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Mercy, die Straßenritze 11

Lumen Gasmo

Mercy, die Straßenritze 11

Fünf Jahre später


Für Jolanne


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Copyrighthinweise und Anmerkungen der Autorin

Mercy, die Straßenritze 11

- Die Auserwählte -

Lumen Gasmo

 

Mercy, die Straßenritze 11

- Die Auserwählte -

Copyright©2018 Lumen Gasmo

All rights reserved.

Text: Lumen Gasmo

Kontakt: BookRix GmbH & Co. KG

Sonnenstraße 23

D - 80331 München

E-Mail: LumenO.Gasmo@gmx.de

Facebook: Lumen Gasmo - Autorin

Cover: www.selfpubbookcovers.com/rgporter

 

Personen und Handlung sind von mir frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Dieses Buch ist ausschließlich für Leserinnen und Leser, die volljährig sind und keinen Anstoß an der Darstellung sexueller Handlungen und an obszönen Beschreibungen haben. Ein Teil der Handlung schildert auch Gewaltakte und Religiöses. Die Meinungen und Ansichten der Romanfiguren spiegeln nicht die Meinung und Ansicht von mir, der Autorin, wider. Alles von mir Beschriebene ist völlig fiktiv und dient nur der bloßen Unterhaltung für Erwachsene. Ich schreibe ausschließlich fantasievoll überzeichnete satirische Belletristik und keine Sachbücher oder Ratgeber.

Fiktive Romanfiguren können auf Kondome verzichten.

In der Realität gilt: Safer Sex!

 

Alle Rechte vorbehalten.

Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit meiner schriftlicher Genehmigung.

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Bitte respektieren Sie mein Eigentum und erwerben eine legale Kopie.

Jeder Verstoß gegen mein Urheberrecht wird zur Anzeige gebracht und zieht

gezielt rechtliche Konsequenzen nach sich.

 

Vielen Dank und gute Unterhaltung bei meinen Fantasien.

 

Lumen Gasmo, 26.06.2018

Erste Worte einer Auserwählten

»Mein Name ist Mercy Bendermann. Ich bin zweiunddreißig Jahre alt, blond, Multimilliardärin - und seit fünf Jahren Witwe.

Ja, ... fünf Jahre sind seit meiner Hochzeit mit Thomas vergangenen. Vor fünf Jahren kämpften wir gemeinsam gegen die Dunklen und gegen die »Mutter der Sünden« in diesem entsetzlichen Krieg in New York - diesem Anfang vom Ende der Menschheit!

Die Hellen siegten damals, wenn auch mit herben Verlusten. Und Estelle Brukner, die Prophetin der Letzten Tage und die Gründerin von FISH wurde durch ihr Wirken weltbekannt.

Als die Normalität halbwegs wieder einkehrte, begingen Thomas und ich endlich unsere Hochzeitsreise - mit dreimonatiger Verspätung. Wir hatten eine kurze, aber sehr glückliche Zeit auf den Seychellen.

Dort ist mein Mann verstorben ... ohne vorherige Anzeichen. Ja, ... manchmal ist das so.

Ich weiß, dass er sehr glücklich mit mir war, und ich weiß, dass er mit einem guten Gefühl im Herzen von mir gegangen ist.

Das bedeutet mir viel.

Zurück bin ich geblieben - sehr reich und ... sehr allein.

Ich danke Ihnen dafür, dass Sie sich wieder Zeit nehmen, meine Geschichte zu lesen. Meine Lebensgeschichte ist wichtig ... auch für Sie. Denn ich bin Mercy Bendermann, ich bin eine Auserwählte Gottes. Ich bin die Macht.«

1. Kapitel: Ventil

Es war spät am Nachmittag. Die Sonne heizte New York City kräftig ein. Und statistisch gesehen war es seit langem der heißeste Sommer an der Ostküste.

Juli, da waren nicht nur die Außentemperaturen schier unerträglich, auch die menschliche Psyche litt. Bei manchen Seelen litt sie wahre Höllenqualen. Und die ganz verletzten, innerlich zerrissenen Menschen suchten sich gerade an solchen Tagen einen Ausgleich, um abzulassen.

