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Mohrenkopf

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Wer bringt den Kopf eines Silberpokals an sich und warum stiehlt ein Dieb nicht das ganze Kunstwerk? Dieser Gedanke beschäftigte Oberkommissar Bratke vom 23. Kommissariat in Bremen auf dem Weg in sein Büro an diesem Morgen Ende März.

Wie jeden Tag war er eine halbe Stunde vor den Kollegen da, hängte seine Lederjacke sorgfältig auf einen Bügel, warf einen prüfenden Blick in den Spiegel und fuhr sich kurz mit dem Kamm durchs Haar, das an den Schläfen eine Spur von Grau zeigte. Anfangs war Bratke über die ersten grauen Haare entsetzt gewesen. Inzwischen kokettierte er ein bisschen damit und hoffte, dadurch womöglich interessanter zu wirken. Eitelkeit würde er aber weit von sich weisen. Er war doch nicht eitel, ein Mann mit fast fünfzig!

Er öffnete einen Fensterflügel, der wie immer klemmte, wippte ein wenig auf den Zehenspitzen, verschränkte die Arme im Nacken, atmete ein paar Mal tief ein und aus und starrte nach draußen. Mit einem Schulterzucken setzte er sich an seinen Schreibtisch, als sei er enttäuscht, dass die Aussicht auf die Betonfronten gegenüber nicht besser geworden war als am Vortag.

Vor gut drei Jahren hatte der Senat beschlossen, die Behörde vom alten Polizeihaus in der Innenstadt in eine leere Kaserne in der Vahr umzusiedeln. Ein Stadtteil mit Hochhäusern und Reihen endloser Blocks, die nach dem Krieg, als die Wohnungsnot am größten war, aus dem Boden gestampft worden waren. Sie ähnelten den Plattenbauten ostzonaler Baukombinate. Selbst die damals gepflanzten Bäumchen schienen keine rechte Lust zu haben, in dieser Umgebung zu wachsen.

Auch der Himmel tat inzwischen sein Bestes, mit dunklem Grau die Wettervorhersage zu untermauern, die hier jeder als norddeutsches ‚Schmuddelwetter‘ bezeichnete. Das nannte sich nun Frühling! Bratkes Stimmung sank rapide. Erst als sein Zeigefinger nach kurzem Nachdenken über die Rücken der Ordner neben seinem Schreibtisch glitt, hellte sich seine Miene auf. Viele trugen merkwürdigerweise bunte Aufkleber. Er griff einen heraus, den eine Mohrenstatue zierte, blätterte und schlug den Text auf, den er zur Veröffentlichung an die Presse geben wollte.

‚Die Bremer Polizei sucht einen wertvollen Mohrenkopf. Er gehört zu einer barocken Silberplastik in Form eines stehenden Mohren, die schätzungsweise 800.000 Mark wert ist.‘

„Ja“, Bratke nickte zustimmend. Bei diesem Einstieg könnte er es vorerst belassen, dann noch nähere Einzelheiten erläutern und die Höhe der Belohnung einfügen, die für die Wiederbeschaffung von der Versicherung ausgesetzt war. Die Preise in der Kunstszene explodierten, die Belohnung musste auch in Hehlerkreisen entsprechend hoch sein, um einen Anreiz zu bieten. Für ein Ei und ein Butterbrot plauderte niemand etwas aus. Was für ein kurioser, dafür aber umso interessanterer Fall, dachte Bratke.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, bis die Kollegen eintrudelten, dauerte es wohl noch eine Weile.

Er nahm ein Buch aus seiner abgewetzten Aktentasche. Anscheinend hatte ein Dinosaurier für diese Tasche sein Leben gelassen. Eine Ehefrau hätte ihn nie und nimmer damit auf die Menschheit losgelassen. Nur, es gab keine Ehefrau.

