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Mord auf der Leviathan – Fandorin ermittelt

Boris Akunin

Mord auf der Leviathan

Fandorin ermittelt

Roman

Aus dem Russischen von Renate und Thomas Reschke

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Inhaltsübersicht

DIE SCHWARZE MAPPE DES KOMMISSARS COCHE

ERSTER TEIL - PORT SAID – ADEN

KOMMISSAR COCHE

REGINALD MILFORD-STOKES

RENATE KLEBER

CLARISSA STOMP

GINTARO AONO

ZWEITER TEIL - ADEN – BOMBAY

GINTARO AONO

CLARISSA STOMP

REGINALD MILFORD-STOKES

RENATE KLEBER

KOMMISSAR COCHE

DRITTER TEIL - BOMBAY – PALKSTRASSE

GINTARO AONO

KOMMISSAR COCHE

RENATE KLEBER

CLARISSA STOMP

REGINALD MILFORD-STOKES

DIE SCHWARZE MAPPE DES KOMMISSARS COCHE

 

Aus dem Protokoll der Tatortuntersuchung, vorgenommen am Abend des 15. März 1878 in der Villa von Lord Littleby, Rue de Grenelle (7. Pariser Arrondissement):

 

Aus ungeklärten Gründen befand sich die gesamte Dienerschaft im Anrichteraum im Parterre der Villa, links vom Vestibül (Raum 3 in Schema 1). Die genaue Lage der Leichen ist aus Schema 4 zu ersehen, es sind dies:

 

Nr. 1 der Haushofmeister Etienne Delarue, 48

Nr. 2 die Haushälterin Laura Bernard, 54

Nr. 3 der Kammerdiener des Hausherrn Marcel Proux, 28

Nr. 4 der Sohn des Haushofmeisters, Luc Delarue, 11

Nr. 5 das Stubenmädchen Arlette Foch, 19

Nr. 6 die Enkelin der Haushälterin, Anne-Marie Bernard, 6

Nr. 7 der Wächter Jean Lesage, 42, der im Spital Saint-Lazare am 16. März verstarb, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben

Nr. 8 der Wächter Patrick Trois-Bras, 29

Nr. 9 der Türsteher Jean Carpentier, 40

 

Die Leichen Nr. 1–6 befanden sich in sitzender Stellung rund um den großen Küchentisch: Nr. 1–3 mit dem Kopf auf den gekreuzten Armen, Nr. 4 mit der Wange auf den flachen Händen, Nr. 5 auf dem Stuhl zurückgelehnt und Nr. 6 auf dem Schoß von Nr. 2 sitzend. Nr. 1– 6 hatten ruhige Gesichter ohne die geringsten Anzeichen von Angst oder Leiden. Die Leichen Nr. 7–9 lagen, wie aus dem Schema ersichtlich, in einiger Entfernung vom Tisch. Nr. 7 hielt eine Trillerpfeife in der Hand, doch keiner der Nachbarn hat an dem betreffenden Abend einen Pfiff gehört. In den Gesichtern von Nr. 8 und 9 ist Entsetzen oder zumindest äußerste Verwunderung zu erkennen (die photographischen Aufnahmen werden morgen früh vorgelegt). Es gibt keine Kampfspuren. Körperliche Verletzungen wurden bei einer ersten Untersuchnung nicht entdeckt. Die Todesursache zu ermitteln ist ohne Obduktion unmöglich. An Hand der Leichenstarre stellte der Gerichtsmediziner Maître Bernheim fest, daß der Tod zu verschiedenen Zeiten eingetreten ist, zwischen 22 Uhr (Nr. 6) und 6 Uhr, während Nr. 7, wie schon erwähnt, später im Spital verstarb. Ohne den Ergebnissen des medizinischen Gutachtens vorgreifen zu wollen, wage ich zu behaupten, daß alle Opfer unter der Einwirkung eines starken Giftes mit schnell einschläferndem Effekt standen, und der Zeitpunkt des Herzstillstands war abhängig entweder von der Giftdosis oder von der physischen Stabilität des jeweiligen Vergifteten.

Die Eingangstür der Villa war angelehnt. Ein Fenster der Orangerie (Punkt 8 in Schema 1) zeigte deutliche Einbruchspuren: Die Scheibe war zerschlagen, und auf der lockeren Erde unter dem Fenster fand sich der undeutliche Abdruck eines Männerschuhs mit einer 26 Zentimeter langen Sohle, vorn spitz und der Absatz mit Eisen beschlagen (die photographischen Aufnahmen werden nachgereicht). Wahrscheinlich ist der Täter vom Garten her ins Haus eingedrungen, und zwar nachdem die Dienerschaft vergiftet und eingeschläfert war, sonst hätte sie das Klirren des Glases gehört. Unbegreiflich ist, warum der Täter, als die Bediensteten schon unschädlich gemacht waren, durch den Garten das Haus betrat — er hätte ja seelenruhig die Tür des Anrichteraums benutzen können. Wie dem auch sei, der Täter stieg von der Orangerie hinauf in den ersten Stock, wo die persönlichen Gemächer von Lord Littleby liegen (Schema 2). Wie aus dem Schema ersichtlich, gibt es in der linken Hälfte des ersten Stocks nur zwei Räume: den Saal mit der Sammlung indischer Raritäten und das unmittelbar angrenzende Schlafzimmer des Hausherrn. Die Leiche Lord Littlebys ist in Schema 2 als Nr. 10 eingezeichnet (als Umriß). Der Lord trug eine Hausjacke und eine Tuchhose, der rechte Fuß war dick mit einer Binde umwickelt. Eine erste Untersuchung der Leiche ergab, daß der Tod durch einen ungewöhnlich heftigen Schlag mit einem länglichen schweren Gegenstand auf den Schädel eintrat. Der Schlag wurde von vorn geführt. Der Teppich ist auf mehrere Meter ringsum mit Blut und Gehirnmasse vollgespritzt. Spritzer sind auch auf der zerschlagenen Glasvitrine, in der sich, nach einem Schildchen zu urteilen, eine Statuette des indischen Gottes Schiwa (Schrift auf dem Schildchen: »Bangalore. 2. H. d. 17. Jh., Gold«) befand. Die verschwundene Skulptur hatte vor dem Hintergrund bunter indischer Tücher gestanden, von denen auch eines fehlt.

