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Mord zur Geisterstunde

Jean G. Goodhind

Mord zur Geisterstunde

Honey Driver ermittelt

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger

 

Aufbau-Verlag

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Inhaltsübersicht

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Honey Driver war sich ihrer eigenen Sterblichkeit nur zu bewusst. Ihr war sonnenklar, dass sie eines Tages sterben müsste. Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, sich bereits in den nächsten paar Jahren aus dem irdischen Dasein zu verabschieden – bis heute Abend. Denn eigentlich war doch heutzutage das Alter von fünfundvierzig das, was früher einmal Ende zwanzig gewesen war? Der Gespensterspaziergang war Mary Janes Idee gewesen.

»Ich schau mal in meinem Terminkalender nach«, hatte Honey auf den Vorschlag erwidert. Alles zwecklos. Da war keine Eintragung. Kein geplanter Kneipenbummel durch Bath mit Kollegen aus dem Hotelgewerbe. Auch keine Einladung von Steve Doherty auf einen Drink. Wo war der Kerl, wenn man ihn mal brauchte?

»Und ich habe doch heute Geburtstag.«

Mary Jane war eine gute Seele. Mary Jane war eine Freundin. Aber sie war auch nicht ganz von dieser Welt. Sie glaubte an Poltergeister, Gespenster, Tischrücken, Schutzengel und Feen im Garten.

»Es regnet.«

»Gespenstern macht so ein Tröpfchen Regen nichts aus.«

Tröpfchen? Es regnete Bindfäden, und inzwischen waren Honeys Turnschuhe völlig durchweicht. Eines der Tröpfchen hing ihr an der Nasenspitze. Sie hatte zu niesen begonnen: nicht einmal oder zweimal, mit genug Zeit dazwischen, um in der Handtasche nach Papiertaschentüchern zu wühlen. Nein, die Nieser reihten sich aneinander wie Perlen an einem Rosenkranz, einfach endlos. Dieser Spaziergang würde noch ihr Tod sein.

Ringsum gluckerte das Wasser durch die Regenrohre, sprudelte |6|in die Gullys, tropfte von Fensterbrettern und ergoss sich im bernsteingelben Licht der Straßenlaternen in schimmernden Kaskaden. Hätte Honey einen Schirm dabeigehabt, so hätte der Regen wie mit Hammerschlägen darauf gedonnert. Endlich hatte sie die Papiertaschentücher gefunden, zog eines heraus und stopfte den Rest wieder in die Tasche. Auch in die tröpfelte das Wasser. Grauenhaft! Sie rief sich ins Gedächtnis, dass Mary Jane Geburtstag hatte. Immer schön fröhlich bleiben! Wie um alles in der Welt konnte sie das bewerkstelligen?

Regen, Regen, nichts als Regen. Und Schirme. Sie dachte an Gene Kelly und »I’m singing in the rain …«. Ohne Regenschirm und ganz gewiss ohne die richtige Tonart patschte sie über die Straße.

»Pass auf!«

Mary Jane hatte das gerufen. Und sie gerade noch am Kragen gepackt und zurückgerissen.

Ein Motorrad verfehlte sie um Haaresbreite.

»Idiot!«, brüllte Honey. Der Fahrer verschwand so schnell, wie er aufgetaucht war, wieder in der Dunkelheit und hinterließ eine Gischtfontäne.

»Ich hab sein Nummernschild nicht lesen können. Sonst wäre der Kerl geliefert«, grummelte Mary Jane mit grimmiger Miene.

»Macht nichts. Du hast mich gerade noch rechtzeitig zurückgezerrt. Das ist das Wichtigste.«

»Der ist einfach nicht ausgewichen!«

»Wirklich?«

»O ja.«

Mary Jane war quietschvergnügt und quicklebendig. Sie war Doktor der Parapsychologie und erst kürzlich ganz von Kalifornien in das Green River Hotel in Bath übergesiedelt, um näher bei ihren Verwandten zu sein – ihren toten Verwandten, wohlgemerkt. Die alten Herrschaften hatten schon vor einigen Jahren, nämlich im achtzehnten Jahrhundert, das Zeitliche gesegnet. Mary Jane selbst war auch bereits ein wenig über siebzig, und sie hielt viel von guter Zukunftsplanung.

»Es wird nicht mehr allzu lange dauern, bis ich mich ebenfalls |7|in die Geisterwelt begebe. Ich mag es gar nicht, irgendwo die Neue zu sein. Das hat mir bereits in der Schule und auf dem College überhaupt nicht gefallen. Es kann nie schaden, wenn man schon vorher ein bisschen Kontakt mit den Leuten aufnimmt, ehe man sich zu ihnen gesellt.«

Es war, als hörte man einer netten alten Tante zu, die einen Besuch bei verschollen geglaubten Verwandten in Australien plante.

Honey erkundigte sich, wie lange der Geisterspaziergang dauern würde. »Mindestens zwei Stunden«, versicherte ihr Mary Jane. Honeys Lebensgeister ermatteten vollends.

»Aber doch bestimmt nicht heute Abend. Bei dem Wetter?«

Mary Janes Antwort traf sie wie ein Hammerschlag. »Doch, ganz bestimmt. Vielleicht sogar länger. Der Spaziergang ist besonders bei Senioren sehr beliebt.«

Das war wirklich eine schlechte Nachricht. Nicht alle Senioren waren so fit wie Mary Jane. Vor Honeys geistigem Auge tauchten Spazierstöcke und – schlimmer noch – Rollatoren auf. Nebel senkte sich über die Welt. Sogar die fröhlichen Lichter des Theatre Royal neben dem Pub Garrick’s Head schienen schwächer zu leuchten, als hätte diese Nachricht sie genauso entmutigt wie Honey.

In der breiten Gasse neben dem Haupteingang des Pubs hatte sich eine kleine Gruppe von Menschen versammelt. Die Stadtführerin für den Gespensterspaziergang, ein schmales Ding mit strähnigem Haar und bleichem Teint, lächelte der Gruppe nervös zu. Sie schien in noch schlechterer Verfassung zu sein als alle anderen. Es sah ganz so aus, als würde dieses arme, nasse Hühnchen vom schlechten Wetter langsam weggespült. Der Regen prasselte auf ihren rosa Schirm, prallte vom Stoff ab und sprühte in alle Richtungen.

Mit einem Kopfschütteln vertrieb Honey jeden Gedanken an warme Betten und heiße Getränke. Sie schaltete auf einen Gesichtsausdruck um, den man beinahe als aufmerksam hätte durchgehen lassen können. Die Stadtführerin begann mit ihrem Vortrag.

|8|»Ich heiße Pamela Windsor, und ich mache das hier noch nicht lange. Bitten haben Sie also Geduld mit mir. Leider waren unsere erfahreneren Gästeführer heute Abend alle unabkömmlich. Ich hoffe auf Ihr Verständnis.«

Wasser triefte von Honeys Kapuze, während sie nickte. Klar hatte sie Verständnis. Warum waren sie nicht alle ebenso vernünftig gewesen und zu Hause geblieben?

»Würden Sie mir jetzt bitte Ihre Namen sagen«, fuhr die unglückselige junge Dame fort. »Sie bekommen dann von mir ein Schildchen, das Sie bitte anheften, damit ich weiß, wer Sie alle sind. Ich möchte nämlich einen Artikel über heute Abend schreiben – wenn auch nur für eine Lokalzeitung, müssen Sie wissen.« Sie lachte nervös. Keiner hatte etwas dagegen einzuwenden.

Pamela notierte sämtliche Einzelheiten auf einem aufgeweichten Blatt Papier, das an einem Klemmbrett festgemacht war. Der Regenguss verwandelte es zusehends in Papiermaché, und die Tinte verlief bereits, aber Pamela hielt tapfer durch. Volle Punktzahl für Ausdauer!

