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Mord nach Drehbuch

Jean G. Goodhind

Mord nach Drehbuch

Honey Driver ermittelt

 Kriminalroman

Aus dem Englischen von Ulrike Seeberger

 

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Inhaltsübersicht

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Meine Leserinnen sollen lächeln

Leseprobe

Kapitel V

Kapitel 1

»Also? Kommst du nun, oder nicht?« Steve Doherty versuchte, die Sache total lässig anzugehen, aber Honey konnte er damit nicht hinters Licht führen. Er war ganz scharf darauf, dass sie ja sagen würde. Und sie war mindestens genauso scharf darauf, ja zu sagen.

Honey Driver, Hotelbesitzerin in Bath, hatte einen Zweitjob als Vertreterin des Hotelverbands bei der Kripo. So war ihre Bekanntschaft mit Detective Inspector Steve Doherty zustande gekommen, dem attraktiven Mann mit den prägnanten Gesichtszügen und dem vielversprechenden Sex-Appeal.

Dieser vielversprechende Sex-Appeal schien inzwischen – na ja – viel zu versprechen. Doherty hatte sie zu einem netten Wochenende zu zweit eingeladen. Seinen aufreizenden Andeutungen hatte sie entnommen, dass es wahrscheinlich mehr als nur nett werden würde. Schließlich hatte er ihr doch sogar geraten, den Flanell-Schlafanzug nicht einzupacken.

»Ein Tropfen Parfüm hinter jedem Ohr sollte eigentlich reichen«, meinte er.

»Ich trage gar keine Schlafanzüge.«

»Gut.«

Leider war sein Timing wirklich mies. »Ich kann nicht mitkommen.« Die Worte blieben ihr beinahe im Hals stecken. Sie wollte wirklich nicht ablehnen. Doherty wollte auch nicht, dass sie nein sagte. Sein frustrierter Seufzer dröhnte hohl durchs Telefon.

»Sag bloß, du hast im Hotel eine Veranstaltung der Knochen- und Pferdeleim-Gesellschaft.«

»Nein, nein, nichts dergleichen.«

Dann erklärte sie ihm, warum sie verhindert war.

In Bath wurde wieder einmal ein historischer Kostümfilm gedreht. Diesmal ging es um das Leben der berühmtesten Jungfer, die je romantische Bücher geschrieben hat: Jane Austen.

Das Filmteam war bereits in der Stadt eingetroffen. Zwei Mitglieder des Produktionsteams – der Tontechniker und der Typ, der den Lichtgenerator bediente – hatten sich in einem Zweibettzimmer im Green River Hotel eingemietet. Sie tauchten auch recht häufig in der Bar auf. Bei einer solchen Gelegenheit hatten sie Honey und ein paar andere gefragt, ob sie nicht Lust hätten, als Statisten beim Film mitzuwirken.

Vor Honeys geistigem Auge waren sofort Bilder von ihrer Wenigkeit als einer Art Sophia Loren der Jetztzeit aufgetaucht. Natürlich wollte sie mitmachen!

Das Gleiche galt für ihre Tochter Lindsey, die ohnehin eine Schwäche für alles Historische hatte.

Auch ihre nicht mehr ganz junge Mutter Gloria wollte dabei sein. Für die waren allerdings die Kostüme der entscheidende Faktor. Sie liebte wallende Gewänder und feminine Kleider. Und natürlich junge Männer in eng anliegenden Hosen.

Mary Jane lehnte dankend ab, was niemanden überraschte. Die hoteleigene Expertin für das Paranormale schaute nur verwirrt, als man sie fragte, ob sie Lust hätte, sich in die Regency-Zeit zurückversetzen zu lassen. »Ich begegne doch jeden Tag Menschen aus der Regency-Zeit«, antwortete sie schließlich. Sie bezog sich damit auf Sir Cedric, den vormaligen Bewohner des Zimmers, das sie gegenwärtig ihr eigen nannte. Angeblich war er einer ihrer Vorfahren und stattete ihr gelegentlich Besuche ab, obwohl er bereits 1792 verstorben war.

Jedenfalls hatte die Sache mit den Statistenrollen so geklungen, als würde es ein Riesenspaß werden. Es würde ein bisschen wie Schuleschwänzen sein. Sie würden rumsitzen, von nichts Gefährlicherem als einer Kamera »geschossen« werden und sich bekochen lassen. Die leicht beschwipsten Teammitglieder versicherten, als Statisten würden sie den größten Teil ihrer Zeit mit Lesen oder Scrabble-Spielen verbringen.

»Schade. Du ahnst ja nicht, was dir entgeht«, meinte Doherty.

Er hatte recht. Sie versuchten schon ewig und drei Tage, sich endlich zusammenzutun, aber irgendwas war immer dazwischengekommen.

»Wie wäre es denn mit nächster Woche?«, fragte Honey hoffnungsvoll.

»Bis dahin kann alles Mögliche passieren. Vielleicht habe ich Dienst. Bist du sicher, dass du es dir nicht noch einmal überlegen willst?«

»Das geht nicht«, antwortete sie. Sie hatte bereits fest zugesagt.

»Egal. Ich kann noch andere Abmachungen treffen«, erwiderte er und fügte hinzu, er würde sich bald wieder melden.

Honey war versucht – außerordentlich versucht –, ihn zu fragen, was – oder wen – er bei diesen anderen Abmachungen wohl im Sinn hatte. Geht dich einen feuchten Kehricht an, ermahnte sie sich und legte den Hörer auf. Zum Teufel, aber es fiel ihr verdammt schwer, völliges Desinteresse zu heucheln. Die Vorstellung von dem, was hätte sein können, ging ihr nicht aus dem Kopf und trieb ihr das Blut in die Wangen. Es wurde ihr ziemlich heiß dabei, wesentlich heißer als am nächsten Morgen.

Leider wollten die Filmleute die ruhigere Wintersaison ausnutzen und machten die Filmaufnahmen im Februar. Und die Dreharbeiten fingen früh an. Sehr früh.

Da standen sie also um sechs Uhr morgens und froren sich den Hintern ab.

»Ich habe gehört, diese Martyna Manderley soll eine richtige Zimtzicke sein«, meinte Lindsey. »Nicht gerade die optimale Besetzung für die Rolle der Jane Austen. Wusstest du, dass die Bath eigentlich gar nicht sonderlich gemocht hat?«

Honey fröstelte. »Sie hat der Stadt wahrscheinlich in einem Februar den ersten Besuch abgestattet.«

Lindsey erwiderte, das wüsste sie nicht so genau, und schlug weiter mit den Armen um sich.

Die eleganten Häuser um den Circus sahen aus, als schliefen sie noch alle. Am Himmel zeigte sich nicht die geringste Vorahnung einer Morgendämmerung, und ein eiskalter Wind biss ihnen in die Nasen.

Honeys Mutter hielt eifrig Ausschau nach gut aussehenden jungen Männern in eng sitzenden Reithosen.

Angelockt vom Duft des brutzelnden Specks lungerten einige fröstelnde Statisten um den Cateringwagen herum. Eine junge Frau mit wirren Haaren tauchte aus dem Kostümwagen auf. Im Mundwinkel baumelte ihr eine Lakritzzigarette. Davon kriegt sie wenigstens keinen Lungenkrebs, überlegte Honey.

Die junge Frau musterte mit kleinen, tief liegenden Augen die Statisten.

Die sieht aus, als hätte sie Röntgenaugen, dachte sich Honey. Wie sonst konnte sie ahnen, welche Kleidergrößen und Körperformen unter den dicken Mänteln, Pullovern und Wollschals verborgen waren, in die sie alle eingemummelt waren?

»Sie, Sie und Sie.«

»Ich?«, fragte Honey und tippte sich an die Brust.

»Sie nicht! Sie!«, antwortete die junge Frau. Sie deutete auf Honeys Mutter und eine kleine Gestalt, die neben ihr stand.