 

Aus dem Bericht Doktor Bernheims über die Ergebnisse der pathologisch-anatomischen Untersuchung der Leichen aus der Rue de Grenelle:

 

Wenn aber die Todesursache Lord Littlebys (Leiche Nr. 10) klar ist und nur die Gewalt des Schlags, der den Schädelknochen in sieben Trümmer spaltete, als ungewöhnlich anzusehen ist, so war das Bild bei den Leichen Nr. 1–9 weniger deutlich und erforderte nicht nur eine Obduktion, sondern auch eine chemische Laboruntersuchung. Die Aufgabe wurde ein wenig dadurch erleichtert, daß J. Lesage (Nr. 7) zunächst noch lebte. Nach einigen charakteristischen Merkmalen (Pupillen wie Stecknadelköpfe, flacher Atem, kalte klebrige Haut, gerötete Lippen und Ohrläppchen) könnte man auf Morphiumvergiftung tippen. Leider waren wir bei der ersten Untersuchung am Tatort von der scheinbar offenkundigen Version der oralen Gifteinnahme ausgegangen und hatten deshalb nur die Mundhöhle und den Rachen der Toten sorgfältig untersucht. Als wir dort nichts Pathologisches fanden, gerieten wir in eine Sackgasse. Erst bei der Untersuchung im Schauhaus wurde bei jeder der neun Leichen ein kaum sichtbarer Injektionseinstich in der linken Ellenbeuge entdeckt. Obwohl das meine Kompetenz übersteigt, erlaube ich mir, mit hinreichender Überzeugung anzunehmen, daß die Injektionen von einer Person gemacht wurden, die mit solchen Prozeduren große Erfahrung hat. Zu dieser Schlußfolgerung führten mich zwei Umstände: 1. Die Injektionen wurden höchst akkurat ausgeführt, und keine der Leichen wies ein Hämatom auf. 2. Die narkotische Bewußtlosigkeit tritt normalerweise nach drei Minuten ein, und das bedeutet, daß alle neun Injektionen innerhalb dieser Zeit erfolgten. Entweder waren mehrere Täter am Werk (wenig wahrscheinlich) oder nur einer mit wahrhaft erstaunlicher Fertigkeit, selbst wenn wir davon ausgehen, daß er zuvor für jeden eine aufgezogene Spritze bereitgelegt hatte. In der Tat ist schwer vorstellbar, daß jemand mit gesundem Menschenverstand den Arm für die Injektion hinhält, wenn vor seinen Augen schon ein anderer das Bewußtsein verloren hat. Mein Assistent Maître Joly ist allerdings der Meinung, alle diese Leute könnten in einem Zustand der hypnotischen Trance gewesen sein, aber in meiner langjährigen Arbeit ist mir noch nichts Derartiges vorgekommen. Ich möchte die Aufmerksamkeit des Herrn Kommissars auch darauf lenken, daß die Leichen Nr. 7–9 in einer Haltung dalagen, die auf Erschrecken hindeutete. Ich vermute, die drei bekamen die Injektionen als letzte (oder sie hatten größere Widerstandskraft) und begriffen, bevor sie das Bewußtsein verloren, daß mit den anderen Bediensteten etwas Verdächtiges geschah. Die Laboranalyse hat ergeben, daß bereits ein Drittel der verabfolgten Morphiumdosis zum Tode geführt hätte. Nach dem Zustand der Leiche des 6-jährigen Mädchens zu urteilen, das als erste sterben mußte, wurden die Injektionen am 15. März zwischen zwischen 21 und 22 Uhr gegeben.

ZEHN LEBEN FÜR EINE GOLDENE GOTTESFIGUR!

Ein entsetzliches Verbrechen in einem vornehmen Wohnviertel

 

Heute, am 16. März, spricht ganz Paris von dem Verbrechen, welches das Blut in den Adern gefrieren läßt und die wohlgesittete Stille in der aristokratischen Rue de Grenelle zerrissen hat. Der Korrespondent der »Revue Parisienne« eilte an den Ort der Tragödie und ist bereit, die berechtigte Neugier unserer Leser zu befriedigen.

Heute früh läutete der Postbote Jacques Le Chien wie gewöhnlich kurz nach sieben an der Tür der eleganten zweigeschossigen Villa, die dem bekannten britischen Kunstsammler Lord Littleby gehört. Als der Türsteher Carpentier, der die Post für Seine Erlaucht stets persönlich entgegennimmt, nicht öffnete, wunderte sich Herr Le Chien. Er bemerkte, daß die Eingangstür nur angelehnt war, und betrat die Diele. Gleich darauf rannte der 70 jährige Postveteran mit wildem Geheul zurück auf die Straße. Die alarmierte Polizei entdeckte im Hause ein wahres Totenreich – sieben Bedienstete und zwei Kinder (den 11jährigen Sohn des Haushofmeisters und die 6 jährige Enkelin der Haushälterin) im ewigen Schlaf. Die Polizisten stiegen zum ersten Stock hinauf und fanden den Hausherrn, Lord Littleby, in einer Blutlache. Er war in der Schatzkammer ermordet worden, in der er seine berühmte Sammlung fernöstlicher Raritäten aufbewahrte. Der 55jährige Engländer war in der vornehmen Gesellschaft unserer Hauptstadt kein Unbekannter. Er galt als Exzentriker und Eigenbrötler, doch Archäologen und Orientologen sahen in Lord Littleby einen seriösen Kenner der indischen Geschichte. Mehrmalige Versuche der Direktion des Louvre, dem Lord einzelne Exponate seiner vielfältigen Sammlung abzukaufen, stießen auf entrüstete Ablehnung. Der Verstorbene schätzte insbesondere die einzigartige goldene Statuette des Gottes Schiwa, die von Experten auf mindestens eine halbe Million Francs taxiert wird. Der Lord, der ein ängstlicher und argwöhnischer Mensch war, hatte große Furcht vor Dieben, und in der Schatzkammer standen Tag und Nacht zwei bewaffnete Wächter.

