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Nicht ohne Risiko

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Suzanne Brockmann

Nicht ohne Risiko

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Anita Sprungk

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1. KAPITEL

E mily Marshall stand im winzigen Waschraum des Bootes vor dem Spiegel und zog sich die Lippen nach. Von wegen Boot, dachte sie. Dieses schwimmende Schloss mit Segeln als Boot zu bezeichnen war die Untertreibung des Jahres.

Boote waren bescheidene und praktische kleine Dinger, in denen man auf einer harten hölzernen Bank hockte und sich mithilfe von Rudern fortbewegte. Oder Dinger mit Segeln, bei denen man sich an frischer salziger Seeluft Schwielen an den Händen und einen Sonnenbrand im Gesicht holte. Manchmal brachten sie einen von A nach B, meistens aber nur von A nach nirgendwo und wieder zurück.

Tatsächlich hatte auch der Segeltörn an diesem Abend kein bestimmtes Ziel, aber das „Boot“, auf dem Emily sich befand, war alles andere als bescheiden. Die Home Free war zwar nicht groß genug, um als Schiff bezeichnet zu werden, aber ein Boot war sie auch nicht.

Luxusyacht, dachte Emily und zupfte die Träger ihres neuen schwarzen Cocktailkleides zurecht. Alexander Delmores Boot musste schon als Luxusyacht bezeichnet werden.

Kritisch musterte sie ihr Spiegelbild. Das Kleid hatte sie in einem Nobelkaufhaus erstanden, ein Sonderangebot aus der Schnäppchenecke. Aber obwohl der Preis stark herabgesetzt gewesen war, hatte es sie ein Gutteil ihres Monatsgehalts gekostet.

So viel Geld für ein Cocktailkleid auszugeben konnte sie sich eigentlich nicht leisten. Deshalb würde sie in den nächsten Wochen beim Lebensmitteleinkauf jeden Cent dreimal umdrehen und jede unnötige Ausgabe vermeiden müssen. In den Augen des Immobilienkönigs Alexander Delmore dagegen wäre der Preis, den sie für das Kleid bezahlt hatte, wohl lächerlich gering. Wenn er sie zum Essen ausführte, gab er allein schon für eine Flasche Wein so viel aus.

Natürlich verdiente er mit seinen Immobiliengeschäften auch ganz erheblich mehr als sie in ihrem Job als Englischlehrerin. So war das Leben nun mal. Und es war typisch für Emily, dass sie ihr Herz an eine Stelle in einer städtischen Schule gehängt hatte, obwohl die es sich nicht leisten konnte, ihr ein anständiges Gehalt zu zahlen. Natürlich hätte sie sich eine besser bezahlte Stelle an einer Schule in einem wohlhabenderen Stadtteil suchen können. Oder eine Stelle in der freien Wirtschaft. Ihr Collegeabschluss hätte ihr das durchaus ermöglicht. Dass sie ständig knapp bei Kasse war, war also allein ihre eigene Schuld.

Emily streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus und schnitt eine Grimasse. Es änderte nichts: Dank ihres eleganten Kleides wirkte sie trotzdem, als gehörte sie zur gehobenen Gesellschaft.

Etwas früher am Abend hatte Alex sie erneut eingeladen. Er wollte sie am nächsten Dienstagabend auf eine Party im örtlichen Country-Club mitnehmen. Wenn sie sich dafür noch so ein teures Kleid kaufte, würde sie sich bis zum Ende des Monats von Nudeln und Tomatensuppe ernähren müssen.

Emily hatte aber keine Lust auf jeden Tag Nudeln. Sie liebte Meeresfrüchte. Kalbfleisch. Teure Lendenfilets. Spargel zu jeder Jahreszeit. Wassermelonen im Winter und Schweizer Schokolade.

Sie liebte Häuser wie jenes, das Alex gehörte. Häuser, die eine fantastische Aussicht auf das klare Blau des Golfes von Mexiko boten. Häuser mit sechs Schlafzimmern und fünf Bädern. Dicke weiche Handtücher, die an den Kanten nicht ausfransten. Hausangestellte. Essen in teuren Restaurants. Große schwimmende Wochenendpartys auf Alex’ Yacht – Partys wie diese, die früh am Samstagnachmittag begannen und erst spät in der Nacht von Sonntag auf Montag endeten. Riesige Flachbildfernseher mit allem Drum und Dran, supermoderne Musikanlagen.

Die Vorstellung, genug Geld zu haben und sich nie wieder Sorgen um die Telefon- oder Stromrechnung machen zu müssen, gefiel ihr. Ebenso die Vorstellung von Luxusurlauben, Kreuzfahrten und Reisen nach Europa.

Auch Alexander Delmore gefiel ihr. Sie mochte ihn.

Aber sie liebte ihn nicht.

Er war eindeutig an ihr interessiert und hatte ihr sogar gesagt, dass er sich häuslich niederlassen und eine Familie gründen wolle. Er zählte zu den begehrtesten Junggesellen Floridas, und es schmeichelte Emily, dass er sie attraktiv fand.

Aber … sie liebte ihn nicht.

Ihre Nachbarin Carly Wilson meinte, das sei doch völlig egal. „Du liebst ihn nicht? Na und? Liebe ist sowieso völlig überbewertet. Wenn man jemanden wirklich mag, dann hält das voraussichtlich sehr viel länger als die leidenschaftlichste Liebesaffäre. Zumal in Verbindung mit einem sagenhaft gut gefüllten Konto. Und jetzt mal ehrlich: Wann begegnet einem schon die wahre Liebe?“ Die Antwort lieferte sie gleich mit: „Normalerweise nie.“

Emily starrte ihr Spiegelbild an und schaute sich prüfend in die blauen Augen. Sie wunderte sich über sich selbst. Da stand sie nun, in ihrem tollen teuren Kleid, in dem sie wie eine Millionärin aussah, im Waschraum der Luxusyacht des Millionärs Alexander Delmore, und an wen dachte sie? An Jim Keegan. Ausgerechnet.

Sieben Jahre war das her. Man sollte meinen, dass sie inzwischen über den Mann hinweg war. Natürlich bin ich über ihn hinweg, rief sie sich nachdrücklich zur Ordnung. Ihre Affäre mit diesem niederträchtigen Kerl war tot und begraben. Aus und vorbei. Erledigt. Vergangenheit. Verdammt, im Grunde war sie schon vorbei gewesen, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

Warum zum Teufel dachte sie dann an ihn?

Wegen der Liebe. Sie dachte an Jim, weil sie ihn ehrlich geliebt hatte. So gemein und grausam er sie auch behandelt, so übel er sie auch verletzt hatte – Tatsache war und blieb, dass Emily diesen Mann von ganzem Herzen geliebt hatte. Jim Keegan war ihre große Liebe gewesen, und tief in ihrem Innersten war ihr klar, dass sie Alex Delmore niemals auch nur halb so intensiv lieben konnte.

