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Nach dem Schiffbruch

Friedrich Gerstäcker

Nach dem Schiffbruch

Erzählung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Nach dem Schiffbruch

 

Das englische Schiff „Boreas“, unter Kapitän Oilytt, von Sydney in Australien nach Kalkutta bestimmt, war nach Norden gesegelt, um den kürzeren Weg durch die Torresstraße einzuschlagen. Damit schnitt es allerdings die lange Bahn südlich um den ganzen australischen Kontinent herum ab, musste dafür aber auch eine ziemlich gefährliche Passage, die sogenannten Barrier-Reefs, durchlaufen und fand sich plötzlich mit Tagesanbruch und bei einem heftigen Oststurm so nahe auf den Klippen, dass es nicht wieder davon absegeln konnte.

Kapitän Oilytt war ein vortrefflicher Seemann, hatte aber einen großen Fehler: Er trank und war dabei roh und grausam mit seinen Leuten, die ihn dafür im Grunde ihrer Seele hassten. In Sydney war ihm auch fast die ganze Mannschaft davongelaufen, er hatte sie aber durch ausgesetzte Prämien wieder einfangen lassen, und sie hatten nun in der Tat die Hölle auf dem Schiff.

Die gemeinsame Lebensgefahr glich aber in diesem Fall alles aus. Die Seeleute arbeiteten mit dem Tod vor Augen; denn wurden sie auf die äußeren Klippenreihen geworfen, so zerschellte das Schiff zu Atomen, und keine Seele an Bord wäre in der furchtbaren Brandung mit dem Leben davongekommen.

Aber der Kapitän wusste das ebenfalls. Sein Schiff war rettungslos verloren; doch als sie gegen die Riffe angetrieben wurden, sah er eine Lücke in den Korallen, und mit dem Mut der Verzweiflung wandte er den Bug seines Fahrzeuges gerade der donnernden Brandung zu. Es gelang ihm auch, hinter die stürzenden Wogen zu kommen, wo die „Boreas“ natürlich festrannte und ihre Masten bei dem ersten Stoß, den sie erhielt, über Bord warf.

Das Schiff war gescheitert, aber es konnte von den anstürmenden Brandungswellen nicht mehr erreicht werden, denn die Korallen, hinter deren äußerster Mauer das verunglückte Fahrzeug lag, schlossen die hochgehende See vollständig von diesem Binnenwasser ab. Draußen mochte es wehen, wie es wollte, hier drinnen konnte es die Flut höchstens kräuseln, aber nie zu einer Woge anschwellen, und da ihnen genug Raum blieb, um ihr Boot auszusetzen, so durften siesicher damit rechnen, eine der Inseln des ostindischen Archipels mit leichter Mühe und ohne besondere weitere Gefahr zu erreichen

Das Betragen des Kapitäns an Bord hatte aber wohl genügt, um eine feindselige Stimmung gegen ihn wachzurufen. Allerdings hielt die gewohnte Unterordnung die Leute zurück, etwas gegen ihn zu unternehmen, denn er war ihr Kapitän, dem sie Gehorsam schuldeten – aber sie ließen sich auch nicht mehr alles von ihm gefallen.

Einer von ihnen, der Deutsche Hans, hatte gerade als der Sturm ausbrach, und nicht einmal eines Vergehens wegen, gepeitscht werden sollen. Der Untergang des Schiffes rettete ihn vor der Strafe, und Kapitän Oilytt wollte ihn jetzt, um wenigstens eine Rache zu haben, allein auf dem Wrack zurücklassen, obgleich sein Erster Steuermann sich dagegen aussprach.

Die Matrosen hatten jedoch die Tyrannei satt bekommen und erklärten jetzt, dass der Kontrakt mit der „Boreas“ durch deren Scheitern gelöst sei und sie ein Recht hätten, sich zu retten, wie sie es am passendsten hielten. Drei von ihnen, ein Engländer Bill und zwei Franzosen, Jean und Francois, nahmen deshalb, da der Kapitän für sich die Barkasse in See gelassen hatte, die kleine Jolle in Beschlag. Der Kapitän war wütend darüber, aber er hatte die Macht verloren, und als er mit seinem Fahrzeug außer Sicht war, fuhr die Jolle mit dem Rest der Mannschaft hinterher.

Das erste Boot verfolgte nun so rasch wie möglich seinen Weg. Der Sturm hatte mit Tagesanbruch – oder eigentlich gleich danach, als er das Schiff in die Klippen getrieben hatte – nachgelassen, und die Brise wehte gerade frisch genug von Osten herüber, um das Barkassensegel voll zu fassen und zu füllen.