Auf dem Flur war keine Menschenseele. Die Hoffmans von nebenan hatten den Fernseher an. Sie schauten eine seichte Soap, wie Tobias Gradener an dem eingespielten Gelächter zwischen die Dialogpointen richtig deuten konnte. Aus Apartment 32, das sich gegenüber befand, dröhnte irgendein staccatoartiges Technostück. Dort war vor wenigen Wochen eine Studentin eingezogen, die auf ihrem Körper mehr Tattoos zu Schau trug als normale Haut. Zudem durfte sie bei Metalldetektoren auf dem Flughafen für erheblichen Wirbel und Umstände sorgen. Tobias hatte neulich, als er mit ihr gemeinsam im Fahrstuhl war, 26 Edelstahlpiercings allein im Kopfbereich gezählt. Der Ex-Engel ging davon aus, dass Jody - so hieß die 18-Jährige - sicherlich noch weiteren Körperschmuck an sich trug, den man nicht gleich wahrnahm. Tobias wichste hin und wieder nachts und stellte sich dabei Jody nackt vor, obwohl er sie - subjektiv betrachtet - erst auf den zweiten Blick für begehrenswert hielt. Doch sie hatte scheinbar das gewisse Etwas, was den Hormonhaushalt des Teenagers durcheinanderbrachte.

Apartment 35. Er war angekommen, zwei Stunden früher als sonst.

Tobias kramte den Haustürschlüssel aus der Hosentasche seiner Stonewashed hervor, dann fiel ihm auf, dass die Apartmenttür nur angelehnt und nicht verschlossen war.

Shit, was soll das jetzt?, dachte der 15-Jährige und trat ein. Drinnen stieß er an einen Karton, der beim Türrahmen stand. Es klirrte leise darin. Er hat die Scheißflaschen noch immer nicht runtergetragen!, durchfuhr es ihn ärgerlich. Sechs Scotchflaschen in zwei Wochen. Das waren eindeutig zu viele. Viel zu viele.

Dann hörte er ein lautes Stöhnen aus dem Schlafzimmer seines Vaters und eine piepsige Stimme feuerte den kurz vorm Abschuss stehenden Mann entsprechend vulgär an.

Nicht schon wieder!, dachte Tobias genervt und hängte seinen Rucksack an den Garderobenhaken. Während sich Ansgar hinter verschossener Tür haltlos ergoss und das Frauenstimmchen ihn für seine Mühe lobte, schritt Tobias Gradener in die Küche und betätigte den Kaffeeautomaten: Arabica, stark, mit einem Schuss Vollmilch.

Fünf Minuten später kam die Piepstimme in die Küche, nackt, volle Rasur, Piercings am Bauchnabel und an der Klitoris. Zwischen ihren Apfelbrüsten trocknete Ansgars pappiges Sperma.

»Huch, wer bist du denn?«, fragte die Blonde überrascht.

Tobias versuchte, Ihr Alter zu schätzen, und ließ es lieber sein. Die werden immer jünger!, dachte er ärgerlich. »Ich wohne hier«, sagte Tobias. Dann deutete er auf den Erguss. »Und das ist von meinem Dad!«

Die Piepstimme wischte sich mit der Handfläche zwischen die Brüste. »Hammer? Er hat einen Sohn?«

»Ja, hat er!«, sagte der Teenager und nippte an seinem Arabica. »Und du bist eindeutig zu jung für ihn!«, fügte er an. »Wo hat er dich aufgelesen?«

»In 'ner Bar, Lower Manhattan.«

»Keine Schule, keine Uni, kein Job?«, wollte Tobias von ihr gereizt wissen.

Die blonde Piepstimme zwinkerte ihm dreist zu. »Hab geschwänzt!«

Tobias Gradener war genervt. »Schuldet er dir was?«

Die Blonde winkte ab. »Fuck, ich bin doch nicht so eine! Ne, ich fand deinen Dad cool! Das ist alles. Er trinkt nur zu viel. Aber ich denke, das weißt du, oder?!«

Ja, das weiß ich!, dachte Tobias Gradener. Und er hat starke Probleme - und Alkohol gehört nicht dazu! Ficken und Scotch sind nur sein Ventil für den Schmerz!

»Geh jetzt einfach, bitte!«, sagte er auffordernd zu der Piepstimme.

»Kann ich mich vorher abduschen?«

»Nein, kannst du nicht!«

Schließlich zog sie sich ihre Jeans an und schlüpfte in ein eng anliegendes T-Shirt, das ihre Nippel überdeutlich zeigte.

So was von klar!, dachte Tobias, als er das Kernige sah.

