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Miese Geschäfte

Marlene Rowleys Forderungen sind klar: Spenser soll ihren Ehemann in flagranti beim Fremdgehen erwischen. Nichts leichter als das! Doch als Trent Rowley, einer der Geschäftsführer des Energiekonzerns Kinergy, tot in seinem Büro gefunden wird, beginnt Spenser sich auch für die Bilanzen des Energieriesen zu interessieren. Ist bei Kinergy wirklich alles so sauber und solide wie es scheint? Je tiefer Spenser in den Sumpf eindringt, desto mehr Leute scheinen ein Interesse daran zu haben, ihn an weiteren Nachforschungen zu hindern. Ein Grund mehr für Spenser an dem Fall dranzubleiben.

Robert B. Parker wurde 1932 geboren. Nach seinem M.A. in amerikanischer Literatur promovierte er 1971 über die „Schwarze Serie“ in der amerikanischen Kriminalliteratur. Seit seinem Debüt „Spenser und das gestohlene Manuskript“ im Jahr 1973 sind fast 40 Spenser-Krimis erschienen. 1976 wurde Parkers Roman „Auf eigene Rechnung“ von der Vereinigung amerikanischer Krimi-Autoren mit dem „Edgar Allan Poe Award“ als bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet. Robert B. Parker verstarb 2010.

Infos zum Autor unter www.robertbparker.de

Robert B. Parker

Miese Geschäfte

Ein Auftrag für Spenser

Übersetzt von Marcel Keller

PENDRAGON

1

„Erledigen Sie auch Scheidungssachen?“, fragte die Frau.

„Mach ich“, sagte ich.

„Sind Sie gut?“

„Bin ich.“

„Ich will keine Wahrscheinlichkeiten oder Vermutungen. Ich brauche Beweise, die vor Gericht standhalten.“

„Das ist nicht meine Sache“, sagte ich. „Das ist Sache der Beweise.“

Sie saß schweigend in meinem Besuchersessel und dachte darüber nach.

„Sie wollen sagen, Sie werden keine Beweise frisieren“, sagte sie.

„Genau.“

„Das brauchen Sie auch nicht. Der Hurensohn kann seinen Schwanz nicht mal einen Tag lang in der Hose behalten.“

„Muss ziemlich merkwürdig sein, wenn man auswärts essen geht.“

Sie ignorierte meine Bemerkung. War ich gewohnt. Ich hielt mich für sehr unterhaltsam.

„Kein Mensch würde glauben, dass mich ein Mann betrügen könnte. Ich meine, sehen Sie mich an.“

„Nicht zu glauben.“

„Meine Anwälte sagen, Sie seien zu teuer, aber Sie seien es wahrscheinlich wert.“

„Dasselbe könnte man über Susan Silverman sagen.“

Sie runzelte die Stirn.

„Wer zum Teufel ist Susan Silverman?“, fragte sie.

„Die Frau meiner Träume.“

Noch ein Stirnrunzeln. Dann: „Oh, ich verstehe. Sie halten sich für ein ganz schlaues Kerlchen.

„Liegt in meiner Natur.“

„In meiner nicht“, sagte sie. „Wollen Sie den Job?“

„Sicher.“

„Meine Anwälte verlangen eine detailgenaue Abrechnung“, sagte sie.

„Darauf möchte ich wetten“, sagte ich.

Sie sah gut aus, auf eine etwas altmodische Art. Fraulich. Aus der Zeit vor den Personal Trainern und dem ganzen Stepperkram. Wie die Frauen im Life-Magazin, als wir alle noch sehr viel jünger waren. Ein weißes Tupfenkleid mit schmaler Taille und ein großer Strohhut mit Tupfenband hätten ihr gut gestanden. Jetzt trug sie natürlich einen beigen Hosenanzug und Perlen. Ihr rötliches Haar war lang und sorgfältig mit Haarspray bearbeitet. Es umgab ihr Gesicht wie der Heiligenschein auf mittelalterlichen Kirchenbildern. Ihr Mund war schmal und ihre Augen klein. Ich stellte mir vor, sie zu betrügen.

„Ich werde von Frampton und Keyes vertreten“, sagte sie. „Sie kennen die Kanzlei?“

„Nein.“

„Alles Weitere wickeln Sie über sie ab. Ihr Ansprechpartner ist Randy Frampton.“

„Warum haben Sie mich nicht durch die Kanzlei engagieren lassen?“, fragte ich.

„ Ich lasse nie andere für mich urteilen. Ich wollte Ihnen in die Augen sehen.“

Ich nickte.

„Haben Sie Bilder von Ihrem Mann?“, fragte ich. „Namen möglicher Liebhaberinnen? Adressen? Oder dergleichen?“

„Bekommen Sie alles von Randy.“

„Und einen Vorschuss?“

„Auch darum wird Randy sich kümmern.“

„Gut für Randy“, sagte ich. „Wird er mir auch Ihren Namen verraten?“

„Den möchte ich zunächst einmal geheim halten“, sagte sie. „Es handelt sich um eine sehr delikate Situation.“

Ich lächelte.

„Was glauben Sie, wie lange es dauern wird“, sagte ich, „bis ich Ihren Namen kenne, wenn ich weiß, wer Ihr Mann ist?“

„Ich …“

Ich zeigte ihr mein Sonniges-Gemüt-Lächeln. Ich könnte die Polkappen mit meinem Sonnigen-Gemüt-Lächeln zum Schmelzen bringen. Bei ihr zeigte es nicht die geringste Wirkung.

„Marlene“, sagte sie. „Marlene Rowley. Mein Mann ist Trenton Rowley.“

„Angenehm, Spenser.“

„Ich kenne Ihren Namen. Was glauben Sie, wie ich sonst hergefunden hätte?“

„Ich dachte, Sie haben im Telefonbuch unter ‚attraktiv‘ nachgeschaut. Und haben ein Bild von mir gefunden.“

Zum ersten Mal an diesem Morgen lächelte sie.

