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Mord zur Bescherung

Jean G. Goodhind

Mord zur Bescherung

Honey Driver ermittelt

Kriminalroman

Aus dem Englischen
von Ulrike Seeberger

Impressum

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

The Ghost of Christmas Past

Mit einer Nachbemerkung über

Weihnachten in England

von Ulrike Seeberger

ISBN 978-3-7466-2877-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2012

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2012 bei Aufbau

Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Copyright © by Jean Goodhind 2011

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Mediabureau Di Stefano, Berlin

unter Verwendung mehrerer Motive von iStockphoto

© Annarki, © Steven Dern, © Bill Noll und © Brandi Powell

Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

www.aufbau-verlag.de

Prolog

Maine, USA.

Die Lautsprecher im Gefängnis plärrten Weihnachtslieder, und zwei Wärter waren damit beschäftigt, einen aufblasbaren Weihnachtsmann hinter einem eisernen Gitter aufzustellen.

Professor Jake Truebody hüstelte, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Widerwillig kam einer der beiden über den Hof auf ihn zu.

»Was ist los, Doc?«

»Einer meiner Aktenordner ist verschwunden.«

»Das tut mir leid, Professor. War was Wichtiges drin?«

Auf einer Skala von eins bis zehn hatte die Reaktion des Wärters eine dicke fette Null erreicht. Waffen – das heißt alle scharfen Gegenstände mit einer Spitze, die brachten acht bis zehn. Hereingeschmuggelte Dinge wie Drogen, Mobiltelefone oder Schnaps irgendwas zwischen sechs und sieben. Die Unterlagen eines Professors, der nur ab und zu hier auftauchte, erzielten etwa den gleichen Wert wie ein Paar sechs Jahre alte Sportschuhe oder ein ausgeleierter Slip. Null.

Der Professor versuchte seine Ungeduld zu zähmen. »Für mich schon. Es war ein wichtiger privater Brief drin, der auf die Post muss, und dann waren da noch einige Notizen für den Geschichtskurs. Die Gefangenen haben sich darauf gefreut.«

Die Miene des Wärters verzog sich leicht. Ernsthaftes Interesse kämpfte mit Belustigung. Die Belustigung siegte.

Grinsend sagte er: »Ich hoffe, es ist nichts zu Blutrünstiges, Professor. Sie wissen doch, wie sehr der Direktor darauf bedacht ist, unsere Insassen vor zu viel Blut und Horror zu beschützen. Tom und Jerry stehen schon auf der schwarzen Liste, und im Augenblick überlegt er, ob bei Schneewittchen und den Sieben Zwergen nicht zu viele sexuelle Untertöne mitschwingen.«

Der Wärter schaute zu seinem Kollegen und zwinkerte ihm listig zu. Beide grinsten.

Jake Truebody blinzelte nervös, ehe er kapierte, dass der Mann nur Witze machte. Scherze gehörten in dem großen Gefängnis, wo der Professor einen Geschichtskurs abhielt, einfach dazu. Jeder machte Witze; die Gefangenen, die Wärter, die Lehrkräfte, die allesamt von draußen kamen, das medizinische Personal, sogar der Direktor. So wurden sie besser damit fertig, immer mit den gleichen Gefangenen zu tun zu haben, mit der gleichen Hoffnungslosigkeit, jahrein, jahraus.

Sobald er begriffen hatte, dass der Wärter nur gescherzt hatte, rang sich Professor Jake Truebody ein kleines, schmallippiges Lächeln ab. Die Gefängnisumgebung war ohnehin deprimierend, und der hemdsärmelige Humor der Bewacher half ihm auch nicht darüber hinweg. Er war ein Mann mit einem ausgeprägten sozialen Gewissen und nahm alles, was er hier tat, sehr ernst. Indem er einen Geschichtskurs für eine Gruppe Lebenslänglicher abhielt, leistete er seiner Meinung nach etwas Wichtiges für die Gesellschaft. Zwei Stunden pro Woche, mehr waren bei seinem Vorlesungsprogramm an der Uni und seinem vollen Terminkalender nicht drin. Die Wärter waren jeden Tag hier; ein wenig Spaß und Leichtherzigkeit half ihnen, das auszuhalten. Dem Professor lagen Witze nicht. Ihm war auch nicht immer klar, ob jemand einen Scherz gemacht hatte oder nicht.

Er nahm den Kommentar des Wärters ernster, als er gemeint gewesen war.

»Ich habe mir große Mühe bei der Auswahl der Themen gegeben. Keine blutigen Sachen, nur spannende Einzelheiten zu interessanten Epochen. Kürzlich haben wir uns herausragende Frauen in der Geschichte vorgenommen«, erklärte der Professor mit seiner üblichen Begeisterung für das Thema, das er liebte.

»Sie haben sich die Damen vorgenommen?«

»Natürlich im übertragenen Wortsinn«, erwiderte Truebody und errötete vom Hals bis zu den Haarwurzeln.

Der Wärter, der zweideutige Bemerkungen liebte, aber Geschichte für Blödsinn hielt, zog die buschigen Augenbrauen in gespielter Besorgnis in die Höhe. »Ich hoffe, das war nicht zu sexy, Professor. Der Direktor hat sehr …«

»Ja, ja, ich weiß, der Direktor hat etwas gegen einen Lehrplan mit zu viel Sex. Daran halte ich mich natürlich. Es waren übrigens auch einige persönliche Unterlagen bei meinen Vorlesungsnotizen in dem Ordner. Ich habe einen kurzen Abriss meines Lebens verfasst und einen Familienstammbaum aufgezeichnet. Dabei sind einige Überraschungen aufgetaucht, die weitere Nachforschung verdienen würden. Ich hätte also die Papiere wirklich sehr gern zurück. Sie halten also bitte die Augen offen?«

»Darauf können Sie wetten.«

Sobald der Professor ihm den Rücken zugewandt hatte, verzog der Wärter den Mund zu einem zynischen Grinsen. Warum um alles in der Welt sollte es sich ein Gefangener antun, die Unterlagen eines Professors zu klauen, der hier Kurse abhielt?

»Sind ja keine Aktien oder ein Mobiltelefon«, erzählte er später einem Kollegen, als sie zusammen Dienst taten. »Seid ihr mit dem Weihnachtsmann fertig?«

Sein Kollege versicherte ihm, der Weihnachtsmann sitze fest hinter den nachgebildeten Fenstergittern. »Der kommt da so schnell nicht wieder raus. Aber jetzt machen wir besser hier weiter.«

Lametta und Weihnachtskugeln wurden zur Seite geräumt, und es ging an die Schreibarbeit. Heute durften gleich zwei Gefangene in die Freiheit, weil es nicht mehr lange bis Weihnachten war. Einer von ihnen hatte mit irgendeinem juristischen Trick seine vorzeitige Freilassung erwirkt. Er war der zweite an diesem Tag. Der erste hatte bereits vor zwei Stunden gehen dürfen. Es war keine gute Idee, die Leute in Gruppen aus dem Gefängnis zu entlassen. Zwei bildeten bereits ein Team. Gleich und gleich gesellt sich gern, aber wenn gleich und gleich zwei Ex-Knackis waren, dann barg das gewisse Gefahren, fand jedenfalls der Gefängnisdirektor, der sich für supergescheit hielt, wenn es um die Einschätzung Krimineller ging.

»Frohe Weihnachten«, riefen die Wärter hinter dem zweiten entlassenen Häftling dieses Tages her.

Der drehte sich nur um und zeigte ihnen den Stinkefinger.

Die Wärter lachten.

Sie bildeten sich beide ein, ihre Schützlinge gut zu kennen, sogar sehr gut.

