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Miss Paderborn

 

Ein eisiger Winter in Paderborn. Eine Frau wird entführt, Paderborn steht vor der ersten Miss-Wahl in seiner Geschichte und Privatermittler Maikötter mittendrin. Sein Auszubildender und zugleich Neffe Deckel lernt bei diesem Fall eine Menge dazu. Beispielsweise wie wichtig lange Unterhosen bei einer nächtlichen Observierung sein können.

Herrlich schräg und nicht minder spannend: Maikötters zweiter Fall führt den eigenwilligen Privatschnüffler in die Welt der unorganisierten Kleinkriminalität. Und natürlich sucht und findet Maikötter auch wieder Tarnung im Priestergewand. Ein echter Erwin Grosche.

„Neben der Leiche lag eine Zigarettenschachtel. Rauchen kann tödlich sein stand auf der Schachtel. Da war jemand schneller gewesen.“

Erwin Grosche wurde 1955 geboren. Er lebt heute als Kabarettist, Schauspieler und Autor in Paderborn. Neben Kleinkunst-und Theaterproduktionen schreibt er Bücher und dreht Filme. Er erhielt u.a. 1999 den „Deutschen Kleinkunstpreis “ und wurde im Jahre 2000 Kulturpreisträger der Stadt Paderborn. Seit 2003 ist er Schirmherr von UNICEF PADERBORN und seit 2009 Botschafter der „Stiftung Lesen“. Er schrieb viele Kinderbücher und ist in Filmen als Kleindarsteller zu sehen. Im Jahre 2007 erhielt er den Peter-Hille-Literaturpreis für Kabarett und poetische Kleinkunst. „Miss Paderborn“ ist sein zweiter Krimi um den Paderborner Detektiv Maikötter. Der erste Maikötterkrimi erschien 2007 unter dem Titel „Der falsche Priester“.

Personen:

Friedrich Maikötter

Ein „falscher“ Priester sucht und findet.

Gregor Deckel

Der Gehilfe des Privatdetektivs wird erwachsen.

Hauptkommissar Gökke

Wird Jurymitglied.

Ela Hanke

Kann das Paderbornlied nicht mehr hören.

Uwe Wiromba

Arbeitet an seinem Lebenswerk.

Ilona Hoback

Wurde sehr enttäuscht.

Christian Tauber

Veranstalter einer Miss-Paderborn-Wahl.

Robert „Bob“ Tauber

Ihm kommt man am besten nicht zu nahe,
auch wenn er einen umarmen will.

Der lange Anton

Für Geld tut er alles.

Dr. Horst Bernkrug

Politiker und Lebemann.

Sandy Bernkrug

Rettet die Familienehre.

Herman Gavini

Ein Paderborner Künstler.

Eddi

Ein einsamer Computerfachmann.

Frau Nargotz

Spielt keine große Rolle.

Wilfried

Alle Hunde heißen Wilfried.

Bodybuilder

Kommen in dem Buch nicht vor.

Etwaige Ähnlichkeiten mit realen Personen, Institutionen oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt und rein zufällig. Real existierende Personen, die in dem Buch vorkommen, handeln nur so, wie es die erfundene Geschichte mit sich bringt. Diese Handlungen haben mit ihrer tatsächlichen Vita nichts zu tun. Real existierende Personen, die in dem Buch eine größere Rolle spielen, wurden vorher darüber informiert und waren einverstanden, bei dem Spaß mitzumachen. Bei ihnen bedanken sich Verlag und Autor.

Paderborn, Januar 2009
1. Kapitel

Sie hatte Rückenschmerzen. Wenn sie gekonnt hätte, wäre sie aufgestanden und hätte sich gestreckt. Er hatte sie auf den Stuhl gefesselt und ihr in den Mund eine alte Ausgabe der Kirchenzeitung „Der Dom“ geschoben. Die Zeitung war so alt, dass noch Kardinal Degenhardt auf dem Titelblatt zu schmecken war. Sie wollte schreien, brachte aber außer einem Würgen keinen Ton heraus. Er hatte ein schwarzes Klebeband auf ihren Mund geklebt, welches er nur löste, wenn er sie mit irgendeinem Fast Food fütterte. Klebeband ab, Dom raus, Pizza rein. Tränen liefen.