Gloria lächelte triumphierend. »Ja, ja, ja«, murmelte sie, und der Atemhauch wehte ihr aus dem Mund wie Dampf aus einem Kessel.

»Die kennt sich aber aus«, zischelte Lindsey aus dem Mundwinkel.

»Und noch Sie«, blaffte die junge Frau und deutete auf Lindsey.

Honey blieb allein und mit knurrendem Magen zurück.

»Mich haben sie auch nicht ausgesucht«, meinte der große, hagere Mann, der neben ihr stand.

Er nippte Kaffee aus einem Styroporbecher.

»Allerdings hatte ich eine ziemlich gute Weihnachtssaison«, fügte er hinzu. »Ich war im Weihnachtsspiel die hintere Hälfte von einem Pferd. Nicht gerade eine Starrolle, aber zumindest stand ich auf der Bühne. Und darum geht’s doch, nicht?«

»Nein«, meinte Honey. »Ich wollte niemals die hintere Hälfte von irgendwas sein.«

Er schaute verständnislos zu ihr hinunter, als könne er ihre Sichtweise überhaupt nicht begreifen. Auf den Brettern zu stehen, die die Welt bedeuten, das war für ihn einfach alles. Er sagte nur: »Oh!« und entfernte sich ernüchtert.

Na ja, da habe ich ja wirklich jemanden mit meiner Schauspielkunst zutiefst bewegt, überlegte Honey und bereute ihre Antwort schon. Sie war einfach ein Morgenmuffel. Und an einem kalten Morgen war es noch einen Zacken schlimmer. Wenn sie im Hotel so früh aus den Federn musste, war es dort zumindest warm.

Hier draußen war die Kälte erbarmungslos. Wie alle anderen trampelte Honey auf der Stelle und schlug mit den Armen um sich.

»Da gibt es einen Bus, wo wir sitzen können«, sagte jemand neben ihr.

Sie lächelte und nickte. »Ich weiß.«

Natürlich wusste sie das, aber ihre Finger und Zehen würden schon noch ein bisschen durchhalten. Sie wollte sehen, in welche Kostüme man ihre Mutter und ihre Tochter gesteckt hatte.

Zehn Minuten später ging die Tür des Kostümwagens auf, und die beiden kamen mit Musselinkleidern unter ihren Wintermänteln und Häubchen auf dem Kopf heraus.

»Ich habe drauf bestanden, dass ich mein Unterhemd anbehalten darf«, verkündete ihr Mutter. »Und ich habe um einen Schal gebeten.«

»Und einen bekommen«, murmelte Lindsey, die auch um einen gebeten, aber keinen bekommen hatte und langsam bläulich anlief. Sie vergrub ihr Gesicht im Kragen ihres wattierten Mantels wie eine Schildkröte, die sich auf den Winterschlaf vorbereitet. »Musselin ist so dünn«, grummelte sie.

Gloria Cross linste an ihrer Tochter vorbei. »Ist das da drüben Martyna Manderley?«

Alle Augen wandten sich in die Richtung, in die Gloria gedeutet hatte. Eine sehr attraktive junge Frau hielt ihren hellvioletten Rock hoch gerafft, während jemand von der Kostümabteilung ihr die Beinwärmer zurechtzog.

»Die ist ein bisschen groß für Jane Austen«, meinte Lindsey, die immer höchsten Wert auf historische Genauigkeit legte.

»Sie ist sehr hübsch«, wandte Gloria ein. »Und so schlank. Wusstet ihr, dass sie eine Million für Fotos und so in der Zeitschrift Hello! bekommen hat?«

»So viel Geld ist niemand wert«, meckerte Honey.

»Du bist voreingenommen«, erwiderte ihre Mutter. »Und neidisch!«

»Wieso sollte ich das sein?«, blaffte Honey empört.

»Weil sie gut aussieht, Geld hat und elegant ist.«

»Ah, aber hat sie auch Hirn?«, fragte Honey.

Lindsey zuckte die Achseln. »Irgendjemand muss doch denken, dass sie so viel Geld wert ist.«

»Hm«, murmelte Honey ärgerlich. »Und zwar eine ganze Million!«

Inzwischen wurden weitere Statisten ausgewählt und herangewinkt.

Honey schaute zu. Sie fand es faszinierend: Die Leute verschwanden mit Jeans und Pullovern in dem Wohnwagen und kamen mit Schutenhüten und weich fließenden Kleidern wieder heraus. Es lag ein erbitterter Wettbewerb in der Luft, wer das schönste Kostüm hatte.

»Meines ist aus reiner Seide. Ich bin eine elegante junge Städterin.«

»Ich soll eine Gouvernante sein.«

»Und ich ein Gemüsehöker, was immer das sein mag«, erklärte ein kleiner Mann mit Knollennase und einer Augenklappe.

Honey hatte sich inzwischen damit abgefunden, dass sie wohl als Beobachterin am Rand sitzen bleiben würde, und kuschelte sich tiefer in ihre dicke, mit Vlies gefütterte Jacke.

Ihr war es schnurzpiepegal, dass sie kein weich fließendes Elfenkleidchen tragen würde! Mein Gott, es war Februar!

Plötzlich hörte man lautes Zischen, und blauer Rauch wehte durch die Luft. Alle Nasen wandten sich dem Cateringwagen zu.

»O je, Frühstück«, sagte Honey plötzlich.

»Smudger«, ergänzte Lindsey, ehe sie mit den anderen Kostümierten weggescheucht wurde.

»Genau.«

Als Honey das Telefon aus der kuscheligen Jackentasche zog, wurde ihr erneut bewusst, wie eiskalt es hier war und wie mollig warm es im Green River Hotel wäre.

Also, was soll das denn? Wo ist denn die begeisterte Schauspielerin, die irgendwo tief in dir steckt?, ermahnte sie sich. Das Wichtigste zuerst. Sie musste Smudger, ihren Chefkoch, aus dem Bett klingeln. Die Gäste im Green River Hotel erwarteten ein Frühstück mit Speck, Würstchen und allen Schikanen. Das würden sie wahrscheinlich nicht bekommen, wenn Smudger nicht bald anfing, Eier aufzuschlagen und Speck zu braten.

Smudger hatte versprochen, mit dem Handy auf dem Kopfkissen zu schlafen.

Honey verzog sich an eine Stelle zwischen dem Pferch für die Statisten und dem geheiligten Boden, wo der Regisseurmit der Hauptstarstellerin redete. Es war noch nicht sonderlich hell, und obwohl das Display ihres Mobiltelefons beleuchtet war, brauchte sie doch etwas mehr Licht, um die richtigen Tasten zu drücken.

Sie hatte nicht bemerkt, dass ihre kleine Aktion ein Problem darstellte – bis sie eine schrille Stimme hörte, die die morgendliche Ruhe zerriss.

»Schafft die da sofort weg!«

Honey merkte, dass die Gestalt in zartem Lila, die wie eine Harpyie kreischte, mit dem Finger auf sie zeigte.

Unbeirrt machte sie weiter. Smudger meldete sich schlaftrunken.

»Frühstück!«, verkündete Honey, so laut sie sich traute, und erhielt als Antwort nur ein gedämpftes »Mh«.

»Bist du schon aufgestanden?«

»Gerade dabei.«

Er klang sehr angeschlagen.

»Jetzt ein Bein unter der Zudecke hervorstrecken. Okay? Und jetzt den Fuß auf den Boden setzen.«

Sie hörte ihn stöhnen. »Großer Gott!«

»Was ist denn los?«

»Der Boden ist eiskalt.«

Honey hatte ihre Aufgabe erledigt und klappte das Telefon wieder zu. Smudger stand mit einem Bein auf dem Boden. Wo der rechte Fuß vorangegangen war, würde auch bald der linke folgen.

