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Neapel sehen - und sich verlieben

Lucy Gordon

Neapel sehen - und sich verlieben

1. KAPITEL

„Der Felsen ist direkt vor dir. Du brauchst nur die Hand auszustrecken, dann kannst du ihn berühren.“

Celia ließ die Finger über das Gestein gleiten und ertastete den Felsen nach allen Seiten, während Ken ihr von Bord des Schiffes aus Anweisungen erteilte.

„Kannst du seine Form ertasten?“

„Ja“, erwiderte sie. „Aber ich möchte noch weiter hinunter.“

„Hast du noch nicht genug für heute?“, fragte Ken.

„Das Abenteuer hat doch gerade erst angefangen, es gibt hier noch viel mehr zu entdecken.“ Sie wollte so viel wie möglich erleben, auf diese Weise trotzte sie ihrer Blindheit. Diese Lebenseinstellung hatten ihr ihre Eltern vermittelt, die ebenfalls beide blind waren. Deren Motto lautete: „Auch ohne Augenlicht kann man jedes Abenteuer bestehen und das Leben genießen.“

„Nun mach schon, lass mich tiefer hinunter“, drängte sie.

Er stieß einen Seufzer aus. „Dein Freund bringt mich um.“

„Nenn ihn nicht ‚meinen Freund‘. Das klingt so, als wären wir Kinder.“

„Wie soll ich ihn sonst nennen?“

Eine gute Frage. Was war Francesco Rinucci für sie? Ihr Verlobter? Nein, sie hatten noch nie über Heirat gesprochen. Ihr Lebenspartner vielleicht? Das kam der Sache schon näher. Oder sollte sie ihn als ihren Liebhaber bezeichnen? Er ist mein Partner, mein Liebhaber und noch so vieles mehr, überlegte sie.

„Mach dir wegen Francesco keine Gedanken“, sagte sie. „Er weiß nicht, dass ich hier bin. Und wenn er es herausfindet, geht er bestimmt nicht auf dich los, sondern reagiert seinen Ärger an mir ab. Und nun lass mich endlich tiefer hinunter. Wo ist das Problem?“

„Du bekommst deinen Willen, wenn Fiona einverstanden ist“, antwortete Ken.

„Natürlich, bin ich“, meldete sich ihre Tauchpartnerin sogleich.

Sie griff nach Celias Hand, und dann glitten die beiden Frauen tief in die Unterwasserwelt der Mount’s Bay an der Küste von Cornwall. Ken und seine Crew hatten vor über einer Stunde in Penzance abgelegt und ungefähr eine Seemeile von der Küste entfernt auf dem Meer über der Stelle gestoppt, wo ein Piratenschiff nach einer Schlacht mit der britischen Marine gesunken sein sollte. Man hatte es jedoch nie gefunden.

Nur mühsam hatte Celia ihre Ungeduld zügeln können, während jemand von der Mannschaft ihr die Tauchflasche auf dem Rücken befestigte und ihr erklärte, wie alles funktionierte. Gegen die spezielle Atemmaske, die der Verständigung unter Wasser diente und die ihr ganzes Gesicht bedeckte, wehrte sie sich heftig.

„Ich dachte, ich brauchte nur eine Taucherbrille und ein Mundstück mit Schlauch, um an die Flasche angeschlossen zu werden“, protestierte sie.

„Da wir in ständigem Kontakt mit dir bleiben müssen, brauchst du die Maske.“ Kens Tonfall duldete keinen Widerspruch.

Sie hatte nachgegeben und war schließlich Hand in Hand mit Fiona ins Meer gesprungen.

Durch ihren Tauchanzug hindurch spürte sie die Kälte des Wassers. Während sie langsam schwammen, erkundete sie mit den Händen die Unterwasserwelt. Sie musste alles mit den Fingerspitzen berühren, die Felsen, die Pflanzen, und zuweilen spürte sie sogar den einen und anderen größeren Fisch vorbeischwimmen. Sie lachte auf vor lauter Freude und Begeisterung. Was für ein aufregendes Erlebnis! Und das Schönste an allem war das Gefühl, frei zu sein von allem, was sie belastete und einengte.