Sie reckte ihren Kopf in alle Richtungen, obwohl sie Kopfschmerzen hatte. Seit Stunden versuchte sie, ihre Fesseln zu lösen, aber sie war so fest an die Lehne gebunden, dass sie sich vorkam wie ein Gast, der im Winter im Keller saß und erst im Sommer für die Grillsaison wieder ans Tageslicht gebracht wurde. Sie musste ruhig bleiben. Sie musste ruhig durch die Nase atmen und auf ihre Chance warten. Es roch nach Öl. Sie wusste nicht, wie viele Stunden, Tage sie schon in diesem Heizungskeller eingesperrt war. Neben ihr standen drei Öltanks und strömten eine Erdfremdheit aus, als säße sie in einem U-Boot. Der Raum war ergraut von ewiger Lichtferne. Sie fror in ihrer weißen Bluse und der weißen Jeans. Es war fast komisch, dass sie in einem Heizungskeller gefangen gehalten wurde und doch so fror, dass ihr die Zähne klapperten. Wie spät mochte es sein? Das kleine Kellerfenster mit dem Gitterschutz zeigte ihr an, dass es Nacht war. Nur wenn ein Auto den Bewegungsmelder des gegenüberstehenden Hauses auslöste, drang für Sekunden ein Lichtgedanke in den Raum ein. Wieso kann man einen Heizungskeller nicht ein bisschen gemütlicher gestalten, dachte sie. Das Gitterfensterduo war auf einer Seite leicht geöffnet und viel zu frische Luft hielt sie wach. Sie fror. Sie blickte auf die unverputzten Wände und bearbeitete den blassen Beton mit ihren Gedanken. Die drei Tanks hatten ein Fassungsvermögen von 3.000 Litern und inzwischen zuckte sie nicht mehr zusammen, wenn im Nebenraum der Ölofen ansprang. Der Zeiger der Öluhr war auf das untere Drittel abgesackt und sie kannte inzwischen die Telefonnummer des Öllieferanten auswendig, weil es das Einzige war, das es auf dem Öltank zu lesen gab. Der Trost der Buchstaben, dachte sie. „Mit Öl im Tank – Keck sei dank.“ Neben ihr stand ein CD-Player. Er war voller Farbkleckse, als hätte man ihn bei irgendeiner Dekoaktion zu sehr im Mittelpunkt des Streichgewitters stehen lassen. Zum Glück war der CD-Player nun aus und nur ein roter Punkt leuchtete in der Dunkelheit wie der Stern von Bethlehem. Sie schloss die Augen. Sie war müde, aber sie musste aus diesem Loch kommen. Sie dachte nach. Er hatte sie gequält. Er war mit seiner Zigarette um sie herumgetanzt und ihr so nahe gekommen, dass sie verbranntes Haar riechen konnte. Der Mann war ein Sadist. Warum hatte sie sich nur auf ihn eingelassen? Er hatte von ihrer schwachen Stelle gewusst. Sie hatte mal auf einer Karnevalsfeier bei einem Karaokewettbewerb das Paderbornlied singen müssen und hasste es seitdem. „Paderborn, Paderborn …“ Furchtbar. Welch ein Ohrwurm. Drang es nicht auch aus den Telefonhörern, wenn man bei der Stadtverwaltung Hilfe suchte und dann stundenlang in der Warteschleife saß? „Paderborn, Paderborn …“

Sie hatte sich lange geweigert zu sprechen. Sie wollte nichts verraten, bis sie dieser Musik ausgesetzt wurde. Über mehrere Stunden hatte er immer das gleiche Lied abspielen lassen. „Paderborn, Paderborn …“ Immer wieder kam dieses eine Lied und sang von Paderborn, als gäbe es nicht Berlin und manchmal sogar Bielefeld. Sie konnte die eingängige Melodie nicht mehr ertragen. Immer wieder dieses „Paderborn, Paderborn …“ Sie konnte nicht mehr. Immer die gleiche Musik, das gleiche Lied, das gleiche Lalala. Selbst jetzt, wo das Abspielgerät nicht mehr an war, hörte sie noch den dumpfen Refrain in ihrem Kopf. „Paderborn, Paderborn …“ Wie konnten Menschen Menschen so quälen? Sie hatte schließlich ausgepackt und erzählt, was er wissen wollte. Sie schrie schließlich alles heraus. Sie schrie es gegen die Musik an, gegen den Lärm. Sie musste es tun. Sie musste wieder Stille um sich haben. Sie wäre sonst wahnsinnig geworden. Sie hatte nach ihrer Tasche verlangt. Die Tasche mit der Pistole. Sie hatte ihnen dann den Schlüssel gegeben und sie hatten danach die Tasche an den Heizölstandanzeiger gehängt. Sie hatten die Pistole nicht entdeckt. Sie waren sich zu sicher, dass sie sich nicht befreien würde. Da werden sie noch staunen. Sie musste sehen, dass sie sich aus diesem Loch befreite. Warum kam keine Hilfe? Vermisste sie niemand? Sie hatte Angst. Ihr Leben war keinen Pfifferling mehr wert. Sie stöhnte auf und weinte. Und wieder entsprang der Paderstadt eine neue Quelle. Die Augenquelle.