»Kann ich ihm meine Nummer dalassen?«, bat die Piepstimme im Hinausgehen.

»Nein, kannst du nicht!«, sagte der 15-Jährige entschlossen. »Dad ist nicht wirklich an dir interessiert. Er hat dich nur gegen seinen Schmerz mitgenommen und um seine Leere auszufüllen.«

»Klugscheißer!«, sagte Piepstimme plötzlich und klang sehr verletzt dabei. »Machst du jetzt auf Psychologe, oder was?«

»Nein, ich habe eine zweitausendjährige Lebenserfahrung in mir«, sagte der Ex-Engel übertrieben sachlich.

»Verarschen kann ich mich selbst!«, meinte Piepstimme darauf, ging durch die Apartmenttür und knallte sie heftigst in Schloss.

Aus dem Schlafzimmer heraus hörte Tobias Gradener ein tiefes Schnarchen, ein kurzes Jammern und langgezogenes Furzen.

Das geht so nicht weiter!, dachte Tobias. Es muss etwas geschehen! - Es ist jetzt einfach genug!

Ansgar Gradener musste gerettet werden, ehe er sich durch die komplette City soff und fickte.

2. Kapitel: Die Version 5.0

»Alles Gute zur Version 5.0, liebste Mommy!«

Freudestrahlend stand im Türrahmen zur Küche ein goldiger Dreikäsehoch, der wie die kindliche Version von Karl Wisemeyer wirkte. Der 5-Jährige, der in seiner schwarzen Jeans, dem weißen Hemdchen und der Kinderkrawatte zum Fressen aussah, hatte einen riesigen Blumenstrauß in den Patschehändchen. Sein Vater Karl half ihm beim Tragen des prachtvollen blumigen Geburtstagsgrußes.

Fünfzig.

Noch vor Jahre hätte Lydia Wisemeyer dieser berühmt berüchtigte Geburtstag Sorgen bereitet, doch seit sich ihr Leben zum Guten und zum Glauben verändert hatte, war ihre Furcht vor dem Altern verschwunden. Und da ihre beiden »Männer« im Hause Wisemeyer ihr oft genug sagten, was für eine Powerfrau sie sei, lebte es sich angenehm für eine prominente Rocksängerin, die langsam aber sicher nicht mehr zum Mittelfeld des Alters gehörte.

»Toll siehst du aus, Liebes!«, machte Karl ihr ein Kompliment und gab Lydia einen langen Kuss auf die Lippen. »Oh, ich bemühe mich, mit euch Jungen mitzuhalten!«

Ein Insidergag in der Familie, da Karl acht Jahre jünger als seine Liebste war.

Der kleine Tim Wisemeyer kletterte auf den Schoß seiner Mutter und schmatzte sie herzlich ab, während Karl eine Vase für die Blumen suchte und diese auf den Frühstückstisch platzierte. Dann überreichte er der Jubilarin ein kleines Päckchen. Es war in lindgrünes Geschenkpapier eingewickelt und mit einem farblich passenden Schleifchen versehen. Bei der kleinen Größe spekulierte Lydia auf einen Ring oder auf Ohrringe. Sie liebte Schmuck, je mehr Auswahl desto besser. Als sie es öffnete, hatte sie jedoch einen flachen Schlüssel in der Hand. Fragend schaute sie ihren Karl an. »Ist das der Schlüssel zu deinem Herzen, Darling?«

Der Schwarzhaarige lacht kurz. »Das musst du selbst herausfinden. Ich sage nichts weiter.«

Karl Wisemeyer kannte seine Gattin gut und wusste, wie sehr sie solche »Rätselspielchen« liebte.

»Ist es vielleicht ein Hinweis, dass sich ausziehen muss?«, scherzte die Langmähnige absichtlich.

Karl runzelte kurz die Stirn. »Ist das so offensichtlich?«, fragte er, um dann wieder zu lachen. »Aber nein, wir Männer sind total zufrieden mit dir, Liddilein. Nun sage ich nichts mehr. Es ist ja dein Geburtstagsrätsel.« Er blickte er seinen kleinen Sohn an. »Erde an Tim, Erde an Tim! Bereit für den Kindergarten?«

»Roger, Sir!«, sagte der Junge und salutierte wie ein Soldat. Er gab seiner Mutter einen weiteren Schmatzer auf die Wange. »Viel Spaß beim Rätselraten, Mommy!« Schließlich sprang er vom Schoß und wollte zu seinem Vater rennen. Eine Frage hatte er dann doch noch. »Mommy, warum bin ich eigentlich in diesem besonderen Kindergarten?«

Lydia Wisemeyer schaute ihren Sohn an. »Was meinst du, Tim?«

»Na, Jules meint das.« Jules war Tims bester Kindergartenfreund. Dessen Eltern waren bekennende »Lydia van Bush«-Fans, was Lydia natürlich großartig fand.

