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Nimm mich!

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

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PROLOG

„Heiraten Sie mich!“

„Wie bitte?“ Mit zusammengekniffenen Augen sah Jessie Adams zu dem Mann hinüber, der an einem der hinteren Tische des Restaurants saß. Er hatte sie gerufen, noch bevor er seinen ersten Kaffee ausgetrunken hatte.

Sie bildete sich doch tatsächlich ein, er hätte sie um ihre Hand gebeten. Heiraten Sie mich? Ach du liebe Güte!

Regen prasselte auf den dunklen Parkplatz, auf dem nur sein tiefergelegter silberner Sportwagen stand. In seinem dunklen Haar und auf seinem schwarzen Wollmantel glitzerten Wassertropfen. Das Neonschild vor dem beschlagenen Fenster blitzte kurz auf und erleuchtete sein Gesicht.

Himmel, was für ein gut aussehender Mann! Und was für eine willkommene Abwechslung. Es war ein furchtbarer Tag gewesen. Eine furchtbare Woche. Ein furchtbarer Monat. Jessie seufzte. Auch das wird vorübergehen. Zumindest hatte sie das irgendwo gelesen und hoffte inständig, dass es stimmte.

Ganz kurz gab sie sich der Vorstellung hin, dass ihr Traumprinz gekommen war, um sie kurzerhand zu entführen. Dass er ihr tatsächlich einen Heiratsantrag gemacht hatte. Bei ihrem Pech in letzter Zeit war es jedoch wahrscheinlicher, dass er ihr noch ihre letzten zwanzig Kröten abknöpfen und die Kasse leer räumen würde. Verstohlen betrachtete sie ihn noch einmal von Kopf bis Fuß.

„Nun?“, fragte er.

„Was nun?“ Jessie versuchte, nicht zu eifrig zu klingen. Er roch so gut, am liebsten hätte sie sich an ihn geschmiegt, die Augen geschlossen und einfach nur eingeatmet.

„Werden Sie mich heiraten?“

Bleib ruhig, mein Herz. „Ist heute Donnerstag?“

„Freitag.“

„Tut mir leid, ich heirate fremde Männer nur donnerstags.“ Sie füllte Kaffee nach. „Da müssen Sie schon bis nächste Woche warten.“

„Nächste Woche ist es zu spät.“ Sein müder Blick ruhte auf ihrem Gesicht, wanderte dann über ihre flache Brust zu ihren dünnen Beinen und wieder nach oben. „Was zum Teufel haben Sie mit Ihrer Frisur angestellt?“

Verlegen fasste Jessie sich in die orangefarbenen, struppigen Haare. „Frisch gefärbt.“ Weil sie gehofft hatte, dass man als Blondine mehr Spaß am Leben hatte. Super Idee!

„Was immer Sie damit bezwecken wollten …“

Hat nicht funktioniert.

„Mir gefällt es“, entgegnete sie schnippisch. Sie spürte einen Druck auf der Brust. Er war ein Unbekannter. Warum interessierte es sie, was er von ihrer Frisur hielt? „Trinken Sie aus. Wir schließen in zwanzig Minuten.“ Diese Tatsache erinnerte sie an viel dringlichere Probleme. Ihr blieben noch genau vier Tage, bevor sie ihre Wohnung räumen musste, und bisher hatte sie noch nichts Bezahlbares gefunden. Natürlich würde sie auch nach Sacramento oder Tahoe ziehen. Wenn sie mehr als siebenundzwanzig Dollar auf der hohen Kante hätte. Wenn der Freund ihrer Mutter nicht ihr Auto geklaut hätte. Und wenn sie …

„Sie sind einfach perfekt.“ Die aufregende Stimme des Mannes hielt sie davon ab, ganz schnell wieder hinter der Theke zu verschwinden. „Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen.“

Darauf könnte ich wetten. „Hören Sie, Kumpel, meine Füße tun weh, meine Schicht ist gleich zu Ende, und so gerne ich hier mit Ihnen sitzen und plaudern würde, ich muss noch die Küche aufräumen. Wenn es Ihnen also nichts ausmachen würde …“

„Lassen Sie mich doch erst mal ausreden …“

Jessie stellte die Rechnung aus und knallte sie vor ihm auf den Tisch. „Wenn Sie noch mehr Kaffee wollen, bedienen Sie sich.“

In der makellosen Küche war nicht mehr viel zu tun. Von zwei Truckern abgesehen war sie den ganzen Abend über alleine gewesen, was bedeutete, dass sie so gut wie kein Trinkgeld bekommen hatte. Schnell räumte Jessie das wenige Geschirr in die Spülmaschine. Als sie sich wieder umdrehte, stand der Fremde in der Küchentür, die Hände in den Manteltaschen vergraben, und beobachtete sie.

Was dieser elegante Mann gerade vor sich sah, wusste sie nur zu genau. Sie war nicht gerade eine Schönheit. Viel zu dünn, und sollte sie irgendwann einmal Brüste bekommen, dann wahrscheinlich in einem Alter, in dem umgehend Hängebrüste daraus wurden. Sie hatte ihr verschandeltes Haar unordentlich auf dem Kopf zusammengesteckt, sodass es aussah wie ein Nest aus gelbem und orangefarbenem Stroh. Hübsch an ihr waren nur ihre Augen. Ein Truckfahrer hatte mal gesagt, sie sähen aus wie Kuhaugen. Sie war sich zwar nicht sicher, ob das als Kompliment durchging, aber zumindest hatte er sehr ernsthaft geklungen.

„Wie alt sind Sie?“

„Junge, Junge, Sie sind vielleicht hartnäckig. Hat Ihnen noch nie zuvor jemand einen Korb gegeben?“

„Nicht besonders oft. Also, wie alt?“

Jessie legte den Kopf schief und betrachtete den Mann mit unverhohlener Neugier. Er sah reich aus, verzogen und daran gewöhnt, dass alle nach seiner Pfeife tanzten. Und er hatte schöne Hände. Lange, starke, gebräunte Finger mit sauberen, glänzenden Nägeln. Jessie achtete immer auf Hände.