2. Kapitel

Ein strahlendblauer Himmel stand über der Paderstadt und beleuchtete alles, was sich blicken ließ. Es hatte geschneit. Alles war weiß und glänzte. Der Schnee lag wie Zuckerguss auf Dächern, Bäumen und Wiesen. Friedrich Maikötter stand am Fenster seines Büros und ließ die Rollläden hoch. Die Sonne blendete ihn. Seine Augen mussten sich an die grelle Wintersonne gewöhnen. Der Blick lohnte, ein Winteridyll, wenn man den Winter mag. Im Fenster spiegelte sich sein blondes Haar, das wild herumstand wie ein Mikadospielanfang. Er hatte es längst aufgegeben, es zu kämmen und lebte damit, immer ein wenig erschrocken zu wirken. Manchmal sah er aus wie Sting in diesem Film, wo Maskenbildner seine Haare strohblond gefärbt hatten. Maikötter hatte seine Haare nicht gefärbt. Es gab Männer, die so blonde Haare hatten, dass man dachte, sie wollten vorne stehen und dann wird es dunkler. Maikötter lachte. Er stand lieber im Hintergrund und nahm sich zurück. Es war wichtig in seinem Beruf, dass er entscheiden konnte, was wichtig war. Es war wichtig, dass man sehr genau wusste, wo der Hintergrund war. Es war dabei immer von Vorteil, wenn man selbst nicht Teil der Geschichte wurde, sondern sie einfach beobachten konnte.

Maikötter schaute auf die Winterlandschaft. Er sah Männer, die ihre Autos vom Schnee befreiten, andere liefen mit einem Schneeschieber aus der Garage und schabten und schaufelten Eingänge frei. Er suchte seinen Mercedes und konnte ihn unter dem Schneekleid erst gar nicht erkennen. Zum Glück ragte der Stern aus dem Schnee heraus. Maikötter schaute sich um. Menschen liefen aus dem Haus und hatten Mützen auf. Im Herrenhut-Fachgeschäft von Adolf Heinrichsdorff musste die Stimmung gut sein. Sobald Mäntel getragen werden, sind auch Hüte ein Thema, dachte Maikötter. Alle widmeten sich dem plötzlichen Winterwetter mit einer Hingabe, die fast rührend war. Schade, dass zu Weihnachten kein Schnee gelegen hatte, dachte Maikötter. Es hätte selbst Ungläubige von Gott überzeugt. Er drehte die Heizung auf. Er hatte seinen Gehilfen Deckel, gleich nach dem gemeinsamen Frühstück, zur Reinigung geschickt. Sie frühstückten montags immer zusammen, um einen „Plan der Woche“ auszuarbeiten. Am Montag rechnete Maikötter nie mit neuen Aufträgen, da konnte man sich um andere Dinge kümmern.

Sein schwarzer Priesteranzug war voller Flecken gewesen. Es war verhext. Obwohl Maikötter oft wochen lang nur mit Überwachungsaufgaben beschäftigt war, sah sein Priesteranzug aus, als hätte er an einem Hamburgerwettessen bei McDonalds teilgenommen. Das Sitzen und Essen im Auto ging nie ohne Kleckern ab, obwohl er bewusst nur Speisen zu sich nahm, die ohne Soßen und Geschmackshüpfer auskamen. Er hasste es, wenn man in ein normales Käsebrötchen nicht beißen konnte, ohne dass sich aus den Ritzen Cremes und Soßen drängten wie Clowns in einem Karnevalsumzug.