»Dein Kindergarten ist speziell überwacht, damit ihr alle sicher seid.«

»Sind wir Kinder besonders in Gefahr, Mommy?«

Das sind Kinder von superreichen Prominenten und von Auserwählten Gottes immer!, dachte Lydia Wisemeyer, sprach diesen Gedanken jedoch nicht auf. »Wir wollen nur, dass es euch besonders gut geht und ihr jede Menge ungestörten Spaß habt, Tim.«

»Oh ja!«, meinte der kleine Tim altklug. »Wir haben Sicherheitstüren, die man nur mit Chipkarten öffnen kann. Wir sind richtig wichtige Kinder!«

»Ja, das seid ihr!«, lachte Lydia ihn an. »Alle Kinder auf Erden sind wichtige Kinder.«

»Aber, ... warum sind dann nicht alle Kinder in unserem geschützten Kindergarten, Mommy? Becky von gegenüber ist in einem ganz anderen Kindergarten als ich?«

Karl Wisemeyer sah Lydia verschwörerisch an. Er schien ziemlich amüsiert zu sein. »Nun«, meinte Lydia. »Beckys Eltern wollten eben einen anderen Kindergarten. Manchmal ist dies auch eine Frage des Geldes. Dein Kindergarten kostet viel Geld, Sohnemann.«

»Du könntest Beckys Eltern doch Geld geben, oder? Wir sind doch sehr reich! Dann könnte Becky auch in meinen Kindergarten gehen!«

Das waren die Momente, in denen Lydia Wisemeyer nach einer Zigarette lechzte. Wie komme ich jetzt mit der Wahrheit aus dieser Situation heraus?, überlegte die frische 50-Jährige angestrengt. »Das ist wirklich ein sehr schöner Gedanke, den du da hast, mein Kleiner. Doch im Augenblick sind in deinem Kindergarten alle Kindergartenplätze restlos mit Kids belegt. Da ist leider nichts zu machen.« Lydia Wisemeyer atmete innerlich durch, weil sie wusste, dass dies der Wahrheit entsprach.

Seit drei Jahren waren sie, Karl und Tim FISH. Und FISH durften nur lügen, wenn es um Leben oder Tod ging. Schon Notlügen oder Verschleiern wurde von den Gläubigen skeptisch analysiert. Alles in allem war da nichts dagegen einzuwenden, nur wenn man einen aufgeweckten und weltinteressierten 5-Jährigen Zuhause hatte, war da oft Einfallsreichtum und Improvisationstalent angesagt. Oder man sagte eben unverblümt die Wahrheit heraus. So wie es sein sollte - für jeden Menschen.

»Passt auf euch auf«, sagte Lydia und winkte ihren Männern nach, als sie zur Haustüre liefen.

Neugierig lächelnd besah sie den Schlüssel in ihrer Hand. »Zu welchem Schloss führst du wohl?«

»Ich weiß es natürlich, darf aber nichts sagen!«, flötete neben ihr eine Engelsstimme.

Bharati war erschienen. Sie trug - passend zur hitzigen Jahreszeit - ein schwarzes Tanktop ohne BH, Shorts und Flip-Flop-Sandalen an den Füßen. »Rati, mein Engel!«, strahlte Lydia Wisemeyer sie an. Die Rocklady schoss vom Stuhl hoch und umarmte die langhaarige Engelsfrau liebherzig wild.

