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MYSTERY BAND 371

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Spiegel des Bösen

1. KAPITEL

Tori stand zwei Meter vom Klippenrand entfernt, beschattete sich die Augen und sah blinzelnd auf den blau funkelnden Pazifik hinaus. Das Donnern der Wellen kam von tief unten.

Sie trat einen Kieselstein in die Luft. „Wie konnte ich nur so blöd sein! Ich und meine Abkürzungen!“

Eine gute Nachricht gab es aber. Der weiße Quarzstein des Felsens war in diesem Teil von Nova Scotia fast einmalig. Nach diesem hellen Gestein war das Hotel Bright Point benannt worden. Es konnte also nicht mehr weit entfernt sein, vielleicht anderthalb bis höchstens drei Kilometer. Aber in welcher Richtung? Tori sah sich suchend um.

„Verlaufen?“, hörte sie da jemanden hinter sich fragen.

Tori schnappte nach Luft und wirbelte herum. Dicht hinter ihr stand eine Frau. „Oh … ja. Ich bin auf dem Weg nach Bright Point. Eigentlich hätte ich in der Stadt auf den Hotelbus warten sollen. Aber ich wollte lieber laufen.“

„Du wärst besser auf der Straße geblieben.“ Die Frau ging an ihr vorbei. Vollkommen entspannt blieb sie dicht am Abgrund stehen. Sie war groß, schlank und hatte die Hände lässig in die Jeanstaschen geschoben. Ihr schwarzes Haar flatterte im Wind.

„Ja, das ist mir inzwischen auch klar geworden. Aber die Straße macht einen großen Bogen Richtung Süden. Ich wollte eine Abkürzung nehmen.“

„Und warum möchtest du nach Bright Point?“

„Um mich für einen Job zu bewerben.“

„So jung und schon allein unterwegs.“ Sie hatte eine tiefe, einschmeichelnde Stimme. Tori fragte sich, ob sie eine Indianerin war. Mit diesem tiefschwarzen Haar, das in der Sonne bläulich schimmerte. Ihre Haut war makellos.

„Ach, so jung bin ich auch wieder nicht“, sagte sie betont lässig. „Außerdem habe ich meine Gründe, ich suche …“ Sie sprach nicht weiter. Fast hätte sie vor einer völlig Fremden ihre Familiengeschichte ausgeplaudert!

„Du bist also auf der Suche.“

Das klang so merkwürdig, aber die Bemerkung traf den Kern. „Ich wollte Sie nicht aufhalten“, erklärte Tori höflich. „Wenn Sie mir nur kurz sagen könnten, in welcher Richtung das Hotel liegt …“

„Das Hotel?“ Die Frau lachte und wirbelte so dicht am Abgrund auf dem Absatz herum, dass Tori erschrocken keuchte. Die Fremde zeigte direkt nach unten. „Geh da runter, dann Richtung Süden. Du bist zu weit nördlich gelaufen.“

„Komme ich denn da runter?“ Tori näherte sich vorsichtig dem Klippenrand und blickte hinunter. Schnell wich sie zurück. „Auf keinen Fall!“

Tief unter ihnen donnerten die Wellen gegen die Felsen. Selbst hier oben klang es noch bedrohlich laut. Tori hatte das Gefühl, der Felsen würde unter ihren Füßen durch die Kräfte der Wassermassen erbeben.

„Das ist keine Einbildung.“

Tori sah sie fragend an. Die Frau musterte sie intensiv. „Auf der Höhe des Meeresspiegels befinden sich Höhlen, einige davon sind sehr tief. Das Dröhnen ist die Wut der See, die im Kliff gefangen ist. Ihr Zorn erschüttert das Land. Sie waren schon immer Feinde, die beiden Elemente Wasser und Erde.“

Tori fragte sich, ob die Frau Dichterin war. Oder vielleicht ein bisschen verrückt.

Mit jedem Moment fühlte sich Tori unwohler. Sie machte einen weiteren Schritt weg vom Felsrand. „Na ja, also hier komme ich jedenfalls nicht runter!“

„Aber es gibt einen Weg. Du musst dich allerdings beeilen – die Flut kommt! Nicht weit von hier führt eine Eisentreppe nach unten.“ Die Fremde machte eine Kopfbewegung Richtung Süden. „Dort entlang.“

„Oh, super! Vielen Dank für Ihre Hilfe!“ Tori streckte ihr die Hand entgegen und ließ sie wieder sinken, als die Frau nur ausdruckslos darauf blickte.

„Also dann, tschüs.“ Tori wandte sich um, rückte den Rucksack zurecht und machte sich auf den Weg. Als sie sich noch einmal umdrehte, sah sie die Fremde nicht mehr.

Nachdem sie sich etwa zehn Minuten durch die Büsche geschlagen hatte, kam sie auf einen überwucherten Weg. Sie folgte dem Pfad, der zum Klippenrand führte, und stieß auf zwei Eisenpfähle, die in etwa einem Meter Abstand voneinander im Fels befestigt waren. An einem Pfosten hing eine Metallkette. An deren Ende baumelte ein zerbrochenes Holzschild. Was auch immer darauf gestanden hatte, es war durch die Witterung vollkommen verblasst.

Tori kniete sich zwischen die beiden Eisenpfosten und spähte hinunter. Da war sie. Eine verrostet wirkende Eisentreppe. Eigentlich war es keine Treppe, sondern eher eine Leiter, die vom Felsrand hinunterführte. Glücklicherweise lag das Ufer hier höher. Und die Wellen hatten die unteren Stufen der Leiter noch nicht erreicht. Aber die Flut stieg, und mit jedem Brecher kamen die Wassermassen näher.

Sie schnürte die Riemen des Rucksacks fester, drehte sich um und setzte behutsam den Fuß auf die erste Sprosse. Ein Stück tiefer fand sie zu beiden Seiten des Eisentritts ein Geländer, das in den glitzernden hellen Stein geschraubt war und an dem sie sich festhalten konnte.

Nachdem Tori ein wenig geklettert war, wagte sie einen Blick über die Schulter nach unten. Die Wellen reichten inzwischen schon bis auf zwei Meter an den Fels heran. Aber die Hälfte war geschafft.

Sie sollte sich beeilen! Schnell noch ein Schritt, dann noch einer und noch einer … dann brach eine Sprosse unter ihrem Gewicht zusammen! Mit klopfendem Herzen tastete Tori nach der nächsten Sprosse. Doch auch die gab nach. Tori rutschte ein Stück nach unten. Erst im letzten Moment bekam sie das Geländer wieder zu fassen. Die Einzelteile der Leiter landeten mit einem metallischen Klirren auf dem Felsboden.

Zitternd klammerte sie sich an das Geländer, einen Fuß auf der nächsten Sprosse, die zu halten schien. Den anderen Fuß wagte sie nicht aufzusetzen.

Als sie sich vom ersten Schreck erholt hatte, streckte sie vorsichtig den Fuß nach der nächsten unteren Sprosse aus. Sie hielt. Ganz langsam verlagerte Tori ihr Gewicht darauf.

Die Sprosse riss und krachte in die Tiefe. Entsetzt schrie Tori auf und hielt sich am Geländer fest.

Einen Augenblick versuchte sie sich zu sammeln. Sie wünschte, sie hätte eine Hand frei und könnte sich die Schweißperlen von der Stirn wischen. Okay. Weiter runter geht’s offensichtlich nicht. Also wieder zurück nach oben.

Tori begann zurückzuklettern, setzte vorsichtig einen Fuß nach dem anderen auf die Sprossen. Aber sie hatte keine zwei Stufen genommen, als sich plötzlich die linke Seite des Geländers lockerte. Die Schrauben, mit denen es befestigt gewesen war, waren aus dem Stein gerutscht.

Instinktiv ließ Tori die Stange los und klammerte sich an das rechte Geländer. Jetzt musste sie mit ansehen, wie sich auch dieses Eisenstück langsam aus der Halterung löste!

Wenn ich das nächste Stück Geländer erwische … Sie blickte nach oben, reckte sich so weit sie konnte …

Mit einem lauten metallischen Quietschen rutschte die Leiter unter ihr weg. Tori landete mit dem Fuß auf einem leicht herausragenden Felsstück, rutschte weiter hinunter und versuchte krampfhaft, irgendwo Halt zu finden.

Schließlich rutschte sie nicht weiter. Tori klemmte an der Steinwand, ein Fuß auf einem faustgroßen Felsvorsprung, der andere in der Luft. Es rauschte ihr in den Ohren. Schwarze Flecken tanzten vor ihren Augen.

Bitte, bitte, jetzt bloß nicht ohnmächtig werden!

Sie holte tief Luft. Nach ein paar Sekunden konnte sie wieder klar sehen. Sie blickte nach oben und sah nur glatten, steilen Fels. Nirgendwo etwas, an dem sie sich festhalten könnte.

Vorsichtig sah sie hinunter. Eine breite Wölbung im Stein, darunter nichts als Luft. Wenn sie am Felsen hinunterstieg, würde sie abrutschen. Wie weit war sie vom Boden entfernt? Keine Ahnung. Und das Krachen der Wellen wurde lauter und lauter.

Jetzt blieb ihr nur noch eins. Tori schrie um Hilfe.

2. KAPITEL

Jerome kniete zwei Stufen unter dem Absatz der breiten Vordertreppe und blickte durch das polierte Eichenholzgeländer in die Lobby hinunter. Von hier aus konnte er ein halbes Dutzend Spiegel zählen – oder auch glänzende Oberflächen, die wie Spiegel reflektierten.

Glänzendes Zeug, wo immer man hinsah. An der Wand des nächsten Treppenabsatzes über ihm hing ein ovaler Spiegel mit am Rand eingravierten Blattornamenten und Rosenblüten. Der verschnörkelte Schriftzug „Bright Point, Nova Scotias Riviera“ verdeckte fast die gesamte Innenfläche des Glases – leider nur fast.

Unter ihm wurde in dem Spiegel, der hinter dem Empfangstresen die ganze Wand einnahm, der größte Teil der Lobby widergespiegelt. Noch mehr Spiegel überall. Sie bedeckten die Tür zum Speisesaal und die Metallkonstruktion des Zwanzigerjahre-Fahrstuhls. In der Loungeecke, neben dem Kamin aus schwarzem polierten Granitstein, schmückten Glastüren die Vitrinen voller Fossilien und Muschelschalen. Auf der gegenüberliegenden Seite hing die Karte von Nova Scotia in einem Glasrahmen.

Jerome hatte zehn Minuten lang versucht, einen Weg von der Treppe zur Eingangstür zu finden, der an keinen Spiegeln vorbeiführte. Es war aussichtslos. Da konnte er nur eines tun: Er musste direkt durch die Lobby. Immer locker bleiben. Und hoffen, dass niemandem etwas auffiel.