Wenn er ein belegtes Brötchen aß, achtete er darauf, dass weder Tomatenscheibe noch Mayonnaiseklecks als Schmiermittel eingesetzt wurden. Aber er konnte essen, was er wollte, irgendwie fiel immer etwas herunter und hinterließ Spuren. Er erinnerte sich an die Frau mit der Perücke, die in der BP-Tankstelle an der Detmolder Straße arbeitete. Sie hatte ihm beim Bezahlen eine Praline geschenkt, die mit Koffein gefüllt war. Er wusste schon, als er sie dankend annahm, dass er diese Praline nie essen würde, da er Pralinen verabscheute und sogar hasste, wenn sie mit Koffein gefüllt waren. Er nahm sie trotzdem an, weil er gerade als Priester verkleidet war und nicht durch Unfreundlichkeit auffallen wollte. Er steckte also diese Praline gedankenlos in seine Manteltasche und vergaß sie. So konnte sie ruhig vor sich hinschmelzen, auslaufen und braune Flecken verteilen, als hätte er sich in Hundekacke gewälzt. ärgerlich war, dass die braunen Flecken nie ganz aus dem weißen Futter seines schwarzen Mantels herausgegangen waren. Auch seine weißen Priesterkragen musste er regelmäßig reinigen lassen, um auf alle wie ein „unschuldiger“ Priester zu wirken. So einfach es war, als Privatdetektiv in die Rolle eines Priesters zu schlüpfen, so belastete ihn stets dieses ordentliche Auftreten, welches von einem Priester erwartet wurde. Wie kann man einen Mörder jagen und dabei noch seine Reinheit bewahren? Es gab Berufsgruppen, die erst durch ein korrektes Auftreten ihre Botschaften verbreiten konnten. Kennt jemand einen Priester, der seinen Mantel falsch knöpft? Kennt man einen Pfarrer mit schmutzigen Schuhen? Selbst Mutter Theresa wirkte in den Slums von Kalkutta immer wie aus dem Ei gepellt.

Als sich Maikötter umdrehte, sah er einen Mann in seinem Besuchersessel sitzen. Die Bürotür stand auf und Maikötter sah, dass der Mann auch die Wohnungstür offen gelassen hatte. Er stellte seine Schreibtischlampe aus, die er in dem dunklen Raum vor dem Hochziehen der Rollläden angemacht hatte. Er hatte sich eigentlich erschrocken, tat aber so, als wäre es normal, Besucher plötzlich in seiner Wohnung vorzufinden. Hier geben sich die Verlorenen selbst ab. Wo hatte er diesen Spruch gehört? Kam er von Andre Heller? Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und stellte den Tischventilator an und wieder aus. Im Winter konnte man auf den Tischventilator verzichten, obwohl man ihm gern beim Windmachen zusah. Er wollte nun die Füße auf den Schreibtisch legen, aber er hatte lange Beine und bekam sie nur beschwerlich nach oben, wenn sie es sich einmal unter dem Tisch gemütlich gemacht hatten. Maikötter musterte seinen Besuch, der klein und schmächtig in dem blauen Kugelsessel versank. Da man den Sesselsitz hin und her drehen konnte, stützte sich der Mann mit den Füßen fest auf dem Boden ab. Seine Schuhe waren nass, unter ihnen schmolz der Schnee und hinterließ dunkle Flecken auf seinem hellgrauen Teppichbelag. Er war genau der Mann, der auf Libori, dem großen Volksfest in Paderborn, jedes Riesenrad mied, wenn man die Gondel drehen konnte. Der Mann hatte einen dunkelroten Anzug an, der sehr weit geschnitten war, als hätte er ihn mal gekauft, als er noch ganz dick gewesen war. Er hing so knapp neben ihm, als hätte er den Anzug aus Versehen seinem Schatten angezogen. Er hatte blutleere Ohren und eine weiße Nase, an der ein Tropfen hing. Er war zu dünn angezogen für einen Wintermontag in Paderborn, und er musste auf dem Weg durch Schnee und Eis gefroren haben wie ein Ministrant. Er trug ein gelbes bügelfreies Hemd, dessen Kragenspitzen nach innen gebogen waren. Der Mann rieb sich die Hände, als wollte er ein Gebet sprechen. Er schaute dabei auf seine Finger, als sähe er sie zum ersten Mal. Maikötter fiel der Ehering auf und die langen Fingernägel an der rechten Hand und die kurzen an der linken. Er spielt vermutlich in seiner Freizeit Gitarre, dachte Maikötter, oder er hatte vergessen, dass er zwei Hände hatte und ging immer nur halb gepflegt aus dem Haus. Der Mann schaute noch immer auf seine sich reibenden Hände, als gehorchten sie nicht mehr seinem Willen. Plötzlich hielt er sich die rechte Hand vor den Mund und bedeckte ihn, bevor er so laut gähnte, als wäre er allein im Raum. Er schaute auf Maikötter, ohne ihn wirklich wahrzunehmen.

„Ich habe sie gar nicht kommen hören“, sagte Maikötter.

„Bin ich denn schon lange hier?“, fragte der Mann.

