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Mercy, die Straßenritze 9

Lumen Gasmo

Mercy, die Straßenritze 9

Im Tal der Klagen


Für Estelle


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Copyrighthinweise und Anmerkungen der Autorin

Mercy, die Straßenritze 9

"Im Tal der Klagen"

Lumen Gasmo

 

Mercy, die Straßenritze 9

"Im Tal der Klagen"

Copyright©2017 Lumen Gasmo

All rights reserved.

Text: Lumen Gasmo

Kontakt: BookRix GmbH & Co. KG

Sonnenstraße 23

D - 80331 München

E-Mail: LumenO.Gasmo@gmx.de

Facebook: Lumen Gasmo - Autorin

Cover: www.selfpubbookcovers.com/FrinaArt

 

Personen und Handlung sind von mir frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Dieses Buch ist ausschließlich für Leserinnen und Leser, die volljährig sind und keinen Anstoß an der Darstellung sexueller Handlungen und an obszönen Beschreibungen haben. Ein Teil der Handlung schildert auch Gewaltakte und Religiöses. Der komplette Inhalt meiner Romane und die Meinungen und Ansichten der Romanfiguren spiegeln nicht die Meinung und Ansicht von mir, der Autorin, wider. Alles von mir Beschriebene ist völlig fiktiv und dient nur der bloßen Unterhaltung für Erwachsene. Ich schreibe ausschließlich fantasievolle und satirisch überzeichnete Belletristik und keine Sachbücher oder Ratgeber.

Fiktive Romanfiguren können auf Kondome verzichten.

In der Realität gilt: Safer Sex!

 

Alle Rechte vorbehalten.

Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit meiner schriftlicher Genehmigung.

 

Meine E-Books sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden.

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Jeder Verstoß gegen mein Urheberrecht wird zur Anzeige gebracht und zieht

gezielt rechtliche Konsequenzen nach sich!

 

Vielen Dank für den Kauf meines Romans und gute Unterhaltung bei meinen Fantasien!

 

Lumen Gasmo, 08.05.2018

1. Kapitel, Dunkle Probleme

Im Jahre 2046, nahe den Slums einer Großstadt.

Es war ein grau bewölkter Herbsttag, mitten in Deutschland, im Herzen von New Europe.

Peter Müller war leitender Beamter der neu gegründeten Abteilung für »Kapitalverbrechen, Levelstufe acht bis zehn«. Der hagere Mittdreißiger, dessen stoppeliges Gesicht mit den dunklen Augenringen nicht gerade zu einem frisch erholten Eindruck beitrugen, biss, während er die überfüllte Umgehungsstraße entlangzuckelte, in einen zuckersüßen Donut hinein. Das mobile Teil seines Dienstkommunikators hatte ihn vor wenigen Minuten an einen Tatort befohlen. Nachdem er den Bordcomputer mit den Adressdaten bestückt hatte, hatte der Polizist auf Autopilot umgeschaltet. Laut Displayanzeige würde er das Fahrziel in vierzehn Minuten und achtzehn Sekunden erreichen.

Zeit für einen Donut und einen lauwarmen Kaffee in einem Pappbecher.

Peter Müller liebte altmodisch aufgebrühten Arabica-Kaffee, auch wenn dieser von heute eindeutig zu kalt war. Die praktischen Koffeintabletten, die seine Kollegen gerne zum Frühstück einwarfen, lehnte er konsequent ab. Nein, für Müller ging nichts über einen aromatisch echten Gourmet-Kaffee der Marke »Bendermann’s Basics«. Die Nobelmarke war sündhaft teuer, doch in seiner gehobenen Position verdiente der Familienvater nicht schlecht. Die Währungsreform nach den schlimmen Kriegen im damaligen Europa hatte ihn und fast jeden anderen Bürger finanziell getroffen. Als sich nach den Konflikten die wirtschaftliche Situation wieder stabilisiert hatte, war Müller in einen warmen Aufwind geraten.

Ja, die Neugestaltung des Kontinents hatte für den erfahrenen und erfolgreichen Polizisten durchaus seine Vorteile mit sich gebracht. Mit einem monatlichen Grundbezug von 460,--NDM (Neue Deutschmark) konnte er sich mehr leisten und gönnen, als die »Offiziellen« in den mittleren und unteren Diensträngen dies konnten.

Dafür mache ich mir auch die Hände besonders schmutzig und blutig, pflegte er im Freundeskreis gerne und oft zu sagen, wenn man ihn auf seinen überdurchschnittlichen Verdienst ansprach.

»Kapitalverbrechen der Levelstufe acht bis zehn« waren keine Standardangelegenheiten.

Der 45-jährige Mann stellte seinen leer getrunkenen Pappbecher in die Getränkehalterung hinein, als er an einer Reihe Häuserruinen, ausgebrannte Überbleibsel des letzten Krieges, vorbeifuhr. Eine Gruppe von ältlich wirkenden »Trü-Me« räumte dort gerade Steine und Geröll auf schwebende Schubkarren, die von fliegenden Hilfsdrohnen gesteuert wurden. »Trü-Me« war die offizielle Bezeichnung für diese »Trümmer-Menschen«, meist arme, aber leistungsfähige Menschen, die alles Verwertbare aus den zerstörten Gebäuden herausholten.

Peter Müller biss erneut in den Donut hinein - und ließ die »Trü-Me« einfach »Trü-Me« sein. Er hatte schließlich seinen Job zu machen und konnte seine Zeit nicht mit unnötigen Gedanken verschwenden.

Eine Viertelstunde später rollte sein knallroter Elektro-Dienstwagen summend in die Slums der dicht bebauten Zwölf-Millionen-Großstadt hinein. Hier lebten die fast Mittellosen, eingepfercht in Betonghettos. Abfall und Dreck kennzeichneten das Bild der Straßen, und Penner lungerten um brennende Blechtonnen herum, wärmten sich auf, tranken dazu billigen Absinth oder irgendein anderes häufig blind machendes alkoholisches Gesöff. Einer der Verwahrlosten sah den Polizeiwagen vorbeifahren und streckte einen Mittelfinger hoch. Im nächsten Moment kotzte der Mann etwas Breiiges an die mit Graffiti bemalte Häuserwand. Er hatte wohl zu viel getrunken.

Der Bordcomputer gab ein akustisches Signal von sich; das elektrisch betriebene Fahrzeug parkte daraufhin selbstständig ein.

Peter Müller war am Ziel: Konrad-Sachmann-Straße. Freaks hatten wohl mit einer roten Sprühdose den Namen »Sachmann« in »Sackmann« verändert und die vereinfachte Darstellung eines erigierten männlichen Geschlechtsteils hingemalt - inklusive einem extrem prallen »Sack« eben. Müller hasste die Schmierfinken. Doch die waren im Fokus der Fußstreifen, also im Wirkungsbereich der unteren Dienstränge.

Der Polizist verließ sein Auto und verriegelte die Fahrertür mit seinem rechten Daumenabdruck auf dem Fingerscanner des Türgriffs.

Vor dem tristen und mit unzähligen Rissen durchsäumten »Wohnblock Nummer sechs« parkten schon zwei Dienstfahrzeuge seiner Abteilung. Müller erkannte das Kennzeichen seines Kollegen Hannes Ruppmann, der ihm direkt unterstellt war. Das andere Fahrzeug, ein Kombi mit getönten Scheiben, gehörte zur »Forensischen Sektion«.

Einige Schaulustige diskutierten lautstark am Eingang zum Häuserblock. Als der Polizist mit seiner auf Passform geschneiderten roten Dienstuniform die verdreckten Klingelknöpfe inspizierte, sagte neben ihm eine faltige Frau, die wie ein verwildertes Großmütterchen aus einem Kindermärchen wirkte:

»Der Krepierte is’ im sechsten Stock, Wohnung sechs. Volz heißt das alte Dreckschwein!«

Peter Müller bedankte sich mit einem wortlosen Nicken und sah, dass der Alten einige Frontzähne fehlten. Ihre Hände waren mit offenen Schrunden übersät, aus denen es eitrig heraussabberte. »Den Tod hat er verdient - und die Hölle dazu!«, krächzte die Frau ihm hinterher, während der Polizist die dreckigen Stufen des Treppenhauses hinaufstieg.