Er richtete sich auf und schwang sich die Büchertasche über die Schulter. Dann atmete er tief durch, bevor er die restlichen Stufen nach unten nahm. Die letzten drei sprang er hinunter und verfiel dann in einen leichten Sprint. Die Frau hinter dem Empfangstresen lächelte ihm zu, als er vorbeirannte. Er grinste ihr zu und winkte. In dem großen Spiegel hinter ihr konnte er sie in ihrem blauen Blazer erkennen. Den größten Teil der Lobby ebenfalls.

Er sah fast alles, nur keinen Jerome.

Nachdem er durch die Eingangstür nach draußen gestürmt war, rannte er den grasbewachsenen Hügel zum Strand hinunter. Angie, die junge Koordinatorin des Hotels, erklärte den Handwerkern gerade, wo sie das Strandvolleyballnetz anbringen sollten. Angie war blond und gebräunt und für neunundzwanzig oder so ganz schön attraktiv.

Jerome hatte beschlossen, sich Angie anzuvertrauen. Irgendjemandem musste er es erzählen. Er wollte sich vergewissern, dass er nicht verrückt war.

Heute Morgen, an seinem zweiten Tag in Bright Point, hatte er, während er sich das Gesicht gewaschen hatte, in den Badezimmerspiegel geblickt und die geflieste Wand hinter sich gesehen – und einen Waschlappen, der mitten in der Luft schwebte. Nichts weiter. Er hatte den Lappen fallen lassen und sich überall gekniffen und abgeklopft. Ja, er war da, alles fühlte sich fest an.

Er war aus dem Bad gestürzt. Fünf Minuten später hatte er sich wieder hineingeschlichen und einen Blick in den Spiegel geworfen. Nichts hatte sich verändert. Immer noch kein Jerome zu sehen.

Da er ahnte, wie entsetzt seine Eltern reagieren würden, hatte er den Mund gehalten. Er hatte ihnen nur gesagt, er komme nicht zum Frühstück. In Wahrheit wollte er nicht im Speisesaal essen, wo überall Spiegel hingen.

Mit leerem Magen hatte er auf den Zubringerbus zur Stadt gewartet. In Mimi’s Diner hatte er ein paar getoastete Käsesandwiches gegessen und den Shuttle zurück genommen. Später hatte er dann gesagt, er wolle nicht zu Mittag essen, obwohl er kurz vorm Verhungern gewesen war. Seine Mutter hatte ihn besorgt angesehen.

So geht das nicht weiter. Früher oder später werden sie’s herausfinden.

Er rannte den Strand Richtung Norden hinunter und kickte dabei den weißen glitzernden Sand zur Seite. Die Büchertasche schlug ihm gegen den Rücken. Über ihm flogen Schwärme von kreischenden Seemöwen.

Das Joggen half. Auf die Art lockerte sich die Enge in seinem Brustkorb ein bisschen. Und das Hirn kam in Schwung. Er war zu erschüttert gewesen, um einen klaren Gedanken zu fassen. Jetzt dachte er nach. Es musste doch eine vernünftige Erklärung geben!

Wenn man nicht im Spiegel zu sehen war, was bedeutete das? Okay, er wusste, dass er lebte und nicht unsichtbar war. Die Leute sahen ihn und redeten mit ihm. Er war kein Geist.

Er sprang über einen Haufen getrocknetes Seegras und rannte weiter. Die Flut stieg an, zu seiner Rechten klatschten die Wellen ans Ufer.

Kein Geist also. Aber was dann? Vampire sah man nicht im Spiegel, oder? Doch irgendwie wollte er das ganze Zeug über Vampire nicht glauben. Was blieben noch für Möglichkeiten? Vielleicht ging von ihm eine lichtbrechende Strahlung aus, so wie bei dem Schutzmantel um Raumschiff Enterprise. Er sollte zu einem Arzt gehen. Aber selbst wenn es so wäre, warum passierte das? Und warum gerade ihm? Außerdem …

In diesem Moment hörte er einen Schrei. Jerome blieb so abrupt stehen, dass der Sand unter seinen Füßen in alle Richtungen spritzte. Da ertönte der Schrei wieder. Jemand rief um Hilfe. Es war nicht weit entfernt, aber über den Krach der Wassermassen, die gegen die Küste schlugen, kaum zu hören.

„Hilfe!“

Vielleicht ertrank jemand? Er hoffte, nicht. Er war nicht gerade der beste Schwimmer. Jerome rannte los.

„Was machst du denn da oben?“

Tori unterdrückte den nächsten Schrei. Sie sah nach unten. Da stand ein Junge und blickte zu ihr hoch. Etwa einen Meter hinter ihm klatschten die Wellen ans Ufer. Weiße Gischt schäumte dicht an seinen Füßen.

Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Bergsteigen?“

„Nein! Die Leiter ist weg!“

Er betrachtete die Felsen außerhalb ihres Sichtfelds. „Himmel noch mal!“

Tori versuchte, Ruhe zu bewahren. Ihr linker Fuß, den sie gegen den Felsvorsprung presste, war inzwischen eingeschlafen. In Armen und Fingern bahnten sich Krämpfe an. „Ich kann mich nicht mehr länger halten!“

Der Junge sah rechts und links den Strand entlang, als würde er auf eine Inspiration hoffen. „Ich hole Hilfe!“, rief er. Dann ließ er seine Tasche fallen und rannte wie der Blitz los.

Tori wartete. Die Krämpfe setzten ein. Ihr Hemd klebte vor Schweiß und Staub. Sie wagte nicht, sich zu kratzen. Kleine Fliegen umschwirrten sie und krabbelten ihr übers Gesicht. Doch sie traute sich nicht, sich zu rühren und sie abzuschütteln.

Oh bitte. Bitte.

Ihre Schultern und der Rücken schmerzten. Das linke Bein fing an, unkontrolliert zu zittern.

Ich werde runterfallen. Ich lande unten auf den Felsen – wie die rostigen Teile der Leiter.

Die Wellen kamen immer näher. Endlose Minuten vergingen. Es kam ihr vor wie Stunden. Später erfuhr sie, dass es zehn Minuten gedauert hatte, bis der Junge zurückgekommen war. Er schleppte eine schwere Aluminiumleiter auf den Schultern, den Kopf zwischen zwei Sprossen.

Tori zitterte am ganzen Körper. „Beeil dich!“

Unter ihr klapperte Metall; sie hörte es quietschen und rattern, bis sie das obere Ende der Leiter neben sich an die Felswand gelehnt sah.

„Okay!“, rief der Junge. „Alles fertig!“

Tori starrte staunend darauf. Eine Ausziehleiter, die perfekte Lösung! Wo er die nur aufgetrieben hatte? Die oberste Sprosse reichte bis kurz über ihren Kopf.

„Ich kann nicht zu dir hochklettern!“, brüllte der Junge gegen das Rauschen der Brandung an. „Ich muss die Leiter festhalten! Beeil dich, die Flut kommt!“

Die Flut. Okay. Tori löste vorsichtig eine Hand, streckte sie langsam aus und umklammerte die Außenschiene der Leiter mit schmerzenden Fingern. Mit dem frei hängenden Fuß tastete sie nach der nächstliegenden Sprosse. Ihr ganzer Körper schien aufzustöhnen, als sie schließlich das Gewicht von dem Felsvorsprung auf die Leiter verlagerte.

„Das macht du großartig!“, kam prompt die Aufmunterung von unten. „Beeil dich!“

Ihr linker Fuß war vollkommen gefühllos. Beim Runterklettern konnte sie nur den rechten Fuß belasten, sich auf das linke Knie stützen und sich dabei an die Seitenläufe klammern. So nahm sie mühsam Sprosse für Sprosse. Schließlich erreichte sie festen Boden. Ihr gaben die Knie nach, und sie sank auf den nassen, mit Seegras bedeckten Küstenfelsen.

„Auf, auf!“ Der Junge zerrte sie am Arm hoch.

Sie taumelte auf die Füße und blieb zitternd neben ihm stehen, während die Wellen immer höher schlugen. Inzwischen hatte der Junge die Leiter wieder eingeholt und mit der Büchertasche geschultert. „Los, lauf den Hügel hoch!“

Tori tat, wie ihr geheißen, obwohl sie das Gefühl hatte, jeden Moment zusammenzubrechen.

„Ja, das reicht!“, rief der Junge nach einer Weile zu Toris Erleichterung. „Hier sind wir über dem Wasserspiegel. Wir können uns erst mal ausruhen.“ Er stellte die Leiter auf dem sandigen Boden ab und hielt sie fest, während er seine Tasche abschüttelte.

„Hier“ war ein Stück eines sonnengewärmten Felsens, der aus dem weißen Sandstrand herausragte. Erschöpft setzte Tori sich und streckte die schmerzenden Beine aus.

Der Junge stand neben ihr und musterte sie neugierig. Er war groß und schlaksig, hatte hellbraunes Haar und intelligent blickende graue Augen.

„Ich hätte mir sonst was brechen können!“ Tori sprang auf und fiel ihm stürmisch um den Hals. „Danke, vielen Dank!“ Dann ließ sie ihn los und sank erneut auf den Felsen. „Ich heiße übrigens Tori.“ Als er sie nur verwundert ansah, fügte sie hinzu: „Tori mit i – Kurzform für Victoria. Tori Harper.“

„Ach so. Ich heiße Jerome. Äh, Pascal. Wohnst du in dem Hotel? Ich bin sicher, dass du nicht hier aus der Gegend bist, sonst wüsstest du, dass man die Leiter nicht benutzen soll. Die ist gefährlich. Deshalb wurden auch Warnschilder angebracht.“

„Da oben hing ein Schild, man kann aber nichts mehr darauf erkennen. Und außerdem hat mir jemand gesagt …“ Sie beschrieb ihre Begegnung mit der sonderbaren Frau auf der Klippe.

„Vielleicht war sie auch nicht von hier.“

„Das glaube ich nicht. Sie sah eher wie eine Mi’kmaq aus. Wahrscheinlich konnte sie nicht wissen …“ Tori überlegte, ob die Fremde vielleicht tatsächlich gewusst hatte, dass die Treppe einsturzgefährdet war. Sie tat den Gedanken ab. Warum hätte die Frau ein Interesse daran haben sollen, so etwas tun?