Die Mitglieder der Gruppe nannten nacheinander ihre Namen. Die meisten waren unter Kapuzen oder Regenschirmen oder sogar beidem verborgen.

Während Mary Jane sich vor Begeisterung beinahe überschlug, schaute sich Honey die übrigen Spaziergänger an und betete, dass alle, die Stöcke oder Gehhilfen brauchten, zu Hause geblieben waren.

Außer Mary Jane und ihr bestand die Gruppe noch aus vier Männern plus dazugehörigen Ehefrauen. Zwei der Paare waren Amerikaner, eines kam aus Deutschland und das vierte aus Schweden. Dann waren noch zwei Australierinnen mittleren Alters dabei, die zusammenzugehören schienen. Sie kicherten wie Schulmädchen. Sie waren als Letzte aus der Bar des Garrick’s Head aufgetaucht. Ein zarter Hauch von Gin umwehte sie. Neben ihnen stand ein junger Mann mit einem grünen Regencape, der mit einem Akzent sprach, den Honey nicht recht einordnen konnte.

Hurra, keine Spur von einem Rollator! Honeys Freude sollte jedoch nur kurz sein. Ein Taxi fuhr heran. Die vordere Beifahrertür |9|ging auf. Ein Regenschirm wurde aufgespannt, hinter dem eine Dame ehrwürdigen Alters mit flachen Gesundheitsschuhen und Spazierstock auftauchte.

Das Taxi fuhr fort, und die roten Rücklichter verschwammen im Regendunst. Die alte Dame drängelte sich in die Mitte der Gruppe.

»Ich bin Lady Templeton-Jones.«

Mit diesen Worten reckte sie der jungen Stadtführerin ihre Faust mit der Gebühr für den Spaziergang entgegen.

»Hi. Ich bin Hamilton George«, erwiderte einer der Amerikaner und streckte ihr die Hand hin. »Nennen Sie mich Hal. Und wie nennen wir Sie?«

»Lady!«

Honey wechselte einen überraschten Blick mit Mary Jane, soweit das möglich war, wenn man unter einer Plastikkapuze hervor jemanden anschaute, der unter einer anderen Plastikkapuze verborgen war.

»Habe ich da einen Akzent aus dem Mittleren Westen vernommen?«, zischte Honey aus dem Mundwinkel.

»O ja, Mittlerer Westen der USA. Wahrhaftig, Gottes Garten ist groß«, murmelte Mary Jane zurück.

Das war er wirklich. Bath war ein Mekka für Touristen aus aller Welt. Die meisten kamen der Atmosphäre wegen, wollten auf Jane Austens Spuren wandeln, durch die Römischen Bäder spazieren und sich in lüsternen Bildern vorstellen, dass hier irgendwann einmal ein Zenturio nackt im schwefeligen Wasser gebadet hatte – so etwa als Gladiator im Stil von Russell Crowe.

Nun teilte die Stadtführerin die Namensschildchen aus. »Damit ich mich dran erinnern kann, wer Sie alle sind«, erklärte sie zum wiederholten Male.

Obwohl das Schildchen recht winzig war, hatte Ihre Ladyschaft darauf bestanden, dass ihr Titel voll ausgeschrieben wurde. »Lady Templeton-Jones, so möchte ich angeredet werden.«

»Toller Abend für Enten«, gluckste eine der Australierinnen, als wäre das der originellste Witz der Welt.

»Meinst du damit nicht alte Gänse?«, erwiderte ihre Freundin mit |10|einem Kichern. Einen kurzen Augenblick lang kam nicht einmal der Regen gegen die Schwaden von Gordon’s Gin an.

Na, zumindest diese beiden amüsierten sich.

»Gut«, sagte die Stadtführerin und verstaute das Klemmbrett unter ihrem weiten rosa Regenmantel. »Wir fangen gleich hier beim Garrick’s Head an. Wie die meisten von Ihnen sicher wissen, war David Garrick ein berühmter Schauspieler seiner Zeit, und viele alte Pubs, die in der Nähe von Theatern liegen, tragen seinen Namen …«

Nun berichtete sie von seltsamen Begebenheiten im Theatre Royal selbst, bezog sich auf verschiedene Aufführungen der neueren Zeit und nannte jeweils die Anzahl von Zuschauern, die die Geister gesehen oder gehört hatten.

»Die Graue Dame ist tatsächlich während einer Vorstellung vor achthundertsiebenundfünfzig Menschen erschienen!«

Da war die Gruppe aber beeindruckt! So eine präzise Zahl! Nicht achthundertfünfzig, sondern achthundertsiebenundfünfzig! Das musste doch stimmen.

»Ich habe gar nicht gewusst, dass Geister so dreist sein können«, bemerkte jemand aus der Gruppe.

Mary Jane war leicht pikiert. »Hier geht es nicht um einen Geist. Hier haben wir es mit einem Gespenst zu tun, dem Ergebnis einer traumatischen Begebenheit. Geister sind etwas völlig anderes. Die existieren einfach in einem parallelen Universum und nehmen Kontakt auf, wenn ihnen danach ist.« Sie sagte das so, als sei sie daran gewöhnt, regelmäßig Besuch aus dem Jenseits zu bekommen.

Pamela Windsor nickte respektvoll. »Nun, wenn noch jemand auf die Toilette gehen möchte …« Gleich trottete die Hälfte der Gruppe in den Pub zurück. Als sie endlich wieder vollzählig waren, gab die Stadtführerin eine ausführliche Geschichte des Pubs und des Theaters zum Besten. So erzählte sie unter anderem von dem Jasminduft, der stets dem Erscheinen der Grauen Dame vorauswehte.

»Als Nächstes gehen wir über den Queen Square zum Circus …«

|11|Die Gruppe patschte hinter ihr her wie eine Reihe triefnasser Entenküken.

Das Gespenst vom Queen Square kam und ging – vielmehr: es kam nicht.

»Nichts gesichtet.« Mary Jane klang enttäuscht.

»Das muss am Wetter liegen«, zischelte Honey ihr zu.

Während sie eine kleine Steigung hinter sich brachten, die sie zum nächsten Halt führen sollte, beugte sich Mary Jane dicht an Honeys Ohr. »Ich denke nicht, dass wir heute irgendwas Interessantes zu sehen bekommen. Ich empfange von dieser Gruppe ganz negative Schwingungen. Diese Leute sind überhaupt nicht auf spirituelle Dinge eingestellt.«

»Auf Spirituosen manche schon,« erwiderte Honey. Sie schaute zu den beiden Australierinnen hinüber, die wie kleine Schulmädchen über die Pfützen hüpften. Eine der beiden hatte einen Flachmann dabei. Wer die größten Spritzer machte, nahm einen Schluck.

»Diese Leute brauchen dringend spirituelle Beratung«, tadelte Mary Jane.

»Und ich brauche ein Paar neue Turnschuhe.« Honey schaute zu ihren Füßen hinunter und sah, wie das Wasser in Strömen aus den Schnürlöchern troff. Zu allem Überfluss lösten sich immer wieder die Schnürsenkel, schleiften durch die Pfützen und wurden dabei noch nasser. Alle paar Minuten musste Honey stehen bleiben und die Schuhe neu zubinden. Langsam fiel sie immer weiter hinter die Gruppe zurück.

Mary Jane war mit Feuereifer bei ihrem Lieblingsthema und hielt tapfer Schritt mit der Stadtführerin.

Honey bemerkte, dass sie neben der Lady mit dem Spazierstock durch den Regen patschte. Sie fühlte sich verpflichtet, Konversation zu machen. »Sie haben also einen Adelstitel. Wie kommt das?«

»Das geht Sie gar nichts an!«

»Tut mir leid. Nichts für ungut.«

Sie stapften weiter über den leicht erhöhten Kiesweg, auf dem früher die feinen Herrschaften ihre noblen Gewänder zur Schau |12|gestellt hatten. Die vor Nässe triefenden Blätter der Bäume rauschten in der Dunkelheit.