Leere Flaschen und offene Müllsäcke lagen auf den Fluren der Stockwerke, und überall stank es ein wenig nach Urin oder nach schlimmeren organischen Dingen.

Eine weitere Gruppe, wahrscheinlich angrenzende Mieter des Wohnblocks, standen vor der Wohnung »Nummer sechs« und gafften durch den Türspalt.

Peter Müller drängte sich mit den scharfen Worten »Polizei, Platz machen!« durch die Leute. Wegen der offensichtlichen Uniform war die Nennung des Wortes »Polizei« nicht notwendig. Die Personen glotzten ihn aus ungepflegten, teilweise kranken Gesichtern an, und Müller bahnte sich grob seinen Weg zur Wohnungstür. Die Mieter, die ihn umringten, dünsteten mitunter entsetzlich ungewaschen, manche stanken nach hochgradiger Zahnfäule. Der Polizist hielt den Atem an, kämpfte gegen einen Würgereflex, schlüpfte rasch unter dem Polizeiabsperrband durch - und war endlich drinnen! Hier schnaufte er erstmal tief durch, obwohl die durchdringenden Gerüche in der Mietwohnung auch nicht angenehmer waren als auf dem Flur vor der Tür und im Treppenhaus.

Am Küchentisch saß ein blassgesichtiger Junge. Müller schätzte ihn auf vierzehn, vielleicht fünfzehn. Er hatte Handschellen an den Gelenken. Ihm gegenüber hockte eine Polizistin, eine brünette Frau namens Hannah Pflüger. Sie war mit dem Teenager offensichtlich in einem »Zweitgespräch«. Hannah wirkte ernst, hatte sogar ein wenig Furcht in den Augen, wie Peter Müller im Vorbeigehen feststellte. Die Kleidung des Jungen und ebenfalls seine Hände waren verdreckt, über und über mit stellenweise trockenem, teilweise noch schmierigem Blut voll.

Peter Müller nickte Hannah zu. Besorgt blickend nickte sie zurück.

Der Polizist ging weiter nach hinten, schritt in einen düsteren Flur hinein. Auf dem abgewetzten Dielenboden lag umgeben von fetten Blutspritzern ein langes Fleischermesser.

Ein Forensiker machte ein Foto. Ein Lichtblitz erhellte kurz den gesamten Flur. Neben dem blutbenetzten Messer stand ein Pappschildchen mit einer handschriftlichen Notiz »Waffe Nummer zwei«.

Müller trat an ein halbgeöffnetes Zimmer heran, aus dem Blitzlichter zuckten und männliche Stimmen zu vernehmen waren. Er vernahm Ruppmann. Sein Kollege war an Tatorten immer sehr gereizt und schnell genervt.

Es war das Schlafzimmer des Vaters. Hier roch es ebenfalls übel. Ein zweites Messer, ein kleineres als im Wohnungsflur, befand sich vor dem Bett. Ein Beamter fotografierte die Leiche. Ruppmann bemerkte Müller und kam ohne Gruß zum Eigentlichen.

»Das Opfer heiß Heinz Volz und ist der Vater des Jungen. Sein Sohn ist geständig. Er hat uns sogar selbst nach der Tat informiert! Er leistete keinen Widerstand, als wir ihm die Schellen angelegt haben. Richtig lammfromm! Die Erstvernehmung habe ich selbst erledigt. Du hast ja Hannah schon gesehen. Sie redet ein weiteres Mal mit dem Freak. Er heiß Simon.«

Freak?, dachte Peter Müller. Ja, kann man dazu sagen, wenn man diese Schlachtung hier sieht.

»Das Kid ist fünfzehn. Er hat versucht, den Kopf seines Vaters mit zwei Messern abzutrennen«, erklärte Hannes Ruppmann. »Schätzungsweise noch fünfzehn bis zwanzig Messerstiche im Brustkorb. Dieser Simon muss irre gewütet haben, selbst dann noch, als der Alte längst hin war.«

»Was haben wir für einen familiären Hintergrund?«, fragte Müller sachlich, während er das viele Blut und die leblosen Augen des Toten anstarrte.

»Die Mutter ist tot. Die starb im Krieg. Vater Volz ist ein Säufer, wie er im Buche steht. Das sagen die Nachbarn. Hat wohl auch seinen Sohn misshandelt. Die Mieter nebenan munkeln sogar von sexuellen Übergriffen. Ob der Volz pädophil war, wissen wir nicht. Wir haben keine Akte über den Mann. Keine Vorstrafen.«

Peter Müller sah seinen Kollegen an.

»Was wissen wir über den Jungen, diesen Simon? Der sieht aus, als könne er kein Wässerchen trüben, oder?«

Hannes Ruppmann lachte hässlich. Müller hasste dies, ignorierte es aber. Sein Kollege war ein guter Polizist. Nur das zählte im Augenblick.

»Stimmt«, sagte Ruppmann. »Der sieht aus wie ein Milchbubi. Aber in unserem Job haben wir schon Pferde kotzen sehen, nicht wahr? Oftmals haben die harmlos aussehenden Typen einen an der Klatsche.«

»Was haben wir noch alles? Auffälligkeiten beim Sohn?«

Ruppmann fuhr sich mit der Hand über sein akkurat gestutztes Kurzhaar.

»Wie erwähnt: Fünzehn ist er. Braver Musterschüler, obwohl er hier im Ghetto lebt. Er besucht 'ne Schule in der Inner City. Gute Noten laut Schulcomputer. Die Nachbarn sagen ihm Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit nach. Über den alten Volz hetzen sie ab. Wir haben von Simon keine Jugendakte. Auch ziemlich selten für die Ecke hier, in diesem Dreckslum!« Ruppmann fiel noch ein Detail ein: »Ach ja, der Junge scheint gläubig zu sein.«

Peter Müller wurde hellhörig.

»Hat Simon das selbst erzählt?«

»Nein, Peter, du musst dir mal seine Bude anschauen.«

Als sie in das Jugendzimmer eintraten, nahm Müller augenblicklich den Weihrauchgeruch war. Er liebte Weihrauch über alles. Simons Zimmer war - im Gegensatz zum Rest der Wohnung - ordentlich aufgeräumt und sehr sauber gehalten. Ein kleiner, selbst gebastelter Schrein stand in einer Ecke direkt neben dem schmalen Bett. Peter Müller erkannte eine Halskette mit dem Symbol der FISH, die beiden gekreuzten Schwerter. Ein großes Poster - wohl aus einer religiösen Zeitschrift - hing überlebensgroß an einer der Wände. Die Prophetin Estelle Brukner war darauf abgebildet.

»Er scheint dieser Sekte anzugehören«, raunzte Ruppmann verächtlich.

»FISH ist keine Sekte, Hannes«, erklärte Peter Müller scharf. »FISH ist eine Weltreligion.«

»Ich hab’ mit dem Blödsinn nichts am Hut«, lästerte sein Kollege.

»Ich schon«, offenbarte sich Peter Müller und entdeckte die Neuausgabe von Estelles Bibel in einem Regalfach über dem Schrein. »Meine Familie und ich sind FISH.«

»Ehrlich?«, fragte der Kollege. Die Abwertung war klar herauszuhören. »Was ist denn das für 'ne Scheißreligion, Peter? Muss ich jetzt Bammel vor dir haben? Hast du auch zwei Messer dabei?« Ruppmann verfiel wieder in sein vulgäres Lachen.

Müller war ein exzellenter Polizist und vermutete die düsteren Zusammenhänge. Nicht zuletzt, weil er gläubig war. Er ahnte, dass dieser Mord hier Wellen schlagen könnte.

Der Mann nahm sich vor, das Thema im heutigen Hauskreis, dem monatlichen Bibelkreis, mit FISH-Freunden zu diskutieren.