Na und, hörte sie Carly fragen, als säße sie ihr wie ein kleiner Teufel auf der Schulter. Wer sagt, dass du Alex lieben musst, um ihn zu heiraten?

Ich sage das“, stieß Emily hervor und zuckte zusammen, weil sie laut gedacht hatte.

Sie zog den kurzen Rock ihres neuen Kleides etwas tiefer und fuhr sich rasch mit den Fingern durchs schlichte kurz geschnittene kastanienbraune Haar. Dann atmete sie tief durch, um Jim Keegans allzu attraktiven Geist aus ihren Gedanken zu verbannen, und wandte sich der Tür zu, die in Alexanders winziges Büro an Bord der Yacht führte.

Sie hörte die zornigen Stimmen, als sie die Hand auf den Türknauf legte, aber es war zu spät, um einen Rückzieher zu machen. Die Tür schwang auf, und die streitenden Männer verstummten augenblicklich. Alex und ein anderer Mann – Vincent Sowieso – wandten sich ihr zu, und sie konnte in beider Augen Überraschung und Verärgerung erkennen.

„Entschuldigt bitte“, sagte sie. „Ich wollte nicht stören …“

Alexander Delmore schüttelte den Kopf. „Ist schon in Ordnung“, wiegelte er ab und trat lächelnd auf sie zu. „Ich wusste nicht, dass du im Waschraum warst.“ Er warf dem anderen Mann einen kurzen Blick zu und fasste nach Emilys Hand. „Wenn ich es gewusst hätte, hätten wir … unsere kleine Unterhaltung woanders geführt.“

Emily fiel nicht ein, wie der andere mit Nachnamen hieß. Sie waren einander früher am Abend vorgestellt worden, als die Partygäste an Bord der Yacht kamen. Vincent, und weiter, grübelte sie. Martino? Oder Medino?

Egal, jedenfalls war er ein Mann wie ein Schrank. Muskelbepackt und dunkelhäutig, bildete er einen ausgeprägten Kontrast zu dem blonden sonnengebräunten schlanken Alex. Und anders als Alex wirkte er immer noch verärgert über ihr Auftauchen.

„Wenn Sie die Freundlichkeit hätten …“, gab er ihr unverblümt zu verstehen, dass sie störte.

Emily entzog Alex ihre Hand. „Ich lasse euch jetzt besser allein“, sagte sie.

„Es dauert nicht lange“, versprach Alex. „Wir treffen uns gleich an Deck.“

Die Bürotür fiel hinter ihr ins Schloss.

Emily war schon fast am Ende des Korridors angelangt, als ihr auffiel, dass sie ihre Handtasche im Waschraum hatte liegen lassen. Sie drehte um, aber als sie sich der Tür zum Büro näherte, hörte sie, dass die Männer sich schon wieder stritten. Sie bemühten sich, leise zu sprechen, aber die Spannung zwischen ihnen war dennoch unüberhörbar.

Sie wollte gerade anklopfen, als Vincent leicht die Stimme hob.

„Wenn dir dieser Handel nicht gefällt“, hörte sie ihn deutlich sagen, „wie wäre es dann damit: Ich mache dich kalt und streiche deinen gesamten Gewinn ein.“

Kaltmachen? Hatte er tatsächlich „kaltmachen“ gesagt? Im Sinne von … töten?

Alex wurde ebenfalls lauter, sodass Emily auch ihn verstehen konnte.

„Ich hatte eine Vereinbarung mit deinem Onkel, die jahrelang hervorragend funktioniert hat.“ Seine Stimme zitterte vor Aufregung.

„Mein Onkel ist tot“, gab Vincent zurück. „Und jetzt führe ich das Geschäft. Du willst verhandeln? Dann musst du mit mir verhandeln.“

„Schön“, erwiderte Alex. „In dem Fall bin ich raus aus dem Geschäft.“

Vincent lachte, aber das Lachen klang kalt. „Und das soll ich dir glauben? Du steigst nicht einfach so aus dem Geschäft aus.“

Emily konnte vor ihrem inneren Auge sehen, wie Alex mit den Schultern zuckte. „Glaub, was du willst, Marino.“

Im Büro gab es einen dumpfen Schlag, als wäre jemand hart mit dem Kopf gegen das Schott gestoßen. Emily schlug das Herz bis zum Hals, aber sie konnte sich nicht rühren, konnte nicht weglaufen.

„Ich glaube“, knurrte Vincent, „dass ich dir vielleicht die hübsche Visage polieren werde. Ich weiß, dass es heute Nacht irgendwo vor der Küste einen Schneesturm gab, und ich weiß, dass dein hübsches kleines Boot draußen war, um den Schnee einzusammeln. Du zahlst mir meinen Anteil, oder du bist tot. So läuft es. Entweder, du akzeptierst das, oder …“

Ein Schneesturm? Im Juli? In Florida?

Schlagartig fiel Emily wieder ein, dass sie in den frühen Morgenstunden aufgewacht war, weil sie einen Außenbordmotor gehört hatte. Das kleine Beiboot der Yacht war leise längsseits gegangen, und während sie noch durch das kleine Bullauge ihrer Kabine nach draußen spähte, verstummte das sanfte Tuckern des Motors.

Jemand war draußen an Deck. Emily konnte nicht sehen, wer es war, aber sie hörte denjenigen dort hin und her gehen. Das Boot wurde mit einer Leine an der Yacht festgemacht, eine Leiter hinuntergelassen. Der Mann im Boot drehte sich um, und für einen Moment konnte Emily in der Morgendämmerung sein Gesicht sehen.

Alex.

Als sie ihn beim Frühstück danach fragte, bat er sie um Entschuldigung dafür, dass er ihren Schlaf gestört habe. Er behauptete, zum Angeln rausgefahren zu sein.

Angeln? Angeln wonach? Worum ging es, dass Vincent Marino bereit war, Alex deswegen zu töten?

Schneesturm. Schnee. Schnee! Das stand doch für Kokain, oder?

Großer Gott! Handelte Alex etwa mit Kokain?

Emily drehte sich um und sah zu, dass sie wegkam.

2. KAPITEL

E mily saß am Tisch im Verhörraum der Polizeiwache von St. Simone, die Arme fest vor der Brust verschränkt. Der Polizist, der ihre Aussage zunächst aufgenommen hatte, bezeichnete dieses Zimmer zwar als Besprechungsraum, aber Emily wusste es besser. Es war ein Verhörraum. Eine Wand war verspiegelt. Natürlich war dieser Spiegel von der anderen Seite durchsichtig. Dahinter konnten sich Leute aufhalten und das Gespräch verfolgen, ohne selbst gesehen zu werden.