Automatisch versteckte sie ihre abgebissenen Fingernägel hinter dem Rücken. „Äh … fünfundzwanzig.“

Sein Lachen klang rau. „Netter Versuch, Honey.“

„Einundzwanzig.“

„Somit wäre eine Hochzeit also legal.“

Als er auf sie zuschlenderte, machte Jessie einen Schritt nach hinten und prallte gegen den Kühlschrank. Die Chance, dass um diese Uhrzeit noch jemand hier auftauchte, war äußerst gering. Keinem Menschen würde es auffallen, wenn der Kerl ihr etwas antat. Sie wich zurück, als er ihr Gesicht berührte. Hätte sie sich bloß das sarkastische „Was jetzt noch, Gott?!“ von letzter Woche gespart, nachdem ihr Auto gestohlen worden war. Gott stand nicht auf Sarkasmus. Das hier war seine Rache. Sie seufzte. Aber vermutlich war dieser Typ immer noch besser, als vom Blitz erschlagen zu werden.

„Perfekt.“ Er drehte ihr Kinn von einer Seite zur anderen, seine Hand fühlte sich warm auf ihrer Haut an. So nah roch er sogar noch besser. Jessie erschauerte. Instinktiv begriff sie, dass er keinerlei sexuelles Interesse an ihr hatte und ihr nichts antun würde. Ihr Herz klopfte also nicht so wild, weil sie Angst vor ihm hatte … zumindest nicht viel.

„Was halten Sie davon, Kumpel? Ich gebe Ihnen zehn Sekunden, um mich loszulassen, oder ich rufe die Polizei.“ Er ließ den Arm sinken, doch sie konnte seine sanfte, warme Berührung noch immer spüren. „Was wollen Sie von mir?“, fragte sie heiser.

„Ich möchte, dass Sie mich heiraten. Jetzt. Heute Nacht. Wir fahren nach Tahoe, heiraten, und Sie sind rechtzeitig zu Ihrer nächsten Schicht wieder zurück.“

„Sie sind verrückt!“

„Ich bin verzweifelt“, entgegnete er grimmig.

Wer ist das nicht?

„Wieso ich?“ Jessie ging zurück ins hell beleuchtete Restaurant. Er folgte ihr, nahm einen Becher vom Stapel hinter der Theke und setzte sich an einen Tisch am Fenster.

Was um Himmels willen hat ein Mann wie er hier zu suchen? Dieses Restaurant war nun wirklich nicht der passende Ort für ihn. Der einzige Grund, warum überhaupt gelegentlich ein Gast auftauchte, war, dass das Restaurant direkt an der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada lag. Der kleine Laden sah genauso aus wie Millionen andere in diesem Land. Von einer Million Hintern abgewetzte rote Plastikstühle, braune Resopaltische mit Brandlöchern von Zigaretten und kitschige Weihnachtsbeleuchtung. Der Geruch von Fett und Essen hing in den Plastikpflanzen, die in staubigen Kübeln von der gelben Decke baumelten.

Jessie versuchte, ihre Umgebung so gut es ging zu ignorieren. Manchmal sehnte sie sich geradezu körperlich nach Ästhetik. Und nach Beständigkeit. Nach irgendetwas, das ihr verdammt noch mal nicht geklaut oder abgeschwatzt werden konnte.

Sie hatte nichts gegen Arbeit, aber es wäre auch mal eine nette Abwechslung, nichts zu tun. Leider Gottes war sie nicht verrückt genug zu glauben, dass ein völlig Fremder zwei Tage vor Weihnachten in ein Restaurant marschierte und ihr all das zu Füßen legte.

„Ich will es kurz machen.“ Der Fremde nahm die Kaffeekanne, füllte beide Tassen und stellte die Kanne dann in die Mitte des Tisches, auf neutrales Gebiet. Wider besseres Wissen neugierig geworden, ließ Jessie sich ihm gegenüber auf den zerschlissenen Sitz fallen.

„Es handelt sich um einen rein geschäftlichen Vorschlag.“ Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, das sofort wieder ordentlich auf seinen Platz fiel. „Die Situation ist Folgende: Mein Vater und sein Bruder hatten gemeinsam eine Firma. Mein Vater ist vor zehn Jahren gestorben und hat die Firma meinem Onkel Simon in der Absicht hinterlassen, dass ich eines Tages seine Hälfte erben soll. Ich habe mir die Hände wund gearbeitet, während mein Cousin Paul durch die Weltgeschichte gezogen ist und weiß der Teufel was getrieben hat. Diese Firma gehört zu fünfzig Prozent mir. Das habe ich mir verdient, verdammt noch mal. Jetzt möchte Simon sich zurückziehen, besteht aber darauf, dass Paul und ich sesshaft werden, weil er die Firma keinen ‘Playboys’, wie er uns nennt, überlassen will. Also hat mein Onkel in seiner unendlichen Weisheit beschlossen, dass Paul und ich heiraten sollen.“

Jessy beäugte ihn skeptisch. „Wirklich?“

Er nickte kurz. „Leider ja. Zu allem Überfluss soll der Erste, der heiratet, die Leitung der Firma übernehmen. Simon ist ganz besessen von dieser absurden Idee.“

„Und wo liegt das Problem? Ein gut aussehender reicher Typ wie Sie kann doch unter endlos vielen Frauen wählen.“

„Ich habe jemanden gefragt“, gestand er zögernd. „Sie hat Ja gesagt – zu meinem Cousin.“

Jessie spielte gedankenverloren mit ihrem Kaffeebecher. „Autsch. Aber es muss doch eine andere geben, die Sie …“

„Die beiden werden morgen Mittag in San Francisco heiraten, also muss ich mich beeilen. Wenn Sie mein Angebot annehmen, wäre das für uns beide von Vorteil. Sie bekämen ihre finanzielle Unabhängigkeit und könnten tun und lassen, was immer Sie wollen. Und ich … ich möchte keine wirkliche Ehefrau haben, sondern benötige nur eine auf dem Papier. Jetzt. Heute Nacht.“

Er betrachtete das Namensschild über ihren winzigen Brüsten. „Heiraten Sie mich, Vera. Ich werde Ihnen jeden Monat bis an Ihr Lebensende Geld überweisen. Himmel, wenn Sie wollen, kaufe ich Ihnen sogar dieses verdammte Restaurant.“

Jessie unterdrückte ein hysterisches Kichern. Das Namensschild war noch von ihrer Vorgängerin, weil es ihr egal war, wie die Gäste sie nannten. „Ich will dieses Restaurant nicht.“ Sie brauchte ihn nur anzusehen, und ihr dummes Herz schlug Purzelbäume.