Wir wissen nicht, warum die Wächter ihren Posten verließen und ins Parterre hinuntergingen. Wir wissen nicht, über welche unbekannte Macht der Täter verfügte, um alle Bewohner des Hauses seinem Willen gefügig zu machen, ohne daß sie den geringsten Widerstand leisteten (die Polizei nimmt an, daß ein schnell wirkendes Gift eingesetzt wurde). Klar ist nur, daß der Verbrecher den Hausherrn nicht in der Villa vermutet hatte. Damit ist wohl die bestialische Grausamkeit zu erklären, mit welcher der angesehene Sammler getötet wurde. Der Mörder dürfte den Tatort in Panik verlassen haben. Jedenfalls nahm er nur die Statuette und eines der bunten indischen Tücher mit, die in derselben Vitrine ausgestellt waren. Das Tuch wurde sicherlich benötigt, um den goldenen Schiwa einzuwickeln, da sonst der Glanz der Statuette die Aufmerksamkeit eines späten Passanten hätte erregen können. Die übrigen Kostbarkeiten, an denen die Sammlung reich ist, blieben unberührt. Wie wir ermitteln konnten, war Lord Littleby gestern nur zufällig zu Hause, durch eine verhängnisvolle Verquickung von Umständen. Er wollte eigentlich ins Kurbad fahren, war aber wegen eines plötzlichen Podagraanfalls daheim geblieben – zu seinem Unglück.

Der Zynismus des Massenmords in der Rue de Grenelle ist bestürzend. Welche Mißachtung von Menschenleben! Welch ungeheuerliche Grausamkeit! Und wofür? Für einen goldenen Götzen, der jetzt gar nicht mehr verkauft werden kann! Sollte die Schiwafigur jedoch eingeschmolzen werden, so wird sie sich in einen gewöhnlichen Zweikilogoldbarren verwandeln. Zweihundert Gramm des gelben Metalls – das ist der Wert, den der Verbrecher jedem der zehn vernichteten Menschenleben beimaß. O tempora, o mores! rufen wir mit Cicero.

Es gibt jedoch Grund zu der Annahme, daß die unerhörte Untat nicht ungestraft bleiben wird. Der erfahrenste Ermittler der Pariser Präfektur, Gustave Coche, der mit der Untersuchung betraut ist, teilte uns im Vertrauen mit, daß die Polizei über ein wichtiges Corpus delicti verfügt. Der Kommissar ist sich absolut sicher, daß der Schuldige bald hinter Gittern sitzen wird. Auf unsere Frage, ob das Verbrechen von einem Berufsräuber verübt wurde, lächelte Monsieur Coche verschmitzt in seinen grauen Schnauzbart und antwortete geheimnisvoll: »Nein, der Faden führt in die gute Gesellschaft.« Mehr konnte meine Wenigkeit nicht aus ihm herausholen.

G. du Roy

WELCH EIN FANG!

Der goldene Schiwa ist gefunden! Das »Verbrechen des Jahrhunderts« in der Rue de Grenelle – das Werk eines Irren?

 

Gestern, am 17. März, gegen achtzehn Uhr angelte der 13jährige Pierre B. bei der Pont des Invalides. Sein Angelhaken verhedderte sich am Grund, so daß der Junge ins kalte Wasser steigen mußte. (»Ich wär ja schön blöd, den englischen Haken unten zu lassen«, sagte der junge Angler zu unserem Reporter.) Pierres Mut wurde belohnt: Der Haken war nicht an einem gewöhnlichen Wurzelknorren hängengeblieben, sondern an einem gewichtigen Gegenstand, der zur Hälfte im Schlamm versunken war. Aus dem Wasser gezogen, erstrahlte der Gegenstand in überirdischem Glanz und blendete den verwunderten Fischer. Pierres Vater, Sergeant im Ruhestand und Veteran von Sedan, erriet sofort, daß es der berühmte goldene Schiwa war, um dessentwillen vorgestern zehn Menschen ermordet worden waren, und brachte die Statuette auf die Präfektur.

Wie ist das zu verstehen? Der Verbrecher, der vor der kaltblütigen und raffinierten Ermordung so vieler Menschen nicht zurückschreckte, will die Beute seiner ungeheuerlichen Untat nicht behalten! Die Untersuchung steckt in einer Sackgasse. Viele neigen wohl zu der Annahme, daß in dem Mörder verspätet das Gewissen erwachte und er voller Entsetzen die goldene Götzenfigur ins Wasser warf. Manche glauben sogar, daß sich der Verbrecher in der Nähe ertränkte. Die Polizei, nicht minder romantisch, findet in der Inkonsequenz der Handlungen des Täters deutliche Anzeichen von Wahnsinn.

Ob wir wohl irgendwann die wahren Hintergründe dieser grauenhaften, unfaßbaren Geschichte erfahren?

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ERSTER TEIL

PORT SAID – ADEN

KOMMISSAR COCHE

 

In Port Said kam ein neuer Passagier an Bord der »Leviathan«, er hatte die letzte freie Kabine der ersten Klasse, die Nr. 18, und Gustave Coches Stimmung besserte sich sogleich. Der Neue sah vielversprechend aus: zurückhaltende und gemessene Bewegungen, undurchdringliche Miene, ein schönes Gesicht, das auf den ersten Blick ganz jung wirkte, doch als er die Melone abnahm, kamen überraschend weiße Schläfen zum Vorschein. Interessantes Exemplar, entschied der Kommissar. Man sieht sofort, ein Mann mit Charakter und, wie man so sagt, mit Vergangenheit. Zweifellos ein Kunde für Coche.

Der Passagier kam die Schiffstreppe hoch und schwenkte eine Reisetasche. Schwitzende Träger schleppten sein ansehnliches Gepäck: teure knarrende Koffer, gediegene Taschen aus Schweinsleder, umfangreiche Bücherpakete und sogar ein Klappfahrrad (ein großes und zwei kleine Räder und ein Bündel blanke Metallrohre). Den Zug beschlossen zwei arme Kerle, die sich mit eindrucksvollen Hanteln plagten.

Das Herz des Kommissars Coche, dieses alten Spürhundes (wie er sich gern selbst nannte), erbebte vor Jagdeifer, als er bei dem Neuen nicht das goldene Abzeichen mit dem Wal sah, nicht auf dem seidenen Revers des stutzerhaften Sommerpaletots, nicht am Jackett und auch nicht an der Uhrkette. Warm, ganz warm, dachte Coche, während er den Fant unter buschigen Augenbrauen hervor beobachtete und dabei sein geliebtes Tonpfeifchen paffte. Wieso war er eigentlich davon ausgegangen, daß der Mörder den Dampfer in Southhampton besteigen würde? Das Verbrechen war am 15. März verübt worden, und heute war schon der 1. April. Er konnte nach Port Said gefahren sein, während die »Leviathan« Westeuropa umschiffte. Paßte doch alles zusammen: vom Typ her verdächtig plus Ticket erster Klasse plus das Wichtigste – er hatte keinen goldenen Wal.