Ein Gitter schützte die Uhr an der Wand – so wie bei den Uhren in der Turnhalle der Highschool, an der sie unterrichtete. Trostlose beigegrüne Wände, uralte graue Kacheln auf dem Fußboden, vielfach abgeplatzt und gesprungen.

Ja, dies war ein Verhörzimmer. Und nach drei Stunden, in denen sieben verschiedene Polizisten ihr immer wieder dieselben Fragen gestellt hatten, konnte sie es gar nicht mehr anders bezeichnen: Sie wurde verhört.

Der Raum roch nach kaltem Zigarettenrauch. Das änderte sich, als der Polizist, der zuletzt mit ihr gesprochen hatte, zurückkam, zwei Porzellanbecher mit dampfend heißem Kaffee in den Händen.

„Wir haben auch Einwegbecher aus Kunststoff.“ Er sprach mit einem leichten spanischen Akzent. „Aber die benutze ich nicht gern. Nicht seitdem ich weiß, was für eine Umweltsauerei dieses Einweggeschirr ist. Aber diese Becher sind in Ordnung. Ich habe sie selbst ausgewaschen, und ich mache das gründlich.“

Emily nahm ihm das ohne Weiteres ab. Der Detective – er hatte sich als Felipe Salazar vorgestellt – war ordentlich gekleidet und wirkte sehr gepflegt. Er war noch jung, wahrscheinlich sogar jünger als sie mit ihren fünfundzwanzig Jahren, hatte kurze schwarze Haare und hohe, leicht exotisch wirkende Wangenknochen. Wenn sein entwaffnend freundliches Lächeln nicht gewesen wäre, hätte er vielleicht gefährlich gewirkt. Aber so erinnerte er sie an einen Hundewelpen. Einen kleinen Dobermann, der zwar das Potenzial besaß, gefährlich zu sein, es aber noch nicht entwickelt hatte. Bis auf die wenigen Minuten, in denen er Kaffee für sie beide geholt hatte, war er die ganze Befragung über bei ihr geblieben.

Sechs andere Polizisten hatten nacheinander den Raum betreten, und sie hatte ihre Geschichte wieder und wieder und wieder von vorn erzählen müssen. Längst hatte sie begriffen, dass man ihr nicht glaubte, was sie erzählte: Alexander Delmore, eine der Stützen der Gesellschaft von St. Simone, handelte mit Drogen. Sie wusste, dass sie genau deshalb wieder und wieder erzählen musste, was sie gehört und gesehen hatte. Die Polizei wartete nur darauf, dass sie einen Fehler machte, Details durcheinanderbrachte, sich in Widersprüche verwickelte.

Alle anderen Polizisten und Detectives machten aus ihren Zweifeln an dem, was sie sagte, keinen Hehl. Einige äußerten den Verdacht, sie habe die Unterhaltung zwischen Delmore und dem Mann, den sie als Vincent Marino identifiziert hatte, missverstanden. Andere meinten, es handle sich vielleicht um eine Verwechslung, Delmores Gesprächspartner sei gar nicht Marino gewesen, die neue Nummer eins im organisierten Verbrechen von Florida. Wieder andere ließen durchblicken, dass sie ihre Geschichte für komplett erfunden hielten. Sie unterstellten ihr, Delmores guten Ruf aus niederträchtigen Motiven in den Dreck ziehen zu wollen.

Emily musste zahllose persönliche Fragen zu ihrem Verhältnis zu Alex beantworten. Hatten sie sich kürzlich gestritten? Gab es ein Zerwürfnis? Wie lange ging sie schon mit ihm?

Wie lange schlief sie schon mit ihm?

Was all diese Fragen damit zu tun hatten, dass Alex in Drogengeschäfte verwickelt war, verstand Emily nicht. Sie beantwortete sie trotzdem wahrheitsgemäß. Und die Wahrheit war nun mal, dass sie keine intime Beziehung zu Alex hatte. Bei den Wochenend-Segeltörns auf seiner Yacht war seine Crew immer mit an Bord gewesen, und sie hatte immer ihre eigene Kabine gehabt. Sie hatte nicht mit Alex geschlafen.

Aber sie merkte, dass ihr auch das keiner der anderen Polizisten glaubte.

Nur der junge Detective Salazar blieb stets freundlich. Er sagte, er glaube ihr. Er bat sie um Geduld und Nachsicht mit den Zweiflern. Er sagte, wenn Delmore tatsächlich mit Kokain handle, dann habe er eine Gefängnisstrafe verdient – ganz gleich wie viel Geld er in den letzten Jahren für wohltätige Zwecke gespendet habe.

Emily nahm noch einen Schluck Kaffee, während Salazar in den Notizen blätterte, die er sich während der drei Stunden ihres Verhörs gemacht hatte.

„Glauben Ihre Kollegen mir immer noch nicht?“, fragte sie geradeheraus.

Er lächelte entschuldigend. „Gleich kommt meine Chefin, um mit Ihnen zu reden. Lieutenant Bell“, erklärte er. „Und mein Partner ist inzwischen auch im Haus. Er wird ebenfalls bald hier sein.“

Die Tür öffnete sich. Emily schaute auf, als eine Frau das Zimmer betrat. Genau wie die anderen trug sie keine Polizeiuniform. Stattdessen war sie mit einer dunkelblauen Jacke, einem Rock und einer schlichten weißen Bluse bekleidet. Sie war klein und drahtig. Ihr Alter war schwer zu schätzen, irgendwas zwischen vierzig und sechzig. Graue Strähnen durchzogen ihr braunes Haar, auf der schmalen Nase saß eine Lesebrille.

Die Frau schaute Emily über den Rand ihrer Brillengläser hinweg an. „Emily Marshall? Ich bin Lieutenant Katherine Bell.“

Sie bot ihr nicht die Hand zum Gruß. Also blieb Emily sitzen und rührte sich nicht. Bell setzte sich neben Salazar und griff nach seinen Notizen. „Man sagte mir, Sie glauben, dass Alexander Delmore in irgendwelche illegalen Geschäfte verwickelt sei“, sagte sie und überflog dabei Salazars handschriftliche Notizen.

Emily antwortete nicht. Sie wartete, bis Bell fertig war mit Lesen.

„Sie behaupten also, Ihr Verhältnis zu Delmore sei rein freundschaftlich“, bemerkte Bell und schaute Emily an, die Brauen leicht ungläubig hochgezogen.

