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NIGGER Heaven

PROLOG

MARY

Erstes Buch

BYRON

Zweites Buch

CARL VAN VECHTEN

Lincoln Kirstein

ANHANG

Biographien der Autoren

Dramatis Personae

Weitere Songtexte von Langston Hughes

Anmerkung des Übersetzers Egbert Hörmann Die vorliegende deutsche Übersetzung folgt der siebten Auflage von NIGGER HEAVEN, die sich von der ersten deutlich unterscheidet. Wegen eines Copyrightproblems nützte Carl Van Vechten die Gelegenheit, das Buch zu überarbeiten und um Song- und Bluestexte seines Freundes Langston Hughes zu erweitern. Wir haben uns dazu entschlossen, den Text von 1926 insgesamt an heutige Lesegewohnheiten anzupassen, und deshalb auch auf Songtexte verzichtet, die unserer Meinung nach stilistisch und thematisch den Lesefluss behindern. Carl Van Vechtens Absicht ist klar: Er wollte den schwarzen Slang »archivieren«, und er wusste, NIGGER HEAVEN würde ein Bestseller werden, und er wollte damit auch die Karriere seines jungen Dichterprinzen Hughes fördern. Der Abdruck von derart vielen Songtexten in einer heutigen Übersetzung erschien uns denn doch problematisch; davon abgesehen meinen wir, dass die verbleibenden Songtexte einen durchaus angemessenen Eindruck von Flair, Witz und Würze des afro-amerikanischen Idioms dieser Jahre wiedergeben.

Die fehlenden Songtexte von Langston Hughes finden Sie im Anhang dieses Buches.

All day long and all night through
One thing only I must do:
Quench my pride and cool my blood,
Lest I perish in the flood.

Countee Cullen

[Den ganzen Tag und auch die ganze Nacht / Bleibt nichts als diese eine Tat:/ Auslöschen meinen Stolz und kühlen dies mein Blut, Damit ich nicht untergehe in der Flut.]

PROLOG

Anatole Longfellow, auch als Scarlet Creeper bekannt, ein Mann, der von den Frauen lebte, stolzierte zielbewusst die Ostseite der 7th Avenue herab. Er trug einen enganliegenden Anzug aus gestreiftem Wollstoff, der allen, die ihn beäugten, seine sehnige und geschmeidige Figur mehr als deutlich zur Schau stellte, und so ruhten denn auch alle Blicke auf ihm. Ein großer Diamant oder ein weniger wertvoller Stein, der einen Diamanten nachäffte, funkelte in seiner fuchsienfarbigen Krawatte. Die Schäfte seiner auf Hochglanz polierten braunen Stiefel waren aus taubenfarbenem Wildleder, und die Knöpfe waren graublau. Sein schwarzes Haar lag glatt unter dem Strohhut, der keck geneigt auf seinem Haupt thronte. Wenn er einen Freund grüßte – und seine Bekanntschaften schienen weitverzweigt –, glänzten zwei Reihen perlweißer Zähne aus seinem braungelackten Gesicht.

Es war die Stunde der Flaneure, etwa gegen elf Uhr abends. Es war Juni, die Luft angenehm mild und nicht zu feucht. Über der breiten Straße, auf der ein großes Aufgebot von Taxis hinauf- und hinunterrollte, hing der Baldachin eines indigoblauen, mit glitzernden Sternen gesprenkelten Himmels. Die Geschäfte waren hell erleuchtet. Unter den hervorspringenden Häusermauern, vor den Schaufenstern oder unter den Bäumen standen träge Gruppen junger Männer, schwatzend und lachend. Frauen schlenderten paarweise oder in männlicher Begleitung auf dem Trottoir hin und her.

»Hallo, Toly!« Ein schlaksiger Bursche trat auf den Creeper zu.

»Hallo, Ed! Was macht das LebenWas macht das Leben so?«

»Macht sich so, danke. Und selbst?«

»Kann nicht klagen. Die Lotterie war ein Volltreffer. Hat siebenundsechzig Dollar eingebracht.«

»Heiliger Bimbam!«

»Yes, sir!« Anatole ließ seine Zähne blitzen.

»Mit welcher Nummer?«

»Sieben-neun-acht.«

»Wo hast du die hergehabt?«

»Von ’nem Mädel aus dem Wettbüro.«

»Wenn man rauskommt?«

»Wenn man reinkommt. Na, ich stieg aus dem Fenster, als ihr Kerl heimkam, hatte sich nicht angekündigt.«

»Donnerwetter!«

»Das kannst du laut sagen, du alter Schnüffler.«

Als Anatole weiterging, wuchs sein Selbstwertgefühl. Er knöpfte den Rock auf und dehnte seine Brust, so dass die goldene Kette, die von Tasche zu Tasche über seinem muskulösen Magen lag, sich gefährlich spannte.

»Wie läuft´s?«

»Und selbst?«

Er grüßte im Vorübergehen Leanshanks Peacod, ein Mulattenleichtgewicht, das an den zwei letzten Samstagabenden im Commenwealth Club zwei weiße Boxer geschlagen hatte.

»Genießen Sie die frische Luft, Mr Longfellow?«

»So ist es, Mrs Guckeen. Wie geht´s Ihnen denn?« Das Benehmen des Creepers wurde schmeichlerisch.

»Danke, Mr Longfellow, ziemlich gut so alles in allem.«

Mrs Imogene Guckeen war die Inhaberin eines bekannten Schönheitsinstituts weiter oben in der Avenue. Es gehörte zu Anatoles Gewohnheiten, sich dort jeden Nachmittag gegen fünf Uhr maniküren zu lassen. Da eine große Anzahl seiner Anbeterinnen davon wusste, war fünf Uhr die Hauptgeschäftszeit in diesem Etablissement. Die Chefin wusste nur zu genau, welche Rolle dieser Kunde für ihr Geschäft spielte, und gab sich infolgedessen keine Mühe, seine stets beträchtliche Rechnung zu kassieren. Gelegentlich jedoch drückte ihr der Creeper als Abschlag fünf oder zehn Dollar in die Hand und betörte sie obendrein mit einem schmelzenden Lächeln und mit einem Griff unter ihr fettes Kinn.

