenn ihr Pünktchen zu klein geraten war oder nicht an der richtigen Stelle lag? Nicht einmal die Tipps gegen Morgenübelkeit hatten funktioniert, was sollte es ihr da bringen, wenn sie wusste, welche Menge an Fruchtwasser innerhalb der Norm lag?

Schön, an der Kühlschranktür hing ein Zettel mit allem, was sie jetzt besser meiden sollte. Aber welche vernünftig denkende Schwangere steckte sich schon eine Zigarette an, mixte einen Gin Tonic zum Frühstück und bekämpfte Schmerzen mit einer Familienpackung Tylenol?

Celine versuchte sich ausgewogen zu ernähren, verzichtete auf Kaffee, rohe Wurst und Sushi, was ihr nicht schwerfiel angesichts der Tatsache, dass sie ohnehin kaum etwas im Magen behalten konnte und sie nur selten Appetit hatte. Und ein Blick auf die belebten Straßen New Yorks war ja wohl der beste Beweis dafür, dass die Menschheit es auch ohne schriftliche Anleitungen geschafft hatte, seit Millionen von Jahren erfolgreich an der Überbevölkerung des Planeten zu arbeiten. Celine vertraute einfach fest darauf, dass Mütter intuitiv wussten, was für ihren Nachwuchs das Beste war.

Heute allerdings verfluchte sie sich, das Kapitel Pränataldiagnostische Maßnahmen in ihrem Nachschlagewerk nur überflogen zu haben.

»Anhand der Ansammlung von Flüssigkeit im Bereich des Nackens können wir das Risiko von Fehlentwicklungen einschätzen«, erklärte ihr Dr. Malcom jetzt mit ruhiger Stimme. Für Celine hätte es keinen Unterschied gemacht, wenn er sie angeschrien hätte. In ihrem Kopf dröhnte nur ein einziges Wort: Fehlentwicklungen.

»Und?«, krächzte sie erstickt.

»Ich messe eine Transparenz von 3,9.«

»Und das ist schlecht?«

»Nicht direkt schlecht. Alles bis NT 2,5 ist unauffällig. Alles darüber müssen wir wegen des Verdachts auf Chromosomenanomalien abklären.«

»Doktor?«

»Ja?«

»Können Sie bitte den Zahlenmist sein lassen und mit dem Fachchinesisch aufhören?«

»Ja, Entschuldigung.« Er räusperte sich. »Bei einem Befund, wie ich ihn hier sehe, besteht die Wahrscheinlichkeit einer Trisomie. Sorry, aber ganz ohne Fachausdrücke geht es nicht. Sie haben doch sicher schon einmal vom Downsyndrom gehört.«

Sie meinen die Kinder mit dem runden Gesicht, die so gerne lächeln und sprechen, als wären sie taubstumm, und die von gesunden Menschen oft abfällig als Mongoloide bezeichnet werden?

Celine nickte mit Tränen in den Augen. Schlagwörter wie »geistig behindert«, »zurückgeblieben« und »Mondgesicht« hallten durch ihren Kopf, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Sie hatte die Reportagen über Menschen mit dieser Krankheit gesehen; ihre eigene Zeitung hatte einmal einen Spendenaufruf gestartet, um einem kleinen Jungen mit Downsyndrom die Herzoperation zu finanzieren, die sich seine Eltern nicht leisten konnten.

»Schauen Sie mich nicht so entsetzt an, Celine. Die Diagnose ist alles andere als gesichert. Wir müssen weitere Tests durchführen.«

»Was für Tests?«

»Eine Fruchtwasseruntersuchung zum Beispiel, aber die empfehle ich erst ab der vierzehnten Schwangerschaftswoche, zuvor ist die Gefahr eines Abgangs zu groß, damit müssen wir also noch etwas warten.«

»Gibt es nichts, was Sie sofort machen können?«

»Doch. Ich werde Ihnen jetzt Blut abnehmen«, antwortete der Arzt und erklärte ihr eine Reihe von Tests, nannte Zahlen, erläuterte Normabweichungen und gab ihr schließlich die Visitenkarte eines Kollegen für Pränataldiagnostik, an den er sie überweisen wollte.

Celine hörte zu, ohne viel von dem Gesprochenen zu behalten.

Sie fühlte sich wie eine Flipperkugel im Automaten. Eine unsichtbare Macht spielte mit ihrem Schicksal und hetzte sie von einer Ecke in die nächste. Im Abstand weniger Wochen war ihr Leben gleich zweimal komplett umgekrempelt worden. Zuerst, als sie von dem Wunder erfuhr, das in ihr heranwuchs. Und jetzt, als ihr der Gedanke langsam ins Bewusstsein sickerte, dass ihr Kind womöglich ein lebenslanger Pflegefall werden könnte.

Fröhlich und erwartungsvoll hatte sie die Praxis von Dr. Malcom betreten. Besorgt und in eine Wolke dunkler Gedanken gehüllt verabschiedete sie sich wieder von dem Gynäkologen.

Mein Baby ist krank.

Schlimmer, da war sie sich sicher, konnte der Tag nicht werden, als sie mit dem warmen Strom der Klimaanlagenabluft in die Kälte auf die 7th Avenue getrieben wurde.

In diesem Moment klingelte ihr Telefon.

7. Kapitel

»Nun hat’s dir also auch noch die letzte Sicherung rausgehauen.«

Oscars Stimme hallte von den Wandfliesen verstärkt durch die U-Bahn-Unterführung. Er sah Noah an, als hätte dieser sich gerade nackt ausgezogen und mit Totos Hundefutter eingerieben. Dabei bewegte er die rechte Hand wie ein Scheibenwischer vor seinem Kopf. »Hast du jetzt komplett den Verstand verloren?«

Nein. Im Gegenteil. Ich schätze, ich habe gerade einen Teil von ihm wiedergefunden.

Noah presste sich den Hörer des Münzfernsprechers, der trotz seines ramponierten Zustands verblüffenderweise noch tadellos funktionierte, fester ans Ohr. Oscar versuchte irgendwie an den Apparat zu kommen, vermutlich, um auf die Gabel zu patschen, damit die Verbindung unterbrochen wurde, doch Noah schirmte das Telefon mit seinem Körper ab wie ein Basketballspieler, der seinen Ballbesitz verteidigt.

»Leg auf!«

Noah, der sich immer noch wunderte, weshalb sein Begleiter ihm überhaupt ihre Ersparnisse ausgehändigt hatte (vermutlich, weil der durch seinen unvermittelt ausgebrochenen Schreikrampf viel zu verängstigt gewesen war, es nicht zu tun), schüttelte den Kopf und versuchte sich auf das Gespräch zu konzentrieren.

»Hallo? Sind Sie noch dran?«, hörte er die Frau am anderen Ende der Leitung fragen, die erst nach einer halben Ewigkeit abgenommen und sich ihm als Celine Henderson von der New York News vorgestellt hatte.

»Ich rufe wegen des Bildes an«, sagte Noah leise.

»Wie bitte? Entschuldigen Sie, ich habe mein Telefon aus der Redaktion auf mein Handy umleiten lassen. Ich fürchte, die Verbindung ist etwas schlecht.«

Im Hintergrund hupten Autos, geschäftiger Straßenlärm rauschte durch die Leitung, dessen Geräusche sich von denen unterschieden, die er in Berlin ...

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