„Ich behaupte das nicht nur“, gab Emily äußerlich ruhig und beherrscht zurück. Tatsächlich war sie alles andere als ruhig. Ihr Blutdruck stieg, und sie war längst über bloße Verärgerung hinaus. „Es ist eine Tatsache. Und mir ist überhaupt nicht klar, was diese Frage mit meinem Verdacht zu tun hat, dass Alex Kokain ins Land schmuggelt.“

Bell lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und trommelte mit den Fingern auf dem Tisch, während sie Emily aufmerksam musterte. „Wir stellen diese Fragen, weil wir herausfinden wollen, warum Sie eigentlich hier sind“, erklärte die Polizistin schließlich. „Sie erheben ziemlich schwere Anschuldigungen. Wir müssen sichergehen, dass Sie keine abservierte Liebhaberin sind oder Rachegelüste hegen. Wir wissen nichts über Sie. Sie könnten ebenso gut eine Geisteskranke sein. Sie könnten dem Mann noch nie begegnet sein und einfach nur …“

„Sehe ich so aus, als wäre ich verrückt?“, unterbrach Emily sie.

Bell zuckte mit den Achseln. „Ach wissen Sie, das sieht man den Leuten nicht unbedingt an.“

Emily beugte sich vor. „Ich bin hier, Lieutenant, weil ich Lehrerin an der Highschool bin, im siebten Bezirk.“

Bell wirkte tatsächlich überrascht.

„Ich gehe davon aus, dass Sie den Stadtteil kennen“, fuhr Emily fort.

Der siebte Bezirk war eine der übelsten Gegend von St. Simone. Schießereien, Verbrechen, Drogen gehörten dort zum Straßenalltag, und sie fanden ihren Weg auch in die Highschool. Emily hatte schon mehr als einmal erlebt, dass Schüler in den Gängen der Schule unter Waffeneinsatz festgenommen wurden. Sie hatte mit ansehen müssen, wie Schüler von Entzugserscheinungen geschüttelt wurden. Zitternd und würgend dachten sie nur daran, wie sie an den nächsten Schuss kommen konnten, der ihnen wenigstens vorübergehend Erleichterung verschaffen würde. In ihrer Klasse hatte sie Schülerinnen, die – selbst noch halbe Kinder – ihre Babys mit in den Unterricht brachten, weil sie sich keine Tagesmutter leisten konnten. Und sie hatte erlebt, dass Plätze plötzlich leer blieben, weil der Schüler in der Nacht zuvor an einer Überdosis gestorben war.

„Ich weiß, was Crack anrichtet – vor allem bei Kindern“, erzählte sie Lieutenant Bell. „Wenn Alex mit Drogen handelt, muss etwas dagegen getan werden. Ich weigere mich, einfach zuzusehen und die Hände in den Schoß zu legen.“

„Und Sie glauben, dass er mit Drogen handelt“, meinte Bell.

„Wie wollen Sie das, was ich gehört habe, sonst erklären?“

„Sie hat Vincent Marino identifizieren können. Wir haben ihr eine Menge Fotos gezeigt, und sie hat ihn erkannt“, sagte Salazar leise zu Bell.

„Marino übt sich nicht gerade in Zurückhaltung“, gab Bell zurück und zuckte mit den Achseln. „Die meisten Leute könnten ihn identifizieren.“

„Trotzdem lohnt sich eine Überprüfung“, beharrte Salazar. „Ich frage mich, was Vincent Marino – Vincent der Hai – auf der Gästeliste von Mr Delmore zu suchen hat. Irgendwer bringt in großem Stil Drogen in die Stadt, und wir versuchen seit Jahren herauszufinden, wer. Vielleicht ist es Alexander Delmore. Vielleicht auch nicht. Aber wir werden es nie erfahren, wenn wir nicht wenigstens ermitteln.“

Bell schüttelte den Kopf. „Eine solche Ermittlung auf die Beine zu stellen würde Monate dauern. Monate. Und mehr Geld kosten, als so ein sinnloses Unterfangen wert ist. Nein, ich glaube kaum.“

Sie schob ihren Stuhl zurück, um aufzustehen und das Zimmer zu verlassen. Aber Salazar fasste sie am Arm und hielt sie zurück. „Warten Sie, Lieutenant“, bat er. „Schauen Sie sich Ms Marshalls Augen an. Sie haben die gleiche Farbe wie Diegos Augen, das gleiche Blau.“

Bell warf verärgert einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Und warum erzählen Sie mir das, Detective?“

„Ich schlage vor, dass wir Diego verdeckt ermitteln lassen. Als Ms Marshalls – ich weiß nicht – als ihr Bruder vielleicht. Diese Augen – die beiden sehen so aus, als könnten sie verwandt sein. Und wenn Ms Marshall sich auch weiterhin mit Delmore trifft, kann sie ihn dazu bringen, sie noch einmal zu einer schwimmenden Party einzuladen, und Diego könnte als ihr großer Bruder mit an Bord gehen. Und diesen Typen überprüfen.“ Er warf Emily einen kurzen Blick zu. „Diego ist mein Partner“, erläuterte er. „Der beste Ermittler in St. Simone. Vermutlich sogar der beste in ganz Florida.“

Bell schwieg.

„Wenn Ms Marshall bereit ist, mit uns zusammenzuarbeiten – und ich glaube, das ist sie, nach dem, was sie uns erzählt hat –, dann haben wir eine schnelle und einfache Möglichkeit, diese Ermittlung durchzuziehen. Falls Delmore Drogen schmuggelt, kriegen wir ihn. Falls nicht, brechen wir ab, und niemand braucht je zu erfahren, dass er überhaupt unter Verdacht stand.“

Der Blick der stahlgrauen Augen von Lieutenant Bell heftete sich kurz auf Emily. „Sind Sie denn bereit, mit uns zusammenzuarbeiten?“, fragte sie. „Sind Sie bereit, einen meiner Detectives für eine oder zwei Wochen in Ihre Wohnung aufzunehmen und als Ihren Bruder auszugeben?“

Der Gedanke gefiel Emily gar nicht. Ihre Wohnung war klein und hatte nur ein Schlafzimmer. Aber wenn sie helfen wollte, Alex zu überführen, blieb ihr wohl keine Wahl. Sie reckte das Kinn vor. „Solange Ihr Detective bereit ist, auf dem Sofa zu schlafen …“

„Und was ist mit dem Risiko?“, fragte Bell. „Wenn Alexander Delmore tatsächlich Kokain ins Land schmuggelt, könnte er ein äußerst gefährlicher Mann sein.“

„Ich glaube, es ist das Risiko wert“, meinte Emily.

Die Tür ging auf, und auf Salazars Gesicht zeigte sich ein breites Lächeln. „He!“, rief er. „Diego! Wir haben gerade von dir gesprochen …“

Emily drehte sich um, um sich den Mann anzuschauen, von dem Salazar so geschwärmt hatte – und erstarrte.

Er hieß nicht Diego. Er hieß Jim. Jim Keegan.

Zum ersten Mal seit mehr als sieben Jahren sah sich Emily dem Police Detective Jim Keegan von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

„Ms Marshall, darf ich vorstellen: Detective Keegan“, sagte Salazar.