Wollte sie frei sein von Francesco Rinucci?

Ja, vor allem von ihm, wie sie sich zögernd eingestand. Sie liebte ihn heiß und innig, aber sie war von London bis nach Cornwall gefahren, weil sie Abstand brauchte. Schon vor einer Woche hatte sie den Tauchausflug geplant, ohne es ihm zu verraten. Es gefiel ihr gar nicht, Geheimnisse vor ihm zu haben, ja, es machte sie sogar traurig, doch nachdem sie sich einmal dazu entschlossen hatte, wollte sie das Abenteuer auch zu Ende bringen. Für sie als Blinde war es ohnehin schon schwer genug, die Kontrolle über ihr Leben zu behalten. Francesco hätte sie aus lauter Liebe am liebsten in Watte gepackt und konnte nicht begreifen, dass er ihr damit alles noch viel schwerer machte.

„Alles in Ordnung?“, ertönte in dem Moment Fionas Stimme.

„Ja, ich bin ganz überwältigt von so viel Schönheit.“ Begeisterung schwang in Celias Stimme.

Sie hatte ihre eigene Vorstellung von Schönheit. Alles, was sie hier unter Wasser fühlte und spürte, empfand sie als schön, vor allem die Freiheit.

„Ich komme allein zurecht“, fügte sie hinzu, und sofort ließ Fiona sie los.

Da sie mit einer reißfesten Leine gesichert war, die Ken von Bord des Schiffes aus kontrollierte, war sie nicht völlig frei. Sie konnte sich jedoch darauf verlassen, dass er ihr so viel Spielraum wie möglich gewährte und ihr die Illusion der Freiheit nicht raubte. Francesco hätte viel von ihm lernen können, aber dann hätte er zugeben müssen, dass er Fehler machte. Und das war undenkbar.

Mit den Schwimmflossen an den Füßen konnte sie sich mit kräftigen Stößen durch das Wasser bewegen. Sie befand sich im Einklang mit sich selbst und der Welt hier unten und genoss jeden Augenblick dieses Abenteuers.

„Ohhhhhh!“, rief sie glücklich aus.

„Celia?“, fragte Ken beunruhigt.

„Keine Sorge, ich bin nur begeistert.“

„Keine besonderen Vorkommnisse?“

„Nein. Ohhhhhh!“

„Lass das bitte sein, sonst platzt mein Trommelfell!“

„Okay“, lachte sie. „Auf wie viel Metern Tiefe bin ich?“

„Ungefähr zwanzig.“

„Dann lass mich noch einmal zwanzig Meter hinunter.“

„Zehn, mehr ist zu gefährlich.“

„Fünfzehn“, bettelte sie.

„Nein, zehn Meter“, erklärte er unnachgiebig. Dann löste er die Leine, und Celia tauchte noch tiefer ein in diese Welt voller Wunder.

Auch damals, als sie Francesco kennengelernt hatte, hatte sie geglaubt, die Welt sei voller Wunder. Er hatte die Büroräume betreten und sich mit der Kollegin am Empfang unterhalten. Celia war aufmerksam geworden, als ihre junge Assistentin Sally leise „Oh!“ gesagt hatte.

„Du scheinst beeindruckt zu sein“, meinte Celia lachend. „Wie sieht er aus?“

„Er ist groß, hat leicht gewelltes schwarzes Haar und tiefblaue Augen. Ich schätze ihn auf Ende dreißig. Er trägt einen eleganten Designeranzug, und seine Bewegungen wirken leicht und geschmeidig.“

„Du scheinst dich ja mit Designeranzügen auszukennen …“

„Ja. Dafür habe ich einen guten Blick. Er hat bestimmt ein kleines Vermögen gekostet. Vielleicht ist er auch maßgeschneidert, er sitzt jedenfalls absolut perfekt. Dieser Mann hat eine ganz besondere Ausstrahlung. Als ob er davon überzeugt wäre, ihm gehöre die Welt und er könne alles haben, was er wolle. Als brauche er auf nichts und niemanden Rücksicht zu nehmen.“