„Kann sein“, sagte sie, „dass Sie auf eine raue Art durchaus ein wenig attraktiv sind.“

„Hart, aber herzlich.“

„Möglich. Sprechen Sie mit Randy?“

„Sofort“, sagte ich.

2

Frampton und Keyes hatten ihre Büros im oberen Stockwerk eines zweigeschossigen Gebäudes downtown in Beverly. Es war eines dieser vor dem Zweiten Weltkrieg errichteten riesigen Ziegelbauten, als die meisten größeren Städte noch eigenständige Wesen waren, und nicht nur Vororte von Boston. Es gab weniger Platz als in den großen Kanzleien in Boston. Mehr kleine Büros, aber keine Großraumbüros. Im Empfangsbereich gab es ein meterlanges Modell eines Clippers. An den Wänden hingen Gemälde von Schiffen. Die Magazine auf dem kleinen Lesetisch widmeten sich Golf und Segeln. Hinter dem Empfangstresen saß eine junge Frau mit großem Busen und kleinem Sweater, die sich wahrscheinlich nicht für Golf und Segeln interessierte. Sie lächelte mich glücklich an, als ich hereinkam. Ich nahm an, dass sie die meisten Männer glücklich anlächelte.

„Mein Name ist Spenser“, sagte ich. „Ich möchte zu Randy Frampton.“

„In welcher Angelegenheit?“

„Ich versuche herauszufinden, ob ‚Randy‘ ein Adjektiv oder sein Vorname ist.“

Sie sah mich an und zog die Brauen für etwa eine Minute hoch, um dann breit zu grinsen.

„Definitiv sein Vorname, Mr. Spenser. Gibt es noch einen anderen Grund, aus welchem Sie Mr. Frampton zu sehen wünschen?“

„Sagen Sie ihm, Marlene Rowley schickt mich.“

„Yes Sir“, sagte sie, lächelte und schenkte mir einen lebhaften Blick.

Randy Frampton, der Geschäftsführer, hatte ein Eckbüro. Randy war nicht sehr groß. Sein Gewicht verhielt sich umgekehrt proportional zu seiner Größe. Er hatte graues Haar, das einen Schnitt vertragen könnte. Sein dunkelblauer Anzug war schlecht gebügelt und nicht viel besser als der, den ich besaß. Er trug eine gelbe Seidenkrawatte und ein weißes Baumwollhemd, bei dem eine Kragenspitze leicht schief saß. Weil er hinter seinem Tisch saß, konnte ich seine Schuhe nicht sehen, aber ich nahm an, dass sie nicht poliert waren.

„Sie hat also beschlossen, Sie zu engagieren“, sagte Frampton.

„Wer würde das nicht tun?“, antwortete ich.

Frampton seufzte ein wenig.

„Marlene ist manchmal etwas launisch“, sagte er. „Hat sie Ihnen gesagt, dass alles über diese Kanzlei abgewickelt wird?“

„Das hat sie. Aber ich bin nicht sicher, ob sie es auch so gemeint hat.“

Frampton lächelte amüsiert.

„Das klingt nach Marlene“, sagte er. „Aber ich meine es so. Sie und ich müssen auf dem selben Stand sein.“

„Sie hat auf jeden Fall deutlich gemacht, dass ich von Ihnen bezahlt werde“, sagte ich.

„Sie lassen uns jede Woche eine detaillierte Abrechnung Ihrer Unkosten zukommen und wir zahlen diese wöchentlich. Wenn Ihre Arbeit abgeschlossen ist, schicken Sie Ihre Endabrechnung. Sprechen wir über Ihr Honorar?“

Ich nannte ihm mein Honorar. Er schüttelte den Kopf.

„Tut mir leid, aber das übersteigt unseren Kostenrahmen.“

„Mit Sicherheit.“

„Wir müssen das ein wenig anpassen.“

„Sicher nicht.“

„Sie wollen uns nicht entgegenkommen?“

„Nein.“

„Dann können wir leider nicht ins Geschäft kommen.“

„Okay“, sagte ich und stand auf. „Wer sagt es Marlene, Sie oder ich?“

„Das war’s?“, fragte Frampton. „Keine Verhandlung? Nichts?“

„Marlene macht mir nicht den Eindruck, als würde es Spaß machen, für sie zu arbeiten“, antwortete ich.

„Sie wollen Spaß?“

„Spaß oder Geld“, sagte ich.

Frampton sank in seinen Sessel zurück, drehte mir den Rücken zu und schaute aus dem Fenster.

„Sie wissen, dass Sie mich in der Hand haben“, sagte er.

„Weiß ich.“

„Sie wissen, dass ich Marlene nicht erzählen kann, dass wir Sie nicht engagiert haben.“

„Weiß ich.“

„Brauchen Sie einen Vertrag?“

„Ein Handschlag tut’s auch“, sagte ich.

„Das ist leichtsinnig von Ihnen“, sagte er. „Wir sollten einen Vertrag aufsetzen.“

„Na klar“, antwortete ich. „Wollte nur sehen, wie Sie reagieren.“

Frampton sah mich nachdenklich an.

„Sie sind ein wenig speziell, nicht wahr?“, sagte er.

Alle hier möglichen Antworten schienen mir blöd zu sein, also sagte ich gar nichts.

„Wir entwerfen einen Vertrag und den können Sie Ihrem Anwalt dann zur Durchsicht geben“, fuhr Frampton fort.

