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Mord und andere Nebensächlichkeiten

Mord und andere Nebensächlichkeiten

Horst Bieber et al.

Published by Cassiopeiapress/Alfredbooks, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Mord und andere Nebensächlichkeiten

Klappentext

UNTERSCHÄTZE NIEMALS BOBO! | Horst Bieber

Klappentext:

1.

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SALLY STRASS | Fred Breinersdorfer

Klappentext:

Inhalt:

1. Sally und der tote Lächler

2. Tote verschwinden nicht

3. Rendezvous mit Killern

4. Der geheimnisvolle Brief

5. Margaritas und der Mississippimond

6.1. Alternative 1: Bob ist tot – Die Voodookönigin

6.2. Alternative 2: Bob lebt – Die Voodookönigin

7. Das Geheimnis des Mr. X

8. Knast für Sally?

9. Psychotrip im 38. Stock

10. Sally auf der Flucht

11. Die schlimme Stewardess

12. Die Entführung

13. Mord in der Christnacht

14. Ein Kaiserwalzer für Sally

15. Der melancholische Milliardär

16. ...arschel brennt.

17. Die geheimnisvolle Dicke

18. Sally fällt der Himmel vor die Füße

19. Das Geheimnis der Tagebücher

20. Ein russischer James Bond versagt

Der Fall MARTINSSON | RICHARD HEY

AUF DER SPUREN EINES MÖRDERS | Pat Urban

Klappentext:

About the Publisher

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Klappentext

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Zu jeder Zeit, ob im Wilden Westen oder später, zu einer Zeit, die wir zivilisiert nennen, wurden Menschen ermordet; heimtückisch, skrupellos zuweilen sogar regelrecht abgeschlachtet, ob aus Habgier oder um ein anderes Verbrechen zu vertuschen manchmal sogar nur, weil es dem Täter Freude bereitet ...

Doch wer glaubt nach einer solchen Straftat ungeschoren davonzukommen der irrt. ALLES kommt früher oder später ans Licht, manches sogar schneller als man denkt. Denn es wird immer jemand geben, der versuchen wird, diese Gewalttaten aufzuklären und den Mörder zu fassen, dabei hat jeder seine eigene Methode, die unterschiedlicher nicht sein können. Manche Spuren sind gepflastert mit dem Tod von Menschen, andere sind so unscheinbar, sodass nur der genaue Beobachter eine Straftat erkennt. Und immer wieder passiert es, dass der Mörder seinen Gegner unterschätzt oder der Jäger zum Gejagten wird ...

––––––––

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INHALT:

Horst Bieber – Unterschätze niemals Bobo

Fred Breinersdorfer – Sally Strass Band 1

Richard Hey – Der Fall Martinsson

Pat Urban – Auf den Spuren eines Mörders

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UNTERSCHÄTZE NIEMALS BOBO!

Horst Bieber

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Kriminalroman

––––––––

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IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author / Titelbild: Damedeeso/123RF mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

Früherer Titel: Die tote Tante aus Marienthal

© dieser Ausgabe 2017 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Klappentext:

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Wer glaubt nach einer Straftat ungeschoren davonzukommen der irrt. ALLES kommt früher oder später ans Licht, manches sogar schneller als man denkt.

Eine verscharrte Frauenleiche wird an einer Stelle gefunden, von der man im Normalfall davon ausgehen kann, dass sie so schnell nicht gefunden wird. Doch hier hat jemand seine Rechnung ohne Bobo gemacht. Sein Herrchen, Kriminalhauptkommissar Björn Oppel, ist ratlos. Wer ermordet eine, alleinlebende, ältere Dame und mach sich die Mühe, die Leiche an solch einer Stelle zu verbergen und vor allem: Warum? Die Untersuchungsergebnisse sind verworren und bringen gleich mehrere Personen als mögliche Täter ins Spiel, sodass er noch tiefer graben muss, um sichere Erkenntnisse zu erlangen

Gelingt es ihm den oder die wahren Täter zu fassen? – Vielleicht, denn er hat ja Bobo an seiner Seite. Und Bobo sollte niemand unterschätzen ...

***

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1.

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Bobo hüpfte und tanzte vor Vergnügen. Das würde endlich mal wieder ein vernünftiger Ausflug werden, mit Stockwerfen, Tauziehen, Ballfangen und ein, zwei gediegenen Raufereien mit größeren Hunden. Nicht nur dieses brave Hin und Her auf den Grünanlagen zwischen Rauem Haus und Burgstraße.

Nichts gegen Sabine, die attraktive neue Freundin seines Herrn, aber was Bobo wirklich brauchte, verstand sie einfach nicht. Bobo war ein so intelligenter wie gewitzter Hund, klug genug, um in der Regel zu wissen, was sein Herr von ihm wollte und welche Befehle er gerade noch missachten durfte, bevor Björn Oppel wirklich wütend wurde.

Bobo vereinte in seinem Erbgut zahllose Rassen, er war eher klein, aber verblüffend stark, weiß mit schwarzen Hecken, die sich im Laufe eines Spazierganges durch Dreck, Staub, Öl und Pfützenwasser vergrößerten

Als echter Kavalier ließ Bobo kleine Rüden unbeachtet, legte sich nur mit größeren Rüden an, die im wahrsten Sinne des Wortes auf ihn herabsahen, und war gegenüber Hündinnen von ausgesuchter Höflichkeit.

Jetzt also auf nach Öjendorf, prächtig, nur eines verstand Bobo nicht, warum Herrchen wieder dieses alberne dritte Bein aus Metall mitschleppte.

„Wirst du es schaffen?“, fragte Sabine besorgt.

„Keine Ahnung, wir müssen es versuchen, Bine.“ „Okay, ich hab für alle Fälle das Handy dabei.“

Vor vier Wochen hatte ein durchgeknallter Geiselnehmer auf den Kriminalhauptkommissar Björn Oppel geschossen und ihm das Schienbein zerschmettert. Der Bruch heilte ganz ordentlich, aber für den ungeduldigen Oppel viel zu langsam. Einmal rund um den See zu laufen war schon ein Risiko, aber die Sonne strahlte aus einem makellos blauen Himmel, das Thermometer zeigte über zwanzig Grad an. Er hielt es in seiner Wohnung einfach nicht mehr aus.

Bobo war enttäuscht. Da schleppte er die schönste Auswahl von Stöcken an, doch sein Herr und Meister stöhnte nur und ließ sie alle liegen. Was war los mit ihm, war er etwa krank? Sabine Altmann sah das Unheil kommen: „Er schwimmt über den See.“

„Der Teufel soll ihn holen.“

Der dachte nicht daran, als Bobo etwas plump, aber entschlossen ins Wasser hechtete und auf die erste Insel zuschwamm. Ohne Blick für die Enten links und rechts. Oppel pfiff und rief, aber Bobo ließ sich das kleine Sonntagvormittagsvergnügen nicht verderben. Wie ein Verrückter brauste er auf der Insel durch das Gras und das niedrige Buschwerk, stoppte jäh, schnaufte, schnupperte und begann schließlich zu bellen, dass ihm bald die Luft ausblieb.

Aber niemand kam.

Selbst sein Herr nicht, der doch hören musste, dass Bobo Alarm schlug, weil er Hilfe brauchte. Der Sack roch eindeutig nach Blut und Mensch. Bobo schnappte sich den Knoten des Sacks und begann ihn rückwärts Richtung Wasser zu zerren.

Als Erstes tauchte ruckweise der lebhaft wedelnde Stummelschwanz zwischen dem Gestrüpp auf. Sabine hatte schon das Glas vor den Augen, mit dem sie sonst Wasservögel beobachtete.