Das verfluchte Abzeichen mit der Abbreviatur der Dampfschiffahrtsgesellschaft »Jasper & Arthaud Partnership« erschien Coche seit einiger Zeit schon in seinen nächtlichen Träumen, und die waren ungewöhnlich scheußlich, zum Beispiel der letzte.

Der Kommissar rudert in einem Boot mit Madame Coche im Bois de Boulogne. Die liebe Sonne scheint, die Vögel zwitschern. Plötzlich glotzt über die Baumwipfel hinweg eine gigantische goldschimmernde Visage mit sinnleeren runden Augen, sperrt den Rachen auf, in dem der Arc de Triomphe Platz fände, und fängt an, den Teich leerzusaugen. Coche legt sich schweißüberströmt in die Riemen. Nun stellt sich heraus, daß sich das Ganze nicht im Bois abspielt, sondern in einem uferlosen Ozean. Die Riemen biegen sich wie Strohhalme, Madame Coche stößt ihm schmerzhaft den Schirm in den Rücken, und das gewaltige funkelnde Ungeheuer verdeckt den Horizont. Schließlich spuckt es eine Fontäne in den Himmel, da erwachte der Kommissar und tastete mit flatternder Hand auf dem Nachttisch nach der Pfeife und den Zündhölzern.

Zum erstenmal hatte Coche den goldenen Wal in der Rue de Grenelle gesehen, als er die Leiche von Lord Littleby untersuchte. Der Engländer lag da, den Mund in einem stummen Schrei aufgerissen, die Zahnprothese war halb herausgerutscht, der Kopf oberhalb der Stirn war ein blutiger Brei. Coche hockte sich hin, denn ihn deuchte, daß zwischen den Fingern des Toten etwas golden blinkte, und als er sah, was es war, brummte er vor Vergnügen. Ganz von selbst war ihm ein höchst seltener Erfolg zugefallen, wie er nur in Kriminalromanen vorkommt. Der Leichnam hatte ihm gescheiterweise ein wichtiges Beweisstück zugespielt. Da, Gustave, nimm. Und wage es nicht, den Mann entkommen zu lassen, der mir die Rübe zertrümmert hat, sonst sollst du platzen vor Scham, du alter Krauter.

Das goldene Abzeichen (Coche hatte zunächst nicht gewußt, daß es ein solches war, er hatte es für eine Berlocke oder eine Anstecknadel mit dem Monogramm des Besitzers gehalten) konnte nur dem Mörder gehören. Für alle Fälle zeigte der Kommissar den Wal Lord Littlebys jüngstem Lakaien (der hatte zu seinem Glück am 15. März frei gehabt, was ihm das Leben rettete), aber der hatte das Dingelchen nie beim Lord gesehen. Gott sei Dank.

Und dann rotierten die Schwungräder, drehten sich die Zahnräder der ungefügen Polizeimaschine – der Minister und der Präfekt setzten für die Aufklärung des »Jahrhundertverbrechens« ihre besten Kräfte ein. Schon am Abend des nächsten Tages wußte Coche, daß die Buchstaben JAP auf dem goldenen Wal nicht die Initialen eines hochverschuldeten Lebemanns waren, sondern die Bezeichnung eines soeben erst gegründeten britisch-französischen Schifffahrtkonsortiums. Der Wal war das Emblem des Wunderschiffs »Leviathan«, das vor kurzem in Bristol vom Stapel gelaufen war und auf seine Jungfernfahrt nach Indien vorbereitet wurde.

Über den gigantischen Dampfer posaunten die Gazetten seit Monaten. Jetzt stellte sich heraus, daß der Londoner Münzhof vor der Jungfernfahrt goldene und silberne Gedenkabzeichen geprägt hatte: goldene für die Passagiere der ersten Klasse und die höheren Schiffsoffiziere, silberne für die Passagiere der zweiten Klasse und die Subalternoffiziere. Eine dritte Klasse war für den Luxusliner, auf dem sich die Errungenschaften moderner Technik mit unerhörtem Komfort paarten, nicht vorgesehen. Die Company garantierte den Reisenden vollständigen Service, so daß niemand Bedienstete aufs Schiff mitzunehmen brauchte. »Aufmerksame Diener und taktvolle Kabinenstewardessen sorgen dafür, daß Sie sich an Bord der ›Leviathan‹ wie zu Hause fühlen!« – so lautete die Reklame in den Zeitungen von ganz Europa. Die Glücklichen, die für die Jungfernfahrt von Southhampton nach Kalkutta eine Kabine gebucht hatten, bekamen mit dem Ticket je nach Klasse den goldenen oder silbernen Wal überreicht. Und ein Ticket buchen konnte man in jedem großen europäischen Hafen von London bis Konstantinopel.

Nun ja, die Initialen des Eigentümers wären besser als das Abzeichen, aber es erschwert mir die Aufgabe nicht allzusehr, dachte der Kommissar. Die goldenen Abzeichen waren gezählt. Er mußte nur den 19. März abwarten, an dem das Schiff feierlich auslaufen sollte, nach Southhampton fahren, an Bord gehen und prüfen, welcher der Erste-Klasse-Passagiere keinen goldenen Wal trug. Oder (was noch wahrscheinlicher war) welcher von denen, die für so irres Geld das Ticket gekauft hatten, nicht an Bord kam. Das würde Coches Mann sein. Das war klar wie Kloßbrühe.

Coche machte sich eigentlich nichts aus Reisen, aber diesmal konnte er es kaum erwarten. Gar zu gern wollte er selbst das »Verbrechen des Jahrhunderts« aufklären. Vielleicht wurde er dann endlich Abteilungsleiter. Bis zu seiner Pensionierung waren es noch drei Jahre. Eine Pension dritter Kategorie war ja ganz schön, doch die zweite Kategorie war ganz was anderes. Der Unterschied betrug anderthalbtausend Francs jährlich, und anderthalbtausend lagen nicht auf der Straße.