»Unterlagen über Geschichte. Welcher Trottel würde denn Notizen zur Geschichte oder den Stammbaum des Professors haben wollen? Ein bisschen Heroin oder eine Flasche Schnaps, okay, das ist schon was anderes.«

Die beiden lachten über die Naivität des Mannes und wandten sich wieder ihren Aufgaben zu, in dem sicheren Wissen, dass sie die Menschen und ihr Verhalten besser kannten.

Es hatte den ganzen Tag nach Schnee ausgesehen. Nun wehte das atlantische Tief einen eisigen Regen, der frisch und beißend nach Meer und Salz roch, vor sich her an die Küste. Es war früh dunkel geworden. Beladen mit dem verbliebenen Rest seiner Papiere, privater und nicht privater, rannte Professor Truebody zu seinem Auto, stapelte alles auf den Beifahrersitz und ließ heulend den Motor an.

Alle vernünftigen Leute waren auf dem Heimweg, froh, dass es nur noch zwei Wochen bis Weihnachten waren. Die ganz Vernünftigen waren schon zu Hause, geschützt vor dem aufziehenden Schneesturm und der frühen Dunkelheit. Die Nacht war finster, und die Straßen waren nass. Er fuhr also schön langsam, während er über seine Reise nach Europa nachdachte.

Er lächelte vor sich hin. »Jake, du bist ein Glückspilz.«

Das Licht seiner Scheinwerfer fiel auf eine einsame Gestalt, die an der Bushaltestelle nur etwa zweihundert Meter vom Gefängnis entfernt stand. Es war ein hoch aufgeschossener Mann, der ein Bündel unter dem Arm trug. Das Gesicht, das geradewegs ins Licht blinzelte, kam Jake bekannt vor. Der Mann war ein Gefangener und eifriger Besucher seines Geschichtskurses gewesen.

Jake summte »God Rest Ye Merry Gentlemen« und fühlte sich gut. Richtig gut.

Er hielt an und fragte den Ex-Knacki, ob er ihn irgendwohin mitnehmen könnte.

»Ich glaube, ich weiß, wohin Sie wollen. Ich fahre Sie dahin. Dann müssen Sie nicht hier an der Haltestelle bis auf die Haut nass werden«, sagte er und verströmte aus jeder Pore Menschenfreundlichkeit.

Eine Bö fuhr zur offenen Wagentür herein, als der Mann einstieg, und wirbelte die Papiere im Auto herum.

Dahin – das war das Rehabilitationszentrum, in dem die meisten Ex-Gefangenen landeten, während sie noch auf Bewährung frei waren. Er überlegte, dass dieser Typ keine Ausnahme bildete, obwohl er den Anschein vermittelte, sich wirklich gebessert zu haben.

»Was für ein Mistwetter«, fügte er noch hinzu.

Der eben entlassene Sträfling nickte nur mit weit aufgerissenen Augen und seinem bleichen Gefängnisgesicht, das ab und zu von den Scheinwerfern der entgegenkommenden Autos in ein gespenstisches Licht getaucht wurde.

Der Professor verspürte zu gleichen Teilen Mitleid und Beglückung, während er beobachtete, wie der Mann auf die bunten Weihnachtslichter, die Plastikschneemänner und beleuchteten Rentiere schaute, die vom Wind und Regen gepeitscht wurden – bisher war keine einzige Schneeflocke in Sicht.

Jakes Begeisterung für sein Fach und seine Besorgnis um die weniger vom Glück begünstigten Menschen gingen mit ihm durch.

»Sehen Sie mal, ich habe bemerkt, dass Sie in den meisten meiner Geschichtskurse waren und dass Sie sich sehr für Ahnenforschung interessieren.«

»Klar doch. Gut zu wissen, wo du herkommst, wer dein Papa war und so Zeugs.«

»Das ist es ganz bestimmt«, sagte der Professor. Er hielt inne, und seine Gedanken wanderten wieder zu den Forschungen, die er zu seiner eigenen Familiengeschichte betrieben hatte.

»Wissen Sie, wo Sie herkommen, Professor?«

»Ja. Es hat mich einige Anstrengungen gekostet, aber es hat sich gelohnt. Wenn Sie sich auch draußen weiter mit diesem Thema beschäftigen möchten, vielleicht sogar studieren und einen Abschluss machen …?«

Der Mann hieß Wes Patterson, meinte sich Jake zu erinnern. Jetzt schaute er ihn an.

»Vielleicht schon.«

»Nun, wenn Sie sonst nichts vorhaben …«

Jetzt tobte der Sturm noch wilder, peitschte Wasser und von den Bäumen gerissene Äste über die Straße. Inzwischen war der Regen in einen heftigen Schneeregen übergegangen, und die Graupeln prasselten gegen die Windschutzscheibe.

Der Wagen kam ins Schleudern.

»O Gott, das war knapp«, japste der Professor atemlos. Das Herz pochte ihm in der Brust, und ihm stand der Schweiß auf der Stirn.

Vor ihnen war die Straße gesperrt, und die Polizei hielt den Verkehr an, leitete die wenigen Autos, die noch unterwegs waren, nach rechts um. Das Rehabilitationszentrum für Ex-Strafgefangene lag geradeaus. Jake Truebody bog ab, wie die Polizei ihn angewiesen hatte.

»Mistwetter für die Jahreszeit. Weihnachten sollten wir richtigen Schnee haben«, sagte er, sobald er sich wieder ein bisschen beruhigt hatte.

Wes Patterson stimmte ihm zu. »Wirklich schlimm, dieser Sturm. Soll wohl noch schlimmer werden, habe ich gehört.«

Diese Aussicht schien ihn zu erfreuen. Der Professor meinte festzustellen, dass der ehemalige Gast der staatlichen Gefängnisbehörde langsam etwas auftaute. Es war ja keine Überraschung, dass Leute, die lange eingesperrt waren, zunächst nach der Freilassung ein wenig schüchtern waren. Bisher hatte das Gefängnis alles für sie gemacht. Sich wieder ans freie Leben zu gewöhnen, das war keine leichte Aufgabe. Es war, als hätte man eine schützende Decke verloren. Plötzlich musste man wieder selbst denken und sich unter die anständigen Menschen mischen.

»Ich glaube, wir schaffen es heute nicht, Sie ins Rehabilitationszentrum zu bringen«, sagte der Professor. »Es wird wohl das Beste sein, wenn wir jetzt zu mir nach Hause fahren. Sie können da übernachten. Ich rufe noch heute Abend oder morgen früh im Reha-Zentrum an und erkläre, was das Problem war – obwohl die das eigentlich selbst sehen müssten, wenn sie aus dem Fenster schauen«, fügte er trocken hinzu.

Der athletische Mann, der neben ihm saß, schien vor Erleichterung zu seufzen. »Wie Sie meinen, Professor. Ich bin mir sicher, dass wir es bei Ihnen zu Hause sehr bequem haben werden.«

»Vielleicht können wir über Ihre weiteren Pläne bezüglich Ihrer Geschichtsstudien sprechen«, sagte Jake fröhlich und bemerkte, dass der Mann gesagt hatte, dass »wir es bei Ihnen zu Hause sehr bequem haben werden«.

»Ganz bestimmt können wir das«, sagte Wes. »Und Ihr Interesse weiß ich wirklich sehr zu schätzen. Ich glaube, mir würde am besten frühe amerikanische Geschichte gefallen. Ich interessiere mich besonders für die ersten Siedler und ihre Beziehung zu den Indianern, auf die sie trafen.«

Der Professor nickte. Der Mann fand sich zurecht, gewann sein Selbstbewusstsein zurück.