Anatole wandte sich an der 127th Street um und setzte seinen entspannten Spaziergang in nördlicher Richtung fort. Jetzt wurde sein Verhalten ernsthafter, trotz der augenscheinlichen Unbeschwertheit, mit der er seinen Ebenholzspazierstock, den oben eine Elfenbeinkugel zierte, hin- und herschwenkte. Er starrte beinahe ängstlich in die Gesichter der ihm entgegenkommenden Frauen. Einmal vertiefte er sich so intensiv in ein Augenpaar, das ihm hartnäckig den Blickkontakt verweigerte, dass er gegen einen alten Mann mit einem langen weißen Bart stieß, der an einem Stock hinkte. Anatole konnte ihn gerade noch auffangen, bevor er zu Boden fiel.

»Ich bitte sehr um Verzeihung«, sagte er mit seinem liebenswürdigsten Lächeln.

Der Greis lächelte zurück.

»Scheint mir ziemlich ungewöhnlich«, krächzte der Alte, »dass Sie um diese Uhrzeit unsere Straße mit einem Besuch beehren.«

Die Brust des Creepers dehnte sich so deutlich, dass die ohnehin gespannte Kette einen Ring mit klappernden Schlüsseln aus der Westentasche zog. Während er sie zurückschob, überlegte er, dass er es sich leisten konnte, freundlich, ja sogar großmütig zu dem harmlosen alten Herrn zu sein. Gab es denn in ganz Harlem einen weiteren Kerl seines Schlags, der auch nur den zehnten Teil seiner Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht besaß? Gab es denn unter all den Eckenstehern und Pflastertretern, die ihre anzüglichen Bemerkungen äußerst freimütig und laut zu machen pflegten, nur einen, dessen Muskeln mehr gefürchtet wurden? Während er diese Überlegungen anstellte, bekam sein Selbstwertgefühl einen empfindlichen Stoß, denn unter den glänzenden Lichtern vor dem Lafayette-Theater erkannte er eine pompöse Gestalt, die diese wohlige Zuversicht aus seinem Herzen vertrieb.

Einige Jahre zuvor hatte Randolph Pettijohn seine Karriere als Händler mit Hotdogs begonnen. Sein kleiner, nur ein Schaufenster großer Laden, der sich zwischen zwei hochaufragende Häuser duckte, war rasend schnell beliebt geworden. Seine Würstchen waren ausgezeichnet, seine Brötchen frisch, sein Senf ohne Tadel. In kurzer Zeit lief Pettijohns Geschäft so blendend und die Unkosten waren so gering – er war sein eigener Koch und bediente seine Kundschaft selbst –, dass er genügend Geld zusammenhatte, um in Grundstücke zu investieren, eine Anlage, die über Nacht im Wert stieg. Dann, nach ein paar klugen Transaktionen, eröffnete er ein Kabarett, das in kurzer Zeit zum beliebtesten Lokal Harlems wurde. Und schließlich hatte sein Bolito-Lotteriespiel ihn so reich gemacht, dass sein zunehmender Einfluss sich bereits politisch bemerkbar machte.

Anatole hasste ihn ohne Grund. Pettijohn hatte seinen Weg niemals feindlich gekreuzt, aber unbewusst fühlte Anatole, dass eine solche Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen war. Außerdem ärgerte es ihn, wenn jemand anderer – gleich welcher Art – Macht besaß. Dieses Gefühl beruhte nicht auf Gegenseitigkeit. Anatole war häufig Gast im Winter Palace, Pettijohns Kabarett. Dort war er willkommen, weil man ihn als Günstling jener Weißen schätzte, die den Umgang mit Schwarzen suchten und sich von seiner Extravaganz angezogen fühlten.

»Na, was machst du denn so, Toly?«, begrüßte der Bolito-King den Creeper aufgeräumt, ja sogar herzlich.

»Hallo, Ran.«

»Nimmst wohl die Parade ab?«

»Ich schaue mich nur um.« Der Creeper gab sich reserviert.

»Creeper, du bist doch so ein richtiger Blender«, warf einer von Pettijohns Begleitern ein.

»Und Schwerarbeiter in Sachen Liebe ist er«, sagte ein anderer.

Der King versuchte es mit einer Lobhudelei. »Kommt doch keiner an dich ran, Creeper, was die Weiber betrifft, keiner.«

Anatole zeigte die weißen Zähne. »Nun übertreib´s mal nicht«, beschwichtigte er.

»Schau mal wieder bei mir rein«, lud ihn Pettijohn ein. »Mein Winter Palace ist auch im Sommer auf.«

Wieder ganz bei Laune schlenderte der Creeper weiter, schwang den Stock, dehnte die Brust und summte vor sich hin:

Mah man’s got teeth lak a lighthouse on du sea,
An’ when he smiles he throws dem lights on me.

[Mei´m Mann seine Zähne sind wie´n Leuchtturm am Meer, / Und wenn er lacht, geht davon ein Schein auf mich her.]

»Wie geht’s Toly?«

Als Anatole in die unliebsamen Augen eines hochgewachsenen, hellhäutigen Burschen mit abgetragenem Anzug und durchgelaufenen Schuhen sah, wurde sein Verhalten etwas herablassend.