Im übrigen hatte er sich selbst um die Reise beworben. Er hatte gedacht, eine Fahrt nach Southhampton, schlimmstenfalls per Schiff nach Le Havre, wo das erstemal angelegt wurde, und da würden schon die Gendarmen auf der Landungsbrücke warten – und die Reporter. Schlagzeile in der »Revue Parisienne«: »Das Verbrechen des Jahrhunderts ist aufgeklärt, unsere Polizei auf der Höhe ihrer Aufgaben.« Oder noch besser: »Der alte Spürhund Coche hat uns nicht enttäuscht.«

Die erste unangenehme Überraschung erwartete den Kommissar im Seefahrtsbüro von Southhampton. Er erfuhr, daß das verdammte Riesenschiff hundert Kabinen erster Klasse und zehn höhere Offiziere hatte. Alle Tickets waren verkauft. Hundertzweiunddreißig Stück. Und jedem war ein goldenes Abzeichen beigegeben worden. Also hundertzweiundvierzig Verdächtige, nicht schlecht, was? Aber nur bei einem würde das Abzeichen fehlen, beruhigte sich Coche.

Am Morgen des 19. März stand der Kommissar, vom nassen Wind geplustert und in einen warmen Schal gewickelt, an der Schiffstreppe. Neben ihm standen der Kapitän, Mister Jesaja Cliff, und der Erste Offizier Charles Regnier. Sie empfingen die Passagiere. Ein Blasorchester spielte abwechselnd englische und französische Märsche, auf der Pier lärmte aufgeregt die Menge. Coche schnaufte immer wütender und kaute auf der unschuldigen Pfeife herum, denn wegen des kalten Wetters trugen die Passagiere Regencapes, Mäntel und Umhänge, da versuche mal, herauszufinden, ob einer das Abzeichen hatte oder nicht. Das war Überraschung Nummer zwei.

Alle, die in Southhampton an Bord kommen sollten, waren erschienen, und das bedeutete, daß der Verbrecher trotz des verlorenen Abzeichens auch schon da war. Er mußte die Polizisten für komplette Idioten halten. Oder hoffte er, in der Menge der Passagiere unterzutauchen? Oder hatte er keinen anderen Ausweg?

Eines war klar: Coche mußte mitschippern bis Le Havre. Man wies ihm eine Reservekabine zu, die eigentlich für Ehrengäste der Dampfschiffahrt vorgesehen war.

Gleich nach dem Ablegen fand im großen Saal der ersten Klasse ein Bankett stand, auf das der Kommissar besondere Hoffnungen setzte, weil in den Einladungen gestanden hatte: »Eintritt bei Vorlage des goldenen Abzeichens oder des Tickets erster Klasse.« Wer würde schon mit dem Ticket in der Hand kommen, wo es doch viel einfacher war, den schönen goldenen Wal anzustecken.

Während des Banketts tastete Coche ungeniert jeden Gast mit dem Blick ab. Bei einigen Damen mußte er die Nase ins Decolleté stecken. Was hing da am Goldkettchen, der Wal oder nur ein Edelstein? Das mußte er doch prüfen!

Alle tranken Champagner, nahmen sich Leckerbissen von den Silbertabletts und tanzten, Coche hingegen arbeitete: Er strich diejenigen aus der Liste, die das Abzeichen trugen. Die meisten Scherereien hatte er mit den Männern. Viele von ihnen hatten den Wal an der Uhrkette befestigt und in die Westentasche gesteckt. Der Kommissar mußte elfmal nach der Uhrzeit fragen.

Überraschung Nummer drei: Alle Offiziere trugen das Abzeichen, doch vier Passagiere hatten keinen Wal, davon zwei Damen! Der Schlag aber, der Lord Littlebys Schädel zertrümmert hatte wie eine Nußschale, war so stark gewesen, daß nur ein Mann ihn geführt haben konnte, und zwar ein sehr kräftiger. Andererseits wußte der in Kriminalfällen überaus erfahrene Kommissar, daß auch ein schwaches Dämchen im Affekt oder in hysterischer Erregung wahre Wunder vollbringen kann. Ein Beispiel war zur Hand. Vor Jahresfrist hatte eine Modistin aus Neuilly, eine zarte Person, ihren ungetreuen Liebhaber aus ihrem Fenster im dritten Stock geworfen, einen wohlgenährten Rentier, doppelt so dick und anderthalbmal so groß wie sie selbst. Darum durfte Coche die Frauen ohne Abzeichen nicht aus der Zahl der Verdächtigen ausschließen. Aber wo hätte man je gesehen, daß eine Dame der Gesellschaft so routiniert Injektionen verabreichen konnte?

Wie dem auch sei, die Untersuchung an Bord der »Leviathan« versprach, sich in die Länge zu ziehen, und der Kommissar ging wie immer gründlich vor. Der Kapitän Jesaja Cliff war als einziger der Schiffsoffiziere in das Geheimnis des Falles eingeweiht und hatte von der Führung der Company die Weisung erhalten, dem französischen Gesetzeshüter jedwede Unterstützung angedeihen zu lassen. Von diesem Privileg machte Coche aufs unverfrorenste Gebrauch: Er verlangte, daß die ihn interessierenden Personen in demselben Salon plaziert würden.

An dieser Stelle sei angemerkt, daß die Reisenden der ersten Klasse aus Gründen der Privatsphäre und des Wohlbehagens (in der Reklame für das Schiff hieß es: »Sie genießen die Atmosphäre eines alten englischen Landsitzes«) nicht in dem riesigen Speisesaal zusammen mit den sechshundert Trägern des volkstümlichen Silberwals ihre Mahlzeiten einzunehmen brauchten, sondern auf komfortable »Salons« verteilt wurden, von denen jeder einen eigenen Namen trug und vornehm ausgestattet war: Kristalleuchter, gebeizte Eiche und Mahagoni, Samtstühle, gleißendes Tafelsilber, gepuderte Kellner und flinke Stewards. Kommissar Coche guckte sich für seine Zwecke den Salon »Hannover« aus, der im Oberdeck am Schiffsbug gelegen war; drei Wände bestanden aus Glasfenstern, das ergab einen trefflichen Rundblick, und selbst an trüben Tagen mußte kein Licht gemacht werden. Der Samt war hier goldbraun, und die Leinenservietten trugen das Wappen des Königshauses Hannover.