Natürlich, dachte Maikötter, alle Bescheuerten der Stadt standen wieder vor seiner Tür und wollten rein. Stand irgendwo auf seiner Stirn geschrieben: „Quatsch mich voll, raub mir die Zeit, aussichtslose Fälle haben bei mir Vorrang?“ Maikötter holte tief Luft. In diesem Monat hatte es nicht viel für ihn zu tun gegeben. Er sollte in Altenbeken eine Person überführen, die mutwillig Wanderschilder in falsche Richtungen gedreht hatte. Menschen, die von Altenbeken nach Neuenbeken wandern wollten, landeten plötzlich in Schwaney. Leider konnte er diesen Fall nicht klären, so war es weiter üblich, dass Schwaney immer noch mehr ratlose Touristen aufweisen konnte als Neuenbeken. Er hatte einen Mann beschattet, der im Nobelrestaurant „Melchior“ Kochrezepte entwendet und an die Konkurrenz verkauft hatte, und war ihm schließlich auf die Spur gekommen, weil das Konkurrenzunternehmen die gleichen Salzwürzangaben in die Speisen aufnahm, die er auf dem entwendeten Kochrezept eingetragen hatte. Er hatte ihnen die Suppe gründlich versalzen. Sein größter Auftrag war von der Stadt gekommen. Am Quellbecken der Dielenpader, an der alle Touristen immer zu einem verabredeten Kommando gleichzeitig auf den Boden sprangen, um kleine Quellblasen aus dem Untergrund zu erzeugen, hatte ein Spaßvogel eine Fallgrube ausgehoben und mit einer Sperrholzplatte abgedeckt, die so perfekt mit Gras, Moos und Erde getarnt war, dass manche Reisegruppen weiterhin arglos diesen Quellensprung ausführten. Eine Reisegruppe aus Werdohl war so bei dem gemeinsamen Sprung durch die Abdeckung gebrochen, konnte aber nach zwei Tagen ohne ernsthafte Verletzungen wieder aus der Grube geborgen werden. Maikötter hatte trotz intensiver Suche nicht die Urheber des Streiches entdecken können. Den Rest des Monats hatte er seinen Gehilfen Deckel unterrichtet, den Sohn seiner Schwester Larissa, der noch das A und O eines Detektivs lernen musste. A wie „aufpassen“ und O wie „Onkel helfen“. Sie hatten gerade das Thema angeschnitten, wie wichtig das Tragen von langen Unterhosen im Winter war, als sich draußen auch schon der Winter anmeldete.

„Kann ich Ihnen was zu trinken anbieten?“, fragte Maikötter. „Vielleicht etwas Warmes?“

„Nur wenn ich nachher die Tasse nicht spülen muss“, sagte der Mann.

Er wartete noch ab, ob sich dieser Einwand als Scherz entpuppen würde, aber der Mann blickte weiter unkonzentriert auf seine Schuhe, die er ungelenk aneinander rieb, um den noch nicht geschmolzenen Schneematsch abzustreifen. Maikötter ging in seine Küche und kam mit einer Tasse Kaffee wieder, die er dem Mann auf den kleinen Tisch neben dem Sessel stellte. Der Mann zitterte immer noch und hauchte auf seine geballten Hände. Maikötter schaute aus der Balkontür und sah den weißen Strich eines Flugzeugs den blauen Himmel teilen. Er hörte, wie jemand die Treppe hinauflief. Das muss Deckel sein, dachte Maikötter. Er kommt mit meinen schwarzen Sachen. Er war froh, dass er mit dem sonderbaren Klienten nicht allein sein musste.

„Der Priesterkragen war noch nicht fertig“, rief Deckel in den Flur. „Frau Reinigung entschuldigt sich, aber er war bei der Lieferung noch nicht dabei.“

Maikötter seufzte, obwohl die Nachricht ihn nicht wirklich belastete. Er hatte Dutzende dieser Priesterkragen in einer Ablage gehortet.

„Sie heißt nicht Frau Reinigung“, sagte Maikötter, aber er kam selbst nicht auf ihren richtigen Namen.

„Sind Sie Priester?“, fragte plötzlich das Häufchen Elend vor ihm.

„Wenn Sie so wollen“, sagte Maikötter.

„Ich dachte, sie wären Privatdetektiv.“

Maikötter zeigte auf den Kaffee. Der Mann nickte und schaute sich um, als suche er Zucker oder Milch.

„Ich habe als Privatdetektiv eine religiöse Einstellung“, sagte Maikötter. „Es passt zu meiner Tarnung. Mein Spitzname ist ‚Priester‘. Brauchen Sie noch etwas?“

Der Mann schluckte und hustete plötzlich, als würde es ihn zerreißen wollen wie Rumpelstilzchen.

„Haben Sie vielleicht Milch für mich?“, fragte er schließlich und hustete weiter.

Maikötter stand auf und stieß auf Deckel, der gerade durch die Tür kam.

„Meine Lebensgefährtin nennt mich Kater, weil meine Augen angeblich im Dunkeln leuchten“, murmelte der Mann ihm nach.