»Wie geht´s denn so, Duke?«

»Doll ist es nicht, Toly. Die Revue ist pleitegegangen.«

»Dann gibt´s eben ’ne andere.«

»Klar. Aber wie soll man bis dahin über die Runden kommen?« Der Creeper sagte nichts dazu.

»Du bist ja kolossal in Form, Toly.« Dukes Tonfall war voll weinerlicher Bewunderung.

Der Creeper bewahrte sein zurückhaltendes Schweigen.

»Hab noch nie jemanden gesehen, der sich so zu kleiden versteht.«

Der Brustkasten des Creepers war das Thermometer für die Wirkung dieses Kompliments.

»Hab nix im Bauch, Toly. Ehrlich. Gib mir ’ne Wurst aus.« Eine Handvoll Kleingeld aus der Hosentasche ziehend, suchte der Creeper darunter bedächtig nach einem Vierteldollar und gab ihn dem bedürftigen Bekannten.

»Da hast du was, Duke …« Er gab ganz den großherzigen Wohltäter. »Und wie steht´s mit der Sicherheit?«

»Du kriegst es zurück, Toly, bei nächster Gelegenheit. Mein Fehler war´s nicht, dass die Show nicht lief.« Sich die Münze zwischen die Zähne steckend, lief der Bursche unvermittelt eine Seitenstraße hinunter.

»Ja, die Hand aufhalten und dann Danke schön und Tschüs auch«, murmelte der Creeper mürrisch.

An der Ecke der 137th Street tanzte eine Gruppe von Straßenkindern den Charleston, umringt von zahlreichen Zuschauern, die rhythmisch in die Hände klatschten. Scheinbar absichtslos mischte sich Anatole unter die Amüsierwilligen. Seine Augen glitten dabei aber flink von den Tänzern zu den Zuschauern hinüber, und unterzog sie einer hastigen, aber genauen Prüfung. Plötzlich sah er, wonach er gesucht hatte.

Es war eine Goldbraune, deren Haut rein und weich war wie Samt. Hübsches Ding, dachte er bei sich. Er war schon öfters in dieser Gegend gewesen, aber er sah sie zum ersten Mal. Ihr schlanker Körper war in korallenfarbene Seide gehüllt, und das Kleid war kurz genug, um stramme Beine in goldbraunen Strümpfen sehen zu lassen. Ein türkisblauer kleiner Hut bedeckte fast vollständig ihr schwarzes glattgekämmtes Haar. Ihre sanften braunen Augen schienen zu betteln. Fast augenblicklich wandte er seinen Blick ab (so schnell hatte er sie befriedigt taxiert); und ihm war klar, dass sie bemüht sein würde, sich an ihn ranzumachen, ohne dass es den Anschein hatte und sogar ohne ihn dabei anzusehen. Nicht ein einziges Mal, während sie ihren Plan ausführte, gaben ihre Hände das rhythmische Klatschen auf, das die jungen Tänzer begleitete. Als sie schließlich so nah an seiner Seite stand, dass er sie berühren konnte, tat sie immer noch so, als ob sie nur die ausgefeilten Charlestonschritte interessieren würden. Und Anatole tat seinerseits so, als sei er sich ihrer Gegenwart nicht bewusst.

Nachdem dieses gemeinsame Spiel eine Weile gedauert hatte, verlor sie die Geduld oder bekam Mut und sprach ihn an.

»Hallo, Toly.«

Er wandte sich ohne ein Lächeln um und starrte sie an.

»Ich kann mich nicht erinnern, die Ehre Ihrer Bekanntschaft gemacht zu haben.«

»Das stimmt, Mr Toly, das stimmt. Ich bin Ruby.«

Er ermutigte sie nicht fortzufahren.

»Ruby Silver«, ergänzte sie.

Er schwieg. Plötzlich begann er, ostentativ in die Hände zu klatschen. Ein besonders agiler Sechsjähriger führte ein paar hübsche Sprünge aus. »Hey, hey! Noch so´n Sprung!«

»Hier kennt Sie doch jeder, Mr Toly, aber auch jeder.« Ihre Stimme flehte um Beachtung.

Der Creeper klatschte weiter.

»Ich wollte Sie natürlich schon immer kennenlernen.«

Der Creeper blieb standhaft. »Und warum?«, fragte er beiläufig.

»Sie wissen schon, Mr Toly. Ich denke, Sie wissen Bescheid.« Er zog sie etwas aus dem Kreis heraus.

»Wie viel haben Sie dabei?«

»Ich bin gut bei Kasse heute Abend. Da war´n Weißer, dem ich beim Spiel Glück bringen sollte. Er gab mir ’nen Zehner.«

Der Creeper schien die Angelegenheit in Betracht zu ziehen. »Ich traf letzte Nacht eine, die hat mir fünfzehn geboten«, konterte er. Trotzdem war zu sehen, dass er weich wurde.

»Ich hab noch ’nen Fünfer in meinem linken Strumpf und jede Menge Liebe.«

Der Creeper wurde zugänglicher. »Ihr Gesicht kommt mir ja auch bekannt vor, Miss Silver«, behauptete er. »Darf ich Sie bitten, sich bei mir einzuhaken?«

Während sie eng beieinander eine dunkle Seitenstraße hinuntergingen, erforschte seine Hand ausgiebig ihren Körper, der weich und warm unter der korallenfabenen Seidenhülle lag.

»Sollen wir tanzen gehen?«, fragte er.

»Aber gern«, antwortete sie.

»Komm rüber.«

Sie bückte sich und griff oben in den rechten und dann in den linken Strumpf.

Unverzüglich händigte sie ihm zwei Scheine aus, die er in seine Westentasche stopfte, ohne sie anzusehen.

»Winter Palace?«, fragte sie.

Ein abschätziger Schatten glitt über Anatoles Gesicht.