Von weitem hörte Honey die Bemerkung: »Das raschelt wie ein gestärkter Taftrock.«

In Honeys Kopf hatten derlei elegante Gedanken keinen Platz. Vor ihrem geistigen Auge schwebten Bilder von einer heißen Schokolade und einer Wärmflasche, da konnte die Mode des achtzehnten Jahrhunderts nicht mithalten.

Auf dem Rasen in der Mitte des Circus gesellten sich Honey und Ihre Ladyschaft zum Rest der Gruppe.

Pamela erzählte von allerlei seltsamen Begebenheiten, aber all das rauschte weit über Honey hinweg. Ihre Schnürsenkel schleiften schon wieder auf dem Boden. Resigniert beugte sie sich hinunter.

»So, nun geht es weiter. Als Nächstes zu den Assembly Rooms.«

Pamela stach energisch ihren Regenschirm in die Luft.

Die Gruppe trottete hinter ihr her. Honey bildete die Nachhut.

Große Gebäude rechts und links der Straße warfen schwarze Schatten, gegen die auch die Straßenlaternen nicht ankamen. Zunächst ging es zur Gay Street zurück, dann rechts in eine kleine Gasse, die an der Hinterseite der Antiquitätenmärkte vorbeiführte.

Dank ihrer Schnürsenkel war Honey wieder weit hinter der Gruppe zurückgeblieben. Irgendwann konnte sie die anderen nicht mehr sehen oder hören. Nur die Lady aus dem Mittleren Westen war noch in der Nähe. Honey schien es, als würden die Schritte der armen alten Dame immer langsamer. Sie blieb stehen, damit die Frau zu ihr aufschließen konnte, und erhaschte tatsächlich ein Lächeln, als sie mit ihr gleichgezogen hatte. »Ich nehme an, Sie sehen auch keine Geister?«

»Ganz gewiss nicht!«

Honey versuchte es noch einmal. »Und Sie fürchten sich nicht vor Gespenstern?«

»Fürchten muss man sich vor den Lebenden, nicht vor den Toten.«

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Bildete sie sich das ein, oder wollte Ihre Ladyschaft sie abhängen? Honey war sich ziemlich sicher, dass das alte Mädchen jedes Mal, wenn sie zu ihr aufschloss, ihre Schritte beschleunigte.

Sie verspürte das dringende Bedürfnis, der Dame zu erklären, dass sie nicht so wirr im Kopf war wie all die anderen. »Ich hatte gerade nichts Besseres zu tun. Meine Freundin hat mich zu diesem Spaziergang eingeladen. Die ist ganz wild auf so etwas.«

Ihre Ladyschaft reagierte mit einem undeutlichen Knurren.

»Ich bin keine Psychotante. Ich habe ein Hotel«, platzte Honey heraus. »Ein Hotel in Bath.«

»Sie betreiben ein Hotel?« Auf einmal klang die Dame interessiert.

»Schlimmer noch. Es gehört mir. Und das wiederum bedeutet, dass ich der Bank gehöre«, ergänzte Honey mit einem traurigen kleinen Lachen.

Einerseits war es ein Witz – und doch auch wahr. Ihre Begleiterin lachte jedoch nicht.

»Haben Sie zufällig ein Zimmer frei?«

Es hatte ganz den Anschein, als meinte sie es bitterernst.

»Ja. Wann brauchen Sie es denn?«

»Heute Nacht.«

So schnell!

Sie inspizierte im Geiste die Spiegel, schüttelte Kissen auf und zog die Kreditkarte durch die Maschine. »Prima. Geht in Ordnung. Ich nehme an, Sie müssen Ihre Sachen noch in dem Hotel abholen, wo Sie im Augenblick abgestiegen sind …«

»Nein! Nicht nötig. Ich komme gleich mit Ihnen mit, sobald wir diesen absurden Spaziergang hinter uns gebracht haben.«

|14|»Ja, sicher.«

Ihr lag die dringende Frage auf der Zunge, was denn an diesem Spaziergang so besonders absurd war.

Sicher unter der Kapuze versteckt, richtete Honey die Augen fest auf ihre Füße, die durch die Pfützen patschten. Na ja, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. Wie wahr! Sie sollte sich freuen, dass ein Zimmer mehr vermietet war – ohne dass sich der potenzielle Hotelgast auch nur nach dem Preis erkundigt hatte! Das würden sie schon irgendwann klären. Gewöhnlich versuchten Leute mit Adelstiteln nicht zu feilschen. Es war gar nicht gut fürs noble Image, wenn es aussah, als wäre man knapp bei Kasse.

Inzwischen hatte der Regen noch etwas zugelegt. Honey hing weit hinter den anderen zurück. Na ja, auch gut, dann hatte sie eben die Gruppe aus den Augen verloren. Es widerstrebte ihr, auch nur die Nasenspitze unter der Kapuze hervorzustrecken, um einen besseren Überblick zu bekommen. Zum Glück ging es bergab. Die Tour war wohl bald zu Ende.

Entlang der kleinen Gässchen standen eng gedrängt verschieden hohe Gebäude. Zumeist waren darin kleine, eingeschossige Läden untergebracht, die aus der gleichen Zeit stammten wie das uralte Kopfsteinpflaster. Früher einmal waren hier vielleicht Werkstätten von Handwerkern angesiedelt gewesen, oder man hatte Pferde darin untergestellt. Jetzt herrschte Dunkelheit, und selbst bei Tageslicht war nicht viel los. Über einer Tür hing an einem Winkelträger eine alte kupferne Gaslaterne. Dann erregte die flackernde Flamme einer Kerze, die im elegant gewölbten Schaufenster eines Geschäftes brannte, Honeys Aufmerksamkeit. Kurz schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass eine unbeaufsichtigte offene Flamme durchaus ein Feuer verursachen konnte. Hoffentlich nicht. Jedenfalls hatte sie keine Lust, etwas dagegen zu unternehmen. Ein warmes Getränk, sich mit einem Frotteehandtuch abrubbeln, danach stand ihr jetzt der Sinn.

Plötzlich fiel die Gasse steil nach unten ab. Honey konnte ins Obergeschoss der Gebäude zu ihrer Linken hineinsehen. Aus |15|den Fenstern drang warmes Licht und spiegelte sich in goldenen Rechtecken auf den nassen Pflastersteinen. Die glänzten, als hätte sie jemand mit Silikon überstrichen.

Das war ja alles sehr idyllisch, aber das Kopfsteinpflaster war wirklich glitschig. Honey versuchte, sich in schräger Linie nach links zu tasten, um sich an einer Mauer festhalten zu können.

»Seien Sie vorsichtig!«, rief sie ihrer Begleiterin zu.

Keine Antwort. Aufgeblasene Ziege! Hoffentlich rutscht sie aus und zerbeult sich dabei ihr würdevolles Ego ein wenig, dachte Honey.

Sie hielt die Augen weiterhin starr auf die Pflastersteine vor ihren Füßen gerichtet. Es war keine Menschenseele zu sehen. Wie hatte es die Gruppe nur geschafft, diese abschüssige Straße so rasch hinunterzugehen? Vor ihr glänzte der Weg nass – und menschenleer. Sehr menschenleer. Konnte es denn sein, dass sie die Gruppe überholt hatte, ohne es zu bemerken?

Sie schaute über die Schulter zurück. Auch da war niemand. Schatten, die flackernde Kerze, strömender Regen. Keine untersetzte Frau mit hochmütiger Miene und Spazierstock!

Plötzlich peitschte der Wind das Regenwasser aus einem übervollen Rinnstein hoch. Honey schaute auf – und bekam einen Schwall Wasser ins hochgereckte Gesicht. Sie prustete und zwinkerte, fuhr sich mit dem Ärmel über die Augen. Eine Kontaktlinse glitt heraus und fiel zu Boden, war nun kaum mehr als ein winziges Ruderboot für Insekten.