Deckel drückte sich an Maikötter vorbei ins Zimmer. Er hatte im Sommer sein schwarzes Haar rot färben lassen und sah aus, als teste er Feuerlöscher für die Feuerwehr. Er trug eine Kapuzenjacke über einer schwarzen Trainingshose. Er sah jünger aus, als er war, aber man sah, dass er jünger aussehen wollte, als er war. Ich muss ihm noch zeigen, wie man sich so unauffällig anzieht, dass man in der Welt verschwindet und nicht mehr beachtet wird, dachte Maikötter.

„Man nennt Sie Kater? Es ist arschkalt draußen.“

Deckel hing den Priesteranzug in den Schrank. Maikötter hatte neue Kleiderbügel gekauft, die durch ihre starke Krümmung auffielen. Auf der Stange hingen die Bügel so eng beieinander, dass man bei ihrem Anblick Platzangst bekommen konnte. Maikötter verschwand kurz in der kleinen Küche, die direkt neben seinem Arbeitsraum lag.

„Sie nennt mich Kater, weil ich in der Nacht dem Mond nachjage.“

„Sie jagen dem Mond nach?“

„Ich träume das“, sagte der Mann. „Es ist ein Spiel unter Liebenden.“

Deckel starrte den Mann an. Er sah nicht wie ein Kater aus, er hatte eher etwas von einem Mond. Sein Kopf war fast kreisrund und die großen aufgerissenen Augen sahen aus, als schaute jemand aus ihm heraus. Der Mann sah aus, als wäre er bewohnt, als diente er einem anderen als Versteck. Seine dünnen grauen Haare hingen auf dem Kopf herum, als hätten sie sich bei dem Wetter zurückgezogen. Es konnte aber auch sein, dass er sich einfach nicht gekämmt hatte. Der Mann beugte sich vorsichtig aus dem Drehsessel und schaute in den Kleiderschrank, dessen Tür sich von Deckel nur widerwillig schließen ließ.

„Was sind das für interessante Kleiderbügel?“, fragte der Mann.

Deckel schaute Maikötter an, der gerade wieder mit einer Milchdose aus der Küche geschlüpft kam und im Türrahmen stand.

„Was sind das für interessante Kleiderbügel?“, gab Deckel die Frage weiter.

Sein Onkel kniff die Augen zu, als müsse er sich konzentrieren, öffnete sie wieder und sagte: „Das sind Bumerangkleiderbügel aus Australien. Sie sehen aus wie normale Kleiderbügel, können aber innerhalb von Sekunden in gefährliche Wurfgeschosse verwandelt werden.“

„Sie wollen mich auf den Arm nehmen, oder?“, sagte der Mann beeindruckt. „Sie sind mit allen Wassern gewaschen.“

Maikötter schwenkte die Milchdose wie einen Weihwasserschwenker und ließ sie schließlich auf dem kleinen Tisch neben dem Kaffee landen.

„Manche behaupten sogar, ich sei mit allen Weihwassern gewaschen.“

Die drei Männer schwiegen. Keiner sagte einen Ton. Deckel ging schließlich in die Küche. Maikötter hörte, wie sein Mitarbeiter zwei Toastbrote in den Toaster steckte. Bald wird er merken, dass der Toaster kaputt ist, dachte Maikötter. Wahrscheinlich wollte er sich wieder zwei Toastbrote mit der Erdbeermarmelade seiner Mutter machen, dachte Maikötter. Deckel betrat wieder das Büro, er hatte den Mund ganz voll, als hätte er ihn mit zwei ungetoasteten Toasts vollgestopft. Alle hörten zu, wie er am Würgen war. Endlich räusperte sich Deckel und wischte sich Krümel von seiner Jacke, obwohl dort gar keine Krümel waren. Danach war es wieder still. In der Stille hatten alle drei Männer viel Zeit nachzudenken. Maikötter dachte aber nicht weiter nach und schaute einfach auf seinen neuen Klienten.

„Meine Lebensgefährtin ist verschwunden“, sagte der Mann plötzlich.

Maikötter war nicht überrascht. Er hatte sich schon so etwas gedacht. So sah ein Mann ohne Frau aus, obwohl, wie musste er dann aussehen? Er schaute sich im Spiegel des Kleiderschrankes an. Er sah auch aus wie ein Mann ohne Frau, ohne Kinder, ohne Hund. Er sah aus wie jemand, der auf niemanden Rücksicht nehmen musste. Er konnte inzwischen Hüte tragen, ohne dass Entgegenkommende lachten. Im Bus musste er zwar immer noch stehen, aber wenn er weiter so schnell alterte, dann würden ihm bestimmt bald andere ihren Platz anbieten. Maikötter entdeckte im Spiegel, dass er sich beim Rasieren geschnitten hatte. Er hatte Blutflecke an seinem Hemdkragen, aber zum Glück hatte er heute keinen Termin, bei dem das stören würde.