„Björn, um Himmels willen, das sieht aus wie ein Mensch in einem Sack.“

In letzter Sekunde entdeckte Oppel einen passenden Stein, der Bobo hart und präzise unter dem steil aufgerichteten Schwanz traf. Bei dieser Beleidigung ließ Bobo die Jute los und schwamm tief gekränkt zu dem Verräter zurück, der bereits über Handy die Kollegen alarmierte.

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2.

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Die Kollegen waren alles andere als begeistert. Ausgerechnet am Sonntagmorgen musste Oppel eine weibliche Leiche finden, der – wie auf den ersten Blick sichtbar – der Schädel eingeschlagen worden war. „Entweder du arbeitest, oder du bleibst zu Hause.“ Bobo deutete die finsteren Seitenblicke richtig und hielt sich vorsichtig in gebührender Entfernung.

„Ich komme morgen ins Büro“, versprach Oppel. „Der Arzt meint, ich solle mich mehr bewegen.“

Sabine versuchte vergebens, ihm das auszureden. „Dann musst du wenigstens zu mir ziehen“, verlangte sie. Dagegen hatte Oppel nichts einzuwenden. Vor Jahren hatte er sich eine Wohnung in der Klaus-Groth-Straße besorgt; nicht übermäßig schön, aber groß, billig und zum alten Polizeipräsidium am Berliner Tor ausgesprochen günstig gelegen.

Doch dann war das alte Präsidium wegen Asbest aufgegeben worden, und der neue Bau an der Hindenburgstraße lag für ihn äußerst ungünstig. Erst recht, wenn er ein steifes Bein behalten sollte, was er manchmal befürchtete, und nicht mehr Auto fahren konnte. Wie der Zufall wollte, freundete er sich mit seiner Krankengymnastin an, die im Blaukissenstieg ein Haus geerbt hatte, das nach ihrem Urteil für eine Person viel zu groß sei. Bis jetzt hatte Oppel viel Wert auf seine Freiheit und Selbstständigkeit gelegt und es immer abgelehnt, zu einer Freundin zu ziehen.

Bei Sabine konnte er sich mittlerweile ein Abweichen von dieser Regel vorstellen, und auch Bobo war nicht prinzipiell dagegen, hatte er in dem Haus doch ein eigenes Zimmer, knurrte allerdings, weil Sabines Drang, ihn regelmäßig unter die Dusche zu stellen, das an sich gute Verhältnis trübte. Denn dabei benutzte sie eine parfümierte Seife, die Bobos Geruchssinn auf Stunden blockierte.

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3.

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Die Kollegen staunten nicht schlecht, als Oppel tatsächlich am Montag seinen neuen Schreibtisch einweihte und Bobos Korb zwischen zwei Schränke klemmte.

Bobo mochte Sabines Patienten nicht leiden, seine Methode, den Behinderten das Laufen wieder beizubringen, war wohl wirkungsvoll, fand aber Sabines Beifall nicht.

Stunden später rief die Kriminaltechnik bei Björn Oppel an. „Kannst du dich bewegen, oder sollen wir dir alles schriftlich übermitteln?“

„Bin schon unterwegs.“

In dem Jutesack hatten sie neben Kartoffelschalen und Lehmresten ein Paar Frauenschuhe gefunden, und Möller zeigte stolz auf den eingeprägten Namenszug: „Orthopädische Schuhe.“

„Danke, Möller.“

*

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DER SCHUHMACHER HATTE sein Geschäft in der Nähe des Wandsbeker Quarrees und erwies sich als energischer Fachmann: „Ja, die Schuhe habe ich angefertigt.“

„Wissen Sie, für wen?“

„Seit wann bemüht sich ein Hauptkommissar, einer alten Dame verlorene Schuhe zurückzubringen?“

„Wenn es das mal wäre“, blubberte Oppel. „Die Schuhe steckten zusammen mit einer weiblichen Leiche in einem Sack.“

„Nein, das ist nicht wahr. Doch nicht Tante Amanda.“ „Wie war der Name?“

Der Forsche lief zartrot an. „Amanda Ruff, etwas über 80 Jahre. Sie sah aus wie die nette Tante aus dem Bilderbuch, und deshalb habe ich sie Tante Amanda genannt, aber nur hinter ihrem Rücken. Sie war zwar nett, aber auch sehr energisch – sozusagen eine Tante mit Haaren auf den Zähnen.“

„Jetzt brauche ich nur noch die Anschrift.“

„Moment.“ Mit dem Bürokram stand der Sohlenmeister etwas auf Kriegsfuß, fand aber nach kurzem, hektischem Suchen die Verordnung des Arztes. Amanda Ruff, Oktaviostraße in Marienthal.

Hochzufrieden ließ sich Oppel ins Präsidium zurückkutschieren. Inzwischen lag sogar das Protokoll des Gerichtsmediziners vor. Amanda Ruff war erschlagen worden, am Samstag zwischen neunzehn und einundzwanzig Uhr. Bei der Tatwaffe handelte es sich wahrscheinlich um einen kurzen, dicken Ast. Der Täter hatte direkt vor ihr gestanden. Stücke von Rinde hatten sich in der Wunde verfangen und wurden noch botanisch untersucht.

Keine Anzeichen auf eine vorhergegangene Auseinandersetzung. Keine Hämatome, keine Abschürfungen. Tante Amanda – dieser Name prägte sich sofort ein – war für ihre 81 Jahre kerngesund gewesen, bis auf akute Bandscheibenbeschwerden, die sie dazu gebracht hatten, etwas schief zu laufen, wogegen der Orthopäde ihr einen linken Schuh mit mäßig erhöhter Sohle verordnet hatte. Am linken Unterarm fehlte eine Armbanduhr, erkennbar an dem hellen Streifen auf der gebräunten Haut. An beiden Händen hatte sie insgesamt sechs Ringe getragen, die ebenfalls fehlten.

Oppel rief den Pathologen an: „Wie stark war der Schlag auf den Kopf? Konnte den auch eine Frau ausgeführt haben?“

„Warum willst du das wissen, Oppel?“

„Ich möchte schon wissen, wer Tante Amanda ins Jenseits befördert hat, ein Mann oder eine Frau.“

„Auch eine Frau kann eine Neun-Millimeter-Pistole abfeuern.“

„Ich denke, Amanda Ruff ist erschlagen worden.“ „Dass ihr blöden Kerle die Akten nie vollständig lesen könnt“, wütete Steiniger los.

„Halt mal die Luft an, du Leichenfledderer“, erregte sich Oppel, „ich kann lesen, sogar von vorne bis hinten, aber deine Akten sind wieder einmal nicht vollständig.“ Steiniger schmetterte den Telefonhörer hin und erschien eine Viertelstunde später, ausgesprochen belämmert.

„Tut mir Leid, Björn, wir haben eine Urlaubsvertretung, und die hat die wichtigsten Seiten nicht in die Akte geheftet. Amanda Ruff wäre an den Folgen der beiden Schläge auf die Schädeldecke auch gestorben, wenn nicht vorher ein direkter Schuss ins Gehirn ihrem Leben ein Ende gesetzt hätte. Neun-Millimeter-Stahlmantelgeschoss.“

„Sie ist also sozusagen zweimal ermordet worden?“ „Wissenschaftlich und medizinisch Blödsinn, sachlich und juristisch nicht ganz falsch.“

„Wie gut, dass ich angerufen habe, sonst wäre unsere Aufklärungsquote wieder so hässlich gesunken.“

„Ich werde die Aushilfe erschießen und ihr einen Zettel mit dem Motiv auf die übrigens recht sehenswerte Brust legen.“

„Die du in diesem Fall nicht obduzieren darfst. Lass es also.“

„Okay. Einverstanden.“

Nach dieser Blamage spurte die Rechtsmedizin, das Geschoss wanderte sofort in die Kriminaltechnik, die ebenfalls ein ungewöhnliches Tempo vorlegte; aber das lag vielleicht daran, dass Oppel gedroht hatte, er werde Bobo schicken, um den Schlafmützenverein aufzuwecken.