Jerome sah sie prüfend an. „Kannst du laufen?“

„Klar!“

Er schulterte die Leiter wieder, um den Marsch fortzusetzen. Tori bückte sich nach seiner Büchertasche, die noch im Sand lag. „Ich fürchte, die Tasche ist nass geworden.“

„Macht nichts.“

„Das war echt cool, mit dieser Leiter anzukommen. Wo hast du die denn aufgetrieben?“

„Du kannst von Glück reden, sie reparieren gerade einen Schornstein im Haupthaus. Die Leiter stand direkt davor.“ Er sah sie kurz von der Seite an. „Ich nehme an, du willst erst mal in dein Zimmer und dich waschen und so? Äh, ich dachte, vielleicht könnten wir später …“

„Waschen?“ Tori blieb ruckartig stehen und betastete ihr Gesicht. Es fühlte sich sandig an. Dann sah sie an sich hinunter. Ihre Jacke war mit Rostflecken übersät. An der Jeans klebte nasser Sand. „Oh nein!“, rief sie. „Ich kann mich unmöglich so bewerben!“

„Du willst dich für einen Job bewerben?“

„Ja. Ich habe um halb zwei einen Vorstellungstermin.“

Er warf einen Blick auf seine Uhr. „Dann solltest du dich beeilen. Du hast noch zehn Minuten.“

„Aber so kann ich doch niemandem unter die Augen treten!“ Sie zupfte an ihrem schmutzigen Jackett.

„Keine Panik! Ich zeig dir den Hintereingang. Es gibt eine öffentliche Toilette im Erdgeschoss. Hast du noch Kleidung zum Wechseln in deinem Rucksack?“

„Also, Miss …“ Die Geschäftsführerin, deren Namensschild am Revers sie als Mrs. K. Andrews auswies, warf einen Blick auf Toris Unterlagen. „… Harper. Sie scheinen ja über einige sehr nützliche Fähigkeiten zu verfügen.“

Tori war außer Atem im Büro der Managerin eingetroffen. Mrs. Andrews hatte ihr einen tadelnden Blick zugeworfen. „Fünf Minuten zu spät. Nicht gerade ein guter Einstieg!“

Tori war überrascht, dass sie überhaupt noch willens war, sich mit ihr zu unterhalten.

An der hinteren Wand saß ein riesiger bulliger Typ mit sonnengebleichtem Haar, der sie schweigend von seinem Stuhl aus beobachtete. Jetzt meldete er sich zu Wort. „Du kannst also einen fahrbaren Rasenmäher bedienen. Wo willst du das denn gelernt haben?“, fragte er unfreundlich.

Tori holte tief Luft, um das Herzklopfen zu bekämpfen. „Mein … Also, mein Onkel Harvey, Harvey Karges … Er hat eine Firma für Landschaftsgestaltung. Da helfe ich immer aus. Er hat mir alles beigebracht. Wie man Büsche versetzt, Bäume beschneidet und so was alles.“

„Karges? In Yarmouth? Ich habe von ihm gehört.“ Er nickte anerkennend. „Macht gute Arbeit.“ Er beugte sich vor, die Arme auf die Oberschenkel gestützt, und musterte sie eingehend. „Zu dumm, dass du so ein winziges Ding bist. In diesem Job gibt es eine Menge harte Arbeit zu erledigen.“

Tori verließ der Mut. „Ich bin kräftiger, als ich aussehe!“

Der Mann lehnte sich wieder zurück und schüttelte den Kopf. Das muss wohl der Gärtner sein, dachte Tori. Der hat mich schon längst abgeschrieben.

„Also, Mark“, sagte die Managerin. „Eigentlich finde ich, dass sie sehr fit aussieht.“ Tori schöpfte wieder Hoffnung, die mit der nächsten Bemerkung allerdings sofort zunichtegemacht wurde. „Die Unpünktlichkeit stört mich mehr.“ Wieder ein strenger Blick. „Der Job als Gartenhilfe wurde ausgeschrieben, weil der Junge, den wir angestellt hatten, einfach verschwunden ist. Ohne sich abzumelden, kein Wort zu irgendjemandem. Ich kann garantieren, dass er hier in Bright Point nie wieder einen Job bekommen wird!“

Und das klingt, als wären meine Chancen hier auch gleich null, dachte Tori niedergeschlagen.

„Wenn man in einem Hotel arbeitet, sind Zuverlässigkeit, Höflichkeit und Pünktlichkeit sehr wichtig, egal was passiert.“

„Natürlich!“ Tory fragte sich, warum die beiden sich überhaupt noch mit ihr beschäftigten. Der Job war ja wohl für sie gelaufen. „Normalerweise bin ich auch nicht unpünktlich. Der Bus von Yarmouth in die Stadt geht ziemlich früh, und ich wollte nicht so lange auf den Shuttle vom Hotel warten. Deshalb habe ich beschlossen zu laufen. Ich bin dann von der Straße runter und querfeldein marschiert, um eine Abkürzung zu nehmen. Es hat länger gedauert als erwartet, drei Stunden!“

Der Gärtner beugte sich erneut vor. „Du hast den Weg in drei Stunden geschafft?“, fragte er erstaunt.

„Die Strecke war heftig“, verteidigte Tori sich.

„Das ist eine der rauesten Gegenden hier in der Region! Ich bin beeindruckt.“ Aber er sah immer noch skeptisch aus. „Für jemanden, der so eine Tour in drei Stunden zurückgelegt hat, siehst du immer noch ziemlich adrett aus.“

Sie blickte auf ihre saubere weiße Bluse und ihre beste Jeans, es war die mit den gold umfassten Hosentaschen. Der denkt, ich lüge. Sie zog den Reißverschluss ihres Rucksacks auf und zerrte das erste Stück vor, das ihr in die Finger kam: ihr Jackett. Sie hielt es am Kragen hoch. Schwarze Erdkrumen, Roststaub und nasse Blätter rieselten auf den Teppich.

„Ich habe mich schnell gewaschen und umgezogen, bevor ich hergekommen bin.“ Sie stopfte die Jacke zurück in den Rucksack. „Deshalb habe ich mich verspätet.“

„Also …“, begann die Geschäftsführerin, Mark lachte schallend.

Tori stand auf und warf sich den Rucksack über die Schulter. „Dann werde ich Sie mal nicht länger aufhalten.“

Mark hörte auf zu lachen. „Wo willst du denn hin?“

„Nach Hause.“

„Nein, bleib hier. Ich möchte dich anheuern.“

„Sie meinen … Sie meinen …“

„Genau. Du bist eingestellt. Gehen wir.“ Er stand auf, und nun sah Tori, wie groß er tatsächlich war.

„Mark, Moment mal!“ Mrs. Andrews tippte etwas in ihren Computer. „Du weißt, wir haben unsere Vorschriften … Ich muss erst die Formalitäten erledigen.“

„Okay, dann in einer halben Stunde“, sagte er über die Schulter hinweg, während er schon auf dem Weg zur Tür war. „Wenn du mit dem bürokratischen Kram fertig bist, schick sie mir in den Schuppen. Es gibt viel zu tun.“

Mrs. Andrews bat Tori, sich wieder zu setzen. „Mr. McCrum kann ein bisschen ruppig sein“, sagte sie fast liebevoll. „Aber er ist gut in seinem Job.“ Sie lächelte Tori zu und sah einen Moment richtig hübsch aus. „Wenn er der Meinung ist, dass Sie für diese Arbeit geeignet sind, dann soll mir das recht sein.“

„Da bin ich ja froh.“ Tori tastete nach dem kleinen ovalen Anhänger, der sich unter ihrer Bluse befand. Der erinnerte sie wieder an ihr Vorhaben. Das ist deine Gelegenheit. Frag sie! „Ich wollte mir schon immer mal Bright Point ansehen, weil mein Vater hier gearbeitet hat. Ken Harper.“

„Ken Harper?“ Mrs. Andrews konzentrierte sich auf ihren Bildschirm. „Den Namen kenne ich nicht. Wann war das denn?“

„Vor elf Jahren. Er hat naturwissenschaftliche Vorträge gehalten, glaube ich.“

Die Geschäftsführerin schüttelte den Kopf. „Das war vor meiner Zeit.“ Sie tippte weiter auf ihre Tastatur, und kurz darauf brummte der Drucker. Dann blickte sie auf. „Elf Jahre? War das nicht der Sommer mit dem großen Hurrikan?“

„Das stimmt. Mein Vater … Danach war er verschwunden.“

„Oje! Was ist mit ihm passiert?“

„Das weiß keiner. Ich war damals erst fünf. Deshalb würde ich gern herausfinden, ob sich irgendjemand hier an ihn erinnert.“

Mrs. Andrews rückte den Stapel Papiere auf ihrem Schreibtisch gerade. „Du weißt doch sicher, dass das Hotel nach dem Unwetter jahrelang geschlossen war? Wir haben erst in diesem Frühjahr wiedereröffnet. Es sind andere Besitzer, und viele von der Belegschaft sind neu. Wie auch immer, ich will sehen, was ich herausfinden kann. Er müsste ja noch in den Akten zu finden sein.“

„Oh, vielen Dank! Sie wissen ja gar nicht, wie viel mir das bedeutet!“

„Na ja, jetzt füll aber erst mal diese Formulare hier aus …“

Eine halbe Stunde später waren die Formalitäten erledigt und Tori über alles Notwendige informiert. Sie bekam eine Karte der Hotelanlage, die sie sich einprägen sollte. Das Areal war groß. Eine Reihe von Strandhäusern und Unterkünfte für die Angestellten gehörten neben dem Haupthaus ebenfalls dazu. Dann gab es noch ein Bootshaus, eine Lagune mit einer Insel hinter dem Hauptgebäude, ein Wellnessbad und einen Meerwasserpool. Außerdem gehörten ein Kinderspielplatz dazu, Tennisplätze, ein kleiner Golfplatz und drei Kilometer weißer Sandstrand.

Ihr wurde der Zeitplan von Ebbe und Flut für Juli ausgehändigt. „Da du aus Yarmouth kommst, muss man dir die Gezeiten wohl nicht erklären“, sagte Mrs. Andrews. „Aber viele unserer Gäste haben keine Vorstellung davon, wie gefährlich das ist. Sie gehen los, um Muscheln zu sammeln, dann stecken sie plötzlich auf irgendeinem Felsen fest, wenn die Flut kommt. Halte also deine Augen und Ohren offen.“

Trotz der Karte brauchte Tori fünfzehn Minuten, um den Geräteschuppen und das Lager des Gärtners zu finden. Die verwitterten Dachschindeln und die braun und grau marmorierten Steinwände wirkten wie eine Tarnung inmitten der Bäume auf dem Hügel nahe der nördlichen Grenze der Hotelanlage.

„Mr. McCrum?“ Er antwortete nicht, als Tori an die Tür klopfte, die aus zwei großen Holzflügeln bestand. Sie schob die Flügel weit auseinander und trat ein, ohne die Tür hinter sich zu schließen. Drinnen war es dunkel, und sie fand keinen Lichtschalter.