»Verdammt!«

Als Honey unter ihrer Kapuze auftauchte, stellte sie fest, dass sie inzwischen auf ebenem Terrain war und gerade noch vor einer Riesenpfütze zum Stehen gekommen war.

Sie schaute zurück auf die steil aufsteigende Gasse. In langen Bindfäden pladderte der Regen durch den Lichtschein der Straßenlaternen. Honey glaubte, wieder das gleiche Motorrad gesehen zu haben wie früher am Abend. Aber sonst war nichts und niemand zu erspähen, nicht einmal Ihre Mittwestliche Ladyschaft. Wahrscheinlich hatte die sich längst wieder dem Rest der Gruppe angeschlossen. Wie sie das geschafft hatte, konnte |16|Honey sich beim besten Willen nicht vorstellen. Aber heute Abend war ihr das wirklich egal.

»Na gut, wenn es unbedingt sein muss«, seufzte sie und beugte sich hinunter, um mal wieder ihre Schuhe zuzubinden.

Eine Kontaktlinse zu verlieren, das war beinahe so schrecklich, als hätte man zeitweilig ein Bein verloren. Alles war schief. In der Nähe war es ja nicht so schlimm. Aber wenn man in die Ferne blickte, war es der reinste Albtraum.

Plötzlich erregte eine Bewegung am anderen Ende der Gasse Honeys Aufmerksamkeit. Ein paar Leute sprangen fröhlich in einer Pfütze herum, die sich zwischen der Straße und dem Bürgersteig gebildet hatte. Zweifellos waren die beiden Australierinnen auch dabei.

Kaum hatte Honey diesen Gedanken gehabt, da schlenderte ein Paar glänzender Schuhe an ihr vorüber. Sie schaute auf und erblickte einen Hut mit breitem Rand, den sich jemand tief ins Gesicht gezogen hatte.

»Guten Abend«, sagte sie. Wer es auch war, er gab keine Antwort. Das war eigentlich schade, denn sie brannte darauf, eine Bemerkung über die Lackschuhe zu machen.

Glänzende Schuhe?

Lackschuhe?

Bei dem Wetter?

Wie kam es, dass sie nicht nass waren – oder gar völlig durchweicht? Und wieso hatte sie keine Schritte gehört? Das war kein Gespenst. Nein. Das konnte einfach nicht sein. Oder doch? Das Blut gefror ihr in den Adern – und diesmal hatte es nichts mit dem Wetter zu tun!

Honey zischte los wie eine Concorde in Heathrow, rannte und schlitterte über die nassen Pflastersteine, rumpelte in die kleine Gruppe am unteren Ende der Gasse hinein.

»He!«

Die verschwommenen Gestalten wurden deutlicher. Gesichter. Junge Gesichter schauten sie stirnrunzelnd an. »Wir ziehen durch die Clubs«, war deutlich von ihren Mienen abzulesen.

»Tut mir leid! Falsche Gruppe!«

|17|3

Nachdem sie endlich ihrer Begleiterin entwischt war, machte sich Lady Wanda Templeton-Jones – geborene Carpenter – rasch auf denWeg zu dem Laden, in dessen Schaufenster die Kerze flackerte.

Ehe sie am Türgriff drehte, warf sie noch einen raschen Blick über die Schulter. Eine einsame Frauengestalt ging zur Hauptstraße hinunter, ganz darauf konzentriert, nicht auf den glitschigen Pflastersteinen auszurutschen. Ansonsten war die Gasse menschenleer.

Mylady schob die Tür auf und trat in die Dunkelheit hinein. Im Laden roch es nach Spinnweben und Staub. Die Kerze im Fenster trug nicht sonderlich zur besseren Sicht bei. Lady Templeton-Jones tastete mit dem Stock, um zu erkunden, was vor ihr war, machte ein paar Schritte vorwärts und blinzelte in die Finsternis. Über ihr knarrte ein Dielenbrett. Sie schaute hoch. Jede andere hätte es mit der Angst zu tun bekommen. Sie jedoch nicht. Der Zweck ihres Besuchs verbot jede Furcht, die sie vielleicht empfunden hätte. Außerdem war es eine Frage der Ehre.

»Ich muss mit Ihnen reden«, rief sie. »Aber vielleicht wird Ihnen nicht gefallen, was ich zu sagen habe.«

Ihre Stimme klang in ihren eigenen Ohren laut und deutlich, wurde aber immer schwächer, während sie von den getünchten Wänden widerhallte.

Wieder knarrte eine Diele. Hinter ihr flackerte die Kerze. Der Laden stand leer, und zwar schon eine ganze Weile. Der Strom war abgestellt, daher die Kerze. Warum hatte sie nicht daran gedacht, eine Taschenlampe mitzubringen?

»Also los«, ermunterte sie sich selbst leise. Sie war fest entschlossen, die Sache durchzuziehen.

Sie glaubte in der Ecke den Umriss einer Tür auszumachen und |18|ging in diese Richtung. Sie tastete mit dem Stock am Fußboden entlang. Da war ein Absatz – nein – eine Treppe! Die Tür führte zu einer Wendeltreppe und in die tintenschwarze Dunkelheit. Lady Templeton-Jones hielt inne, einen Fuß auf der untersten Stufe, die Hand um den Griff ihres Spazierstocks geklammert – wenn es sein musste, konnte er auch als Waffe dienen.

»He! Sind Sie da oben?«

Vielleicht gab es da noch eine Tür. Vielleicht hatte sie nicht laut genug gerufen. Sie hatte nur die Dielen knarren hören, keine Stimme vernommen.

Sie setzte den Fuß auf die zweite Stufe, beugte sich vor, verrenkte den Kopf und die Schultern, um den oberen Teil der Treppe sehen zu können. Sie konnte einen schwachen Lichtschein ausmachen, der aber sofort wieder verschwunden war. Möglicherweise hatte die Person, mit der sie sich treffen wollte, eine Tür geöffnet und gleich wieder geschlossen.

Gerade wollte sie noch einmal rufen, als sie spürte, wie etwas an ihrem Gesicht entlangstrich. Spinnweben! Spinnen!

Seit ihrer Kindheit hatte sie eine Heidenangst vor Spinnen. Die Panik übermannte sie. Nun setzte sie den Stock, mit dem sie ihren Weg ertastet hatte, als Hiebwaffe ein. Dabei verlor sie kurz das Gleichgewicht, schwankte zurück, dann wieder vor. Sie holte erneut Schwung, stieg nun schneller die Treppe hinauf. Ihr Atem kam in raschen Stößen. Ihre Lungen ächzten und pfiffen.

Es konnte nicht mehr weit sein! Sie musste oben an der Treppe angekommen sein, zumindest kurz davor.

Wieder strich etwas sanft über ihre Brust. Sie nahm weiter Stufe um Stufe, den Stock vor sich ausgestreckt.

Diesmal hörte sie, wie eine Tür ins Schloss fiel. Dann wurde die Dunkelheit erhellt.

Sie hatte ihr Ziel erreicht. Es hatte sich alles gelohnt! Mit letztem Schwung erklomm sie den oberen Treppenabsatz. Was immer ihre Brust umfangen hatte, zog sich jetzt um ihren Hals zu. Sie vernahm noch ein letztes leises Ächzen, ihren eigenen gepressten Atem, als ihr die Luft abgewürgt wurde.

|19|4

So schnell, wie ihre völlig durchweichten Turnschuhe es ihr erlaubten, patschte Honey durch die Pfützen. Wahrscheinlich endete dieser Spaziergang dort, wo er begonnen hatte. Diese Vermutung erwies sich als korrekt. Gerade eben hatten sich die anderen Gespensterspaziergänger wieder vor dem Theatre Royal versammelt.