„Aber verstehen Sie denn nicht? Diese Firma bedeutet mir einfach alles.“ Seine Augen funkelten wild entschlossen. „Sie haben doch bestimmt auch schon mal irgendetwas im Leben ganz dringend gewollt?“ Er beugte sich nach vorne. „Wenn Sie das für mich tun, werde ich Ihnen jeden Wunsch erfüllen. Das verspreche ich.“

„Wirklich jeden?“

„Jeden.“

Begehren auf den ersten Blick. Das war es, was sie für diesen Mann empfand, und sie konnte es nicht leugnen. Aber wie hätte es auch anders sein können? Er war unverschämt attraktiv, stark, erfolgreich, wohlhabend, und – was am Gefährlichsten war – er brauchte sie. Die Anziehung war jedoch ganz offensichtlich nicht gegenseitig. Wie auch immer, Cinderella hatte sich auch nicht beschwert, als ihr Prinz sie aus der Küche scheuchte.

„Woher soll ich wissen, dass Sie sich auch daran halten?“ O bitte, lass es ihm ernst sein!

„Das ist die Visitenkarte meines Anwalts. Rufen Sie ihn an, lassen Sie sich bestätigen, wer ich bin, fragen Sie ihn nach dem Ultimatum meines Onkels.“

Jessie nahm die Karte. Sie war durchgedreht, völlig verrückt, sie musste den Verstand verloren haben, seinen Vorschlag überhaupt zu erwägen … Andererseits, was hatte sie schon zu verlieren?

Sie griff nach dem Telefon, das er ihr hinhielt, und hatte schon angefangen zu wählen, bevor ihr einfiel zu fragen: „Wie heißen Sie?“

„Joshua Falcon.“

Der Mann am anderen Ende der Leitung war nicht gerade begeistert, dass ihn eine Irre mitten in der Nacht anrief. Jessie stotterte trotzdem genug Fragen herunter, um herauszufinden, dass Joshua Falcon der war, der er vorgab zu sein – und reicher als Krösus persönlich.

Der Anwalt wollte mit Mr. Falcon sprechen. Und zwar sofort. Jessie reichte ihm den Hörer, rutschte zurück und lauschte interessiert.

Ohne sie aus den Augen zu lassen, sagte er: „Du kannst verdammt noch mal davon ausgehen, dass ich es ernst meine.“ Er hörte eine Weile zu. „In einem Restaurant an der Grenze zwischen Kalifornien und Nevada.“ Er kniff die Augen zusammen. „Warum sollte sie nicht? Vermutlich verdient sie den Mindestlohn und lebt mit ihrer Katze in einer winzigen Wohnung. Ich werde dir eine Kopie der Heiratsurkunde zufaxen und das Original dann später in dein Büro bringen.“ Es entstand eine kurze Pause. Dann lachte er, und Jessie zuckte zusammen. „Keine Flitterwochen. Sie wird dich wegen der finanziellen Details später zurückrufen.“ Joshua lauschte. „Du musst nicht sarkastisch werden. Sie ist nicht mit Gold aufzuwiegen. Oh, und Felix: Ruf doch bitte Simon an, sobald du mein Fax bekommen hast.“ Es entstand eine längere Pause. „Alles klar“, sagte er dann ein wenig zögernd. „Nehmt den Lear. Wir treffen uns um einundzwanzig Uhr im Rathaus von Reno. Dann kannst du meinem Onkel die Heiratsurkunde höchstpersönlich überreichen.“

Er klappte das Handy zu und steckte es in seine Tasche.

„Ich habe keine Katze.“

„Wie bitte?“

„Ich sagte, dass ich keine …“

„Das war doch rein rhetorisch gemeint. Holen Sie Ihren Mantel“, fuhr er dann ungeduldig fort und knöpfte seinen eigenen zu. Er warf einen Zwanzigdollarschein auf den Tisch.

„Ich habe auch keinen Mantel.“

„Sie haben keinen Mantel?“

„Himmel, ist hier ein Echo?“

Missmutig zog er seinen Mantel aus und warf ihn ihr zu. „Ziehen Sie den über, und lassen Sie es uns hinter uns bringen.“

„Wow, Sie wissen genau, wie man mit Frauen umgeht.“ Der Wollmantel roch nach ihm. Er war dick und dunkel und duftete nach Mann und frischem, zitronigem Rasierwasser. Jessie wurde ganz flau im Magen. Sie fühlte sich wie auf einem Zehnmetersprungbrett, zugleich begeistert und verängstigt.

„Du liebe Zeit.“ Er beobachtete sie dabei, wie sie die Lichter ausknipste. „Ich muss müder und verzweifelter sein, als mir klar war.“

Jessie erstarrte mit den Schlüsseln in der Hand. „Hören Sie mal, Freundchen, nicht ich habe Sie auf Knien angefleht, mich zu heiraten, ist das klar? Also überlegen Sie sich gefälligst, was Sie eigentlich wollen.“ Sie funkelte ihn an. „Nun? Wollen Sie mich heiraten oder nicht?“

Er blickte auf sie hinunter. „Gott helfe mir. Ja, ich will.“

Um einundzwanzig Uhr fünfundvierzig drückte Joshua seinem Anwalt Felix Montgomery die Heiratsurkunde in die Hand.

Um einundzwanzig Uhr sechsundvierzig verließ er das Rathaus.

Er sah Jessie nicht an.

