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Münster – was nicht im Stadtführer steht

Lies die Anleitung – Über dieses Buch:

Wenn man im St. Franziskus-Hospital geboren wird und in Münster aufwächst, hält man diese Stadt für völlig normal – man kennt ja keine andere.

Erst im Vergleich zeigt sich: Münster produziert gemessen an seiner Ausdehnung einen hohen Ausstoß an Originalen. Ob’s am Klima, der Genetik oder am Bier liegt, ist unklar.

1996 begann ich, Lokalgeschichten für Münsters Stadtmagazin ULTIMO zu schreiben. Seitdem sind jährlich 25 neue Lokalstorys erschienen. Viele waren Zufallsfunde: Oft versteckten sich hinter scheinbar nichtssagenden Randnotizen in der Münster-Literatur oder Andeutungen in Zeitungsartikeln die interessantesten Geschichten.

Dieses Buch ist sozusagen ein »Best Of«-Album und zugleich eine persönliche und stadthistorische Chronologie. Da alle Artikel den Stand ihres Erscheinungsdatums abbilden, habe ich sie mit aktuellen Kommentaren editiert.

Obwohl sich Münster in den letzten Jahren stärker verändert hat, als in den Jahrzehnten zuvor, ist eines konstant geblieben: Die Neigung zur Realsatire. Darum geht der Story-Stoff nicht aus.

Über die Auswahl für dieses Buch wurde leidenschaftlich diskutiert. Manche Favoriten haben es trotzdem nicht geschafft. Vielleicht erscheinen sie ja irgendwann in Teil 2 ...

Bis dahin,

Carsten Krystofiak, Dezember 2009

INHALT

FRÜHER

Immer nur Krawall! Ulrike Meinhof, warme Brüder & der falsche Asterix: Münsters kauzige kleine Demo-Chronik.

Fuck off, Münster. Krawall, Karlsquell & Krachmusik: So schlug Punk in unsere Stadt ein.

Im Kumpelnest. Das alte »Odeon« war Münsters Wohnzimmer für Waver, Punks & Nachtvögel.

Der Beatschuppen-König. Gronecks Erzählungen: Zu Besuch bei Münsters Disco-Miterfinder.

Bitte bring me a Nazi! Volkssturm-Opas & weiße Fahnen: Das Kriegsende im Münsterland.

Die Preußen-Hasser. Katholen, Revoluzzer & die »Emsrepublik«: Wie Münster sich vor 90 Jahren fast zum Freistaat erklärt hätte …

Geisterstunde. Gespenster, Spuk & fauler Zauber – Gruselgeschichten aus dem Münsterland.

Tot am Emsstrand. Auf Lauheide der Bronzezeit.

LOKALPOLITIK

Vorsicht, Gift! Das »Gefahrgutlager Lehnkering« blockiert die Weiterentwicklung von Münsters Mittelhafen zum Kreativkai II mit »Jovel« und anderen Investoren.

Der Methangastümpel. Bagger, Bauern, Blaualgen: Ist der Aasee noch zu retten?

Quadratisch – praktisch – gut. Vom Nazi-Weihetempel zum Mediascreen-Tower: In Münster wird an jeder Ecke ständig gebaut … und das seit Jahrzehnten!

Eins, zwei, meins? Die »na dann…« und die Heuschrecke: Werden jetzt Münsters Szeneblätter plattgemacht?

Auf Probehaft. Zu Besuch in Münsters Kittchen.

UNI

Sex & Duft & Riechorgane. Fidele Wissenschaft: Zu Besuch bei den Balz- und Sekret-Forschern der WWU.

Alder, bin isch Google? Krasse Sprüche aus der Vorstadt: Münsters Germanisten erforschen das Döner-Deutsch.

Das knallt so gut. Fuselforschung in Münster: Siegrun Mohring studiert Kopfbrumm & Bierkater.

Kommilitone Cop. Nirgendwo gibt es mehr Polizisten als in Münster… und Studis sind sie auch noch.

Schön straff bleiben! Zu Besuch bei Münsters Tattoo-Forscher Dr. Thomas Lentes.

So ein Saustall. Der Hausmeister-Report: Freche Studis, marode Gebäude & überall das Leezen-Chaos.

Der Fall Verschuer. Ein dunkles Kapitel wird aufgedeckt: Die Mengele-Connection eines Medizin-Profs und seine Nachkriegs-Karriere an der Uni Münster.

Studis im Urlaub. Mit dem fliegenden Hörsaal um die Welt.

MÜNSTERANER UND IHRE BERUFE

’N Picasso? Harhar! Der Ganovenschreck: Münsters Museumsdirektor Markus Müller entlarvt Kunstfälscher.