»Nee«, entgegnete er. »Zu viele Weiße, die Kontakt zu uns Schwarzen suchen.«

»Bowie Wilcox´s ist schick.«

»Zu viele Schnösel.«

»Atlantic City Joe´s?«

»Zu viele Schwuchteln und kesse Väter.«

»Also gut, wohin dann?«

»Ins Black Venus.«

Einige Augenblicke später verschluckte sie ein Eingang an der Lenox Avenue, den zwei rotierende grüne Lichter flankierten. Arm in Arm stiegen sie die Stufen zum Keller hinunter. Während sie die lange Vorhalle entlanggingen, die zum Tanzsaal führte, drangen sinnliche Jazzlaute, langgezogen und klagend, an ihre Ohren. An der Tür standen drei Kellner im Abendanzug und begrüßten den Creeper mit Enthusiasmus.

»Aber das ist doch Mr Toly!«

»Guten Abend.«

»Nehmen Sie ´nen Tisch bei mir?«

»Oder bei mir?«

»Bei mir vielleicht, Mr Toly?«

Seine Brust dehnend, ließ Anatole seinen Blick über die Tanzfläche gleiten. Paare tanzten so nah beieinander, dass ihre Körper verschmolzen, während sie sich zum gequälten Heulen der Blasinstrumente und dem rohen Hämmern der Trommel wiegten und schüttelten. Quer über dem Rücken der Frauen, flach an ihre Schulterblätter gedrückt, lagen die Hände ihrer Tanzpartner. Da waren Schwarze aller Schattierungen, Kohlrabenschwarze, Schokoladenbraune, Ockerfarbene, »Gelbe«, Café-au-lait-Häutige, Mulatten und ganz Helle.

»Komm schon, schwofen wir«, ermunterte Ruby den Creeper.

»Erst mal setzen«, befahl Anatole. Er gab dem Garderobenmädchen seinen Strohhut und folgte einem Kellner an einen freien Tisch, wobei er Ruby vor sich herschob.

»Hallo, Toly!«, rief eine Bekannte von einem der Nachbartische.

»Hallo, Licey!«

»Ein Bier«, gab der Creeper in Auftrag.

Der Kellner lief im Charlestonschritt über das Parkett, vom Rhythmus angesteckt, das Tablett hoch über seinem Kopf auf der flachen Hand drehend.

»Und mit der willst du anbandeln«, klagte Licey am Ohr des Creepers. »Ich kenn ´ne Lady, die wird bald das Lied vom treulosen Schuft singen.«

»Was du nicht sagst.«

Licey gluckste: »Ich kenn dich doch, Süßer.«

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Der Kellner kam zurück und schlüpfte wendig wie eine Katze von einer zur anderen Seite zwischen den Tänzern hindurch. »Do that thing! Charleston! Charleston! Oh boy!«

Auf seinem Tablett standen zwei Gläser, zwei Flaschen Ginger Ale und eine Schale mit Eis. Er schenkte das Ginger Ale ein. Anatole zog derweil aus seiner Hüfttasche eine Flasche mit einer klaren Flüssigkeit hervor und kippte den Gin dazu.

»Tea for Two!« Er stieß wohlwollend mit seiner Gefährtin an. Sie kippte ihr Glas in einem Zug hinunter und kicherte dann: »Toly, du bist mein Schatz, und ich liebe dich einfach über alles!«

Everybody loves mah baby, posaunte das Kornett.

»Aber mein Baby liebt nur mich allein«, flötete Ruby dazu. Zögernd drückte sie den Arm des Creepers. Da er gegen diese Aufmerksamkeit anscheinend nichts einzuwenden hatte, streichelte sie ihn zärtlich.

»Nur eine Runde tanzen«, bettelte sie.

Er tat ihr den Gefallen. Er schob sie, eng umschlungen, langsam durch den Saal. Ihre Absätze streiften das Parkett, ihre Knie schoben sich verliebt aneinander. Überall um sie herum zuckten Körper in pittoresker Bekleidung, schwarze, braune und hellhäutige Körper, ein Kaleidoskop von Farben, die vom bernsteingelben Licht der Scheinwerfer verwandelt wurden in flaschengrüne, kirschfarbene, veilchenblaue, zinnoberrote und zitronengelbe Streifen. Der Schlagzeuger warf in völliger Ekstase seine Stöcke in die Luft, wobei er seinen Kopf wie ein wildes Tier schüttelte. Der Saxophonspieler schob einen schäbigen Derbyhut über die Öffnung seines Instruments, um das Getöse zu mildern. Die Banjos klimperten wie im Delirium. Die Kapelle gellte und schnaubte, sie pfiff und lachte wie eine Hyäne. Die Musik erinnerte den Creeper an jene fernen Tage, als er als Schuhputzer bei einem Barbier in Memphis gearbeitet hatte. Eng aneinandergedrückt, wiegten und schüttelten, wiegten und schüttelten sich die Leiber. Manchmal verharrte ein Paar mit rollenden Augen, gänzlich gefangen vom Wirbel des schmerzvollen Klangs, auf der Stelle. Dann kam einer der Tanzordner und rief: »Keine Mätzchen, Leute! Dalli! Bewegt euch!«

Und plötzlich war unerwartet alles vorbei. Der Saxophonspieler vertauschte das Mundstück seines Instruments mit einem schwarzen Zigarrenstummel. Wie von einer geheimen Verzauberung erlöst, trennten sich die Paare und taumelten zu ihren Tischen zurück. Jetzt, da die Musik schwieg, hatten ihre Körper das Geheimnis des magischen Rhythmus verloren. Normale Beleuchtung. Eine neue Stimmung. Lachen und Schwatzen. Eine Frau kreischte hysterisch. Der Creeper zog die Flasche aus seiner Tasche und schenkte noch zwei Drinks ein.