„Okay.“

„Können Sie sofort anfangen?“

„Sicher.“

„Ausgezeichnet“, sagte er. „Was wissen Sie?“

„Marlene möchte, dass ich ihren Mann beim Fremdgehen erwische.“

„Was sonst noch?“

„Nichts.“

„Was brauchen Sie sonst noch an Informationen?“

„Den Namen des Ehemannes; seine Privat- und Geschäftsadresse; ein paar unterschiedliche Fotos von ihm; eine Typbeschreibung seines Wagens, sein Kennzeichen. Und vielleicht noch Ihre Meinung zu Marlenes Verdächtigungen.“

Er langte in einen Aktenschrank, fischte einen großen braunen Umschlag heraus und warf ihn vor mir auf seinen Schreibtisch.

„Bilder von Trenton Rowley“, sagte er. „Er ist siebenundvierzig. Trent und Marlene leben hier, in Manchester. Die Adresse ist im Umschlag, ebenso die Geschäftsadresse. Er besitzt verschiedene Wagen, Marken sind mir nicht bekannt. Ebensowenig seine Nummernschilder.

Er arbeitet irgendwo draußen an der Totten Pond Road in Waldham. Die Firma heißt Kinergy. Die haben sogar ein eigenes Gebäude.“

„Kinergy?“, fragte ich.

Frampton zuckte mit den Achseln.

„Keine Ahnung, was das bedeutet“, sagte er.

„Was machen die?“

„Handeln irgendwie mit Energie.“

„Was aber nicht bedeutet, dass sie ein Kraftwerk unterhalten.“

„Nein. Das sind Händler, Makler. Sie kaufen und verkaufen Strom.“

„Schau mal an“, sagte ich. „Genau wie der Gesetzgeber.“

Frampton lächelte ein wenig.

„Kinergy ist ein wahnsinnig erfolgreiches Unternehmen“, sagte er.

„Und was macht er dort?“

„Er ist der Chief Financial Officer.“

„Mr. Rowley ist wohlhabend?“

„Jawohl. Und er hat’ne Menge Einfluss.“

„Du lieber Himmel“, sagte ich. „Vertretet Ihr Jungs den auch?“

„Oh Gott, nein. Wir können schließlich nicht beide Seiten bei einer Scheidung vertreten, und selbst wenn wir könnten, nein, nein. Die Firma wickelt alles über Cone, Oakes und Baldwin ab. Ich nehme an, dass die auch Rowley vertreten.“

„Was ist mit dem letzten Teil meiner Frage?“

„Was ich von der Sache halte?“

Ich nickte.

„Trent Rowley hat immer schon alles bekommen, was er wollte. Er hat Marlene immer alles gegeben, was sie wollte.“

„Sie denken also, er betrügt sie?“

„Ich weiß es nicht. Wenn er es wollte, würde er es auch tun.“

„Hat Marlene irgendwelche Beweise?“

„Ich weiß es nicht. Sie sagt, sie weiß, dass er sie betrügt. Aber sie hat dieser Anschuldigung nichts Substantielles hinzuzufügen.“

„Hat sie überhaupt viel Substanz?“

„In diesem Fall?“

„In überhaupt jedem Fall.“

Frampton schüttelte langsam den Kopf.

„Marlene ist unsere Klientin“, sagte er. „Es gehört sich nicht für einen Anwalt, die persönlichen Eigenarten seiner Klientin zu erörtern.“

„Du lieber Himmel, Integrität?“

„Trifft man an den unwahrscheinlichsten Orten“, antwortete Frampton. „Manchmal sogar in Anwaltsbüros.“

„Das gibt mir Hoffnung“, sagte ich.

3

Ich lud Rita Fiore zum Dinner im Federalist ein. Rita war Anwältin für Kriminalfälle bei Cone, Oakes. Aber ich kannte sie schon seit ihrer Zeit als Ausbilderin in Norfolk County, und auf eine gesunde, platonische Art mochten wir uns.

„Wie geht’s deinem Liebesleben?“, fragte ich sie, nachdem wir unsere Martinis bekommen hatten.

„Es läuft“, sagte sie. „Aber immer dieselbe alte Frage – Warum gibt es so viele Arschlöcher?“

„Immer noch auf der Suche nach ‚Mr. Right‘?“

„Immer. Letztes Jahr dachte ich, ich hätte ihn gefunden. Polizeichef an der Nordküste.“

„Aber?“

„Aber er hatte ’ne Exfrau.“

„Und?“

„Kam nicht los von ihr.“

„Ach so.“

„Tja, das könnte das Fiore-Familenmotto werden.“

„Und der vorletzte ‚Mr. Right‘?“, fragte ich. „Nummer fünf, oder so?“

„Scheidung ist endgültig.“ Sie grinste mich an. „Hab’ sein Konto abgeräumt.“

„Weniger hätte ich auch nicht erwartet“, sagte ich. „Was weißt du über Trent Rowley?“

„Er ist der CFO bei Kinergy. Wir vertreten ihn.“

„Erzählst du mir von ihm?“

„Über einen Mandanten zu reden ist unethisch.“

Ich nickte. Der Kellner brachte die Karten. Wir schauten hinein und bestellten.

„Darf ich Ihnen noch einen Cocktail bringen?“, fragte der Kellner.

Rita lächelte ihn an.

„Oh, bitte“, sagte sie.

„Und Ihnen, Sir?“

„Er nimmt auch noch einen“, sagte Rita.

„Sehr gut.“

Der Kellner nahm die Karten, lächelte Rita an und verschwand.

„Unser Kellner steht auf dich“, sagte ich.

„Wow“, meinte Rita. „Endlich mal ein Kellner, der nicht schwul ist.“

„Vielleicht ist er ja ‚Mr. Right‘“, sagte ich.