Zuerst hatte seine Mutter zwischen jede Beziehung gefunkt, die er anknüpfte. Nicht eine Frau war ihr recht gewesen. Zuletzt hatte er keine mehr mit nach Hause gebracht, in die Wohnung, in der er seit seiner Kindheit mit der Mutter gelebt hatte. Nach ihrem Tod scheute er sich, Damenbesuch, wie er es altmodisch nannte, in die Räume einzuladen, die den Stempel seiner Mutter trugen. Schweren Herzens trennte er sich eines Tages von dem blank gesessenen Sofa im Wohnzimmer, auf dem selbst er niemandem mehr einen Platz anbieten mochte, und legte sich eine neue Couch zu. Die Gelegenheit, auszugehen, Kontakte zu knüpfen und gegebenenfalls eine Frau kennen zu lernen, ergriff er aber erst einmal nicht. Beruflich wollte er weiterkommen, nicht ewig Kommissar bleiben. Aus diesem Grund belegte er unzählige Lehrgänge. Da blieb keine Zeit, auf Brautschau zu gehen. Wenn er ehrlich war, gab er sich aber auch keine große Mühe, die Frau fürs Leben zu finden. Mancher Topf kommt auch ohne Deckel aus, sagte er sich, und als er sah, welchen Stress einige Kollegen hatten, weil Wechseldienst und unregelmäßiger Feierabend die Beziehung belasteten, war er doch ganz zufrieden, dass er kommen und gehen konnte, wie es ihm passte.

Er schlug das Buch auf, das er gestern auf dem Nachhauseweg vom Dienst in einem Antiquariat entdeckt hatte. Um silberne Pokale oder Köpfe von Kunstwerken ging es darin nicht, aber im Zuge seiner Recherchen war er auf ein Phänomen gestoßen: Im Verlauf der Geschichte hatte es immer wieder Zeiten gegeben, in denen Menschen Köpfe anderer Menschen wie Kunstobjekte ausgestellt hatten oder sie einfach besitzen wollten. In höheren Kreisen hatte es als schick gegolten, den Schädel eines bedeutenden Toten sein Eigen zu nennen. Bei der Beschaffung war nicht lange gefackelt worden. Leise vor sich hin murmelnd, begann Bratke zu lesen.

Eine nebelverhangene Herbstnacht, Mond und Sterne unsichtbar. Zuckende Irrlichter zwischen Grabmalen. Gestalten in dunklen Umhängen, geduckt mit Hacken, Schaufeln und allerlei Werkzeug. Eine Turmuhr schlägt in der Ferne dreimal. Ein halbes Dutzend Männer lauschen, spähen in die Dunkelheit. Aus allen Richtungen lauert Gefahr, von unliebsamen Beobachtern überrascht zu werden, die dem Treiben auf dem kleinen Friedhof in Arquà nahe Padua Einhalt gebieten könnten. Im Schein von Stalllaternen hastig geflüsterte Befehle an der Gruft des großen Dichters. Es interessiert die Männer nicht, wessen Grabruhe sie stören, als sie den Sarkophag mit Gewalt öffnen. Sie haben es eilig - keine Zeit für sorgfältiges Vorgehen. Der Auftraggeber will den Kopf des Toten. Nicht mehr und nicht weniger. Er will sich damit brüsten, auch einen berühmten Schädel zu besitzen, wie es in den Kreisen begüterter Familien üblich ist. Er zahlt reichlich dafür, wenn der Auftrag erledigt wird ohne Aufsehen zu erregen.

Hinter vorgehaltener Hand wird bei gesellschaftlichen Zusammenkünften getuschelt: ‚Und wessen Haupt ist in Ihrem Besitz? Ach, keines? Da könnte ich vermitteln, was allerdings einiges kosten wird. Ganz ungefährlich ist die Sache zudem nicht. Behördenspitzel lauern überall. Schmiergelder sind zu zahlen, Totengräber zu bestechen. Haben Sie Interesse an einem Gelehrten oder soll es ein Philosoph sein?‘

Seit Bratke auf diese Kopfdiebstähle gestoßen war, fiel ihm fast täglich ein Hinweis aus der Geschichte in die Hände, fand er einen Zeitungsbericht, oder eine Fernsehmeldung ließ ihn aufhorchen.

„Das geht dir genauso, wenn du eine bestimmte Automarke fährst. Du siehst plötzlich nur noch Audis oder Smarts“, hatte ein Kollege versucht, ihm diese Sensibilisierung zu erklären.