Wieder trank Ruby den Drink auf ex. Sie hatte dieses Mal auf das Ginger Ale verzichtet. Wieder streichelte sie den Arm ihres Begleiters. Und wieder suchte sie seine Augen, die groß und braun waren wie die einer Hirschkuh.

»Ach, Daddy, jetzt werd ich dir mal zeigen, was Liebe ist«, versprach sie.

Der Creeper grunzte zustimmend.

»Weißt du, wie ich all das hier nenne?«, fuhr sie verzückt fort.

»Was alles?«

»Das hier, der Ort, wo ich dich getroffen habe – Harlem! Ich nenne es, besonders heute Abend, Nigger Heaven, ja, so nenn ich´s! Tatsächlich, so ist es, ich finde, es ist ein wahrer Nigger-Himmel!« Auf dem Tanzboden fing ein hellhäutiges Mädchen in roter Seide, die mit bronzefarbenen Paillettenblumen bestickt war, zu singen an:

Mah daddy rocks me with one steady roll;
Dere ain’ no slippin’ when he once takes hol’…

[Mein Schatz, der schiebt mich stutig hin und her; / Hat er mich fest im Griff, dann gibt’s kein Halten mehr …]

Der Creeper schlürfte nachdenklich seinen Gin.

Erstes Buch

MARY

Kapitel 1 Mary Love zog die Tür behutsam hinter sich zu, um den ohrenbetäubenden Lärm der Band zu dämpfen, die im unteren Stockwerk spielte, durchquerte das Zimmer und zögerte vor dem offenen Fenster. Am liebsten hätte sie geweint, und die salzige Brise, die vom Meer her wehte, war ihr eine Erleichterung. Als sie die Einladung angenommen hatte, das Wochenende bei Adora Boniface zu verbringen, hatte sie nicht richtig bedacht, in welche Situation sie ihre Zusage bringen würde.

Sie hatte Leute getroffen – und sie hätte dies eigentlich wissen müssen –, die so gar nicht nach ihrem Geschmack waren. Adora hatte in ihrem früheren Leben als Bühnenstar und nachdem sie dann reich geheiratet hatte, einen Kreis von Leuten um sich gesammelt – und geduldet –, zu denen Individuen gehörten, die zu der guten Gesellschaft Harlems niemals Zugang gefunden hätten. Zum Beispiel Randolph Pettijohn, der Bolito-King. Adora hatte ihn wahrcheinlich eingeladen, weil er reich und gutmütig war. Mary gestand ihm seinen Wohlstand und seine Gutmütigkeit zu. Sie versuchte sogar, kein Snob zu sein, wenn sie daran dachte, wie er zu seinem Vermögen gekommen war. Hotdogs, Kabaretts und sogar Glücksspiel hatten zweifellos ihren Zweck im Leben, obgleich sie das in Harlem äußerst beliebte Nummernspiel nicht billigen konnte, weil es – wenn man die durchschnittlichen Gewinne betrachtete – gezielt und eigentlich auch herzlos eine Schwäche der ungebildeten Schichten ihrer Rasse ansprach. Es war aber eigentlich nicht so sehr Pettijohns Vergangenheit, die Marys Missfallen erregte, sondern seine unerfreuliche Angewohnheit, ihr auf Treppenabsätzen nachzustellen, sie in abgeschiedene Gartenwinkel und hinter die Tannenhecken zu verfolgen. Marys einschlägige Erfahrungen waren bislang nicht dergestalt gewesen, dass sie auf leichte Art diesen unwillkommenen Avancen hätte begegnen können. Sogar in diesem Augenblick beunruhigte sie der Gedanke, dass Randolph es wagen könnte, ihr in Adoras Schlafzimmer zu folgen.

Es war ihr klar, dass weder Adora noch ihre Gäste ein solches Verhalten mit Missbilligung betrachteten. Sylvia Hawthorne war ganz offensichtlich nur gekommen, um ihr mehr oder weniger heimliches Verhältnis mit Rumsey Meadows unter Auspizien auszuleben, die sie nicht allzu sehr kompromittierten, sei es nun in den Augen ihres Gatten oder bei der besseren Harlemer Gesellschaft, zu der sie gehörte. Die anderen hatten sich zum großen Teil paarweise zurückgezogen. Kam man an einem Zimmer vorbei, in dem ein Paar war, hörte man meistens kein gesprochenes Wort. Was Adora selbst betraf, so war klar, dass sie sich heute für Alcester Parker entschieden hatte, aber irgendwie fühlte Mary, dass sie Adora alles verzeihen konnte.

Mary wusste alles über Adora, und sie mochte sie trotzdem seit langem. Adoras zurückliegende herausragende Bühnenkarriere, die für eine Frau ihrer Rasse zu Beginn des Jahrhunderts selten gewesen war, hatte ihr schon eine sichere gesellschaftliche Stellung verschafft, noch bevor sie den reichen Grundstücksmakler heiratete, der durch die Wertsteigerung des Harlemer Bodens nach seinem Tod der Witwe ein Vermögen hinterließ, das in der neuen Gemeinde seinesgleichen suchte. In vielen Kreisen wurde sie mit Stirnrunzeln angesehen, in anderen nicht allzu begeistert empfangen, und natürlich wurde sie in keinem Sinn des Wortes von der alten und exklusiven Gesellschaft in Brooklyn akzeptiert, aber Adora war dennoch eine Erscheinung, die nicht ignoriert werden konnte. Sie war dafür zu wohlhabend, zu wichtig, zu einflussreich. Zwar war sie nicht gerade für eine überschwängliche Wohltätigkeit der eigenen Rasse gegenüber bekannt, andererseits konnte man gelegentlich auf sie rechnen, wenn ein Krankenhaus Unterstützung brauchte oder wenn bei negerfeindlichen Ausschreitungen in irgendeiner Stadt ein Abwehr-Fonds vonnöten war. Sie war unleugbar warmherzig, amüsant auf ihre offenherzige Art und sogar schön auf eine königliche, afrikanische Weise, die sie von den anderen schönen Frauen ihrer Rasse unterschied, deren Schönheit häufig eher lateinamerikanischen, statt äthiopischen Charakters war. Es war ihr gutes Herz und ihr wacher Humor, die Marys Zuneigung gewonnen hatten. Mary mochte sie also sehr und gesellte sich auf ein Schwätzchen besonders gern zu ihr, wenn sie sich auf einer der großen Partys in Harlem trafen. Deshalb war es ihr ganz vernünftig vorgekommen, nachdem Adora sie eine Woche zuvor in einem Musikgeschäft auf der Lenox Avenue getroffen und bemerkt hatte, dass sie kränklich aussähe und dass das Eingesperrtsein in der Bücherei, in der sie arbeitete, nicht gut für ihre Gesundheit sei, Marys Einladung Folge zu leisten und ein Wochenende in ihrem Landhaus auf Long Island zu verbringen. Sie hatte diese Einladung nicht nur dankbar, sondern auch bereitwillig angenommen.