„Unmöglich“, entgegnete Rita. „Erstens: ein Kellner kann mich nicht in Luxus baden. Zweitens: Wenn er scharf auf mich ist, beweist das nur, dass er ‚Mr. Wrong‘ ist.“

„Vielleicht solltest du aufhören, zu heiraten und einfach nur mit den Männern schlafen.“

„Mach ich ja auch“, entgegnete Rita. „Außer mit dir.“

„Mein Pech“, stellte ich fest. „Was ist mit Trent Rowley?“

„Was ist mit Diskretion?“

„Was ist mit diversen Martinis und Dinner?“

Der Kellner kam mit unseren zweiten Martinis. Rita nippte genüsslich an dem ihren.

„Denkst du etwa, du kannst mich mit ein paar Martinis und chilenischem Wolfsbarsch bestechen?“, fragte sie.

„Genau.“

Unsere Salate kamen. Rita nahm ein Salatblatt zwischen die Finger und knabberte daran. Die einzige andere mir bekannte Person, die mit den Fingern essen und dabei elegant aussehen konnte, war Susan.

„Warum willst du was über ihn wissen?“, fragte Rita. „Warum erwischst du ihn nicht einfach in flagranti, erzählst es seinem Frauchen, kassierst dein Honorar und stehst als Zeuge bei der Gerichtsverhandlung zur Verfügung?“

„Guter Vorwand, mit dir essen zu gehen, Schatz.“

„Als ob du einen Vorwand bräuchtest.“

„Ich weiß gern genau, womit ich es zu tun habe. Und wir waren lange nicht mehr zusammen essen. Schien mir eine wunderbare Synergie zu sein.“

„Du musst immer alles wissen“, sagte Rita.

„Wissen ist Macht“, antwortete ich.

Rita trank noch etwas von ihrem Martini. Ihr grünschimmernder Blick wurde ein wenig weicher. Das wurde er immer, wenn sie trank. Sie hatte dichtes rotes Haar und tolle Beine, und war schlauer als Bill Gates.

„Wir haben eine ganze Abteilung, die sich um Kinergy kümmert“, sagte Rita. „Ich habe mit dem Vorstand, Tom Clark, gesprochen. Er sagt, außerhalb der Geschäftszeit gibt es nichts über Rowley zu wissen. Rowley kommt früh zur Arbeit, arbeitet bis spät in die Nacht und, soweit Tom weiß, führt er daneben kein anderes Leben.“

„Klingt für mich nicht nach ‚Mr. Right‘“, stellte ich fest.

„Anscheinend denkt Mrs. Rowley dasselbe.“

Ich zuckte die Schultern.

„Vielleicht will sie raus aus der Ehe“, sagte ich. „Aber sie will die Hälfte von allem.“

„Den Versuch kann man keinem Mädchen zum Vorwurf machen“, sagte Rita. „Bei meiner letzten Scheidung habe ich mich allerdings nicht mit der Hälfte zufrieden gegeben.“

„Marlene hat vielleicht weniger Erfahrung als du“, sagte ich.

„Marlene?“, kicherte Rita.

„Jemand namens Rita macht sich über den Namen Marlene lustig?“

„So oft krieg’ ich nicht die Chance.“

Die Salatteller verschwanden. Die Entrees kamen. Der Kellner entnahm dem Eiskühler eine Flasche Sauvignon Blanc und ließ Rita probieren. Sie sagte, er sei trinkbar und er goß jedem von uns beiden ein.

„Er ist also ein Volltreffer?“

„Darauf kannst du wetten. Kinergy ist eine einzige große Geldmaschine.“

„Nur mit Energiehandel?“

„Und ob. Dir geht zum Beispiel der Strom in deinem Verteilernetz aus, sie kaufen welchen woanders, leiten ihn zu dir um und berechnen dir dafür ein Vermögen. Wie die Stromausfälle in Kalifornien vor ein paar Jahren.“

„So einfach ist das?“

„Weißt du, die meisten Geschäfte sind im Grunde einfach. American Airlines fliegt dich von Boston nach L.A. Das ist ihr Service. Das Komplizierte daran ist, das mit Profit zu machen.“

„Können sie den Markt manipulieren?“

„Möglich.“

„Tun sie’s?“

„Möglich. Tom erkennt kaum das Böse in einem Kunden“, sagte Rita, „und reden darüber will er noch weniger.“

„Lästert er nicht über Kunden?“

„Nicht mit mir“, antwortete Rita. „Nicht über unsere Kunden. Er schwört, es gäbe über Rowley keinen Tratsch.“

„Glaubst du ihm?“

„Tom liebt die Firma. Und er will Teilhaber werden. Die Firma sagt ‚spring‘ und er fragt ‚wie hoch?‘.“

„Wenn also Rowley sagt ‚spring‘…“

„‚Wie hoch‘“, ergänzte Rita. „Können wir wieder über Sex sprechen?“

„Wäre schade, wenn wir’s nicht täten“, sagte ich.

4

Um sechs Uhr morgens trank ich einen großen Kaffee, um meine Pumpe in Gang zu bringen und fuhr den Mass Pike hinaus und südwärts auf der 128 nach Waltham. Das Kinergy-Gebäude lag direkt neben der Route 128. Es strotzte vor neumodischer Hässlichkeit: Fünf unterschiedliche Arten von Klinkern, vermischt mit schwarzem Glas und strukturiertem Beton, trug es ein Profil in verschiedenen Höhen zur Schau. Es sah aus wie Darth Vaders Landhaus.

In der Nähe des Haupteingangs gab es markierte Parkplätze: CEO, COO, CFO. Ich parkte in der Besucherreihe und wartete darauf, einen Blick auf Trent Rowley zu erhaschen, wenn er zur Arbeit anrückte. Ich war um sechs Uhr zehn auf dem Posten, gerade rechtzeitig. Um sechs Uhr fünfzehn landete ein silberner BMW Sportwagen auf dem CFO-Parkplatz und Rowley stieg aus.