Steiniger rief freiwillig noch einmal an: „Nur ein Tipp, Björn. Das Einschussloch war so von den Haaren der alten Dame verdeckt, dass man es kaum sehen konnte, überdies mit Blut aus der Platzwunde eines Schlages verschmiert.“

Als sich die Pressestelle wegen der vielen Anfragen meldete, ordnete Oppel Schweigen an. „Woher wissen die überhaupt ...?“

„Du bist goldig, Oppel. Müsst ihr eure Leichen am Sonntagvormittag bergen, wenn Hunderte von Hamburgern an der Fundstelle vorbeispazieren oder -joggen?“ „Erzähl das meinem Hund.“

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4.

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Am Nachmittag schlich Oppel an der großen, frisch renovierten Villa vorbei. Niemand war ans Telefon gegangen. Bewohnt war das Haus zurzeit anscheinend nicht, niemand reagierte auf das Klingeln, auf Klopfen und Rufen.

Bobo, stolz auf seine neue Funktion als inoffizieller Polizeihund, sauste um das Haus herum, auf der Suche nach offenen Türen oder einem offen stehenden Fenster, fand aber nichts, und auch Oppel, der ihm langsam folgte, entdeckte keine Spur eines gewaltsamen Eindringens.

Vor allen Fenstern und Verandatüren waren Jalousien herabgelassen. Im Garten standen mehrere blaue Plastiksäcke, bis oben hin gefüllt mit Rasenschnitt, einige auch mit den Resten von Sträuchern und Blumenbüschen. Am Wochenende hatte hier jemand im Garten gearbeitet, Sträucher und Blumen beschnitten, die Reste aber nicht mehr abgefahren. Am Zaun entdeckte Oppel ein Metallgestell für Abfälle zur Kompostierung, das bis zur Oberkante aufgefüllt war.

Als Oppel mit Bobo wieder auf die Straße trat, versperrte ihnen eine ältere Frau den Weg. „Was machen Sie denn hier?“, erkundigte sie sich unfreundlich.

Oppel zeigte rasch seinen Dienstausweis, damit sie nicht weiterredete, Bobo mochte keine Menschen, die seinen Herrn aggressiv oder drohend ansprachen, und fühlte sich zur Verteidigung veranlasst. „Wir suchen Frau Ruff. Es ist dringend.“

„Da haben Sie Pech. Frau Ruff ist am Sonntag in ihr Ferienhaus auf Sylt gefahren.“

„Haben Sie zufällig die Adresse?“

„Nein, habe ich nicht.“

„Und wenn dieses Haus hier abbrennt?“

„Verständige ich den Neffen.“

Von dem sie auch keine Anschrift, aber eine Handy-Nummer hatte, die sie nach einigem Zögern herausrückte. Bobo ahnte, dass nicht alles so lief, wie sein Hundefutter-Geber sich das vorstellte, setzte sich also brav vor Pauline Petersen aus dem Nachbarhaus und streckte ihr eine Pfote hin.

Das erweichte sie etwas. Bobo durfte allerdings das Haus nicht betreten und belegte ohne Protest die Fußmatte. Oppel wurde in ein Wohnzimmer geführt, das durchdringend nach Bohnerwachs roch, obwohl alle Fenster offen standen. Der Neffe hieß Peter Pesch, Student, und wohnte auch in Hamburg. Student klang in Pauline Petersens Diktion wie Heiratsschwindler oder Taschendieb.

Oppel verabredete sich mit Peter Pesch im Polizeirevier an der Schädlerstraße. Peter Pesch, 25 Jahre alt, machte einen guten Eindruck, groß, muskulös und blond.

Ja, er hatte die Telefonnummer des Sylter Ferienhauses seiner Tante. Dorthin fuhr sie jeden Juli, bei Sonne, Regen oder Sturm. Nein, wann genau sie am Sonntag losgefahren war, wusste er nicht, sie hatte am Samstag das Auto vollgepackt und wollte noch in der Nacht starten.

„Wann haben Sie Ihre Tante zum letzten Mal gesehen?“ „Am Samstag.“

„Haben Sie sich regelmäßig am Wochenende getroffen?“ „Nein. Sie rief mich am Samstagnachmittag an und befahl mir, zum Rasenmähen anzutreten.“

„Befahl?“

„Sie kennen Tante Amanda nicht.“

„Kannten“, verbesserte Oppel mild. Pesch zuckte nur kurz zusammen. Große Trauer über den Tod seiner Tante schien er nicht zu empfinden.

„Verdammt, ja, daran muss ich mich erst noch gewöhnen.“ „Wieso hat sie Ihnen befohlen, bei ihr zum Rasenmähen anzutreten?“

„Weil sie wieder einmal einen Gärtner rausgeschmissen hatte. Der arme Kerl hatte aus Unachtsamkeit ein kleines Rosenstöckchen zerschnitten und ruiniert. Also musste er postwendend das Grundstück verlassen, und Tante Amanda brauchte jemanden, der ihren Rasen noch vor ihrer Abfahrt in den Urlaub mähte. In dem Punkt ist ... war sie eigensinnig; wenn sie wegfuhr, musste der Garten tipptopp in Ordnung sein.“

„Also haben Sie am Samstag Rasen gemäht.“

„Von sechzehn bis kurz vor zwanzig Uhr. Außerdem darf ich die Säcke noch zur Rahlau bringen. Da gibt es eine Annahmestelle für Gartenabfälle und Sperrmüll.“

Der Leichenfledderer in der Rechtsmedizin hatte Tante Amandas Todeszeit auf die beiden Stunden zwischen neunzehn und einundzwanzig Uhr festgelegt. Es konnte so eben hinkommen.

„Und was bekommen Sie für diese Arbeiten?“

„Einen warmen Händedruck.“

„Etwas wenig, finde ich.“

„Schon, aber ich muss es mir gefallen lassen; denn Tante Amanda ist meine Geldquelle.“

„Das verstehe ich nicht.“

Tante Amanda, so erklärte Peter Pesch geduldig, war die Testamentsvollstreckerin für Peters elterliches Vermögen. Das Testament enthielt aber leider die Klausel, Peter solle nur einen „angemessenen Betrag“ erhalten, um sein Jurastudium abzuschließen. Über das Geld konnte er frei erst verfügen, wenn er das erste juristische Staatsexamen bestanden und das 24. Lebensjahr vollendet hatte.

Bobo hatte aufmerksam zugehört und begann zu knurren, worauf Peter Pesch sofort zugab, dass seine Tante und er durchaus verschiedene Begriffe von „angemessen“ hatten – nein, das Verhältnis war nicht gut, sondern so schlecht gewesen, dass Peter lieber sprang, wenn die Tante pfiff. Denn Tante Amanda hatte einen dicken Kopf und wusste sich immer durchzusetzen – wie bei dem Gärtner, den sie so energisch vor den Gartenzaun gesetzt hatte, dass der arme Mann nicht einmal seine Geräte einpacken konnte.

„Im Garten liegen aber keine Geräte“, wandte Oppel ein. „Dann wird er sie später geholt haben.“

„Kennen Sie den Namen und die Anschrift des Gärtners?“ „Aber ja. Garten- und Gemüsebaubetriebe Balthasar Bauer in Rahlstedt. Und der junge Mann, der das Rosenstöckchen ruiniert hat, heißt Ramon Yarsunke.“ „Okay, das war’s fürs Erste. Besitzen Sie eigentlich eine Pistole, Herr Pesch?“

„Nein.“

„Haben Sie einmal mit einer Pistole geschossen?“ „Nie.“

„Hat Ihre Tante eine Waffe besessen? Als Schutz gegen Einbrecher oder so?“

„Nein, nicht, dass ich wüsste.“

„Okay, jetzt fahren wir mal in das Haus Ihrer Tante.“ Pesch war überhaupt nicht begeistert, folgte aber ohne Widerspruch.