Martyna Manderley, die mit den Millionen-Fotos, kam mit gerafften Röcken zu ihr herüberstolziert. Unter ihrem Musselingewand trug sie schwarze Leggings und Beinwärmer.

Honey linste auf die polierte Kralle, die wie ein Dolch auf ihr Herz gerichtet war. »Tut mir leid. Ich bin wohl in die falsche Kulisse geraten. Ich war für einen Film über Jane Austen eingeteilt, und nicht für Draculas Tochter«, sagte sie mit einem kleinen Lächeln.

Das fand Martyna überhaupt nicht komisch.

»Geben Sie mir sofort das Telefon!«

Honey verbarg ihre Hand hinter dem Rücken. »Nein. Das ist meins.«

Nun gesellte sich ein Mann mittleren Alters mit Samtbarett und Barbour-Jacke zu ihnen. Er hatte einen meterlangen Pferdeschwanz und drei verschiedene Ringe im rechten Ohr. Er streckte die Hand aus. »Tut mir leid, aber wir erlauben am Set keine Handys.«

»Tut mir auch leid, aber das ist mein Telefon, und wenn ich jemanden anrufen möchte, dann mache ich das.«

Martyna Manderley knurrte wütend, drohte ihr mit dem Finger, der in einem Spitzenhandschuh steckte. Damenhaftes Benehmen war anders. »Anrufen, ich lass mich doch nicht verarschen! Du hast Fotos für irgendein kleines Käseblättchen gemacht, du hinterlistiges Miststück!«

Honey schnalzte missbilligend mit der Zunge. »Na, na, können wir denn überzeugend unsere Rolle verkörpern, wenn wir solche bösen Wörter benutzen?«

Martynas wunderschönes Gesicht erstarrte zu einer eisigen Maske. Sie kreischte weiter: »Schafft die Frau vom Set, oder ich gehe!«

Der Regisseur wand sich vor Verlegenheit. »Sei doch vernünftig, Martyna.«

»Sie müssten sich ein bisschen abkühlen«, empfahl Honey. »Wie wäre es denn, wenn Sie erst mal die viele Unterwäsche ausziehen würden, die Sie anhaben? Wissen Sie nicht, dass die Mädels damals überhaupt nichts unter den Kleidern getragen haben? Nicht einmal Unterhosen. Das hat mir meine Tochter erzählt. Die kennt sich mit so was aus. Mit Geschichte, meine ich. Nicht mit Unterhosen. Das ist eher mein Ressort. Ich habe eine, die einmal Königin Victoria gehört hat …«

»Schafft die vom Set, verdammt und zugenäht!«

Die Miene des Regisseurs schaltete in zwei raschen Schritten von Überraschung auf Resignation um.

Der ist völlig vom Stress zerfressen, überlegte Honey und bemühte sich, ihm die Lage zu erklären.

»Nur für die Akten: Ich habe meinen Chefkoch angerufen, um ihn aus dem Bett zu holen, damit die Gäste in meinem Hotel ihr Frühstück bekommen.« Sie bemerkte den Tontechniker. »Derek kann das bezeugen. Er wohnt bei mir.«

Der Regisseur schaute zu ihm hin. Wie viele andere im Produktionsteam hatte sich Derek im Hintergrund gehalten. Auch er wagte nur, mit dem großen Mann zu reden, wenn der ihn zuerst angesprochen hatte.

»Das stimmt«, antwortete Derek. »Ich habe gehört, wie Mrs. Driver ihn gebeten hat, für sie die Frühstücksschicht zu übernehmen, und ihm dann versprochen hat, sie würde ihn vom Set aus anrufen, weil man ihn nach all dem, was er gesoffen hatte, wohl von den Toten auferwecken müsste.«

Diese Erklärung schien den Regisseur zufriedenzustellen. »Aha. Aber wir müssen Sie bitten, das Telefon auszuschalten, während Sie am Set sind.«

Martyna Manderley war völlig anderer Meinung. Die Korkenzieherlöckchen, die unter ihrer Haube hervorlugten, hüpften wütend auf und ab.

»Nein, Scheiße noch mal, das finde ich nicht in Ordnung, ihr Ärsche!«

Filmcrew und Statisten verstummten. Alle lauschten aufmerksam der rauen Stimme und den kernigen Flüchen.

Martyna Manderley weckte in Honey die Erinnerung an die schrecklichsten Gäste, die sie je im Green River Hotel gehabt hatte. Gäste mit schlechten Manieren brachten in ihr stets die übelste Seite zum Vorschein.

»Miss Manderley, Sie sind so eingebildet und unhöflich, dass es einen schon graust!«

»Also, Sie …!« Martyna versuchte nach Honey zu schlagen. Der Typ mit dem Pferdeschwanz stürzte zu ihrer Rettung herbei.

»Aber, aber, Martyna. Beruhige dich bitte, nur mit der Ruhe. Du weißt doch, wer wütend ist, kommt nur schwer in die Rolle hinein.«

»Genau«, bestärkte ihn Honey, die entschlossen war, das letzte Wort zu behalten. »Schließlich war Jane Austen zwar eine professionelle Gschaftelhuberin, aber keine professionelle Schlampe!«

Martyna schrie auf und unternahm einen weiteren Versuch, Honey an den Kragen zu gehen. Nun musste ein ganzer Schwarm von guten Geistern aufgeboten werden, die sie umringten und ihr allerlei Gemeinplätze sagten, wie wunderbar sie doch sei und dass sie an ihr Publikum denken müsse.

Honey spürte, wie jemand ihr den Ellbogen in die Seite stupste. Derek, der Tontechniker, grinste übers ganze Gesicht.

»Mann, hab ich das genossen!«

»Ich auch«, antwortete Honey. »Ist die immer so zickig?«

Er nickte und flüsterte: »Die guten Zicken haben vier Beine. Die schlimmsten nur zwei und heißen Martyna Manderley.«

Schon wieder ergoss sich ein blumenreicher Schwall von Flüchen aus dem Mund des Superstars.

»Ihr könnt mich mal am Arsch lecken, alle miteinander. Ich leg mich jetzt hin.«

Der Regisseur wuselte hinter ihr her, eifrig darum bemüht, die aufgebrachte Hauptdarstellerin zu besänftigen. »Martyna, Darling!«

»Du hast es gehört! Ich bin in meinem Wagen! Und ich komme nicht wieder raus, ehe diese Frau da endlich weg ist!«

Schweigend schauten ihr alle hinterher, wie sie mit gerafften Röcken davonstürmte.

Der Regisseur seufzte. »Sie müssen das verstehen, ich habe ohnehin schon genug Probleme. Was halten Sie davon, wenn Sie sich fürs Erste einmal verziehen? Sich einfach zwischen den anderen Statisten verkrümeln?«

»Okay, mach ich.«

Er ging weg, wirkte aber immer noch leidgeplagt. Honey fragte sich, ob er vielleicht deswegen so lange graue Haare hatte, weil er einfach keine Zeit fand, zum Friseur zu gehen.

Sie schaute ihm auch noch nach, als er die Straße überquerte und zu dem Haus ging, das man für die Dreharbeiten angemietet hatte. Sie lauschte aufmerksam auf das, was rings um sie geschah. Sie hörte ihren Nebenmann etwas flüstern. Es klang wie: »Krepier doch wegen mir!« Eine andere Stimme bekräftigte das mit: »Hört, hört!«

»Ich schließe daraus, dass Miss Manderley nicht gerade übermäßig beliebt ist«, sagte Honey zu ihrem Freund, dem Tontechniker.

»Etwa so beliebt wie ein Furunkel am Hintern«, antwortete er und fügte dann grinsend hinzu: »Und wir alle wissen, was man am besten mit einem Furunkel am Hintern macht. Aufstechen – mit einem scharfen Gegenstand.«

Kapitel 2

Martyna Manderley hatte die breiten, eckigen Schultern eines Supermodels und ein Ego, das für eine Frau von gerade mal fünfundzwanzig ein paar Nummern zu groß war. Der rasche Ruhm hatte sie reich gemacht. Er hatte sie auch arrogant werden lassen. Das kann wohl passieren, wenn eine junge Frau sich unbesiegbar fühlt und einen Vertrag mit einer weltberühmten Kosmetikfirma unterschrieben hat.