Die Prophetin hätte die »Heilige Schrift« niemals überarbeiten dürfen, dachte Müller, fühlte sich durch die blutigen Fakten am Tatort bestätigt. Es werden Probleme auf FISH zukommen. Dunkle Probleme. Gott, behüte uns!

2. Kapitel, Vom Flehen einer Auserwählten

»Es ist schön, dass Sie sich wieder Zeit für mich nehmen. Mittlerweile kennen Sie mich und die, die bei mir sind, recht gut. Wir befinden uns immerhin im 9. Teil meiner Geschichte. Und glauben Sie mir, meine persönliche Situation ist mehr als nur beschissen!

Betty Nothing, mein böses Alter Ego, entstanden durch den »Saft des Verderbens«, hat nun die vollständige Kontrolle über meinen Körper erlangt. Betty ist zutiefst unmoralisch und macht Sachen, die mich fürchterlich anekeln und die ich schlicht zum Kotzen finde. Widerlich! Und vergessen Sie dabei nicht, ich war eine Straßenritze und eine Gefangene in dieser verfickten »Vorhölle« bei diesem blassen Wichser, diesem »Shitface«, diesem Monokel-Arsch! »Bitch-Betty« will mein gutes Selbst dauerhaft verderben. Ein Keil soll mich trennen von denen, die mich lieben! Dunkel soll ich werden!

Betty, die hemmungslose Fotze, hat vor kurzem in einem Sexclub, dem DARK CAVE, angefangen. Und es kommt noch besser: Eingezogen ist sie in die Privatgemächer der Eigentümerin. Die nennt sich »Mistress«. Diese ahnungslose Frau hat einen Narren an der unverfrorenen Betty gefressen. Sie ficken jede freie Minute miteinander. Dummerweise stehen beide auf die »Sadomaso-Schiene«, die ich gar nicht abhaben kann! Fragen Sie nicht, wie ich das aushalte, denn ich fühle ja alles! Ich wiederhole: Ich fühle ja alles, was Betty fühlt! Ich kann nichts dagegen tun!

Besonders übel für mich wird's, wenn »Fotzen-Betty« die Peitsche schwingt und zahlungswillige Geschäftsfrauen und Geschäftsmänner der gelackten High Society durch den matschig-stinkenden »Schweinestall« im Untergeschoss des DARK CAVE johlend jagt! Sie haben kein Bild davon, wie willenlos sich hier manche gebärden! Es ist zum Fremdschämen, zu welchen sexuellen Demütigungen Menschen fähig sind! Ich sage nur: nacktes Herumwälzen in frischen Exkrementen! Na?! Ist Ihnen schon schlecht?! Es ist unfassbar, was einige Seelen für kranke Phantasien ausleben wollen, um zu einem Orgasmus zu kommen. Ihre Vorstellung reicht hierbei echt nicht aus! Hab’ ich Ihnen schon gesagt, dass in diesem Sündenpfuhl die Weiber oftmals krasser drauf sind als die Kerle? Nein?! Na, dann wissen Sie jetzt ein wenig von dem, was da abgeht! Und ich bin bestimmt keine zarte Mimose.

Ich hoffe und bete, dass die Hellen einen wirklich guten Plan haben, um mich von dieser Betty Nothing zu befreien!

Scheiße, hört Ihr mich überhaupt noch? Oder ist es schon zu spät? Ich bin's Mercy. Mercy Bowlers, die Auserwählte Gottes - die Macht! Ich bin doch eine von euch! Herr im Himmel, gib mich nicht auf, bitte!«

3. Kapitel, Von Taxifahrer, Politikern oder Predigern

»Taxifahrer sind die Lösung!«

Der 10-jährige Tobias Gradener, ehemaliger Engel der Exekutive Gottes, versuchte wiederholt die beiden zweifelnden Männer zu überzeugen. Seit zwei Stunden hockten sie in der komfortablen Hotelsuite beisammen und diskutierten.

Karl Wisemeyer, der Tobias in seine Obhut aufgenommen hatte, solange Ansgar Gradener die Schussverletzung an seinem Oberschenkel im Krankenhaus auskurierte, blickte Thomas Bendermann an.

Der grauhaarige Geschäftsmann war vor kurzem aus einem mysteriösen Koma aufgewacht und hatte seinem Enkel Ansgar versprochen, Karl und Tobias bei der Suche nach der untergetauchten Mercy Bowlers mit all seinen möglichen Mitteln zu helfen. Mercy war seine Verlobte, und er wollte die Blondine, eine frühere Straßenritze und jetzige Auserwählte Gottes, an Weihnachten heiraten. Ja, heiraten, obwohl die temperamentvolle Mercy auch Ansgar Gradener liebte und Karl Wisemeyer ebenfalls nicht völlig vergessen hatte.

Zudem wütete dieser »Saft des Verderbens« in der jungen Frau und ließ deren »Dunkle Seite«, nämlich »Betty Nothing«, an Oberhand gewinnen.

Richtig, es war kompliziert.

Sehr kompliziert.

Aber so war er nun mal … der Kampf zwischen den Hellen und den Dunklen.

Komplex und kompliziert, schon immer.

»Ich habe starke Bedenken, ob uns Taxifahrer wirklich hilfreich sind«, sagte Bendermann. »Schon die vorhandene Anzahl wird sich dabei als unlösbares Problem herausstellen.«

»Aber Urgroßvater, hör’ zu ...«, begann der kleine Junge.

»Halt, halt, halt!«, bremste Bendermann ihn lächelnd aus. »Es genügt nun wirklich, dass mich Ansgar neuerdings als »Grandpa« bezeichnet. Toby, sag schlicht Tom oder Thomas zu mir, einverstanden?«

»Geht klar, Tom«, bestätigte Tobias und plapperte wieder ungestüm darauflos. »Taxifahrer kennen sich aus, wenn es um diese »anrüchigen Einrichtungen« geht. Und da Mercy - beziehungsweise Betty - damals mit einem Taxi losgebrettert ist, liegt es nahe, dass der betreffende Fahrer sich erinnern könnte. Wir brauchen natürlich ein Bild und eine gescheite Personenbeschreibung.«

Karl hielt Tobias’ Vorschlag als undurchführbar und unmöglich.

»Eine Armee von Taxifahrern willst du befragen? Nach 'ner Frau mit schwarzer Perücke, Sonnenbrille und einem Lackledermantel? Mensch, Toby, wir sind in New York! Solche Bräute triffst du an jeder Ecke. Im Dutzend billiger!«

»Wieso glaubst du«, wollte Bendermann wissen, »hat Mercy eine »anrüchige Einrichtung« aufgesucht?«

Auf diese Frage kam eine prompte Antwort des Kleinen.

»Betty will poppen. Das Dunkle nutzt den Sexualtrieb der begrenzt denkenden Menschen liebend gerne aus. Dieses Vorgehen habe ich während den letzten zweitausend Jahren immer wieder beobachten können. Im übersteigerten Maße wird dieses Fickverhalten eine Abspaltung zu dir bewirken, Tom.« Tobias schob eindringlich nach: »Oder wären du und Ansgar auf Dauer begeistert, eine Frau zu lieben, die reihenweise fremde Schwänze bläst oder fickt?«

Karl sah Thomas an, bemerkte dessen Betroffenheit wegen der vulgären Wortwahl aus dem Mund eines scheinbar 10-Jährigen.

»Tom«, erinnerte er Bendermann. »Vergessen Sie bitte nicht: Tobias hat eine Menge Erfahrungen gesammelt und Beobachtungen gemacht. Und ... es ist für uns nicht immer leicht, hinter dem Jungen den ehemaligen uralten Engel zu sehen. Besonders wenn dieser so unverschämt und blumig formuliert wie eben.«

Thomas Bendermann schluckte kurz, nickte Karl zu und sagte ruhigen Tones:

»Ja, ich weiß genau, was Sie meinen, Karl.«

»Sagt mal«, ging Tobias schroff dazwischen. »Könnt Ihr beiden euch mal wie richtige Männer konzentrieren? Es geht schließlich um Mercy, um eine wichtige Auserwählte! Seid Ihr wieder auf Empfang, ja?! Also, lasst uns nochmal über Taxifahrer sprechen, okay?«

Karls Smartphone brummte.