»Irgendwas gesehen?«, erkundigte sich jemand.

»Nein … ha, ha, ha … Überhaupt nichts.« Selbst in ihren Ohren klang das Lachen gezwungen und wenig überzeugend.

Die triefnassen Gespensterjäger trollten sich ins Garrick’s Head. Sofort begannen ihre nassen Sachen zu dampfen und verwandelten die Lounge Bar in eine chinesische Wäscherei.

Die Australierinnen waren als Erste an der Theke. Honey folgte ihnen auf dem Fuße. Neben ihr drängelte sich Mary Jane vor.

»Hab rein gar nichts gesehen oder gehört«, sagte sie betrübt. »Ich hätte wirklich irgendein Zeichen erwartet. Hast du was gesehen?«

Honey kamen die schimmernden Lacklederschuhe in den Kopf. Sie vermied jeden Blickkontakt und bestellte einen zweiten Drink. »Nein. Nichts.«

Mary Jane verengte die Augen zu Schlitzen und zog eine Augenbraue hoch.

Wie um alles in der Welt machte sie das?

»Du siehst ein bisschen blass aus. Du kippst dir den Schnaps rein wie sonst was. Ich merke doch, dass du was gesehen hast. Du hast was gesehen! Los! Verrat’s mir! Und nimm dir eine Handvoll Kartoffelchips, wenn du schon mal dabei bist.«

Honey bestellte einen weiteren Drink, konnte es sich aber gerade noch einmal verkneifen, tief in die Schüsselchen mit den |20|Nüssen und Kartoffelchips zu greifen, die auf der Theke standen. Mary Jane war manchmal richtig Furcht einflößend. Sie konnte einem Blicke zuwerfen, die einem unmissverständlich mitteilten, man würde auf der Stelle in einen Frosch verwandelt, wenn man nicht mit der Wahrheit rausrückte.

»Hast du schon mal Unterricht in Hogwarts gegeben?«, erkundigte sich Honey.

Mary Jane zog beide Augenbrauen hoch. »Natürlich nicht. Das ist doch nur ein Roman.« Plötzlich wurde ihr Lächeln breiter. »Ich würde aber eine gute Hexe abgeben, meinst du nicht?«

Honey umklammerte ihr Glas fest mit beiden Händen. »Schütt mir bloß nichts in den Drink! Mir reichen Eis und eine Zitronenscheibe vollauf. Von Krötenaugen krieg ich immer Blähungen.«

Mary Jane grummelte leise, ließ sich aber nicht lange von der Fährte abbringen. »Du hast was gesehen, sagst aber nichts.«

Honey schüttelte den Kopf. »Da war nichts.«

Mary Jane beugte sich über sie. »Raus mit der Sprache!«

Noch ein großer Schluck Wodka. »Ich habe einen Mann mit einem schwarzen Umhang und schwarzen Lackschuhen gesehen. Wahrscheinlich auf dem Weg zu einem Kostümball, jede Wette!«

»O du liebe Zeit! O Gott! Du willst doch nicht etwa sagen, dass du was gesehen hast? Wirklich und wahrhaftig?« Zwischen den Falten und Fältchen eines ganzen Lebens hervor schaute Mary Jane sie mit ehrfürchtigem Neid an. »Also, das ist nicht fair. Wieso siehst du ein Gespenst und ich nicht?«

Die Umgebung verstummte. Aller Augen waren auf Honey gerichtet und warteten darauf, dass sie den Startschuss abfeuerte, der sie mit dem fortfahren ließ, was sie gerade getan hatten.

»Nö! Nur einen feinen Pinkel im Abendanzug. Der war wahrscheinlich bei einem überaus wichtigen Diner gewesen. Ich denke mal, dass die Frau aus Ohio – oder wo immer sie herkam – Lady Irgendwas, dass die ihn auch gesehen hat. Die frage ich mal.«

Honey war davon ausgegangen, dass Lady Templeton-Jones vor ihr hergeprescht und schnell wieder zur Gruppe gestoßen |21|war. Blitzschnell wanderten ihre Augen von einem Gesicht zum anderen. Die zerzausten Gespensterwanderer wärmten sich am Geist aus der Flasche. Lady Templeton-Jones war nicht dabei.

»Oh, es sieht ganz so aus, als hätte sie sich bereits abgesetzt.«

Natürlich hatte sie das. Und sie hatte wahrscheinlich auch vergessen, sich in ihrem gegenwärtigen Hotel abzumelden und im Green River anzumelden. Leute, die Zimmer buchten und dann nicht eincheckten, waren ein echter Albtraum und überaus ärgerlich.

Verdammt! Ich hätte mir ihre Kreditkartennummer geben lassen sollen!, überlegte Honey.

Plötzlich wurde etwas mit lautem Krachen auf die Theke gedonnert, dass die kostenlosen Erdnüsse nur so in den Schüsselchen tanzten.

Eine Stimme dröhnte: »Hier ist Ihre Tasche, Ihre Ladyschaft.«

Die Gespräche verstummten. Verständnislose Gesichter wandten sich dem Mann zu.

»Lady Templeton«, fügte er hinzu. Ob absichtlich oder aus Versehen, jedenfalls hatte er den gewöhnlicheren Namen Jones weggelassen.

Adrian Harris war der Pächter des Pubs. Er war groß, finster und aufgedunsen. Sein einstiger Waschbrettbauch war schon lange zu einem Waschtrommelbauch geworden. Zudem hatte er den leicht verschwitzten bleichen Teint eines Menschen, der nachts wach ist und tagsüber schläft. Eine Art Vampir, nur ohne Reißzähne und straffe Muskeln.

»Ich glaube, sie ist direkt ins Hotel gegangen«, erklärte Honey. »Sie checkt dort aus und kommt dann zu mir. Ich nehme an, sie taucht irgendwann in meinem Hotel auf.«

»Dann gehört das Ding Ihnen«, meinte Alex schroff. Er knallte Honey die Tasche vor die Nase und wandte sich abrupt ab.

»Aber sie kommt vielleicht wieder her, um die Tasche abzuholen.«

»Da hat sie dann eben Pech. Ich mache um Punkt elf dicht.« Adrian war ein ungehobelter Klotz. Er kümmerte sich einen Dreck um andere Leute.

|22|»Ich dachte, die Regierung erlaubt jetzt Ausschank rund um die Uhr?«

»Ich scheiß was auf die Regierung. Rund um die Uhr trinken, das tu ich, sobald ich im Urlaub bin. Morgen mach ich die Mücke, auf zur Costa del Sol. Da kann ich keine alten Taschen in meiner Kneipe gebrauchen – alte Schachteln übrigens auch nicht.«

»Charmant, charmant«, murmelte Honey, die annahm, dass sie eine der alten Schachteln war.

»Entschuldigung.«

Sie drehte sich um und schaute in Pamela Windsors blasses Gesicht. Die Augen der jungen Frau strahlten jetzt ein wenig, vielleicht weil sie inzwischen dampfgetrocknet war.

»Die nehme ich wohl besser an mich«, meinte die Stadtführerin und griff nach der Tasche. »Ich kann ja in Lady Templetons Hotel eine Nachricht hinterlassen, dass die Tasche sicher in meinem Besitz ist. Das geht bestimmt so in Ordnung.«

Nun gut, das war ein vernünftiger Vorschlag. Warum bloß hatte Honey plötzlich das Gefühl, sie müsste dieses braune Lederding beschützen? Lag es daran, dass es ihrer eigenen übergroßen Lieblingstasche ähnelte, wenn es auch ein wenig kleiner war? Oder hatte es etwas damit zu tun, dass die junge Stadtführerin auf einmal weniger bleich und wesentlich lebhafter aussah als in den vergangenen Stunden?