Courtney, die Maskenbildnerin, tat ihr Möglichstes. Aber es war früh am Morgen, und Martyna Manderley, die heute Jane Austen, die allererste Verfasserin wahrhaft romantischer Literatur, spielen sollte, war maximal zickig.

»Großer Gott! Ich sehe ja aus wie ein verdammtes Scheißgespenst«, fuhr Martyna die Maskenbildnerin an, nachdem sie mit Glubschaugen ihr Spiegelbild betrachtet hatte. »Ich will, dass meine Augen mehr betont werden! Und mehr Rouge!«

Die liebe kleine Courtney, ganze einsfünfzig groß und ein wenig füllig um die Taille, war ein freundliches Schätzchen. Ihre ohnehin schon rosigen Wangen wurden scharlachrot.

»Damals haben sie aber keinen Lidstrich getragen …«

»Das ist mir scheißegal, was die damals gemacht haben. Wir leben heute!« Ihr Ton war kaum freundlich zu nennen, noch viel weniger damenhaft.

»Aber man hat mir gesagt …«

»Es ist mir so was von schnurzpiepegal, was dieser Hohlkopf von Regisseur dir gesagt hat. Ich will einen Lidstrich! Und Rouge!«

»Aber ich kann doch nicht …«

»Her damit!«

Martyna schnappte sich den Lidstrich aus der Make-up-Tasche, die Courtney um die Taille gebunden trug.

»Du wirst doch nicht etwa weinen?«, fragte sie fröhlich, als sie mit dem Stift an ihrem Unterlid entlangfuhr. Mit glitzernden Augen starrte sie auf die unglückliche junge Frau, während sie auch das andere Auge von innen nach außen mit einem Lidstrich umrahmte.

»Du blöde kleine Kuh. Mach schon. Heul doch. Dann kann ich Boris erzählen, wie inkompetent du bist, damit er dich endlich rausschmeißt.«

Sie war höchst erfreut, dass Courtney den Tränen nah war. Die Rolle der fiesen Tyrannin war ihr wie auf den Leib geschrieben. Sie genoss das Gefühl der Macht über die junge Frau, die sie für unterlegen hielt. Wenn sie noch ein wenig weiterstichelte, dann …

Da rauschte mit einem Schwall eiskalter Luft Sheherezade Parker-Henson in den Wagen.

»Tut mir leid, dass ich mich verspätet habe.« Die leitende Maskenbildnerin hatte nun gar nichts Bescheidenes an sich, und ganz sicherlich fürchtete sie sich nicht vor dem von allen anderen verhätschelten Star.

Sie betrachtete Martyna ganz genau, und ihre Kiefer begannen zu mahlen.

»Kein Lidstrich«, blaffte sie und riss dem Star den Stift aus den eleganten, schmalen Fingern. »Das geht gar nicht, dass Jane Austen wie eine schrille Supertussi daherkommt, oder?«

Martyna wandte sich jammernd zu ihr um. »Dann stellt gefälligst eine voll ausgebildete Maskenbildnerin ein und keinen dämlichen kleinen Lehrling frisch von der Schule.«

Sheherezade Parker-Henson war eine der besten Maskenbildnerinnen auf der Szene und bekannt dafür, dass man sie so leicht nicht einschüchtern konnte.

»Hör mit dem Scheiß auf, Martyna. Du weißt, wie die Sache hier steht.«

»Oh, Schezzer …«, winselte Martyna. Sie warf ihr ein flehendes Lächeln zu.

Sheherezade hatte schon seit undenklichen Zeiten mit Schauspielern zu tun. Sie wusste genau, dass ein Lächeln nur aus Zähnen und verkrampften Lippen bestehen konnte. Sieh mich an, bin ich nicht wunderbar? Es konnte einem wie ein Geschenk angeboten oder als Schutzschild benutzt werden, um tiefere Gefühle zu verbergen. Und es gehörte zum Standardrepertoire jedes Schauspielers – ein Gesichtsausdruck, den man im Provinztheater und bei der Royal Shakespeare Company gleichermaßen lernte.

Sheherezade umklammerte die Schultern des Stars mit einem Schraubstoffgriff und drehte sie zum Spiegel hin. »Wie ich schon gesagt habe. Lass den Scheiß. Und nenn mich nicht Schezzer. So dürfen mich nämlich nur meine Freunde nennen.«

Nun übernahm die Schauspielerin in Martyna das Kommando. »Bin ich denn nicht eine von deinen Freundinnen, Schezzer?«

Sheherezade schaute verächtlich auf den langen Finger, der ihr zart über den Arm strich. Ihre Miene wurde säuerlich.

»Nein.« Damit schüttelte sie Martyna ab. »Wenn ich eine Freundin wie dich wollte, würde ich mir ein Haustier zulegen. Eine Schlange vielleicht, oder eine Tarantel.«

Martynas Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden! Ich kann dafür sorgen, dass du rausfliegst. Das weißt du doch, oder?«

Martynas Haar war zu einem Knoten zusammengefasst, an dem man weitere falsche Locken anbringen konnte. Nun packten Sheherezades starke Finger diesen Knoten und zerrten Martynas Kopf zurück. Dann wischte die Maskenbildnerin mit einem feuchten Kosmetiktuch ziemlich unsanft an dem Lidstrich herum, bis sie ihn völlig weggerubbelt hatte.

»Na, dann mach nur. Und ich könnte dir diesen Gefallen fünffach vergelten, das weißt du auch, oder nicht?«

Sheherezades und Martynas Blicke trafen sich im Spiegel.

Courtney war ziemlich übel. Sie bemerkte den Hauch von Drohung, der in der Luft lag, und hatte doch keine Ahnung, was hier eigentlich vorging. Sie trat den Rückzug zur Tür an und tastete vorsichtig nach dem Griff. Als sie endlich draußen stand, lehnte sie sich keuchend an den Wagen und suchte in ihrer Tasche nach dem Inhalator.

»Geht es dir gut?«

Derek Byrne, der Tontechniker, betrachtete sie aufrichtig besorgt.

Sie nickte, während sie inhalierte, als ginge es um ihr Leben. Eins, zwei, drei, vier …

Derek tätschelte ihr die Schulter. »Probleme mit der Bösen Hexe des Westens?«

Sie schaffte es, mit tränenüberströmtem Gesicht zu nicken.

»Mach dir nichts draus. Schezzer wird ihr den Kopf schon wieder zurechtrücken.« Sein Grinsen war ansteckend.

Courtney lächelte zögerlich. Derek hatte recht. Sheherezade Parker-Henson hatte sich im Griff. Und sie hatte Martyna Manderley im Griff.

»Ich … hasse … sie«, japste Courtney zwischen zwei tiefen Atemzügen.

»Tun wir das nicht alle?«, erwiderte Derek.

»Ich dachte, du kommst mit jedem klar«, meinte Courtney.

Sein Grinsen verflog. »Nur mit den Menschen. Und dazu zähle ich Martyna nun wirklich nicht.«

Kapitel 3

Das Telefon klingelte. Martyna riss die Augen auf und stürzte sich darauf. »Ja!«

»Hallo!«

Sie erkannte die Stimme ihres Verlobten Brett Coleridge. Ihr Klammergriff um das Telefon entspannte sich. »Na, sag mal, Schätzchen. Das ist aber eine Überraschung – eine wunderbare Überraschung!«

Die bissige Geierschildkröte hatte sich in eine schnurrende Miezekatze verwandelt. Selbst ihre Augen hatten etwas Katzenhaftes, als sie nun lächelte.