„Ich habe zum Beispiel auch nie so viele schwangere Frauen gesehen wie zu der Zeit, als wir unser erstes Kind erwarteten.“

„Na, wie finde ich denn das? Bücher lesen während der Dienstzeit. Aber, aber, Herr Kollege.“

Jola Rust, seit einem halben Jahr frisch von der Polizeischule dem Kommissariat Diebstahl zugeteilt, wirbelte den Drehstuhl Bratkes so heftig herum, dass er mit dem Rücken zum Schreibtisch zum Stehen kam. Das Buch fiel zu Boden. Wöchentliches Karate- und Krafttraining bescherte Jola eine kräftige Armmuskulatur, die sich in der Vergangenheit bei Festnahmen keinesfalls als nachteilig erwiesen hatte. Sie war nicht besonders groß, eher zierlich und der Überraschungsmoment umso effektiver, wenn sie zupackte.

Die ersten Silben ihrer beiden Vornamen, Johanna und Lara, hatte sie eines Tages einfach zusammengezogen. Sie fand, Jola höre sich interessanter an.

Die Tür ließ sie wie immer sperrangelweit offen stehen.

Mit Schwung riss sie sich ihre Mütze vom Kopf und knallte die giftgrüne Tasche von Dolce & Gabbana auf den Schreibtisch, die sie auch noch in korallenrot besaß. Das teure Stück hätte eine bessere Behandlung verdient. Erwartungsvoll sah sie Bratke an und fragte:

„Liest du einen Krimi oder was Schweinisches?“

Mit spitzen Fingern hob sie das Buch vom Boden auf, als sei sie in Sorge, sich mit Blut oder etwas Ekligem zu besudeln. „Aha. Berühmte Köpfe. Ist das ein Anleitungsbuch zum Selbstversuch?“

Sie lachte ihr kehliges Lachen, für das sie im ganzen Haus bekannt war – die Kollegen nannten es dreckig – und schob sich mit beiden Händen ihre lockige mahagonifarbene Mähne hinter die Ohren. Im Lauf der letzten Monate hatte die Farbe immer mal wieder gewechselt. Bratke und Lowinski hatten sie blond kennen gelernt, engelsgleich, wie sie glaubten, aber schnell gemerkt, dass dieser Vergleich gewaltig hinkte.

„Mach die Tür zu“, knurrte Bratke „Es zieht. Mensch, bist du wieder gut drauf, und das am frühen Morgen.“

„Mahlzeit“, riefen beide plötzlich im Chor, als ihr Chef, wie immer als letzter, hereinkam. „Ach sei, gewähr uns die Bitte, in unserem Bunde der dritte.“

Hauptkommissar Lowinski grinste. „Ihr könntet euch eigentlich mal einen neuen Gag ausdenken.“ Mit der Hacke schob er die Tür zu, warf einen Stapel grüner Schnellhefter auf seinen Schreibtisch und drückte dann den Schalter der Kaffeemaschine, die auf der Fensterbank neben einem einsamen Kaktus stand, der aussah, als müsse er unbedingt einmal abgestaubt werden.

„Eigentlich bin ich ja hier der Boss und für die niederen Arbeiten nicht zuständig, zumal weibliches Bodenpersonal vorhanden ist, aber der Kaffee ist natürlich wieder nicht fertig.“

Jola stemmte die Fäuste in die Seiten.

„Die Zeiten der Sklavenhaltung sind Gott sei Dank vorbei.“

Beinahe hätte sie noch „eigentlich“ angehängt, das absolute Lieblingswort ihres Chefs. Alle nannten ihn ‚Eigentlich‘ und gebrauchten diesen Spitznamen, wenn sie von Lowinski sprachen.

„Wie weit ist ‚Eigentlich‘ in der Einbruchsache Duckwitzstraße“ oder „wenn einer in dem Fall was im Verhör erreichen kann, dann ist es ‚Eigentlich‘“, hieß es. Sie hatte aber keine Ahnung, ob er wusste, dass er so genannt wurde und sich einen Spaß daraus machte, alle im Unklaren zu lassen und das Wort ‚eigentlich‘ öfter zu gebrauchen als nötig.