Der Chef vom Ballermann. Zu Besuch bei Münsters »Nackte Friseusen«- Stimmungssänger Mickie Krause.

Die Altbierköchin. Zu Besuch bei Münsters Braumeisterin Barbara Müller.

Stinkbomben gegen Hilde. Krawall, Katholikensturm & schöne Kinos: Zu Besuch bei Münsters Kino-Veteran Albert Mazzotti.

Mit Dom-Klingelton. Furzende Frösche, brennende Herzen & Münsters Glockengeläut: Zu Besuch bei den verrückten Handyringtonelogo-Pixlern.

Herz, Schmerz & Krone. Happy End ist Pflicht: Zu Besuch bei Münsters Heftchen- Autorin Marlene Eschkötter.

Urne 2.0. Digitaler Leichenkult: Zu Besuch bei Münsters »McDonald’s der Bestatter-Szene«

MÜNSTERANER UND IHRE HOBBYS

Elvis heilt auch Dich! Reverend Schulz, der größte Elvis-Fan Münsters.

Die Helden des Prelk. Seltsames Münster: Nach Speckbrett und Spatentennis kommt jetzt »Diäsch«.

Die Wunder-Wanderung. Schnauf! Ultimo-Chefreporter geht auf große Wallfahrt nach Telgte.

Bauern-Jackass. Kartoffelkanonen & Klorollenwerfer: In westfälischen Wäldern wird fröhlich rumgeballert.

Jäger der Dose. »FTF« oder »DNF«: Die Hightech-GPS-Schnitzeljagd nach Münsters »Geocaches«.

Immer nur Brei! Zu Besuch bei Münsters Mittelalter-Fans: Die »Monasterianer« basteln sich zurück in ihre Traumwelt.

Münsters Mofa-Machos. Tollkühne Männer auf klapprigen Kisten: Geheime Rennen mit getuneten Müll-Maschinen.

WAS MIT TIEREN

Fiffis letzte Ruhe. Kadavermehl & Urnengrab: Was passiert eigentlich mit unseren verblichenen Haustieren?

Unter uns Achtbeinern. Nix für Arachnophobe: Zu Besuch bei Münsters Spinnen-Fan Martin Kreuels.

Im Rattentod-Labor. Der Kampf gegen genmutierte Super-Nager aus Westfalen: Zu Besuch bei Münsters Biogift- Forscher Hans-Joachim Pelz.

FRÜHER

Immer nur Krawall!

Ulrike Meinhof, warme Brüder & der falsche Asterix: Münsters kauzige kleine Demo-Chronik.

Die Münsteraner gelten nicht gerade als politische Revoluzzer. Spektakuläre Protestaktionen traut man ihnen eher nicht zu. Wilde G8-Demos oder Kreuzberger Krawalle passen so gar nicht zur westfälischen Mentalität. Und schon gar nicht zur konservativen Bräsigkeit der Münsteraner. Oder ist das nur ein Vorurteil? Ein Blick in die Papiertonnen der Stadtgeschichte zeigt ein überraschend anderes Bild: Die Münsteraner haben sogar eine ausgeprägte Demo-Tradition.

Schon 1956 zogen Studis mit Transparenten gegen Nahost-Krieg und Niederschlagung des Volksaufstandes in Ungarn über den Prinzipalmarkt. Zwei Jahre später protestiert ein breites Bündnis auf dem Domplatz gegen Atomkraft und Nuklearwaffen. Die Hauptrede hielt eine junge Studentin der Uni Münster: die spätere RAF-Gründerin Ulrike Meinhof.

1965 demonstrierten rund siebentausend Münsteraner Studis erstmals vorm Schloss gegen unzumutbare Studienbedingungen. Dabei gab es damals noch keine 20.000 Studenten an der WWU und noch nicht einmal den Numerus Clausus. Und auch das gab’s schon, als Eure Eltern sich kennen lernten: 1969 kam erstmals die NPD nach Münster, um eine Kundgebung auf dem Domplatz zu halten. Knapp tausend Polizisten versuchten rund sechsmal so viele Gegendemonstranten fern zu halten. Am Bahnhof gab’s wilde Rangeleien zwischen Polizei und NPD-Gegnern. Dieser Sport hat sich also auch kaum weiterentwickelt.