»Das ist nicht nötig.« Honey drückte die Tasche fest an sich, als wäre sie ein hungriges Neugeborenes. »Ihre Ladyschaft wollte in ihrem Hotel aus- und in meinem einchecken. Wahrscheinlich ist sie schon dort, wenn ich heimkomme.«

Es gab keineswegs eine Garantie dafür, dass Ihre Ladyschaft im Green River Hotel auftauchen würde. Noch viel weniger hatte Honey irgendeinen Grund für ihr Misstrauen gegen Pamela. Die junge Frau meinte es nur gut. Aber Honey konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass irgendetwas nicht stimmte. Im Green River Hotel gingen Gott und die Welt ein und aus. Da lernte man allmählich das Verhalten der Menschen einzuschätzen. Keine Frau ab einem gewissen Alter würde je ohne ihre Handtasche am Arm nach Hause oder in ihr Hotel zurückgehen. |23|In dieser Tasche befand sich doch alles, was ihr lieb und teuer war: Schlüsselbund, Telefon und Geld, vielleicht noch ein alter Lippenstift und eine Puderdose, dazu Familienfotos.

Honey murmelte etwas in diesem Sinne.

Pamela schaute sie wütend an. Seltsam, denn eigentlich war sie nicht der Typ, der wütend schaute. Sie war eher der nervös mit den Wimpern klimpernde Typ. Jetzt schaltete sie genau auf diese Masche um. Klimper, klimper. Gleichzeitig versank ihr Kinn im Rollkragen ihres grellroten Pullovers. »Das wusste ich nicht. Also, wenn Sie sich völlig sicher sind …?« Jetzt war ihre Stimme ganz leise und schwach. Aber vorher hatte Honey eine Sekunde lang einen kurzen Blick voller Stärke, vielleicht sogar eine Spur von Temperament erhascht.

Mary Jane schlug vor, die Polizei einzuschalten.

»Damit sollten wir besser noch warten«, warnte Honey. »Es ist noch viel zu früh, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben. Wahrscheinlich hat sie sich doch entschlossen, in ihrem anderen Hotel das Gepäck abzuholen. Und dabei hat sie ganz vergessen, dass sie die Tasche hier deponiert hatte.«

Pamela Windsor zog sich noch weiter in ihren Rollkragen zurück. Ihre Augen waren starr auf die Tasche gerichtet. »Ich fürchte, sie geht davon aus, dass ich mich um ihr Eigentum kümmere.«

Einen Sekundenbruchteil überlegte Honey, ob sie der jungen Frau die Tasche überreichen sollte. Mary Jane drängte sich als Erste dazwischen. »Wenn die Lady ins Green River umzieht, kann sich Honey am besten um die Tasche kümmern. Sie hat einen riesigen grünen Safe in ihrem Büro hinter dem Empfang. Dort ist die Tasche gut aufgehoben, bis jemand sie abholt.«

Honey berührte Mary Jane sanft am Arm und erklärte ihr leise, dass man besser nicht so öffentlich in einer Kneipe über Safes und Wertsachen plauderte.

»Scheint dir doch auch sinnvoll, oder?«

Mary Jane reckte das Kinn vor. »Schon kapiert. Du willst nicht, dass bei uns einer eine Biege macht.«

»Einen Bruch, meinst du wohl. Einen Einbruch.«

|24|»Genau!«

Mary Jane bemühte sich, den Slang des Vereinigten Königreichs möglichst rasch zu erlernen. Das Meiste nahm sie aus Seifenopern, die in Nordengland oder im East End von London spielten. Einmal hatte sie tatsächlich versucht, eine walisische Serie anzuschauen, weil sie überzeugt war, auf diese Weise Walisisch lernen zu können. Das war ihr allerdings nicht gelungen.

»Gut. Also hat jemand ihre Ladyschaft abgemurkst.«

Honey korrigierte sie nicht. Denn unter Umständen hatte sie recht.

 

Als die beiden wieder im Green River eintrafen, saß Lindsey am Schreibtisch und surfte im Internet. Der Schreibtisch war eine Maßanfertigung. Über der Schreibplatte waren offene Fächer angebracht, die vor den Augen der Gäste verborgen waren, aber in Reichweite des am Empfang arbeitenden Personals lagen. Kaum hatte Lindsey ihre Mutter erblickt, zog sie schon aus einem der Fächer eine halbe Flasche Shiraz und ein leeres Glas hervor.

Honey spürte sofort, wie eine Welle der Entspannung über sie hinwegschwappte. »Wie gut mich meine Tochter doch kennt.«

»Aber erst mal das hier!«, ordnete Lindsey an und reichte ihr ein Handtuch.

»Ich hab rein gar nichts gesehen«, erklärte Mary Jane betrübt, während Honey sich das Haar trocknete.

Mit dem um den Kopf geschlungenen Handtuch ließ sich Honey einen Schluck Wein auf der Zunge zergehen. »Ich dagegen habe jemanden verschwinden sehen.«

»Man kann niemanden verschwinden sehen. Wenn Leute verschwinden, kann man sie nicht mehr sehen«, verbesserte Lindsey sie. Ihre Tochter konnte gut mit Worten umgehen.

Mary Jane hingegen ließ sich von Begriffen wie »Spuk« und »unsichtbar« leicht beeindrucken. Besonders gut fand sie das Wort »verschwinden«. Augenblicklich riss sie erstaunt Mund und Augen auf.

Honey tippte auf die Tasche, die ihr nun anvertraut war. »Ich |25|muss mich wohl bei der Queen dafür entschuldigen, dass ich die englische Sprache so unvollkommen beherrsche. Also, dann lass mich mal erklären. Eine Frau ist auf dem Gespensterspaziergang verschwunden. Diese Tasche ist alles, was von ihr noch da ist.«

»Ja«, sagte Mary Jane und klappte den Mund wieder zu. »Natürlich ist sie nicht verschwunden. Nicht buchstäblich. Sie ist einfach verloren gegangen. Aber ich, ich habe nichts gesehen«, wiederholte sie bestürzt, weil sie mit keinem einzigen Gespenst, Poltergeist oder Kobold hatte Kontakt aufnehmen können.

»Hat Cedric dir schon zum Geburtstag gratuliert?«, erkundigte sich Lindsey.

Mary Janes Lächeln brachte Hunderte von Fältchen zum Vorschein. »Ich denke, er wird mir ein Ständchen singen.«

»Herzlichen Glückwunsch, Mary Jane. Träum was Schönes«, sagte Lindsey.

»Herzlichen Glückwunsch, und vielen Dank für den tollen Abend«, fügte Honey hinzu.

»Toll?«, murmelte Lindsey mit gezwungenem Lächeln.

»Nass«, zischelte ihre Mutter zurück.

Lindsey war eine jüngere Ausgabe von Honey, mit Ausnahme der Haarfarbe, die je nach Jahreszeit wechselte. Lindsey wirkte sportlicher, hauptsächlich weil sie Spaß an Bewegung hatte, Honey dagegen nicht. Der reichte ein wenig Salsa im Schlafzimmer vollkommen. Lindsey dagegen ging lieber zum Joggen.

Mary Jane machte sich auf den Weg in ihr Zimmer. Sie sah ein bisschen aus wie Batman, wenn auch die Leggings um die knochigen Knie herum leicht ausgebeult waren und das Cape aus rosa Angorawolle keinerlei Batman-Insignien aufwies.

»Also, dann erzähl mal deine Geschichte!«, forderte Lindsey ihre Mutter auf, sobald der einzige ständige Hotelgast die Treppe hinaufgeschwebt war.