Das Haus war aufgeräumt und leer, im Schlafzimmer fehlten mehrere Koffer. In der Garage stand nur noch ein nicht gereinigter Rasenmäher, der nach Gras roch.

Pesch kannte Marke und Kennzeichen des fehlenden Autos. Tante Amanda fuhr jeden Juli mit dem Auto nach Sylt, und Oppel wunderte sich: „Mit achtzig? Und dann nachts?“

„Sie hatte bessere Augen als ich. Nein, keine Brille oder Kontaktlinsen. Und wer ganz starke Nerven hat, wäre am besten mal mit meiner Tante gefahren. Ich hätte ihm eine zweispurige Bundesstraße mit viel Gegenverkehr und unübersichtlichen Kurven empfohlen.“

Bobo knurrte, er konnte diese harten Bremsmanöver, die sich sein Herr manchmal leistete, nicht ausstehen. Sabine fuhr viel angenehmer.

*

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NACHDEM PESCH SICH in seine winzige, „angemessene“ Wohnung Ecke Hirschgraben und Wandsbeker Chaussee aufgemacht hatte, besuchte Oppel noch einmal Pauline Petersen.

Sein Instinkt trog ihn nicht. Die alte Dame wusste recht gut Bescheid über die Verhältnisse in den Nachbarhäusern. Sie hatte sogar am Samstag den furchtbaren Krach zwischen Amanda Ruff und Ramon Yarsunke gehört. „Ich hab schon befürchtet, Amanda erschlägt den jungen Mann mit der Harke.“

„Es ging um einen kleinen Rosenstock?“

„Ja, um ein winziges, neu gepflanztes Stöckchen.“

„Ist sie so jähzornig?“

„Und ob!“

Ihre Selbstsicherheit ärgerte Oppel, und deswegen erkundigte er sich heimtückisch:

„Wann ist Frau Ruff denn nach Sylt gefahren?“

Pauline Petersen hatte nichts gemerkt und antwortete arglos: „Das weiß ich nicht. Sie war am Samstagnachmittag hier – ja, kurz bevor der Krach mit diesem Yarsunke losging, und hat sich verabschiedet.

Ich sollte doch mal ein Auge auf den Neffen haben, damit der nicht mit seiner Freundin drüben übernachtet.

So gegen acht ist dieser lärmige rote Maserati vorbeigefahren, wahrscheinlich wieder zum Tennisclub am Osterkamp. Der Mann wohnt in der Rauchstraße.“

Ein beachtlicher Kontrollradius, dachte Oppel bewundernd. „Irgendwann in der Nacht habe ich gehört, wie der Maserati vorbei und Amandas Wagen abgefahren ist und das Garagentor wieder geschlossen wurde. Aber wann genau das war? Fehlanzeige, tut mir Leid.“

Jetzt war Pauline Petersen doch misstrauisch geworden: „Was ist mit Amanda eigentlich geschehen?“

„Wir haben ihre Leiche am Sonntag auf einer Insel im Öjendorfer See gefunden.“

„Leiche ...? Nein, doch nicht Amanda.“ Dann brach es wie eine Sturzflut aus ihr heraus: „Das war bestimmt dieser Yarsunke. Ich habe gehört, wie er ihr gedroht hat, als er in seine alte Klapperkiste stieg ‚Das werden Sie noch bereuen‘. Amanda war auch zu weit gegangen.“

„Ist Yarsunke noch einmal zurückgekommen, um seine Gartengeräte einzusammeln?“

„Ja, am Samstag gegen neunzehn Uhr. Ich hatte gerade im ZDF die ‚heute‘-Sendung eingeschaltet. Amanda brüllte ihn gleich an, was er noch wolle, und er brüllte zurück, er wolle seine Geräte abholen, und wenn Amanda ihm Schwierigkeiten machen wollte, könne er auch die Polizei holen.“

„Wann ist Yarsunke wieder abgefahren?“

„Darauf habe ich leider nicht geachtet.“

„Amandas Leiche steckte in einem Jutesack, in dem wir die Reste von Kartoffelschalen und Lehm entdeckt haben.“

„Ich habe meine Winterkartoffeln auch bei Balthasar Bauer gekauft.“

„Liebe Frau Petersen, ich komme mit einem Protokoll wieder, das Sie dann unterschreiben müssen.“

„Ich komme lieber zu Ihnen, ich war noch nie in dem neuen Präsidium. Und dass ich etwas neugierig bin, will ich nicht leugnen.“

Bobo hustete, das Wörtchen „etwas“ musste einen wachsamen Hund treffen.

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5.

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In der Gärtnerei Balthasar Bauer wurde hart gearbeitet. Dass Björn Oppel den Jüngsten, Ramon Yarsunke, unbedingt jetzt sprechen wollte, verärgerte den Chef mächtig. Doch Oppel blieb hartnäckig, und Bobo knurrte einschüchternd. Yarsunke stellte sich als schmächtiges Hemd heraus. Groß, mager und blass.

Als er hörte, dass Amanda Ruff an dem Tag ermordet worden war, an dem er mit ihr den Zoff wegen eines Rosenstöckchens hatte, begann er zu schlottern, dass seine lehmigen Hosen rutschten. Ja, er hatte dem Meister Bauer gebeichtet, welches Missgeschick ihm unterlaufen war, und dann musste er noch gestehen, dass er die Gartengeräte vergessen und Amanda Ruff ihm bei dem ersten Versuch, die Sachen zu holen, gegen neunzehn Uhr das Haus und den Garten verboten hatte.

Da half nichts, Meister Bauer blieb hart, Yarsunke musste wegen der Geräte noch einmal in die Oktaviostraße fahren und bei Amanda Ruff läuten.

„Wann haben Sie da beim zweiten Mal geklingelt?“ „Gegen einundzwanzig Uhr vielleicht.“ Das Haus lag schon im Dunkeln. Auf sein Klingeln und Rufen reagierte niemand. Also ging er ums Haus herum und stieg über den niedrigen Zaun, eine Glastür zum Garten stand noch weit offen. Er rief und klopfte, aber niemand kam. Also sammelte er seine Geräte ein, verstaute sie in dem Lieferwagen und ging noch einmal zurück.

„Warum das, Herr Yarsunke?“

„Weil ... weil ...“ Der schmächtige Kerl begann zu zittern, bis Bobo sehr unfreundlich zu bellen anfing. Dann riss sich Ramon zusammen. „Weil da in dem Wohnraum etwas auf dem Tisch lag, was ich mir anschauen wollte.“ „Anschauen?“, fragte Oppel gedehnt.

Oppels hörbares Misstrauen und Bobos lautstarke Wut waren zu viel für den nervenschwachen Yarsunke.

„Ja, anschauen, eine Armbanduhr, mehrere Ringe, ein Anhänger und eine dicke Goldkette.“

„Anschauen“, wiederholte Oppel drohend.

Yarsunke knickte ein: „Ich hab’s eingesteckt.“

„Und das lag so einfach auf dem Tisch herum?“ Yarsunke drehte rasch den Kopf hin und her, trat nach dem wild knurrenden Bobo, verfehlte ihn und raste los. Aus der Tür hinaus auf den Hof schaffte er es noch, dann ereilte ihn das Schicksal in Form eines zum Krieg entschlossenen Bobo, der sich in Yarsunkes Bein verbiss und festhielt, bis der Gegner laut schreiend zu Boden ging. In dem Moment war auch Oppel herangewankt, klopfte Bobo lobend die Flanke, worauf der Hund seinen Biss lockerte.