»Eine gute Wahl. Eine sehr gute Wahl.«

Jake Truebody schwoll vor Zufriedenheit an. Im Gefängnis hatten sie Wes Patterson »Die Legende« genannt. Andere hatten gedacht, dass es etwas mit seinem Verbrechen und der Art und Weise zu tun hatte, wie er die juristischen Aspekte seines Falls gehandhabt hatte. Er hatte einen Verfahrensfehler gefunden, der nicht einmal seinem Verteidiger aufgefallen war.

Jake hing eher der Ansicht an, dass der Spitzname von dem Interesse herrührte, das Wes der Geschichte entgegenbrachte.

»Sie werden damit wunderbar klarkommen, Wes.«

»Wirklich?«

»Ich garantiere Ihnen, Sie werden nicht mehr rückfällig werden.«

»Ach ja?«

Der Mann schien ihm nicht zu glauben. Aber Jake war sich sicher. Wes Patterson würde nie wieder ein Verbrechen begehen.

Wes Patterson jedenfalls war klar, dass er das richtige Thema angesprochen hatte. Sein Freund Sheldon hatte ihm das geraten. Sheldon wusste sehr viel über Geschichte, obwohl er nicht ganz richtig im Kopf war. Jeder, der sich für die Reinkarnation eines längst verstorbenen Indianers hielt, musste doch eine Schraube locker haben, oder nicht? Na ja, es war nicht immer ein Indianer. Manchmal waren es andere Leute, historische Persönlichkeiten, von denen Wes noch nie etwas gehört hatte. Manchmal war Sheldon auch ein Vampir oder ein Gespenst; er interessierte sich zudem für das Paranormale, nicht nur für Geschichte, und sie waren prima Kumpels gewesen. Das war das Beste daran.

Das Wetter wurde nicht besser. Äste und rollende Mülleimer wurden vom Sturm die Straßen entlanggetrieben, als wären es Papierschnitzel. Keine Menschenseele war zu sehen, kein Hund, keine Katze, kein Vogel.

Professor Truebody schaute vorsichtig durch die Windschutzscheibe seines japanischen Autos, war auf alles gefasst, würde jedes Problem angehen, das sich ihm auf der Fahrbahn entgegenstellte. In der Straße, wo er wohnte, war nirgends Licht.

»Sieht ganz so aus, als hätten wir keinen Strom«, sagte der Professor überflüssigerweise, während er in seine Einfahrt einbog.

Er hielt eine Sekunde inne, die Hand schon am Türgriff, während er auf den dunklen Umriss seines Hauses schaute. Plötzlich blitzte in einem Fenster eine Taschenlampe auf und war sofort wieder verschwunden.

»Stimmt was nicht, Professor?«

Jake kniff die Augen zusammen. Jetzt war kein Licht mehr zu sehen. Alles war dunkel.

»Ich dachte, ich hätte drinnen Licht gesehen. Das muss ich mir eingebildet haben.«

Seine Papiere fest unter den Arm geklemmt, während die dicke Aktentasche ihm gegen das Bein schlug, machte sich Jake Truebody auf den Weg zu seiner Haustür, schloss sie auf und trat ins Dunkel. Wes Patterson folgte ihm und konnte sein Glück nicht fassen.

Eins

Auf der anderen Seite des Atlantiks in der Stadt Bath war das Wetter eiskalt. Der Raureif hatte sich wie Zuckerguss auf die Mansardendächer der Gebäude aus dem 18. Jahrhundert gelegt. Jede Nacht wurde die Schicht, die tagsüber nicht abtaute, ein kleines bisschen dicker. Es sah nach Schnee aus.

Honey Driver kaufte ein und war nur mit sich und ihrer Geschenkeliste beschäftigt. Aber das sollte nicht lange so bleiben.

»Der ist es! Der war’s, der den Rentieren die roten Nasen angeklebt hat! Ich habe eine in seiner Tasche gesehen!«, rief jemand.

Überraschte Aufschreie ringsum, weiße Atemwolken standen vor offenen Mündern.

»Haltet ihn!«, brüllte jemand anders.

Honey Driver wirbelte herum. Als Verbindungsperson zwischen dem Hotelfachverband und der Kripo hatte sie zwar sonst mit Vandalismus nichts zu tun, aber jetzt war sie eben zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Die Anschuldigung hatte den jungen Mann sehr erschreckt, der neben einem der Glasfaser-Rentiere stand.

»Keine Bewegung!«, brüllte Honey und bereute das, sobald sie es gesagt hatte, denn der Typ war größer als sie. Sie brauchte Unterstützung. Mit großem Schwung zog sie aus ihrer Einkaufstasche das Baguette, das sie gerade gekauft hatte, und schwenkte es wie einen Baseballschläger über dem Kopf.

Der junge Mann mit der halb geöffneten Sporttasche warf einen Blick auf sie und rannte weg.

»He! Komm sofort zurück!« Honey jagte ihm hinterher. Zum Glück trug sie flache Stiefel. Mit Absätzen hätte sie das nie im Leben geschafft.

Überall in der Stadt hatten die Leute Tag für Tag das Gleiche entdeckt: Über Nacht hatte jemand den Glasfaser-Rentieren, die man ringsum aufgestellt hatte, rote Nasen angeklebt. Schlimmer noch, sie waren mit Sekundenkleber befestigt und nur mit größter Mühe wieder zu entfernen. Die Verbreitung der roten Nasen hatte im Bath Chronicle und in der Western Daily Press Schlagzeilen gemacht. Die Rentiere waren Teil einer Spendensammelaktion. Sie waren etwas über einen Meter hoch und von VIPs und Künstlern verziert worden. Nun standen sie überall in der Stadt herum: an den Eingängen zu den Parks, an irgendwelchen Geländern und an beiden Enden des Royal Crescent.

Der Artikel auf der Titelseite des Bath Chronicle deutete an, dass jemand genau wusste, wer hinter diesen üblen Streichen steckte, und die Täter schützte.

Wenn ich ihn erwische, komme ich auch auf die Titelseite, überlegte Honey, während sie dem jungen Mann durch eine Geschäftsarkade hinterhersprintete, die eine Hauptstraße mit der anderen verband. Beim Anblick ihrer hoch über den Kopf erhobenen Baguette-Waffe gaben ihr die einkaufenden Menschen schnell die Bahn frei.

Der Verfolgte flitzte auf das elegante Wellness-Zentrum der Stadt zu, das man erst kürzlich umfassend renoviert hatte. Von dem Whirlpool oben auf dem Dach konnte man die ganze Stadt überblicken. Der junge Mann bog um eine Ecke, wo sich früher eine schmale Durchgangsgasse befunden hatte – die nun aber zu seinem Pech zur Sackgasse geworden war.

Honey prallte gegen ihn.

Das verschlug ihm den Atem, die Knie wurden ihm weich, und er sackte gegen eine Mauer.

»Nicht schlagen!«

Er hatte die Arme schützend über den Kopf gehoben. Seine Augen waren auf das Baguette gerichtet.

Das Brot blieb jedoch nur noch ein paar Sekunden aufrecht in der Luft, ehe es in der Mitte durchbrach und eine Hälfte nur noch traurig zur Seite hing.

Der junge Mann schaute überrascht. Sein Mund stand vor Staunen offen.

Honey strahlte triumphierend. »Hab ich dich erwischt, Bürschchen!«

»Nur nichts umkommen lassen«, murmelte sie vor sich hin, brach das Weißbrot endgültig in zwei Hälften und verstaute diese in ihrer Einkaufstasche.

Der junge Mann war wie versteinert.

»Was wollen Sie?«

Er hatte große braune Augen und lange Wimpern und erinnerte sie ein bisschen an einen Spaniel. Sie hatte eine Schwäche für Spaniels, konnte sich aber gerade noch zurückhalten, ehe sie ihm den Kopf tätschelte.