»Ich wollte dich überraschen. Du solltest wissen, dass ich an dich denke.«

»Ach, Brett, das ist ja so cool. Natürlich wäre es noch besser, du wärst hier – wenn du weißt, was ich meine –, aber trotzdem supergut. Ich liebe deine Stimme. Ich liebe deinen Körper, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Sprich mit mir. Mach mich heiß.«

Sie streichelte den Hörer, während sie sprach, und schlug die Beine unter. Verdammt noch mal, dann kam sie eben zu spät für den Dreh dieser Szene. Es geschah Boris ganz recht, wenn er sich wieder aufregte und ein paar Pillen einwerfen musste. Er hätte eben diese Frau mit ihrem Telefon vom Set schmeißen sollen! Die Frau hatte sie nämlich in Rage gebracht. Boris hatte sie in Rage gebracht.

Brett war genau, was sie jetzt brauchte. Er verdiente es, dass sie ihm Zeit schenkte. Und ihn ermutigte – und natürlich mit Vorfreude erfüllte. Der sollte sich ruhig weiter nach ihr verzehren; sie musste sein Interesse wach halten. Brett war reich. Brett hatte von seinem Vater ein Bankunternehmen und eine Schifffahrtslinie geerbt. Ein Muskelprotz mit einem dicken Bankkonto – besser ging es nicht.

»Okay.« Er sprach ganz langsam, wie immer, wenn er ihr den Mund wässrig machen wollte mit den Versprechungen, was er alles mit ihr anstellen würde, sobald sie einander endlich wiedersehen würden.

Sie lachte oft und kehlig, während er redete. Brett war nicht nur reich, er besaß auch eine abenteuerliche sexuelle Phantasie.

»Ich bin überhaupt nicht fromm«, hatte er ihr beim ersten Treffen gesagt. »Die Missionarsstellung kannst du also schon mal vergessen. Ich bin ein Typ mit einer äußerst fruchtbaren Vorstellungskraft. Ich hoffe, das macht dir nichts aus.«

Damals wäre sie am liebsten gleich auf der Stelle mit ihm ins Bett gesprungen, hatte sich aber überlegt, dass sie ihn besser noch ein wenig hinhalten sollte. Eine Nacht im Bett mit einem reichen Mann war eine Sache. Ein Ehering und ein Anspruch auf einen Teil seines Vermögens, das war schon etwas ganz anderes.

Also hatte sie einen Schmollmund gemacht und über ihr Weinglas hinweg geschnurrt: »Übung macht den Meister, heißt es ja. Und wenn du mich dabei an der Hand nimmst und führst, dann denke ich, dass ich schon klarkomme.«

Bei der Erinnerung an jenen Tag musste sie lächeln. Als Vollblutschauspielerin hatte sie das Maximum aus der Nummer »Mädchen von nebenan« herausgequetscht. Allerdings hatte Brett nicht erwartet, dass sie noch Jungfrau war; nicht heutzutage.

Sie nestelte an ihrem Telefon herum, während sie mit ihm sprach. »Du weißt wirklich, wie du ein Mädchen scharf auf dich machen kannst, Brett. Wann kann ich wieder damit rechnen, dass du mich live auf Touren bringst?«

Er grunzte leise und zufrieden wie ein Raubtier, das sich genüsslich streckt. »Früher als du denkst, Süße. Früher als du denkst.«

»Wie ist es in New York?«

»Pulsierendes Leben.«

»Nur in der Stadt?«

Er lachte. »He, Schätzchen … was denkst du denn?«

»Ich denke, dass ich etwas mehr brauche als nur warme Unterwäsche, damit mir richtig heiß wird.«

»Da will ich mich lieber gar nicht erkundigen, wie du mit Jane Austen klarkommst. Kinderspiel, oder?«

Martyna knurrte. »Ach, ich hätte viel lieber was mit richtigem Gossenslang. Hör dir doch mal das an.«

Sie nahm ihr Drehbuch in die Hand. »Unsinn und Frivolitäten, Launen und Unwägbarkeiten, all das unterhält mich, ich gestehe es gern ein, und ich lache darüber, wann immer ich kann.«

»Was soll das denn heißen?«

»Die liebe gute Jane hielt nicht viel vom gesellschaftlichen Leben in Bath. Nannte die Stadt zu blendend weiß. Ich denke mal, wir würden heute sagen, sie ist zu schrill und direkt. Jane hatte auch nichts übrig für Abendveranstaltungen und Tanzen bis zum Morgengrauen. Hatte wohl die Beine mit Superglue zusammengeklebt, wenn du mich fragst.«

Bretts Lachen war kehlig und dreckig. »Das beweist nur, dass sie nie den richtigen Mann kennengelernt hat. Ich wäre sicherlich schon jetzt an Orte vorgedrungen, wo niemand vorher je war.«

»Oder hinterher«, gab Martyna zurück.

Hätte Brett ihr Gesicht sehen können, dann hätten ihm das eifersüchtige Schmollen und die gerunzelte Stirn gefallen. Auf derlei Mätzchen fuhr Brett voll ab. Aber jetzt konnte er nichts davon sehen, und Martyna war froh darüber.

Sie säuselten einander »Ciao« ins Ohr und legten auf.

Martyna lehnte sich in die Kissen zurück und lächelte. Irgendjemand hatte ihr vor Jahren einmal erzählt, dass man dem Kosmos seine Wünsche mitteilen musste. Das heißt, man musste um etwas bitten und fest dran glauben, dass dieser Wunsch wirklich in Erfüllung gehen würde. In Martynas Fall hatte sich der Kosmos selbst übertroffen. Sie hatte das phantastische Aussehen, das hilfreich war, wenn man nur über eine mittelmäßige Begabung verfügte. Mit diesem Aussehen verdiente man sich das Geld, um die zusätzliche Ausbildung bezahlen zu können. Noch ein bisschen Glück und Unterstützung durch die richtigen Leute – Leute mit Geld und einem Auge für schöne Frauen – und fertig war das Erfolgsrezept. Sie hatte alles bekommen, was sie wollte, und viel mehr noch. Filmsets waren für sie wie eine Droge geworden. Hier verspürte sie einen Kitzel, von dem sie nie genug bekam.

Sie war wie die Königin mitten im Bienenstock, von den Arbeiterinnen umschwirrt, die ihr jeden Wunsch von den Augen ablasen. Alle, mit Ausnahme dieser blöden Kuh Sheherezade!

Da überlief sie ein kalter Schauer. So, wie sie sich im Augenblick fühlte, konnte sie auf keinen Fall vor die Kamera treten.

»Also ruhig. Beruhige dich. Augen schließen.«

Sie machte, was ihr Therapeut ihr geraten hatte. Sie holte ihre Furcht aus dem tiefsten Inneren herauf und ließ sie nach außen.

»Jeder hat Geheimnisse.« Sie wiederholte das dreimal, genau wie man es ihr geraten hatte.

Die Worte waren draußen, die Angst war draußen, aber eine unausgesprochene Furcht spukte noch immer in ihrem Hinterkopf. Manche Menschen haben eben dunklere Geheimnisse als alle anderen.

Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu verdrängen. Dann griff sie zum Telefon. »Boris? Ich habe noch nicht gefrühstückt.«

Am anderen Ende der Leitung verdrehte Boris die Augen. »Ich lasse dir ein Tablett bringen.«

»Und schick mir bloß nicht den Schlangenfraß von diesem Mist-Caterer. Ich esse diese Scheiße nicht. Ich will ein Frühstück aus dem Royal Crescent Hotel. Schick jemanden hin und lass mir eins holen.«

»Schätzchen, ich könnte dir einen Wagen schicken, und du könntest …«

»Nein! Ich habe hier noch zu tun, Schätzchen! Ich muss noch Text lernen und mich um mein Kostüm kümmern.«

Sie brach das Gespräch ab, ehe Boris Zeit hatte, ihr zu erläutern, dass ein Frühstück aus dem Royal Crescent Hotel wahrscheinlich kalt wäre, bis es sie erreichte.