„Ihre Frau ist fort?“, sagte Deckel und dann zu Maikötter: „Ehe ich es vergesse, der Toaster ist kaputt.“

Maikötter verdrehte die Augen.

„Erzählen Sie mal“, sagte er zu dem Mann.

„Wollen Sie sich Notizen machen?“, fragte der Mann. Er hielt Maikötter einen Kugelschreiber entgegen, auf dem „Wiromba – Uhren, Schmuck, Restaurationen“ zu lesen war. Maikötter nahm den Kugelschreiber an sich und legte ihn auf den Schreibtisch.

„Der Kugelschreiber ist neu“, sagte Wiromba. „Es war Elas Idee, mehr Werbung für uns zu machen. Ich habe ihn ihr noch zeigen können, bevor sie verschwand, und nun kann er uns schon bei der Suche helfen.“

„Noch habe ich den Fall nicht angenommen“, sagte er. „Erst muss ich wissen, auf was wir uns da einlassen.“

Der Mann schluckte und fing an, sich im Sessel hin und her zu drehen. Er schaute auf seinen Kaffee, schüttete Milch dazu und rührte ihn um, trank aber keinen Schluck davon.

„Meine Lebensgefährtin heißt Ela.“

„Von Elisabeth?“

„Nein, sie heißt Ela“, flüsterte der Mann. „Ela Hanke. Sie kommt aus Brenken. Ich liebe sie sehr. Ich habe ein Bild von ihr dabei. Wollen Sie sie mal sehen?“

Maikötter nickte nur, um den Erzählfluss des Mannes nicht zu unterbrechen. Der Mann reichte Deckel das Bild, der es nach einem flüchtigen Blick Maikötter gab. Auf dem Bild lachte ihm eine Blondine zu, die wusste, wie ihr Lachen wirkte. Sie war auf dem Foto auffällig geschminkt. Sie saß in einem Korbsessel vor einer Tapete mit einem künstlichen Sonnenuntergang. Sie hatte das Porträt in einem Fotostudio machen lassen, die kleine Kinder noch auf Schaukelpferden, Männer mit Brille noch vor Buchregalattrappen und Blondinen noch vor Sonnenuntergangstapeten fotografierten. Maikötter sah in die blauen Augen der Blondine und ließ unbeeindruckt ihren Flirtblick über sich ergehen.

„Die Stupsnase habe ich ihr bezahlt“, sagte der Mann.

„Steht ihr gut“, sagte Deckel.

„Die blonden Haare sind echt“, sagte der Mann stolz, als ihm Maikötter das Bild herüberreichte.

„Haben Sie noch ein Foto von Elisabeth …?“

„Ela. Sie heißt einfach nur Ela. Sie selbst hat sich übrigens nur Mausi genannt.“

„Mausi?“

„Ja, wenn sie mir schrieb oder mich anrief, dann verabschiedete sie sich mit Mausi.“

„Verstehe. Sie sind Kater und Ela ist Mausi.“

„Haben Sie ein Foto von Ela dabei, auf dem sie ein wenig natürlicher aussieht?“, fragte Maikötter.

Der Mann dachte nach.

„Ela achtet immer sehr auf ihr äußeres. Sie sitzt immer gern vor dem Spiegel und schaut sich an. Sie mag es, wenn die Männer ihr hinterherblicken. Ela sah eigentlich nie natürlich aus. Sie ist aus Brenken.“

„Wenn ich sie finden soll“, sagte Maikötter, „dann muss ich ein Bild haben, auf dem sie jeder erkennen kann.“

„Das Foto haben Sie in der Hand.“

Der Mann stand mit einem Ruck auf. Er schaute zurück auf den Sessel, der sich dabei nicht bewegt hatte. Er streckte Maikötter seine Hand entgegen.

„Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt“, sagte er mit einem scheuen Lächeln. „Mein Name ist Wiromba, Uwe Wiromba, ich habe ein Geschäft für Schmuck und Uhren. Ich bin Goldschmiedemeister.“

Aha, dachte Maikötter, Wiromba, ein guter Name ist köstlicher als Reichtum. Und Gunst ist besser als Silber und Gold. Reich und arm begegnen einander, sie sind alle das Werk des Herrn. Wiromba setzte sich eine randlose Brille auf, als würde man ihn so besser erkennen können.