„Von wegen Frauen und Bodenpersonal.“

Jola hatte inzwischen blitzschnell ein paar Seiten in Bratkes Buch überflogen. Sie holte tief Luft und begann lauthals zu deklamieren, als stünde sie auf einer Bühne.

„Im Zuge der umfangreichen Vorbereitungen für die Feierlichkeiten zum 700. Geburtstag des italienischen Schriftstellers Francesco Petrarca, 1304 - 1374, wie man natürlich weiß“, sie nickte den beiden Zuhörern zu, als sei es selbstverständlich, das Geburts- und Todesdatum mal eben zu wissen und nicht gerade abzulesen, „machen italienische Forscher eine kuriosmakabere Entdeckung: DNA-Analysen ergeben, der Schädel im Sarg ist nicht der des Dichters. Er stammt von einer Frau!“

„Was haben wir mit Petrarca zu schaffen?“, knurrte Lowinski, warf drei Stücke Zucker in seinen Kaffeebecher und äugte von oben in den gurgelnden Filter, um zu sehen, ob das Wasser inzwischen durchgelaufen war.

„Abwarten. Es geht um berühmte Köpfe, allerdings kenne ich den Grund auch nicht, warum unser Wolfgang sich damit beschäftigt.“

Sie zog die Schultern bis zu den Ohren hoch.

„Also, weiter im Text: Petrarca, der in Avignon die niederen priesterlichen Weihen empfing“, fuhr sie fort und stolzierte zwischen den drei Schreibtischen hin und her, „ein Freund Boccaccios, Gelehrter, Gesandter der Visconti, Humanist, Bergsteiger, Europareisender – mein Gott, war das ein umtriebiger Mann – der unzählige Schriften verfasste, aber auch das Canzoniere, das Buch der Lieder mit Liebesversen, Balladen und Sonetten.“

Sie merkte, dass Lowinski ungeduldig seine Schnellhefter auf dem Schreibtisch hin und her schob.

„Jetzt kommt der Knaller: Vielleicht ruht seit Jahrhunderten Lauras Kopf in jenem Sarg. Laura de Novis, Gattin von Hugo de Sade.“

„Etwa von diesem Sadisten?“

Lowinski hob lauernd den Kopf.

„Weiß ich nicht. Sie war jedenfalls über zwanzig Jahre lang Petrarcas Angebetete, bis die Pest sie dahinraffte. Hier steht, er widmete ihr 317 Sonette, 29 Kanzonen, neun Sestinen, sieben Balladen und vier Madrigale – hört, hört –, um seine Liebe zu ihr zu besingen, und ließ sie damit zum Schönheitsideal der Renaissance werden. Tja, früher haben die Männer sich noch angestrengt!“

Ihre Augen wurden eine Spur dunkler und sie atmete theatralisch seufzend aus.

Doch schon schwadronierte sie weiter: „Womöglich vereinte ein mitfühlendes Herz den Körper des toten Dichters mit dem Kopf der Geliebten.“

Triumphierend warf sie ihre Locken in den Nacken.

„Die Dame Laura hat ihm diese Nähe nämlich zu Lebzeiten

verwehrt. So was soll es ja geben!“

„Das ist nun wieder typisch Frau. Ihn erst heiß gemacht und dann abblitzen lassen.“

Lowinski goss sich die erste Tasse Kaffee des Tages ein, der noch unzählige folgen würden, es sei denn, er hatte eine Ermittlung außer Haus. Dann blieb er abstinent.

„Vorurteile sollten doch eigentlich mit dem Bildungsgrad sinken, oder sehe ich das falsch?“

Jola machte eine Bewegung, als müsse sie eine Brille von der Nasenspitze nach oben schieben. Eine Angewohnheit, die sie beibehalten hatte, obwohl sie seit vier Wochen Kontaktlinsen trug.