Natürlich. Diego war die spanische Form von Jim.

„Emily?“ Jim brachte kaum mehr als ein Flüstern hervor.

Emily bemühte sich tapfer, Haltung zu bewahren. Aber es fiel ihr schwer, schrecklich schwer. Da stand er und schaute sie an, als traute er seinen Augen nicht.

Die dichten, leicht gelockten dunkelbraunen Haare fielen ihm bis auf die Schultern. Sie waren deutlich länger als vor sieben Jahren, als er als junger Detective bei der Polizei von Tampa gearbeitet hatte, lang genug für einen Pferdeschwanz, aber er trug sie offen. Im Licht der Deckenbeleuchtung schimmerten sie weich und seidig. Emily musste unwillkürlich daran denken, wie weich seine Haare sich anfühlten.

Sein Gesicht war ihr sofort vertraut, und doch hatte er sich erkennbar verändert. Geblieben waren die schiefe Nase, die vollen Lippen, der große Mund, aber seine Wangenknochen wirkten ein wenig ausgeprägter. Sie ließen sein Gesicht kantiger und reifer erscheinen als früher. Die Krähenfüße und die Lachfältchen um Augen und Lippen hatten sich tiefer eingegraben.

Unverändert hingegen waren seine blauen Augen. Immer noch blitzten sie vor Leben und strahlten Hitze aus. Und immer noch waren sie überschattet von einer inneren Düsternis, die sein so leicht und offen wirkendes Lächeln nicht ganz verbergen konnte.

Sie hatte vergessen, wie groß er war. Mit einem Meter neunzig schien er den ganzen Raum zu füllen. Er hatte breite Schultern und muskulöse Oberarme, die den dünnen Stoff seines T-Shirts zu sprengen drohten. Die ausgebleichten Jeans saßen eher lose und betonten seine schlanke durchtrainierte Figur. Emily fragte sich, ob er wohl immer noch jeden Tag und bei jedem Wetter seine fünf Meilen lief.

Sie stieß geräuschvoll den Atem aus und merkte erst dadurch, dass sie die Luft angehalten hatte. „Was machst du hier?“, fragte sie.

„Ich habe mich vor etwa drei Jahren von Tampa hierher versetzen lassen“, erwiderte Jim. Seine Stimme klang ein wenig rau, wie damals, und man konnte nach wie vor seinen leichten New Yorker Akzent hören. „Aber was machst du hier?“

Drei Jahre lebte Jim Keegan also schon in St. Simone. Emily rang nach Luft. Es war demnach reiner Zufall, dass sie einander noch nicht über den Weg gelaufen waren. So groß war das Städtchen ja nicht …

Sie schwieg, während Salazar kurz seinen Plan erläuterte. Es durchfuhr sie eiskalt, als ihr klar wurde, dass sie die ganze Zeit von Jim Keegan gesprochen hatten. Der Mann, der als ihr Bruder auftreten sollte, war Jim Keegan. Er war der Mann, der ein oder zwei Wochen lang in ihrem Apartment wohnen sollte.

Nein, das kam überhaupt nicht infrage. Unter keinen Umständen konnte sie sich dazu bereit erklären. Sie konnte seine Gegenwart nicht einmal ein oder zwei Minuten ertragen, geschweige denn zwei ganze Wochen.

„Kommt nicht infrage“, sagte Jim Keegan und schüttelte den Kopf. „Das klappt nicht, nie und nimmer.“

„Machst du Witze, Mann?“, fragte Salazar. „Das ist eine großartige Möglichkeit, Delmores Vertrauen zu gewinnen.“

„Und Ms Marshall rund um die Uhr zu bewachen und zu beschützen“, warf Lieutenant Bell ein.

„Kann ich Sie kurz sprechen, Lieutenant?“, fragte Jim und öffnete die Tür. „Draußen, unter vier Augen?“

Er warf Emily einen kurzen Blick zu, während Lieutenant Bell ihren Stuhl zurückschob und aufstand. Emily begriff: Jim Keegan war genauso wenig wie sie selbst scharf darauf, die nächsten zwei Wochen in ihrer Gesellschaft zu verbringen.

Jim hielt seiner Chefin höflich die Tür auf. Er wagte es nicht, Emily noch einmal anzuschauen. Verdammt noch mal, was trieb sie hier in St. Simone? Er war sicher gewesen, dass sie nach Abschluss ihres Studiums an der Universität von Tampa zu ihren Eltern nach Connecticut zurückgegangen war. Wann immer er an sie dachte – und er gab sich wirklich alle Mühe, nicht an sie zu denken –, stellte er sich vor, dass sie mit irgendeinem netten Geschäftsmann glücklich verheiratet in Neuengland lebte.

Was also tat sie hier in Florida? Warum zum Teufel hatte sie sich mit einem notorischen Playboy wie Alexander Delmore eingelassen?

Und wie zur Hölle war es möglich, dass sie in den letzten sieben Jahren noch hübscher geworden war?

Sie war achtzehn gewesen, als sie einander zum ersten Mal begegnet waren. Und immer noch achtzehn, als sie sich getrennt hatten.

Collegestudentin war sie gewesen. Im ersten Semester an der Universität von Tampa. Mit langen gewellten kastanienbraunen Haaren, die ihr über die Schultern fielen, und blauen Augen, in denen er die Farbe des Himmels zu sehen meinte. Ihr herzförmiges Gesicht, ihr sanfter Blick, ihre schönen vollen Lippen, die fast immer zu lächeln schienen – sie hatte ausgesehen wie das, was sie gewesen war: ein nettes junges Mädchen. Zu nett. Und viel zu jung. Und Gott, wie er sie geliebt hatte …

Lieutenant Bells raue Stimme unterbrach seine Gedanken. „Sie wollten etwas mit mir besprechen, Detective?“

„Ja. Sie müssen sich jemand anderen suchen, der diesen Fall übernimmt. Ich kann das nicht.“

„Sie können nicht?“

„Ich hatte einmal eine Beziehung zu Emily Marshall“, stieß er knapp hervor. Es hatte keinen Sinn, lange um den heißen Brei herumzureden. „Es tut mir leid, Lieutenant, aber ich kann auf keinen Fall mit dieser Frau eine Wohnung teilen.“

„Eine Beziehung“, wiederholte Lieutenant Bell. „Eine sexuelle, nehme ich an, denn sonst wäre das jetzt kein Thema.“

Seine Kiefermuskeln spannten sich an. „Es ist lange her“, sagte er.