Es roch nach Düngemittel und Motoröl. Säcke voller Gartenutensilien waren auf dem Fußboden gestapelt und reichten fast bis zu der unverputzten Decke hoch. In der Mitte standen Grasmäher und andere Maschinen ordentlich in Reih und Glied. Kleineres Werkzeug befand sich übersichtlich verteilt auf Holzregalen an den Wänden.

Der Schuppen hier scheint älter zu sein als das Hotel, dachte Tori. Die Steinwände waren nackt. Eine splitterige Holzleiter führte zu einem Boden hoch, auf dem jede Menge Kisten lagerten. Die wenigen Fenster des Raums, deren Scheiben dreckig und teilweise gesprungen waren, hatte man geschlossen. „Mr. McCrum?“

Aus der hinteren rechten Ecke des Raumes hörte sie etwas. Es klang wie ein gedämpftes, rhythmisches Wummern, fast wie ein Herzschlag.

Tori ging um die mannshoch aufgetürmten Düngersäcke herum und entdeckte dahinter einen Kamin an der Wand. In der Ecke daneben befand sich eine Wendeltreppe, die nach unten führte. Das Geräusch kam von dort.

Vorsichtig lugte Tori nach unten. Aber einen Meter entfernt lagen die Stufen in der Finsternis. „Mr. McCrum?“ Keine Antwort.

Sie blieb unschlüssig dort stehen. Dieser merkwürdige Ort faszinierte sie irgendwie. Von der Treppe her kam ein Geruch von verrottendem Seegras, totem Fisch und feuchtem Holz. Das Geräusch war hier lauter. Und wieder spürte sie dieses rhythmische Schlagen. Fast glaubte sie dieses Vibrieren erneut zu spüren. Wie auf der Klippe, wo ihr die Mi’kmaq-Frau begegnet war. Die See, gefangen im Kliff.

Neugierig tastete Tori sich die ersten Stufen hinunter. Sie waren schmal und schon ausgetreten. Ein Geländer gab es nicht. Tori stützte eine Handfläche gegen die Wand und fühlte, wie der Stein bebte. Das Geräusch war überall um sie herum. Wumm … wumm … Sie kam sich vor, als würde sie im Innern einer riesigen Trommel stehen. Zögernd ging sie noch eine Stufe weiter nach unten.

Schwere Schritte ertönten plötzlich auf dem Steinfußboden über ihr. Ah, endlich. Sie drehte sich um und stieg wieder hoch. Dann hörte sie die Schritte nicht mehr. Tori hob den Kopf und sah zu dem riesigen Schatten hoch, der sich über die Treppe beugte. Es war Mark McClum. Sein Gesichtsausdruck erschreckte sie.

Er atmete scharf ein, dann trat er einen Schritt zurück. „Was hast du denn da unten zu suchen?“

Tori kletterte nach oben. „Ich habe nach Ihnen gesucht. Dann habe ich etwas gehört und gedacht …“

„Und nichts!“, fuhr er sie an. „Geh da nie wieder runter! Hast du verstanden?“

„Ich habe nichts angefasst!“ Sie fürchtete, etwas zu neugierig gewesen zu sein, aber es gefiel ihr nicht, wenn man sie so anschrie.

Wie auch immer, er schien sich jedenfalls schnell wieder gefangen zu haben. Die nächste halbe Stunde erklärte ihr Mr. McCrum – nein, sag nicht Mister zu mir, nenn mich Mark! –, wozu die Materialien und Geräte benutzt wurden. Zu ihren Pflichten, so erklärte er, gehöre mehr als Rasenmähen, Unkraut jäten und Bäume beschneiden. Von ihr würde erwartet, dass sie überall aushalf und den anderen Mitgliedern aus dem Mitarbeiterstab zur Hand ging, wenn Hilfe benötigt wurde. „Vor allem Angie Gale, die braucht immer jemanden. Kannst du gut mit Kindern umgehen?“

„Klar, ich mag Kinder“, erwiderte sie gut gelaunt. Und dabei dachte sie: Je mehr Leute ich kennenlerne, desto größer sind meine Chancen, etwas über meinen Vater herauszufinden.

3. KAPITEL

Als die Sonne unterging, war Tori zum Umfallen müde. Nachdem sie den Rasen vom Golfplatz gemäht hatte, hatte sie das Planschbecken der Kinder gereinigt, die Tennisplätze gefegt, einen Drachen gerettet, der im Baum gefangen war, Mark geholfen, ein paar zerbrochene Pflastersteine zu erneuern, und in den unzähligen Blumenbeeten Unkraut gejätet. Es war überhaupt keine Zeit geblieben, irgendjemanden nach ihrem Vater zu fragen.

Jetzt, während sie am Strand vor dem Lagerfeuer kniete und einem Haufen aufgeregter Kindern Marshmallows an langen Stöcken reichte, musste sie ständig ein Gähnen unterdrücken.

„Ich auch, bitte!“ Jerome Pascal ließ sich auf einen Baumstamm neben ihr fallen und warf seine Büchertasche in den Sand.

Tori hielt ihm die Tüte mit den Marshmallows hin. „Bist du nicht ein bisschen zu alt für verkohlten Zucker und Gutenachtgeschichten?“

„Niemals!“ Er spießte den Marshmallow auf einen Stock und hielt ihn über die rot glühenden Kohlen am Rand des Lagerfeuers. „Der Trick ist, sie nicht in die Flammen zu halten“, sagte er ernst zu einem kleinen Jungen, der auf der anderen Seite neben Tori kniete. „Man will ja schließlich keinen schwarzen Klumpen haben, sondern einen leckeren knusprig braunen Würfel.“ Zu Tori sagte er: „So, du hast den Job also bekommen. Ätzend! Wenn du kreischende Kinder magst.“

Sie lachte. „Das hier ist ja nicht mein Job. Ich bin die Assistentin vom Gärtner. Ich helfe bei Angie nur aus.“

„Nett von dir. Ich persönlich … ups!“ Sein Marshmallow ging in Flammen auf. Er pustete hektisch, um das Feuer zu löschen. Der kleine Junge kicherte. Jeromes knuspriger brauner Würfel hatte sich in einen schwarzen Klumpen verwandelt. Er zog das Ding vom Stock und steckte es sich in den Mund. „Das habe ich mit Absicht gemacht“, murmelte er.

„Wo warst du denn den ganzen Nachmittag?“

„Ach …“ Jerome zuckte die Schultern. „In meinem Zimmer, an meinem Laptop. Habe ein paar Recherchen durchgeführt.“ Er wandte das Gesicht ab.

„Trägst du das in deiner Tasche herum? Einen Laptop? Gehörst du zu diesen Internetjunkies?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ein Freund von mir war mal so drauf. Wir mussten heftige Maßnahmen ergreifen.“

„Kann ich noch ein Marshmallow haben, bitte? Nein, da ist kein Laptop drin, sondern ein Buch.“ Er zog es aus der Tasche und hielt es hoch. Tori betrachtete das Cover mit zusammengekniffenen Augen.

Biochemie. Gesetze und Anwendungen. Das ist ja nicht zu fassen! Du hast ein Schulbuch in die Ferien mitgenommen?“

„Mein Dad ist ein Verfechter der Ferienarbeit.“ Er schob das Buch in die Tasche zurück. „Ich müsste jeden Tag ein bisschen davon in meine Birne bekommen.“

„Na ja, ich nehme an, das Lernen fällt dir hier nicht allzu leicht.“ Sie reichte ihm ein weiteres Marshmallow. „Es gibt einen Spielsalon im Hauptgebäude. Und heute wäre gutes Wetter fürs Surfen gewesen, falls du dich eine Stunde von deiner Biochemie hättest losreißen können, meine ich. Und dann gibt es da noch …“

„Shuffleboard!“ Jerome zeigte stolz sein getoasteten Marshmallow. „Hey, das weiß ich doch alles. Wir sind nämlich alte Hasen. Bis zu dem Sommer mit dem Hurrikan sind wir jedes Jahr für eine Woche hier gewesen. Als das Hotel wiedereröffnet wurde, haben meine Eltern sofort gebucht.“

„Der Sommer, in dem der Sturm war.“ Tori drehte sich der Magen um. „Wie alt warst du denn damals? Kannst du dich noch daran erinnern?“

„Ich war sechs, und ich erinnere mich nur noch, dass es hohe Wellen gab. Sobald die Nachricht kam, dass der Hurrikan auf dem Weg hierher ist, sind wir nach Montreal zurück. Wir haben dann erfahren, dass Bright Point völlig zerstört wurde.“

„Sagt dir der Name Ken Harper was?“ Tori tippte den kleinen Jungen neben ihr an und deutete auf dessen Stock mit dem Marshmallow. „Ich glaube, der ist jetzt fertig.“

„Ist der mit dir verwandt?“, erkundigte sich Jerome.

„Er ist mein Dad. In dem Jahr ist er verschwunden. Ich war damals fünf.“

„Oh. Das tut mir leid.“

„Ich denke, er hat hier gearbeitet. Er hat Vorträge über die lokale Flora und Geologie und was sonst noch gehalten.“

„Vielleicht können sich meine Eltern daran erinnern. Ich werde sie mal fragen.“

„Oh, würdest du das tun? Tausend Dank!“

„Hey, keine große Sache!“ Er lachte und hielt seinen Marshmallow-Spieß über das Feuer.

„Für mich ist es schon eine große Sache. Obwohl meine Mutter ein Jahr später an Krebs gestorben ist, kann ich mich an meinen Vater sogar noch besser erinnern. Ich sehe ihn immer noch vor mir, aber … aber alle anderen scheinen ihn vergessen zu haben.“

„Wow. Dann bist du also Vollwaise, das ist hart!“ Er riss die Augen auf. „Also, hör mal. Ich habe zwei Elternteile. Das ist mehr, als einer allein braucht, wirklich. Von mir aus leihe ich dir einen davon.“ Er breitete generös die Arme aus. „Such dir einen aus!“

„Na ja. Ich bin sicher, dass deine Mutter und dein Vater das sehr zu schätzen wüssten! Aber das ist wirklich nicht notwendig. Ich bin bei meiner Tante Margo und meinem Onkel Harvey aufgewachsen. Die beiden sind super.“

„Okay. Aber wenn du irgendwann mal …“ Sein zweites Marshmallow ging in Flammen auf. Er sprang auf und tänzelte wild herum, wedelte mit dem Spieß und verzog theatralisch das Gesicht. Tori und die Kinder konnten sich vor lachen kaum halten.

„Das ist eine Vorführung!“ Tori rang nach Atem. „Verschluckst du auch Schwerter?“

„Nein, leider nicht, aber … ich könnte es vielleicht lernen! Dann würde ich als Straßenkünstler mein Geld verdienen.“ Er klang fast sehnsüchtig.