Eine Textnachricht von Lydia van Bush kam herein:

»Bäuchlein« und ich, wir sind gut drauf! Marc und Tim ebenso. Wir bleiben noch einen weiteren Tag in Heidelberg. Infos später. Tausend Küsse sendet Liddi. BTW, ist der kleine Toby schön anständig?«

Wisemeyer schaute Tobias Gradener an, wie dieser mit feurigen Augen der Begeisterung versuchte, Bendermann das »Taxifahrer-Thema« ein weiteres Mal schmackhaft zu machen.

Was wird wohl aus dem, wenn er groß ist? Politiker oder Prediger?

Dabei fiel Karl die kleine Tabitha aus Sydney ein, die er gerettet hatte.

Tabitha war erst fünf - und noch lange nicht erwachsen.

Karls Tod war deswegen noch fern, sehr fern.

Gott sei Dank, dachte er. Denn die brauchen mich hier - ständig!

4. Kapitel, Wenn sich etwas anbahnt

Erwins hübsche Altstadtwohnung war seltsam ohne Erwin, doch immerhin gab es hier die Erinnerungen seines ganzen Lebens.

Lydia van Bush hatte sich mit Simone Schmitt, Erwins Tochter und Tims Schwester, verabredet. Nun saß sie der molligen Frau in der Küche gegenüber. Frisch gemachter Kaffee dampfte aus zwei Tassen heraus. Lydia hatte die mintgrüne Tasse aus ihrer Jugendzeit in den Händen, während Simone an der gelben von Tim nippte.

»Und du bist wirklich in der zwölften Woche schwanger?« Simone war erstaunt darüber, hatte selbst zwei Schwangerschaften mit allen Aufs und Abs erlebt. »Da war ich schon ziemlich drall«, ergänzte sie.

Lydia winkte lachend ab.

»Du solltest mich mal nackt sehen! Noch kann ich viel mit geeigneter Kleidung kaschieren.«

»Oh ja, das ist besonders wichtig - und gut fürs weibliche Ego!« Simones braune Augen strahlten, und Lydia dachte gerade, wie gut diese Augen mit den gewellten Haaren harmonierten. »Wie ist denn dein Karl so?«, fragte Simone neugierig und unverblümt heraus. Sie hasste es, bei privaten Dingen lange um den heißen Brei zu reden. Wenn jemand nicht antworten möchte, kann er es gerne lassen, war ein Grundsatz der sympathischen Mannheimer Grundschullehrerin.

»Eine ziemlich heiße und herzenstiefe Beziehung«, antwortete Lydia und lächelte die Frau nett an.

»Ich hab’ im Netz recherchiert«, gab Simone zu. »Dort hab’ ich gelesen, dass er zuerst dein Bodyguard war. Das klingt ja nach 'ner typischen Hollywood-Geschichte: Die Rocklady und ihr Bodyguard!«

Lydia lachte laut heraus.

»Ja, ich weiß. Das war ein gefundenes Fressen für die Presseleute. Karl und ich sind ein lebendiges Filmklischee - und ich lieb’ ihn total!« Plötzlich bekam Lydia einen nachdenklichen Blick, war kurzzeitig in vergangen Zeiten. »Karl ist wirklich der beste Kerl, der mir nach Tim über den Weg gelaufen ist.«

Kurz schwiegen sie, und in den Erinnerungen beider Frauen tanzten Bilder längst vergangener Tage.

»Ich werd’ das Baby nach deinem Bruder benennen«, sagte Lydia mit glänzender Begeisterung in den Augen. »Zu seinem Andenken. Und bevor du fragst - ja, Karl ist damit einverstanden!«

»Oh, wie schön!«, freute sich Simone Schmitt. »So romantisch hätte ich dich gar nicht eingeschätzt. Ich hab’ lange deine Karriere verfolgt - und viel in den Klatschspalten über dich gelesen.«

»Uuuh«, entgegnete Lydia und runzelte die Stirn. »In meinem Leben gab es Fettnäpfchen und Scheißhaufen, in die ich hemmungslos reingetreten bin. Da bin ich gar nicht stolz drauf! Zwei zerstörte Ehen, Drogen, Alkohol und wahllose Männer als Pausenfüller zwischen den Bühnenauftritten. Ich hatte totale Abstürze und Depressionen! Dann ist mit Karl das pure Glück in mein Leben gekommen.« Lydia wischte sich ein Tränchen aus einem Auge. »Wir werden bald heiraten! Er hat neulich im Central Park um meine Hand angehalten! Er ist sowas von süß und romantisch, Simone.«

Die Frau freute sich, tätschelte Lydias Hände.

»Den musst du dir halten. Die Romantiker sterben heutzutage aus - oder werden rasch weggeschnappt! Meine Ehe war ja der berühmte »Griff ins Klo«. Doch ich hab’ wieder einen Freund, einen liebevollen Kerl aus Mannem, und er kann gut mit meinen Kindern. Das ist mir besonders wichtig dabei.« Simone überfiel ein Gedanke wie ein Flüstern.

»Brünnle hat mir erzählt, dass du deinen Stiefsohn mithast, stimmt das?«

»Ja«, log Lydia spontan und hasste sich dafür, weil Simone völlig freundlich und liebenswert war. »Er ist auf Shopping Tour mit ... einem Freund.«

»Schade«, meinte Simone. »Er war bei der Beerdigung nicht dabei. Ich hätte ihn gerne kennengelernt.«

»Na ja«, entgegnete Lydia schnell, innerlich wurde es ihr heiß und kalt dabei. »Vielleicht klappt das ja eines Tages. Wir reisen ja morgen schon wieder ab.« Einer inneren Eingebung folgend sagte sich spontan: »Aber ich lade dich gerne zu meiner Hochzeit ein. Ich brauche noch eine verlässliche Brautjungfer! Wenn du mit deinen Kids kommen magst, ist das dein Job bei der Show, Simone! Ihr seid natürlich eingeladen, dein Freund ebenfalls!«

»Wir ... wir sollen nach New York kommen?« Simone war außer sich vor Begeisterung. »Die Kids werden durchdrehen, werden total überschnappen! Aber nein, das ist zu teuer, Liddi. Das geht nicht. Das kann ich nicht annehmen.«

»Wegen der Kohle?«, fragte Lydia, hatte einen beschwichtigenden Tonfall in der rauchigen Stimme. »Ich hatte in den letzten Jahrzehnten einige Probleme, doch Geld war nie eines davon! Es ist mir eine große Ehre, wenn du kommen wirst, Simone. Du bist Tims Schwester und Erwins Tochter - und irgendwie möchte ich so gerne diese Brücke zur Vergangenheit behalten.« Lydia nahm Simones Hände in die ihren. »Ich freu’ mich tierisch, wenn du ja sagst.«

Und Simone Schmitt folgte dem Ruf ihres Herzen. Oder war es ein Flüstern in ihrem Kopf?

»Dann sag’ ich einfach ... ja dazu! Oh, vielen Dank, Liddi! Mensch, die Staaten, New York - und die Hochzeit von Lydia van Bush! Felicia und Robin werden vor Freude ausflippen, wenn ich ihnen davon erzähle.«

»Übrigens«, erklärte Lydia, »streiche ich mit der Heirat das legendäre und berüchtigte »Van Bush« - und werde zu einer »Wisemeyer«! Karl ist es wert, dass ich hier traditionell sein möchte. Von ganzem Herzen!«

Simone Schmitt machte ein erstauntes Gesicht.

»Denkst du, dass dir deine Fans verzeihen werden? »Van Bush« klingt schon cool - und ist ja 'ne Marke für sich, oder?«

»Meine Fans müssen da durch, Simone. Es ist mir ernst mit meinem Karl - und deshalb freu’ ich mich, eine »Wisemeyer« zu werden.«

»Darauf stoßen wir an - mit Kaffee!«, lachte Simone, und die beiden Frauen stießen die beiden Tassen aneinander und freuten sich, wie sich nur Frauen in solchen Situationen füreinander und miteinander freuen konnten.