„Du hast ihn dir wirklich sehr genau angeschaut!“

„Klar, ich will dir doch eine genaue Beschreibung geben. Und übrigens, er hat diesen ganz besonderen Blick, den man sonst nur bei Filmstars sieht – oh, entschuldige, ich hatte ganz vergessen, dass du – … Es tut mir leid.“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich bin sogar froh, dass du es manchmal vergisst, denn das bedeutet, dass ich für dich ein völlig normaler Mensch bin wie jeder andere auch. Aber da ich von Geburt an blind bin, kann ich mir nichts bildlich vorstellen, weder Farben noch Formen und menschliche Gestalten. Ich muss alles erfühlen oder ertasten.“

„Ich könnte es mir faszinierend vorstellen, den Körper dieses Mannes mit den Händen zu erforschen“, ließ Sally ihrer Fantasie prompt freien Lauf, und Celia brach in übermütiges Lachen aus.

„Vorsicht, er blickt zu uns herüber“, warnte Sally sie. „Jetzt kommt er auf uns zu.“

Dann ertönte eine tiefe männliche Stimme mit einem leichten italienischen Akzent. „Guten Morgen. Ich bin Francesco Rinucci und möchte zu Celia Ryland.“

Beim Klang seiner Stimme machte sie sich ihr eigenes Bild von ihm, das sich von Sallys Beschreibung deutlich unterschied. Er schien zum Beispiel ein ausgesprochen höflicher Mensch zu sein. Doch in einem Punkt musste sie Sally recht gegeben: Er glaubte offenbar, er könne alles haben, was er wollte.

Während sie durch die stille Wasserwelt schwamm, erinnerte sie sich mit fast schmerzlicher Intensität an die letzten Wochen. Fünf Monate lang hatte sie ihn leidenschaftlich geliebt, sie hatten gestritten, sich bekämpft, sich wieder versöhnt. Und schließlich war ihr klar geworden, dass sie sich von ihm trennen musste, wenn sie die Kontrolle über ihr Leben nicht verlieren wollte.

So viel war geschehen in diesen wenigen Monaten. Sie hatte unendlich Schönes erlebt, aber auch viele bittere Stunden waren dabei gewesen. Manchmal hatte sie sogar bereut, ihm jemals begegnet zu sein. Zugleich war sie dankbar dafür, wenigstens für eine gewisse Zeit mit ihm zusammen sein zu können.

Die erste Begegnung würde sie nie vergessen. Sie hatte ihm die Hand gereicht und seinen festen Händedruck gespürt. Seine langen schlanken Finger zeugten von Kraft und Stärke, und sie fragte sich sofort, was für ein Mensch er wohl war.

Dummerweise ging ihr Sallys Bemerkung, sie könne es sich faszinierend vorstellen, den Körper dieses Mannes mit den Händen zu erforschen, nicht aus dem Kopf. Überdeutlich verspürte sie seine Gegenwart, als er sich neben ihren Schreibtisch stellte, wo ihr Blindenhund, ein heller Labrador, lag.

Wicksy war ein gut erzogener, friedlicher Hund. Francescos Streicheleinheiten nahm er gelassen hin und revanchierte sich, indem er freundlich mit dem Schwanz wedelte, ehe er sich anscheinend völlig entspannt wieder hinlegte … Doch der Schein trog, Wicksy beobachtete den Fremden aufmerksam.

Nachdem Francesco sich neben Celia gesetzt hatte, nahm sie den dezenten, leicht herben Duft seines Aftershaves wahr. Irgendwie versprach dieser Duft Wärme und Lebendigkeit. Sie war verlockt, aus ihrem Schneckenhaus herauszukommen und zu schauen, wohin diese Begegnung führte.

„Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie freundlich.

Er erklärte, er sei Mitinhaber von Tallis Inc., einem Unternehmen, das sich auf die Herstellung von Luxusmöbeln spezialisiert hatte und sich dank der guten Umsätze vergrößern und europaweit tätig werden wollte.