Er sah genauso aus wie auf seinem Foto: starker Unterkiefer, dunkles, längeres gewelltes Haar. Kleine runde Brillengläser mit goldener Fassung. Er war frisch, sauber und gebügelt und trug einen hellen Sommeranzug, blaues Hemd und eine blassblaue Krawatte. Und roch höchstwahrscheinlich nach einem teuren Rasierwasser. Er strebte entschlossen in das noch leere Gebäude, stolz, der früheste Vogel zu sein.

Was für eine Art von Affäre kann ein Typ haben, der morgens um sechs Uhr fünfzehn zur Arbeit erscheint?

Ich lungerte dort herum, bis alle anderen auch zur Arbeit erschienen waren, ohne irgendeine Person zu sehen, die aussah, als könnte sie eine Affäre mit Rowley haben. Obwohl es, zugegebenermaßen, schwierig war, wirklich sicher zu sein. Dann notierte ich das Kennzeichen des BMW. Danach hatte ich immer noch genug Energie übrig, um zurück nach Boston zu fahren und ins Fitnessstudio zu gehen.

Gegen sechzehn Uhr, durchtrainiert und reinen Herzens, mit einer großen Dose Budweiser ausgerüstet, um meine Elektrolyten wiederaufzuladen, fuhr ich zurück zu Kinergy und wartete darauf, dass Rowley rauskam. Als er auftauchte, war es fast zwanzig Uhr. Ich dachte mit Leidenschaft an ein Sandwich und ein weiteres Bier. Ich folgte ihm auf der Route 128 in nördlicher Richtung, auf die Route 2 und auf dieser nach Cambridge. Wir fuhren den Fluß entlang zum Hyatt Hotel, wo Rowley abbog und in die Parkgarage hinter dem Hotel fuhr.

Ich überließ meinen Wagen nebst zwanzig Dollar dem Portier und trieb mich in der Halle in der Nähe der Aufzüge herum, als Rowley hereinkam. Er trug einen kleinen Handkoffer und bemerkte mich nicht, als er zum Aufzug eilte. Das Hyatt hat eine von diesen zwanzigstöckigen Portman Lobbies, in denen man seine Etage mittels eines gläsernen Aufzugs erreicht, und wo jede Zimmertür auf einen umlaufenden Balkon hinausführt, von wo man die Lobby überblicken kann. Er fuhr in den siebten Stock, stieg aus, ging nach links den halben Balkon entlang und klopfte an eine Tür. Die Tür öffnete sich und er ging rein. Ich schaute auf meine Uhr. Es war zehn vor Neun und Rowleys Abend fing erst gerade an. Ich fühlte mich alt.

Ich nahm den Aufzug in den siebten Stock und ging zu der zwölften Tür links, der, an der Rowley geklopft hatte. Nummer 717. Ich notierte die Nummer, fuhr zurück nach unten und setzte mich in die Lobby, nahe den Aufzügen, gegenüber einem kleinen Typen mit einer großen Nase. Er trug eine helle Windjacke und las Zeitung. Er war richtig beschäftigt mit seiner Zeitung. Ab und zu lächelte er oder machte ein finsteres Gesicht oder schüttelte den Kopf beim Lesen. Ich wiederum war ernsthaft beschäftigt damit, die Leute zu beobachten, die den Aufzug betraten oder verließen. In der ersten Stunde sah ich drei Frauen, die in mein Beuteschema passten, eine davon eine richtige Sehenswürdigkeit. Auf einer Skala, auf der Susan zehn Punkte verdiente, kam sie auf neun. Ich konnte das Klavier in der Cocktail Lounge hören. Gegen dreiundzwanzig Uhr fünfzehn hatte der Andrang am Aufzug nachgelassen. Ich hatte angefangen, über mein Nur-Väter-und-Söhne-Baseballteam nachzudenken. Der Kleine mit der großen Nase hatte die Zeitung endgültig aufgegeben und schien unhörbar zu pfeifen. Gehörtes Lied ist süß, doch süßer ist ein ungehörtes …

Ich war ungefähr bis Dick Sisler gekommen, als sich die Tür von Zimmer 717 öffnete und Trent Rowley mit einer Frau herauskam. Die Frau trug eine große Tasche mit Schulterriemen. Sie gingen zum Fahrstuhl und fuhren runter. Sie sah gut aus, als sie aus dem Aufzug kam. Kurzes, blondes zurückgekämmtes Haar. Schöner Körper, die Beine vielleicht ein bisschen kräftig, aber nichts, was sie disqualifiziert hätte. Die Augen waren geschminkt und ihr Lippenstift frisch gezogen. Trotzdem glaubte ich eine Art postcoitaler Trübung an ihrem Gesichtsausdruck zu bemerken. Das würde zwar vor Gericht nicht ausreichen, aber ich hatte diesen Ausdruck schon woanders gesehen. Ich irrte mich nicht. Die beiden gingen an uns vorbei Richtung Gang zur Parkgarage. Ich flitzte los, um meinen Wagen vom Portier zu bekommen. Der kleine Typ mit der Nase war direkt hinter mir. Wir guckten uns an, als der Portier unsere Schlüssel holte.

„Sie beschatten die Frau“, sagte ich.

Er grinste.

„Und Sie beschatten den Mann.“

Ich grinste.

„Und jetzt tauschen wir“, sagte ich.

Er nickte.

„Sie folgen ihr nach Hause und ich folge ihm nach Hause. Dann werden wir wissen, wer wer ist.“

„Vielleicht wär’s einfacher, unsere Informationen auszutauschen“, sagte ich.

„Nein“, antwortete der Kleine. „Das muss man schon ordentlich machen.“

Er zog eine Visitenkarte aus seiner Brusttasche.