Augenblicke später rückte Lydia van Bush noch mit etwas Wichtigem heraus, das ihr unter den Nägeln brannte.

»Ich habe Erwins Wohnung gekauft.«

Simones Kinnlade klappte nach unten. Sie glaubte, sich verhört zu haben.

»Du hast, ... was?«

»Ja«, nickte Lydia freudig und bestimmend. »Ich möchte, dass hier alles so bleibt, wie ich es kenne. Erwins Räume, Tims Zimmer. Ich hab’ den Kaufvertrag heute am Vormittag unterschrieben. Ich bin die neue Eigentümerin der Wohnung. Die schönen Erinnerungen hier dürfen nicht in Vergessenheit geraten.«

»Du bist ja total verrückt!«, meinte Simone, hatte dabei Tränen der Freude und Rührung in den Augen. Schließlich fiel sie Lydia einfach um den Hals und drückte sie ganz dicht an sich. »Du bist der Hammer, Liddi! Mir fehlen die Worte!«

»Und du hast ja einen Schlüssel, Simone. Wenn du also Lust hast, bei Erwin vorbeizukommen, dann mach das jederzeit. Ich werde auch versuchen, wieder regelmäßig ins Städtchen zu kommen. Ich folge da einfach meinem Herzen und meinem guten Gefühl.«

»Liddi du bist nicht nur legendär - du bist einfach eine liebe Liddi«, sagte Simone und vergoss noch ein paar Tränchen.

»Ich habe auch einen Hausmeisterdienst und eine Putzfrau angestellt, die wöchentlich nach dem Rechten sehen werden. Du brauchst dich in keinster Weise wegen irgendwas verpflichtet zu fühlen. Komm einfach immer her, wenn du in Heidelberg bist, Simone. Ich würde mich so freuen. Genieß’ einfach diese wunderschönen Erinnerungen an Erwin und Tim.«

»Wenn die beiden das im Himmel hören«, sagte Simone hocherfreut, »drehen die bestimmt gerade vor Freude komplett durch!«

Wieder flüsterte es in Lydias Kopf, ohne dass es ihr bewusst war.

»Apropos ... Himmel. Bist du gläubig, Simone? Ich meine, ist das ein richtiges Thema für dich?«

»Aber sicher«, nickte Simone mit wachen Augen. »Heute entschuldigen sich die Menschen ja schon, wenn sie sich outen, dass sie an Gott glauben. Ich oute mich dabei gerne. Ich bin evangelisch und besuche trotzdem regelmäßig auch die Gottesdienste der Katholiken. Bei denen mag ich die ehrfürchtigen Zeremonien sehr.«

Lydia sah geschwind auf ihre Armbanduhr und schlug dann Simone vor:

»Ich hab’ noch ein wenig Zeit, ehe ich meinen Stiefsohn treffe. Hast du Bock mich in die Heiliggeistkirche zu begleiten? Meine Eltern haben sich dort das erste Mal gesehen. Papa war damals Gast-Organist gewesen. In dieser Kirche haben sie sich ineinander verliebt. Das ist ein guter und schöner Ort für mich.«

Simone Schmitt fand Lydias Vorhaben eine wunderschöne Idee.

»Liebend gerne, Liddi«, sagte sie mit einem warmen Gefühl im Herzen und in der Seele. »Lass uns gemeinsam in diese Kirche gehen.«

Und das taten die beiden Frauen dann auch, während drei Krähen ihre Bahnen über die Heidelberger Altstadt flogen.

Drei, zu dritt.

Ein Späher, ein Jäger und ein Transmitter.

Sie hatten Benston einiges zu berichten:

Von dem Lied, das Lydia, die Auserwählte Gottes, die Stimme, nun erreicht hatte.

Von der Wohnung, die Lydia hier gekauft hatte.

Und von dieser Freundschaft zweier glaubensstarker Frauen, die sich hier anbahnte.

Diese Freundschaft war für diese teuflischen drei Krähen so entsetzlich ... gut.

5. Kapitel, Der Ausgleich

Meine Frau ist von der Toten auferstanden!

Seit über einer Stunde saßen Mathew und Madeleine Bowlers mit Gräfin Margarete von Weystedt, der unsterblichen Vollstreckerin Gottes, im Wohnzimmer zusammen.

Margarete wirkte mit ihrem kecken Weißhaarzopf, der ihr lässig über die linke Schulter hing, und ihrem royalblauen Kleid wie ein Gast auf einer Cocktailparty. Sie sah keineswegs nach einer himmlische Henkerin aus, die unverrückbar böse Menschen an ihrer Todesangst sterben ließ. Nein, bestimmt nicht. Zudem befand sie sich in bester Plauderlaune. Ihre hellblauen Augen vermittelten etwas Schelmisches, hatten Verschmitztes an sich, gar Freches, das hin und wieder aufblitzte, wenn sie sprach. Madeleine war ebenfalls in guter Stimmung und tratschte angeregt mit der Gräfin, als wären sie alte Freundinnen, was die beiden Frauen ja auch irgendwie waren.

Meine Frau ist von den Toten auferstanden!

Dieser Satz ließ Mathew nicht mehr los.

Es war kein Standardsatz oder eine Satzphrase im Alltagsleben eines New Yorker Highschoollehrers.

Eigenartigerweise fühle ich mich nicht geschockt!

Mathew war schon immer davon überzeugt gewesen, mit der attraktiven und klugen Madeleine eine überaus »besondere« Frau geheiratet zu haben. Allerdings war dieses »Besondere« schon etwas ganz Besonderes, wenn man es als rationaler Realist und nach normalen menschlichen Betrachtungsweisen beurteilte.

Und wieder brauste es doch Mathews Kopf, übermannte seinen Geist, sein gesamtes Denken: Meine Frau ist von der Toten auferstanden!

»Und natürlich werden wir Ihre Unterstützung ebenfalls benötigen, mein lieber Mathew«, hörte er die Gräfin freundlich sagen.

Das war der Augenblick, in dem Mathew Bowlers bemerkte, dass er nicht ganz bei der Sache war. Er hatte von der vorangegangenen Unterhaltung zwischen den beiden Damen nichts mitbekommen. Mathew war äußerst irritiert deswegen, galt er doch stets als konzentriert und aufnahmebereit, wie man es von einem Lehrer erwartete.

»Wie, ... was meinen Sie genau, Frau Gräfin?«, fragte er verdutzt und schaute die lächelnde Lady an.

»Ach bitte, Mathew. Sagen Sie doch Margarete zu mir, wenn das für Sie in Ordnung ist, mein Guter, ja?«

Madeleine Bowlers wartete die Reaktion ihres Mannes erst gar nicht ab, sondern sprudelte geradezu vor Informationsdrang heraus.

»Sie brauchen uns beide. Du und deine Qualitäten als Lehrer passen hierzu hervorragend!« Sie bemerkte den sehr offensichtlich verdatterten Blick ihres Ehemannes. »Mein Gott, Mathew, du hast die ganze Zeit über nichts mitbekommen, oder?«

Meine Frau ist von den Toten auferstanden!, tönte das Unglaubliche unablässig durch seinen Kopf. Der Mann konnte keinen klaren Gedanken fassen.

Vielleicht habe ich doch einen Schock? Und über was - um Himmels willen! - haben die beiden gesprochen?

»Was habe ich denn nicht mitbekommen?«, fragte er und zwang sich, seinen Geist zu konzentrieren.

»Madeleine muss das Wunder von damals ausgleichen«, erklärte Margarete von Weystedt in einem liebevollen Tonfall, als würde sie mit einem Kleinkind sprechen.

»Ausgleichen? Ich ... ich verstehe nicht ...?«, stotterte Mathew unbeholfen herum.