Angie berührte Tori grinsend am Arm. „Ich übernehme von jetzt an. Du warst eine große Hilfe!“

Tori stand auf. Es wurde langsam dunkel, und ein paar von den kleineren Kindern rieben sich schon die Augen. „Bist du sicher?“

„Ganz sicher. Eine Geschichte oder zwei noch, dann kommen sie wieder zu ihren Eltern und gehen ins Bett. Mark wird sich um die Feuerstelle kümmern.“

Tori machte sich mit Jerome zusammen auf den Weg zum Hotel. Angies Stimme drang immer noch bis zu ihnen. Tori blieb kurz stehen und lauschte.

„Zeit für eine Geschichte! Wer möchte etwas über die Schmuggler hören? Gestern Abend habe ich euch vom Geheimnis des versteckten Tunnels erzählt. Heute erfahrt ihr, wie dieser Tunnel entstanden ist. Ihr müsst wissen, lange bevor Bright Point gebaut wurde – also das war vor hundert Jahren ungefähr –, da stand hier auch schon ein Hotel. Es sah ganz anders aus, klein und schlicht, und man nannte es Sea Witch, die Meerhexe. Nun, das Gasthaus war sehr schlicht, aber der Besitzer hatte viel Geld, denn er war ein Schmuggler. Wer weiß denn, was ein Schmuggler ist?“

Die Kinder riefen durcheinander.

Tori drehte sich wieder um und lächelte. „Geheimtunnel! Schmuggler! Alles Lügengeschichten, könnte ich wetten.“

„Nicht ganz. Das alte Gasthaus hat es wirklich gegeben – ich habe das recherchiert. Und Schmuggler waren hier an der Küste garantiert beschäftigt. Geheimtunnel? Keine Ahnung, aber die haben bestimmt die Meereshöhlen benutzt.“

„Meereshöhlen! Die würde ich unheimlich gern mal besichtigen. In meinem Reiseführer steht, dass es eine wunderschöne Höhle namens Jewelbox, Schmuckkästchen, gibt, deren Wände aus Gold bestehen, woher sie auch ihren Namen hat.“

Jerome lachte. „Für die, die’s glauben wollen, ja. Alles, was es da an Gold gab, wurde schon vor langer Zeit abgegraben.“ Er stieß sie am Ellbogen an. „Hey, wenn du in die Höhlen gehst, musst du aufpassen, dass die Meerhexe dich nicht in zwei Stücke zerbeißt!“

„Wie bitte?“

„Es ist einer der inneren Eingänge. Der heißt Hexenlippe, Witch’s Lip.“

„Cool! Hast du das alles schon gesehen?“

„Nein, leider nicht. Die Höhlen sind meist gesperrt.“

„Warum das?“

„Weil sie während der Flut komplett unter Wasser stehen. Da sind auch schon Leute ertrunken.“

„Oje. Ist wohl doch nicht so cool.“

Sie gingen in einvernehmlichem Schweigen weiter. Plötzlich war die Müdigkeit vollkommen von Tori abgefallen. Das lag an Jerome, stellte sie fest. Sie begann ihn gerade erst kennenzulernen, und trotzdem hatte sie das Gefühl, als wären sie schon immer die besten Freunde gewesen.

Die Gezeiten wechselten gerade, aber das Meeresrauschen hörte sich noch verträumt und weit entfernt an. Am nördlichen Ende des Strands stand das Hotel majestätisch und hell erleuchtet. Es schien unendlich weit entfernt zu sein, als wäre es Teil einer anderen Welt. Hier draußen, am dunkelsten Abschnitt des Küstenstreifens, trugen die Wellen ein geisterhaft blau-weißes Band auf den Sand zu ihrer Rechten.

„Sieh mal! Heute Abend kann man das Meeresleuchten richtig gut sehen!“

„Echt cool. Phosphoreszenz“, sagte er und hob den Kopf. „Wow! Sieh dir mal den Himmel an! Der ist total hell! Bis auf diesen komischen Wolkenstreifen.“

Tori blickte ebenfalls nach oben und hielt die Luft an. Der Sommerhimmel mit den vielen Sternen beeindruckte sie immer wieder von Neuem. Dann lachte sie. „Dieser komische Wolkenstreifen? Jetzt sag mir bloß nicht, du würdest die Milchstraße nicht erkennen!“

„Das ist die Milchstraße?“ Er legte den Kopf in den Nacken, um noch einmal genau hinzusehen. „Ich habe ja nicht oft die Gelegenheit, einen so richtig dunklen Himmel zu sehen.“

„Du meinst, in Montreal.“

Jerome ging weiter. „Ja, wir wohnen mitten in der Stadt. Überall ist Licht, die ganze Zeit. Und Leute und Musik und Lärm …“

„Klingt ja echt ätzend für mich. Wie hältst du das denn aus?“

„Eigentlich gefällt es mir sehr gut. Das ist wie ein Nonstop-Theaterfestival, überall läuft eine andere Szene ab.“ Er führte ein paar irische Softshoe-Tanzschritte aus und wirbelte dabei den Sand unter seinen Füßen auf.

Tori lachte. „So gern ich das mal miterleben würde, aber irgendwann würde ich die Sterne und das Meer vermissen.“ Eine Weile lauschten sie schweigend den Wellen, die an den Strand schlugen.

„Deinen Eltern muss es hier wirklich gefallen, weil sie immer zurückkommen“, sagte Tori schließlich.

„Oh ja, es gefällt ihnen. Das beste Essen an der Südküste, behauptet mein Dad. Meine Mutter mag den Wellnessbereich.“

„Und du? Gefällt es dir hier auch?“

„Na ja, um ehrlich zu sein, die ersten beiden Tage habe ich mich gelangweilt.“ Jerome warf ihr einen Seitenblick zu. „Aber jetzt sieht alles schon viel besser aus.“

Sie setzte bereits zu einer schlagfertigen Antwort an, da blieb Jerome plötzlich stehen und zeigte zum Wasser hinaus. „Wer ist denn das da draußen?“

Tori folgte seinem Blick. Ja, da war jemand. Eine große Silhouette, die ein paar Meter vom Ufer entfernt im Wasser zu erkennen war. Irgendetwas an ihr kam ihr bekannt vor … „Ist das nicht Mr. McCrum? Ich meine, Mark, mein Boss?“

„Ich hoffe doch, er will jetzt nicht schwimmen.“ Jerome sah nach unten, wo die Gischt um seine Schuhe spritzte. „Die Flut kommt nämlich.“

„Er kennt sich doch bestimmt damit aus.“ Trotzdem hatte sie ein komisches Gefühl dabei. „Mark!“, rief sie.

„Da ist noch jemand bei ihm. Eine Frau.“

„Hm, sehr merkwürdig …“ Die kleinere Gestalt war nur unscharf umrissen und sah aus, als wäre sie vom Meeresleuchten vollständig eingehüllt.

„Die stehen einfach nur da“, sagte Jerome. „Nein, jetzt bewegen sie sich … falsche Richtung. He!“, rief er. „Die Flut kommt!“

„Ich glaube, er hört uns nicht.“

Jerome schnalzte verächtlich. „Der hat wohl einen gehoben.“

„Betrunken? Ich kann mir nicht vorstellen …“ Dann dachte sie: Oje, vielleicht hat Jerome recht. Mark könnte von der Strömung mitgerissen werden, und dann …

„Mark!“ Blitzschnell streifte sie die Sneakers von den Füßen und rannte ins Wasser. Sie achtete nicht auf Jerome, der ihr etwas hinterherrief. Im nächsten Augenblick stand sie schon knietief inmitten der immer höher schwappenden Wellen. Noch ein Schritt, und das Wasser reichte ihr bis zu den Oberschenkeln. Sie kämpfte sich noch einen Schritt weiter, um in Marks Reichweite zu gelangen. Er schien sie immer noch nicht bemerkt zu haben. Sie packte ihn am Arm. „Hier lang!“, rief sie.

Es war, als wollte sie einen Baum von der Stelle rücken. Er sah sie nicht einmal an, sondern starrte nur zum Horizont. Dann stand Jerome neben ihnen und zog an Marks anderem Arm. Wie ein Ozeanriese, der von Schleppern gezogen wurde, setzte er sich schließlich in Bewegung.

Die Strömung riss an ihnen, und sie drohten ständig zu stürzen. Aber nachdem Mark einmal die richtige Richtung eingeschlagen hatte, fanden sie durch sein Gewicht Halt. Durch die schäumende Gischt stolperten sie zum Strand zurück. Tori zitterte vor Kälte.

Mark drehte sich sofort wieder zum Wasser um und starrte hinaus. Er wirkte wie hypnotisiert.

„Wo ist denn die Frau geblieben?“, fragte Jerome.

Tori rieb sich die Arme. „Sie war nicht da, als ich ankam. Jedenfalls konnte ich sie nicht mehr sehen. Was sollen wir unternehmen?“

„Gar nichts“, sagte Mark mit einem Mal, sodass sie vor Schreck zusammenfuhr. Er klang vollkommen nüchtern. Wasser tropfte von seinen Haaren.

„Aber diese Frau …“, begann Jerome.

„Kümmere dich um deine Angelegenheiten“, unterbrach Mark ihn. Zu Tori sagte er: „Morgen räumst du als Erstes die Eisenteile von der Felsleiter weg, bevor noch jemand darüber stolpert und sich verletzt.“

„Eisenleiter?“ Tori wurde rot und war froh, dass man es in der Dunkelheit nicht sah.

„Unten am Kliff, etwa einen Kilometer nördlich von hier. Irgendein Idiot hat sie heruntergerissen. Nimm die Karre mit und bring die Stücke zum Schuppen.“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte er sich um und stapfte in Richtung Bright Point davon. Jerome und Tori folgten ihm. „Der hat es noch nicht mal für nötig gehalten, sich bei uns zu bedanken“, zischte Jerome.

Sie gingen die Böschung zum Hotel entlang und kurz darauf nebeneinander durch die Eingangshalle. Jerome schien es plötzlich sehr eilig zu haben und joggte zur Treppe. Tori folgte ihm und stieg mit ihm zusammen die Stufen hoch.

„Wir sind im Zweiten, meine Eltern und ich“, sagte er zu Tori.

„Mein Zimmer ist im Dachgeschoss.“

„Oben im Dach? Ehrlich?“

Sie lachte. „Ich meine natürlich im obersten Stockwerk. Da oben gibt es eine Menge winzige Zimmer, die fürs Personal sind, wenn das Haus voll belegt ist.“

Als sie auf dem ersten Treppenabsatz ankamen, wurde ihr Blick von dem großen ovalen Spiegel mit den eingravierten Rosen angezogen. „Hey, Jerome, sieh dir das an! ‚Nova Scotias Riviera‘. Das muss ja noch aus alten Zeiten stammen.“

Jerome hatte sich plötzlich auf eine Stufe gekauert und beugte sich über seine Sneakers. „Schnürsenkel gerissen“, murmelte er. „Lass dich nicht aufhalten. Äh, sehen wir uns morgen?“

„Vielleicht. Wenn Mark mir eine Minute Zeit gibt.“ Verwundert sah sie ihn an. „Du hast doch gar keine Schnürsenkel an deinen Schuhen, sondern Klettverschlüsse“, sagte sie gelassen.