Als Boris sein Mobiltelefon wieder in die Hülle steckte, bemerkte er, dass Sheherezade sein Gesicht aufmerksam betrachtete.

Boris knallte das Drehbuch hin, in dem er gerade gelesen hatte. »Diese Frau! Ich hätte es besser wissen müssen. Ich hätte sie nicht als Jane Austen besetzen dürfen. So wie sie sich beim letzten Dreh aufgeführt hat, den ich mit ihr gemacht habe. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mir wünsche, sie würde über den Saum ihres Kleides stolpern und sich ein Bein brechen – buchstäblich Hals- und Beinbruch. Jetzt will sie ein Frühstück – ausgerechnet aus dem Royal Crescent Hotel.«

»Das habe ich mitbekommen. Und unser göttlicher Superstar ist nicht bereit, sich von seinem Hintern zu erheben und dorthin zu gehen?«

Er schüttelte ratlos den Kopf. »Nein. Sie ist in einer ziemlich aufmüpfigen Stimmung und will vorne und hinten bedient werden. Ich glaube, sie hat gerade wieder mit ihrem Verlobten telefoniert. Danach muss immer alles noch mehr nach ihrem Willen gehen. Wahrscheinlich hat es was mit dem Klirren goldener Geldberge zu tun«, fügte er bitter hinzu. »Ihm gehört die Produktionsgesellschaft – wenn auch nur zum Teil –, und sie hat ihn in der Tasche.«

»Den? Diesen miesen kleinen Gauner?«

Sheherezade Parker-Hensons Stimme klang verächtlich, aber ihre schlechte Meinung war verdammt zutreffend.

»Martyna weiß immer alles besser«, sagte Boris bitter und verdrehte noch einmal die Augen.

Sheherezade tätschelte ihm beruhigend die Schulter. »Überlass das mal mir. Ich regele das mit dem Frühstück. Hast du noch ein Drehbuch für mich? Meins ist irgendwie verschwunden.«

»Klar.«

Er reichte ihr ein überzähliges Exemplar. Er hatte drei Kopien, aber nur er und der Regieassistent brauchten eine eigene. Zwei reichten.

Nun war Boris endlich allein. Er rieb sich nachdenklich die Stirn. Ärger, überlegte er. Dieser Job bringt nichts als Ärger. Warum habe ich bloß das Angebot nicht angenommen, an der UCLA zu unterrichten? Natürlich kannte er die Antwort: Es kam einem Todesurteil gleich, wenn man sich nach Kalifornien absetzte und dort Vorlesungen hielt. Nie wieder würde er dann bei einem so tollen Projekt mit einem so großen Star Regie führen. Niemals. Er musste einfach durchhalten.

Die Garderobiere tauchte auf und fragte ihn, ob er sich ihre Kamera ausgeliehen hätte. Irgendwie musste sie wohl an seiner Körperhaltung ablesen können, dass die Antwort »nein« gewesen wäre, wenn er sich zu einer Antwort hätte aufraffen können. Sie verschwand einfach wieder, leise etwas über verdammte Diebe und Schurken vor sich hin murmelnd. Er verstand es nicht ganz. Es war ihm auch egal. Sie lagen im Zeitplan weit zurück. Es würden Köpfe rollen. Er hoffte nur, dass seiner nicht auch dabei sein würde.

 

Brett Coleridge lag im Bett, flankiert von einer Brünetten und einer Blondine. Er räkelte sich wie ein zufriedener Kater. Was für ein schönes Leben! Was für eine wunderbare Gesellschaft! Von seinem großen Doppelbett aus hatte man einen Panoramablick auf die Skyline der Stadt. Von den höchsten Gebäuden bohrten sich flimmernd rote, weiße, blaue und grüne pulsierende Lichtfinger in den Himmel. Falls Sterne am Himmel standen, wurden sie von diesem Lichtgitter überstrahlt.

»Mädels, ich muss mal die Arme ausstrecken.«

Er richtete sich ein wenig auf. Das Mädchen mit den dunklen Haaren hob den Kopf von seinem rechten Arm. Die Blondine linker Hand tat es ihr nach. Brett reckte die Arme über den Kopf und blickte zur Decke. Die jungen Frauen streichelten seinen Oberkörper, und immer weiter hinunter bis zur Baumgrenze. Er stöhnte vor Vergnügen und schloss die Augen. Wie schön das Leben war, wenn man Geld hatte!

»Musst du schon bald wieder weg, Baby?«

Tiefe samtbraune Augen blickten zu ihm auf. Er lächelte, schlang die Arme wieder um die beiden jungen Frauen und stieß einen zufriedenen Seufzer aus. »Ja, ich muss immer weiter, Baby. Das ist das Tolle am Jet-Set-Leben. Da kann man sein Leben ordentlich in verschiedene Abteilungen einteilen. Familie an einem Ort, Geschäftsinteressen überall, und Spaß, wo immer man ihn kriegen kann. Das einzig wahre Leben. Nie und nirgendwo gebunden.«

Die Blondine zog mit ihren weinroten Fingernägeln kleine Kreise in seinem Brusthaar. »Wie kann ich es denn schaffen, mich nicht festbinden zu lassen?«

Er tippte ihr mit dem Finger an die Nase. »Lass dir einen guten Rat von mir geben. Heirate einen reichen Mann. Verdien dein Geld in der Horizontalen.«

Kapitel 4

Man hatte den Statisten einen umgebauten, ausrangierten Londoner Doppeldeckerbus zur Verfügung gestellt, in dem sie essen und vor der Kälte Schutz finden konnten. Dorthin machte sich Lindsey auf, sobald man ihr Kostüm und Makeup überprüft und fotografiert hatte. Alles wurde genau festgehalten, damit sich von einem Tag zum anderen keine Veränderungen einschlichen. Kontinuität war alles.

Bibbernd zogen sich die Statisten wieder die wattierten Jacken und Nylonwesten über. Die passten zwar nicht besonders gut zu den langen Regency-Gewändern und Schutenhüten, aber was machte das schon?

Lindsey trug feine Netzhandschuhe und wärmte sich gerade die Hände an einem Pappbecher mit dampfendem Kaffee, als ihre Mutter sie entdeckte.

»Man hat mir gesagt, dass ich heute nicht drankomme«, erklärte Honey. »Ich werde nicht gebraucht. Nicht mal für eine winzig kleine Rolle. Wahrscheinlich hatte da unser zickiger Superstar die Hand im Spiel.«

Auf Lindseys von der Strohkrempe ihres Schutenhuts überschattetes Gesicht stahl sich ein schlaues kleines Lächeln. »Für mich hat es ganz so ausgesehen, als hättest du da eine oscarreife Vorstellung hingelegt.«

Honey grinste. »Also, eigentlich war ich mir nicht ganz sicher, wie ich die Szene anlegen sollte. Eher als Mary Poppins oder doch mehr als Raging Bull?«

»Ich habe dir gesagt, sie ist eine Zimtzicke.« Lindsey trank einen Schluck Kaffee.

Honey zog eine Grimasse. »Also, ganz sicher ist sie ziemlich jähzornig.« Ihre Züge hellten sich auf. »Was meinst du? Ob ich je die Chance bekomme, über Nacht berühmt zu werden?«

»Nicht als Filmstar.«

»Da könntest du recht haben. Na, macht nichts. Da muss ich mir wohl einen Trostpreis genehmigen. Ein Becher heiße Schokolade wäre nicht schlecht. Mit zwei Stückchen Zucker. Ich brauche frische Energie.«

»Oma ist noch immer da draußen und gibt eine Galavorstellung für die Menge.« Lindsey schauderte. »Die muss ja inzwischen halb erfroren sein.«

»Oder sie hat neue Freunde gefunden.«

»Könnte gut sein.«

»Und bereitet mir große Sorgen. Mit ihrer Menschenkenntnis ist es nicht weit her.«

»Na ja, aber sie weiß ziemlich genau, was sie will«, ergänzte Lindsey.