Im Boot befanden sich neun Personen: Kapitän Oilytt, sein Erster Steuermann Mr Black, der Zweite namens Owens, der Steward vom Schiff, der Koch, ein Neger, den die Mannschaft kurzweg „Doktor“ nannte, der Zimmermann und drei englische Matrosen, Jack, Bob und Jim. Der Erste Steuermann oder Maat, wie er auf den englischen Schiffen heißt, saß am Ruder, der Zweite achtete auf das Segel, und der Kapitän hatte sich auf einer mitgenommenen Matratze ein Lager gemacht, blickte mürrisch mit zusammengezogenen Brauen vor sich nieder und sprach dabei mehr als nötig einer Flasche Brandy zu, die neben ihm eingeklemmt zwischen der Bootswand und der Matratze stak, um ein Umfallen zu verhindern.

Mr Black hatte volle Arbeit, um das Boot zu steuern, denn sie befanden sich hier noch lange nicht im eigentlichen Fahrwasser der Torresstraße, sondern in einem der abzweigenden Kanäle, wo überall Korallen emporstarrten und oft nur ganz schmale Passagen ließen, durch welche die Barkasse kaum hindurch konnte. Dabei hinderte den Steuermann das breite Segel. An Kurshalten war hier gar nicht zu denken, er musste nur immer den im Weg aufsteigenden, sichtbaren Hindernissen ausweichen, und Bob, einer der Matrosen, wurde deshalb in den Vorderteil des Bootes beordert, um dem Steuermann jede neue Gefahr gleich melden zu können.

Und trotzdem war es manchmal nicht möglich, alle Gefahren zu meiden; zweimal fuhren sie fest, und das zweite Mal so heftig zwischen ein paar Korallenzweige hinein, dass sie fast eine Stunde Zeit brauchten, um sich wieder vollständig frei und flott zu arbeiten.

Der Kapitän kümmerte sich aber um das alles nicht. Wie er die wahrscheinliche Schuld trug, dass er durch sein übermäßiges Trinken das ganze Schiff verloren hatte, so lag er jetzt wieder faul und verdrießlich auf der Matratze ausgestreckt und trank weiter. Um ein Boot zu führen – so meinte er –, genügte doch sicher der Steuermann; weshalb sollte er sich abquälen – er war Kapitän.

Ebenso suchte sich der Steward vor der Arbeit zu drücken, aber dem Maat lag wahrhaftig nichts daran, zwei Faulenzer an Bord und in dem engen Raum zu haben, und sobald er dies nur merkte, musste der Steward besonders heran.

Endlich kamen sie wieder los und hatten dann nur noch eine einzige schwierige Stelle zu passieren. Zwischen all den Korallen schien es nämlich, dass der Steuernde, durch das Segel in der Aussicht beschränkt, den richtigen Kanal verpasst hatte – vielleicht gab es auch gar keinen andern, und sie sahen sich plötzlich festsitzen auf einer Untiefe, die sie hier in einem schmalen Arm von dem tiefen Wasser des Binnenmeeres trennte.

Aber auch dagegen wurde Rat. Während sie alle über Bord sprangen – nur der Kapitän rührte sich nicht auf seiner Matratze – erleichterten sie nicht allein die Barkasse, sondern konnten auch an allen Seiten heben. Dadurch schoben sie den Kiel langsam über den Sand, und nach kaum einer Stunde, wobei der Steward besonders stöhnte und ächzte, bekamen sie ihr Boot zum zweiten Mal flott.

Jetzt war auch der Kapitän aufgestanden und nach vorn gegangen, um das Terrain zu übersehen, denn überall lagen kleine, oft nur aus Sand bestehende, oft mit niederem Gebüsch bedeckte Inseln rings in Sicht, und selbst der Maat überließ das Steuer für kurze Zeit dem Zweiten Steuermann, um mit seinem Vorgesetzten den Kurs zu beraten, den sie nehmen wollten.

Nach der Karte, welche sie mit sich führten, bestanden drei große Kanäle durch die Torresstraße, von denen der nördlichste der tiefste, der mittlere der sicherste, der südlichste der nächste sein sollte. Für das Boot waren nun ohne Zweifel alle drei gleich sicher, denn Wasser genug fanden sie überall. Mr Black schlug aber doch vor, den zu verfolgen, in welchem sie sich gerade befanden und den er für des mittleren hielt – seiner Berechnung nach mussten sie in eben diesen eingelaufen sein.