1972 erlebte der Prinzipalmarkt ein echtes Novum der Protest-Folklore: Deutschlands erste Schwulendemo fand ausgerechnet in Münster statt! (Homosexualität war noch gesetzlich verboten!) Rund 200 schwule Aktivisten zogen samstags mittags vom Schloss zum Prinzipalmarkt. In der Salzstraße hielt der Münsteraner Initiator eine Rede durchs Megafon. Die Bürger reagierten auf die »Warmen Brüder« perplex bis aggressiv.

Schon ein Jahr später neue Aufregung: Die Frauenstraße 24 wird besetzt, um den Abriss des Jugendstilhauses zu verhindern. Ein internes Polizeikonzept der Zeit empfiehlt hilflos: »Die Entwicklung konspirativer Einsatzmethoden, z. B. Einschleusen von Beamten als Handwerker, Lieferanten und Passanten.« Kein Wunder, dass das nicht funktioniert hat. So überstehen die Besetzer alle Räumungsversuche, politischen Machenschaften der CDU und einen Brandanschlag. Erst acht Jahre später wird das Wohnprojekt legalisiert und ist damit eine der längsten Hausbesetzungen in der deutschen Geschichte.

1974 kam es zum ersten handfesten Krawall: die »Kommunistische Gruppe Münster«, welche die katholischen Münsteraner zum »Marxismus-Leninismus chinesischer Prägung« bekehren wollte, verteilte vor Karstadt 850 Exemplare ihrer wirren »Kommunistischen Volkszeitung«. Beim Eingreifen der Polizei entwickelte sich eine Schlägerei. Verhaftet wurde – der dreijährige Sohn eines Kommunisten, der lauthals »Die Polizei ist böse!« brüllte. Allerdings brüllte er auch im Streifenwagen unentwegt weiter, sodass ihn die entnervten Beamten schleunigst wieder aussteigen ließen.

1979 demonstrieren auch Münsters Frauengruppen – gegen einen der ersten Sex-Shops (in der Hafenstraße). Dabei kommt eins der schwersten Demogeschütze der Zeit zum Einsatz: die lila Latzhose! Die (männlichen) Polizisten drehen durch und prügeln auf die Demonstrantinnen ein: vier Frauen landen im Krankenhaus.

Nicht nur der weibliche Protest gegen Sexshops war für die Polizei ein Problem: Durch Zeugenvorladungen von Polizisten zu Gerichtsterminen gegen Demonstranten fielen damals über 20.000 Dienststunden im Jahr aus! Denn allein 1983 wurden 194 Demos in Münster angemeldet! Schade, dass keine Vergleichszahlen des Wanderschuhhandels aus diesem Jahr vorliegen. Den Krankenkassen konnte die sportliche Betätigung im Sinne der Volksgesundheit jedenfalls nur recht sein.

Aber die Protestkultur erschöpft sich nicht in Fußmärschen. Besonders kreative Köpfe denken sich neue Formen des Widerstandes gegen das BRD-System aus. Und denen ist mit dem Gummiknüppel kaum beizukommen: Anfang 1980 staunten Asterix-Fans in Münster über ein neues Abenteuer des unbeugsamen Galliers, das ihnen merkwürdig modern vorkam. Der Band »Asterix und das Atomkraftwerk« enthielt zwar Originalzeichnungen von Uderzo und auch das Originalformat der echten Comics, doch die Geschichte von Cäsars Plan eines AKW im uns wohlbekannten gallischen Dorf – und dessen siegreichen Widerstands – stammte mitnichten aus dem Ehapa-Verlag, sondern aus dem Umfeld des münsterschen Umweltzentrums. Das fanden bald auch Polizei und Detektive der Urheberrechtseigentümer heraus und durchsuchten das Umweltzentrum an der Scharnhorststraße. Ohne Erfolg, weil einem festgenommenen Mitarbeiter von den Beamten befohlen wurde, sich während der Durchsuchung still auf eine Kiste zu setzen und sich ja nicht zu rühren. In der Kiste lagen – die gesuchten Comics. Der originelle Fake-Asterix ist bis heute wegen Verstoßes gegen das Warenzeichengesetz schwer illegal.