Der Traumprinz hatte seine Braut nicht mal geküsst.

1. KAPITEL

Dezember

Sieben Jahre später

Feierlich herausgeputzt flanierten die Partygäste durch Simon Falcons Haus. Aus sicherer Entfernung sah Jessie, wie ihr Mann das festliche Gewimmel mit müdem, gelangweiltem Blick betrachtete. Der steife schwarze Smoking und das plissierte weiße Hemd waren wie für ihn gemacht; seine ganze Erscheinung zeugte von Reichtum und tief verwurzeltem Selbstbewusstsein. Mit seinen aristokratischen Gesichtszügen und dem Schert-euch-zum-Teufel-Blick wirkte er wie ein König, der sich seinem Volk zeigt. Sein gefährlicher Sex-Appeal war so auffällig, dass alle Frauen sich nach ihm umdrehten.

Er hatte sich in den letzten sieben Jahren überhaupt nicht verändert. Im Gegensatz zu ihr. Niemals würde Joshua sie als die Kellnerin Vera wiedererkennen, die er geheiratet hatte.

Durch ihre Hochzeit hatte er die Firma Falcon International bekommen. Nun war sie an der Reihe, aus dieser Ehe etwas herauszuholen, was sie unbedingt wollte. Ein Kind. Das wünschte sie sich mehr als alles andere auf der Welt. Und Joshua sollte ihr diesen Traum erfüllen.

Vor einigen Monaten hatte Jessie ihren Anwalt angewiesen, ihren Ehemann über diesen Wunsch zu informieren. Der wiederum hatte angeboten, die Kosten für eine künstliche Befruchtung in einer Klinik ihrer Wahl zu übernehmen.

Jessie wusste nicht genau, was sie eigentlich von ihm erwartet hatte. Jedenfalls nicht, dass er sie auf eine Klinik verwies, um mit dem Samen eines völlig fremden Mannes ein Kind zu zeugen. Der springende Punkt war schließlich, dass sie ein Kind von ihrem eigenen Ehemann wollte.

Joshua schien überhaupt kein Interesse an Kindern zu haben. Er hatte offensichtlich nicht das Bedürfnis, für Nachkommen zu sorgen. Das konnte Jessie nur recht sein, denn wenn er kein Kind wollte, würde er auch nicht auf die Idee kommen, es ihr wegzunehmen.

Sie straffte die Schultern und nahm einen großen Schluck Wein. Ihr Herz hämmerte vor Aufregung. Sie bezwang das Bedürfnis, sich über die Hüften zu streichen und zu überprüfen, ob ihr Seidenkleid verrutscht war. Stattdessen rückte sie noch einmal den Kranz aus Stechpalmenblättern zurecht, den sie für ihr Haar geflochten hatte. Sie fühlte sich wie ein Revolverheld, der sein Halfter kontrollierte. Bei dem Gedanken musste sie ein Lachen unterdrücken.

Das Lächeln erstarb auf ihren Lippen, als sie Joshuas Blick auffing und festhielt, wozu sie ihr ganzes Selbstbewusstsein zusammenkratzen musste. Sie hob das Kinn noch ein wenig höher und sah, wie sein Mund zuckte. Ihre Blicke verkeilten sich, während er durch den Raum langsam auf sie zuging. Das Blut pulsierte in ihren Schläfen. Fünfzig Meter, dreißig Meter … sprechen Sie ihn jetzt bloß nicht an, Lady! … zehn Meter.

Joshua war größer, durchtrainierter und attraktiver als jeder andere Mann im Raum. Ihr Herz schlug so heftig, dass sie die einzelnen Schläge schon gar nicht mehr auseinanderhalten konnte. All ihre Sinne waren in Alarmbereitschaft, er bewegte sich unaufhaltsam auf sie zu. Adrenalin schoss durch ihren Blutkreislauf. Sie nahm noch einen Schluck, der Wein schmeckte nach nichts, dann presste sie das kalte Glas an ihre heiße Wange. Fünf Meter …

Sie bekam beinahe einen Herzinfarkt, als Simon plötzlich neben ihr auftauchte und einen Arm um ihre Taille legte. Sie hatte ihn gar nicht kommen sehen. Er küsste sie auf die Wange. „Sie sehen in dem roten Kleid wie ein Weihnachtsengel aus, Honey. Was starren Sie denn so … Oh, Joshua ist da.“

„Simon, warten Sie, bitte.“ Jessie klammerte sich an seinen Arm wie an einen Rettungsring. „Nur so lange, bis sie uns einander vorgestellt haben, ja?“

„Sind Sie sicher, dass Sie wissen, was Sie tun, Jessie?“

Sie hatte Joshuas Onkel angeflunkert und ihm nur die Hälfte ihres Planes verraten. Selbst in ihren eigenen Ohren klang ihr Lachen unecht. „Nein.“

Seit sieben Jahren stellte sie sich vor, wie es wäre, mit Joshua zu schlafen. Sie hatte davon geträumt. Sich danach gesehnt. Darauf gebrannt. Jedes Mal, wenn sie einen Artikel über ihn gelesen hatte, im Wirtschaftsteil der Tageszeitung oder in einer billigen Zeitschrift, hatte sie sich gewünscht, die Frau an Joshuas Seite zu sein. Die Frau in seinem Bett.

Sie hatte erfolglos versucht, ihren Ehemann aus ihren Gedanken zu verbannen, und an ihrer Zukunft gearbeitet. Sie hatte die Highschool beendet, war aufs College gegangen und hatte es in all der Zeit sorgsam vermieden, ihm über den Weg zu laufen. Bis zu diesem Abend.

Nun hatte ihr Wahnsinn Methode.

Die körperliche Anziehung, die sie spürte, war noch genauso machtvoll und beängstigend wie vor all den Jahren in diesem Restaurant. Das machte ihre Mission natürlich leichter. Und falls die Gefühle gegenseitiger Natur wären …

Es schien eine Ewigkeit und zugleich nur Sekunden zu dauern, bis er in greifbarer Nähe war. Sein Rasierwasser war feiner, dezenter als das, an das sie sich erinnerte, aber sein eigentlicher männlicher Geruch war derselbe. Noch nie hatte sie sich so sehr als Frau gefühlt wie in dem Moment, als Joshuas heißer Blick sich durch die dünne Seide ihres Kleides bis auf ihre pulsierende Haut bohrte.