Yarsunke ließ sich ohne weiteren Widerstand, aber bös humpelnd, zum Auto führen. Der als Fahrer abgestellte Obermeister legte Yarsunke Handschellen an, damit Oppel noch einmal zurückgehen und in aller Ruhe den Spind des Festgenommenen vergeblich nach dem Schmuck und einer Pistole durchsuchen konnte.

Yarsunke willigte ein, in seine Wohnung an der Wilsonstraße zu fahren, und erlaubte Oppel, sie zu durchsuchen. Eine Pistole oder einen Revolver fand Oppel nicht. Bobo jedoch witterte den Schmuck (eine Armbanduhr, sechs Ringe, ein Anhänger, eine schwere Goldkette in eine alte Serviette eingewickelt) unter dem Kleiderschrank.

Yarsunke beharrte darauf, dass, als er gegen einundzwanzig Uhr fünfzehn von der Veranda in den Wohnraum trat, der Schmuck bereits auf dem Tisch lag. Nein, kein Mensch im Zimmer, nur oben, im ersten Stockwerk, rumpelte es einmal, als fiele ein schwerer Gegenstand zu Boden.

Natürlich hatte er oben nicht nachgesehen, er war heilfroh, dass er ungesehen das Weite suchen konnte. Was ihm sonst noch aufgefallen war? Auf dem Tisch stand ein großer Glasaschenbecher, und darin lag ein kleines Aschehäufchen und ein halb verbranntes Stück Papier. Nein, keine Ahnung, was das war.

*

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DIE KOLLEGEN STAUNTEN nicht schlecht, als Oppel einen Tatverdächtigen einlieferte. Die KTU musste noch einmal los, um in der Ruff-Villa Fingerabdrücke zu sichern. Als Oppel den nach der Festnahme unvermeidlichen Papierkrieg bewältigt hatte, gähnten er und Bobo um die Wette.

Beim Haftrichtertermin erschien ein Rechtsanwalt, den Yarsunkes Meister für Ramon organisiert hatte. Dass Ramon nicht mit Geistesgaben verwöhnt war, stand außer Frage, aber eben auch, dass er ehrlich war – und vielleicht zu blöd, einen Diebstahl zu begehen.

Oppel verabredete sich noch einmal mit Peter Pesch, der heftig bestritt, dass im Wohnzimmer der Schmuck seiner Tante auf dem Tisch gelegen hatte. Nein, er hatte keinen Grund gehabt, in den ersten Stock hochzugehen. Nein, auch nicht, um seiner Tante die Koffer ins Erdgeschoss hinunterzutragen und in das Auto einzuräumen. Als er, Peter, gegen zwanzig Uhr fortfuhr, war die Tante noch putzmunter und wollte kurz nach Mitternacht aufbrechen.

Oppel hörte ihm zu und fragte sich gleichzeitig: Warum war Yarsunke erst um neunzehn Uhr in der Villa gewesen, was die Nachbarin Pauline Petersen bezeugte, und dann laut eigener Aussage auf Anweisung seines Chefs noch einmal gegen  einundzwanzig Uhr zurückgekehrt? Hatte er sich um neunzehn Uhr wirklich abweisen lassen und nicht einmal sein Werkzeug eingesammelt?

Später am Abend krauste Sabine ihre hübsche Stupsnase. Der Gärtner sollte der Mörder sein? „Björn, das passiert nur in sehr schlechten Krimis.“ Wenn dieser Yarsunke die Wahrheit gesagt hatte, was sollte dann da in dem Glasaschenbecher verbrannt werden?

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6.

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Am nächsten Vormittag kam Rechtsanwalt Dr. Christian Bülow in Oppels Büro. Bülow hatte für Amanda Ruff die Rechtsgeschäfte erledigt.

„Woher wissen Sie eigentlich vom Tod der alten Dame? Wir haben Sie doch noch gar nicht benachrichtigt und bis jetzt nichts an die Presse gegeben.“

„Von ihrem Neffen Peter Pesch.“

Bülow hatte Tante Amandas Testament nicht aufgesetzt, kannte aber den Inhalt, auch die letzten Bestimmungen von Amanda Ruff.

Die kinderlose Amanda würde ihrem Neffen Peter weitere zwei Millionen, eine Villa und ein Sommerhaus auf Sylt vererben. Vater Pesch hatte zwölf Millionen hinterlassen, aber seinem einzigen Sohn Peter nicht völlig getraut. Deswegen die beiden Bestimmungen: erst Staatsexamen plus 24 Jahre alt – dann freie Verfügung über das Erbe. Und nun würde Peter Pesch ohne Altersbeschränkung von seiner Tante zwei Millionen in Geld und Wertpapieren erben, als einziger Verwandter von Amanda Ruff. Was der alten Dame nicht gefallen hätte.

„Und warum nicht?“

„Sie hielt ihren Neffen für einen unbelehrbaren Hallodri, der das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster werfen würde. Überdies soll er Schulden haben.“

„Was heißt – Schulden?“

„Amanda Ruff betrachtete bereits Mensch ärgere dich nicht als unerlaubtes Glücksspiel. Von Poker wollen wir gar nicht reden.“

„Und Neffe Peter pokert?“

„Hat sie behauptet. Ob das stimmt, wissen die Götter. Jedenfalls wollte sie ihr Testament ändern und ebenfalls eine Altersklausel einbauen. Das hatte sie ihm auch angekündigt, um ihn zur Vernunft zu bringen.“

„Das kann ins Auge gehen.“

„Oder auf den Kopf, Herr Hauptkommissar. Was ist das für ein merkwürdiger Hund in dem Korb da drüben?“

„Bobo macht gerade das Polizeihundanwärter-Referendariat durch.“

„Ich verstehe. Schlaf im Dienst ist die erste Lektion, wie? Liest er nach bestandenem Examen Ihre Akten?“

„Das lehnt er kategorisch ab.“

Bülow ging bald, und Oppel nahm sich den kleinen Aktenstapel vor.

Die Botanikerin vom LKA, eine flotte Brünette – wie hieß sie bloß noch? –, hatte die winzigen Rindenreste in Amandas Kopfwunde als Kirschbaumteile identifiziert, und Oppel schickte einen Kollegen in den Garten, um den Kirschbaum zu suchen und die „Tatwaffe“ zu finden, auch wenn der Kollege dafür die blauen Plastiksäcke mit den Gartenabfällen Umstürzen und durchwühlen musste.

Freund Yarsunke beteuerte seine Unschuld, aber die vorliegenden und jetzt unterschriebenen Protokolle sahen für ihn nicht gut aus.

*

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SABINE HOLTE OPPEL um siebzehn Uhr ab, weil sie zu Recht vermutete, dass er zu erschöpft war, um noch mit Bobo spazieren zu gehen. Doch aus dem ruhigen Abend wurde nichts.

Ein Übereifriger hatte nicht auf die Uhr geschaut und Punkt achtzehn Uhr auf dem Ruffschen Glasaschenbecher einen höchst interessanten Fingerabdruck gefunden, den sie in ihrer Kartei hatten. „Halt dich fest, Björn. Unser Freund Arno List.“

„Nie gehört.“

„Einer der mittleren Rotlichtfürsten auf St. Pauli. Geldverleiher und Mitbesitzer des Montana.“

„Wer oder was ist das Montana?“

„Eine Peepshow auf der Reeperbahn.“

„Was soll der Knabe mit Amanda Ruff zu tun haben?“ „Nicht mit Tante Amanda. Aber vielleicht mit ihrem Neffen Peter Pesch, von dem es heißt, er pokere und habe Schulden.

Im Montana wird in den Hinterräumen gepokert, und List verleiht Geld zu den üblichen Wucher- und Knebelbedingungen.“

Oppel erkundigte sich nicht, woher der Kollege das wusste. Wenn die informellen Buschtelegrafen wieder so präzise trommelten, war der neue Bau an der Hindenburgstraße von der Kripo angenommen.