Noch ein Falsifikat aus der linken Ecke sorgte in Münster für großen Wirbel: Vom 7. bis zum 9. Mai 1992 trafen sich die Wirtschaftsminister der sieben mächtigsten Industriestaaten (G7) und Russlands in Münster. Am Morgen nach der Konferenz der Minister überrascht ein Extrablatt der Westfälischen Nachrichten die Münsteraner: Die Sonderausgabe meldet eine »Sensationelle Wende! Die führenden Wirtschaftsnationen beschließen in Münster, allen armen Ländern ihre Schulden zu erlassen! Der größte Finanztransfer der Geschichte!« Dass dies ebenfalls ein Fake ist, fällt keinem Leser auf, denn das Extrablatt ist äußerlich vom echten WN-Titel nicht zu unterscheiden. Nur im Aschendorff-Verlag tobt die konservative Geschäftsführung – und erstattet Anzeige gegen unbekannt. Unbekannt (zumindest polizeilich) blieben die Urheber bis heute, obwohl sie noch einen weiteren Coup landeten: Die falsche Sonderausgabe enthielt jeweils einen Gutschein für ein kostenloses Mittagessen, dass der – in Wirklichkeit völlig ahnungslose – Münsteraner Möllemann (damals noch deutscher Wirtschaftsminister), so der Text, den lieben Bürgern Münsters für ihre Gastfreundschaft gegenüber den internationalen Finanzpolitikern gerne spendieren würde.

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Bis heute wurde der Urheber der gefälschten WN nicht enttarnt, trotz intensiver Fahndung. Dabei ist er ein echt netter Zeitgenosse. Das heißt, ich kann es nicht sein ... ;-)

Etliche Münsteraner marschierten daraufhin dankbar mit ihren Gutscheinen zum Speisen in verschiedene Restaurants, wo die Coupons wegen ihres hochoffiziellen Aussehens meist ratlos angenommen wurden. Die Rechnungen erhielt (und zahlte) Möllemanns Ministerium. Eine gute Anregung, um vom Staat endlich mal was gratis zu bekommen!

(Erschienen 2007)

Anmerkung:

Wenn Kinder der Generation iPod fragen: Papa, was war eigentlich eine »Demo«, erklärt man das am besten durch einen Vergleich mit einem Flashmob. Und wenn sie dann fragen: Was hat das denn damals eigentlich gebracht?, dann kann man ruhig antworten: Nichts. Darum kümmern sich heutige Demoteilnehmer auch vielfach gar nicht mehr um den politischen Anlass, sondern gehen gleich zum gemütlichen Teil über – Motto: Mach’ kaputt, wofür Du nicht aufkommst.

Fuck off, Münster.

Krawall, Karlsquell & Krachmusik: So schlug Punk in unsere Stadt ein.

Ausgerechnet in der Düsseldorfer Kunsthalle ist derzeit eine Ausstellung über die Anfänge von Punk in Deutschland zu Beginn der 80er zu sehen. Vierzigjährige Expunks, die heute in Werbeagenturen Prosecco statt auf der Straße Dosenbier trinken, geraten vor gerahmten Plattencovern von damals in nostalgische Schwärmerei ... und sogar die Lehrer-Illustrierte Spiegel feiert die Schau. Eifrige Soziologen ziehen an den Haaren ihrer Wissenschaftlerbärte gesellschaftspolitische Analysen herbei und unterstellen den Punks revolutionäre Absichten. Sucht jemand noch einen weiteren Beweis dafür, dass Punk heute mausetot ist? Trotzdem: Die Vernissage der Punk-Schickeria inspirierte uns zu der Frage, wie Punk damals eigentlich in Münster anfing. Also holten wir unseren Chefreporter aus dem Punk-Altersheim, ließen ihn in tiefe Hypnose versetzen und notierten seine vergessenen Erinnerungen.

1981: Der Bundeskanzler heißt noch Helmut Schmidt statt Helmut Kohl. Die DDR feiert ihr dreißigjähriges Bestehen. In Westberlin sind 140 Häuser besetzt und eine Anti-Atom-Demo in Bonn bringt eine halbe Million Menschen auf die Beine. Die Sex Pistols haben sich erst vor drei Jahren aufgelöst und klingen heftig nach. Die Toten Hosen nennen sich noch ZK (Zum Kotzen) und sind kaum bekannt. Punk ist damals taufrisch, Techno und Hip-Hop noch nicht erfunden [Hip-Hop wohl! Der Setzer]. Die gut drei Dutzend Münster-Punks, die sich samstagmittags am Lambertibrunnen treffen, sehen nicht wie Bahnhofspenner aus und wollen auch kein Kleingeld schnorren – stattdessen tauscht man die neuesten Buttons, empfiehlt die aktuellen Singles und versucht, sein selbstfabriziertes Fanzine oder eine Kassette der eigenen Punkband an den Käufer zu bringen. Punk hatte eine unglaublich kreative Dynamik: Jeder spielte in irgendeiner Band (wer kein Instrument konnte, wurde eben »Sänger«), gab ein Fanzine heraus oder betätigte sich als Ein-Mann-Label für obskure Klangproduktionen. Modeindustrie und Plattenfirmen machten um Punks noch einen großen Bogen. Band-T-Shirts, Nietengürtel und Buttons wurden in fleißiger Heimarbeit selbstgebastelt. Und fast allerorten fand sich ein Idealist, der am Wochenende einen unkommerziellen Auftritt lokaler Punkgruppen in irgendeinem Jugendheim oder Keller organisierte.