„Deshalb brauchen wir eine renommierte PR-Firma, mit der wir eng zusammenarbeiten möchten“, fuhr er fort. „Die Agentur, die bisher für uns tätig war, hat Insolvenz angemeldet. Man hat mir Ihre Firma empfohlen und geraten, mit Ihnen persönlich zu sprechen. Sie seien die Beste auf dem Gebiet der Public Relations und des Change Managements.“

Höflich wie er war, bemühte er sich, seine Überraschung zu verbergen, was ihm jedoch nicht ganz gelang, denn seine Stimme verriet die Irritation.

„Und jetzt fragen Sie sich, warum man Ihnen verschwiegen hat, dass ich blind bin, stimmt’s?“, sagte sie und lachte unbekümmert, als sie seine Verblüffung spürte.

„Nein, das habe ich nicht gedacht“, beeilte er sich, ihr zu versichern.

„Doch, das haben Sie, geben Sie es ruhig zu. Ich kenne das, es passiert immer wieder. Ich weiß, was in den Menschen vorgeht, wenn sie keine Ahnung haben, was sie erwartet.“

„Bin ich so leicht zu durchschauen?“ Sie hörte an seiner Tonlage, dass er lächelte.

„Sie haben sich gefragt: ‚Wie, zum Teufel, konnte ich in so etwas hineingeraten, und wie komme ich einigermaßen anständig wieder aus der Sache heraus?‘“

Es fiel ihr leicht, die Gedanken anderer zu lesen, doch meistens behielt sie ihr Wissen für sich, denn oft fühlten sich ihre Gesprächspartner dann unbehaglich oder waren peinlich berührt.

Francesco hingegen reagierte ganz anders. Er nahm ihre Hand und drückte sie fest. „Nein, das habe ich bestimmt nicht gedacht. Mir ist etwas ganz anderes durch den Kopf gegangen.“

Sie meinte zu spüren, was er dachte, und gestand sich ein, dass auch er ihr nicht gleichgültig war. Eigentlich müsste ich schockiert sein, dass ich etwas für einen Mann empfinde, den ich gerade erst kennengelernt habe, überlegte sie. Aber etwas in ihr schien sie zum Abenteuer zu drängen, wobei eine sehr viel leisere innere Stimme sie gleichzeitig zur Vorsicht mahnte. Doch sie hatte Übung darin, diese Stimme großzügig zu ignorieren.

Jetzt musste sie sich aber zusammennehmen und sich korrekt verhalten. Deshalb erklärte sie ihm ihre Arbeitsweise und die technischen Hilfsmittel, die es ihr ermöglichten, als Blinde professionell zu arbeiten. „Ich spreche mit dem Computer und er mit mir“, erklärte Celia. „Zusätzlich habe ich ein spezielles Telefon und einige andere technische Raffinessen.“

Francesco hörte aufmerksam zu, und innerhalb weniger Minuten hatte er sie in eine lebhafte Diskussion über Fachfragen verwickelt. Später lud er sie zum Mittagessen in ein kleines Restaurant in der Nähe ein. Alle Informationen, die sie von ihm über seine Firma erhielt, gab sie stichwortartig in ihren Laptop ein. Nach dem Kaffee begleitete er sie zum Büro zurück. Ihrem Hund zuliebe machten sie einen Umweg durch den Park, damit er sich austoben konnte.

„Läuft irgendwo jemand herum, den ich vielleicht treffen könnte?“, fragte sie und zog einen Ball aus der Tasche.

Francesco versicherte ihr, weit und breit sei kein Mensch zu sehen. Doch augenblicklich bereute er seinen Leichtsinn, denn er hatte nicht geahnt, mit wie viel Kraft sie den Ball werfen würde. Sie hätte beinahe einen Spaziergänger am Kopf getroffen, der ahnungslos sein Sandwich aß und gerade noch rechtzeitig einen Satz zur Seite machen konnte.