Sabine bekam glänzende Augen. „Das klingt doch logisch, Björn. Solange Tante Amanda lebte, bekam List sein Geld nicht zurück.“

„Und wenn Pesch seine Tante erschlagen hat, bekommt er auch nichts, bis auf ein paar Jahre Knast.“

„Vielleicht hat List Peter einen Gefallen getan und die hinderliche Tante beseitigt.“

Oppel verzichtete darauf, seiner Freundin einen kleinen Vortrag über die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft von professionellen Geldverleihern und Kredithaien zu halten.

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7.

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Als Oppel sich am nächsten Morgen nach Lists Adresse erkundigte, war er alarmiert. Rauchstraße, die lag nicht allzu weit entfernt von der Oktaviostraße.

Gegen fünfzehn Uhr saß Oppel in Lists Büro. Der große, kräftige Mann amüsierte sich: „Was soll ich mit dem Tod einer alten Dame zu tun haben?“

„Das frage ich Sie.“

„Ich kenne keine Amanda Ruff.“

„Wirklich nicht? Ihr roter Maserati hat oft am Ruff-Haus geparkt – Sie fahren doch einen roten Maserati?“

„Wie auch einige andere Männer in Hamburg.“

„Aber die wohnen nicht in Marienthal. Wenn Sie Amanda Ruff schon nicht kennen wollen, dann vielleicht ihren Neffen Peter Pesch?“

List überlegte eine Sekunde zu lange, und danach stand für Oppel fest, dass List sehr wohl etwas mit Peter Pesch zu tun hatte.

„Kenne ich nicht.“

„Das glaube ich Ihnen nicht.“

„Was Sie glauben, Herr Oppel, ist Ihre Privatsache. Beweisen Sie mir das Gegenteil.“

„Wir haben Ihre Fingerabdrücke im Haus der Toten gefunden.“

List schwieg jetzt und kaute auf seiner Unterlippe. Er hatte oft genug mit den Bullen zu tun gehabt, um zu wissen, dass Fingerabdrücke eine höchst ärgerliche Sache waren, die auch gewiefte Anwälte schwer aus der Welt schaffen konnten.

„Na schön“, sagte er schließlich gedehnt, „ich war im Haus von Amanda Ruff.“

„Wann und warum?“

„Am vergangenen Sonntag.“

„Sie meinen Samstag.“

„Verdammt, nein, am Sonntag. Ich wollte mein Geld wiederhaben, das ich ihrem Neffen geliehen hatte.“ „Und wann haben Sie Amanda Ruff besucht?“

„Gegen elf Uhr, wie sich das unter manierlichen Leuten gehört.“

„Da war sie schon tot.“

„Das wusste ich nicht. Ich war gegen elf Uhr am Haus, habe geklingelt, aber niemand hat aufgemacht, dann ist mir aufgefallen, dass die Haustür einen Spalt breit offenstand. Ich bin ins Haus gegangen, habe laut ‚Hallo‘ gerufen, ohne Reaktion, und bin schließlich im Wohnraum gelandet. Auch leer.

Weil die Jalousien heruntergelassen waren, habe ich das Licht angeknipst. Auf dem Tisch stand ein Aschenbecher – ja, aus Glas –, und darin lag ein kleiner Aschehaufen. Als ob jemand Papier verbrannt hätte. Als höflicher Mensch hatte ich vor der Haustür die Fahrerhandschuhe ausgezogen und dann blöderweise vergessen, sie wieder anzuziehen. Ich habe den Aschenbecher hochgehoben, aber nicht erkennen können, was da verbrannt worden war. Vermutlich haben Sie meine Fingerabdrücke auf diesem blöden Glasklotz gefunden.“

„Warum haben Sie ihn nicht abgewischt?“

„Das ist mir zu spät eingefallen. Weil ich nichts zu verbergen hatte, habe ich die Haustür hinter mir ins Schloss gezogen. Dann fiel mir mein Fehler mit dem Aschenbecher ein, als ich die Handschuhe wieder anzog. Ich bin umgekehrt, aber jetzt war die Haustür zu.“

„Und niemand öffnete“, höhnte Oppel. List musterte ihn finster.

„Das ist die Wahrheit, und mehr kriegen Sie aus mir nicht heraus.“

„Vielleicht eine Antwort noch. Wie viel schuldet Pesch Ihnen?“

„Etwas über sechzigtausend.“

„Und die Zinsuhr tickt?“

„Na klar doch.“

„Pesch pokert?“

„Und wie. Er braucht unbedingt Geld.“

„Wer von uns braucht das nicht. Gibt es einen bestimmten Grund, dass er sich das Geld mit Karten beschaffen will?“

„Ja, er will heiraten, sagt er. So rasch wie möglich.“ „Ach nee, und wie heißt die Glückliche?“

„Jennifer mit Vornamen.“

„Einen Nachnamen und eine Adresse haben Sie sicherlich auch?“

„Nee, wozu auch? Bei ihr ist beim besten Willen nichts zu holen.“

„Beim schlechtesten!“, verbesserte Oppel höflich. Er glaubte List kein Wort.

„Häh?“

„Beim schlechtesten Willen ist bei ihr nichts zu holen.“ List sah ihn lange an, sagte aber nichts.

„Umso erstaunlicher, dass Sie einem grünen Jungen so viel Geld geliehen haben. Ganz ohne Sicherheiten.“

„Na ja, da war das Testament der Eltern, mit vierundzwanzig verfügt er ja über einen netten Batzen, und bis dahin laufen die Zinsen auf. Ich verdiene so oder so, alles klar?“

Oppel hätte ihm gern die Meinung gegeigt, aber noch war er auf Lists guten Willen angewiesen. Der Rotlichtfürst konnte jeden Moment auf stur schalten und seinen Anwalt anrufen.

„Würden Sie über das, was Sie mir erzählt haben, heute Nachmittag im Präsidium ein Protokoll unterschreiben?“ „Warum nicht!?“

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8.

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In der Kantine unterhielt sich Oppel lange mit der Kollegin Tanja Ehrlich. Sie hatte mehrere Monate lang eine Sonderkommission Rotlicht geleitet und kannte die großen und kleinen Fürsten recht gut.

Dass List wegen einer Schuld von sechzig Riesen einen Mord beging, hielt sie wie Oppel für ausgeschlossen, verzog allerdings das Gesicht, als Oppel ihr erzählte, wie List in die Villa gekommen sein wollte. Dass dieser gewiefte Hund eine nicht verschlossene Tür benutzt haben sollte, um in ein fremdes Haus einzudringen, also möglicherweise in eine Falle zu laufen, gefiel ihr gar nicht. „Das glaube ich nicht, Björn. Dazu ist er viel zu vorsichtig und gerissen.“

„Du meinst, jemand hat ihn in die Falle gelockt?“

„Das würde mir mehr einleuchten.“

„Na fein. Eine andere Frage, Tanja. Ist dir der Name Jennifer mal untergekommen?“

„Nein, tut mir Leid.“

„Schade. List gehört also zum Teil das Montana. Wer sind die anderen Eigentümer?“

„Ich werde mich mal umhören!“

„Danke für das Gespräch.“

„Was macht dein Bein?“

„Es wird besser, aber es dauert alles so entsetzlich lange.“

„Und wie geht es deiner Krankengymnastin?“

„Der geht es gut. Woher weißt du ...?“

„Mein Lieber, eine Bulette, die nicht neugierig ist, sollte sofort die Pensionierung beantragen.“

*

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OPPEL PFIFF NACH BOBO, der in der schwachen Hoffnung, es gehe endlich mal wieder in einen Wald, seinen Korb verließ, im Aufzug aus Leibeskräften gähnte, lautstark störende Luft aus dem Darm entließ und vor dem Auto den ihm unbekannten Kollegen Harald Schmidt beschnüffelte.