Und solche Bands gab es massenweise, etwa Anormal Null. Hier spielt Münsters erster Punk, Andreas »Sally« Bleckmann, Gitarre (ist heute Modefotograf in London). Am Bass: Frank Xerox, Herausgeber des Fanzines »Schwarz-Rot-Gold«. Während die anderen Punk machen wollen, steht Xerox auf die avantgardistischen Elektronikklänge von D.A.F. (»Tanz den Mussolini«). Er geht nach Berlin und nennt sich später Westbam. Sein Bruder Fabian tanzt noch in der ersten Reihe Pogo – und heute als Geschäftsführer der Love-Parade durch Berlins Tiergarten. Sänger »Klaus Chaos« brachte sich unter dramatischen Umständen um. R.A.F.Gier proben im Keller der legendären Kronenburg (heute Wolters I neben der Luna Bar). Münsters professionellste Punkband veröffentlichte sogar zwei Platten. Gitarrist Rolle wird wegen des Gebrauchs von Rasierwasser von anderen Punks als »Poppersau« beschimpft. Deshalb prangern R.A.F.Gier in ihrem Song »DIN-Punk« Konformitätszwänge und Spießigkeit der Szene-Cliquen an. Sänger Ralf Plaschke leitet heute die Kölner PopKomm-Messe. VNW aus Wolbeck haben kein Schlagzeug – aber viel Humor und adaptieren das Fernverkehrsmotto »Schnell, Laut, Gut.« Später überzeugen KataCombo mit der größten musikalischen Vielseitigkeit und den besten Texten unter Münsters Punkbands. Sänger Tönnis ist heute Werbetexter und Chauffeur von Helge Schneider.

Äni(x)Väx schließlich hinterlassen nicht nur unzählige Graffitis im Straßenbild, sondern auch die Erinnerung an eine Straßenschlacht während eines Auftritts, zwei Jahre nachdem ein Konzert der Punklegende Dead Kennedys in Osnabrück zu schweren Krawallen geführt hatte. 1984 fragt die Band telefonisch in der Kneipe »Neuer Krug« neben Steffi Stephans Kino-Disco Jovel Cinema an der Weseler Straße an, ob sie dort spielen dürfe. Der Wirt fragt: »Was macht ihr denn für Sound?« Statt der Antwort »Punk« versteht er aber Funk und sagt zu.

Am Abend des 4. September ist der Wirt beim Soundcheck über den »Funk« von Äni(x)Väx entsetzt und sagt die Veranstaltung kurzerhand ab. Weil sich aber vor der Tür schon viele Punks versammelt haben, von denen einige recht verwegen aussehen und finster gucken, verhandelt man: Äni(x)Väx spielen, aber nicht lange und nicht so laut. Das Konzert geht noch reibungslos über die Bühne. Doch dann verlost die Band als Showgag einen grünen »Pappkameraden«, den sie mittels Bolzenschneider besorgt hatte. Der Gewinner, ein Punk aus Greven, weiß nicht, wohin mit seinem Preis. Die Polizisten-Attrappe wird deshalb unter Gejohle auf die Straße geschlört und verursacht dort zur Belustigung der Punks einen Verkehrsstau. Autos hupen, Bierkrüge fliegen, der Pappkamerad wird mit Mofa-Benzin in Brand gesteckt. Die Kreuzung ist mittlerweile ein Scherbenmeer. Die anrückende Polizei wird mit einem Gläserhagel empfangen und setzt Reizgas ein. Weil fünf Punks verhaftet werden, unternehmen andere einen gewaltsamen Befreiungsversuch, den die Polizei abwehrt. Die Randale macht dicke Schlagzeilen in den WN, bringt Äni(x)Väx jedoch keinen Werbenutzen, weil der Bandname in den Zeitungsberichten nicht genannt wird.

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Karnevalssonntag 1986 im Odeon: Wer hat das schönste Kostüm an? Zahlenmäßig gewannen die Narren auf dem Prinzipalmarkt; nach Lautstärke die Punks im »O«.