„Aber vielleicht können wir später reden.“ Er gab mir die Karte. „Erspart Ihnen die Suche nach meiner Zulassung.“

Ich nahm seine Karte und gab ihm eine von meinen und wir beide stiegen in unsere Wagen, als Rowley aus der Parkgarage bog. Der Kleine hielt den Daumen hoch, bog hinter Rowley ab und folgte ihm. Ich machte dasselbe mit der Frau.

5

Der Kleine hieß Elmer O’Neill und auf seiner Karte stand, dass er diskrete Nachforschungen anstellte. Ich auch. Er tauchte am nächsten Morgen kurz nach mir in meinem Büro auf.

„Haben Sie Kaffee?“, fragte er.

„Wollte gerade welchen machen“, antwortete ich.

„Prima.“

Er setzte sich mit gekreuzten Beinen in einen meiner Besucherstühle, während ich Kaffee in den Filter und Wasser in den Tank füllte und die Kaffeemaschine startete.

„Ihr Name ist Spenser“, sagte er.

„Jepp.“

„Sie kennen meinen Namen.“

„Ja.“

Die Kaffeemaschine gurgelte ermutigend. Ich beförderte zwei Kaffeebecher und zwei Löffel zutage, Zucker und etwas Kaffeerahm. Elmer guckte sich mein Büro an.

„Scheint Ihnen ganz gut zu gehen“, sagte er.

„Weil ich so ein elegantes Büro habe?“, fragte ich.

„Nee, der Laden hier ist ’ne Müllhalde. Aber die Lage – muss einiges an Miete kosten.“

„Müllhalde klingt etwas hart“, warf ich ein.

Elmer machte eine Geste, als würde er eine Fliege verscheuchen.

„Deswegen sitze ich in Arlington“, sagte er. „Kostet viel weniger und ich bin trotzdem schnell in der Stadt, wenn nötig.“

Der Kaffee war fertig. Ich schenkte ein.

„Schon den Namen meines Klienten rausgefunden?“, fragte ich.

„Lebt in Manchester. Und nach unserem Gespräch kann ich sein Nummernschild checken.“

Ich nickte.

„Sein Name ist Trenton Rowley“, sagte ich. „Er ist CFO einer Firma in Waltham, namens Kinergy.“

Elmer nickte, als sagte ihm das etwas. Er parkte seine Tasse auf der Ecke meines Schreibtischs, zückte ein kleines Notizbuch und schrieb es auf.

„Wer ist die Frau?“, fragte ich.

„Ellen Eisen. Ihr Mann arbeitet auch dort.“

„Kinergy?“

„Hmmja.“

„Und sie wohnen in den neuen Ritz Eigentumswohnungen Nähe Tremont Street.“

„Und Sie hätten die Kennzeichen überprüft, wenn ich den Namen nicht gesagt hätte.“

„Mach ich vielleicht trotzdem noch.“

„Scheiße, Sie trauen mir nicht?“, fragte Elmer.

„Hat er Sie engagiert?“

„Jepp. Rowleys Frau hat Sie engagiert?“

„Hmmja.“

Elmer lehnte sich in seinem Stuhl zurück, so dass seine Beine vom Boden abhoben. Er wippte mit den Zehen.

„Nun“, sagte er, „wir wissen, dass sie ficken.“

„Wir wissen, dass sie einige Zeit miteinander in einem Hotelzimmer verbracht haben“

„Ach du Scheiße, ein Purist!“

„Sagten Sie nicht, dass man alles ordentlich machen sollte?“

„Das war, weil ich nicht wusste, ob ich Ihnen trauen konnte.“

„Wie unfreundlich. Meine Klientin will etwas Handfesteres als ein gemeinsames Hotelzimmer. Sie will ‚Alles-was-er-besitzt-der-herumvögelnde-Arsch‘.“

„Mein Typ will bloß wissen, ob sie ihn betrügt“, sagte Elmer.

„Er heißt Eisen?“

„Ja, sicher.“

„Manchmal behalten Frauen ihren, äh, vorehelichen Namen.“

„So’n neumodischer Scheiß. Der Typ heißt Bernard Eisen. Er ist der Chief Operating Officer bei, wie hieß das noch, Kinergy.“

„Die Welt ist klein.“

„Wir sollten es unseren Klienten sagen.“

„Ich hätte gern, dass sie noch ein bisschen tiefer graben“, sagte ich.

Er trank noch ein wenig von seinem Kaffee.

„Bloß weil Ihr Kunde mehr will als meiner.“

„Richtig. Aber wenn Sie’s ihrem Kunden jetzt sagen, kriege ich wahrscheinlich nicht, was meiner will.“

„Und meinem Kunden genügt, was ich derzeit habe.“

„Ein ethisches Dilemma“, sagte ich.

Elmer runzelte ein wenig die Stirn.

„Von solchen gibt’s nicht mehr viele. Haben Sie noch Kaffee?“

Ich schenkte ihm eine weitere Tasse ein. Er nahm eine Menge Zucker und Rahm und rührte langsam um.

„Es gibt noch was“, sagte er.

„Na, zwei Tassen Kaffee sollten mir wenigstens etwas einbringen.“

Er grinste.

„Es scheint, dass jemand auch Mrs. Rowley beschattet.“

6

Susan und ich saßen auf einem gemauerten Pier am Strand von Kennebunkport, schauten auf den Ozean und aßen Lunch aus einem Picknickkorb.

„Also“, sagte sie. „Wenn ich das richtig verstehe, spionierst du im Auftrag von Mrs. Rowley Mr. Rowley aus, der ein heimliches Verhältnis mit Mrs. Eisen hat, die wiederum von Elmer O’Neill im Auftrag von Mr. Eisen ausspioniert wird.“

„Exakt.“

Susan hatte ein Lobster Club Sandwich, welches sie aß, indem sie die zwei Brotscheiben auseinanderklappte und sämtliche verschiedenen Komponenten des Sandwichs einzeln verspeiste, langsam und in sehr kleinen Happen.

