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Mörderische Nähe

Harald Jacobsen

Mörderische Nähe

Sophie Martens – Von Fall zu Fall

MordNordost

Krimis aus Eckernförde

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Vera hatte soeben das Ortsschild passiert und drückte automatisch das Gaspedal des schnittigen Audi TT tiefer durch. In Gedanken war sie immer noch beim Gespräch mit Peer, das anders als erwartet verlaufen war.

„Lass dich nur nicht von seinem hübschen Gesicht blenden“, murmelte Vera verärgert.

Bevor sie es sich anders überlegen konnte, drückte sie die Kurzwahltaste ihres Handys und lauschte auf das Freizeichen im Herrenhaus. Vera wusste, dass ihr Vater zu dieser Zeit am Schreibtisch in dem großen, weißen Haus in der Nähe von Eckernförde sitzen und einige Berichte des verzweigten Familienunternehmens studieren würde. Sie wollte ihm reinen Wein einschenken, auch wenn er sehr große Stücke auf Peer Laurin hielt. Es wurde Zeit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Die Scheinwerfer eines schnell aufschließenden Fahrzeuges blendeten im Rückspiegel, so dass Vera ihre Lider zusammenkneifen musste.

„Was für ein Idiot!“

Aus dem Knopf in ihrem Ohr ertönte die tiefe, warme Stimme ihres Vaters, doch Vera kurbelte verzweifelt am Lenkrad des blauen Sportwagens. Fassungslos starrte sie zu dem anderen Wagen hinüber, der nach einem waghalsigen Überholmanöver den Audi brutal geschnitten und Vera damit zu einem abrupten Ausweichen genötigt hatte. Der rechte Vorderreifen kam dabei auf den Seitenstreifen und selbst die moderne Technik des Sportwagens konnte das Ausbrechen nicht mehr verhindern.

„Vera? Bist du das?“

„Papa, ich …“

Die Frontpartie des Audi TT rutschte in den Graben und da Vera erschrocken das Gaspedal durchdrückte, machte der Wagen einen gewaltigen Satz und so wurde aus der Grabenwand eine Sprungschanze. Der blaue Sportwagen hob ab, vollzog über die Einzäunung des Feldes eine komplette Drehung um die eigene Achse und schlug dann mit dem Dach auf. Der harte Aufprall ließ das Stoffdach reißen und die Verstrebungen wie Streichhölzer einknicken. Vera hatte längst das Bewusstsein verloren, nachdem ihr Kopf gegen den Seitenholm geprallt war. Der Motor des Audis drehte eine volle Minute im Leerlauf und brachte die Reifen zum Kreisen, so dass der Dreck aus den Rillen flog. Dann gab es ein kreischendes Geräusch und der Motorenlärm erstarb. Nach einer Weile wagten sich die vorher in wilder Panik geflohenen Kühe vorsichtig in die Nähe des Fahrzeuges und stierten aus großen, braunen Augen auf das Wrack mit der leblosen Frau darin.

* * *

Sophie Martens stand am Fenster ihres Büros und kämpfte um ihre Beherrschung. Als Staatsanwältin war sie sehr viel gewohnt und hatte hart an ihrer Disziplin gearbeitet. Es half jedoch wenig, wenn es um Celia und ihre neuesten Marotten ging. Sophies vierzehnjährige Tochter drohte immer mehr in den Bann ihrer Clique zu geraten, in der es sich ausschließlich um den schnellen Kick drehte. Auch dieses letzte Telefonat war ein eindeutiger Beleg dafür.

„Nein, Celia! Ich erlaube dir nicht, mit Kevin und deinen so genannten Freunden nach Klosterfelde zu fahren.“

Sophie hörte selbst, wie nahe ihre Stimme an einem Kreischen war, und verachtete sich dafür. Wieso konnte sie nicht souveräner bei diesen Auseinandersetzungen bleiben?