„Da hinten flucht jemand! Sie haben doch behauptet, es sei alles frei!“

„Es tut mir leid. Ich wusste nicht, dass Sie so gut werfen.“

Fröhlich bellend sprang Wicksy hinter dem Ball her, brachte ihn zurück und legte ihn Celia vor die Füße. Nachdem sie das Spiel noch zweimal wiederholt hatte, setzte er sich vor sie, hielt den Kopf schräg und blickte sie an.

„Okay, ich weiß, was du willst.“ Sie nahm ihm den Ball aus der Schnauze und steckte ihn in die Tasche. „Er muss noch sein großes Geschäft erledigen. Vielleicht möchten Sie schon weitergehen.“

„So empfindlich bin ich nicht“, antwortete er lächelnd.

Wicksy fand einen Platz unter den Bäumen, und als er fertig war, zog Celia ein Plastiktütchen hervor.

„Soll ich es wegmachen?“, bot Francesco mit zusammengebissenen Zähnen an.

„Das ist überaus nett von Ihnen, das hätte die Höflichkeit nicht verlangt.“ Er stieg in ihrer Achtung. „Aber es ist mein Hund, und deshalb beseitige ich seine Hinterlassenschaften selbst.“

„Okay, wie Sie wollen.“ Erleichterung schwang in seiner Stimme.

Als auch das erledigt war, kehrten sie ins Büro zurück.

„Ich würde Ihnen gern noch mehr über meine Firma erzählen und wie ich mir die Zusammenarbeit vorstelle, ich habe aber jetzt leider keine Zeit mehr. Darf ich Sie für heute Abend zum Essen einladen? Dann können wir in Ruhe alles Weitere besprechen.“

„Ja, gern.“

Nachdem er sich verabschiedet hatte, ließ sie sich den ganzen Nachmittag über nicht mehr stören und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Sie wollte ihn beeindrucken und ihm heute schon Vorschläge unterbreiten. Dann beeilte sie sich, nach Hause zu kommen, duschte rasch und zog das elegante goldfarbene Kleid an, das, wie man ihr wiederholt versichert hatte, perfekt zu ihrem roten Haar passte.

Als sie fertig war, bat sie ihre Freundin Angela, die nebenan in der Wohnung wohnte, um Hilfe. Angela arbeitete in einer Boutique, und Celia vertraute ihr so sehr, dass sie ich bei der Zusammenstellung ihrer Kleidung gern von ihr beraten ließ.

„Wie sehe ich aus?“ Sie drehte sich im Kreis.

„Absolut fantastisch. Gut, dass ich dich überredet habe, das Kleid zu kaufen. Und diese Sandaletten! Meine Güte, ich beneide dich um deine langen Beine. Nur wenige Frauen haben so schlanke Fesseln. Deine Bewegungen wirken so geschmeidig und graziös. Einfach unglaublich.“

Celia lachte. Sie verdankte Angela sehr viel. Die Freundin hatte ihr beigebracht, mehr aus sich zu machen. Seitdem spürte sie die bewundernden Blicke der Männer, auch wenn sie sie nicht sah.

„Was bedeutet es eigentlich, rotes Haar zu haben?“, fragte Celia unvermittelt.

„Dass du deine Kleidung farblich darauf abstimmen musst. Du hast eine feine helle Haut und verkörperst das, was man unter einer English rose versteht.“

„Darunter kann ich mir nichts vorstellen. Kannst du es mir erklären?“

„Kurz gesagt, Männer finden solche Frauen sehr anziehend. Das wünschst du dir doch für heute Abend, oder?“

„Nein, keineswegs. Es ist nur ein Geschäftsessen. Wir wollen das weitere Vorgehen besprechen …“

„Das weitere Vorgehen? Ich glaube eher, es hat dich erwischt.“

Celia gestand sich ein, dass Angela ins Schwarze getroffen hatte. Auf den Abend mit Francesco freute sie sich viel zu sehr.