Honey konterte: »Je oller, je doller.«

 

Honeys Mutter amüsierte sich prächtig. Sie war in ein Musselingewand mit Blumenranken gekleidet, das mit zartgrüner Spitze verziert war. Auf ihrem Kopf saß eine dunkelrosafarbene Haube mit Straußenfedern. Und in der Hand schwenkte sie einen Fächer.

Sie hatte ein Gespräch mit einem älteren Gentleman angefangen, der einen Gehrock und einen lindgrünen Zylinder trug. Die beiden verstanden sich so prächtig, dass Gloria ein Korsett aus Satin und Spitze aus der Tasche zog, das sie sich von ihrer Tochter ausgeliehen hatte. Sie hatte eigentlich vorgehabt, es zu den Dreharbeiten zu tragen, sich dann aber von Lindsey davon abbringen lassen. Die hatte ihr streng erklärt, es sei aus der viktorianischen Zeit und nicht aus der Regency-Periode. Sie hatte es trotzdem erst einmal noch behalten. Vielleicht könnte sie es doch brauchen. Jetzt hielt sie es sich kokett vor den Leib.

»Was meinen Sie, ist das ein bisschen zu jugendlich für mich?«, fragte sie ihren Gesprächspartner.

»Überhaupt nicht. Sexy. Sehr sexy«, antwortete der anerkennend, und die Augen fielen ihm beinahe aus dem Kopf.

Bei diesem Anblick wäre nun Gloria ihrerseits beinahe in Ohnmacht gesunken.

Aus der Ferne konnte Honey nicht ausmachen, ob der Mann seine Worte ernst gemeint hatte oder nicht. Das lag auch daran, dass ihr eine andere Dame gerade mit der Straußenfeder auf ihrem Hut durch das Auge gewischt und dabei eine Kontaktlinse aus dem Auge gefegt hatte. Aber zuhören konnte Honey ja noch.

»Das hat mir meine Tochter geliehen. Ich probiere es mal richtig an, sobald ich zu Hause bin.«

Honey kniff die Augen zusammen. Ganz egal, wie ihre Mutter aussah, jedenfalls wedelte sie dem Mann mit dem Korsett vor der Nase herum! Konnte man sich noch mehr ranschmeißen?

Honey winkte. Das sollte heißen: Gib mir sofort mein Eigentum zurück. Gloria machte eine wegwerfende Handbewegung, als könnte sie im Augenblick die Zeit dafür nun wirklich nicht erübrigen.

Honey biss die Zähne zusammen und verdrehte die Augen. Sie ging auf eine Gruppe von Stühlen zu, die auf der anderen Seite der Schnur standen, die um den »Auswahlbereich« der Statisten gespannt war. Dort saßen inzwischen nur noch einige wenige kostümierte Gestalten, die warteten, dass man sie endlich aufrief. Sie wirkten verloren.

Einer von ihnen war ein abgerissen aussehender Mann – ein sehr abgerissen aussehender Mann. So hatten ihn die Maskenbildnerin und die Garderobiere hergerichtet.

Er hatte schäbige, schmutzig wirkende Hosen an, formlose braune Stiefel und einen zerbeulten Zylinder. Bei näherer Betrachtung stellte Honey fest, dass sein Jackett eigentlich aus zwei Jacketts bestand. Das obere war ärmellos; man hatte die Ärmel offensichtlich herausgerissen. Darunter schauten die Ärmel des anderen, darunter getragenen Jacketts hervor.

Honey fragte sich, ob der Mann vielleicht auch stank? Seine Kleider sahen jedenfalls ziemlich schmuddelig aus. Sie wollte nicht neben jemandem sitzen, der schlecht roch – selbst wenn es nur für kurze Zeit war. Sie ließ sich diskret zwei Stühle von dem Mann entfernt nieder und hatte sofort ein schlechtes Gewissen. Der arme Kerl. Er trug doch nur ein Kostüm! Natürlich würde er nicht stinken.

Sie beschloss, ihm ein strahlendes Lächeln zuzuwerfen. Das erstarrte auf ihren Zügen, als sie sein schmutziges Gesicht näher betrachtete. Konnte das wirklich der sein, den sie zu erkennen meinte? Nein! Sicher nicht!

Er hatte sie bereits gesehen. Unruhig geworden, wandte er sich von ihr ab.

Sie starrte ihn weiter an. Diese Adlernase kannte sie doch, diese königliche Haltung … »Casper?« Ihr fiel vor Verwunderung die Kinnlade herunter. »Casper! Das sind ja Sie!«

Casper St. John Gervais, der Vorsitzende des Hotelfachverbands von Bath, war allgemein als äußerst elegant gekleideter Herr bekannt. Heute war jedoch alles ganz anders.

»Kein Sterbenswörtchen«, knurrte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.

Honey konnte sich kaum ein Lächeln verkneifen, als sie sich erkundigte, was er denn darstellen sollte. Keinen Dandy aus der Regency-Zeit, das war mal klar.

»Einen Kreuzungskehrer.«

»Was ist das denn? Macht nichts, da frage ich Lindsey, die weiß so was.«

Casper fuhr zornig auf und zischte wie eine wütende Schlange: »Ich brauche Ihre Tochter nicht, um zu wissen, was das ist. Man hat es mir erklärt. Jemand, der die Straße fegt – insbesondere, nachdem Pferde vorübergekommen sind.«

»Oh«, meinte Honey. Es fiel ihr schwer, nicht loszulachen. Sie biss sich auf die Unterlippe. Casper! Der Oberdandy war als jemand kostümiert, dem die Aufgabe zufiel, Pferdeäpfel einzusammeln! »Ich nehme an, damals haben die Rosen immer besonders üppig geblüht.« Dann blubberte ihr das Lachen in die Kehle. »Tut mir leid. War nur ein Witz.«

Unter dem Make-up war Caspers Stirnrunzeln noch stärker geworden.

»Ich hatte mir vorgestellt, dass ich einen Dandy spielen würde. So mit seidenen Kniehosen, cremeweißem Halstuch und einem eleganten Gehrock in zartem Zitronengelb. Das wollen Casting-Experten sein? Die wissen ja nicht einmal, was das Wort bedeutet!« Seine Wut und tiefste Demütigung schwangen bei jedem Wort mit.

Honey wischte sich die Lachtränen aus den Augen, schniefte und hustete ein wenig. Auf keinen Fall durfte sie weiterlachen. Sie durfte einfach nicht! Es war Februar, und das Green River Hotel stand halb leer. Casper verwies Gäste an sie. Das war ein Teil der Abmachung, die sie miteinander getroffen hatten. Im Gegenzug hatte sie die Aufgabe der Verbindungsfrau zwischen dem Hotelfachverband und der Polizei übernommen.

»Zumindest ist es ein relativ warmes Kostüm, verglichen mit dem, was die Frauen hier anhaben – und die Männer, wenn ich es recht bedenke«, sagte sie so beruhigend, wie sie nur konnte.

»Ein schwacher Trost«, erwiderte Casper bitter.

Es war ziemlich deutlich, dass er sich einfach nicht aufheitern lassen wollte. Honey überlegte, ob sie vielleicht noch einmal betonen sollte, wie angenehm dieser Schichtenlook bei eiskaltem Wetter sein konnte.

»Ich hoffe, sie geben mir auch was Warmes zum Anziehen«, erklärte sie, obwohl sie genau wusste, dass man sie heute nicht mehr brauchen würde. »Ich muss sagen, ich freue mich nicht besonders darauf. Ich hatte gedacht, dass es mir Spaß machen würde. Aber die Kleider sind alle nur aus Musselin oder Seide. Vielleicht würde ich mich bei einem Sommerdreh wohler fühlen.«

Wieder machte jemand von der Kostümabteilung die Runde und sammelte die Statisten ein, die schon in ihren Regency-Kostümen steckten.