„Und nach ihrem Rendezvous bist du, um sie zu identifizieren, Mrs. Eisen nach Hause gefolgt …“

„Bis zum neuen Ritz.“

Sie aß ein Stückchen Schinkenspeck von ihrem Sandwich. Ich hatte ein Pastrami-Roggen-Sandwich, welches ich auf die konventionelle Art aß.

„Und Mr. O’Neill hat Mr. Rowley bis nach Hause verfolgt.“

„Ja.“

„Und hat jemanden getroffen, der Mrs. Rowley beschattet.“

„Ja.“

„Wie scheußlich.“

„Scheußlich?“

„Ein ganzer Schwarm Privatdetektive“, sagte sie. „Du vermutest, dass Mr. Rowley seinerseits versucht, Mrs. Rowley zu erwischen?“

„Genau.“

Susan aß ein Salatblättchen. Ein Fischerboot tuckerte in Richtung des Flusses hinter uns, am Steuer ein Junge. Daneben stand ein Mann. Wir sahen zu, als sie vorbeifuhren.

„Ein richtiger Rudelbums“, sagte Susan.

„Alle Achtung, ihr Seelenklempner habt schon eine ganz spezielle Fachterminologie, oder?“

„Da kannst du deinen Arsch drauf verwetten. Kennst du die Identität des dritten Schnüfflers?“

„Nein. Elmer hat das Nummernschild nicht erkannt.“

Ich aß meine halbe saure Gurke und schaute auf das dunkle Wasser, das gegen die großen Granitblöcke unter uns klatschte.

„Selbstverständlich ändert nichts davon etwas an deinem Auftrag“, sagte Susan.

„Selbstverständlich.“

„Erledige einfach deinen Auftrag, kassier dein Honorar und mach dich vom Acker.“

„Jepp.“

Die unaufhörliche Bewegung des Wassers schien mich hinauszuziehen, hinaus auf ein immer größeres Meer, bis ich die beinahe ewige Gegenwart des Ozeans jenseits des Horizonts spüren konnte.

„Aber das wirst du nicht tun“, sagte Susan.

„Werde ich nicht?“

„Nein.“

Wir hatten ein paar Flaschen Riesling dabei. Ich schenkte uns etwas Wein ein.

„‚Ein Krug voll Wein, Becher von Plastik und, Schöne, du‘“, rezitierte ich.

„Du musst herausbekommen, ob Mr. Rowley jemanden engagiert hat, um Mrs. Rowley zu beschatten und wenn ja, warum?“

„Muss ich?“

„Ja.“

„Und warum?“

„Weil du so gestrickt bist. Wenn du etwas anfängst, kannst du nicht aufhören, bis du es völlig durchschaut hast“, sagte Susan. „Deine Vorstellungskraft lässt die Sache nicht los, bis du sie, ob du’s willst oder nicht, in jede erdenkbare Richtung gedreht und gewendet hast, um zu erkennen, woraus sie besteht.“

„Wie lautet die Diagnose?“

„In meinem Beruf nennt man das ‚idiopathisch‘.“

„Das heißt, es gibt keine Erklärung dafür.“

„Im Grunde ja. Es bedeutet einfach, dass du so bist.“

„Bist du sicher?“

„Ja.“

„Weil du mich so gut kennst?“

Sie lächelte. „Ja.“

„Und?“

Ihr Lächeln wurde breiter.

„Weil ich auch so bin.“

„Deswegen bist du auf deinem Gebiet so gut.“

„Wir sind beide gut“, lächelte Susan. „Spürhunde der Wahrheit.“

„Wuff“, sagte ich.

Wir saßen da, die Schultern aneinander gelehnt, mit dem Rücken zum Festland, aßen unser Mittagessen, tranken unseren Wein und spürten den Sog der unerbittlichen Bewegung des Ozeans.

„Gehen wir zurück zum ‚White Barn‘ und machen ein Nickerchen?“, fragte ich. „Und danach ein Sprung in den Pool und dann Cocktails und Dinner?“

„Ist ‚Nickerchen‘ ein Euphemismus für etwas anderes, ein wenig aktiveres?“

„Die beiden schließen sich nicht grundsätzlich aus“, sagte ich.

„Nein“, antwortete Susan. „Aber sie sollten nicht zeitgleich stattfinden.“

Was auch nicht passierte.

7

„Es läuft wie folgt“, sagte ich zu Elmer. „Sie bleiben an Ellen Eisen dran und sagen mir Bescheid, wenn sie meinen Typen wieder trifft, und ich schaue, ob ich herausbekomme, wer Mrs. Rowley überwacht.“

„Was kümmert Sie, wer Mrs. Rowley überwacht?“

„Das ist idiopathisch.“

„Sicher, ich wüsste nur gerne, was für mich dabei herausspringt.“

„Ich bin Ihnen was schuldig.“

„Wenn das, was Sie rausbekommen, Ihnen was einbringt, kriege ich die Hälfte davon.“

„Sicher.“

„Kann ich Ihnen vertrauen?“

„Sicher.“

Er musterte mich einige Zeit lang. Seine kleinen dunklen Augen waren ein wenig oval, als ob vor langer Zeit einer der O’Neills vielleicht Asiate gewesen wäre. Schließlich nickte er langsam, wie zu sich selbst.

„Ja, Sie halten Ihr Wort.“

„Woher wissen Sie das?“

„Ich weiß es“, sagte Elmer. „Wir bleiben in Verbindung.“

Er stand auf und ging Richtung Tür. Er stolzierte ein wenig. Wenn er größer gewesen wäre, wäre es ein größeres Stolzieren gewesen. Pearl the Wonder Dog II erhob sich auf der Bürocouch und starrte Elmer an, als er vorbeiging. Sie knurrte nicht, aber sie wedelte auch nicht mit dem Schwanz.