Rund um den ovalen Tisch mit den am Fußboden festgeschraubten Beinen (für den Fall starken Wellengangs) standen zehn Stühle mit hohen geschnitzten Lehnen. Es gefiel dem Kommissar, daß alle an einem Tisch sitzen würden, und er wies den Steward an, die Namensschildchen so aufzustellen, daß die vier Passagiere ohne Abzeichen ihm gegenüber zu sitzen kämen, so daß er sie bestens im Blick hätte. Den Kapitän wollte er an der Stirnseite der Tafel plazieren, aber daraus wurde nichts. Mister Cliff wünschte nicht, wie er sich ausdrückte, »bei diesem Theater mitzuspielen«, und etablierte sich im Salon »Yorck«, wo der neue Vizekönig von Indien mit seiner Gemahlin und zwei Generäle der indischen Armee speisten. Der Salon »Yorck« lag achtern, in maximaler Entfernung vom »Hannover«, in dem der Erste Offizier Charles Regnier residierte. Er hatte dem Kommissar von Anfang an mißfallen: sonnenverbranntes verwittertes Gesicht, aber eine süßliche Redeweise, die schwarzen Haare pomadisiert, das Schnurrbärtchen zu zwei Haken gezwirbelt. Kein Seemann, ein Hanswurst.

In den zwölf Tagen seit dem Ablegen hatte der Kommissar sich seine Salongefährten gründlich angeschaut und sich mit den Manieren vertraut gemacht (daß man während der Mahlzeiten nicht rauchte und die Sauce nicht mit einer Brotkruste auftunkte), er hatte sich die komplizierte Geographie der schwimmenden Stadt mehr oder weniger angeeignet und sich an den Seegang gewöhnt – doch seinem Ziel war er nicht nähergekommen.

Die Situation war wie folgt.

Anfangs hatte den meisten Verdacht Sir Reginald Milford-Stokes erregt, ein hagerer Mann mit rötlichem Haar und zerrauftem Backenbart, dem Anschein nach achtundzwanzig bis dreißig Jahre alt. Er zeigte ein seltsames Gebaren: Mal glotzte er grünäugig in die Ferne und antwortete nicht auf Fragen, mal wurde er plötzlich lebhaft und quatschte ohne Sinn und Verstand über die Insel Tahiti, über Korallenriffe, smaragdfarbene Lagunen und Hütten mit Dächern aus Palmblättern. Ein Psychopath. Wozu reiste der Baronet, Sproß einer begüterten Familie, nach Ozeanien? Was hatte er dort zu suchen? Die Frage nach dem fehlenden Abzeichen, zweimal gestellt, ignorierte der Aristokrat. Er blickte durch den Kommissar hindurch oder sah ihn an wie eine Fliege. Widerlicher Snob. In Le Havre, wo sie vier Stunden im Hafen gelegen hatten, war Coche zum Telegraphenamt gelaufen und hatte bei Scotland Yard Informationen über Milford-Stokes angefordert: ob er zur Tobsucht neige, ob er zu seinem Vergnügen Medizin studiere. Die Antwort kam kurz vor dem Ablegen. Nichts Interessantes, für die Absonderlichkeiten gab es eine Erklärung. Aber der goldene Wal fehlte, darum konnte der rothaarige Engländer noch nicht aus der Liste der Verdächtigen gestrichen werden.

Der zweite war Monsieur Gintaro Aono, ein »japanischer Adliger«, wie es im Passagierregister hieß. Ein typischer Asiat: klein, mager, unbestimmbaren Alters, dünner Schnurrbart, stechende Schlitzaugen. Bei Tisch schwieg er zumeist. Auf die Frage nach seiner Tätigkeit murmelte er verlegen »Offizier der kaiserlichen Armee«. Auf die Frage nach dem Abzeichen wurde er noch verlegener, versengte den Kommissar mit einem haßerfüllten Blick und sprang mit einer Entschuldigung zur Tür hinaus. Er hatte nicht mal seine Suppe aufgegessen. Verdächtig? Und wie! Überhaupt ein Wilder. Im Salon fächelte er sich mit einem bunten Papierfächer Luft zu wie ein Päderast aus den lustigen Lasterhöhlen der Rue de Rivoli. An Deck promenierte er in Holzpantinen, einem Baumwollkittel und ohne Beinkleid. Gustave Coche war selbstredend für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, aber solch ein Affe mußte ja nicht unbedingt erster Klasse reisen.

Dann die Frauen.

Madame Renate Kleber. Blutjung, kaum über zwanzig. Die Frau eines Schweizer Bankiers. Sie reiste zu ihrem Mann nach Kalkutta. Als Schönheit konnte man sie nicht bezeichnen – spitznasig, flatterig, geschwätzig. Gleich zu Beginn der Fahrt erzählte sie herum, daß sie schwanger sei. Diesem Umstand waren alle ihre Gedanken und Gefühle untergeordnet. Sie war nett, geradezu, doch unerträglich mit ihrem Gerede von ihrer kostbaren Gesundheit, ihrer Häubchenstickerei und ähnlichem Blödsinn. Sie war ein wandelnder Bauch, obwohl ihre Schwangerschaft noch nicht lange währte und der Bauch sich bislang kaum abzeichnete. Selbstverständlich paßte Coche einen Moment ab und fragte sie nach dem Abzeichen. Die Schweizerin klapperte mit den Augen und jammerte, daß sie ewig alles verliere. Na ja, das konnte ja stimmen. Renate Kleber weckte in dem Kommissar eine Mischung von Gereiztheit und Gönnerhaftigkeit, er hielt sie nicht ernstlich für tatverdächtig.

Die zweite Dame, Miss Clarissa Stomp, nahm der erfahrene Fahnder schon mit größerem Interesse in Augenschein. Da schien etwas faul zu sein. Nach außen hin eine typische Engländerin, nichts Besonderes: farbloses Haar, aus der ersten Jugend heraus, stilles Benehmen, aber in den wässrigen Augen blitzte immer wieder so ein Teufelsfünkchen auf. Solche stillen Wasser kennen wir. Und dazu ein paar kleine Details, unwichtig, ein anderer würde sie gar nicht bemerken, doch der alte Spürhund Coche hatte scharfe Augen. Miss Stomp trug teure Kleider und Kostüme nach der letzten Pariser Mode. Sie besaß ein Täschchen aus Schildpatt (er hatte solch ein Stück in einem Schaufenster auf den Champs Elysées gesehen – dreihundertfünfzig Francs), doch ihr Notizbuch war alt und billig, aus einem Schreibwarenladen. Einmal saß sie bei windigem Wetter an Deck, in einen Schal gewickelt, Madame Coche besaß genau den gleichen, aus Hundewolle, der hielt warm, war aber nichts für eine englische Lady. Interessant: Die neuen Sachen dieser Clarissa Stomp waren sämtlich teuer, die alten aber billig, von niedrigster Qualität. Das paßte nicht zusammen. Einmal beim Five o’Clock Tea hatte Coche sie gefragt: »Warum stecken Sie den goldenen Wal nie an, gnädige Frau? Gefällt er Ihnen nicht? Ich finde ihn schick.« Da war sie – man denke! – rot angelaufen wie der »japanische Edelmann« und hatte gesagt, sie hätte ihn schon getragen, das habe er nur übersehen. Sie log, Coche würde es bemerkt haben. Ihm kam ein raffinierter Gedanke, aber dazu mußte ein psychologisch geeigneter Moment abgepaßt werden. Wollen doch mal sehen, wie sie reagiert, diese Clarissa.