Honey stützte die Ellbogen auf die Schreibtischplatte und legte das Kinn in eine Hand. Sie schwenkte den Wein im Glas und schaute zu, wie er auf und ab schwappte. »Erst ging eine Frau neben mir, und im nächsten Augenblick war sie weg.«

»Eine nette Frau?«

|26|»Herrisch und anmaßend. A propos: hat deine Großmutter angerufen?«

»Dreimal. Sie hat ein Problem. Sie hat gejammert, sie könnte genauso gut auch kinderlos sein. Sie hätte mal gehört, in ihrem Alter könnte man sich darauf verlassen, dass die Kinder sich um einen kümmerten. Insbesondere, wenn man eine Tochter hätte. Dich könnte man jedoch nicht mal auf dem Handy erreichen. Ich habe ihr erklärt, dass du einen Gespensterspaziergang mitmachst und dass Mobiltelefone das Ektoplasma stören – oder so ähnlich.«

Honey verdrehte die Augen.

Lindsey grinste. Gloria Cross, Honeys Mutter und Lindseys Großmutter, war keine gewöhnliche Siebzigjährige. Seniorin war sie vielleicht, aber nicht senil. Sie hatte dezidierte Meinungen und einen erlesenen Geschmack, für den die Mode von Donna Karan und die Kosmetik von Helena Rubinstein gerade eben gut genug waren.

Honey schaute auf ihr Handy. Drei Anrufe in Abwesenheit, alle von ihrer Mutter. Keiner von Steve Doherty. Der hat viel zu tun, ermahnte sie sich. Polizisten haben immer viel zu tun.

Die Tasche wurde in den Safe eingeschlossen, und der Nachtportier trat seinen Dienst an. Mutter und Tochter überließen ihm den Empfang und machten sich auf den Weg zum Kutscherhäuschen hinter dem Hotel. Sie hatten das alte Gebäude buchstäblich auf den Kopf gestellt, um in den Genuss der schönen Aussicht auf die Stadt zu kommen. Das bedeutete, dass die Schlafzimmer im Erdgeschoss untergebracht waren und das riesige Wohnzimmer, die Küche und das Bad auf der Etage darüber. So boten sie einen wunderbaren Blick auf Mansardendächer und die grünen Hügel, die die Stadt umgaben.

Nachdem Honey die durchgeweichten Turnschuhe und Socken von den Füßen gestreift hatte, gönnte sie sich eine heiße Dusche. Genau wie sie kam nun auch das alte Haus allmählich zur Ruhe und machte sich für die Nacht bereit, während immer noch das Wasser über das Dach strömte und gurgelnd durch die uralten Regenrohre rauschte.

|27|Honey schloss die Augen und kuschelte sich in ihr Kopfkissen. Das tat so gut. Es war tröstlich. Warm. Und doch – sie konnte einfach nicht einschlafen.

Verärgert rollte sie sich auf den Rücken und starrte zur Zimmerdecke hinauf. Was zum Teufel hielt sie denn wach?

Sie seufzte. Ihre Gedanken liefen immer im Kreis.

Warum hatte die alte Dame so plötzlich ins Green River umziehen wollen? War das Hotel, in dem sie wohnte, so schlecht? Es nutzte gar nichts, sich darüber eine schlaflose Nacht zu machen. Morgen früh würde die Lady wahrscheinlich aufkreuzen und ihr eine mehr oder weniger plausible Entschuldigung auftischen. Niemand verschwand einfach so.

|28|5

Sie fand keinen Schlaf, obwohl der Regen schon längst nicht mehr an ihr Schlafzimmerfenster prasselte. Sie schaute auf die Uhr. Halb zwei morgens. Sie versuchte, die Augen ganz fest zu schließen. Doch ihre Gedanken wirbelten weiter.

Wie wäre es, wenn du all deine Schritte zurückverfolgtest?

Das soll wohl ein Witz sein?

Oder: wie wäre es, all deine Schritte zurückzuverfolgen und dann in den Zodiac Club zu gehen? Wie wäre es, wenn Doherty da auf einem Barhocker säße und auf dich wartete? Dann könntest du ihm von diesem seltsamen Abend erzählen.

Honey schwang die Beine aus dem Bett und zog sich an. Jeans, Pullover und Slipper, das wäre dem Anlass angemessen. Die durchgeweichten Turnschuhe lagen schon im Mülleimer. Sie suchte ein neues Paar heraus, dazu Jeans und einen roten Angorapullover. Der Regenmantel war noch triefnass. Sie ließ ihn über dem Heizkörper hängen und hoffte, dass sie keinen brauchen würde.

Nach dem Ende des Regens war das Leben in die Stadt zurückgekehrt. Na gut, es herrschte nicht gerade ausgelassene Partystimmung. Doch die Einwohner von Bath streckten wie nächtliche Lemminge vorsichtig die Nase vor die Tür und nahmen Witterung auf.

Ein großes, glänzendes Motorrad bremste und fuhr eine Weile im Schritttempo neben ihr her. Sie schaute sich um. Eroberten jetzt Kawasaki und Yamaha die Stadt?

Da tauchte unmittelbar hinter dem glänzenden Ungetüm ein Polizeiauto auf. Eine kurze Drehung des Gasgriffs, ein dumpfes Röhren, und das Motorrad war weg.

Das Polizeiauto fuhr ebenfalls langsam. Die Beamten sahen sich die Schaufensterfronten genau an. Dann war auch der Streifenwagen vorbei.

|29|Honey schaute ihm hinterher. An der Ampel flammten die Bremsleuchten grell auf, ehe das Auto in der Nacht verschwand. Honey war jetzt in der Nähe des Henrietta Parks. Ihr gruselte ein wenig vor den dunklen Schatten der Bäume, und sie blieb auf der anderen Straßenseite. Ein Duft nach frischem Laub lag in der Luft.

Auf der anderen Straßenseite kamen zwei joggende Gestalten in Sicht. Die sind aber spät dran, überlegte Honey. Leute mit seltsamen Arbeitszeiten wahrscheinlich, zum Beispiel von sechs Uhr morgens bis zwei Uhr nachmittags oder von drei Uhr nachmittags bis elf Uhr nachts, denen fiel es nicht leicht, Zeit für Fitness einzuplanen.

Da erkannte sie einen der Jogger. Doherty! Beim Joggen? Er war ihr nie wie ein Fitness-Fanatiker oder Sportenthusiast vorgekommen.

Nun fiel ihr Augenmerk auf seine langbeinige Begleiterin. Das verstand er also unter Sport! Die junge Dame war blond, groß und athletisch gebaut. Sie hatte kantige Schultern und schier endlos lange Beine. Ihr Busen war fest und hüpfte kein bisschen. Entweder hatte man ihr einen Gipsverband angelegt, oder sie trug einen gusseisernen BH.

Honeys Herz schlug ein paar Purzelbäume. Nein, eifersüchtig war sie nicht, beteuerte sie sich. Doherty war ja wirklich nicht Mr. Wunderbar. Nicht einmal der beste Polizist der Stadt. Aber er hatte sie hilfreich an der Hand geführt, seit sie ihre Aufgabe als Verbindungsperson zwischen dem Hotelfachverband und der Kriminalpolizei angetreten hatte. Sie fühlte sich in seiner Gesellschaft wohl – es war ein bisschen wie mit den alten Turnschuhen, die sie gerade weggeworfen hatte.

Wenn sie weiter so auf der Straße herumlungerte, mussten die beiden sie sehen! Das wollte sie auf keinen Fall. Dann dachte er vielleicht, sie wäre auf dem Weg zu ihm gewesen. Verzweifelt wollte sie ja nicht wirken – auch nicht übermäßig begeistert. Um Himmels willen, bloß das nicht!

Auf ihrer Straßenseite gab es nichts, wo sie sich hätte verstecken können. Was tun?

|30|»Soll ich Sie zum Hotel mitnehmen?«

Bloß nie mit Fremden mitfahren! Sie schaute ihn von Kopf bis Fuß an. Silberner Helm, Lederjacke, Jeans und … Gummistiefel! Es war blödsinnig.

Es war eine völlig spontane Reaktion, aber, he, niemand, der finstere Machenschaften plant, trägt Gummistiefel, oder?

Natürlich nicht!