Er lachte peinlich berührt. „Hast recht! Ich meinte natürlich, dieses verdammte Klettband ist abgerissen!“

„Aha. Na gut.“

Ich wette, er will noch irgendwohin gehen. Bestimmt denkt er, ich würde ihm hinterherlaufen und er wird mich nicht mehr los. Bei dem Gedanken spürte sie, wie ihre Wangen heiß wurden. „Okay, dann sehen wir uns später, bis dann!“ Sie drehte sich schnell um und stürmte die Treppe hinauf.

Jerome starrte angestrengt in den Badezimmerspiegel. Nicht gut. Er konnte sich immer noch nicht sehen.

Die vielen Stunden, die er heute Nachmittag mit Recherchen im Internet verbracht hatte, waren vergeudete Zeit gewesen. Er wünschte fast, er hätte Tori von seinem verrückten Problem erzählt. Wenn er nur daran dachte, wie sie Mark McCrum aus dem Wasser gezerrt hatte! Das gefiel ihm. Sie gefiel ihm.

Und er glaubte, dass sie ihn – vielleicht – auch mochte.

Aber wie würde sie reagieren, wenn sie entdeckte, dass es von ihm kein Spiegelbild mehr gab? Würde sie ihn für eine Art Monster halten? Nein, er durfte ihr das unmöglich sagen.

Er starrte weiter in den Spiegel. Plötzlich verdunkelte sich das Glas. Nicht mal mehr die Fliesen an der Wand hinter ihm wurden reflektiert. „Was zum Teufel geht hier eigentlich vor?“, rief Jerome.

Kurz darauf klopfte jemand an die Badezimmertür. „Jem!“, rief seine Mutter. „Warum schreist du denn so? Ist etwas passiert?“

„Nein! Alles in Ordnung! Ich … habe nur gerade meine Zahnbürste fallen lassen! Ah, da ist sie ja!“

Der Spiegel war immer noch dunkel. Jerome starrte wieder darauf, während er sich die Zähne putzte – und war froh, dass er wenigstens nicht die in der Luft tänzelnde Zahnbürste sah. Er beobachtete immer noch angestrengt das düstere Glas und hoffte, irgendetwas von seinem Spiegelbild auszumachen, als eine leuchtende Silhouette in den dunklen Tiefen des Glases erschien.

„Ja!“ Er wedelte euphorisch mit der Zahnbürste. „Endlich!“

Dann sah er genauer hin, blinzelte und wünschte, dass dieses Bild endlich Form annehmen würde. Ja, das war er, bestimmt. Es sah aus, als würde sein Spiegelbild langsam zurückkehren. Es schien von Weitem auf ihn zuzuschreiten. Er war immer noch nicht richtig zu sehen, aber er glaubte, sein Haar zu erkennen, das zu allen Seiten abstand. Und das war wohl sein Gang, locker und lässig.

„Okay!“, sagte er zum Spiegel – leise, damit seine Eltern es nicht hörten. „Das wurde ja Zeit!“

Die Figur kam immer näher, die Umrisse wurden schärfer …

Plötzlich stieg ihm ein Geruch in die Nase. Nach irgendetwas Köstlichem, das man gerade aus dem Ofen gezogen hatte. Die Gestalt war nun näher und hob den Arm, winkte ihm zu. Jerome überfiel ein unglaubliches Hungergefühl. Er lehnte sich vor …

Später wusste er nicht mehr, warum er schnell wieder zurückgetreten war, die Zahnbürste ins Waschbecken geschleudert und aus dem Bad geflüchtet war.

Toris Zimmer war wirklich klein. Aber sie hatte zum Glück nicht viel mitgebracht. Sie brauchte nur zwei Minuten, um ihre Kleidung in dem schmalen Schrank und der Kommode zu verstauen. Die schmutzige Jeans und das Jackett schob sie unters Bett. Dann hängte sie ihr feuchtes, aber noch relativ sauberes T-Shirt, die Jeans und ihre Jacke an die Gardinenstange und hoffte, dass morgen alles trocken sei.

Gleich nach dem Frühstück finde ich heraus, wo die Angestellten ihre Wäsche waschen.

Ihr iPod, ein Geburtstagsgeschenk von Tante Margo und Onkel Harvey, landete in der Nachttischschublade. Auf der Abstellfläche stapelte sie ein paar Krimis, die ihre beste Freundin Elann ihr in den Rucksack gepackt hatte. Zuoberst legte sie den bereits zerlesenen Reiseführer zur Naturgeschichte Nova Scotias.

Nachdem sie die tragbare Leselampe an den Nachttischrand geklemmt hatte, stellte sie den Wecker auf halb sieben. Für die Angestellten gab es um sieben Uhr Frühstück.

Das Badezimmer befand sich am anderen Ende des Gangs neben der Treppe. Der Flur war dunkel, nur durch den Türspalt ihrer Zimmertür drang Licht. Auf dem Weg hörte sie nichts außer ihren Schritten. Entweder war sie die Einzige hier oben, oder die anderen schliefen alle schon.

Zurück in ihrem Zimmer, fiel sie ins Bett und schaltete das Licht aus. Schon war sie weggedämmert.

Tori schlief normalerweise tief und fest. Nach dem strapaziösen Tag hätte sie bis zum Weckerklingeln am nächsten Morgen nichts mehr von dieser Welt mitbekommen sollen. Aber sie wachte im Dunkeln auf, sicher, dass sie von einer Stimme geweckt worden war. Auf der Digitaluhr las sie, dass es ein Uhr fünfzig war. Tori setzte sich auf.

Das Meeresrauschen war im Zimmer zu hören. Wellen, die gegen Felsen brandeten – es klang, als wären sie nur wenige Meter entfernt. Da sie erst vor ein paar Stunden den Gezeitenplan studiert hatte, erinnerte Tori sich. Flut.

Aber jemand hat gerufen, ich könnte es schwören. Sie schaltete die Leselampe ein und ging zur Tür. Aufmerksam spähte sie den Flur hinunter. Außer aus ihrem Zimmer fiel von nirgendwo Licht. Sie horchte. Keine Stimmen, alles ruhig.

Da muss jemand nebenan schlafen und einen Albtraum gehabt haben.

Tori schloss die Tür wieder und wandte sich um. Als sie ins Bett steigen wollte, blieb sie abrupt stehen. Igitt! Was war denn das für ein Gestank hier? Es roch wie unten auf der Treppe im Schuppen. Nasses Seegras, verrottendes Holz, toter Fisch.

Das Geräusch der Wellen schien aus der Ecke zu kommen, wo die Kommode stand. An der Wand darüber hing ein etwa dreißig Zentimeter hoher Spiegel. Tori ging leise hinüber. Das Geräusch wurde lauter, der Gestank intensiver.

Das muss irgendwie aus der Wand kommen.

Sie nahm den Spiegel ab, lehnte sich über die Kommode und legte ein Ohr gegen die Wand. Das Geräusch war verschwunden. Nachdem sie einen Schritt zurückgetreten war, hörte sie es jedoch wieder. Noch lauter, und der Gestank war kaum auszuhalten. Ihr Blick fiel unwillkürlich auf den Spiegel, und aus einem Impuls heraus legte sie das Ohr gegen die kalte Glasfläche.

Es war, als hätte sie eine Falltür über dem Meer geöffnet. Lautes Gurgeln von Wasser, ein entferntes hohles Wummern, Wellentosen. Und inmitten des Krachs ein Schreien. Sehr schwach, kaum hörbar zwischen den Meeresgeräuschen. Aber es war eindeutig: Ein Mann schrie verzweifelt um Hilfe.

Tori hätte fast den Spiegel fallen lassen. Sie fing ihn gerade noch rechtzeitig auf und hängte ihn hastig an die Wand zurück. Er schwankte hin und her.

„Okay“, sagte sie mit leicht zittriger Stimme. „Keine Aufregung jetzt. Dafür gibt es sicher eine Erklärung.“

Als sie nach dem Spiegel griff, um ihn geradezurücken, verschwand plötzlich die Reflexion ihres Gesichts. Sie riss die Hand zurück. Und starrte in das schwarze Viereck, ein Loch ins Nichts.

Das kann doch nicht sein!

Ihr Herz klopfte wie wild. Da veränderte sich etwas auf der schwarzen Oberfläche. Wie aus tiefsten Tiefen erschien etwas. Eine Gestalt, die sich auf sie zu zu bewegen schien. Sie war dunkel, umrahmt von einer schmalen helleren Linie. Das Haar war zerzaust, die Schultern sehr breit.

Tori sah mit einem Mal wieder ein Bild aus einem Traum vor sich. Es war ein Traum, den sie öfter hatte: Sie als kleines Kind spazierte mit ihrem Vater und ihrer Mutter, schwang die Arme hin und her, an jeder Seite hielt sie eine Hand der beiden.

Irgendetwas an dieser Gestalt im Spiegel erinnerte sie daran. Sie war jetzt näher gekommen. Trotzdem konnte Tori das Gesicht nicht erkennen. Das Wesen streckte die Hand nach ihr aus …

Was als Nächstes passierte, dauerte nur wenige Sekunden. Etwas Riesiges drängte sich zwischen sie und die Gestalt. Sie hörte ein drohendes Knurren und sah scharfe Zähne aufblitzen. Im Spiegel entstand ein Riss. Dann war die unnatürliche Schwärze verschwunden. Tori blickte wieder auf ihr Spiegelbild, das Gesicht weiß und die Augen vor Schreck weit aufgerissen.

Sie wich zu ihrem Bett zurück. Dort starrte sie zitternd auf den Spiegel, in der Befürchtung, dass noch irgendetwas dahinter erschien. Langsam beruhigte sich ihr Herzschlag.

Was immer das war, das kann doch nicht real gewesen sein. Das ist unmöglich!

Als ihr kalt wurde, legte sie sich ins Bett zurück. Aber sie konnte sich nicht überwinden, das Licht auszuschalten. Angenommen, sie schlief gerade und irgendetwas tauchte hinter dem Spiegelglas auf und kletterte heraus?

„Verrückt! Das kann doch gar nicht sein!“

Aber diese Geräusche, das Schreien. Diese Gestalt und was immer sich dazwischengeschoben hatte. Unmöglich! Ist das alles wirklich eben geschehen? Oder habe ich geträumt?