Werbung für Punk machten dagegen die beiden Punk-Girls Gabi & Moni, die in einer Live-Diskussionsrunde der ZDF-Fernsehsendung »Kinder, Kinder« zu ihren Punk-Motiven befragt wurden. Dazu fiel den beiden jedoch nicht mehr ein, als keinen Bock zu gar nichts zu haben, alles Scheiße und überhaupt: Fuck off!! Wegen der eitlen Selbstdarstellung wurden die beiden hinterher wochenlang in den Szenekneipen als »arrogante Fernsehstars« geschnitten. Diese Szenekneipen sind rasch aufgezählt: neben dem Bunten Vogel, der damals auf der Rothenburg war, dem Neuen Krug und dem Odeon besuchten Münsters Punks vor allem die Kronenburg. Die »Hippies« des linksautonomen Kneipen-Kollektivs hatten alle Hände voll zu tun, die Kids in Schach zu halten, die den Laden als ihren speziellen Abenteuerspielplatz ansahen und die Gäste mit der »Haste-mal-ne-Mark«-Leier nervten, wenn das Taschengeld mal wieder nicht fürs nächste Bier reichte. Der Neue Krug wurde von den Punks Neuer Betrug geschimpft, weil die Inhaber die Unverschämtheit besaßen, gegen das Mitbringen von Karlsquell-Dosenbier (dank einer Ode der Hamburger Punkband Slime das Punk-Kultgetränk) konsequent einzuschreiten. Weil im Billardzimmer der Kneipe oft gegen das BtMG verstoßen wurde, waren auch immer einige Zivilbeamte vom Friesenring anwesend. Diese konnten schon von weitem an ihrer schlechten Kostümierung erkannt werden (Wildlederjacke mit Nina Hagen-Button und – kein Witz! – The Police-T-Shirt). Die bemühten sich dann ebenso verzweifelt wie vergeblich um Kontakt.

Während viele Bürger vor Punks noch Respekt hatten oder hilflos herumschimpften (»Unter Adolf hätte man euch ...!!« – »Geht doch nach drüben in die DDR!!«), und die Studenten-Hippies grundsätzlich pazifistisch waren, hatten die Punks nur einen natürlichen Feind zu fürchten: den gemeinen Mofa-Assi. Die Hauptschul-Prolls von der berüchtigten Überwasserschule oder diverse Bunken-Clans aus Coerde machten Jagd auf »Punkerschweine«, und man hatte Glück, wenn man mit einem blauen Auge davonkam. Der Punk-Lifestyle selber forderte indes schwerere Opfer: Die, die dachten, sie könnten ewig so weitermachen, landeten in Psychiatrie und Knast, als Pflegefall oder auf dem Friedhof. Das alles ist jetzt so lange her, dass es zur Würde gereift ist, die Düsseldorfer Kunsthalle zu schmücken. Wenn einer den Penner-Punks am Bahnhof mal sagen könnte, dass ihre Attitüde museumsreif ist.

(Erschienen 2002)

Anmerkung:

Der Regisseur eines Dokuspielfilms über die berüchtigten »Chaostage« sagte: »Heute wird man ja beim ZDF nicht mehr Programmdirektor, wenn man nicht mindestens sechs Wochen lang Punk gewesen ist.« Das trifft zu und darum ist Punk auch endgültig restlos tot. Das Komische daran: Damals dachte man wirklich (und beileibe nicht nur in Münster), dass nach Punk eigentlich keine innovative Jugendkultur mehr kommen könne! Der weitere Lebenslauf der damaligen Mitglieder von Münsters Punkszene lässt sich grob gesagt in zwei Alternativen teilen: Kulturbetrieb oder Tod.

Im Kumpelnest.

Das alte »Odeon« war Münsters Wohnzimmer für Waver, Punks & Nachtvögel.

Wenn dieser Tage der letzte Applaus nach dem Konzert von Dr. Ring Ding verklungen ist, wird im Odeon an der Frauenstraße für immer das Licht ausgemacht. Die »Grande Dame der münsterschen Clubs« nimmt ihre letzte Huldigung entgegen. Die Institution Odeon hat mindestens drei Generationen von Teenagern sozialisiert und deren Jugend entscheidend geprägt. Deshalb ist uns die anekdotenreiche Geschichte des Odeons einen Rückblick wert. Bitte einsteigen zur Zeitreise ...