Als er sie abholte, reagierte er genau so, wie sie es sich erhofft hatte: Sein kurzes Zögern bei ihrem Anblick verriet ihr, dass er von ihrem Aussehen beeindruckt war. Sein leises anerkennendes Pfeifen quittierte sie mit einem spöttischen Lächeln.

Und dann kam es in den ersten Minuten auch schon zu einer Meinungsverschiedenheit.

„Mein Hund begleitet mich überallhin“, protestierte Celia energisch, als Francesco sie überreden wollte, Wicksy zu Hause zu lassen.

„Heute Abend sorge ich für Ihre Sicherheit.“

„Vielen Dank für das Angebot, aber ich möchte es nicht annehmen …“

„Sie brauchen den Hund nicht, wenn ich bei Ihnen bin“, beharrte er hartnäckig auf seinem Standpunkt. „Außerdem sind Hunde in Restaurants nicht gern gesehen.“

„Ich kenne ein Restaurant, in dem mein Hund jederzeit willkommen ist. Es ist nicht weit von hier. Lassen Sie uns das Thema beenden. Wicksy und ich sind unzertrennlich.“

Ihre Stimme klang freundlich, aber bestimmt, und endlich gab Francesco nach. Den ersten Test hat er nicht bestanden, er hat kein Verständnis dafür, wie wichtig mir meine Unabhängigkeit ist, dachte Celia leicht enttäuscht. Dennoch war sie fest entschlossen, den Abend mit ihm zu genießen.

Sie gingen zu Fuß zum Restaurant und fanden einen Tisch in einer Ecke, wo sie sich ungestört unterhalten konnten.

„Weshalb haben Sie eigentlich so viele Unterlagen mitgebracht?“, fragte Francesco, nachdem sie bestellt hatten.

„Es ist ein Arbeitsessen, schon vergessen? Ich möchte Ihnen meine ersten Entwürfe vorlegen.“

Während sie ihm ihre Ideen erläuterte, schob sie ein Blatt nach dem anderen in seine Richtung. Sie hatte die Seiten markiert, um sie nicht zu verwechseln.

„Sie scheinen hervorragend über unser Unternehmen informiert zu sein.“ Er war beeindruckt.

„Ich habe den ganzen Nachmittag daran gearbeitet“, erwiderte sie. „Die meisten Informationen habe ich mir online beschafft.“

„Und Ihr Computer liest Ihnen alles vor?“

„Ja, mit der entsprechenden Software ist das kein Problem.“ In Wahrheit hatte sie sich alles von Sally vorlesen lassen, weil es schneller ging und sie nicht viel Zeit gehabt hatte. Doch das brauchte Francesco nicht zu wissen.

Er bewunderte ihren Sachverstand und ihre Kompetenz. Sie unterhielten sich auf ruhige und sachliche Weise in einer entspannten Atmosphäre, während sie insgeheim versuchten, sich gegenseitig einzuschätzen.

Celia nahm jede noch so geringe Veränderung in seiner tiefen, volltönenden Stimme wahr, die sie so erregend fand, dass sie Mühe hatte, ihre Hände bei sich zu behalten. So kannte sie sich gar nicht, und sie gestand sich schließlich ein, dass sie ein Problem hatte. Sie hatte geglaubt, die Situation zu beherrschen, schließlich lag ihr Hund neben ihr, und sie war nicht auf Francescos Hilfe angewiesen. Doch auf einmal empfand sie den Wunsch, jede Vorsicht in den Wind zu schlagen und sich Hals über Kopf in ein Abenteuer zu stürzen, immer drängender.

Sie spürte, dass er so ähnlich empfand wie sie, er war jedoch vorsichtiger. Behutsam wechselte er das Thema und brachte sie dazu, über sich selbst zu reden.

„Beunruhigt es Ihre Eltern sehr, dass Sie als blinde junge Frau allein leben?“

„Nein, damit haben sie kein Problem, sie sind selbst blind“, antwortete sie.