Schmidt, Hundefreund und trotz seiner Jugend Fachmann für Schlösser, Riegel und Alarmanlagen, bestätigte, was Oppel erinnerte: Alle Türschlösser und Fensterriegel waren unversehrt. Und ein maßlos enttäuschter Bobo musste umgehend ins Auto. Sie fuhren zur Wandsbeker Chaussee und besuchten Peter Pesch, der sich seiner Sache ganz sicher war.

„Nein, Tante Amanda kontrollierte jedes Schloss und jedes Fenster, jeden Riegel dreimal. Ausgeschlossen, dass sie fortgefahren war und die Haustür offen gelassen hatte.“

„Wer hat denn Schlüssel?“

„Sie natürlich, und ich. Sonst niemand, soweit ich weiß. Vielleicht noch der Anwalt Dr. Bülow.“

Den erwischte Oppel am Handy. Aber Bülow besaß keinen Schlüssel. Oppel grunzte, die Geschichte wurde immer verworrener. Pesch hatte inzwischen den bei Yarsunke gefundenen Schmuck als Eigentum seiner Tante identifiziert und bezweifelte erneut, dass sie die wertvollen Stücke einfach auf dem Tisch liegen gelassen hatte.

Im Keller gab es dafür einen Stahlschrank, in dem sie alle wertvollen und wichtigen Teile und Urkunden aufhob. Nein, dazu hatte der Neffe keinen Schlüssel. „Haben Sie eine Ahnung, wo das Auto geblieben ist?“ Pesch schüttelte den Kopf. Oppel hatte eine Suchmannschaft auf die Parkplätze rund um den Öjendorfer Park geschickt, die leicht gebräunt, aber ansonsten ergebnislos zurückgekehrt war.

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9.

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Erfolgreicher hatte sich die Gartenmannschaft in der Villa umgesehen. In einem Sack mit Grasschnitt war ein kurzer, runder Holzknüppel aufgetaucht, mit kaum sichtbaren Verfärbungen, die nun untersucht werden mussten.

Die Botanikerin durfte prüfen, ob das Holzstück aus dem Garten stammte und ob es eine Möglichkeit gab, die Rindenreste aus der Kopfwunde zweifelsfrei diesem Knüppel zuzuordnen. Es sah nicht gut aus für Ramon Yarsunke. Sabine schnaufte vor Wut. „Ihr seid nur zu faul und hängt lieber einem unschuldigen Jungen einen Raubmord an.“

„Wer sollte es sonst gewesen sein?“

„Werde ich dafür bezahlt? Oder du?“

„Ich hab manchmal den Eindruck, ich bin nur dazu da, um verfressenen Hunden das Maul zu stopfen.“

Bei dieser Beleidigung richtete sich Bobo auf und zeigte seine Zähne. Es gab Grenzen, auch für den besten Hund und kranke Herren. Vor Ausbruch des Krieges zwischen Herr und Hund bimmelte das Handy. Auf dem Horner Kreisel hatte es wieder einmal gekracht, und der ziemlich lädierte Mercedes trug ein gesuchtes Kennzeichen: HH AR 8122.

„Bin schon unterwegs“, sagte Oppel.

*

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SABINE WOLLTE SICH weigern, sie brauche ihren Schlaf für einen anstrengenden Beruf. Aber Oppel wurde fies: „Willst du nun deinen netten Gärtner aus der U-Haft holen oder nicht?“

Der Mercedes sah schlimm aus, den Beifahrer hatte der Notarztwagen bereits ins AK Wandsbek abtransportiert, der Fahrer war mit dem Schrecken davongekommen. An der Unfallstelle herrschte noch lebhaftes Treiben, ein Tankfahrzeug saugte Öl ab, das aus dem umgekippten Wagen geflossen war, Feuerwehrleute fegten Ölklumpen zusammen und streuten Sägemehl.

„Wir verkrümeln uns zu den Kollegen im U-Bahnhof Horner Rennbahn“, entschied Oppel. Sabine durfte nach Hause gondeln; Bobo blieb nachts nicht gern allein und neigte dann zu Dummheiten, die keine Versicherung bezahlen wollte.

Oppel würde sich einen Dienstwagen mit Fahrer organisieren oder wieder einmal Taxi fahren. (Der Henker mochte wissen, wer ihm die ganzen Fahrten erstatten würde.) Dort konnte der Mercedes-Dieb sogar einen gültigen Personalausweis vorzeigen. „Benedikt Grämlich, Sonnenweg 88“. Jahrgang 1961. Im großen Polizeicomputer nicht erfasst. Nicht vorbestraft, wie er heftig beteuerte. „Und das gestohlene Auto?“

„Ach du meine Güte. Was heißt hier gestohlen?“

„Wie würden Sie es denn sonst bezeichnen?“ „Gefunden ... bestimmt, Herr Hauptkommissar.“ „Wann und wo, Herr Grämlich?“

„In der Nacht vom vorigen Samstag auf den vorigen Sonntag. Am frühen Morgen, es wurde schon hell. In der Süderstraße.“

„Ach nee.“ Amanda Ruff war für manche Überraschung gut, aber was zum Teufel hatte sie in dem Prostituiertenbezirk Süderstraße zu suchen?

„Weiter, Herr Grämlich, wir warten gespannt.“

Da gab es nicht viel zu erzählen. Grämlich war am Samstagabend zu einer Prostituierten gegangen, wie er das regelmäßig tat. „Man gönnt sich ja sonst nichts.“ Schließlich war er nicht verheiratet, hatte keine Freundin, und gewisse Bedürfnisse verspürte der Mann nun mal.

Als er aus dem Haus, dem Bienenkorb an der Süderstraße, trat, parkte direkt am Eingang dieser Mercedes, mit weit geöffneter Fahrertür und laufendem Motor. Der Fahrer war weit und breit nicht zu sehen. Also hatte er, Benedikt, ein paar Minuten gewartet und sich dann hinter das Steuer gesetzt. Der Zündschlüssel steckte – nun denn, wenn jemand seinen Wagen loswerden wollte, war er, Benedikt Grämlich, zur Hilfe gern bereit.

Er war losgefahren, bis zu seinem Freund Toni Stromberger, ja, das war der Beifahrer, den sie eben ins Krankenhaus Wandsbek gebracht hatten. Freund Stromberger besaß hinter seinem Haus in der Diagonalstraße einen Abstellplatz, den man von den Nachbarhäusern und Wohnungen nicht einsehen konnte. Und dort hatten sie den Mercedes ausgepackt.

„Ausgepackt?“, wiederholte Oppel verständnislos.

Ja, ausgepackt. Auf der Rückbank lagen zwei große Koffer, und im Kofferraum fanden sie ein Schlauchboot mit Paddeln und Fußpumpe, ohne Luft, aber nass. Oppel starrte zur Decke, ihm war eine merkwürdige Idee gekommen, die vor allem Sabine erfreuen würde. Auch Bobo knurrte und grunzte aufgeregt.

„Was war denn in den Koffern?“

Grämlich wedelte mit seinen Händen in der Luft herum, als wolle er Fliegen fangen. Kleider, Wäsche, Schuhe, Mäntel, Morgenröcke. Pullover, Blusen, zwei Beutel mit Toilettensachen und Kosmetika. Ein verschließbares Kästchen mit Schmuck.

„Also Frauenkleidung?“

„Ja, klar doch.“

„Was haben Sie mit den Sachen gemacht?“

Das Schmuckkästchen hatte er im Keller seines Freundes Stromberger versteckt. Für den Schmuck mussten sie beide erst einen Abnehmer finden. Die Kleidung hatten sie wieder so unordentlich, wie sie das Zeugs vorgefunden hatten, in die Koffer zurückgestopft und die beiden Koffer in der nächsten Nacht im Billbrookkanal versenkt. „Na, mein Freund, damit haben Sie sich für diese Nacht ein kostenloses Quartier besorgt.“

„Wie denn das?“ Er hatte doch nur einen Wagen an sich genommen, der herrenlos am Straßenrand stand, um zu verhindern, dass er gestohlen wurde.