„Wer hat wen abserviert?“

„Ich habe die Beziehung beendet“, antwortete Jim. „Sie war fast noch ein Kind, und …“

„Ersparen Sie mir die schmutzigen Details“, unterbrach Lieutenant Bell. „Sagen Sie mir einfach, ob Sie glauben, dass diese Frau jetzt Ihretwegen hier ist.“

Jim brauchte volle zehn Sekunden, um zu begreifen, was seine Vorgesetzte damit sagen wollte. „Sie meinen, dass sie sich diese Geschichte über Delmore vielleicht ausgedacht hat, weil …“

„Sie Ihre Aufmerksamkeit erregen will?“, brachte Bell seinen Satz zu Ende. Sie musterte ihn, wartete auf seine Antwort.

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Sie haben Ihr Gesicht gesehen, als sie mich erkannt hat. Sie war vollkommen überrumpelt.“

Sie war so überrascht gewesen, dass es ihr nicht gelungen war, den Schmerz zu verbergen, der immer noch in ihren Augen zu lesen war. Den Schmerz darüber, wie er sie vor so vielen Jahren behandelt hatte. Gott, wenn er die Augen schloss, sah er sie immer noch vor sich, wie sie vor der Bar auf dem University Boulevard stand, Schock, Schmerz und Unglauben auf ihrem lieblichen Gesicht.

„Außerdem“, fügte er hinzu und schüttelte leicht den Kopf, um die Erinnerung zu verscheuchen, „was zwischen uns war – das ist jetzt mehr als sieben Jahre her.“

„Gut“, meinte Lieutenant Bell. „Dann sollten Sie ja wohl keine Probleme damit haben, in diesem Fall mit ihr zusammenzuarbeiten. Richtig, Keegan?“

Sie wandte sich der Tür des Verhörraums zu.

„Lieutenant“, rief Jim. „Verschonen Sie mich bitte. Bitte!“

Lieutenant Bell drehte sich wieder zu ihm um und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie und Ihr Partner sind die einzigen Detectives, die zurzeit frei sind für diese Ermittlungen. Ich glaube kaum, dass Alexander Delmore sich einreden lässt, Felipe Salazar sei Ms Marshalls Bruder. Wenn Sie mir jetzt sagen, dass Sie immer noch Gefühle für diese Frau hegen, dann setze ich Sie nicht auf diesen Fall an. Aber das bedeutet dann, dass wir etliche Wochen warten müssen, bis ein anderer Detective frei ist. Und bis dahin wäre Ms Marshall ganz auf sich allein gestellt im Umgang mit einem Mann, den sie verdächtigt, mit Drogen zu handeln.“ Sie musterte Jim streng. „Ich halte nicht allzu viel von der Idee, Ms Marshall in diese Ermittlung einzubinden, aber Detective Salazar hat recht. Wenn wir sofort anfangen, können wir die Sache schnell und leicht erledigen. Und dann sind Sie Ms Marshall auch schon wieder los, Detective.“

Sie beobachtete ihn genau, und Jim wusste, dass ihr mit Sicherheit auffiel, wie angespannt seine Schultern, sein Nacken und seine Kiefermuskeln waren. Der Gedanke daran, Emily könnte in Gefahr sein, machte ihn verrückt. Gott, das war sogar noch schlimmer als die Vorstellung von Emily, zusammen mit ihrem neuen Freund Alexander Delmore …

„Also“, fuhr Lieutenant Bell fort, „raus mit der Sprache: Hegen Sie immer noch Gefühle für diese Frau?“

Gefühle für Emily? Nie und nimmer. Das war ausgeschlossen. Nicht nach sieben Jahren. Nun ja, er dachte schon hin und wieder an sie, aber das hieß doch nicht, dass er noch etwas für sie empfand. Und ja, natürlich hatte das Wiedersehen ihn überrumpelt. Natürlich hatte ihn das ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht. Zumal sie immer noch so erstaunlich hübsch war. Er hatte immer geglaubt, dass Vorstellungskraft und Erinnerungsvermögen die Dinge verzerrten. Dass die Erinnerung die Vergangenheit verklärt und einfach eine umwerfende Schönheit aus ihr gemacht hatte. Aber in Wirklichkeit war Emily noch viel schöner als in seiner Erinnerung.

Na und? Er fand sie also immer noch attraktiv. Du meine Güte. Das bedeutete noch lange nicht, dass er Gefühle für sie hegte.

Selbst wenn, was hättest du schon davon, fragte eine kleine sarkastische Stimme in seinem Kopf. Du hast sie abserviert. Da wird sie dir jetzt wohl kaum um den Hals fallen.

„Also, Keegan? Empfinden Sie noch etwas für sie?“

„Nein“, antwortete Jim. Seine Stimme klang unnatürlich rau und kratzig. Er konnte nur hoffen, dass diese Antwort keine Lüge war.

3. KAPITEL

Jim Keegan.

Ausgerechnet Jim Keegan. Das war wieder mal typisch.

Seitdem Emily jenen Streit zwischen Alex und Vincent Marino mit angehört hatte, seitdem ihr klar geworden war, dass der wohlhabende und hoch angesehene Mann, den sie mehr und mehr als ihren Freund und potenziellen Liebhaber betrachtete, möglicherweise ein Drogenhändler war, seitdem hatte sie das Gefühl, in einer Art Traumwelt zu leben.

Gestern Abend auf Alex’ Segelboot hatte sie noch wie betäubt so getan, als sei alles in bester Ordnung. Sie hatte gelächelt, als Alex an Deck neben sie getreten war und ihr ganz lässig den Arm um die Schultern gelegt hatte. Sie hatte gelassen mit ihm geplaudert, als er sie nach dem Segeltörn in seinem BMW nach Hause fuhr. Sie hatte sich sogar den üblichen Gutenachtkuss von ihm geben lassen.

Es war schon spät gewesen – lange nach zwei Uhr morgens –, als sie die Tür zu ihrer winzigen Wohnung aufschloss.

Am liebsten wäre sie sofort zur Polizei gefahren, aber sie bekam es plötzlich mit der Angst zu tun. Was, wenn Alex den Verdacht hegte, sie hätte seine Unterredung mit Marino belauscht? Was, wenn er gar nicht nach Hause gefahren war, sondern ihre Wohnung beobachtete? Wenn er sie mitten in der Nacht wegfahren sah und ihr zur Polizeistation folgte, würde ihm mit Sicherheit klar werden, dass sie über seine üblen Machenschaften Bescheid wusste.

Also hatte sie bis zum nächsten Morgen gewartet, bevor sie geduscht und sich ihre Lieblings-Kakishorts und das T-Shirt, das in der Schublade gerade oben lag, angezogen hatte.

Bis endlich Morgen war, hatte es scheinbar eine Ewigkeit gedauert. Die Stunden zwischen drei und halb sechs hatten sich wie Jahrhunderte hingezogen. Aber dann war es endlich sechs geworden und schließlich sieben Uhr. Auf der Straße fuhren die ersten Autos, im Haus wurden die ersten Leute wach. Emily hielt tatsächlich bis halb neun durch, bevor sie die Wohnung verließ.