„Nein, ich verbiete es dir!“

Das eindeutige Verbot erreichte die Ohren ihrer Tochter allerdings nicht mehr, die scheinbar die Verbindung getrennt hatte. Sophie atmete mehrfach tief durch und wollte sich erst beruhigen, bevor sie erneut bei Celia anrief. Doch ein eingehendes Telefonat störte ihre Phase der inneren Sammlung.

„Staatsanwaltschaft Berlin-Mitte, Martens“, meldete Sophie sich förmlich.

Ihre anfängliche Hoffnung, dass ihre Tochter sich besonnen hätte und einen neuen Anlauf für ein Gespräch wagte, zerstob bei den ersten Worten.

„Sophie?“

„Herr Haller?“

Die sonore Stimme war unverkennbar.

„Hallo, Sophie. Für dich immer noch Gero, mein Mädchen. Hast du einen Moment für deinen alten Mentor?“

Bei der Stimme des Rechtsanwaltes aus Eckernförde schossen Sophie die unterschiedlichsten Erinnerungen durch den Kopf. Ihr Praktikum in der winzigen Kanzlei in dem Örtchen an der Ostsee war der Auslöser für die Entscheidung gewesen, nicht den väterlichen Wunsch zu befolgen. Statt wie geplant ein wirtschaftliches Studium zu absolvieren, um anschließend in die Leitung des Familienunternehmens mit einzusteigen, entschied Sophie sich für einen Abschluss in Rechtswissenschaften.

„Na, klar. Benötigst du die Hilfe einer Staatsanwältin?“

Es war das minimale Zögern mit der Antwort, was Sophies Herzschlag beschleunigte.

„Red schon, Gero. Was ist los?“

Der Anwalt aus Eckernförde machte es kurz. „Vera hatte einen Verkehrsunfall und liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Weißt du das schon?“

Sophie spürte eine eisige Kälte an ihrem Nacken hochkriechen, als sie das Bild ihrer drei Jahre jüngeren Schwester in einem Krankenhausbett vor Augen hatte.

„Nein, Vater hat sich nicht bei mir gemeldet.“

Seit Sophies Entscheidung, sich der Arbeit in der Staatsanwaltschaft zu widmen und nicht der Führung des Familienunternehmens anzugehören, gab es nur sehr wenig Kontakt zwischen Vater und Tochter. Auch mit Vera herrschte die meiste Zeit Funkstille, außer es ging um Celia. Großvater und Tante hatten den quirligen Teenager in ihr Herz geschlossen, so dass dadurch eine minimale Verbindung bestehen blieb.

„Das dachte ich mir fast, Sophie. Soweit ich es in Erfahrung bringen konnte, steht es sehr schlecht um Vera. Meinst du nicht, dass ihr jetzt eine Weile euren dummen Streit vergessen könntet?“ Sophie musste zum zweiten Mal an diesem Vormittag ihre ganze Selbstbeherrschung aufbieten, um mit dieser Situation angemessen umgehen zu können.

„Ja, das schaffen wir schon. Danke, Gero. Ich melde mich, sobald ich Näheres weiß.“

Sophie hörte noch den Abschiedsgruß ihres alten Mentors, doch in Gedanken war sie bereits beim bevorstehenden Gespräch mit ihrem Vater.

„Sophie? Wie weit sind Sie mit dem Schriftsatz in der Angelegenheit Schikows?“

Sie zuckte zusammen und schaute verwirrt zu ihrem Vorgesetzten, der in der Tür stand und sie fragend musterte.

„Was ist denn mit Ihnen los? Sie sind ja ganz blass.“

Sophie sortierte die vielen Gedanken in ihrem Kopf und antwortete dann mit leicht zittriger Stimme. „Der Schriftsatz ist fertig und müsste bereits auf Ihrem Rechner vorliegen. Meine Schwester ist verunglückt, bitte entschuldigen Sie mich.“

Ihr Vorgesetzter hob überrascht die Augenbrauen, nickte dann verstehend und schloss die Tür hinter sich. Sophie starrte die Tür einen Moment lang an, dann wählte sie entschlossen die Telefonnummer ihres Vaters im Herrenhaus.