„Simon.“ Joshua begrüßte seinen Onkel mit dunkler, heiserer Stimme, ohne den Blick von Jessie zu nehmen.

„Joshua.“ Simon klang ungewöhnlich aufgeräumt, als er die Hand seines Neffen ergriff. „Wie geht es dir, mein Junge?“

„Würdest du mich der Dame vorstellen?“ Joshua betrachtete die Röte, die in die Wangen der jungen Frau stieg, und ließ seinen begehrlichen Blick über ihre üppigen Lippen zu ihren Augen und zurück zu ihrem Mund wandern. Eine Wolke engelsgleicher Locken umrahmte ihr Gesicht und fiel über ihre Schultern. Dunkle Augenbrauen bildeten einen sanften Bogen über ihren schokoladenbraunen blitzenden Augen.

Joshua hatte nur zögernd die etwas ruppige Einladung seines Onkels für die Weihnachtsparty angenommen. Normalerweise feierte er Weihnachten nicht. Als er die dunkelhaarige Schönheit neben seinem Onkel entdeckt hatte, hatte er einen Moment lang geglaubt, bei ihr handelte es sich um die erwähnte Überraschung. Nachdem Überraschungen zu dieser Jahreszeit sich grundsätzlich als unangenehm herausstellten und nachdem er genau wusste, wie gerissen sein Onkel war, hätte er sich beinahe umgedreht, um zu seiner Hütte in Tahoe zu fahren, wie jedes Jahr an Weihnachten.

Doch nun beschloss er, erst mal abzuwarten. Der zarte, schlanke Körper der Fremden war Grund genug, doch etwas länger zu bleiben. Zunächst mal. Ihr dezenter Duft war äußerst verlockend. In ihr dunkles Haar hatte sie einen Kranz geflochten. Ihre Haut wirkte durch das flammend rote, bodenlange Kleid blass und zart. Der Stoff schmiegte sich von ihrem Hals bis zu den Knöcheln eng an ihren Körper, ohne auch nur ein Anzeichen von Unterwäsche ahnen zu lassen.

Hitze fuhr durch seinen Körper, als er sah, wie ihre kleinen Brüste sich hoben und senkten. Sie tat ihr Bestes, um ungerührt zu wirken, doch die Lady war sich seiner Anwesenheit genauso bewusst wie er sich ihrer.

Joshua spürte den bekannten Adrenalinstoß und fragte sich, ob sie genauso wie er an zerwühlte Leintücher und schweißnasse Haut dachte.

„Jessica Adams, darf ich Ihnen meinen Neffen Joshua Falcon vorstellen?“

Der Name kam ihm bekannt vor. „Sie sind die Innenarchitektin, von der mein Onkel immer so schwärmt? Sie machen Ihre Arbeit gut.“

Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. „Danke. Es ist immer ein Vergnügen, für Simon und Patti zu arbeiten.“

Und es wäre ein Vergnügen, sie in seinem Bett zu haben. „Lass uns alleine, Onkel“, sagte er, ohne ihn anzusehen. Jessie grinste ein wenig, als er seinen Onkel zur Seite schob. Joshua konnte sich nicht daran erinnern, jemals so heftig auf eine Frau reagiert zu haben. Die Ohrringe mit den kleinen Weihnachtskugeln blitzten in ihrem dunklen Haar auf. Sie hielt das kühle Weinglas an den klopfenden Puls an ihrem Hals.

Er musste sich gehörig zusammenreißen, um sie sich nicht wie ein Neandertaler über die Schulter zu werfen und zu seiner Schlafstelle zu zerren. Der Gedanke überraschte ihn. Er war kein impulsiver Mensch, und er neigte auch nicht zu erotischen Fantasien. Er vergrub die Hände in seinen Taschen. Vielleicht sollte er den Schaden begrenzen und sie einfach stehen lassen. Sex war eine Sache, ein Übermaß an Emotionen eine ganz andere.

Verflucht. Weihnachten holte immer seine schlimmste Seite hervor. Ihm war bewusst, dass er Jessie mit unverhohlenem Begehren anstarrte. Sein Blutdruck schoss noch mal um zehn Punkte nach oben, als sie ein ersticktes Stöhnen ausstieß.

„Sind Sie alleine hier?“, fragte er.

Entweder sie war noch zu haben oder eben nicht. Er hatte noch nie im Leben um eine Frau gekämpft. Obwohl, dachte Joshua überrascht, in diesem Fall könnte ich sogar dazu in der Lage sein.

Sie lächelte. „Von den anderen 299 Partygästen abgesehen, ja.“

Sie hatte unglaubliche Lippen, einen Schmollmund, der aber nicht launisch wirkte. Joshua wollte ihn schmecken. Nur ein Mal. Beinahe hätte er sich vorgebeugt und es einfach getan, aber er zwang sich dazu, sich nicht zu rühren. Sein Begehren wuchs ins Unermessliche. Er wollte sie, sie war noch zu haben und schien ebenfalls interessiert zu sein. Diese Party gestaltete sich doch noch recht erfreulich.

Er lächelte. „Kann ich Sie nach Hause bringen?“

„Eigentlich bin ich gerade erst gekommen“, sagte sie gedehnt, ihre Augen blitzen. „Aber danke für das Angebot. – Simon“, sie wandte sich mit einem Lächeln, das seine Haut zum Prickeln brachte, an seinen Onkel, „ich hätte gerne noch ein Glas von diesem vorzüglichen Chateau Dingsbums.“

Simon warf ihnen einen wissenden Blick zu, schnappte sich dann ihr Glas und ging in die Küche.