Jetzt erinnerte sie sich allerdings, dass einige ihrer Freunde, ohne weiter viel zu sagen, vielleicht mehr mit Blicken als mit Worten bereits angedeutet hatten, dass dieser Ausflug vielleicht doch nicht so ganz nach ihrem Geschmack sein könnte. Wie dem auch sei – nachdem sie zugesagt hatte, hielt Mary ihr Versprechen.

Sie war nun schon seit Freitag hier. Es war jetzt Sonntagnachmittag, und einige Autos mit späten Gästen waren mit einer Tanzveranstaltung empfangen worden, für die eine berühmte Jazzband aus New York engagiert worden war. Die Neuankömmlinge hatten nicht dazu beigetragen, die Atmosphäre der vergangenen Tage zu vertreiben; sie hatten sie eher noch angeheizt. Eine Gruppe, die in einem großen Packard eingetroffen war, läutete ihre Ankunft damit ein, dass mehrere Ginflaschen in die Auffahrt geworfen wurden. Ihnen zu Ehren wurde jedoch sofort eine weitere Kiste dieses beliebten Getränks geöffnet. Gin floss in der Tat so reichlich, als ob es irgendwo eine natürliche Quelle gäbe, und auch Whiskey, Scotch, Korn und Bourbon waren im Überfluss vorhanden. Und die Fummeleien nahmen kein Ende, Fummeleien, die in einigen Fällen mit der Beweislast unter Marys Augen etwas waren, das eine schlimmere Bezeichnung verdient hätte.

Natürlich gab es auch da und dort an kleinen Tischen in mehreren Zimmern des weitläufigen Hauses sporadische Bridge- oder Kartenspielrunden, aber mit Sicherheit endeten sie nach einer Weile im Streit um Geld oder dem Wunsch eines der Spieler, sich wieder den Freuden amouröser Vergnügungen hinzugeben.

Mary versuchte sich nicht wie ein dünkelhafter Pedant vorzukommen. Sie versuchte sich einzureden, dass sie unter günstigeren Umständen selbst Geschmack an derartigen Aufmerksamkeiten finden könnte. Sie sagte sich, dass sie eben wählerisch und keine Exhibitionistin war. Aber letztendlich musste sie sich eingestehen, dass sie an diesem Ort völlig fehl am Platz war.

Jedenfalls ist es mein eigener Fehler, dachte sie bei sich. Ich hätte genügend Verstand haben sollen, um nicht zu kommen. Aber ich werde nicht unhöflich sein. Ich denke, ich kann dem alten Satyr für die nächsten sechzehn Stunden aus dem Weg gehen, ohne albern zu erscheinen oder um Hilfe zu schreien – die anderen würden eh nur lachen, wenn ich das täte, und morgen bin ich wieder in meinem Zimmer in Harlem, so arm wie immer, aber zumindest etwas klüger. So etwas passiert mir so schnell nicht mehr.