„Martens.“

Als Sophie seine Stimme hörte, spürte sie den vertrauten Stich im Herzen. Es hatte viele Jahre gegeben, in denen sie die große Zuneigung ihres Vaters in vollem Umfang erhalten hatte. Sophie wurde von dieser Zuneigung getragen und stellte sich ohne Angst dem Leben. Seit ihrem Streit vermisste sie diese moralische Unterstützung und allein der Klang seiner warmen Stimme löste viele Erinnerungen in ihr aus.

„Ich bin es, Sophie. Vera hatte einen Verkehrsunfall und liegt im Krankenhaus? Stimmt das, Papa?“

Einige Sekunden blieb es still in der Leitung, dann räusperte sich Richard Martens.

„Hallo, Sophie. Ja, das ist richtig. Es geht ihr den Umständen entsprechend, wie sich der Arzt auszudrücken beliebt.“

Mit einer gewissen Distanz hatte Sophie gerechnet, doch die Lethargie in der Stimme ihres Vaters war ein Schock für sie.

„Celia und ich kommen zu dir.“

Sie wusste selbst nicht, wieso sie es so einfach entschied, und erwartete eine brüske Zurückweisung.

„Gut. Ihr könnt bei mir wohnen.“

Erneut überraschte ihr Vater sie und auch diese Reaktion versetzte Sophie einen Stich in der Brust.

* * *

Celia murrte seit der überhasteten Abreise aus Berlin und doch leuchteten ihre blauen Augen unter den braunen Haaren auf, als das erste Rapsfeld in voller Blüte erkennbar wurde.

„Großvater und Tante Vera werden sich freuen, dich zu sehen.“

Sophie wollte die angespannte Atmosphäre im Wagen auflockern, doch mehr als ein unwilliges Brummen kam von ihrer Tochter nicht. Woher Celia ihren Dickkopf hatte, darüber musste Sophie nicht lange nachdenken. Sie warf einen Blick in den Rückspiegel und betrachtete ihre eigenen blauen Augen. Mutter und Tochter teilten sich neben der identischen Augenfarbe ebenfalls den gleichen Charakter, während Celia ihre sportliche Figur sowie die dunkelbraunen Haare von ihrem Vater hatte. Als der BMW an einem Hotel auf der Bundesstraße 76 vorbeikam, überlegte Sophie einen Moment und war nahe dran, dort ein Zimmer für sich zu buchen. Da ihr Vater aber nicht nur Celia ins Herrenhaus eingeladen hatte, verdrängte sie den Gedanken und bog wenige Minuten später auf die Landstraße 265 ab. Fünf Minuten später blitzte die Oberfläche des Sees am Herrenhaus durch die Äste der alten Buchen. Celia richtete sich im Beifahrersitz auf und schaute mit einem verträumten Lächeln dorthin. Sie liebte das Haus, den See und fand sogar Freude an Eckernförde. Sophie hatte sich oft gefragt, wie Celia wohl auf einen Umzug an die Ostsee reagieren würde. Da es dazu jedoch vermutlich nie kommen würde, war diese Überlegung müßig.

„Großvater steht auf der Treppe“, stellte das vierzehnjährige Mädchen verwundert fest.

Sophie lenkte den BMW auf einen freien Stellplatz links von der weit geschwungenen Treppe zum Haupteingang des weißen Herrenhauses. Sie wunderte sich ebenfalls über ihren Vater, der unbeweglich vor der Tür auf dem Podest stand und den Wagen beobachtete. Kaum kam der Wagen zum Stehen, stieß Celia die Beifahrertür auf und sprang die Stufen hinauf, um ihrem Großvater in die Arme zu springen. Richard brachte ein herzliches Lachen zustande und schaute dann über Celias Schulter zu seiner Tochter. Sophie hatte vorerst die Reisetaschen im Kofferraum des weinroten BMW gelassen und die Stufen zum Haupteingang erklommen.