„Oh, das tut mir leid.“

„Das muss es nicht. Was man nie gekannt hat, vermisst man kaum. Da meine Eltern nicht sehen können und ich keine Geschwister habe, hatte ich auch keine Vergleichsmöglichkeiten. Wir drei waren so etwas wie eine verschworene Gemeinschaft. Wir glaubten, alle anderen seien irgendwie nicht normal oder sogar verrückt. Allerdings hat man uns auch für verrückt gehalten, weil wir nicht so leben wollten, wie Blinde nach der Meinung der meisten leben sollten.

Die beiden haben sich an der Universität kennengelernt. Mein Vater war Professor, und meine Mutter hat bei ihm studiert. Inzwischen schreibt er nur noch Bücher, und sie ist seine Sekretärin. Er behauptet, sie sei tüchtiger als jede sehende Mitarbeiterin, denn sie weiß genau, worauf es ankommt. Angeblich haben sie sich ineinander verliebt, weil sie Dinge verstanden, die kein anderer verstand. Ich bin also in der Überzeugung aufgewachsen, ein völlig normaler Mensch zu sein, und dieser Meinung bin ich immer noch.“

Bei dem letzten Satz lag eine Spur von Schärfe in ihrer Stimme, und Celia hoffte, dass die Warnung angekommen war … Dann lenkte sie das Gespräch auf ihn, und er erzählte von seiner Familie in Italien, seinen Eltern und seinen fünf Brüdern, der Villa auf einem Hügel mit herrlichem Blick auf den Golf von Neapel. Nachdem er den Satz gesagt hatte, hielt er verlegen inne.

„Das ist okay“, versicherte sie ihm. „Ich erwarte von niemandem, dass er seine Worte auf die Goldwaage legt, nur weil ich nicht sehen kann. Wenn ich so kleinlich wäre, hätte ich keine Freunde.“

„Ich muss gestehen, es fällt mir schwer nachzuvollziehen, was es bedeutet, nichts zu sehen“, gab er zu.

„Ja, das glaube ich Ihnen“, erwiderte sie. „Meine Assistentin hat mir heute Morgen gesagt, Sie hätten tiefblaue Augen. Aber was soll ich mir darunter vorstellen?“

„Warum hat sie Ihnen das überhaupt erzählt?“ Er konnte seine Nervosität nicht verbergen, und sie verbiss sich ein Lächeln.

„Heißt das, es stimmt gar nicht?“ Sie ließ die Stimme betont unschuldig klingen. „Haben Sie vielleicht rote Augen?“

„Nur wenn ich zu viel getrunken habe.“

Sie lachte so laut auf, dass Wicksy, der neben ihrem Stuhl auf dem Boden lag und zu schlafen schien, sofort den Kopf hob und sie mit der Schnauze anstieß, so als wollte er sich vergewissern, dass alles in Ordnung war.

Keine Frage, es knisterte zwischen ihr und Francesco. Eine andere Frau hätte es sicher an seinen Blicken erkannt, Celia hingegen hatte ein ganz besonders gutes Gespür für die Atmosphäre und die feinen Zwischentöne. Sie hörte auch das, was nicht ausgesprochen wurde.

„Meine Mutter ist Engländerin“, fuhr er schließlich fort. „Davon merkt man aber nichts mehr. In ihrem Herzen ist sie eine typisch italienische Mutter und fest entschlossen, ihre Söhne gut zu verheiraten.“

„Sechs Söhne zu verheiraten, ist sicher keine leichte Aufgabe. Wie schafft sie es?“

„Vier sind schon verheiratet, und mein Bruder Ruggiero hat sich vor Kurzem verlobt. Er und Polly wollen bald heiraten. Danach kann sich meine Mutter ganz darauf konzentrieren, mich unter die Haube zu bringen.“

Es gefiel ihr, wie geschickt er sie hatte wissen lassen, dass er noch unverheiratet war.

„Haben Ihre Eltern nicht dieselben Ambitionen?“, erkundigte er sich wie beiläufig.

„Nein, da mischen sie sich nicht ein“, antwortete sie. „Nur manchmal, wenn mein Vater in der Küche hantiert und sich als Koch betätigt, rät meine Mutter mir, keinen Mann zu ...

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