Sie schüttelte mit einer festen Bewegung der Schultern ihre trübe Stimmung von sich und entschied sich, an etwas anderes zu denken. Gewollt optimistisch, sagte sie sich, dass die Aussicht jedenfalls superb war. Unter ihr lag der Pool, beschattet von Trauerweiden, deren ausgreifende Äste den Rasen streiften, und darauf trieben gelbe Wasserlilien, und rosafarbene Lotusblüten nickten auf langen, anmutigen Stängeln. Zwischen den Bäumen jenseits der Grünflächen lag das Meer, in dem ein paar Männer badeten und den herrlichen Tag genossen. Zwei oder drei lagen auf dem Sand, und ihre braunen Körper glänzten wie Bronze in der Sonne. Andere planschten im Wasser. Jetzt stieg ein junger Mann den Sprungturm hinauf. Seine Hautfarbe war, wie Mary bemerkte, eine Spur heller als die der anderen, fast wie Kaffee mit viel Sahne, ihre Lieblingsfarbe. Oben auf dem Sprungbrett angekommen, hielt er einen Augenblick inne, die Arme hoch über dem Kopf, lang genug für sie, um die ebenmäßigen Proportionen seines Körpers wahrnehmen zu können, die exquisite Form seines Kopfes, die noch durch das kurzgeschnittene Haar mit den kleinen Löckchen betont wurde. In einem weit ausholenden Bogen sprang er ab, zerschnitt das Wasser mit seinen Händen und verschwand. Mary schrie unfreiwillig auf vor Vergnügen – das Ganze war so vollkommen ausgeführt, einfach aufregend, fand sie. Unter viel Gelächter und Neckereien wiederholte er den Sprung immer wieder, bis er dann schnell den Strand hinauflief und im Badehaus verschwand. Mary wandte sich vom Fenster ab und betrachtete den Raum. Ihre Unzufriedenheit, eher ihr Missfallen, hatte sich aufgelöst. Sie fühlte sich warmherziger, verständnisvoller und von Sympathie erfüllt. Das Zimmer selbst fand sie jetzt erfreulich, und es entsprach ihrer Stimmung. Es war mit pfirsichfarbenem schöndrapierten, mit zartblauen Federn geschmückten Taft ausgeschlagen, dessen Falten von kleinen Zierleisten zusammengehalten wurden. Das Bett war nichts als ein flaches, breites Lager, auf dem eine Decke aus Tigerfellen lag, unter denen die Pfosten sichtbar wurden, die wie Löwenklauen geschnitzt waren. Magentarote und silberne Kissen in Lagen darüber verstreut. Die übrigen Möbel im Empirestil gehalten, einer schweren bayrischen Stilart allerdings, überzogen mit taubenblauem Damast, und die Arme der Stühle endeten in silbernen Schwanenköpfen. Marys Blick schweifte zum Toilettentisch mit seinem Taftbaldachin, auf dem Bürsten, Kämme, mit Schildplatt besetzte Dosen, rubinrote und saphirgrüne Kristallflaschen in allen Formen und kleine Emailbehälter standen, die Rouge und Cremes enthielten. Da sie Luxus liebte, sprachen alle diese schönen Gegenstände ihre Sinne an und verschafften ihr durch ihre bloße Existenz ein Glücksgefühl. Wäre sie mit Adora in diesem Haus allein gewesen, glaubte sie jetzt, hätte sie sicher eine vollkommen wunderbare Zeit durchlebt.

Sie durchquerte den Raum und betrachtete ihr Antlitz in einem Spiegel, den zwei darüberschwebende silberne Cupidos krönten. Randolph Pettijohns Aufmerksamkeiten hatten ihrer Eitelkeit nicht geschmeichelt, aber sie war mit ihrem Spiegelbild ganz zufrieden. Die schimmernd goldbraune Farbe ihrer Haut hob sich gut von ihrem schlichten, pompeijanisch roten Seidenkreppkleid ab. Ihre Gesichtszüge waren regelmäßig, ihre braunen Augen strahlten eindrucksvoll. Ihr Haar, geteilt und über der Stirn geglättet, endete in einem kleinen Knoten über der Mulde ihres Nackens. Sie konnte sich gerechterweise wirklich nicht über ihr Aussehen beklagen. Auch ihr Ausdruck, erkannte sie jetzt mit Vergnügen, war nun leichter, unbeschwerter. Was für eine Närrin war ich doch, versicherte sie sich, all dies nicht einfach zu genießen und es für das zu nehmen, was es ist! Vielleicht werde ich nie wieder von derartiger Schönheit umgeben sein. Mary seufzte.

Sie wandte sich um, weil sich die Tür öffnete und Adora hereinkam, eine matte, erschöpfte Adora, links auf Piqua St. Paris und rechts auf Arabia Scribner gestützt. Die Gruppe glich, wie Mary später dachte, Kleopatra, die von ihren Lieblingssklavinnen geleitet wird. Als Adora Mary sah, wurde sie wieder etwas lebendiger.

»Ach, Mary, wir haben Sie vermisst«, rief sie. »Was machen Sie denn hier so ganz allein?«

»Ich war müde«, erklärte Mary, »und ich kam hierher, um den Garten besser sehen zu können.«

»Ich bin auch müde«, seufzte Adora und sank in einen Sessel, »müde von all diesen Niggern* unten. Manchmal kann ich sie einfach nicht ausstehen.«

»Liebste Adora«, flötete Mrs St. Paris schrill und schmeichlerisch,

»kann ich nicht etwas finden, um Ihre Knie zuzudecken?« Sie blickte sich um und sah einen zitronengelben Morgenmantel auf einem Lackparavent. Sie nahm ihn und breitete ihn über die Knie ihres Idols.

»Meine Knie sind ganz in Ordnung«, stöhnte Adora. »Es sind die Füße …«

Sofort ging Mrs Scribner auf die Knie und zog Adora die lästigen Satinschuhe aus.

»Meine Füße … und ach, diese verdammten Niggaz.«

Mary stimmte innerlich zu.

»Sie meine ich nicht, liebe Mary« – die beiden anderen Damen blieben unerwähnt –, »Sie natürlich nicht, sondern das tintenfingrige Gesindel da unten. Einige sind schon in Ordnung, aber die meisten kommen nur, um auf meine Kosten zu saufen und zu fressen und alles auf den Kopf zu stellen. Wenn ich arm wäre, würde nicht einer von ihnen meine Nähe suchen.«

»Aber Adora«, protestierte Mrs Scribner. »Wir würden Sie auch in einer elenden Hütte besuchen kommen.«

»Hm«, erwiderte Adora skeptisch, während sie die Füße ausstreckte und die in Seide gehüllten Zehen bewegte. »Wie wär´s, wenn Sie klingeln würden?«

Mrs St. Paris drückte auf den Knopf.

Mary beobachtete, zu ihrer eigenen Überraschung, Adora mit großem Interesse. Zweifellos war sie schön und majestätisch. Ihre Haut war beinahe schwarz, die Nase breit, die Lippen dick. Die Ohren lagen schön am Kopf an, der Kopf saß gut auf Hals und Schultern. Sie war ein Typ von reiner afrikanischer Majestät. Ihr Kleid und die Lider ihrer glänzenden Augen waren violett. Ein einziger birnenförmiger Smaragd lag an einer unsichtbaren Kette auf ihrer Ebenholzstirn.