Sie las weiter: „Zweifelsohne liegt Petrarca im Sarg. Wo sich sein Haupt befindet, bleibt im Dunkeln. Den Frauenkopf untersuchen gegenwärtig Wissenschaftler in Arizona, um das genaue Alter festzustellen.“

In Windeseile überflog sie vor sich hin murmelnd die nächsten Zeilen und fuhr dann fort: „Ich finde, man sollte auf dem Friedhof Saint-Veran in Avignon nachforschen, wo diese Laura beerdigt ist. Vielleicht ruht sein Kopf in ihren Armen. Ach, wäre das romantisch. Oder es gäbe noch weitere Überraschungen. Wer weiß, wer weiß.“

„Du bist ein sentimentales Schaf.“

Bratke stand auf, nahm ihr das Buch aus der Hand und legte es so behutsam auf den Schreibtisch, als sei es zerbrechlich. „Das mit den Köpfen finde ich übrigens höchst spannend“, knurrte er.

„Ich bin zufällig wegen unseres Falls darauf gestoßen, wobei es sich bei uns ja um ein Kunstwerk handelt. Verlorene, verschwundene, verschollene menschliche Köpfe gibt es unzählige. Von Rittern, Philosophen, Gelehrten, Dichtern. Schillers Kopf zum Beispiel war über ein Jahr im Besitz Goethes.“

Bratke wirkte plötzlich um Jahre jünger, als er wild mit den Händen gestikulierend fortfuhr: „Das muss man sich mal vorstellen. Der Meister hat sich daran ergötzt, ihn einfach anzusehen. Er hat sogar ein Gedicht verfasst mit dem Titel Bei Betrachtung von Schillers Schädel und ein Bildhauer namens Eberlein hat eine Plastik geschaffen, die Goethe mit Schillers Haupt in den Händen darstellt. Das Relikt ruhte bei Goethe auf einem blauen Samtkissen unter einem Glassturz. Humboldt, der ihn besuchte, fand diese Art der Verehrung ziemlich abartig. Allerdings mehren sich zurzeit Meldungen, dass es gar nicht Schillers Kopf war, wie alle Welt glaubte.“

„Was du alles weißt“, warf Jola ein, verdrehte dabei aber die Augen, als Zeichen, dass sich ihre Begeisterung in Grenzen hielt.

„Kann man hier nachlesen.“

Bratke klopfte auf den Buchdeckel, dem man ansah, dass er schon durch unzählige Hände gegangen war.

„Zum Beispiel auch, dass König Ludwig I. von Bayern den Schädel Schillers in der Weimarer Bibliothek, wo er später noch eine Weile ausgestellt wurde, ebenfalls bedichtete. Moment, ich hab es gleich.“

Er blätterte eifrig.

„Hier ist es: Nicht berühren durf’t ich deine Lippe, knüpfen nicht der Freundschaft ew’gen Ring, sehen konnte nur ich das Gerippe, das die schöne Seele einst umfing, den betrauern, der so früh verging.“

Jola fing an zu lachen. Sie verschluckte sich, prustete und rang nach Luft. „Ich kann nicht mehr!“, keuchte sie.

„Ja, ja, Wölfchen kniet sich mal wieder voll rein, Fräulein Rust, nehmen Sie sich ein Beispiel. Man sieht, der kopflose Silberpokal inspiriert ihn dazu, in der Literatur zu forschen und alles über verlorengegangene Köpfe zu verschlingen, was ihm vor die Augen kommt.“

Auch Lowinski konnte ein Lachen nicht länger unterdrücken.

„Wenn du mich noch einmal Fräulein nennst“, Jola wischte sich die Lachtränen ab, „wende ich mich an die zuständige Frauenbeauftragte.“

„Schluss jetzt mit dem Geplänkel. Die Arbeit ruft.“

Lowinski machte ein Oberlehrergesicht und griff nach einem der Hefter auf seinem Tisch. Die zweite Tasse Kaffee schob er sich in Reichweite.

„Was macht denn unser Mohrenkopf eigentlich, Herr Kollege?“

„Was für’n Mohrenkopf? Dass es um einen entwendeten Kopf geht, habe ich ja inzwischen begriffen, aber Mohrenkopf?“

Jola leckte sich die Lippen.

„Bei uns zu Hause heißen solche süßen Dinger vom Bäcker so. Mmh, lecker. Sehen so ähnlich aus wie Berliner, mit Schokoladenguss, gibt es hier im Norden aber glaube ich nicht.“

„Wenn gnädiges Fräulein belieben, eine Woche Urlaub zu machen, ist es natürlich nicht auf dem neuesten Stand.“ Bratke duckte sich weg, um dem Rippenstoß zu entgehen. Er nahm ein weiteres Blatt aus dem Aktenordner, auf dessen Rücken eine Abbildung klebte, die aussah wie ein Porträt von Freitag, dem Gefährten Robinson Crusoes.