»Dich! Ich will dich!«

»Sie sind ja verrückt!«

Honey war außer Atem, aber auch wirklich high. Sie konnte die Schlagzeile schon vor sich sehen: »HOTELBESITZERIN SCHNAPPT DEN VANDALEN MIT DEN ROTEN NASEN.«

Erst einmal brauchte sie sein Geständnis. Jemand hatte doch gerufen, dass er eine rote Plastiknase in der Sporttasche gesehen hatte, die der junge Mann bei sich trug. Außerdem hatte er sich mit einem Arm lässig an eines der Rentiere gelehnt, ehe er – zweifellos – seine üble Tat begehen wollte. Die Tasche mit dem Beweisstück lag zu seinen Füßen.

»Zeig’s mir«, forderte sie ihn auf und drückte ihn mit einem Arm an die Wand.

Er starrte sie an. »Keine Chance! Von Frauen wie Ihnen habe ich schon gehört.«

»Ach ja?«

»O ja. Alte Mädels, die hinter jungen Männern herrennen und scharf auf ihren Körper sind. Pervers, das sind Sie!«

Da war endlich der Groschen gefallen. Der Idiot glaubte, dass sie einen Blick auf sein bestes Stück werfen wollte!

»Träum weiter! Und das mit dem alten Mädel kannst du auch vergessen. Ich hab dich eingeholt, oder nicht? Also, jetzt zur Sache! Du hast eine rote Nase in deiner Tasche da unten. Ein Passant hat sie gesehen.«

»Nein, das ist keine rote Nase!«

»Ich nehme an, jetzt willst du mir gleich weismachen, dass du nicht der Mistkerl bist, der rote Nasen an all die Rentiere geklebt hat, Rentiere, die übrigens verkauft werden sollen, um Geld für wohltätige Zwecke einzubringen!«

»Nein, das bin ich wirklich nicht. Ich bin Installateur.«

»Beweis es mir!«

Er schaute sie misstrauisch an, beugte sich nach unten, zog den Reißverschluss seiner Tasche auf und brachte einen Schwimmer zum Vorschein, eines dieser kugelförmigen Dinger, die an einer Stange hängen und im Wasserkasten einer Toilette die Wasserzufuhr steuern. Es war ein roter Schwimmer.

In der Tasche befanden sich auch noch Werkzeuge, Klebeband, Messingteile, alles Dinge, die ein Installateur benutzte. Von roten Nasen keine Spur.

Honey kaute auf der Unterlippe herum. Mein Gott, wie peinlich! Das Ding war eindeutig ein Schwimmer und keine rote Nase. Sie fühlte sich zu Wiedergutmachung verpflichtet.

»Ähm«, begann sie mit leichtem Zögern. »Also. Ich habe in der Damentoilette in meinem Hotel ein Klo, das ein kleines Leck hat. Könnten Sie vielleicht mal bei mir vorbeischauen? Ich zahle Spitzensätze.« Das war das mindeste, was sie tun konnte.

Der junge Installateur zog rasch den Reißverschluss seiner Tasche wieder zu. Was er als Nächstes sagte, war kurz und knapp und kam von Herzen. Und mit diesem kernigen Fluch war er auch schon verschwunden.

Zwei

Honey erzählte all das Mary Jane, die ihr gerade die Haare mit Colorierung in einer subtilen Schattierung von Kastanienbraun einstrich. Zumindest hatte Mary Jane ihr versichert, dass es Kastanienbraun war, ob es auch subtil war, würde sich noch herausstellen.

Als Dauergast im Green River Hotel gehörte die alte Dame, die in Kalifornien Professorin für das Paranormale gewesen war, inzwischen beinahe zur Familie. Über ihre Zwiegespräche mit Gespenstern, ihr rosa Cadillac-Coupé und ihre schrillbunte Kleidung wunderte sich schon längst niemand mehr.

Mary Jane war der Meinung, dass die roten Nasen den Rentieren ein gewisses Etwas verliehen.

»Die hätten ohnehin rote Nasen haben sollen. Um diese Jahreszeit sollten das alle Rentiere haben.«

»Ich frage mich, wo er die herkriegt. Der muss doch ein ganzes Lager voll besitzen.«

»Völlig egal, wo er die herkriegt. Meiner Meinung nach befestigt er sie an der richtigen Stelle.«

Honey fing an, das Lied von Rudolf Rotnase zu trällern. Sie war in bester Feststimmung – bis Mary Jane ihr das Handtuch vom Kopf nahm.

»Arrgh!«

Ein Blick in den Vergrößerungsspiegel, den sie aus dem Badezimmer mitgebracht hatte, genügte völlig, um jeden Gedanken an fröhliche Weihnachten zu verbannen. Vorsichtshalber überprüfte sie das Ergebnis noch einmal in dem eleganten Spiegel im Goldrahmen, der über der Anrichte hing. Auch da zeigte sich die Wirkung der Colorierung in ihrer ganzen Tragweite. Ihr Haar hatte nun eine Farbe, die man nur mit Neonkarotte beschreiben konnte.

Honey schlug die Hände vor die Augen und schickte einen Wunsch gen Himmel. »Bitte, bitte, mach, dass es weggeht.«

»Ach, komm schon«, drängte Mary Jane sie in ihrem breitesten kalifornischen Tonfall. »Wir haben doch alle ab und zu einen schlechten Tag mit unseren Haaren.«

Honey schüttelte den Kopf und weigerte sich, der Welt ins Antlitz zu sehen. »Das ist nicht nur ein schlechter Tag mit meinen Haaren. Das ist die völlig falsche Farbe. Das ist desaströs.«

»Desaströs?« Mary Jane schob ihre Brille halb die Nase herunter, nahm die Schachtel zur Hand, in der sich das Set zum Selbst-Colorieren befunden hatte, und überprüfte die Einzelheiten. Wenn sie die Stirn runzelte, sah man ihre Augen vor Fältchen beinahe gar nicht mehr.

»Nein, so nennen sie das hier nicht. Hier auf der Schachtel steht ›Leuchtendes Kupfer‹. Jawohl! Das ist leuchtendes Kupfer.«

»Karotte!«, schrie Honey, und Entsetzen schwang in ihrer Stimme mit. »Es ist leuchtende Karotte!«

Mary Jane hatte nicht begriffen, dass Honey sie richtig verstanden hatte, und schaute noch einmal nach dem Farbnamen auf der Schachtel.

»Nein, also hier steht ›Leuchtendes Kupfer‹.« Sie schüttelte verwirrt den Kopf und schnalzte mit der Zunge. »Ich habe die Anweisungen genau befolgt. Es kann höchstens daran liegen, dass irgendwas im Wasser ist, was die Farbschattierung beeinflusst.«

Diese Aussage war wieder einmal typisch Mary Jane. Nie war es ihr Fehler. Nie. Sie gehörte zu der Gruppe von überaus selbstbewussten Leuten, die überzeugt waren, alles zu können, selbst wenn das offensichtlich keineswegs der Fall war. Haarefärben konnte sie jedenfalls nicht.

Honey war außer sich. »Also, das hier ist eindeutig nicht leuchtendes Kupfer, auch kein glühendes Kupfer oder irgendein sonstiges Kupfer, noch viel weniger Kastanienbraun. Sieh es dir doch nur an!«

Mary Jane schaute hin, zuckte zusammen und lenkte ihren Blick auf einen kahlen Rosenstrauch vor dem Fenster.

Vielleicht muss sie ihre Augen ausruhen, überlegte Honey. Niemand konnte diese Farbe lange anschauen, ohne Gefahr zu laufen, dass er erblindete.