Tori schüttelte den Kopf und setzte sich auf. Ich war die ganze Zeit wach. Da bin ich mir sicher. Und ich habe keine Ahnung, ob ich jemals wieder schlafen kann!

Nachdem sie zehn Minuten so dagesessen und versucht hatte, in Elanns Krimi zu lesen, stand Tori wieder auf. Sie zog den Baumwollbezug von ihrem Kissen und schlich zur Kommode hinüber. Schnell riss sie den Spiegel von der Wand und wickelte ihn in den Kopfkissenbezug. Dann trug sie das Ding den Flur entlang zum Badezimmer und versteckte es im hinteren Teil des Wäscheschranks.

Zurück in ihrem Zimmer, riegelte sie die Tür ab. Der Geruch war verschwunden. Sie ließ das Licht brennen und lag fast bis zum Morgengrauen wach im Bett.

4. KAPITEL

„Jem!“ Sein Vater rüttelte ihn. „Raus aus den Federn! Wir gehen frühstücken. Du hast genau fünf Minuten, um zu duschen und dich anzuziehen.“

„Frühstück?“, murmelte Jerome. Ihm knurrte der Magen. Frühstück … Eier, Schinken, Pfannkuchen … Kaffee …

Spiegel.

Er stöhnte. „Geht ihr schon mal vor.“ Er zog sich die Decke über den Kopf. „Ich habe keinen Hunger.“

„Keinen Hunger?“ Das war seine Mutter. „Oh, mein Junge. Ich hoffe, du brütest nicht irgendetwas aus!“ Sie zog die Decke zur Seite und befühlte seine Stirn. „Hm, kein Fieber.“

„Ich bin nur müde“, murmelte er.

„Na gut, aber schlaf nicht zu lange.“ Sein Vater zwickte ihn ins Ohr. „Sonst wirst du zu träge.“

Jerome wartete, bis die Tür geschlossen war, dann warf er die Decke zurück und sprang aus dem Bett. Essen! Er wühlte in einer Schublade, zog ein paar Klamotten heraus und suchte seine Sandalen. Als er ins Bad ging, vermied er es, in den Spiegel zu sehen.

Zwei Minuten später, als er den Flur entlangrannte, entdeckte er einen Servierwagen vor einer geschlossenen Zimmertür. Auf den Tellern lagen noch Frühstücksreste. Essen, das später weggeworfen werden würde. Im Vorbeilaufen schnappte er sich eine Toastscheibe und eilte weiter. Auf der Treppe hatte er schon alles verschlungen. Sein Magen schrie nach mehr.

In der Lobby verlangsamte er seine Schritte, immer darauf bedacht, aus der Reichweite des großen Spiegels zu bleiben. Essensdüfte zogen aus dem Speisesaal herüber. Ich kann da nicht hineingehen.

Die Stadt, dachte er. Aber er fühlte sich zu ausgehungert, um bis neun Uhr auf den ersten Shuttlebus zu warten.

Dann … ah! Der Spielsaal im Unterschoss fiel ihm ein. Mit den Snack-Automaten. Säfte, Nüsse, Käseflips, Schokoriegel! Er nahm zwei Stufen auf einmal, raste in den Spielesaal … und stolperte fast über den großen Kasten aus Metall und Glas, der gerade zur Tür herausgerollt wurde. Zwei Männer in Arbeitsoveralls hatten die Maschine auf einen Transportwagen geladen.

Jerome blieb vor ihnen stehen. „Warten Sie! Was haben Sie denn damit vor?“

„Muss ersetzt werden. Morgen kommt der neue Automat.“

Jerome ließ sich gegen die Wand sinken und sah den beiden hinterher. Er dachte an das übrig gebliebene Frühstück auf dem Servierwagen oben. Da könnte noch mehr zu finden sein.

Während er die Treppe wieder hochhastete, ging ihm durch den Kopf, dass es wohl sein Schicksal war, vor Hunger verrückt zu werden. Oder irgendetwas sorgte dafür, dass er durchdrehte. Er war zu gierig nach Essen, um weiter darüber nachzudenken, warum es so war. Oder wer daran Interesse haben könnte.

Tori wartete im Schuppen, bis die Ebbe kam. Mark ließ sich nicht blicken. Um acht Uhr schob sie den kleinen Anhänger zum Strand und weiter bis zu der Stelle, wo die Metallstücke neben dem Felsen verstreut lagen. Zwanzig Minuten später hatte sie alle Einzelteile gefunden, auf den Wagen geladen und machte sich auf den Rückweg.

Mark war immer noch nicht da. Sie stapelte die Eisenstücke vor dem Schuppen und schob den Karren wieder ins Gerätelager. Dann stand sie vor der Tür in der Morgensonne, blickte den Hügel hinunter und suchte den Weg zum Hotel ab, immer in der Erwartung, jeden Moment die kräftige Gestalt ihres Chefs zu entdecken.

Während sie dort stand und den Kies hin und her kickte, musste sie unwillkürlich an den Vorfall am Strand denken. Er hatte sich wirklich sehr merkwürdig verhalten. Was war anschließend passiert? Wohin war er gegangen?

Dann dachte sie an den fürchterlichen Schrei mitten in der Nacht, der aus diesem komischen Spiegel gekommen war …

Sie schüttelte den Kopf. Am besten war, wenn sie Mrs. Andrews fragte, was sie tun sollte.

Die Geschäftsführerin legte gerade den Telefonhörer auf, als Tori hereinkam. „Das ist gut! Ich wollte schon jemanden nach Ihnen schicken. Sie müssen heute unbedingt für Mr. McCrum in die Stadt fahren.“

„Er ist doch nicht krank, oder?“

„Möglich. Ich habe keine Ahnung. Eigentlich hätte er mich anrufen müssen.“ Sie zog einen gelben Bogen Papier hervor und legte ihn auf den Schreibtisch. „Das ist ein Reparaturauftrag für den fahrbaren Rasenmäher. Mark hat alles schon vorbereitet und unterschrieben.“ Sie griff nach dem Bogen und reichte ihn Tori. „Nehmen Sie den Shuttlebus und bringen Sie das hier zu Neill’s Machine Repair. Die warten darauf. Sagen Sie denen, sie sollen das Gerät mit dem Lieferwagen zurückbringen. Unterschreiben Sie den Auftrag und lassen Sie sich die Rechnung aushändigen. Können Sie das alles behalten?“

„Klar! Kein Problem.“

„Gut – dann mal los.“

Tori ging zur Tür. Kurz davor blieb sie vor einem Foto an der Wand stehen. „Die Belegschaft des Bright Point begrüßt Sie zur neuen Saison“ stand darüber. Reihe für Reihe standen dort etwa drei Dutzend Angestellte vor dem Eingang des Hauptgebäudes. Tori entdeckte sofort in der hinteren Reihe das Gesicht von Mark, der alle anderen überragte.

Aber … Sie starrte darauf. Irgendetwas an diesem Foto war merkwürdig. Eigentlich war das Foto scharf und farbintensiv. Nur Mark sah … verblasst aus. Fast wie ein Geist. Tori trat näher heran und blinzelte. Ihr wurde eiskalt. Hinter seinem Kopf war die Fassade des Hauses zu erkennen.

„Beeil dich, damit du den Bus nicht verpasst!“ Die strenge Stimme der Managerin riss Tori aus den Gedanken.

Der Shuttlebus war klein und hatte nur Platz für zwölf Fahrgäste. Der Fahrer hatte gerade den Motor gestartet, als Tori die Bushaltestelle erreichte. Sie stieg ein, ging nach hinten und setzte sich auf den letzten freien Sitz – neben Jerome Pascal –, als der Bus schon die Auffahrt zum Hotel hinunterfuhr.

„Hallo.“ Jerome rutschte zur Seite, um ihr Platz zu machen.

„Hallo.“ Tori dachte daran, dass er sie wegen seiner Schnürsenkel angelogen hatte, und bemühte sich um einen lockeren Ton. „Was habt ihr denn heute vor?“

„Ach.“ Er wies auf die vorderen Sitze, wo seine Eltern saßen. „Die unternehmen alle einen Tagesausflug zur Bay of Fundy. Sie wollen den Tourenbus von der Stadt aus nehmen. Ich fahre nur in den Ort.“

„Aufregend dort, was?“

„Nicht unbedingt. Aber da gibt’s etwas zu essen.“

„Essen?“ Sie sah ihn von der Seite an. Er hatte sich tief in seinem Sitz gelümmelt und die Knie angezogen. Er sah blass aus. „Geht es dir nicht gut? Du siehst ja fürchterlich aus.“

„Ach. Ich bin einfach nur wahnsinnig hungrig. Habe das Frühstück verpasst.“

„Warum das? Man kann doch bis halb elf frühstücken.“

„Ja, schon, aber ich …“ Er rutschte noch ein Stück tiefer. „Ich kann da nicht essen. Ich habe ein … äh, eine Phobie.“

„Eine Restaurant-Phobie?“ Er war ihr wirklich ein Rätsel.

„Nein, also, äh … es sind die Spiegel.“

„Eine Spiegel-Phobie.“ Womöglich gab es so etwas tatsächlich. „Hm, na ja, ich könnte wetten, die Belegschaft in der Küche wäre bereit, dir ein paar Brote zu schmieren. Hier will garantiert niemand, dass Gäste hungern.“

„Sandwiches! Meinst du wirklich?“ Er starrte sie an. „Auf die Idee bin ich gar nicht gekommen.“

„Wahrscheinlich hat dir der Hunger das Hirn vernebelt.“ Sie musterte ihn. „Da wir gerade von Hirn reden, wo ist denn dein Schulbuch?“

„Das habe ich liegen lassen.“ Er rutschte noch ein Stück tiefer.

„Wofür ist das überhaupt? Nachhilfeunterricht? Bist du in einem Fach durchgefallen?“

„Ich falle niemals irgendwo durch.“ Er schloss angestrengt die Augen. „Vielleicht sollte ich mal.“

Tori dachte immer noch über seine letzte Bemerkung nach, als der Bus in die Ortschaft einfuhr und an der Haltestelle stehen blieb. Die Ausflügler strömten hinaus. Jerome sprang plötzlich voller Energie aus dem Bus und joggte die Straße entlang. Tori sah nur noch, wie er in Mimi’s Diner verschwand.

Neill’s Machine Repair fand sie ohne Probleme. Sie unterschrieb den Reparaturauftrag für den Rasenmäher, bekam die Rechnung und verabredete den Termin für die Lieferung. Als sie schon auf dem Weg nach draußen war, drehte sie sich noch einmal um.