Jessie legte den Kopf ein wenig schief, um zu ihm aufsehen zu können. In den funkelnden, dunklen Tiefen ihrer Augen entdeckte er ein Lachen. Sie flirtete mit ihm auf Teufel komm raus. Und war absolut unwiderstehlich. Am liebsten hätte Joshua seine Hände tief in ihrem Haar vergraben, um nachzuprüfen, ob es tatsächlich so weich war, wie es aussah. Er wollte mit den Fingern über ihre zarten Rundungen fahren. Er wollte sie in einem von Kerzen beleuchteten Zimmer auf kühle Laken legen und sie lieben, bis sie zerfloss wie warmer Honig.

Aber alles der Reihe nach.

„Bevor wir gehen“, sagte er rundheraus, „möchte ich etwas klarstellen. Ich bin verheiratet.“

Offenbar überrascht warf sie ihm einen verdutzten Blick zu. „Grundgütiger, ein Frauenheld mit Integrität. Wie erfrischend.“

Er hatte ihre Antwort mit Spannung erwartet. Irgendetwas an ihr gab ihm das Gefühl, dass sie nichts mit den Frauen gemeinsam hatte, mit denen er sich normalerweise einließ. Und er fragte sich erst gar nicht, wieso er ihr die Wahrheit gesagt hatte, was sonst nicht seine Art war. Vielleicht würde sie nun sofort zu irgendeinem Schmierenblatt rennen und den Redakteuren diese Neuigkeit verkünden.

Seine Ehe war schließlich überhaupt keine Ehe. Sie existierte nur auf dem Papier, mehr nicht. Ihm war das klar, seiner sogenannten Frau war es klar. Aber diese Frau mit den glühenden Augen und den üppigen Lippen würde das sicher nicht verstehen.

Zum ersten Mal seit er ein kleiner Junge war, fühlte Joshua, dass er errötete. „Es handelt sich um eine rein geschäftliche Verbindung. Ihr ist es völlig egal, was ich tue. Wir haben uns seit sieben Jahren nicht mehr gesehen.“

„Die Arme.“

„Wir haben diese Vereinbarung gemeinsam getroffen“, sagte er.

„Und warum erzählen Sie mir das?“

„Damit keine Missverständnisse aufkommen. Ich fühle mich sehr zu Ihnen hingezogen. Zum Teufel, um es ganz direkt zu sagen: Ich will Sie, Jessie Adams. Aber ich bin nicht an einer längerfristigen Beziehung interessiert, und eine Heirat steht überhaupt nicht zur Debatte.“

„Weil Sie bereits verheiratet sind.“

„Weil ich grundsätzlich nicht am heiligen Stand der Ehe interessiert bin. Ich habe aus rein beruflichen Gründen geheiratet und meine Frau aus finanziellen. Wenn das ein Problem für Sie ist, sagen Sie es gleich.“

„Das Problem ist“, entgegnete Jessie mit zuckersüßer Stimme, „dass es mich so oder so nicht interessiert. Ich finde es ein wenig anmaßend von Ihnen zu glauben, es würde mich interessieren, nachdem wir uns erst seit wenigen Minuten kennen. Ihr Familienstand hat für mich überhaupt keine Bedeutung.“

„Gut.“ Joshua fiel erst jetzt auf, wie verdammt langweilig sein Leben in letzter Zeit verlaufen war. Es war lange her, dass sein Blut dermaßen gekocht hatte.

„Lassen Sie mich raten. Ihre Frau ist eine zierliche, blauäugige Blondine?“

Joshua sah sie ausdruckslos an. Er erinnerte sich nur vage. Vera war groß und dünn gewesen. Aber blond? Oder rothaarig? Wie auch immer. Irgendwie hatte er die Kontrolle über das Gespräch verloren. Er war sich nicht sicher, wann oder wie, aber es irritierte ihn. „Was tut das zur Sache?“

Ihre braunen Augen funkelten teuflisch. „Ich versuche Sie darauf hinzuweisen, dass ich nicht Ihr Typ bin.“

„Woher wollen Sie wissen, was mein Typ ist?“

Jessie klimperte mit ihren langen Wimpern. „Klein, blond und vollbusig. Soll ich Ihnen die Namen aufzählen?“

„Ich schätze, ich weiß sie noch“, entgegnete er trocken und kniff die Augen ein wenig verstimmt zusammen. Die Zeitschriften thematisierten dauernd seinen Frauengeschmack. Und sie hatte auch noch die Nerven, frech zu grinsen.

„Warum sind Sie so an meinen Frauenbekanntschaften interessiert?“, fragte er leise und fand mit einem Mal große, schlanke, dunkelhaarige Frauen extrem ansprechend. Die Luft um sie herum schien mit Elektrizität aufgeladen.

„Wie bitte?“ Die kleine Miss Naseweiß war offenbar einen Moment lang von seinem Mund abgelenkt. „Man kommt um Ihre Heldentaten kaum herum, nachdem jede Zeitung und jedes Magazin dieses Thema so faszinierend findet.“

Ein Punkt an die Lady dafür, dass sie sich so schnell wieder gefangen hatte.

Joshua blickte nach unten. Ihre Brustwarzen zeichneten sich durch den Stoff des Kleides deutlich ab. Als er sie betrachtete, richteten sie sich ein wenig auf. Er unterdrückte ein Stöhnen und verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein.

„Himmel“, sagte sie mit belegter Stimme, „Sie sind ziemlich direkt.“

„Noch ein wenig direkter, und ich würde Ihnen sagen, dass ich mit Ihnen schlafen will.“

Sie lächelte. „Ich fürchte, das haben Sie gerade getan.“

„Ich bin wohl kaum der erste Mann, der mit Ihnen ins Bett möchte.“

„Aber Sie sind der Erste, der es nach so kurzer Zeit geradeheraus sagt, und das vor etwa dreihundert Zeugen.“ Sie rührte sich nicht, als er seine Hand auf ihren Rücken legte. Er konnte beinahe spüren, wie ihre Haut unter seiner Berührung vibrierte.