Maikötter nickte. Er kannte den Schmuck- und Uhrenladen von Wiromba. Er fuhr manchmal in den Südring, einem Einkaufscenter am Rande der Stadt. Dort hatten sich viele Ketten breitgemacht und boten auch kleineren Geschäftsleuten Flächen an, auf denen diese ihr Sortiment ausbreiten konnten. In der Kellerebene, wo auch die Toiletten und die Kinderwickelräume waren, neben einer türkischen Änderungsschneiderei, einem Bilderrahmer, einem Friseur und einer Imbisskette, befand sich das Geschäft von Wiromba.

„Haben Sie nicht auch den Pfauenwedel, der dem Liborischrein vorangetragen wird, restauriert?“

Wiromba war beeindruckt.

„Das wissen Sie noch? Ich habe tatsächlich Anfang der Neunziger alle Pfauenfedern komplett ausgetauscht. Ursprünglich waren die Federn von Großbauern aus dem Bistum gestiftet worden. Heute gibt es in Deutschland kaum noch Pfauen. Die Federn waren schwer zu bekommen. Ich habe sie letztlich aus Japan importieren müssen.“

„Und was ist mit Herrn Weyher aus dem Haxtergrund?“, fragte Deckel. „Der hat doch auch Pfauen in seinem Wildgehege?“

„Soll das ein Witz sein“, sagte Wiromba aufgebracht. „Wir reden hier von 600 Pfauenfedern und die kriegt man nicht so schnell zusammen.“

„Wenn man Herrn Weyher früh genug informiert hätte, dann bin ich sicher, dass er diese Federmenge zusammenbekommen hätte. Es wäre doch schön gewesen, wenn der Pfauenwedel von Paderborner Pfauen gestaltet worden wäre.“

Maikötter räusperte sich laut. Er wollte dieses Thema abschließen, weil es ihm wichtiger war, mehr über Ela Hanke zu erfahren.

„Erzählen Sie mir noch was über das Verschwinden Ihrer Lebensgefährtin“, sagte er.

„Es muss sich alles um ein Missverständnis handeln“, sagte Wiromba schließlich. „Meine Lebensgefährtin ist zwar verschwunden, aber sie meldet sich auch bei mir.“

Maikötter und Deckel schauten sich an.

„Das Ganze ist nämlich so“, sagte Wiromba und überlegte, ob er sich noch mal setzen sollte. „Meine Lebensgefährtin ist am Neujahrstag verschwunden und war dann weg. Sie spricht mir aber auch auf den Anrufbeantworter und sagt, dass es ihr gut geht. Sie hat mir sogar eine Karte geschrieben und bittet um Geduld.“

„Ihre Geduld ist aber am Ende?“, fragte Deckel unnötigerweise.

Der Mann schaute Deckel an, als hätte er gefragt, ob er gerne in einer Großstadt leben würde.

„Ich liebe meine Lebensgefährtin. Ich kann ohne sie nicht mehr leben. Ela ist mein einziger Lebensinhalt. Natürlich schlafe ich nicht. Ich schlafe schon seit Wochen nicht mehr. Das ist nicht gut. Ich brauche in meinem Beruf eine ruhige Hand.“

„Hatten Sie Streit?“, fragte Maikötter. Er hatte sich nun doch einen Bleistift aus der obersten Schublade geholt und schrieb „Ela“ auf die großen Din-A3 Blätter, die auf dem Tisch lagen.

„Ich habe Ihnen die Postkarte mitgebracht. Wollen Sie sie sehen?“, fragte der Mann. „Ich vermisse sie so. Wir haben noch Silvester zusammen gefeiert. Ich hatte sogar Feuerwerkskörper gekauft, um ihr ein wenig Freude zu machen. Ich selbst mache mir nichts aus dieser Knallerei. Als ich am 1. Januar wach wurde und in ihr Zimmer schaute, war das Bett unberührt und Ela verschwunden.“

„Heute ist der 5. Januar“, sagte Maikötter, „da haben Sie sich aber viel Zeit gelassen.“

Der Mann trank nun doch von dem inzwischen kalt gewordenen Kaffee, als wollte er damit seine Erregung überspielen. Er schlürfte.

Maikötter hörte im Innenhof seines Hauses ein Geräusch. Ein Mann fegte sein Wagendach vom Schnee frei. Es sah aus, als würde er mit dem Besen Billard spielen.

„Ich hatte mir erst am Wochenende große Sorgen gemacht. Es kam öfters vor, dass sie ihren Freiheitsdrang ausleben musste.“

„Hatten Sie Streit?“, fragte Maikötter erneut.

Der Mann schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es nicht“, schrie er. „Wie gesagt. Wir hatten Alkohol getrunken. Punsch.

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