„Nicht herrenlos, Freund Benedikt. Sondern damenlos.“ „Was soll das heißen?“

„Wir haben die Leiche der Eigentümerin am nächsten Tag auf einer Insel im Öjendorfer See gefunden.“ Benedikt Grämlich wäre am liebsten ohnmächtig geworden, aber weil das nicht klappte, begann er zu toben, zu schreien und mit juristischen Konsequenzen wegen arglistiger Täuschung zu drohen, bis es Bobo zu viel wurde.

Der kluge Hund stand auf, reckte und streckte sich, stellte sich vor dem Schreihals auf und zeigte seine Zähne. „Nehmen Sie Ihren dreckigen Mistköter weg“, brüllte Grämlich. Doch das hätte er besser nicht gesagt. Auf Beleidigungen reagierte der am Abend noch frisch geduschte Bobo sofort, er schnappte sich ein Hosenbein und begann zu zerren. Von der überraschenden Stärke des Hundes überrumpelt, verlor Freund Grämlich umgehend sein Gleichgewicht, knallte mit dem hochroten Kopf gegen einen Aktenschrank und gab nach einem Schmerzensschrei, der die Trommelfelle marterte, endlich Ruhe.

Oppel ließ sich ins Präsidium fahren und setzte sich an den Computer, Sabine würde ohnehin sauer sein, weil er so lange ausgeblieben war, da kam es auf eine weitere halbe Stunde auch nicht mehr an. Immerhin hatte er von Benedikt Grämlich noch den Namen der Prostituierten erfahren, bei der dieser angeblich Stammkunde war. Zwei Koffer mit Frauensachen, unordentlich gepackt.

*

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SABINE WACHTE AUF, als Oppel ins Schlafzimmer kam, und wollte wirklich mit einer Schimpfkanonade beginnen. Er verschloss ihren Mund auf die einzige Art, die wirksam war und keine neuen Vorwürfe provozierte. „Wir beide fahren in unser Sommerhaus auf Sylt.“

„Waas?“

„Leider nur theoretisch. Du packst zwei Koffer, wie stopfst du deine Sachen in die Koffer?“

„Was heißt hier stopfen? Bist du verrückt, damit ich die ersten Ferientage damit verbringen darf, alles wieder aufzubügeln?“

„Danke, mein Schatz, das war’s auch schon. Ich hab leider kein Ferienhaus auf Sylt. Aber dafür setze ich deinen Gärtner auf freien Fuß – ja, bald.“

Sie brummte anerkennend, als es an der Tür leise kratzte. Der Polizeihund in spe schlief auch nicht gern allein, und Sabine schrie gellend auf, als eine recht schwere Kugel mit einem Jubelgrunzer auf ihrem Bauch landete.

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BEIM FRÜHSTÜCK SAH Sabine Oppel tief in die Augen. „Lieber Björn, das Zusammenziehen birgt Probleme.“ „Wie das?“, fragte er erschrocken.

„Dein Hund schnarcht noch schlimmer als du. Einen könnte ich ja zur Not und aus Liebe ertragen, aber zwei übersteigen meine Kräfte.“

„Ich werde ein ernstes Wort mit Bobo reden“, versprach Oppel. Den Vorschlag, die Schlafzimmertür von innen zu versperren, machte er erst gar nicht. Zu gut konnte er sich vorstellen, welchen Lärm sein Hund vor der Tür veranstalten würde.

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10.

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Ramon Yarsunke hatte tiefe Ringe unter den Augen. Er schlief schlecht in Santa Fu, außerdem plagte ihn die Angst, wie er offen zugab. Oppel musterte ihn scharf: „Wie wär’s, wenn Sie dann mal mit der vollen Wahrheit rausrücken würden?“

„Ich hab doch nicht gelogen.“

„Aber einiges verschwiegen. Tante Amanda war jähzornig, grob und rücksichtslos, einverstanden. Aber sie war nicht so blöd, Sie vom Grundstück zu jagen und Ihnen nicht einmal zu erlauben, Ihre Gartengeräte einzusammeln. Was ist da passiert?“

Yarsunke holte tief Luft. „Ich habe sie beobachtet.“ „Wobei?“

„Als sie die Jacke ihres Neffen durchsuchte.“

„Wann und wo?“

Yarsunke war in den Betrieb gefahren und hatte dem Meister Balthasar gestanden, welches Missgeschick ihm mit dem Rosenstöckchen unterlaufen war. Bauer hatte gebrüllt, er sei zu dumm, die Nase hochzuziehen, und ihn zurückgeschickt, sofort die Gartengeräte einzusammeln, sonst würde er Yarsunke jedes Stück vom Lohn abziehen.

Yarsunke war kurz vor neunzehn Uhr an der Villa angelangt und hatte sich nicht getraut, an der Haustür zu klingeln, sondern war gegen neunzehn Uhr heimlich über den niedrigen Gartenzaun gestiegen.

Die Verandatür zum Wohnzimmer stand weit offen. Die Alte – also Amanda Ruff – stand am Tisch, hatte eine Herrenjacke in der Hand und räumte die Innentaschen aus, legte dann die Jacke zur Seite, nahm einen schmalen Papierstreifen – „nein, ich weiß nicht, was das war, das konnte ich nicht erkennen“ , angelte aus einer anderen Jackentasche ein Feuerzeug und verbrannte den Papierstreifen in dem gläsernen Aschenbecher. Dann schaute sie zufällig hoch, entdeckte Yarsunke und kam in den Garten geschossen, als wolle sie Ramon in Stücke reißen – was er hier wolle, was ihm einfalle, ihr nachzuspionieren.

„Sie wusste also, dass Sie sie beobachtet hatten, wie sie den Papierstreifen anzündete.“

„Ja, so benahm sie sich.“

„Wo war Peter Pesch zu dieser Zeit?“

„Auf der anderen Hausseite, er räumte Rasenschnitt in die blauen Plastiktüten.“

„Amanda Ruff hat Sie dann vom Grundstück gescheucht?“ „Ja.“ In Erinnerung an seinen wenig schmeichelhaften Abgang seufzte Yarsunke tief. „Ich hatte den Eindruck, dass sie auf keinen Fall wollte, dass ich mit ihrem Neffen zusammentraf.“

„Ich vermute mal, dass Sie den richtigen Eindruck hatten, Herr Yarsunke. Wie ging’s dann weiter?“

Yarsunke war nach Hause gefahren, in die Wilsonstraße, hatte den Bauerschen Lieferwagen auf einem kleinen Parkplatz gegenüber dem Eingang zur früheren Kaserne abgestellt und war zum Bahnhof Wandsbek Ost getrottet.

Dort trieb ihn die Langeweile in ein Dart-Lokal, wo er Annegret Dermisch antraf. Annegret, eine große, kräftige Blondine mit einer herausfordernden Figur, behauptete immer, sie sei beim Fernsehen, was insoweit stimmte, als dass sie Sekretärin bei einer Produktionsfirma auf dem Studiogelände war.

Es gab Hinweise darauf, dass sie tatsächlich einmal als Komparsin („die 22. von links“) mitgewirkt hatte. Aber weil sie ihre Reize großzügig zur Schau stellte und überhaupt nicht prüde war, taten alle Jungens so, als glaubten sie an ihre Fernsehkarriere.

Auch Ramon.

Er ließ sich mit ihr auf einen Wettkampf ein und verlor jämmerlich, musste ihr seinen letzten Fünfer in den Ausschnitt stecken und suchte Trost bei ihr.

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