»So kann ich mich über Weihnachten nicht sehen lassen. Weckt mich einfach irgendwann Mitte Januar auf.« Sie war selbst schuld, überlegte sie, dass sie Mary Janes ColorierKünsten vertraut hatte. Sie versteckte ihren Kopf unter einem Kissen und stöhnte.

Mary Jane strahlte immer noch völlig unvermindertes Selbstbewusstsein aus.

»Ach, komm schon, Honey. Davon, dass du es nicht ansiehst, geht es auch nicht weg. Mir hilft ja immer Meditation, wenn die Dinge nicht nach Plan laufen. Zusätzlich genehmige ich mir dann ein intensives Gespräch mit Sir Cedric. Der gibt immer sehr gute Ratschläge.«

Für Außenstehende, die sie nicht kannten und auch keine Ahnung hatten, wer Sir Cedric war, könnten Mary Janes Worte ziemlich philosophisch klingen, als wäre der längst verblichene Ritter ein Angestellter bei der Verbraucherberatung, der bei einem Caffè Latte und einem Sandwich weise Worte von sich gab. Tatsächlich war Sir Cedric aber tot, und zwar schon seit über zweihundert Jahren.

»Frag ihn doch mal, ob er die Telefonnummer einer guten Coloristin hat.«

Die Wahrscheinlichkeit, dass Sir Cedric in diesem Fall helfen konnte, ging gegen null, hauptsächlich, weil er nie in seinem Leben ein Telefon benutzt hatte, natürlich auch keine Coloristin kennen konnte, wenn sie es recht überlegte. Sir Cedric hatte eine Perücke getragen, dazu enge Kniehosen und weiße Seidenstrümpfe. Die Haare oder irgendwas anderes hatte er sich wohl eher selten gewaschen. Mary Jane teilte sich ihr Zimmer mit Sir Cedric, obwohl man natürlich seine Anwesenheit nicht bemerkte. Nur Mary Jane konnte sehen, wie er durch die Wände spaziert kam oder aus dem Kleiderschrank auftauchte. Niemand konnte es beweisen oder widerlegen, aber schließlich war die lange, schlaksige und sehr exzentrische Kalifornierin Professorin für das Paranormale und hielt sich daher für eine ausgemachte Expertin. Alle anderen tolerierten ihre exzentrische Art und stellten Sir Cedrics Existenz nie in Frage.

Mary Jane packte ihre Sachen zusammen, stand vom Stuhl auf und reckte den mageren Körper. »Ich muss jetzt wirklich weg. Aber mach dir keine Sorgen wegen deiner Haare, Honey. Sieh es mal so: Du brauchst bei dieser Haarfarbe keine Verkleidung mehr, wenn du zu einem Kostümfest gehst.«

»Klar. Ich kann als Clown gehen. Perücke benötige ich keine mehr.«

»Ach, komm schon, Kopf hoch!« Sie strich Honey über die Schulter und schüttelte sie dann ein wenig, als wollte sie dadurch alle Verzweiflung aus ihrem Körper vertreiben. »Komm schon. Du wirst mit Verbrechen fertig. Dann wirst du damit auch fertig.«

Das tröstete Honey nicht. »Mein Haar ist ein Verbrechen. Sieh’s dir doch mal an!«

Sie wollte noch hinzufügen: Und das ist alles deinetwegen. Aber sie verkniff sich das. Ehrlich gesagt, sie hatte genauso viel Schuld daran. Kurz vor Weihnachten musste eben alles besonders schnell gehen.

»Das werden die Leute einfach als vorweihnachtlichen Wahnsinn begreifen – so wie andere blinkende Rentiergeweihe und falsche Weihnachtsmannbärte tragen. Das machen wir doch alle. Außerdem musst du ja gar nicht viel vor die Tür«, sagte Mary Jane wegwerfend. »Keine Verbrechensbekämpfung und so.«

Honey musste zugeben, dass Mary Jane mit den Rentiergeweihen recht hatte. Die alte Dame trug selbst eins, und das grell leuchtende Rot biss sich mit ihrem Hausanzug in Pistaziengrün und schrillem Pink.

Honey seufzte abgrundtief – bis in die rentierförmigen Hausschuhe hinein – und hoffte, dass Mary Jane auch sonst recht hatte. Denn niemand würde sie als Amateurdetektivin für voll nehmen, wenn sie mit diesem Karottenkopf auftauchte. Das wollte sie nun wirklich nicht. Sie wollte, dass man sie für eine ernste Bekämpferin schwerer Verbrechen hielt, auch wenn sie sich anfänglich überhaupt nicht so gefühlt hatte.

Man hatte ihr den Posten als Verbindungsfrau zwischen dem Hotelfachverband von Bath und der Kriminalpolizei vor geraumer Zeit mehr oder weniger aufgedrängt.

Casper St. John Gervais, der Vorsitzende des Hotelfachverbandes, hatte sie damals vor der Jahresversammlung bedrängt, diese Aufgabe zu übernehmen. Eigentlich hatte sie nicht gewollt, aber da sie gerade beinahe eine halbe Flasche Shiraz getrunken hatte, war sie in einer Laune, in der sie noch ganz andere Aufgaben übernommen hätte.

Kurz darauf hatte sie bei einer Auktion eine Unterhose, einen Liebestöter, ergattert, die angeblich Königin Viktoria gehört hatte. Im Hochgefühl dieses Triumphes hatte sie Casper ihre Zusage noch einmal bestätigt. Die Unterhose der Königin von England und Kaiserin von Indien war ziemlich groß gewesen. Der Preis war entsprechend, aber Honey war trotzdem hochzufrieden gewesen. Der Tag war phantastisch gelaufen – bis Casper anrief und sie daran erinnerte, was sie neulich abends versprochen hatte. So war sie zu diesem Posten gekommen. Casper hatte es geschickt eingefädelt. Er hatte sie bestochen.

»Ich garantiere, dass es nicht zum Schaden des Green River Hotel sein wird, wenn Sie meinen Vorschlag annehmen«, hatte er ihr zugeraunt.

Wie konnte sie da ablehnen. Es ist ja nur für eine Weile, hatte sie sich gesagt. Im Januar und Februar liefen die Geschäfte immer ziemlich flau. Sie wäre verrückt gewesen, das nicht anzunehmen.

Entgegen ihren Erwartungen hatte ihr die Aufgabe gefallen. Ebenso hatte ihr der leicht reizbare Kriminalpolizist, Detective Inspector Steve Doherty, gefallen, der kernige Typ mit dem guten Aussehen, dem Dreitagebart und dem coolen Benehmen. Erst hatten sie sich ziemlich gekabbelt, aber jetzt hatten sie sich zusammengerauft und rauften nur noch privat.

»Sieht es wirklich so schrecklich aus?« Wenn sie die Augen fest zusammenkniff, wirkte die Farbe nicht mehr halb so grell.

Sie hoffte auf Bestätigung. Sie hoffte vergebens. Mary Jane schaute, blinzelte nervös und ging in Richtung Tür.

»Ich bespreche das mal mit Sir Cedric. Das macht die Sache bestimmt besser.«

»Für wen?«

Die Frage hätte sie sich sparen können. Mary Jane war schon zur Tür hinaus, als sei sie auf dem Weg, um einen alten Freund zum Nachmittagstee zu treffen.

Honey blieb voller Verzweiflung in ihrer Wohnung zurück. Das umgebaute Kutscherhäuschen lag hinter dem Hotel, vom Green River nur durch einen Innenhof getrennt. Honey saß da, den Kopf in den Händen, und fühlte sich ein bisschen wie Aschenputtel, die nicht schön genug angezogen war, um auf den Ball zu dürfen. Zum Glück für Aschenputtel war ja die gute Fee gekommen und hatte sie gerettet. In Honeys Haus würde wohl keine auftauchen. Sie kannte nur eine Fee, die im Weihnachtsspiel im Theatre Royal diese Rolle übernommen hatte. Aber trotzdem konnte es nicht schaden, sich etwas zu wünschen, oder? Sie schloss die Augen.