Da es am Tisch zehn Plätze gab, aber nur vier Personen ohne das Abzeichen waren, hatte sich Coche entschlossen, den Kreis der Verdächtigen um Personen zu erweitern, die zwar den Wal trugen, aber auf ihre Weise auffällig waren.

Als erstes verlangte er vom Kapitän, den Schiffsarzt Monsieur Truffo im Salon »Hannover« unterzubringen. Cliff gab knurrend nach. Warum Coche den Arzt wollte, war verständlich: Der war der einzige Mediziner auf der »Leviathan«, er war mit Injektionen vertraut, und das goldene Abzeichen stand ihm bei seinem Status zu. Er erwies sich als ein kleingewachsener, rundlicher Italiener mit olivfarbener Haut und einer Glatze, die von spärlichen, nach hinten gekämmten Haaren umkränzt wurde. Coche hatte nicht genug Phantasie, um sich diese komische Gestalt in der Rolle des gnadenlosen Killers vorzustellen. Auch der Gattin des Doktors mußte ein Platz eingeräumt werden. Das Paar hatte erst vor zwei Wochen geheiratet und wollte das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden, das heißt, den Dienst mit der Hochzeitsreise. Die Auserwählte des Schiffsäskulaps, eine fade, niemals lächelnde Engländerin, wirkte doppelt so alt wie ihre fünfundzwanzig. Sie erfüllte Coche mit tödlicher Langeweile, wie übrigens die meisten ihrer Landsmänninnen. Er taufte sie sogleich »das Schaf« wegen ihrer weißen Wimpern und ihrer blökenden Stimme. Im übrigen tat sie den Mund nur selten auf, da sie des Französischen nicht mächtig war, und die Gespräche im Salon wurden gottlob zumeist in dieser edlen Sprache geführt. Das Abzeichen besaß Madame Truffo nicht, aber das war natürlich – sie war weder Offizier noch Fahrgast.

Darüber hinaus hatte der Kommissar in der Passagierliste einen Indologen und Archäologen namens Professor Antony F. Sweetchild gefunden, der konnte ihm zupaß kommen. Der ermordete Littleby war ja in gewissem Sinne sein Kollege gewesen. Mister Sweetchild, ein schlaksiger Lulatsch mit runden Brillengläsern und einem Ziegenbärtchen, kam gleich am ersten Abend auf Indien zu sprechen. Nach dem Essen nahm Coche den Professor beiseite und brachte das Gespräch behutsam auf die Sammlung von Lord Littleby. Der Gelehrte nannte den Verstorbenen herablassend einen Dilettanten und dessen Kollektion ein Raritätenkabinett, das ohne jedwede wissenschaftliche Kompetenz zusammengetragen worden sei. Der einzige Gegenstand von Wert sei der goldene Schiwa gewesen. Gut, daß der sich von selbst wieder angefunden habe, denn die französische Polizei verstehe sich bekanntlich nur aufs Einraffen von Schmiergeld. Bei dieser himmelschreiend ungerechten Bemerkung hustete Coche ärgerlich, worauf Sweetchild ihm lediglich anempfahl, weniger zu rauchen. Weiterhin sagte der Gelehrte nachsichtig, daß Littleby wohl eine passable Sammlung von bemalten Stoffen und Tüchern besessen habe, unter denen hochinteressante Exemplare seien, doch das falle eher in den Bereich einheimischen Handwerks und angewandter Kunst. Ganz ordentlich sei auch eine Sandelholzschatulle aus dem 16. Jahrhundert aus Lahore mit Schnitzwerk nach Motiven des Mahabharata-Epos – und dann verstieg er sich in solches Geschwätz, daß dem Kommissar die Augen zufielen.

Alsbald nahm der Kommissar einen weiteren Tischnachbarn aufs Korn. Er hatte nämlich unlängst einen interessanten Schmöker gelesen, eine Übersetzung aus dem Italienischen. Ein gewisser Cesare Lombroso, Professor der Gerichtsmedizin aus Turin, stellte darin eine kriminologische Theorie auf, wonach »geborene« Verbrecher an ihrem antigesellschaftlichen Verhalten keine Schuld trügen. Nach der Evolutionstheorie des Doktor Darwin durchlaufe die Menschheit in ihrer Entwicklung bestimmte Etappen und nähere sich allmählich der Vollkommenheit. Der Verbrecher indes sei evolutionärer Ausschuß, ein zufälliger Rückfall in die vorhergehende Entwicklungsstufe. Darum sei es höchst einfach, einen potenziellen Mörder und Räuber zu erkennen: Der ähnele einem Affen, unserem Vorfahren. Der Kommissar sann lange über das Gelesene nach. Einerseits hatten in der bunten Reihe der Mörder und Räuber, mit denen er in den fünfunddreißig Jahren seines Polizeidienstes zu tun gehabt hatte, längst nicht alle einem Gorilla geähnelt, es waren auch Engelchen unter ihnen gewesen, deren Anblick zu Tränen rührte. Andererseits hatte es auch genug Affenartige gegeben. Und an Adam und Eva glaubte Coche als überzeugter Antiklerikaler sowieso nicht. Die Darwin-Theorie wirkte da vernünftiger. An Bord war ihm unter den Passagieren der ersten Klasse ein Früchtchen aufgefallen, das direkt einer Abbildung »Charakteristischer Mördertyp« entstiegen schien: niedrige Stirn, vorspringende Augenwülste, kleine Äuglein, plattgedrückte Nase, schiefes Kinn. Darum hatte der Kommissar gebeten, diesen Etienne Boileau, einen Teehändler, in den Salon »Hannover« zu plazieren. Doch der Teehändler erwies sich als netter und lustiger Mensch, war Vater von elf Kindern und überzeugter Philantrop.