»Alles Liebe und Gute zum Geburtstag, liebe Liddi.« Lockerlippig schob sie nach: »Du bist immer etwas Besonderes! Ich habe nicht viele Fünfziger unter meinen Klienten.«

»Himmlisches Biest!«, entgegnete Lydia und küsste sie. »Willst du einen Kaffee?«, fragte sie schließlich. »Gerne«, sagte Bharati und hockte sich an den Frühstückstisch. »Ich habe kurz Zeit. Stephanie und die anderen sind schon vor, aber ich hol sie locker ein.«

»Oh«, meinte Lydia. »Das klingt nach Problemen, oder?«

»Ein Massaker in Westafrika. Heroinhandel. Wir gehen von sechzig bis siebzig Toten und vielen Verletzten aus. Da sind rivalisierende Banden brutal aufeinander losgegangen.«

»Denkst du, dass die Dunklen dahinterstecken?«

Die schöne Engelsfrau lächelte. Es sah ein wenig spöttelnd aus. »Hinter bösen Taten stecken immer die Dunkelflüsterer. Das weiß du doch, Liddi!«

Lydia Wisemeyer nickte, erinnerte sich an so manch grausames Ereignis, das sich in den letzten fünf Jahren seit dem Krieg um New York zugetragen hatte.

Die Präsenz des Dunklen war seitdem intensiver geworden.

»Du nimmst einen Schuss Milch, nicht wahr?«

»Ja, gerne.«

»Apropos Schuss Milch?«, fragte Lydia mit eindeutiger Doppeldeutigkeit im Gefragten. »Was macht dein Lover, der liebenswerte Macho Maurice?«

Bharati zwinkerte. »Läuft gut! Er freut sich, dass es bald so weit sein wird.«

»Deine Menschwerdung?«

»Meine Menschwerdung!«, antwortete Bharati. »Ich kann es gar nicht glauben, dass es nun endlich geschehen wird! Samuel hat von Gott das »Okay« erhalten. Dein Lied wurde vollendet! - Deine Prophezeiung ist somit erfüllt! Und ich kann als Engelsmädchen abdanken! Mein Nachfolger übernimmt so nach und nach meine Schützlinge. Aber ich verabschiede mich noch bei jedem einzeln persönlich oder mit einem Flüstern.«

»Oh, ich freu mich so für dich und Maurice! Endlich eine neue gutherzige Menschenfrau auf Erden! Wir haben’s nötig!«

Bharati kicherte fast teenagerhaft. »Ja. Und du brauchst ja keinen Engel mehr! Eine Auserwählte Gottes mit erfüllter Prophezeiung untersteht nun direkt der Fürsorge und Obhut des Herrn der Hellen! Oder des Großen Gründers, wie Ihr FISH ihn gerne nennt!«

»Meine Rati wird Mensch, und ich bin in der Premiumklasse, wenn es um meinen Schutz geht! Tolle Geschenke zum Fünfzigsten!«, sagte Lydia lockerherzig und lachte laut, wie es ihrer Art entsprach.

Bharati trank ihren Kaffee leer und stellte die Tasse ab. »Süße, ich muss los! Westafrika wartet! Des Gründers Segen auf all deinen Wegen, liebste Liddi!«

»Für dich ebenfalls, meine Kleine!«

Dann drückten sie sich wieder, und im nächsten Moment hatte sich die Engelsfrau fortgedacht. Einfach so.

Zurück in der schicken Küche im superschicken neuen Wisemeyer-Haus blieben Lydia und der Schlüssel.

So mein Freund!, dachte die Rocklady aufgeregt. Du hast eine Nummer und einen Firmennamen! - Und ich hab ein superflottes Internet! Los geht’s!

3. Kapitel: Wohlwollen und Bestimmung

»Werter Halim, werte Yamina, ich muss euch sprechen«, sagte der 19-jährige junge Mann mit dem schulterlangen Haar und verneigte sich vor beiden. »Mein Herz ist schwer. Ich brauche euren weisen Rat - und eure Erlaubnis.«

»Sprich, Hilal«, sagte Halim und sah seinen ältesten Pflegesohn an. Yamina, Halims Ehefrau, saß mit Safire am Wohnzimmertisch. Die Kleine las gerade in einem Geografiebuch über den Bau der der Cheops-Pyramide von Gizeh.

»Welche Düsternis bedeckt das Helle in deiner Seele, mein Junge?«, wollte Halim wissen.

Hilal rieb sich seine feuchten Handflächen an der Jeans trocken. »Tara Wilcox ist mit einem Wunsch an mich herangetreten.«

»Sie möchte dich für die Garde anwerben, nicht wahr?«, fragte Yamina ungebremst heraus.

Hilal senkte ein wenig seinen Blick und nickte leicht.

»Cool!«, entfuhr es der 5-jährigen Safire. »Mein großer Bruder wird das Dunkle jagen gehen!«

»Safire!«, maßregelte Yamina ihre vorlaute Pflegetochter. »Hüte deine Zunge - und lies dein Buch weiter!«

»Sorry, Yamina«, sagte die Kleine artig.