Als auf das Klingeln hin ein Dienstmädchen eintrat, fiel Mary auf, wie oft ihr schon die mürrische Miene der bei reichen Schwarzen angestellten Dienerschaft aufgefallen war. Wir bedienen einander ungern, dachte sie mit Bitterkeit.

»Nellie«, befahl Adora, »bringen Sie uns vier Champagnergläser und Eis.« Ohne zu antworten oder ein Zeichen zu geben, dass sie den Auftrag vernommen hatte, schlurfte das Mädchen aus dem Zimmer.

»Und wo sind meine Pantöffelchen?«

In ihrem Bemühen, als Erste den richtigen Schrank zu erreichen, stießen die beiden dienstbeflissenen Damen zusammen und wechselten wütende Blicke. Nachdem sie in die bequeme Fußbekleidung geschlüpft war, erhob sich die ehemalige Varieté-Diva würdevoll und humpelte zu einer Kommode. Sie zog aus feinen Chiffon- und Spitzenhaufen einen Schlüsselbund hervor, wählte den richtigen Schlüssel aus und schloss einen Schrank auf, in dem sich, wie Mary bemerkte, eine Reihe von strohverhüllten Flaschen befand. Adora wählte eine aus und kehrte zu ihrem bequemen Sessel zurück. »Ich muss dringend etwas trinken«, verkündete sie, »und nur Champagner kommt in Frage. Der heitert mich immer auf.«

Nellie kehrte mit den Gläsern und einem Silberkübel voll Eis zurück, rückte ein Tischchen, auf das sie das Tablett stellte, neben den Sessel ihrer Herrin und verschwand so schweigsam, wie sie gekommen war.

»Nellie ist ungefähr so gesprächig wie Präsident Coolidge«, bemerkte Adora, während sie die Gläser kühlte und den Champagner einschenkte. Mrs St. Paris und Mrs Scribner wechselten gierige Blicke, aber Adora nahm keine Notiz von ihnen.

»Mary«, sagte sie, »hier ist Ihr Glas.«

Mary trat näher und nahm ihr Glas entgegen. Dann schenkte Adora eher ungnädig auch den beiden Damen etwas ein.

»Setzen Sie sich, Mary.«

Mary gehorchte.

»Ich habe Sie gern, Mary, und ich trinke auf Ihr Glück.«

»Ja«, kam das Echo der beiden Schmeichlerinnen, »auf Marys Glück!«, worauf sie sogleich zu schlürfen begannen.

»Danke, Adora,« erwiderte Mary, »aber ich habe keine Ahnung, welches Glück Sie meinen.«

»Es gibt nur ein Glück für Frauen«, erklärte Adora, »zumindest für farbige Frauen, und das ist ein guter Ehemann, und ein guter Mann bedeutet für eine farbige Frau ein reicher Mann.«

»Ich weiß nicht, ob ich Lust habe zu heiraten«, wandte Mary ein.

»Ach, Unsinn! Was kann eine farbige Frau denn sonst schon tun? Sie sind Bibliothekarin, aber Sie werden nie so gut bezahlt werden wie Ihre weißen Kolleginnen. Sie bekommen noch nicht einmal die Leitung einer Stadtteilbibliothek übertragen. Nicht weil Sie schlechter sind als die anderen – vermutlich sind Sie besser –, sondern weil Sie eine Farbige sind. Wenn Sie eine ausgebildete Krankenschwester wären, wäre es auch so. Ärztin, Rechtsanwältin, Pastorin oder Immobilienmaklerin können Sie nicht werden – die einzige Karrierechance für eine farbige Frau ist das Theater, und dafür sind Sie nicht begabt! Wahrscheinlich können Sie nicht einmal den Charleston tanzen!«

»Doch, ein wenig.« Mary lachte bitter.

»Ein wenig genügt nicht, auch ist Ihr Typ beim Theater nicht mehr gefragt, ebenso wenig wie meiner übrigens. Würde ich heute Arbeit suchen, würde ich sicher keine finden. Die Manager, besonders die schwarzen, suchen nach hellhäutigen Schauspielerinnen. Ich kann es ihnen nicht einmal übelnehmen, ich selbst habe genug von schwarzen Niggern!« Nachdenklich schlürfte Adora ihren Champagner.

»Ich könnte einen Schönheitssalon eröffnen«, versuchte Mary zu scherzen.

»Ja, das könnten Sie. Aber in jeder Straße von Harlem gibt es bereits vierzig davon. Sie könnten auch eine Wäscherei oder ein Bestattungsinstitut eröffnen oder Schnee schaufeln, aber Sie werden das alles nicht tun.«

Die Gläser von Mrs St. Paris und Mrs Scribner waren offensichtlich leer. Mit erwartungsvollen Gesichtern streckten sie sie Adora entgegen. Adora ignorierte diese Hinweise, füllte ihr eigenes Glas und fuhr mit ihrer klangvollen, gleichmäßigen Stimme, die tief und musikalisch war und in der die Autorität mitschwang, die sie sich im Lauf ihrer Bühnenkarriere erworben hatte, fort: »Es gibt ein altes Lied, das ich auf Gastspielen im Süden gehört habe: Ain´t it hard to be a Nigger? Kennen Sie es?« Ohne auf eine Antwort zu warten, lehnte sich Adora in ihrem Sessel zurück und begann zu summen:

Ain’t it hard, ain’t it hard,
Ain’t it hard to be a Nigger, Nigger, Nigger?
Ain’t it hard, ain’t it hard?
To’ you canvt git yo’ money when it’s due.

[Ist´s nicht hart, ist´s nicht hart, / Ist´s nicht hart, ein Nigger zu sein, Nigger, Nigger, Nigger? / Ist´s nicht hart, ist´s nicht hart? / Nie kriegst du das Geld, das dir gehört.]

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