Die 70er Jahre sind soeben vorbei und der Zeitgeist diktiert Coolness. New Wave und NDW sind angesagt; die Frauen tragen Neonschmuck. Helmut Kohl steht kurz vor seiner Machtergreifung. In Münster provozieren sich samstags am Lambertibrunnen Punks und Popper; die Kronenburg und der Bunte Vogel auf der Rothenburg sind die aktuellen Szenekneipen. Am 8.10.1982 übernehmen vier befreundete junge Leute das wenige Jahre zuvor (vom heutigen GoGo-Betreiber Jürgen Köhn) eröffnete Odeon in der ehemaligen »Gaststätte Freitag« im Schatten der Überwasserkirche. Zunächst wird der Laden vom neuen Team auf die Höhe der Zeit gebracht: Die Flipperautomaten fliegen raus, und von der Bühnenrückwand grüßt frisch gesprayt eine Mickymaus mit zackiger Elektrogitarre aus einem pinkroten Amischlitten. Ein gewisser Maximilian Lenz darf im »O« Platten auflegen und nennt sich »DJ Westfalia Bambaata«. Später verkürzt er den umständlichen Künstlernamen (eine Hommage an sein Vorbild, den Hip-Hop-Pionier Afrika Bambaata) schmissig zu Westbam und zieht nach Berlin.

Viele erfolgreiche Künstler haben am Beginn ihrer Karriere als No-Name-Bands im Odeon gespielt (und sind später gerne wiedergekommen). Etwa die Toten Hosen. Christine Rosenthal: »Die standen 1983 eines Nachmittags vor der Tür und klopften an die Scheibe. Ich war gerade am Aufräumen. Ich sag: Wer seid ihr denn? Die: Wir sind ’ne Punkband und wollten fragen, ob wir hier mal spielen können. Ich sag: Habt ihr denn schon ’ne Platte? Die: Äh ... nee, aber wir haben ne Cassette dabei ...« Oder die Red Hot Chili Peppers, die damals wenigstens schon ein bisschen bekannt waren, aber noch als Geheimtipp galten. Veronika Fischer: »Für die hatte ich Abendessen gekocht. Musiker kriegen ja sonst meist nur Junkfood. Ehrlich – die wollten, dass ich für den Rest der Tour als Köchin mitfahre und ließen gar nicht locker.« Die hühnerknochenbehängten Gothicrocker von Christian Death fanden ihre eigene Musik offenbar so genial, dass sie nach vier Stunden (!) Nonstop-Konzert selbst noch weiterspielten, als das Publikum längst entnervt verschwunden und das Saallicht eingeschaltet war. Nur das Abschalten des Stroms bewegte sie schließlich aufzuhören. Ganz anders die Lausejungs von den Bollock Brothers – die englischen Punkrüpel erklärten den sprachlosen Zuschauern nach nur 20 Minuten, sie müssten jetzt dringend zurück ins Hotel, um den Übertragungsbeginn irgendeines hochwichtigen Fußballspiels nicht zu verpassen. Weil ihre Musik nicht im Gedächtnis blieb, lieferten King Kurt eine Bühnenshow, die niemand vergessen sollte. Eimerweise Eier, Mehl, Farbgelee und Wasser flogen von der Bühne ins Publikum und zurück. Ein Gast erinnert sich: »Alles hat in einer knietiefen Pampe gewogt – es war fantastisch!« Auch die anrückende Polizei – wegen der Lebensmittelschlacht vor der Tür gerufen – wurde mit Eiern und Mehltüten empfangen. So manch einer hat nach diesem Abend Jacke und Schuhe nur noch in die Mülltonne werfen können. Aus den Haaren bekam man den zementartigen Brei sowieso nicht mehr heraus.

Die MS-Punks Potpourri Boys folgten dem Beispiel von King Kurt und warfen von der Bühne rohe Hühner, die durch eingeführte Silvesterböller über den Köpfen der Zuschauer explodierten. Später wunderte man sich im Odeon wochenlang über widerlichen Verwesungsgeruch, bevor endlich jemand die Reste des Hühnchens fand, das auf dem Videobeamer unter der Saaldecke gelandet war. »Münsters letzte Punkband« (Selbstbezeichnung) Äni(x)Väx verabschiedete sich 1986 ebenfalls mit fliegender Nahrung (Pizza) in einer wilden Show für immer von den Fans.

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In den legendären Katakomben des Odeons verewigten sich Stars an den Wänden – und indem sie ins Waschbecken pinkelten, sehr zum Ärger von Wirt Möppel ...

An den Wänden des Backstage-Kellers verewigten sich u. a. Johnny Thunders, Gun Club, R.E.M., Killing Joke, L7, The Godfathers, Fleshtones, Georgette Dee, Die Ärzte, Die Leningrad Cowboys undwiesieallehießen.