„Sie haben nicht zufällig gesehen, ob Mr. McCrum heute Morgen schon in der Stadt war? Oder gestern Abend?“

Neill, ein schmaler Typ in verdrecktem Overall, sah sie verständnislos an. „McCrum? Irgendwo habe ich den Namen schon mal gehört.“

„Mark McCrum. Der Gärtner vom Bright Point. Er hat Ihnen den Rasenmäher hergebracht. Großer Typ, blondes Haar. Wirklich ein riesiger, breiter Typ.“

Neill schüttelte den Kopf.

„Aber er hat doch den Mäher hergebracht. Sehen Sie, hier steht sein Name.“ Sie zeigte auf das gelbe Blatt in Neills Hand.

„Wo?“ Er streckte ihr das Blatt entgegen.

Tori blickte auf das Formular und suchte vergeblich nach Marks Namen. Undeutlich entdeckte sie noch eine Spur von Tinte. Noch während sie darauf starrte, verblasste der Rest. Sie wich einen Schritt zurück, ihr wurde fast übel vor Angst.

Jerome aß gerade aus einer Schale Chili con Carne. Zwei leer gegessene Teller standen auf dem Tisch daneben.

„Jerome!“ Tori ließ sich auf den Stuhl ihm gegenüber sinken. „Ich glaube, Mark ist etwas passiert!“

Er machte ein nachdenkliches Gesicht, während er gierig kaute und schluckte. „Mark?“

„Mark McCrum! Mein Chef! Der Typ, den wir gestern Abend aus dem Meer bugsiert haben!“

„Okay, okay, du brauchst nicht zu schreien. Mark McCrum … Mark McCrum … Also. Ich erinnere mich: am Strand gestern Abend, das Mädchen. Das weiß ich noch genau. Aber an ihn kann ich mich kaum erinnern. Komisch.“ Er löffelte die Schale aus.

„Das ist nicht komisch! Das ist der Horror! Der Mann im Reparaturgeschäft kann sich auch nicht mehr an ihn erinnern. Und sein Name auf dem Formular ist verblasst. Und mit dem Foto von der Belegschaft in Bright Point passiert auch irgendetwas Sonderbares! Sein Gesicht verschwindet!“

„Wow, Moment mal!“ Jerome legte den Löffel beiseite. „Das klingt ja ein bisschen nach Twilight Zone …“

„Mehr als nur ein bisschen!“

„Aber dafür gibt es doch bestimmt eine Menge Erklärungen. Ich meine, Fotos verblassen manchmal. Und Tinte auf Papier auch. Und Leute vergessen eben vieles.“

„Na, meine Liebe, möchtest du frühstücken?“ Die Kellnerin stand neben Tori, die Kaffeekanne in der Hand.

„Nur einen Kaffee, bitte.“

Jerome schob die dritte geleerte Schale beiseite und bestellte einen Kaffee und Toast mit Butter. Tori trank einen Schluck aus dem Becher, den die Kellnerin ihr serviert hatte. Ihre Hände waren eiskalt. „Es ist, als wenn Mark ausgelöscht wurde“, sagte sie nachdenklich. So wie mein Vater.

Sie fragte sich, wie viel sie Jerome anvertrauen konnte. Irgendwie musste sie darüber reden, versuchen, einen Sinn in diesem schrecklichen Muster auszumachen, das sie inzwischen zu sehen glaubte. Aber angenommen, sie erzählte ihm alles. Würde er dann seinen Eltern von dem verrückten Mädchen berichten, das im Hotel arbeitete? Würden die sich bei der Geschäftsleitung beschweren? Tori wollte den Job nicht verlieren.

Der zweite Shuttlebus kam um Viertel nach zehn in der Stadt an und lieferte eine weitere Gruppe von Tagesauflüglern ab. Tori und Jerome waren die einzigen Fahrgäste, die den Weg zurück nahmen. Sie setzten sich in die Mitte des Busses, jeder auf einer Bank. Jerome rutschte wieder tief in den Sitz, als wollte er sich vor jemandem verstecken.

„Ich frage mich, wer sie ist“, sagte er plötzlich.

„Wer?“

„Na die Rothaarige gestern Abend im Wasser. Ich frage mich, wo sie geblieben ist.“

„Sie wird wohl weggelaufen sein. Ich habe heute Morgen jedenfalls nicht gehört, dass jemand vermisst wird.“

„Ach, Gott sei Dank.“

Nach einer Weile fragte Tori: „Erinnerst du dich noch, dass du deine Eltern nach den Vorträgen von meinem Vater fragen wolltest? Die Naturgeschichtsvorträge?“

Er nickte. „Ja, klar. Ich habe sie gestern Abend gefragt. Sie wussten noch, dass es solche wissenschaftlichen Veranstaltungen und Touren gab. Meiner Mutter haben sie sehr gefallen. Meinem Vater auch, und der ist kritisch. Aber sie können sich nicht mehr an den Typ erinnern, der die Veranstaltungen geleitet hat.“

„Niemand erinnert sich.“

Jerome beugte sich zu ihr und ergriff ihre Hand. „Ich könnte mal im Internet recherchieren.“

„Das hat keinen Zweck. Mike – der Internetjunkie – hat schon alles probiert.“ Sie holte tief Luft und zog die Hand zurück. „Nichts.“

„Das kann doch nicht sein.“ Jerome setzte sich auf. „Irgendwo sind immer ein paar Daten gespeichert.“

„Nicht über meinen Vater.“

Der Bus fuhr in Bright Point ein und hielt vor dem Hotel. Jerome sprang auf. „Ich werde mal nachsehen“, sagte er über die Schulter. „Der verkabelte Mike muss irgendetwas übersehen haben.“

Zurück im Büro der Geschäftsleitung, gab Tori Mrs. Andrews die Rechnung. Auf dem Weg nach draußen blieb sie wieder vor dem Foto an der Wand stehen. Mark … war nicht mehr zu sehen. Eine leere Stelle befand sich dort, wo vorher Mark McCrum gestanden hatte. Tori wandte sich um. „Haben Sie sich das Foto mal angesehen?“

„Natürlich habe ich das! Ich werde es ersetzen lassen, offensichtlich ist es nicht in Ordnung.“

„Sie haben nichts von ihm gehört?“

Mrs. Andrews schüttelte den Kopf. „Er muss wohl irgendeinen Notfall gehabt haben und weggefahren sein. Normalerweise ist er sehr zuverlässig. Er ist beständig wie ein Fels.“ Dann wurde ihr Tonfall wieder streng. „Bis Mr. McCrum zurück ist, müssen Sie eben allein weitermachen. Als Erstes können Sie schon mal ein paar Blumensträuße für den Wellnessbereich und den Speisesaal schneiden. Dann den herumliegenden Müll vom Parkplatz räumen. Bis dahin sollte er wieder zurück sein.“

„Äh … Mrs. Andrews? Hatten Sie schon mal Zeit, in den Akten nach meinem Vater zu sehen?“

„Ihr Vater?“ Die Managerin runzelte die Stirn.

„Ja. Ken Harper.“

„Ach so! Ja, ich habe nachgesehen. Tut mir leid, aber ich habe nichts über ihn gefunden.“

„Gar nichts? Aber …“

„Nein, gar nichts. Ich habe überall nachgesehen. Er muss in einer anderen Hotelanlage gearbeitet haben.“

„Ein Museum nur mit Glas?“ Jerome erschauerte. „Warum denn Glas?“

„Weil es schön, informativ und interessant ist“, sagte seine Mutter geduldig. „Es macht bestimmt Spaß!“

Das bezweifelte Jerome. Er sah sich um und suchte verzweifelt nach einer Ausrede. Aber er entdeckte nur Reihen von geparkten Autos – und Tori Harper, die mit einem Plastiksack in der Hand und den Blick zu Boden gerichtet über den Parkplatz lief.

„Es wäre nett, wenn wir drei mal einen richtigen Familienausflug unternehmen würden“, sagte sein Vater streng. „In letzter Zeit wissen wir nie, wo du dich herumtreibst.“ Er öffnete die Wagentür.

„Aber … Aber ich habe schon Pläne gemacht!“

„Wir auch. Steig ein!“

„Was hattest du denn vor, Jem?“, erkundigte sich seine Mutter, die wie immer die Erste war, die einlenkte.

„Ich … Ich habe da ein Mädchen kennengelernt. Wir, äh, wollten zusammen Mittag essen.“ Er schwor sich im Stillen, aus der Notlüge die Wahrheit zu machen. Er würde mit Tori irgendwo essen.

Sein Vater schlug ihm spielerisch auf die Schulter. „Kein Problem! Das Museum ist nicht weit entfernt. Vor eins sind wir wieder zurück. Dann hast du noch genug Zeit für ein Date zum Mittagessen und zum Lernen.“

Jerome gab es auf und stieg ins Auto. Während sie die Straße um die Lagune hinter dem Haupthaus entlangfuhren, sagte seine Mutter beiläufig: „So, so, du hast also ein Mädchen kennengelernt. Das ist nett. Wie heißt sie denn?“

„Ähm …“ Jerome blickte über die Schulter durchs Rückfenster.

„Jem?“

„Sie heißt … Victoria, Tori.“

Durch das Fenster sah er Tori auf der Wiese neben dem Parkplatz stehen. Sie wirkte so klein, wie sie dort stand und dem Wagen hinterherblickte. Aber seine Aufmerksamkeit galt nicht Tori. Er sah gebannt zu dem Mädchen hinüber, das einen Schritt hinter ihr stand. Ein schlankes Mädchen mit feurig rotem Haar. Tori hatte die Fremde offensichtlich noch nicht bemerkt.

Jerome wusste nicht, warum er sich so sicher war, aber er war es. Das war die Fremde, die er im Wasser gesehen hatte.

Der Wagen fuhr mit Jerome vom Parkplatz, und Tori beobachtete, wie er verschwand. Er starrte aus dem Rückfenster und machte Grimassen, als wäre er von Aliens entführt worden und würde um Erlösung flehen. „Immer so dramatisch!“, sagte sie leise zu sich.

„Ich würde ihn vergessen, wenn ich an deiner Stelle wäre“, hörte sie da eine leise Stimme hinter sich.

Tori wirbelte herum. Vor sich sah sie die Fremde, die Frau, die sie neulich an der Klippe getroffen hatte.

Sie hatte vergessen, wie sehr sie sich von dieser Frau eingeschüchtert fühlte. Sie war so groß, so besonders, fast unnatürlich: das rabenschwarze Haar, diese mitternachtsschwarzen Augen, die honiggoldene Haut.

Die Frau lächelte ihr freundlich zu, streckte den Arm aus und strich Tori mit den Fingerspitzen übers Haar. Ein Stück Kaugummipapier löste sich aus den Strähnen und flatterte zu Boden. Tori wurde rot und bückte sich danach, um es in den Abfallsack zu stecken.

Jetzt reicht es aber. „Hallo. Ich heiße Tori Harper.“ Sie streckte die Hand aus.

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