Das Gespräch mit den Polizisten hatte sich als weiterer unwirklicher Teil jenes ebenso grässlichen wie verrückten Albtraums erwiesen.

Und dann war auch noch Jim Keegan aufgetaucht.

Das hatte der ohnehin schon surrealen Erfahrung die bizarre Krone aufgesetzt. Wie oft war ihr Jim Keegan unverhofft in ihren Träumen begegnet? Unzählige Male.

Die Träume fingen immer nett an, ganz harmlos und beruhigend: Sie war mit Carly shoppen oder ging mit einem ihrer Lehrerkollegen essen. Aber dann veränderte sich der Traum, und plötzlich war Jim Keegan da. Manchmal schaute er sie einfach nur an, das so vertraute Verlangen im Blick. Manchmal berührte er sie, so wie er sie an jenem einen Wochenende berührt hatte, das sie gemeinsam verbracht hatten. Jenes Wochenende, an dem er mit ihr geschlafen hatte. Aber manchmal sah sie ihn auch woanders. Nicht in seinem eigenen Bett, sondern in dem furchtbaren Krankenhausbett, in dem er gelegen hatte, nachdem er angeschossen worden war. Mit den vielen schrecklichen Schläuchen und Kabeln, die ihn mit allen möglichen Geräten, Monitoren und Beatmungsmaschinen verbanden. Sie flehte ihn an, sie nicht alleinzulassen, nicht zu sterben, aber er schlug nie auch nur die Augen auf.

Niemals, auch in ihren wildesten Träumen nicht, hatte Jim von seiner Chefin den Auftrag erhalten, in ihre Wohnung einzuziehen und sich als ihr Bruder auszugeben.

Genau das machte diese verrückte, traumähnliche Wirklichkeit zu einem Albtraum.

Sie saß in der Falle. Natürlich konnte sie sich weigern. Sie wollte nicht, dass Jim sich bei ihr einquartierte. Wollte nicht, dass er sich wieder in ihr Leben drängte. Aber natürlich hätte ihre Weigerung zur Folge, dass Alexander Delmore ungehindert so viel Kokain in die Stadt bringen konnte, wie er wollte.

Emily stolperte über den rauen Asphalt des Parkplatzes vor der Polizeiwache. Meine Güte, war sie erschöpft! Dabei hatte der Albtraum gerade erst angefangen.

Die heiße Julisonne brannte erbarmungslos auf sie herab, während sie in den Taschen ihrer Shorts nach ihrem Wagenschlüssel angelte. Zweimal entglitt ihr der Schlüsselring, bevor sie erkannte, dass ihre Hände zitterten und sie nur verschwommen sah.

Sie weinte.

Dabei hatte sie sich während der endlosen Befragung durch die Polizei so gut gehalten. Nicht ein Mal hatte sie die Beherrschung verloren. Selbst bei beleidigenden und peinlichen Fragen war sie ruhig und gelassen geblieben. Vor allem aber war sie nicht hysterisch geworden, als Jim den Raum betrat. Sie war nicht in Tränen ausgebrochen. Man hatte ihr nicht mehr anmerken können als Überraschung.

Wahrscheinlich kam jetzt die verzögerte Reaktion, dachte sie benommen. Seitdem sie herausgefunden hatte, dass sie Alex so völlig falsch eingeschätzt hatte, war ihr eigentlich ständig nach Weinen zumute gewesen.

Vergebens wischte Emily sich die Tränen aus den Augen und versuchte noch einmal, den Autoschlüssel ins Türschloss zu stecken. Wenigstens das klappte endlich, die Tür entriegelte sich, und sie konnte sie öffnen. Im Wagen war es heißer als in einem Backofen, aber sie stieg trotzdem ein und startete den Motor. Dann ließ sie sämtliche Fenster herunter und drehte Klimaanlage und Lüftung auf die höchste Stufe.

Warum Jim Keegan? Und warum jetzt? Womit hatte sie das nur verdient?

Emily brach zusammen. Sie legte die Arme auf das heiße Lenkrad, ließ ihren Kopf daraufsinken und weinte hemmungslos.

Jim Keegan rannte den Flur hinunter, Emilys Handtasche in der Hand. Er stieß die Tür auf, die auf den städtischen Parkplatz hinausführte, und wappnete sich gegen die feuchte Hitze draußen, die ihn wie ein Holzhammer traf.

Verdammt, Emily war weit und breit nicht zu sehen. Sie konnte doch nicht schon weg sein, oder? Schließlich war er ihr sofort gefolgt.

Während er die parkenden Autos musterte, wurde ihm klar, dass er keine Ahnung hatte, was für einen Wagen sie fuhr. Zweifellos einen teuren, dachte er säuerlich. Ein Geschenk von ihrem millionenschweren Freund.

Aber dann entdeckte er sie. Sie saß zusammengesunken auf dem Fahrersitz eines unscheinbaren kleinen Honda. Arme und Kopf ruhten auf dem Lenkrad.

Als Jim näher kam, erkannte er beinah sofort, dass sie weinte. Es zog ihm das Herz zusammen. Die immer so ruhige, gefasste Emily, die nie ausrastete, nie die Nerven verlor, nie ihre Ängste zeigte, weinte, als wollte sie die Welt mit ihren Tränen überschwemmen.

Er hatte sie erst ein einziges Mal weinen sehen, und zwar im Krankenhaus, etwa eine Woche nachdem er angeschossen worden war. Sie war tagelang bei ihm geblieben. Zunächst, als noch nicht klar war, ob er durchkommen würde, wartete sie vor der Intensivstation. Später, als er außer Lebensgefahr war, saß sie an seinem Bett.

Die meiste Zeit war er bewusstlos, aber immer wenn er zu sich kam, war sie da und lächelte ihn an. Ihre Ruhe gab ihm Kraft und Mut. Sie ließ sich nicht anmerken, wie sehr sie sich um ihn sorgte, wie sehr das Ganze sie belastete. Es fiel ihm nicht auf – bis zu jener Nacht, in der er aufwachte, ohne dass sie das bemerkte, und sie weinen sah. Untröstlich und verzweifelt, als bräche ihr schier das Herz.

Das war der Anfang vom Ende. Jim wusste, dass er schuld war an Emilys Verzweiflung. Natürlich hatte er auch vorher schon gewusst, dass er Gift für sie war und sie nicht verdiente. Aber als er sie so weinen sah, traf ihn die Erkenntnis mit brutaler Wucht.

Und dennoch brachte er sie jetzt, sieben Jahre später, schon wieder zum Weinen. Er ging zumindest davon aus, dass ihre Tränen etwas mit ihm zu tun hatten. Verdammt noch mal, dank dieses Wiedersehens war ihm selbst nach Heulen zumute.