Schon schwang sie das Bein über den Beifahrersitz. Sie wandte das Gesicht von Doherty und seiner Begleiterin ab und lehnte die Wange an das glatte Leder der Bikerjacke.

Der Motorradfahrer bog in Richtung Stadtzentrum ab und fuhr dann auf den Lansdown Hill zu. Panik überkam Honey. »He!«, protestierte sie.

Das Green River Hotel lag in der entgegengesetzten Richtung.

Sie tippte dem Mann auf die Schulter. »Entschuldigung!«

Der Wind trug ihre Worte fort. Nun ging es im rasenden Tempo den Lansdown Hill hinauf, immer haarscharf an geparkten Autos und anderen Fahrzeugen vorbei, die es wagten, auf der Straße unterwegs zu sein.

Honey traute sich nicht, ihren Griff zu lockern. Der Fahrtwind pfiff ihr durchs Haar. Statt der eleganten Gebäude sah man jetzt niedrige Cottages. Sie flitzten an der Rennbahn und an den Blathwayt Arms vorüber. Wo zum Teufel wollte er mit ihr hin?

Er folgte der Linkskurve der Straße. Da erkannte sie, wo sie waren. Sie fuhren in Richtung Wick bergab, zu einem Dorf in der Nähe von Bristol. Vielleicht würde er ja dort einmal so lange anhalten, dass sie vom Sozius springen konnte.

Springen? Sie erinnerte sich an ihr Alter und machte sich klar, dass ihr die Behändigkeit, die sie als quicklebendige Neunjährige vielleicht einmal besessen hatte, inzwischen abhanden gekommen war.

Das Motorrad verlangsamte unten an der Flanke des Hügels kaum das Tempo, es nahm eine Rechtskurve und fuhr nun den Tog Hill hinauf.

Honey erinnerte sich, dass man von hier eine atemberaubende |31|Aussicht hatte. Nicht, dass sie bei der augenblicklichen Sachlage Zeit und Muße gehabt hätte, sich zurückzulehnen und das Panorama zu genießen.

Ihre Vermutung war richtig gewesen. Oben am Aussichtspunkt flitzten sie in elegantem Bogen um den Kreisverkehr und dann wieder zurück in Richtung Bath.

Honey tippte dem Fahrer noch einmal auf die Schulter. »Was soll diese Fahrt ins Blaue?«

Keine Antwort.

Halt dich gut fest, Mädchen, sagte sie sich, und meinte damit nicht nur die Motorradfahrt. Die war ja auch noch nicht vorüber. Es musste doch einen Grund geben, warum der Mann sie entführt hatte. Alles hatte einen Grund, oder nicht?

Honey ging die verschiedenen Möglichkeiten durch. Vermutung Nummer eins: Er versuchte, ihr Angst einzujagen. Warum, das wusste sie nicht. Na gut, sie raste ja nicht jeden Tag auf dem Sozius eines Motorrades durch die Gegend. Aber hatte sie wirklich Angst? Nein. Nein, Angst hatte sie keine. Insgesamt kam sie eigentlich mit der Sache erstaunlich gut klar.

Möglichkeit Nummer zwei: Der Mann wollte sie wirklich nach Hause bringen und war versehentlich in die Irre gefahren. Völliger Blödsinn!

Gedanke Nummer drei: Eigentlich hatte der Kerl an einem düsteren Ort anhalten und sie vernaschen wollen, dann aber bemerkt, dass sie alt genug war, um seine Mutter zu sein. Er hatte es sich anders überlegt.

Die letzte Möglichkeit wurmte sie ein wenig. Andererseits war sie auch erleichtert.

Nun tauchten wieder vertraute Straßen und Gebäude auf. Mit kreischenden Bremsen kam das Motorrad vor dem Green River zum Halten.

Honey war zu Hause!

Unelegant, aber eilig schwang sie sich vom Sozius. Endlich stand sie wieder mit beiden Beinen auf der Erde.

Ihr Haar war wirr, ihr Gesicht eiskalt, aber sie war unversehrt. Der sollte jetzt aber was zu hören bekommen!

|32|»Also«, hob sie an, hatte schon mütterlich mahnend den Zeigefinger in die Höhe gestreckt und wollte gerade loslegen.

Dazu sollte sie keine Gelegenheit bekommen. Der Mann bewegte kurz das Handgelenk, eine schnelle Drehung des Gasgriffs, und schon war das Motorrad weg, schnell wie Supermann.

Einen Augenblick lang stand Honey verdutzt da und überlegte. Irgendwie wirkten diese Gummistiefel trotzdem harmlos. Sie gehörten nicht gerade zur Standardbekleidung eines Kerls, der einen solchen schwarz-metallenen Hengst ritt. Gummistiefel, das passte doch eher zu einem anderen, richtigen Pferd, der Sorte mit vier Beinen, eigentlich noch besser zu jemandem, der hinter einem solchen Tier den Mist wegschaufelte.

Na ja, sei’s drum. Jetzt war sie müde und würde schlafen. Das Bett rief. Das hatte der Motorradfahrer zumindest geschafft. Und was Doherty anging …

Es war ein seltsamer Abend gewesen.

»Ich bin reif fürs Bett«, murmelte Honey vor sich hin, als sie die Tür zum Kutscherhäuschen aufsperrte. Drinnen war alles still und vom silbernen Mondlicht erhellt, das durch das runde Fenster hoch oben im Giebel der offenen Balkendecke strömte.

Sie schauderte leicht. Sie nieste. Verdammter Regen! Verflixt, wenn sie jetzt eine Erkältung oder Grippe kriegte! Dagegen hatte Honey ein lang erprobtes Rezept. Sie holte sich ein Tütchen Aspirin mit Vitamin C aus dem Badezimmer und suchte alles zusammen, was sie sonst noch brauchte: Kognak und eine Dose Cola. Das Zeug schmeckte gut und ging runter wie Öl. Als sie das Glas wieder abstellte, fiel das noch ungeöffnete Päckchen Anti-Grippe-Pulver herunter. Mist!, dachte sie, klaubte es vom Boden und riss es auf. Dann muss ich eben noch einen trinken.

Der Kerl mit dem Motorrad hatte sie nervös gemacht. Wer war er? Warum stellte er ihr nach?

|33|6

Honey war erst ein paar Minuten zu Hause, als ein junger Mann namens Simon Taylor vor dem Haus aus der Regency-Zeit1 vorfuhr, in dem er wohnte. Es lag in einer Häuserzeile und war schon vor langer Zeit in Wohnungen aufgeteilt worden: fünf Etagen mit je zwei Wohnungen. Er parkte sein Motorrad in einer der für Zweiräder reservierten Parkbuchten neben einem dunkelroten Motorroller. In der Wohnung, die er sich mit seiner Mutter teilte, brannte im Wohnzimmer noch Licht. Simon hoffte, dass sie nur vergessen hatte, es auszuschalten, und bereits zu Bett gegangen war. Das war allerdings unwahrscheinlich. Seine Mutter blieb immer auf, bis er wieder heimkam. Das machte sie schon seit jeher so.

Die Haustür war breit und hatte sich im Rahmen verzogen. Als er sie aufdrückte, schrammte sie über die schwarzweißen Bodenkacheln. Der Eingangsflur war alles andere als einladend. Die Wände und Wohnungstüren im Inneren waren in verblasstem Burgunderrot gestrichen. Die Farbe hatte der Hausbesitzer vor einigen Jahren kübelweise im Sonderangebot erstanden. Ein Mieter im Erdgeschoss hatte versucht, die düstere Stimmung etwas aufzuhellen, indem er am Eingang zu seiner Einzimmerwohnung einige rosafarbene und goldene Linien um den Türsturz gemalt hatte. Als Kunstwerk konnte man das nicht gerade bezeichnen, und die Atmosphäre allgemeiner Vernachlässigung wurde dadurch kaum gemildert.

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