„Moin, Vater.“

Mehr brachte sie nicht heraus und erwiderte den prüfenden Blick seiner hellblauen Augen im ungewöhnlich blassen Gesicht. Richard Martens war ein typischer Schleswig-Holsteiner, der einen Großteil seiner Freizeit im Freien zubrachte. Er war ein leidenschaftlicher Segler, der ebenso gern ritt und zudem regelmäßig Golf spielte. Daher war sein Gesicht immer sonnengebräunt und ließ seine hellen Augen noch mehr wirken. Heute lag ein grauer Schimmer auf seinem Gesicht und das erschreckte Sophie zutiefst.

„Hallo, Sophie. Martha hat eure Zimmer vorbereitet und Johann bringt das Gepäck nach oben. Ihr wollt euch sicherlich erst einmal frisch machen.“

Richard hatte seinen linken Arm um die schlanke Hüfte seiner Enkelin gelegt, die ihn allerdings zurückhielt, als er mit ihr ins Haus gehen wollte.

„Nein, zuerst möchte ich Tante Vera besuchen. Bitte, Großvater.“

Sophie nickte zustimmend und doch war sie sich sicher, dass der Wunsch von Celia wesentlich mehr Überzeugungskraft hatte. Richard bat sie einen Augenblick zu warten, da er seine Jacke und den Autoschlüssel holen wollte.

„Lass mich doch fahren, Vater“, schlug Sophie vor.

„Nein, ich fahre.“

Da war sie wieder, diese brüske Zurückweisung. Celia runzelte die Stirn und warf ihrer Mutter böse Blicke zu. Sophie schluckte jegliche Erwiderung hinunter und fügte sich vorerst in ihr Schicksal. Die Fahrt ins Uni-Klinikum in Kiel dauerte gute dreißig Minuten, in denen ausschließlich Richard und Celia miteinander sprachen. Sophie fühlte sich ausgeschlossen.

Im Krankenhaus wurden sie von einem müde aussehenden Oberarzt empfangen, der den aktuellen Zustand von Vera umriss.

„Ihre Tochter war zum Glück angeschnallt und alle Airbags haben funktioniert, so dass ihr Körper gut geschützt war. Doch der Aufschlag auf dem Stoffdach hat trotzdem zu Kopfverletzungen und diversen Prellungen sowie einem abgesplitterten Knochenfragment im Schultergelenk links geführt.“

Sophie hatte bereits an mehreren Obduktionen in Berlin teilnehmen dürfen, bei denen die Ärzte mit Fachbegriffen um sich warfen, und bewunderte diesen Mediziner für seine allgemein verständliche Ausdrucksweise. Ganz offensichtlich war der Oberarzt geübt darin, mit medizinischen Laien über sein Fachgebiet zu sprechen.

„Wie lautet Ihre Prognose, Doktor?“ Richards Tonfall war geschäftlich knapp und präzise.

„Wir werden Ihre Tochter diese Woche noch auf der Station behalten und zwei Aufnahmen des Schädels mittels Computertomografie anfertigen. Bisher geht die Schwellung des Hirngewebes zügig zurück und sobald sie komplett verschwunden ist, können wir mögliche Verletzungen erkennen.“

Als Sophie den Oberarzt nach seiner Einschätzung über eventuell zurückbleibende Schäden befragte, erntete sie einen eisigen Seitenblick ihres Vaters.

„Sofern wir keine Verletzungen im Hirn feststellen, sehe ich keinen Grund, der gegen eine völlige Genesung spricht“, lautete die vorsichtige Antwort.

Nach dem Gespräch mit dem behandelnden Arzt gingen Sophie, ihr Vater und ihre Tochter zum Zimmer von Vera. Richard trat ohne anzuklopfen ein und als Sophie über seine Schulter schaute, bemerkte sie den schlanken, blonden Mann am Bett ihrer Schwester. Adrian Theissen erhob sich und machte Zeichen, dass er auf dem Gang warten wollte.