„Ich möchte Sie sehen.“

„Sie sehen mich doch.“

„Ohne diese ganzen Menschen um uns herum.“

„Falls Sie übers Wochenende bei Simon wohnen, werden wir hin und wieder aufeinandertreffen.“

„Das ist für meinen Geschmack etwas zu vage.“ Er betrachtete ihr lebhaftes Gesicht. Ihre Augen funkelten, als sie die Arme vor der Brust verschränkte. Sein Mund wurde trocken.

Er wollte sie. Er musste sie einfach besitzen. Und zwar bald.

„Einige von uns werden morgen zum Fallschirmspringen gehen, und nachdem es zu weit ist, um heute noch nach Hause und morgen ganz früh wieder hierherzufahren, werde ich bei Simon übernachten. Sie können uns ja begleiten, Joshua.“

Als er hörte, wie sie mit heiserer Stimme seinen Namen aussprach, hätte er sie am liebsten in seine Arme gerissen. Er sehnte sich nach ihren Lippen, wollte sie mit dem Rücken gegen die Wand drücken und sie hier und jetzt in Simons Wohnzimmer nehmen, vor all den Gästen. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals so erregt gewesen zu sein.

Jessie trat einen kleinen Schritt zurück. „Ich habe mal gehört, der Mensch soll sein Leben so leben, als ob sein Tagebuch jeden Tag in der Zeitung veröffentlicht würde.“ Sie sah ihn mit diesen großen braunen Augen an. „Ich habe Ihr Tagebuch seit Jahren in der Presse gelesen. Allein die Tatsache, dass ich mich hier mit Ihnen unterhalte, wird mir eine zweifelhafte Berühmtheit verschaffen. Ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin.“

Es war tatsächlich mehr als wahrscheinlich, dass ihr Zusammentreffen morgen früh in allen Boulevardzeitungen ausgeschlachtet werden würde. Ihm war das vollkommen schnuppe – es sei denn, sie würde versuchen, aus seiner heimlichen Ehe Kapital zu schlagen. Denn dann würden die Journalisten anfangen, herumzuschnüffeln und Vera zu suchen.

Trotz dieses Risikos fand er die Vorstellung, Jessie zu erobern, unwiderstehlich, und das lag nicht nur an ihrem herrlichen Körper. Sie war in der Lage, seinen Puls in Sekundenschnelle von null auf hundert zu beschleunigen, und er hatte nicht die geringste Ahnung, wieso.

„Ist Ihnen aufgefallen“, fragte er mir rauer Stimme, „dass wir direkt unter einem Mistelzweig stehen?“

Ihre langen Wimpern flatterten, als sie aufsah und ihn dann lange anblickte. Ja, sagte dieser Blick. Natürlich wusste sie, wo sie standen.

„Verdammt, schauen Sie mich nicht so an.“ Ihm fiel auf, wie brüsk seine Stimme klang. „Was verlangen Sie für einen einzigen Kuss?“

„Hier?“ Jessie blickte sich prüfend um.

„Ja, genau hier.“

„Wie wäre es mit Chloroform?“

„Oh“, entgegnete er spöttisch, „ich wüsste da etwas, das genauso gut funktioniert und leichter zu bekommen ist.“ Er winkte dem Ober und reichte ihr zwei Gläser Weißwein. „Bitte.“

Jessie nahm automatisch beide Gläser in die Hände. „Was soll ich denn mit …“

Er berührte ihre Wange, ganz zart, und sie schloss die Augen und hob ihr Gesicht. Er küsste sie sanft auf den Mund. Herrgott, das war so, als ob man versuchte, nur eine einzige Erdnuss zu essen. Sie schmeckte nach Simons hervorragendem Chateau Coutet, nach Verlangen und nach noch etwas, das er nicht recht benennen konnte.

Sein Griff in ihrem lockigen Haar verstärkte sich, als ihre Zungen sich kurz berührten. Er bewegte seine Lippen gekonnt, Jessies Lider flatterten und schlossen sich dann. Er spürte, wie ihre kleinen Brüste sich in seine Haut brannten, als sie sich an ihn lehnte. Er fühlte ihr leises Stöhnen, zog sie fester an sich und verlor sich in ihrer Hingabe.

Dann war es plötzlich vorbei.

Gerade noch hatte er eine anschmiegsame, willige Frau im Arm gehalten, und im nächsten Augenblick hielt er zwei Gläser in den Händen, während sie ein paar Schritte abgerückt war.

„Rufen Sie mich bei Gelegenheit an.“ Jessie winkte kurz und verschwand dann in der Menge, noch bevor er sich von seiner Überraschung erholen konnte.

Joshua stand da wie vom Donner gerührt.

Jessies bonbonfarbener Fallschirm segelte über das Weingut auf den Eukalyptusbaum in der Nähe von Simons Haus zu. Joshua schirmte seinen finsteren Blick gegen die starke Wintersonne ab. Er hatte in der Nacht nur wenig Schlaf gefunden. Bei dem Gedanken, dass sie beide unter demselben Dach waren, hatte er sich unruhig hin und her geworfen. Sie war so nah und zugleich so weit entfernt.

In seiner Fantasie erschien sie ihm irgendwie überlebensgroß. So dynamisch, so umwerfend lebendig. Sie hatte dieses je ne sais quoi, wie es die Franzosen nannten, dieses unbeschreibliche Etwas.

Joshua hielt sich selbst für keinen sonderlich fantasievollen Mann. Aber auf jeden Fall musste er Jessie Adams unbedingt wiedersehen. Sich davon überzeugen, dass seine Erinnerung an den vergangenen Abend genauso real war wie ihr unverkennbarer Sex-Appeal.

Joshua liebte Sex. Und er wollte Jessie. So einfach war das. Und doch … Er kniff die Augen zusammen. Er konnte es nicht benennen, aber an ihr war etwas ganz Besonderes. Etwas Komplexes, das ihn total faszinierte. Etwas, verdammt noch mal, das viel mehr ansprach als nur seine Libido.

Was natürlich eine ziemlich unsinnige Vermutung war, die sich auf ein nur wenige Minuten dauerndes Gespräch stützte.