»Na, die Zeit ist reif dafür«, ergänzte Madeleine und klang sehr froh dabei, als wäre eine Last und Bürde von ihr abgefallen. »Ich muss mich nun gutherzig und gottgefällig revanchieren! Für diese großartige Chance, dass ich nach dem tödlichen Unfall wieder weiterleben durfte.«

»Madeleine hat nicht nur ihre Tochter Mercy, eine Auserwählte des Herrn, in die Welt gebracht - nein, die Hellen benötigen das künstlerische Talent Ihrer Frau. Madeleine soll die Gestaltung der neuen Kirchen übernehmen - mit allem Drum und Dran! Eine renommierte Kunstdesignerin wird wahre Wunder vollbringen müssen. Die Kirchen sollen anders werden als alle bisher dagewesenen.«

»Kirchen? Welche Kirchen denn?«

Madeleine stieß Mathew in die Seite hinein.

»Also wirklich, Schatz. Hast du alles verpennt?«

Der verwirrte Highschoollehrer wusste keine Antwort darauf. Eindeutig und ständig im Vordergrund war nur: Meine Frau ist von den Toten auferstanden!

»Wir werden nach Rastiastan gehen. Gott und Estelle brauchen uns dort, Mathew.«

»Die Hellen benötigen Sie in Rastiastan, mein Lieber, weil Sie ein hervorragender Lehrer sind.«, erklärte Margarete von Weystedt und lächelte herzallerliebst dazu. »Sie werden die Neuen, die kommen werden, unterrichten.«

»Die Neuen? So? Werde ich das?«, stammelte er und fügte absurderweise an: »In was denn unterrichten - Geschichte oder Literatur?« Für ihn klang das Ganze wie ein schlechter Scherz - oder war es vielleicht ein guter Scherz?

»Nein, Mathew. Sie werden der erste Lehrer sein, der Estelles neue Religion lehren wird.« Die Gräfin beschwichtigte das Gesprochene ein wenig, als sie seine weit aufgerissenen und fassungslos starrenden Augen erkannte. »Natürlich werden Sie so nach und nach Unterstützung bei dem Lehrauftrag erhalten. Das versteht sich von selbst. Doch zu Beginn haben Sie allein die »Federführung«, wie man so schön sagt.« Margarete nippte an ihrer Tasse Kaffee. »Es wird Ihnen beiden in Rastiastan sehr gefallen, Mathew. Der Regent dort, Prinz Sahid, Estelles Lebensgefährte, ist ein belesener und kulturell interessierter Feingeist. Und sein Anwesen ist ein Traum - wie aus einem Märchen aus »Tausendundeiner Nacht«, direkt an einer paradiesischen Wüstenoase!« Die Gräfin stellte ihre leere Kaffeetasse auf das Porzellantellerchen. Ein geheimnisvolles Strahlen erhellte ihr edles Antlitz, als sie abschließend verkündete:

»Natürlich werden Sie Ihr bezauberndes Haus in New York aufgeben müssen. Aber das versteht sich ja von selbst, nicht wahr?«

6. Kapitel, Schwanz einziehen war gestern

Der rostige Heizkörper, der unter einem schmalen Fensterbrett angebracht war, blubberte und gluckste unaufhörlich. Die Luft in dem abgedunkelten Hotelzimmer roch nach einem teuren Parfüm, Männerschweiß und leidenschaftlichem Sex.

Als es die blonde Italienerin heftig erfasste, biss sie in seine rechte Schulter hinein. Der Schmerz ließ den dicklichen Mann maßlos abspritzen. Eng umschlungen, sich tief und innig küssend, wälzten sie sich über das Bett.

Bella Italia, dachte Sandrina Rossi befriedigt schnaufend.

Gestern waren die Frau und Arthur McFadden in der Stadt Monza angekommen. Von hier aus war es nicht mehr allzu weit, vielleicht ein paar Fahrstunden mit einem Leihwagen. Das alte Kloster befand sich in einer dicht bewachsenen Waldregion im Norden. Bald würde Sandrina ihre versteckten beziehungsweise auf ihren Rat hin untergetauchten Eltern Chiara und Michele Rossi wiedersehen. Ein Gedanke, der in ihr sowohl Freude als auch Unwohlsein hervorrief. Sandrina hatte sich ein Ziel gesetzt: Sie wollte sprichwörtlich »reinen Tisch machen«. Ihre unwissende Mama und ihr unwissender Papa sollten endlich die Wahrheit über ihre Tochter erfahren. Im Geiste stellte sich Sandrina bereits die seltsamen Dialoge zwischen ihr und den entsetzten Eltern vor:

»Oh, es tut so gut, euch beide nach all den Jahren wiederzusehen! Jetzt kann ich euch endlich gestehen, was mein Herz belastet! Ich bin keine verdeckt arbeitende Drogenfahnderin, wie ich euch weisgemacht habe. Nein, meine Lieben, stellt euch vor, euer blondes Engelchen war jahrelang als psychopathische Auftragskillerin im Dienste der Dunklen unterwegs! Sie haben mich seit meiner Jugendzeit in der Hand gehabt. Da war ein unseliger Pakt gewesen. Wohlstand und Gesundheit für meine Familie haben sie mir damals versprochen! Deswegen ging es euch all die Jahre gesundheitlich und finanziell so klasse, weil ich diese Bürde auf mich genommen habe! Die Dunklen haben mich in abhängig machende Rauschzustände versetzt, die in mir beim Foltern und Töten von Opfern ausgelöst wurden! Ich war sozusagen ein »mörderischer Junkie«, bitterböse und unmoralisch! Ach ja, ich hab’ eine dämonische Lehrmeisterin in mir, die mir geholfen hat, mein blutiges Handwerk auszuüben! Sie heißt »Diana« - und sie kann noch haltloser nerven und quasseln als ich! Könnt Ihr euch das vorstellen? Total stupido, nicht wahr? Aber beruhigt euch, wir haben die Fronten gewechselt! Nach ungefähr siebzig Morden hab’ ich dann die Kurve gekriegt und Arthur McFadden in den Sümpfen Floridas kennengelernt! Mein pures und unverhofftes Glück, eine schicksalsreiche Fügung! Vielleicht hat es Gott gut mit eurer Sandrina gemeint - trotz alledem! Gemeinsam haben wir, Arthur und ich, den Dunklen in den Arsch getreten! Okay, zwischendurch musste ich noch im fernen Tokio für einen Geschäftsmann eine »Aktion« durchführen. Aber da habe ich nicht mehr gemordet, sondern in »Selbstverteidigung« getötet! Das war mein legendärer letzter Auftrag gewesen. Dieser Geschäftsmann ist übrigens ein Menschenhändler. Offiziell macht er seine Kohle allerdings mit sündhaft teuren Gourmetspezialitäten. Ich bin froh, dass Arthur mir geholfen hat, zur Umkehr zu finden. Jetzt hab’ ich mich Gottes Weg unterworfen. Ach ja, schaut mich nochmal genau an, denn ich werde mich äußerlich ein wenig verändern. Demnächst steht eine Gesichts-OP an, weil ich weltweit gesucht werde. Das ist notwendig, bevor ich endgültig untertauchen kann. Ja, ich werde von der Bildfläche verschwinden. Dieser Bendermann bezahlt mich mit einer hübschen Insel, die zu den Malediven gehört. Zum Schluss noch das Wichtigste für mich: Ich kann mir eine Ehe mit Arthur vorstellen. Und Bambini mit ihm ebenfalls! Ich bin schon 35, da wird’s Zeit für 'ne echte Italienerin, nicht wahr? Arthur und ich, wir lieben uns total! Übrigens … er ist nicht katholisch. Aber er ist trotzdem ein guter Mensch! Ich entschuldige mich sehr bei euch beiden, dass ich all die Jahre so schändlich gelogen habe! So, das war’s von mir! Und was habt Ihr so gemacht?«

Arthur McFadden küsste die in Gedanken versunkene Sandrina zärtlich auf die Wange.

»Hallo? An was denkt mein italienischer Blondschopf gerade? Du bist ja völlig entrückt - war der Sex zu hart?« Der dicke Mann küsste sie abermals, und sie lächelte. Arthur zog zwei Papiertücher aus einer kartonierten Spenderbox, die auf dem Nachttisch des Hotelzimmers stand. Sandrina wischte das klebrige Sperma aus der blanken Ritze heraus und warf die benutzten Tücher achtlos auf den Fußboden. Die Frau war innerlich sehr aufgewühlt - und nicht wegen Arthurs sexuellem Geschick, seiner spielerischen Zungen- und Fingerfertigkeit.