„Also, zu deiner Information, Frau Kollegin: Wir befinden uns in Bern in der Kramgasse 12, Ecke Rathausgasse. Dort zierte 1474 die Fassade des Hauses eine Mohrenfigur. Die Schenke im Haus hieß danach Zum Mohren. Schneider, Tuchscherer, Stoffhändler und einige andere Kaufleute vereinigten sich Mitte des 15. Jahrhunderts zur Zunft zum Mohren und wählten eben dieses Hauszeichen der Hofstätte zum Mohr in der Kramgasse zu ihrem Namen. Auch im Wappen führte die Vereinigung einen Mohr mit einem Speer, später ein Mohrenhaupt mit silbernem Stirnband, einer Agraffe auf der Stirn und goldenen Ohrringen.“

„Ah, ich verstehe, deswegen deine hübsche Bastelarbeit.“ Jola deutete auf den Kopf, der auf dem Rücken des Ordners prangte. Lachend fügte sie an: „Setzen. Zwei mit Sternchen oder lieber ein Fleißkärtchen?“

Sie machte sich ständig lustig darüber, wie ihr Kollege seine Ordner mit Symbolen oder Fotos verzierte, die über dem schlichten Aktenzeichen prangten.

„Ob der Goldschmied Emanuel Jenner oder Bernard Bourgeois 1711 das Trinkgefäß, um das es uns geht“, Bratke hob die Stimme und streckte den Zeigefinger der rechten Hand in die Höhe, „das Trinkgefäß eines Mohren mit Speer, Köcher, Bogen und abnehmbarem Kopf anfertigte, ist nicht überliefert. Man beachte den ab-nehm-ba-ren Kopf! Auf einer Inventarliste wurden mehr als zwanzig Jahre später zusätzlich noch zwei Ehrengeschirre in Mohrengestalt aufgeführt, dazu Schalen, Salzgefäße, Präsentierteller, Servierlöffel, Becher sowie weitere Trinkgefäße und, und, und. Arme Zünfte gab es in Bern nicht.“

Schnell blätterte er ein paar Seiten weiter.

„Manchmal, warum auch immer, hat die Zunft auch altes Silber verkauft oder ließ es einschmelzen, um einen neuen Auftrag zu erteilen. Der Goldschmied Johann Jakob Dulliker lieferte zum Beispiel ein Vinai..., ein Vinaigrier“, Bratke kam ein bisschen ins Stottern, „und zwei Sucriers.“

Lowinskis näselnde Stimme unterbrach den Vortrag seines Kollegen.

„Jola, wenn du demnächst mit deinem Lover bei Café Knigge in der Sögestraße kaffeetisieren gehst, kannst du ja eigentlich mal zu ihm sagen: Herr Schönfuß, reiche er mir bitte die Sucrier, wenn du die Zuckerdose haben willst. Oder heißt es das Sucrier?“

Er kicherte.

„Willst du den wirklich heiraten? Nennst du dich dann eigentlich Rust-Schönfuß oder umgekehrt.“

Jola reagierte blitzschnell.

„Wer ist hier wohl der Zuckerfresser, das bist doch du. Ich bestimmt nicht. Aber was ist denn nun mit diesem Mohrenkopf, von dem hier die Rede ist? Schließe messerscharf, weil wir die Sache bearbeiten, handelt es sich um Diebstahl, Spezialgebiet Antiquitäten, oder, meine Herren? Aber wieso sprecht ihr immer nur von einem Kopf?“

„Außerordentlich scharfsinnig.“

Lowinski klatschte lautlos Beifall.

Bratke legte einen beleidigten Ton in seine Stimme, als er antwortete: „Ich finde es eben hochinteressant, Hintergründe näher zu beleuchten. Dabei bin ich auf diese Kopfklauerei gestoßen. Wie gesagt allerdings auf gestohlene Köpfe von Menschen.

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