»Statisten im Kostüm, bitte hierher!«

Casper stand auf. Im Schneckentempo schlich er hinter der Herde her. Er warf der Frau aus der Kostümabteilung giftige Blicke zu.

Honey blieb bei den Mauerblümchen sitzen. Sollte sie gehen oder bleiben?

»Vielleicht wählt man uns gar nicht mehr aus«, unkte eine Frau, die sich eben neben sie gesetzt hatte. Ihre Stimme klang außerordentlich enttäuscht.

»Macht nichts. Es ist sowieso viel zu kalt für Musselin und großes Dekolleté.«

»Diese Szene soll angeblich im Frühling spielen«, erwiderte die Frau. »Da sind große Dekolletés völlig angemessen.«

»Das stimmt. Im Februar ist das allerdings eine ganz andere Sache. Und jetzt ist Februar.«

»Trotzdem schade. Ich glaube, dass ich in Blümchenmusselin und mit einem Strohhut wunderbar aussehen würde.«

Honey war nicht so begeistert von dieser Aussicht. Stattdessen dachte sie an ihren Chefkoch Smudger, der inzwischen in der mollig warmen Küche des Green River Hotels angekommen sein musste. Es war harte Arbeit, ein deftiges Frühstück zuzubereiten, aber es war immer noch besser, als sich hier den Hintern abzufrieren.

Nach diesen wärmenden Gedanken brauchte sie Bewegung. Honey stellte fest, dass ihre Augen zu dem hell erleuchteten Haus gewandert waren, das unmittelbar neben dem abgetrennten Bereich stand, in dem gedreht werden sollte.

Der Gedanke an hauchdünnen Musselin brachte den Weichling in ihr zum Vorschein. Ihr Entschluss war gefasst: Der Starruhm konnte warten. Die Wärme nicht. Mit festen Schritten steuerte sie auf das Haus auf der anderen Straßenseite zu.

Zwei Regieassistenten in Jogginghosen und dick wattierten Mänteln gesellten sich zu ihr.

»Na, besser als das Drehbuch wird es auf jeden Fall«, meinte der eine. Honey grinste, als wüsste sie, worum es ging.

»Da wird Blut fließen«, meinte die andere warm vermummte Gestalt.

Offensichtlich freuten sie sich auf einen kleinen Streit am Set. Das war auch keine Überraschung.

»Solange das Blut warm ist«, stellte Honey fest, und schlug gegen die Kälte ihren Kragen hoch.

Die beiden nickten ihr zu, als hätte sie eine tiefschürfende Weisheit von sich gegeben.

Sie folgte ihnen in einen der großzügigen Räume. Die Decke war mit herrlichen Stuckarbeiten aus georgianischer Zeit umsäumt. Die Fenster erstreckten sich von der Decke bis beinahe zum Boden. Wenn erst einmal Tageslicht hereinströmen würde, dann wäre der Raum sicherlich von Helligkeit durchflutet.

Von der normalen Einrichtung waren nur der Marmorkamin und die Seidenvorhänge übrig geblieben. Die antiken Möbel, die sonst hier standen, hatte man während der Dreharbeiten eingelagert. Stattdessen waren nun Schalenstühle aus Plastik mit Metallbeinen aufgestellt.

Honey blieb in der Tür stehen. Sie sah Stühle, die im Kreis standen; das bedeutete, dass hier sehr viel Grundsätzliches beredet werden würde. Es sollte wohl bald eine Teambesprechung stattfinden. Einige Leute saßen bereits erwartungsvoll da, andere standen wie Honey noch herum. Sollte sie gehen oder bleiben? Eigentlich hatte sie hier nichts zu suchen. Sie blieb trotzdem.

Sie quetschte sich zwischen zwei Reihen hindurch und entdeckte einen freien Stuhl, der ein wenig abseits von den anderen stand. Im Augenblick lag ein dicker Stapel Papier darauf. Honey hob ihn hoch und warf einen kurzen Blick darauf. Ein Drehbuch. Das Leben der Jane Austen.

Drehbücher brauchten keinen Sitzplatz. Honey ließ sich auf dem Stuhl nieder. Das Drehbuch hielt sie auf dem Schoß.

Der Name des Regisseurs war Boris Morris. Er war der Typ, der versucht hatte, ihr das Handy abzunehmen.

Boris war Ende vierzig, und sein Haar wurde schütter. Seine kahle Stirn sah aus, als würde sie regelmäßig mit Bienenwachs poliert. Unter der Barbour-Jacke trug er ein geblümtes Hemd, blaue Kordhosen und eine Patchwork-Weste. Er schien Honey geradewegs anzuschauen. Ob er ihr Recht in Frage stellen wollte, sich hier aufzuhalten? Wegen ihres kleinen Kontaktlinsenproblems konnte sie das nicht so genau ausmachen.

Abtauchen und Kopf runter, Mädel, überlegte sie und gab vor, im Drehbuch zu lesen.

Sie blätterte die ersten Seiten um und runzelte die Stirn. Irgendwie waren sie klebrig. Die Worte des Regisseurs rauschten über ihren Kopf hinweg. Sie bemerkte Fingerabdrücke auf dem Papier – ihre Fingerabdrücke! Sie blätterte eine Seite weiter – auch die war verschmiert.

Jemand tippte Honey auf die Schulter. »Entschuldigung.«

Sie blickte auf und geradewegs in ein hartes Gesicht mit einer gebrochenen Nase. Auf dem Schild an der Schirmmütze stand: »Ace Security«.

Der Mann schaute sie kurz an, ehe sein Blick auf ihre Hände fiel.

Sie rang sich mit Mühe ein Lächeln ab. »Bitte«, würgte sie hervor, »sagen Sie mir, dass das nur …«

Sie wollte gerade anmerken, dass es sich wahrscheinlich nur um Ketchup oder Theaterblut handelte – wenn sie sich auch absolut nicht daran erinnern konnte, ob Jane Austen je etwas mit einem Mord zu tun gehabt hatte, im Roman oder im wirklichen Leben. Und in diesem Falle …

Da flog krachend die Doppeltür auf, und alle Köpfe wandten sich dorthin. Die junge Frau, die gerade hereingestürzt kam, hatte dunkle Locken. Ihr Gesicht sah über dem lila Paschminaschal ganz bleich aus. Ihre Augen waren schreckgeweitet.

»Sie ist tot! Martyna ist tot! Erstochen!«

Lautes Stimmengewirr erhob sich im Raum.

Honeys Augen und die des Wachmanns wanderten wieder zum Drehbuch und den Fingerabdrücken.

Die Pranke des Mannes fiel schwer auf ihre Schulter. »Keine Bewegung«, sagte er. Sie konnte beinahe riechen, wie aufregend er das alles fand. Er hatte eine Mörderin dingfest gemacht. Dachte er zumindest.

Allen anderen brüllte er zu: »Ruft die Polizei. Es ist ein Mord geschehen.«

»Ich war’s nicht«, beteuerte Honey.

»Das sagen sie alle«, antwortete der Mann. »Das kenne ich aus dem Film.«

Kapitel 5

Der Amtsarzt erledigte seine Aufgabe gründlich. Die Jungs von der Spurensicherung lungerten um den Cateringwagen herum und warteten darauf, dass ihr Kollege endlich mit seiner Arbeit fertig würde. Heißer Kaffee und Speckbrötchen in rauen Mengen wurden herumgereicht.

Dann wurde laut gemeckert und geschimpft, als sich Doherty frech zum Tresen vordrängelte.

»Als leitender Beamter am Tatort bin ich automatisch Erster in der Schlange«, verkündete er selbstbewusst. Der Duft von frisch gebratenem Speck stachelte wohl jeden dazu an, seine Position in der Hackordnung raushängen zu lassen.

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