»Ich war gedanklich bei meinen Eltern«, sagte sie und klang verhalten dabei. »Es ist der blanke Horror für mich, wenn ich darüber nachdenke. Vielleicht ist es doch noch zu früh für die Wahrheit? Was meinst du, Art?«

Arthur, der die besondere Gabe besaß, im richtigen Moment das Richtige zu sagen und zu raten, nahm die nackte Frau in seine behaarten Arme. Sandrina schloss die Augen, genoss Arthurs Nähe sehr. Ohne seine ehrliche Liebe wäre sie gar nicht in Italien, sondern würde noch Menschen beseitigen und den bösen Rausch des Tötens genießen, mit dem die Dunklen sie gefügig gemacht hatten.

»Kneifen gilt jetzt nicht mehr«, sagte Arthur und küsste sie erneut. »Schwanz einziehen war gestern, Signora. Du hast dir vorgenommen, dauerhaft zu den Guten gehören zu wollen. Da gehört das überfällige Gespräch mit deinen Eltern folgerichtig dazu. Sie haben es verdient, nicht weiter belogen zu werden. Und du hast es ebenfalls verdient, Sandy!«

Der Schwabbel fickt dich nicht nur anständig, Signora! Er hat mit seinem Geschwätz vollkommen recht, kommentierte Diana, Sandrinas innere dämonische Ratgeberin. Im Laufe der Zeit hatte sie sich an Arthur McFadden gewöhnt, fand sogar, dass der »Sumpfmann« ein total cooler Typ war, wenn man ihn näher kannte. Sei jetzt nicht feige, Sandrina, provozierte sie mit Nachdruck.

»Ach, halt’ die Klappe! Wer fragt dich jetzt, hä?!«, blaffte Sandrina. Arthur zuckte zusammen. Sie besänftigte ihren liebevollen Freund sogleich.

»Das galt Diana - nicht dir!«

»Wahrscheinlich hat sie etwas gesagt, dass dir nicht gefallen hat, richtig?«

Der Dicke wird mir immer sympathischer, flüsterte Diana in Sandrinas Gehirn.

»Und wahrscheinlich hat sie nur das Gute in dir angesprochen. Also, hör’ zu Sandy: Wir werden zusammen zu diesem Kloster fahren«, sagte er. »Alles andere wird sich dann ergeben, wie es sein muss.«

Sandrina wusste, dass sie beide recht hatten, Arthur und Diana.

Sie nickte und schmiegte sich dichter an seinen fülligen Leib heran, brauchte ganz dringend seinen Schutz. Er hatte es wieder geschafft, sie mit Herz und Verstand zu leiten. Einfach so.

»Oooh, was täte ich nur, wenn ich dich nicht hätte, Arthur?! Ich würde ständig versuchen, zu entkommen.«

Der Mann grinste.

»Das steckt dir in den Genen. Das war jahrelang Routine für dich - zu entkommen.«

Wieder gab er ihr einen Kuss. »Diese Flucht endet nun bei deinen Eltern, Sandy. Geh’s an, Signora! Sei mutig, sei Italienerin, sei Sandy! Die Sandy, die ich völlig liebe. Und das wird immer so sein.«

Daraufhin schenkte sie ihrem Arthur einen innigen Sandrina-Kuss. Schließlich blickte sie zwischen die behaarten Schenkel des Mannes, da sie entdeckte, dass sich dort etwas regte.

»Du kannst so rasch wieder?!«, fragte die Italienerin frech und nahm den Mund voll, voll mit ihm.

Sandrinas Smartphone vibrierte auf dem Nachttisch und sie unterbrach den Blowjob. Eilig blickte sie auf das Display und erkannte die angezeigte Mobilfunknummer sofort.

»Oha, das glaub’ ich jetzt nicht! Der Schläfer scheint erwacht zu sein.«

Arthur McFadden war sich sehr sicher darin, dass seine geliebte Sandy nicht seine gewaltige Erektion meinte.

Ganz sicher.

7. Kapitel, Ruhestandsplanung

»Hubert, hier spricht Bendermann. Ich erwarte Sie morgen Vormittag, 10:00 Uhr, in meinem Penthouse. Den neuen Zugangscode für den Fahrstuhl sende ich Ihnen per SMS. Seien Sie bitte pünktlich.«

Thomas hatte auf Winston Huberts Anrufbeantworter gesprochen.

Hubert war sein »Mann für besondere Fälle«. Das waren überwiegend Fälle, die in Bendermanns nebulös gehaltener Firmenstruktur ihre Wurzeln hatten. Der »Schnüffler aus Queens«, wie er sich selbst bezeichnete, war eine exzellent arbeitende »Ein-Mann-Privatdetektei« und hatte dem Geschäftsmann bisher vortreffliche Dienste geboten. Hubert wurde immer dann benötigt, wenn nichts - aber auch rein gar nichts - an die Öffentlichkeit gelangen durfte. Seine beruflichen Qualifikationen waren von unschätzbarem Wert geworden. Inoffiziell war Winston Hubert der am besten bezahlte Mitarbeiter von »Bendermann's Basics«.

Thomas, der hemdsärmelig und mit gelockerter blauer Seidenkrawatte in seinem Salon der New Yorker Penthouse-Wohnung saß, nippte an einem rauchzarten Scotch.

Dieser kleine Ex-Engel hat mich doch tatsächlich mit seiner Beharrlichkeit überzeugen können, wunderte er sich. Taxifahrer könnten die Lösung sein, Mercys Verbleib herauszufinden! Ein weiterer Gedanke blitzte in ihm auf, nein, eigentlich waren es nur zwei Wörter: anrüchige Einrichtungen.

Solche Etablissements gab es in den fünf verschiedenen Stadtbezirken von New York sicherlich einige. Manche davon waren offizielle Adressen, andere sicherlich geheime »Insider-Tipps«. Diese wertsteigernde Kombination von »Taxifahrerkenntnissen« und »Winston Huberts Feingeschick« könnte zu wirklichen Ergebnissen führen. Eine andere Möglichkeit war im Augenblick nicht relevant. Und von helfenden Engeln fehlte seltsamerweise jede Spur. Vielleicht dürfen sie uns auch nicht helfen!?, flüsterte es in Bendermanns Kopf, ohne dass es ihm bewusst war.

Andere Dinge mussten ebenfalls geregelt werden, schrien förmlich danach.

Der grauhaarige Geschäftsmann zog die obere Schublade seines antiken Schreibtisches auf und holte eine grüne Mappe hervor. Er blätterte sie auf. Darin befanden sich der Kaufvertrag und die Besitzurkunde für die maledivische Insel Boa Fey. Beide Papiere waren auf eine gewisse »Tara Wilcox« ausgestellt.

Thomas Bendermann ergriff sein Smartphone und wählte in der Kontakt-Auflistung die abgespeicherte Mobilfunknummer mit dem Namen »Signora« aus.

Hoffentlich hat die Rossi ihre SIM-Karte nicht gewechselt!

Nach dem zweiten Rufsignal wurde abgenommen.

»Na, endlich aufgewacht, alter Mann? Ich hatte schon die schlimmsten Befürchtungen«, meldete sich eine forsche Frauenstimme mit einem unverkennbaren italienischen Akzent.

»Hallo, Rossi, was macht Ihr Zahn? Noch Schmerzen?«

Ein kleiner düsterer Scherz, den nur Sandrina richtig deuten und verstehen konnte.