Es sah nun ganz so aus, als würde Coches Seereise auch nicht in Port Said, dem nächsten Hafen nach Le Havre, enden. Die Ermittlungen zogen sich in die Länge. Sein in vielen Jahren erprobtes Gespür sagte ihm, daß er Nieten zog und nicht an den richtigen Leuten dran war. Es zeichnete sich die scheußliche Aussicht ab, daß er die ganze verdammte Reise mitmachen mußte – Port Said, Aden, Bombay, Kalkutta –, um sich dort an der ersten Palme aufzuhängen. Er konnte doch nicht wie ein geprügelter Hund nach Paris zurückkehren! Die Kollegen würden ihn auslachen, sein Chef würde ihm die Reise erster Klasse auf Staatskosten unter die Nase reiben. Womöglich wurde er vor der Zeit in Pension geschickt.

In Port Said verausgabte sich Coche notgedrungen, er mußte weitere Hemden kaufen, versah sich mit ägyptischem Tabak und fuhr zum Zeitvertreib für zwei Francs mit einer Droschke durch die berühmte Hafenstadt. Nichts Besonderes. Na schön, ein mächtiger Leuchtturm, zwei endlos lange Molen. Das Kaff machte einen sonderbaren Eindruck – nicht Asien und nicht Europa. Wenn man die Residenz des Generalgouverneurs des Suezkanals betrachtete, war es Europa. In den Hauptstraßen europäische Gesichter, da flanierten Damen mit weißem Sonnenschirm, und reiche Herren mit Panamahut oder Kreissäge trugen ihren Wanst spazieren. Bog die Droschke aber in das Einheimischenviertel ab, so fuhr sie durch Gestank, Fliegengeschwirr und faulende Abfälle, und schmutzige arabische Bengel bettelten um Kleingeld. Warum nur gingen die reichen Nichtstuer auf Reisen? Es war überall das Gleiche: Die einen verfetteten von der Völlerei, die anderen quollen auf vom Hunger.

Der Kommissar, ermüdet von der Hitze und den pessimistischen Beobachtungen, kehrte mißmutig aufs Schiff zurück. Und welch ein Glück – ein neuer Passagier. Obendrein wohl aussichtsreich.

 

Der Kommissar zog beim Kapitän Erkundigungen ein. Also, der Name: Erast P. Fandorin, Russe. Sein Alter war merkwürdigerweise nicht angegeben. Beruf: Diplomat. Eingetroffen aus Konstantinopel, unterwegs nach Kalkutta, von dort nach Japan, zu seiner Dienststelle. Aus Konstantinopel? Aha, dann hatte er wohl an den Friedensverhandlungen nach dem kürzlich beendeten russisch-türkischen Krieg teilgenommen. Coche schrieb alle Angaben sorgfältig auf ein Blatt Papier und versorgte dieses in der geheiligten Kalikomappe, in der er alles Material zu dem Fall aufbewahrte. Von der Mappe trennte er sich nie – er blätterte darin, überlas Protokolle und Zeitungsausschnitte, und in nachdenklichen Momenten zeichnete er auf die Ränder kleine Fische und Häuser. Da äußerten sich Herzenswünsche. Wenn er erst mal Abteilungsleiter war und später eine anständige Pension bezog, würden er und Madame Coche irgendwo in der Normandie ein Häuschen kaufen. Der Pariser Flic im Ruhestand würde angeln und eigenen Cidre keltern. War das nichts? Nun ja, ein bißchen Kapital zu der Pension wäre nicht schlecht, so um die zwanzigtausend …

Er sah sich genötigt, noch einmal in die Stadt zu fahren, bloß gut, daß das Schiff noch auf die Einfahrt in den Suezkanal warten mußte, und schickte ein Telegramm an die Präfektur: Kennt man in Paris den russischen Diplomaten E. P. Fandorin und ist er in letzter Zeit in die französische Republik eingereist?

Die Antwort kam prompt, nach zweieinhalb Stunden. Ja, er war eingereist, der Gute, sogar zweimal. Das erstemal im Sommer 1876 (na schön) und das zweitemal im Dezember 1877, also vor drei Monaten. Er war aus London gekommen und von der Paß- und Zollkontrolle in Pas de Calais registriert worden. Wie lange er sich in Frankreich aufgehalten hatte, war nicht bekannt. Durchaus möglich, daß er am 15. März noch in Paris gewesen war. Womöglich hatte er mit einer Spritze in der Hand in der Rue de Grenelle vorbeigeschaut?

Es mußte somit ein Platz bei Tisch frei gemacht werden. Am besten wäre es natürlich, sich der Arztgattin zu entledigen, aber ein Anschlag auf das geheiligte Institut der Ehe kam nicht in Betracht. Nach einigem Überlegen entschloß sich Coche, den Teehändler in einen anderen Salon umzusetzen, da er den theoretischen Hoffnungen nicht entsprach und kein aussichtsreicher Kandidat war. Das sollte der Steward erledigen: Es gebe da ein Plätzchen in einem anderen Salon mit honorigeren Herrschaften oder hübscheren Dämchen. Dazu war der Steward schließlich da, solche Dinge zu arrangieren.

Das Erscheinen des neuen Passagiers im Salon kam einer kleinen Sensation gleich, denn während der Reise waren alle schon einander recht überdrüssig geworden, und nun zeigte sich ein frischer Herr, noch dazu ein so imposanter. Nach dem armen Monsieur Boileau, Vertreter einer Zwischenstufe der Evolution, fragte niemand. Der Kommissar vermerkte, daß die alte Jungfer Clarissa Stomp am lebhaftesten reagierte – sie kam plötzlich auf Künstler, Theater und Literatur zu sprechen. Coche selbst setzte sich in seiner Freizeit gern mit einem Buch in seinen Sessel, wobei er allen anderen Autoren Victor Hugo vorzog, der war lebensecht und erhaben und anrührend. Und nach der Lektüre schlief man bestens. Aber von den russischen Autoren mit den zischelnden Namen hatte Coche natürlich nie gehört, da konnte er nicht mitreden. Allerdings mühte sich die englische Schrulle vergebens, Monsieur Fandorin war viel zu jung für sie.

Renate Kleber blieb ebenfalls nicht untätig, sie unternahm den Versuch, den Neuling in die Zahl der ihr dienstbaren Männer einzureihen, die sie gnadenlos scheuchte, ihr ...

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