Bitte mach, dass das wieder weggeht. Dreh die Uhr zurück. Mach alles so, wie es vorher war.

Karottenrote Haare zu haben, das war nicht die erste Katastrophe der Vorweihnachtszeit. Es war schon eine andere passiert, die sie völlig unverhofft getroffen hatte.

Aus irgendeinem dusseligen Grund, an den niemand sich recht erinnern konnte (obwohl anklagende Finger in ihre Richtung zeigten), hatte das Green River den Termin für die Aufnahme in eine wichtige Touristenbroschüre verpasst. Diese Broschüre wurde vom englischen Tourismusverband veröffentlicht und, wenn man den Gerüchten Glauben schenken durfte, beinahe überall auf der Welt verteilt, einschließlich Timbuktu, Timor und Tokio.

Honeys Tochter Lindsey, die sie von ganzem Herzen liebte, hatte darauf hingewiesen, dass ihre Reservierungen für das nächste Jahr nicht so zahlreich waren, wie sie sein sollten. Wieder deutete der anklagende Finger in Honeys Richtung. Honey hatte den Termin vergessen.

Auf Flüche folgten Entschuldigungen. »Ich hatte so viel zu tun.«

»Wir hatten alle viel zu tun.«

Honey nahm die Sache gelassen. »Das kriegen wir schon hin. Du wirst sehen. Alles wird gut. Das ist nur eine kleine zeitweilige Schwierigkeit.«

»Eile mit Weile.«

Honey hatte inzwischen einen Hut gefunden. Auf keinen Fall würde sie durch den Empfangsbereich laufen und aussehen, als wäre sie einem Zirkus entsprungen. Lindsey schaute hoch. Honey flitzte vorbei. Es musste doch einen Frisör geben, der noch einen Termin für sie freihatte.

»Ich bin mal kurz weg. Dauert nicht lange«, rief sie über die Schulter zurück.

Lindsey hatte erraten, was sie vorhatte. »Du kriegst bestimmt nirgends mehr einen Termin. Ich will ja nichts sagen, aber ich habe dich gewarnt. Genau wie mit dieser Anzeige, von der du gesagt hast, du würdest sie nicht vergessen – die du dann aber doch verschwitzt hast.«

Großer Gott! Diese neunmalkluge Tochter!

Voller Gewissensbisse blieb Honey stehen, knöpfte ihren dunkelgrünen Wollmantel zu und legte sich den hellroten Strickschal vor die untere Hälfte ihres Gesichts. Hier ging es nicht um Haare, das wusste Lindsey. Hier ging es darum, dass sie den Termin für die Anzeige vergeigt hatte.

Du wolltest ja nicht zuhören. Du bist so stur. Schon immer.

Diese kritische Stimme in ihrem Kopf war wohl die vernünftige Seite ihrer Persönlichkeit, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen stand, klare Entscheidungen traf und sich nie irrte. Ihr anderes Selbst, das alltägliche, setzte im Leben eher auf Improvisation und nahm Entscheidungen locker. Man konnte doch genauso gut eine Münze werfen, oder nicht?

So war es wahrscheinlich auch mit der Broschüre gekommen. Sie hatte eine Münze geworfen, anstatt genau nachzusehen, wie viele Gäste die Anzeige in der Publikation des Vorjahres ihnen eingebracht hatte.

Sie versuchte sich, wider besseren Wissens, einzureden, dass alles schon wieder in Ordnung kommen würde, und drückte sich fest die Daumen. Sie brauchte so viel Glück wie nur möglich. Inzwischen hatte sie sich unter die vorweihnachtliche Menschenmenge gemischt, machte gelegentlich einen Abstecher in einen Frisörsalon, in der schwachen Hoffnung, dass man sie irgendwo dazwischenschieben konnte. Sie erntete überall nur mitleidige Blicke.

»Tut mir leid.«

Nur noch zehn Tage bis Weihnachten. Überall auf den geschäftigen Straßen und den uralten Gassen von Bath gaben die Leute das Geld aus, als wären ihre Taschen bodenlos und ihre Bankkonten übervoll.

Furchtlos wuselten die Leute durch die kleinen Läden, großen Kaufhäuser und zu dem Geschäft, das heiße Pasteten und Teigtaschen verkaufte. Der köstliche Duft zog alle wie magisch an, und außerdem brauchten sie die Energie und mussten sich auch mal aufwärmen.

Die Atmosphäre war feierlich aufgeregt, wie immer in dieser Jahreszeit. Fremde tauschten Weihnachtswünsche aus, und zwei Gruppen, die auf dem Abbey Churchyard Weihnachtslieder sangen, wetteiferten mit ihren Darbietungen von »Stille Nacht« und »God Rest Ye Merry Gentlemen« miteinander. Die Letztere gewann die Schlacht um die Trommelfelle, aber nur weil sie von einem Tubaspieler begleitet wurde.

Lichterketten waren quer über die Straßen gespannt und tanzten hell glänzend vor dem bleigrauen Himmel. Auch die Augen der Ladenbesitzer glänzten. Die Kassen in den überfüllten Geschäften klingelten. Damit konnten nicht einmal »Jingle Bells« und der darin erwähnte Pferdeschlitten mithalten.

Der Weihnachtsmarkt war in vollem Schwung. An Dutzenden kleiner Buden wurde alles Mögliche verkauft, von handgefertigten Pralinen bis hin zu Kleidung aus Recyclingmaterialien.

Honey blieb eine Weile in der Nähe des Stands mit den Duftkerzen stehen und atmete das Aroma von Mandarinen, Kiefernnadeln und Röstkastanien ein.

Alles war wunderbar, und die Leute waren in dieser Jahreszeit merklich freundlicher. Alle machten wirklich gute Geschäfte, auch die Hotels und Restaurants. Weihnachtsfeiern der verschiedensten Büros und Firmen waren in diesen Wochen das Lebenselixier der Branche. Es war ja auch eine ganz besondere Art von Party. Bei diesen Feiern machten die Leute Dinge mit ihren Arbeitskollegen, an die sie im ganzen restlichen Jahr nicht einmal im Traum denken würden.

Auch das Green River bildete keine Ausnahme in diesem weihnachtlichen Trubel. Ende August war bereits der letzte mögliche Termin für eine solche Büro-Orgie gebucht worden.

Honey verbannte alle Sorgen hinsichtlich des nächsten Jahres und stürzte sich ins Einkaufsgetümmel. Sie genoss es sehr, auch zu dieser vorweihnachtlichen Menschenmenge zu gehören.

Sie fühlte sich immer noch großartig, als sie ihre Taschen mit Weihnachtspapier, Geschenken und letzten Ergänzungen für die Weihnachtsdekoration am Empfangstresen absetzte. Ihr Lächeln erstarrte und verging ihr dann ganz, sobald Lindsey den Telefonhörer aufgelegt hatte.

»Grigsby und Jones haben ihre Weihnachtsfeier abgesagt.«

»Nein!« Verschiedene Firmen wollten an dem betreffenden Abend in einer Woche hier ihre Feiern abhalten. Insgesamt sollten an die siebzig Leute kommen, und da würden zwölf leere Stühle wirklich schlecht aussehen. Bei Partys musste es immer ein bisschen Gedränge geben. Das machte die Sache irgendwie fröhlicher.