»Bene, Bendermann! Danke der Nachfrage. Und wie steht's bei Ihnen? Sind Sie wieder voll geschäftsfähig - oder schon im Ruhestand?«

»Grazie, Signora«, sagte er schlicht. »Ich fühle mich gut. Gratulation zum erfolgreichen Tokio-Auftrag. Wie ich hörte, ist der asiatische Drecksack blutig von uns gegangen, stimmt's?«

»Si, mio dio! Es war ein ziemliches Gemetzel dort, aber Watanabe ist von mir eindeutig liquidiert worden.« Schließlich fügte sie halb lachend an: »Dieses perverse Schwein hat sich eine Frau als Hund gehalten. Können Sie sich das vorstellen?! In einem Edelstahlkäfig hockte die Arme, nackt dazu! Ich habe die Touristin befreit – und eine gute Tat vollbracht! Witzig, was?! Watanabe ist keinen Gedanken mehr wert. Basta!«

»Ja«, unterstrich Bendermann Sandrinas Worte. »Ich bete, dass es im Japanischen so etwas wie die Hölle für ihn gibt.« Nach einer kurzen Gedankenpause erklärte Thomas weiter: »Rossi, kommen wir nun zu unserem Abschluss. Ich werde selbstverständlich Wort halten. Sie erhalten jederzeit auf Kuba einen »inoffiziellen« Termin im Institut von Dr. Marianela Pérez.«

»Wegen der plastischen Operation?«

»Exakt. Die Doktorin verändert Ihnen das Gesicht nach Ihren Wünschen und innerhalb der Grenzen des Machbaren. Danach erhalten Sie neue Ausweise für sich und Ihren Freund - und natürlich alle notwendigen Dokumente für die »Insel Ihres Ruhestandes«.«

»Klingt phantastisch in meinen italienischen Öhrchen«, trällerte Sandrina ins Smartphone hinein. »Ich komme gern darauf zurück, sobald ich eine »Privatangelegenheit« in Europa erledigt habe. Aktuell befinden wir uns in Monza.«

»Oh, Heimweh?«, meinte der Mann zynisch und wartete auf keine Antwort der Signora. »Seien Sie auf der Hut, Rossi! Vergessen Sie nicht, dass Sie auf der Fahndungsliste von Europol ganz oben stehen. Es wäre ein Jammer, wenn Sie es sich jetzt selbst verderben würden, oder? Eine richtige italienische Oper, eine wahre Tragödie wäre das.«

»Danke für Ihren Rat, alter Mann. Ich melde mich dann bei Ihnen, wenn ich in Italien fertig bin. Ciao - und schlafen Sie nicht wieder ein!«

8. Kapitel, Nebel

»Mein Name ist Stephanie Moody.

Ich gehöre zur Sperrspitze der Exekutive Gottes. Sie können sich denken, dass mein Job alles andere als einfach ist. Und diesmal gerate sogar ich an meine Belastungsgrenzen.

 

Um die Auserwählte Mercy Bowlers zu retten, habe ich von meinem Vorgesetzten die Genehmigung für eine »Sondermission« erhalten. Begleitet werde ich von Estelle Brukner, die »Prophetin der Letzten Tage«. Warum wir Estelle so bezeichnen, erklärt sich beim Nachdenken von selbst!

 

Wir befinden uns auf feindlichem Gebiet, nämlich in der »Vorhölle«, dort, wo die Dunklen regieren und ihre garstigen Pläne aushecken. Genauer gesagt: Wir tasten uns regelrecht in dem unwirtlich aussehenden und mit dickem Nebel verhangenen »Tal der Klagen« voran. Hier versuchen wir, den Druiden Gordon Blax zu finden. Dieser Blax, der Sohn der »Mutter der Sünden«, ist der Urheber des unseligen »Saftes«, der Mercy schrittweise zu einer Dunklen verändert.

 

Die karge Landschaft, in der wir uns befinden, ist sehr gefährlich - selbst für einen im Kampf erprobten Schutzengel wie mich! Aus dem Nebel heraus hören wir die gequälten Schreie meiner Schwestern und Brüder. Wir haben die abgetrennte - oder vielmehr abgebissene - Hand eines Engels gefunden! Und bevor Sie fragen: Ja, ich habe auch Angst! Ich bin Engel - und ich bin nicht blöd! Alles, was lebt, ist Angstzuständen unterworfen. Engel leben. Unsere Angstschwelle ist natürlich wesentlich höher als bei den Menschen! Ob mir das etwas bringt, wird sich noch zeigen!

 

Gott hat dieses Gebiet nicht ohne Grund zur »Sperrzone« erklärt. In diesem »Tal der Klagen« sind vor Jahren einfach zu viele Kolleginnen und Kollegen der Exekutive verschwunden. Seitdem haben viele Menschen auf Erden keinen Schutzengel mehr. Das ist schlimm! Die Schichtpläne sind voll, aber wir können nicht jeden ersetzen! Seien Sie versichert, die »Gärtner« sind an dem Problem dran. Aber das ist deren Job - meiner ist es, hier zu sein.

 

Estelle und ich gehen schrittweise und sehr vorsichtig, fast Schulter an Schulter, mit gezückten Messern nach vorne gerichtet, durch diese Nebelsuppe hindurch.

Ach, ich habe Ihnen ja noch gar nicht von dem grässlichen Biest erzählt, oder?

Eine Art »Wolfsmonster« mit einem Rachen voller Zähne wollte uns töten! Die Prophetin hat sich im Kampf gut geschlagen. Das habe ich ihr vor wenigen Stunden noch nicht zugetraut. Und ich will auch nicht leugnen, dass ich das »junge Ding« inzwischen lieb gewonnen habe. Estelle scheint eine Wandlung durchzumachen - keine äußerliche, aber gewiss eine innerliche. Ob das mit unserer »Mission« zusammenhängt? Das kann ich nur erahnen. Ich bin nur ein Engel, und Gott hat seine Pläne. Jedoch kann ich fühlen, dass es wahr ist: Estelle Brukner ist die lang erwartete Prophetin der Hellen! Sie ist »Der Glaube«! Meine Zweifel haben sich inzwischen gänzlich in Luft aufgelöst. Der Herr hat sie auserwählt! Sie ist die Letzte - nach ihr wird es keine weiteren Propheten für die jetzige Erdengeschichte geben. Punkt. Schluss!

Ich bin jedenfalls sehr froh, dass sie an meiner Seite ist. Estelle ist die »stärkste Waffe«, die man mit sich führen kann - hier, an diesem entsetzlichen Ort.«

 

 

»Da vorne!«, schrie Estelle Brukner und deutete mit der Spitze ihres Messers in die besagte Richtung. »Dort huscht etwas Dunkles!«

Seite an Seite blieben sie stehen, die Engelsfrau und die Prophetin, lauschten in den milchig-weißen Nebel hinein, versuchten, mit ihren Augen etwas zu erspähen. Eine Sichtweite von nur wenigen Schritten machte es nahezu unmöglich, eine drohende Gefahr einzuschätzen oder rechtzeitig zu erkennen.

 

Dann geschah alles rasend schnell.

Ein hässliches Fauchen ertönte. Ein monströser Körper raste unbarmherzig auf die beiden Frauen zu, fiel sofort über Stephanie her, die nicht reagieren konnte. Estelle wurde zur Seite gestoßen, verlor das Gleichgewicht und stürzte auf die feuchte Erde hin. Stephanie kreischte grell, als behaarte Klauen sie brutal packten und blitzschnell wegzerrten. Einen Moment später waren die Kreatur und die Engelsfrau verschwunden.

Die Bestie hatte Stephanie verschleppt.

Dorthin, wo die anderen Engel so entsetzlich vor Leid schrien.

Dort, wo das Grauen wohnte.

 

Estelle Brukner stand allein im dichten Nebel und griff hektisch nach ihrem Messer, das sie beim Sturz verloren hatte. Einige Meter weiter, an der Stelle, an der Stephanie Moody zuletzt gewesen war, fand sie deren Messer auf dem Boden liegen.

Da waren auch Blutspritzer auf der Erde.

Engelsblut.

Panik überfiel die Prophetin. Mit beiden Messern von sich gestreckt sah Estelle sich um, rechnete zu jeder Sekunde mit einem weiteren Angriff der Kreatur.

Nichts passierte.

Schließlich vernahm sie wieder die qualvollen Schmerzensschreie eines Engels.

Es war die Stimme von Stephanie Moody.

 

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