„Der verdammte Hund mag mich nicht“, sagte er.

„Sie ist bloß vorsichtig. Ist noch nicht lange bei uns.“

„’Ne Art Dobermann?“

„Ein Deutsch Kurzhaar Pointer.“

„Ist dasselbe.“

Ich ging rüber zur Couch, setzte mich zu Pearl und sie streckte den Hals, um mich abzuschlecken.

„Das ist deine Chance“, sagte ich zu ihr. „Mach ihn fertig.“

Nachdem Elmer abgehauen war, saßen Pearl und ich noch eine Weile auf dem Sofa, bis ich sicher war, dass er ihre Gefühle nicht verletzt hatte. Dann nahm ich sie mit zu Susan nach Hause. Susan hatte noch Patienten im ersten Stock. Pearl rannte in den zweiten Stock, wo Susan wohnte. Als ich die Tür öffnete, raste sie in Susans Schlafzimmer, sprang aufs Bett, stürzte sich auf eines der Kissen und beutelte es heftig. Ihr Selbstbewusstsein schien intakt zu sein. Ich gab ihr einen Keks, schaute, dass Wasser für sie da war, hinterließ eine Notiz für Susan auf dem Tisch im Eingangsbereich und fuhr nach Manchester.

8

Das Haus der Rowleys lag ein gutes Stück von der Straße entfernt auf einem Eckgrundstück, und war so groß und teuer und hässlich wie alles nördlich von Boston. Postmodern, hatte der Architekt vermutlich gesagt. Im Stil des einundzwanzigsten Jahrhunderts, ohne die Werte der Vergangenheit zu opfern, hatte er vermutlich gesagt. Mir kam es vor, wie ein Haus, das von einem Komitee zusammengestellt worden war. Es gab Dachgauben und Säulen und Nischen, und Spitzbögen und Vordächer und Rundbogenfenster und eine Dachsilhouette, die so rauf und runter ging wie mein Einkommen.

Im Vorgarten gab es weder Blumen, noch Sträucher oder Bäume. Nur eine große, dumme, billige Rasenfläche, die kürzlich erst gemäht worden war und von einem asphaltierten Einfahrtsweg durchschnitten wurde, der zu einem Wendeplatz vor der Garage führte. Es machte den Eindruck, als sei ihnen das Geld ausgegangen, nachdem das Haus fertig gebaut war. Alles war weißer als weiß gestrichen. Mit irgendwie grauen Fensterläden. Alles mächtig originell.

Ich parkte um die Ecke in einer Seitenstraße, von wo aus ich die Einfahrt der Rowleys zwischen den Bäumen entlang der Straße gut sehen konnte. Ich hörte mir meine neu gekaufte Gerry-Mulligan/Chet-Baker-CD an. Ich sang ein bisschen mit Chet. They’re writing songs of love, but not for me. Dann hörte ich Lee Wiley und Bobby Hackett. Um sechzehn Uhr dreißig kam ein silberner Lexus SUV die Straße hinunter und bog in die Einfahrt ein. Er hielt am Ende des Weges und Marlene, die eine blassrosa Kleiderhülle trug, stieg aus. Ein dunkelbrauner Chevy Sedan kam aus der selben Richtung wie Marlene die Straße hinunter und bog in meine Seitenstraße ein. Der Fahrer beobachtete mich wachsam, während er vorbeifuhr. Ich las sein Kennzeichen in meinem Rückspiegel, ein Trick, mit dem ich die Leute immer beeindrucken konnte, und schrieb die Nummer auf. Ungefähr nach 45 Metern wendete der Wagen und stellte sich hinter mich.

Da saßen wir. Ich hörte mir was von Dean Martin an. Ich war immer der Meinung, dass er meine Stimme hatte. Susan sagte immer, das sei nicht so. Einige Stare und ein Meisenpärchen bearbeiteten den Rasen vor dem Haus der Rowleys. Ich drehte Dean leiser, rief Frank Belson von meinem Autotelefon aus an und wurde fast fünf Minuten lang quer durch die Mordkommission hin und her verbunden, bis ich ihn an der Strippe hatte.

„Kannst du für mich ein Kennzeichen überprüfen?“, fragte ich.

„Na klar, freut mich, endlich mal richtige Polizeiarbeit machen zu dürfen.“

„Lass dich von den Jungs in der Registratur nicht rumschubsen“, sagte ich, gab ihm die Nummer und legte auf. In meinem Rückspiegel konnte ich den Typen hinter mir an seinem Autotelefon sehen. Ich musste lächeln. In Kürze würden wir unsere jeweiligen Namen kennen. Ich lauschte Dino noch ein bisschen und schaute den Vöglein noch ein bisschen bei ihrer Futtersuche auf dem Rasen zu, bis mich Belson zurückrief.

„Der Wagen ist auf die Templeton Group registriert, einhundert Summer Street.“

„Firmenwagen?“

„Ja, außer es läuft ein Typ namens ‚Templeton Group‘ in der Gegend rum.“

„Weißt du, was die Firma so macht?“

„Ich dachte mir schon, dass du das fragen würdest, also habe ich eine spezielle Nachforschungsmethode angewandt, die nur den Strafverfolgungsbehörden bekannt ist.“

„Du hast im Telefonbuch nachgesehen.“

„Genau. Ein Detektivbüro.“

„Na klar ist das ein Detektivbüro.“

„Du schuldest mir zwei Martinis und ein Steak.“

„Schreib’s an.“

„Da ist kein Platz mehr auf deinem Zettel“, entgegnete Belson und hängte ein.

Ich rief Rita Fiore an.

„Beschäftigen Cone, Oakes eine bestimmte Detektei?“

„Ist das alles? Nicht mal ...

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