„Ich denke, dass wir Vera nicht zu viel Aufregung zumuten sollten. Warte bitte ebenfalls auf dem Gang, Sophie.“

Vater und Tochter maßen sich einige Sekunden mit Blicken, doch Sophie vermied eine Auseinandersetzung in Gegenwart ihrer Schwester und Tochter. Wortlos wandte sie sich um und folgte Adrian auf den Gang.

* * *

„Ich wusste gar nicht, dass du unserer Familie immer noch so eng verbunden bist.“

Sophie nippte am Kaffee, den Adrian ihr aus einem der Getränkeautomaten besorgt hatte. Es schien dem blonden Unternehmer unangenehm zu sein, dass sie so unerwartet aufeinandergetroffen waren. Dabei hatte es am Ende ihres gemeinsamen Gymnasienbesuchs eine Zeit gegeben, in der Sophie und Adrian ein Liebespaar gewesen waren. Für sie war es nicht nur ihre erste, ernsthafte Liebesbeziehung, sondern die große Liebe gewesen. Adrian jetzt so unvermutet am Krankenbett ihrer Schwester wiederzusehen, machte Sophie nervös.

„Dein Kontakt zu Richard und Vera ist leider nicht der Beste, wie ich weiß. Deswegen weißt du es noch nicht.“

Sophie staunte darüber, wie selbstverständlich Adrian ihren Vater mit dem Vornamen bezeichnete.

„Was soll ich nicht wissen?“

Sophies Wissen darüber, was im Herrenhaus vor sich ging, stammte überwiegend aus den Berichten ihrer Tochter. Celia hatte sich allerdings in den zurückliegenden Monaten auch in dieser Hinsicht sehr wortkarg gezeigt.

„Es tut mir leid, dass du es auf diese Weise erfahren musst. Vera und ich sind verlobt, Sophie.“

Adrians Worte wirkten wie eine Ladung Eiswasser, die jemand über Sophies Kopf ausgoss. Fassungslos schaute sie in Adrians grüne Augen und suchte nach Anzeichen für einen üblen Scherz.

„Du und Vera? Seit wann, Adrian?“ Während die erste Frage fast tonlos über Sophies Lippen kam, stieß sie die Frage nach der Dauer mit übertriebener Schärfe hervor.

„Vera und ich sind schon vierzehn Monate zusammen und seit vier Monaten verlobt, Frau Staatsanwältin“, reagierte Adrian beleidigt.

Sophie hatte Mühe, das Gedankenkarussell in ihrem Kopf zur Ruhe zu bringen. Erst Veras schrecklicher Unfall und nun noch diese Verlobung mit ihrer großen Liebe. Ehemaligen, großen Liebe, korrigierte Sophie sich innerlich.

„Entschuldige bitte, Adrian. Es kam nur so überraschend und dann der Unfall.“

Der Ausdruck in Adrians Gesicht wurde milder und er setzte sich neben Sophie auf eine der unbequemen Plastikschalen, die als Sitzgelegenheiten auf dem Gang aufgestellt worden waren.

„Wie geht es dir?“ Sophie bemühte sich um ein neutrales Verhalten dem Verlobten ihrer Schwester gegenüber.

Bei ihrer Frage zuckte Adrian mit den Schultern und seufzte leise. „Es tut weh, Vera so dort liegen zu sehen. Sie hätte nicht telefonieren sollen! Vielleicht läge sie dann nicht in diesem Bett.“

Da Sophie bislang nur grob in den Ablauf des Unfalls eingeweiht war, bat sie Adrian um eine ausführliche Schilderung. Er erzählte, dass Vera gerade den Ort Ascheffel hinter sich gelassen habe, als ihr Audi von einem nachfolgenden Fahrzeug überholt und von der Fahrbahn abgedrängt wurde. Den Spuren am Unfallort nach, wollte Vera durch Einlenken den Ausflug aufs Feld vermeiden, doch dabei verlor sie die Kontrolle über den Wagen.

„Der Audi hat die Grabenwand quasi als Sprungschanze genutzt und ist über den Zaun hinweggeflogen, um auf dem Dach aufzukommen.“

Während Adrian den Hergang mit angespannter Stimme wiedergab, entstanden in Sophies Kopf die passenden Bilder dazu.