Zumindest wollte er noch einmal mit ihr sprechen, bevor er nach San Francisco zurückfuhr. Endlich diese dumme Fantasie loswerden, die sich ihm in der vergangenen Nacht so eingeprägt hatte. Ganz ehrlich, er war doch emotional überhaupt nicht in der Lage, mit einer Frau mehr als Freundschaft und Sex zu teilen.

Nicht umsonst wurde er „Eisklotz“ genannt.

Hoch über ihm erfasste ein Windstoß die dünne Fallschirmseide, Jessie versuchte fieberhaft gegen den plötzlichen Richtungswechsel anzukämpfen. Ein Kampf, den sie verlieren würde.

„Verflucht.“ Joshua rannte los, als er sah, wie ihre Füße die Baumwipfel streiften. Hinter ihm heulte der Motor des Sicherheitswagens auf, die Reifen drehten auf der Schotterstraße durch. Joshua sprintete auf die andere Seite der Bäume und sah, wie sich wogende Seide über Jessies hingestreckten Körper legte.

Schnell raffte er den Stoff zusammen und schleuderte ihn hinter sich, bis er sie davon befreit hatte. Sie blickte grinsend zu ihm hoch.

„Gott, das war fantastisch!“ Sie setzte sich auf und wischte sich kleine Zweige und Dreck von den Armen. Der hautenge violette Elastananzug schmiegte sich an jeden straffen Zentimeter ihres langen Körpers.

„Sie kleine Irre“, rief Joshua aufgebracht, sein Herz hämmerte noch immer wie verrückt. „Sie könnten tot sein.“

Jessies Lächeln verrutschte ein wenig, als sie ihren violetten Helm abzog. Etwas, das er nicht deuten konnte, flackerte in ihrem Blick auf.

„Gut, meine Landung ließ ein wenig zu wünschen übrig.“ Sie warf ihren Zopf über die Schulter. „Daran muss ich noch arbeiten.“ Sie streckte eine Hand aus. „Ziehen Sie mich hoch.“

Er hatte sich das also doch nicht nur eingebildet. Tatsächlich schien sie das Leben geradezu zu inhalieren, es mit einem großen Löffel zu essen und dabei jeden einzelnen köstlichen Augenblick zu genießen. Er wusste, dass sie im Bett genauso sein würde. Begierig. Scharf. Leidenschaftlich und wild. Er wollte in ihren heißen, braunen Augen ertrinken. „Sie mögen’s gerne gefährlich, nicht wahr?“

„Sie haben ja keine Ahnung!“, entgegnete Jessie atemlos. Mit einem Ruck zog er sie auf die Füße und an seine Brust.

„Ich möchte es an Ihnen schmecken.“ Joshua atmete ihren bereits vertrauten Duft ein, den nicht mal Staub und Eukalyptus überdecken konnten.

„Was wollen Sie schmecken?“, fragte sie dicht an seinen Lippen. Dann blickte sie zu ihm hoch, die Hand gegen seine Brust gedrückt. Ihre Finger bewegten sich, aber ihr Blick blieb ruhig. „Was wollen Sie schmecken?“, wiederholte sie heiser.

„Die Gefahr.“ Er stürzte sich auf ihre Lippen wie ein Verhungernder auf ein Festmahl. Wenn er ein paarmal mit ihr geschlafen hatte, würde diese nagende Gier immer mehr nachlassen, bis man sie schließlich gut ignorieren konnte.

Als er zurücktrat, konnte er auf ihrem Mund noch den Abdruck seiner feuchten Lippen schimmern sehen. Er reichte ihr den Helm.

„Ich rufe Sie am ersten Januar an“, sagte er. Ohne ihren irritierten Blick zu beachten, wandte er sich um und lief davon. Es war das Schwerste, was er in den letzten Jahren getan hatte.

2. KAPITEL

Wie versprochen rief Joshua Jessie am Neujahrstag an.

Und Jessie sorgte dafür, dass sie nicht zu Hause war.

Er rief am zweiten, am dritten und am fünften Januar erneut an. Sie ließ ihn auf den Anrufbeantworter sprechen, während sie in der Küche saß und zuhörte. Sein Ton wurde von Anruf zu Anruf kühler und ungeduldiger.

Insgesamt sechs ziemlich arrogante Nachrichten hinterließ er innerhalb von zwei Wochen. Sie hatte nicht die Absicht, ihn so schnell zurückzurufen. Offenbar war er es nicht gewöhnt, ignoriert zu werden.

Ihr war klar, dass sie ein gefährliches Spiel spielte. Sie musste den richtigen Zeitpunkt abpassen, damit Joshua nicht das Interesse verlor.

Bald. Sehr bald, dachte Jessie, als sie über die enge Straße hinauf zu ihrem Cottage fuhr. Sie war überrascht, nein, geradezu verblüfft gewesen, als Joshua zugegeben hatte, verheiratet zu sein. Vor allem, dass er so ehrlich über die Art seiner Ehe gesprochen hatte, verwirrte sie.

Wenn sie nicht seine Frau wäre, wäre sie vermutlich mit einer höflichen Ausrede davongelaufen. Ihre Mutter hatte eine Menge verheiratete Liebhaber gehabt. Das Ende war immer traurig und chaotisch gewesen.

Sie seufzte. Seine Ehrlichkeit hatte sie entwaffnet, sie hatte beinahe ein schlechtes Gewissen. Aber er war nach wie vor der „Eisklotz“. Kalt. Hart. Rücksichtslos. Er war auch nach wie vor ihr abwesender Ehemann. Und er war derjenige, der ihr geben würde, was sie so verzweifelt wollte. Ein Baby. Ein eheliches.

Es war die zweite Januarwoche und ziemlich kalt für Nordkalifornien. Der Wind schnitt durch ihre Jacke, als sie ausstieg. Es war nach drei, sie hatte das Mittagessen ausfallen lassen, um ein spezielles Tapetenmuster in einem Designerladen in der Stadt zu besorgen. Ihr Magen knurrte.

In dem kleinen Cottage war es warm.

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