Kapitän Oilytt dagegen fühlte sich in dem Boot nicht behaglich. Er wünschte, so rasch wie möglich irgendeinen indischen Hafenplatz zu erreichen, denn an der australischen Küste gab es im Norden keinen mehr, seit die Engländer den einzigen dort im Besitz gehaltenen Hafen in der Bai von Carpentaria geräumt hatten. Er entschied sich also dafür, unbedingt mehr nach Süden zu halten. Dadurch bekamen sie auch etwas von der Nordküste Australiens zu sehen und waren, wie er meinte, zugleich gegen die Gefahr vollständig gesichert, wieder in die verwünschten Korallen und vielleicht gar in einen falschen Kanal hineinzugeraten, wo sie dann möglicherweise gar keinen Ausweg fanden und wieder umkehren mussten.

Mr Black schien nicht so recht damit einverstanden. Der Kanal, in dem sie jetzt segelten, schien breit und gut; Hindernisse ließen sich nirgends entdecken, und trafen sie wirklich ein solches, dann blieb ihnen ja immer noch Zeit, nach Süden abzufallen und die eigentliche Küste des australischen Kontinents anzulaufen. Außerdem hatten sie hier jedenfalls begründete Hoffnung, von einem nachsegelnden Schiff überholt zu werden. Kapitän Oilytt aber, mit dem Inhalt von etwa drei Viertelflaschen Brandy im Kopf, bestand auf seiner Meinung, und da sie gerade wieder eine dünn mit grünen Büschen bewachsene Insel vor sich sahen, erhielt der Zweite Steuermann den Befehl, mehr abzufallen und die vorausliegende Bank zur Rechten zu lassen.

Da es im Ganzen keinen großen Unterschied machen konnte, welchem Fahrwasser sie überhaupt folgten – denn alle drei mündeten in den Indischen Ozean hinaus – hatte der Maat auch nichts dagegen, und jetzt legte das Boot einen Südwestkurs an, der sie allerdings bald in einen ganz offenen und breiten Kanal hineinbrachte und ihrer weiteren Reise nicht mehr die geringste Schwierigkeit in den Weg zu legen schien.

Ihrer Karte nach befanden sie sich hier an der äußersten Nordspitze Australiens, dem Kap York, das sie auch im Süden zu erkennen glaubten, wenigstens sah es dort aus wie ein langer Streifen Land, aber es lag wie ein Nebel darüber, und gegen Sonnenuntergang mussten sie außerdem Anker werfen oder auf einer der kleinen umher verstreuten Sandinseln landen, da sich – bei dem Blitzen der untergehenden Sonne auf dem Wasserspiegel – keine unter der Oberfläche lauernde Korallenbank mehr erkennen ließ.

Sie liefen deshalb eine der nächsten Inseln an, wo sie wenigstens mit dem dort spärlich wachsenden Gesträuch ein Feuer anzünden und heißes Wasser zu Tee oder Grog bekommen konnten. Im warmen Said schlief es sich zudem bequemer als in dem Boot, wo man nicht einmal imstande war, sich ordentlich auszustrecken.

Am nächsten Morgen, als sie erwachten, fanden sie sich übrigens hoch und trocken auf dem Sand. Sie hatten die Flut verpasst und waren sitzengeblieben. Da half denn auch nichts, als dass sie geduldig die rückkehrende Flut abwarteten, denn es wäre selbst ein schweres und vielleicht sogar unmögliches Unterfangen gewesen, nur die leere Barkasse über den Sand zu schleppen, und dazu hätte sie erst vollständig ausgeladen werden müssen.

Was kam es auch auf ein paar Stunden Verzögerung an! Lebensmittel und Wasser führten sie reichlich mit, um wenigstens zehn bis zwölf Tage auszuhalten, Wein und Brandy aber für vier Wochen, und nach den letzten Strapazen tat ihnen die kurze Ruhe ebenfalls keinen Schaden.

Mit der Flut wurden sie wieder flott und konnten nun ihren Weg fortsetzen, der sie an dem nämlichen Abend bei sehr schwacher Brise wenigstens in Sicht des ersten Festlandes brachte. Nach der Beobachtung, die Mr Black um zwölf Uhr mittags gemacht hatte, musste das Land vor ihnen Kap York, die nördlichste Spitze von Australien, sein, aber sie blieben weit genug davon ab, um nicht durch die möglicherweise umherstreifenden Schwarzen belästigt zu werden.

Von dort ab hatten sie den Golf von Caipentaria zur Linken und somit vollständig freies Wasser. Mr Black drängte aber noch einmal dazu, mehr nördlich zu halten, denn nicht mit Unrecht behauptete er, dass sie nur in jener Richtung hoffen durften, ein durch die Torresstraße segelndes Schiff zu treffen, da man fast immer die weit schwieriger zu erreichende Südpassage vermied.

Kapitän Oilytt aber wollte nicht. Ohne einen Grund anzugeben, sagte er nur, dass er es für besser hielte, wenn sie an der australischen Nordküste blieben, und da er unstreitig den Oberbefehl hatte, mussten ihm seine Steuerleute ...

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