„Was war das für ein anderes Fahrzeug? Hat der Fahrer sich um Vera gekümmert?“

Als Adrian schwieg, wusste Sophie genug.

„Was sagt die Polizei?“

Adrian wusste von Richard, dass es keine verwertbaren Spuren gab, die auf den Unfallgegner hindeuteten.

„Man geht wohl davon aus, dass es ein alkoholisierter Fahrer gewesen ist. Möglicherweise junge Leute, die auf dem Rückweg von der Disco waren. Vielleicht haben sie den Unfall nicht einmal bemerkt.“

Obwohl Sophie in ihrer Zeit als Staatsanwältin selbst eine Reihe ganz ähnlich gelagerter Fälle von Fahrerflucht erlebt hatte, sträubte sie sich gegen diese Variante. Es durfte nicht sein, dass der Verursacher des Unfalls unauffindbar sein sollte.

„Sie möchte dich sehen“, hörte sie Richard hinter sich sagen und stand abrupt auf. Er und Celia waren gerade aus dem Krankenzimmer gekommen, dessen Tür nur angelehnt war. Sophie öffnete sie und schaute in die braunen Augen ihrer jüngeren Schwester, die sie aus dem blassen Gesicht anstarrten.

„Hallo, Große“, murmelte Vera.

Als Vera den schon so lange nicht mehr verwendeten Kosenamen aussprach, schossen Sophie die Tränen in die Augen. Hastig schloss sie die Tür und eilte zu Vera ans Bett.

„Was machst du nur für einen Unsinn, kleiner Wildfang.“

Einen Moment lächelten die Schwestern sich nur an, dann schlossen sie sich in die Arme.

* * *

Auf der Rückfahrt zum Herrenhaus am See zeigte sich Richard weit offener und umgänglicher. Sophie ging davon aus, dass Vera dem Vater gut zugeredet hatte.

„Wir müssen noch kurz an der Wache anhalten, damit man uns den Ermittlungsstand mitteilen kann.“

Sophies Vater hatte einen Anruf von der Polizei erhalten, nachdem die Spezialisten für Verkehrsunfälle mit den Untersuchungen fertig waren und man der Familie deren Erkenntnisse mitteilen wollte.

Als Sophie aus dem Wagen stieg und zum Gebäude des Amtsgerichts hinüberschaute, erinnerte sie sich an einige Prozesse, die sie in Begleitung von Gero Haller dort verfolgt hatte. Dann betraten sie die Polizeistation und wurden umgehend ins Dienstzimmer des Revierleiters Faber geführt. Sophie bezweifelte instinktiv, dass diese besonders fürsorgliche Behandlung jedem Normalbürger ebenfalls zustand. Einmal mehr wurde ihr bewusst, wie einflussreich und mächtig ihre Familie war.

„Dann war es also tatsächlich ein unglücklicher Unfall“, fasste Richard zwanzig Minuten später das Ergebnis zusammen.

Während der Hauptkommissar hinter dem Schreibtisch bestätigend nickte, stiegen in Sophie einige Fragen auf.

„Warum schließen die Experten aus den Spuren auf einen Unfall? Sollte sich eine Absicht hinter dem Abdrängen des Wagens meiner Schwester verbergen, würde die Spurenlage doch genauso aussehen, oder?“

Celia starrte ihre Mutter ungläubig an, doch Richards Miene wurde ganz starr.

„Sophie!“

Verwundert schaute sie ihren aufgebrachten Vater an, der ihren Überlegungen offenbar überhaupt nichts abgewinnen konnte.

„Im Prinzip haben Sie recht, Frau Staatsanwältin. Was allerdings gegen eine absichtliche Abdrängung spricht, ist das fehlende Motiv des Unfallgegners. Gibt es da etwas, worüber wir bislang keine Kenntnis haben?“

Hauptkommissar Faber schaute von Sophie zu Richard, der entschieden den Kopf schüttelte.