Sie hörte nicht, wie er an das offene Fenster der Fahrertür trat. Sie hörte nicht, wie er neben ihrem Wagen stehen blieb. Also beugte er sich zu ihr hinunter, schaute durchs Fenster und räusperte sich.

„Emily?“

Sie fuhr zusammen. Dann hob sie den Kopf, und ihre Blicke trafen sich.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

Sie versuchte sich mit dem Unterarm die Tränen zu trocknen, aber wegen der Hitze in ihrem Auto war sie schweißgebadet, und der Versuch misslang kläglich. Zum Glück wurde der Luftstrom, den die Klimaanlage ins Wageninnere leitete, allmählich kühler.

„Ich werd’s überleben“, meinte sie kurz angebunden.

Er verzog leicht die Lippen zu einem entschuldigenden Lächeln. „Du hast deine Handtasche im Besprechungszimmer liegen lassen.“ Seine Stimme war volltönend und ein wenig rau. Er reichte ihr die Tasche durchs Fenster. „Manche Dinge ändern sich einfach nie, was? Weißt du, vielleicht solltest du dir einen dieser kleinen City-Rucksäcke zulegen und ihn einfach nie abnehmen. Dann kannst du ihn auch nirgendwo liegen lassen.“

„Normalerweise lasse ich meine Handtasche nirgendwo liegen“, gab Emily abweisend zurück. Dann fiel ihr ein, dass sie nur deshalb das Gespräch zwischen Alex und Marino mit angehört hatte, weil sie ihre Handtasche im Waschraum der Home Free vergessen hatte, und sie fügte hinzu: „Jedenfalls nicht andauernd.“

Sie warf Jim einen Blick zu und bemerkte, dass er sie musterte. Er war ihr nahe genug, dass sie jede einzelne seiner langen dunklen Wimpern sowie die grünen und goldenen Sprenkel in seinen blauen Augen sehen konnte. Sie bemerkte auch den leichten Schatten eines Zweitagebarts in seinem Gesicht, und ihr fiel auf, wie voll und weich seine Lippen waren. Er sah müde aus. Die Lachfältchen um seine Augen und Lippen wirkten im harten Licht des Nachmittags eher wie Sorgenfalten. Sie erkannte deutlich, wie angespannt er war, daran, wie die Kiefermuskulatur arbeitete, während er mit den Zähnen mahlte.

„Du siehst gut aus, Em“, meinte er leise.

Unbedingt. Wenn sie seine Bartstoppeln zählen konnte, dann musste ihm auch auffallen, dass ihre Augen vom Weinen gerötet und geschwollen waren, dass ihr Gesicht aufgedunsen und bleich wirkte, weil sie zu viel geweint und zu wenig geschlafen hatte. Sie sah einfach schrecklich aus, und sie wusste es.

„Bitte hör auf zu weinen“, sagte er sanft. „Ich weiß, dass es dir keinen Spaß machen wird, mit mir zusammenzuarbeiten. Es wird auch mir nicht leichtfallen. Aber wir bringen das schnell hinter uns, bringen Delmore hinter Gitter, wo er hingehört, und dann kehrt wieder Normalität in unser Leben ein.“

Emily lachte kurz auf. „Normalität?“, fragte sie. „Ich werde dabei helfen, meinen Freund für zwanzig Jahre oder lebenslänglich ins Gefängnis zu bringen. Glaubst du wirklich, dass er mich danach immer noch will?“

Jim schwieg betreten. Was war er doch für ein egoistischer Schweinehund. Da war er doch tatsächlich davon ausgegangen, dass sie weinte, weil das Wiedersehen mit ihm sie aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Aber natürlich weinte sie nicht seinetwegen. Sondern wegen Delmore.

„Ich habe so verdammt wenig Menschenkenntnis“, fuhr Emily fort. Es war ja nicht das erste Mal, dass sie einen Mann völlig falsch eingeschätzt hatte. Vor sieben Jahren hatte sie sich schließlich auch in Jim Keegan komplett geirrt. „Ich dachte, Alex sei ein netter Kerl. Ich hielt ihn für einen guten Mann. Vielleicht ein bisschen spießig. Ein bisschen eingebildet. Aber im Großen und Ganzen ein guter Mensch.“

Oh Gott, vielleicht hat sie Delmore geliebt, durchfuhr es Jim. Sein Magen krampfte sich unerwartet zusammen. Vielleicht liebte sie Delmore immer noch. Und doch hielt sie so unverbrüchlich an ihrem Wertesystem fest, dass sie sich verpflichtet fühlte, ihn anzuzeigen. Das war bestimmt nicht leicht für sie. Nein, es musste ihr extrem schwerfallen.

„Es tut mir leid, Em“, sagte er.

„Nenn mich nicht Em, Detective. Dafür kennst du mich nicht mehr gut genug“, fauchte sie ihn an, legte den ersten Gang ein, fuhr an, bog vom Parkplatz auf die Straße ein, und fort war sie.

Auf dem Anrufbeantworter war eine Nachricht von Alex, als Emily an diesem Nachmittag nach Hause kam.

„Mein Zwölf-Uhr-Termin hat abgesagt“, erklärte er ohne Einleitung und ohne seinen Namen zu nennen. Er ging eindeutig davon aus, dass Emily seine Stimme erkannte. Was sie natürlich auch tat. „Du bist gerade nicht da. Wenn du rechtzeitig zurückkommst, ruf mich bitte auf dem Handy an, dann können wir uns zum Essen treffen. Oder wir sehen uns am Dienstag.“

Wir sehen uns am Dienstag.

Emily wollte sich nicht am Dienstag mit Alex treffen. Sie wollte sich gar nicht mit Alex treffen. Ihn nie wieder sehen.

Sie wollte auch Jim Keegan nie wieder sehen, und doch würde er in wenigen Stunden in ihrer Wohnung aufkreuzen, und sie würde ihn die ganze kommende Woche jeden Tag sehen müssen. Er würde der Erste sein, den sie allmorgendlich zu sehen bekam, und der Letzte an jedem Abend.

Emily öffnete die Glasschiebetür ihres Minibalkons, von dem aus man den Hof des Apartmenthauses überblicken konnte. Im Hof lag ein bescheidener Swimmingpool, der mit kristallklarem Wasser gefüllt war, aber Emily liebte vor allem das üppige Grün, das auf der kleinen Fläche daneben wuchs.

Sie setzte sich auf einen der beiden Liegestühle, die gerade so eben auf den Balkon passten, ließ den Kopf in den Nacken sinken und lauschte dem pausenlosen Summen und Zirpen der Insekten, die sich über die Hitze des Tages zu beschweren schienen. Die Temperatur lag bei mindestens achtunddreißig Grad im Schatten.

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