»Na ja, wenn sie so spät absagen, dann behalten wir die ganze …« Lindsey bemerkte Honeys Gesichtsausdruck. »Die haben nicht die ganze Summe im Voraus bezahlt?«

Honey biss sich auf die Lippe.

»Die Hälfte.«

»Mutter!«

»Ich habe denen vertraut.«

»Mein Gott, hier geht’s ums Geschäft!«

»Ich habe sie ein paarmal angerufen.«

»Offensichtlich nicht oft genug!«

»Verdammt!«

Sie verdiente diese Gardinenpredigt tatsächlich. Sie kannte ihre Schwächen, ihre Neigung, sich um manche Dinge zu drücken. Ach, egal. Sie würde sich wieder davon erholen.

»Was haben sie denn für einen Grund angegeben?«, erkundigte sie sich.

»Einer der Partner ist mit dem Geld eines Mandanten und der Frau des anderen Partners durchgebrannt. Der Partner und die Angestellten, die noch übrig sind, sind nicht in der Stimmung für eine Feier. Die Firma muss wohl zumachen. Ich glaube, die Angestellten gehen heute in einen Pub und ertränken ihre Sorgen.«

Wenn jemand so spät absagte, ärgerte das Honey immer sehr. Klar, die hatten die Hälfte angezahlt, aber darum ging es nicht. Leere Stühle, das sah nie gut aus. Es wäre natürlich toll, wenn sie so spät noch eine Reservierung bekämen, aber die Wahrscheinlichkeit war ziemlich gering.

Honey fluchte.

Lindsey schüttelte den Kopf, warf ihrer Mutter einen mitleidigen Blick zu und überließ sie dann ihrem Schicksal.

Honey begab sich hinter den Empfangstresen und glitt auf den Bürostuhl. Sie tätschelte ihren Kopf. Der Hut würde draufbleiben müssen. Auf gar keinen Fall wollte sie irgendjemanden ihren Haarschopf sehen lassen. Erst die Haarfarbe, dann die vergessene Anzeige und nun noch eine Stornierung. Das Leben war so ungerecht – na ja, jedenfalls zu ihr. Über ihrem Kopf hing eine große, widerliche graue Wolke. Sie wünschte, die würde endlich verschwinden.

Ihre gute Fee hatte anscheinend zugehört. Plötzlich läutete das Telefon.

»Haben Sie für den 19. 12. noch Platz im Restaurant, außerdem Zimmer, und dann später noch für ein Weihnachtsmittagessen am ersten Feiertag? Für zehn Personen? Ich möchte mich bei meinen Mitarbeitern mit einer Party und einem tollen Weihnachtsessen und so weiter bedanken, weil sie das ganze Jahr hindurch so wunderbar gearbeitet haben.«

Honey stieß triumphierend die Faust in die Luft und bedankte sich im Stillen bei ihrer guten Fee.

»Ja. Ja, das lässt sich machen. Weihnachtsfeier für zehn Personen. Übernachtungen im Hotel. Und ein Mittagessen am ersten Weihnachtstag. Mallory und Scrimshaw. Gut. Wenn Sie mir jetzt bitte noch die Einzelheiten zu Ihrer Kreditkarte durchgeben würden …«

Es war völlig unprofessionell, so begeistert zu reagieren, wenn man eine Reservierung entgegennahm, aber sie konnte einfach nicht anders. Ein Wunder! Darum ging es doch an Weihnachten. Es war ein Wunder, ein Geschenk, wenn auch das Besetzen leerer Stühle Kinderkram war, verglichen mit dem Geschenk der Weisen aus dem Morgenland, die einen Brocken Gold und duftende Spezereien brachten.

Der Name der Firma sagte ihr nichts, außer dass er ein bisschen so klang, als stammte er aus einem Roman von Dickens: Mallory und Scrimshaw.

Die Kreditkartennummer, der Sicherheitscode und alles andere war überprüft und in Ordnung. Der Name des Bestellenden wurde bei einer telefonischen Reservierung nicht benötigt, also schrieb sie ihn nicht auf. Hauptsache, sie hatte die Reservierung, und das war’s. Es gab schließlich dringendere Probleme zu lösen.

Drei

»Was meinst du? Werden mich die Leute anstarren?«

Lindsey schaute sich das Haar ihrer Mutter an, schluckte und kaute auf der Unterlippe herum.

»Du kannst so ehrlich sein, wie du willst«, sagte Honey.

Lindsey räusperte sich. »Es ist eine sehr positive Farbe. Mehr kann ich dazu nicht sagen.«

Honey verzog das Gesicht. Die Botschaft war laut und deutlich angekommen.

»Klar. Sie leuchtet wie ein Neonschild in der miesesten Geschäftsgegend.«

»Ich versuche, in ein paar Frisörsalons anzurufen, aber irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass wir da viel Glück haben werden.« Lindsey war wieder mal wirklich hilfsbereit.

Honey war ihr für dieses Angebot dankbar, wusste aber, wie die Sachlage war. »Ich hab’s probiert. Bei jedem Frisör in der zivilisierten Welt.« Es war natürlich nicht die ganze Welt, aber in ihren Augen war Bath doch ein ziemlich großes Stück davon.

»Ich könnte dir eine andere Tönung holen – etwas, das diese Farbe ein wenig ruhiger macht.«

»Nein. An meine Haare lasse ich nur noch Profis heran. Ich habe mich inzwischen mit dem Gedanken angefreundet, dass ich die Weihnachtszeit mit Kopfbedeckung verbringen werde. Es wird wohl etwas Festlicheres als eine Strickmütze sein müssen. Ich könnte mir ja eine von diesen glitzerigen Geschenktüten über den Kopf stülpen und die rote Schleife unter dem Kinn zubinden. Das würde vielleicht gehen.«

Lindsey sah, dass für sie hier nun nichts mehr zu tun war, und verkündete, sie würde jetzt ins Fitnessstudio gehen. Wie sie dazu die Zeit fand, begriff Honey einfach nicht. Allerdings plante ihre Tochter ihre Tage sehr genau. Sie fuhr nie aus der Haut, hatte sich immer unter Kontrolle – ganz anders als ihre Mutter.

Die Dinge sahen nicht sonderlich rosig aus. Um sich besser zu fühlen, was war da geeigneter, als sich ein bisschen Trostessen zu gönnen? Zunächst einmal suchte sich Honey eine Tüte mit Marzipanpralinen. Dann füllte sie sich ein Fußmassagebad mit warmem Wasser und einem kremigen Badegel, stellte es vor ihr Sofa und setzte sich zwischen die dicken, weichen Kissen.

Das Fußmassagebad hatte ihr Lindsey zum Geburtstag geschenkt. Ihre Tochter war wirklich eine praktisch denkende junge Frau. Leute, die in Hotels arbeiten, müssen viel leiden in ihrem Beruf – zumindest was ihre Füße angeht.

Pralinen essen, während man seine Füße in warmes Wasser taucht, das war wirklich die reine Dekadenz. Was konnte sie noch machen, um sich besser zu fühlen? Ihr Blick fiel auf den goldumrahmten Spiegel. Sie runzelte die Stirn. In ihrer Wohnung waren einfach zu viele Spiegel, aber daran konnte man was ändern. Wenn man Stechpalmenzweige, Misteln und glitzernde Rentiere mit großen roten Nasen ringsum anbrachte, konnte man die Wirkung der Spiegel minimieren.

Sie seufzte. »Nun! Ich kann nicht ewig hier sitzen und träumen.«

Während sie sich den ersten Umschlag von dem Stapel nahm, den sie aus dem Hotel mit in ihre Wohnung gebracht hatte, langte sie mit der anderen Hand nach der Tüte mit den Marzipanpralinen. Es waren nur sechs von Thorntons’ besten Zartbitterpralinen drin. Das wäre jetzt die Dritte, die sie aß. Sie schaute sie nachdenklich an. Ach was, so schrecklich sah die doch gar nicht aus. Sie steckte sie in den Mund.