„Nun, dann muss ich Ihnen sicherlich nicht erklären, warum die Kollegen keinen Anfangsverdacht für eine weitergehende Ermittlung begründen können.“

Der Revierleiter lehnte sich mit hochgezogenen Augenbrauen zurück, bevor er fortfuhr.

„Selbstverständlich verfolgen wir die Fahrerflucht weiter, aber eben keinen Fall von Mordversuch.“

Sophie bat um eine umfassende Einsicht in die Ermittlungsakten, was ihr einen weiteren erbosten Seitenblick ihres Vaters einbrachte. Celia verfolgte das Gespräch mit sichtlicher Verwirrung, hielt sich aber heraus.

„Meines Wissens sind Sie in Berlin-Mitte bei der Staatsanwaltschaft, Frau Martens. Solange es keine Verbindung zu Ihrem Zuständigkeitsbereich gibt, darf ich Ihrem Ansinnen leider nicht entsprechen. Ich bedaure sehr, Herr Martens.“

Sophie zuckte zusammen, als der Hauptkommissar sich übergangslos wieder an ihren Vater wandte. Es war offensichtlich, wer für Faber die wichtigere Ansprechperson im Raum war.

„Dazu besteht kein Anlass, Herr Faber. Ich bin überzeugt davon, dass Sie und Ihre Mitarbeiter hervorragende Arbeit geleistet haben. Vielen Dank für Ihre Mühe.“

Hilflos musste Sophie sich ebenfalls erheben, als Richard aufstand und dem Hauptkommissar die Hand reichte. Sophie verstand die Haltung ihres Vaters überhaupt nicht, dennoch sparte sie sich weitere Einwürfe.

Auf dem Weg zum Wagen hielt Celia ihre Mutter am Arm fest. „Ich möchte mich noch mit einigen Freunden in der Stadt treffen. Geht das in Ordnung?“

Sophie war dermaßen von der Frage ihrer Tochter überrascht, dass sie stumm nickte. Celia hatte in der jüngeren Vergangenheit selten nach ihrer Erlaubnis gefragt. Bevor ihre Tochter jedoch nach dem erforderlichen Geld für den Bus fragen konnte, drückte Richard seiner Enkelin einige Geldscheine in die Hand.

„Wir essen um neunzehn Uhr, junge Dame. Ich erwarte, dass du pünktlich im Herrenhaus eintriffst. Versprochen?“

Celia umarmte ihren Großvater und versprach zu Sophies Verblüffung, rechtzeitig zum Abendessen zurück zu sein.

„Möchtest du mich aufklären, Vater? Warum bist du so sicher, dass Vera das Opfer eines Unfalls ist?“ Als Sophie neben ihrem Vater im Wagen saß, legte sie ihre Zurückhaltung ab und wollte endlich Antworten.

* * *

„Nein.“

Sophie musste an diesem Vormittag bereits das dritte Mal ein Nein hinnehmen, was langsam aber sicher ihre Laune verdarb.

„Was spricht denn dagegen, Vera?“

Zuerst hatte sich ihr Vater dagegen verwehrt, dass Sophie sich im Aufgabengebiet ihrer Schwester umschaute und dort nach einem möglichen Motiv für einen Anschlag suchte. Dann reagierte ihr Vorgesetzter genauso ablehnend, als seine Mitarbeiterin um seine Unterstützung zur Einsichtnahme der Ermittlungsakten bei der Eckernförder Polizei bat. Als ihr jetzt auch noch ihre Schwester die Bitte abschlug, dass Sophie sich nur den Laptop ansehen durfte, spürte sie Unmut in sich aufsteigen.

„Vater hat mich informiert, Sophie! Ich habe doch wirklich geglaubt, dass du meinetwegen hierher gekommen bist und besorgt sein könntest. Wie naiv von mir!“ Veras Augen funkelten ihre Schwester voller Zorn an.

„Aber das ist doch auch wahr. Vera, bitte. Ich möchte doch nur ganz sicher gehen, dass es kein Anschlag auf dich gewesen ist.“

Sophie ...

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