Inspiriert durch das Stadtjubiläum »1200 Jahre Münster« drehte der harte Kern der Odeon-Tresenhelden 1993 den Videofilm »1200 Jahre Odeon«. Der »monumentale Historienschinken mit vielen Massenszenen« (Werbetext) ist eine obertrashige Geschichtsparodie, die Helge Schneider die Schamröte ins Gesicht treiben würde und zeigt die nicht ganz wahre Entstehungsgeschichte des Odeons von der Steinzeit über Antike, Mittelalter, den 50er und 70er Jahren bis zur jüngsten Gegenwart. Götz Alsmann liefert darin eine Szene als Jugendheim-DJ. Gedreht wurde u. a. in einem echten Domina-Studio. Bei den Dreharbeiten kam es zu einem schweren Unfall: Bei einem »Livekonzert« der Sex Pistols (dargestellt durch die vier Inhaber) zerschlug Wirt Möppel in voller Action einem Statisten versehentlich eine elektrische Gitarre auf dem Kopf. Die »Erste Hilfe« eines angetrunkenen Kumpels bestand darin, die Körperumrisse des Bewusstlosen mit Kreide auf dem Boden nachzuzeichnen. Natürlich wurde die Unfallszene später nicht (!) herausgeschnitten!

Sogar die transsilvanischen Untoten liebten das Odeon: Münsters Grufties trafen sich monatlich zum »Tanz der Vampire« an der Frauenstraße. Die Anhänger der Szene zeichneten sich nicht nur durch ein gruseliges Geisterbahn-Outfit, sondern gleichfalls durch vorbildliche Höflichkeit aus. So staunte das Thekenpersonal immer wieder über Typen, die so erschröcklich aussahen wie Marilyn Manson, Hannibal Lecter und Rumpelstilzchen zusammen, aber schüchternleise flüsterten: »Kann ich bitte eine Apfelschorle?«

Eine Zeit lang durfte der Kreis der Stammgäste seine Wohnzimmertheke an Montagabenden sogar in Eigenverantwortung ohne Aufsicht selbst betreiben. Motto: Selbst zapfen, Geld in die Kasse legen, hinterher abschließen – keinen Scheiß bauen. Das entgegenkommende Vertrauen der Inhaber zahlte sich jedoch nicht aus, weil zwar in Selbstbedienung gezapft, aber nicht immer bezahlt wurde. Auch Münsters singendes Wermutbruder-Original »Caruso« kannte das Geheimnis bargeldloser Zahlung: Er schaffte es immer wieder, die Thekenkräfte zu überrumpeln, indem er einen Cognac bestellte, blitzschnell hinunterstürzte und triumphierend erklärte: »Hab’ kein Geld ...« Caruso war übrigens Mitglied des Odeon-Männergesangsvereins »Concordia Zwietracht«, der sich aber nach einigen Jahren ebenso wieder auflöste wie der Punkrock-Sparclub mit eigenem Kassenkasten an der Theke.

Man kann nicht leugnen, dass das Odeon Mitte der Neunziger langsam von der Zeit überholt wurde und ein bisschen ins Abseits geriet. Zu lange hatte der erste Club am Platz von seiner eigenen Nostalgie gelebt. Auch die heißeste Liebe wird eben irgendwann eine eingefahrene Ehe. Gegen die Vielzahl neuer Mitbewerber und die Trends der Zeit (Club-Hopping, schwindende Bindung an einen einzigen Stammladen, immer späteres Ausgehen) blieben alle Rettungskonzepte machtlos. Axel Seitz hat das Odeon mit einem neuen Profil wieder für ein junges Publikum attraktiv gemacht und fühlt sich dennoch der »Tradition« des Clubs verbunden. Trotzdem fängt er nach dem Umzug an seinem neuen City-Standort auf einem weißen Blatt an – die Geschichte des Odeons zieht nicht mit um, sondern verflüchtigt sich im Baustellenstaub und in der Erinnerung seiner alten Garde. Da verdrückt sich so mancher Ex-Punk jenseits der 30 ein sentimentales Tränchen.

(Erschienen 2002)

Anmerkung:

Das Odeon war mehr als ein Club – es war Münsters Lebensmittelpunkt für alle zwischen 18 und 38. Der Laden war eine Legende, wozu natürlich die Konzerte avantgardistischer Bands beitrugen, die damals vor 300 Münsteranern spielten und heute Hallen und Stadien füllen. Und auch Gäste, die später bekannt wurden, wie z. B. Oliver Kalkofe oder Klaus Fiehe, mussten sich damals vom Tresenchef für unkorrekte Bestellungen anranzen lassen. Für mich persönlich hatte die Schließung des Odeons zwei Aspekte: Einerseits wurde ich wie viele andere plötzlich heimatlos, andererseits hatte sich damit mein Deckel aufgelöst, den ich zuvor schon zwei Jahre lang als Thekenkraft abgearbeitet hatte.

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