»Hat keinen Sinn, da welche aufzuheben«, murmelte sie vor sich hin. »Ich brauche die Energie über Weihnachten.«

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Stapel Post zu.

Eine Weihnachtskarte nach der anderen, mit hübschen Bildern von niedlichen kleinen Rotkehlchen, glitzernden Sternen oder beschneiten Pferdekutschen vor altmodischen Gasthäusern. Irgendwas an dem letzten Bild – da sich doch zur viktorianischen Zeit Weihnachten immer um die Familie, um kaltes Wetter und warme Kaminfeuer gedreht hatte – traf den richtigen Ton. Honey dachte an Dickens, Plumpudding und Zuckerwerk – und an Leute, die wegen der großen Mengen an Rum und Brandy, die in dem Plumpudding und der Soße gewesen waren, ein wenig übermütig wurden. Sie wollte einmal bei Smudger nachfragen, wie großzügig er mit dem Alkohol umgegangen war. Auf keinen Fall wollte sie, dass sich die Vorfälle vom vergangenen Jahr wiederholen würden. Damals war eine Gruppe von Pfarrern nach dem Weihnachtsessen am Mittag höchst beschwingt aus dem Hotel getorkelt, und die Herren hatten im Abendgottesdienst kaum die richtigen Sätze zusammenbekommen. Dabei hatten sie nur je einen Sherry getrunken, aber sehr große Portionen vom Plumpudding mit viel Brandysahne vertilgt.

Ehe sie den allerletzten Umschlag öffnete, stutzte Honey. Die Adresse war handgeschrieben, mit Tinte und einem richtigen Füllfederhalter und in einer wunderschönen Schrift, richtiger Kalligraphie.

Sie drehte ihn in den Händen hin und her. Der Umschlag war nicht steif genug, eine Weihnachtskarte konnte also nicht drin sein. Ein Brief? Wen kannte sie denn noch, der keine E-Mails schrieb?

Scheinbar ohne Honeys Zutun begannen ihre Finger, den Brief aufzureißen. Warum zum Teufel war sie wegen dieses Umschlags so nervös?

»Schlechte Schwingungen«, murmelte sie und beantwortete damit ihre eigene Frage.

Sie ging die Gründe durch, warum sie dieser Brief so verstörte.

Erstens war die Adresse handgeschrieben. Das war schon mal ein Alarmzeichen. Zweitens bestätigte die wunderschöne Kalligraphie, was sie bereits vermutet hatte. Niemand, der den Adressaten gut kannte, würde sich solche Mühe geben. Jedenfalls nicht in unserem Jahrhundert.

Drittens war der Brief an Mrs. HANNAH Driver gerichtet. Das bedeutete, dass er nicht von einem Freund oder einer Freundin kommen konnte. Honey konnte sich nicht erinnern, wie lange es her war, dass die Leute sie nicht mehr Hannah, sondern nur noch Honey nannten. Alle außer ihrer Mutter. Gloria Cross hatte den Namen Hannah ausgesucht, und den würde sie auch weiterhin benutzen, selbst wenn sie die Einzige war, die das noch tat.

All das zusammen machte Honey nervös. Handgeschriebene Briefe waren ja wirklich so altmodisch wie Sänften und Hochräder. Der Poststempel brachte sie allerdings am meisten ins Grübeln. Das Schreiben kam aus einer Stadt in Maine, gar nicht weit weg von Rhode Island.

Rhode Island! Der Ortsname traf sie mitten ins Herz und ließ ihr kalte Schauer über den Rücken laufen. Mit diesen beiden kleinen Wörtern war ihr verstorbener Mann Carl von den Toten wieder auferstanden – wenn auch hoffentlich nur in Briefform. Der Gedanke, dass er durch das Green River Hotel latschen, ein Bett und ihre Gegenwart in diesem Bett verlangen könnte, war ein echter Alptraum. Aber er war ertrunken. Futter für die Fische. So vergessen wie das altbackene Brot von gestern.

Doch war er das wirklich? Schließlich war Weihnachten, und alle guten Gespenstergeschichten wurden am weihnachtlichen Kamin erzählt. Ihr ging die Geschichte aus einer Geisterserie im Fernsehen durch den Kopf. Da war eine Ehefrau blutüberströmt aufgewacht. Das Ganze hatte auf einem Boot auf hoher See gespielt. Von ihrem Mann war weit und breit keine Spur gewesen, und die unglückselige Frau war wegen Mordes vor Gericht gestellt worden. Sie saß ihre Strafe ab, und als sie wieder frei war, folgte sie den wenigen Hinweisen, die sie gefunden hatte, und spürte ihn tatsächlich auf. Es stellte sich heraus, dass er quicklebendig war und eine junge Ehefrau und ein Baby hatte. Zumindest hatte Carl ihr das nicht angetan. Er war einfach mitten auf dem Atlantik ertrunken. Seine Leiche hatte man nie gefunden.

Eine weitere schreckliche Möglichkeit fiel ihr ein. Auch dieses Klischee schien aus einer amerikanischen Seifenoper zu stammen. »Hi Honey. Da bin ich wieder. Ich bin nicht tot. Es war alles ein Irrtum. Es war mein Zwillingsbruder, der da ertrunken ist.«

Es wurde ihr heiß und kalt, während sie versuchte, dieses Bild wieder zu verdrängen.

Sie bemerkte, dass der Umschlag wegen des Dampfes aus dem Fußbad langsam ganz weich wurde, und legte ihn zur Seite.

Dann trocknete sie ihre Zehen ab, deren Haut ganz zart geworden war, und rieb ihre Fersen mit Vaseline ein – billiger als jede Creme und sehr effektiv –, ehe sie ihren Füßen noch ein paar Kleckse Creme von Molton Brown spendierte. Die Vaseline leistete die Vorarbeit in der Tiefe, und das teure Produkt roch wunderbar und schenkte ihrem vom Winterwetter mitgenommenen Spann einen matten Glanz.

Jetzt wandte sie sich dem Brief zu, öffnete ihn und begann zu lesen.

Liebe Mrs. Driver,

wahrscheinlich erinnern Sie sich nicht mehr an mich, da es schon einige Jahre her ist, dass Ihr Mann und ich …«

Honey erblasste. Der Brief teilte noch einmal die Ankunftszeit eines gewissen Professor Jake Truebody mit. Er hatte vor einigen Wochen für die Weihnachtsferien per E-Mail ein Zimmer im Green River reserviert und auch eine Buchungsbestätigung erhalten.

Honey wurde ganz kalt.

Genau in diesem Augenblick kam Lindsey ins Kutscherhäuschen gestürmt. Natürlich hatte das Gebäude nichts mehr mit dem Ort gemein, der einst für die Kutsche und die Pferde und den Kutscher reserviert war. Im Untergeschoss befanden sich die Schlafzimmer und das Bad, die Küche und das Wohnzimmer waren oben, damit man die schöne Aussicht und das Licht hatte – im Wohnzimmer mehr als in der Küche. Von dort sah man nämlich nur auf Kamine und Mansardendächer.

Lindsey schaute Honey an. »Was ist denn mit deinem Gesicht los?«

Honey überschlug sich mit ihrer Antwort. »Das liegt am Dampf. Dann werden meine Wangen immer ganz rosig.«

»Die sind aber nicht rosig, sondern bleich. Als hättest du ein Gespenst gesehen.«

»Das ist die Haarfarbe. Die macht mich so blass.«

»Ah! Das stimmt wirklich.«

»W

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