»Wie sagen wir dazu?«, hakte die Frau in der fliederfarbenen Hijab nach. »Excusez-moi, Yamina«, antwortete die Kleine auf Französisch.

»Nicht auf Französisch«, meinte Yamina.

»Ach so«, grinste Safire. »Ich entschuldige mich, Yaminchen! - Und ich hab dich dolle lieb!«

Yamina atmete erschöpft aus. Wer konnte einer so Süßen wirklich böse sein? Richtig: keiner!

»Mrs. Wilcox will dich also in der Garde haben?«, griff Halim das Thema wieder auf.

»Tara meint, ich hätte die Qualifikation hierfür«, antwortete Hilal.

»Tara meint, Tara meint!«, wiederholte Halim. »Seit Jahren hören wir von dir, was Tara meint, Hilal! Und uns beiden, Yamina und mir, ist schon klar, dass du seit diesem Krieg in New York Tara Wilcox verehrst. Aber, ... was Tara meint, ist Yamina und mir gleichgültig!« Halim zeigte auf seinen Pflegesohn. »Du bist erwachsen geworden, mein Junge! Und du bist ein wahrlich prächtiger und intelligenter junger Mann!«

»Und mein Bruder kann kämpfen und ist so mutig wie drei erwachsene Männer!«, mischte sich die kleine Safire mit stolzer Stimme ein. Hilal schmunzelte seine kleine Schwester an.

»Hast du die Buchseite über die Cheops-Pyramide schon durch, Safire?«, fragte Halim streng und funkelte die Kleine an.

»Upps!«, antwortete Safire mit großen Augen. »Bin fast fertig, allerliebster und ehrenwerter Halim.«

»Es wird dich sicherlich freuen, meine Kleine«, sagte der Mann eindringlich. »Wenn ich später dein Wissen über Gizeh abfragen werde, oder? Avez-vous compris?«

»Yes, I do understand«, sagte sie ruhig.

Yamina verbiss sich lieber ihr Schmunzeln, und die kleine Safire nahm sich wieder ihr Buch vor.

Dann sah Hilal seine Pflegeeltern mit einem offenen Blick an. »Ihr wisst, dass der Dienst in der Garde wahrlich eine Arbeit ist, die mich erfüllen würde.«

»Schützen, jagen - und töten?«, fragte Halim hart.

»Nur das unverrückbar Dunkle und Böse, werter Halim!«, sagte Hilal entschlossen.

»Bedenke, wem die Garde nahe ist«, warf Yamina ihre Bedenken ein. »Wir werden niemals zur Religion von Estelle Brukner gehören. Bei aller gegenseitiger Toleranz werden wir das niemals, Hilal. Wir dienen Allah, den Hellen und Rastiastan auf andere Art und Weise.«

»Werte Yamina, auch wenn die Religionen die Menschen im Palast von Rastiastan trennen, so verbindet uns doch der Glaube an das Helle und an das Gute. Nur das zählt. Ich möchte nicht Estelle Brukner dienen. Ich möchte Allah dienen, indem ich das Böse von den Menschen fernhalte, notfalls an der Wurzel tilge und den Acker des Bösen trockenlege. Das ist die Aufgabe der Garde, unabhängig von Religion, Stand oder Herkunft.«

»Wahrlich erwachsene Worte, ehrenwerter Hilal!«, lobte Halim seinen Pflegesohn.

»Sag ich doch!«, flüsterte Safire stolz. »Mein großer Bruder ist cool!«

Halim und Yamina sahen gleichzeitig streng zu der 5-Jährigen hin. Die Kleine schaute sofort sehr konzentriert in ihr Sachbuch hinein und runzelte nachdenklich die Stirn.

»Dann habe ich deine und Yaminas Erlaubnis?«, fragte Hilal. »Ohne eure wohlwollenden Worte und guten Wünsche werde ich es nämlich nicht tun und eher ein Studium in Rasti oder Paris anstreben. Du selbst, werter Halim, hast ja auch in Frankreich studiert, nicht wahr?«

»Ist es das, was du wirklich willst?«, fragte Yamina überrascht noch vor Halim.

»Nein«, sagte Hilal. »Aber es wäre gewiss eine sinnvolle zweite Wahl. Vielleicht Betriebswirtschaft? Wenn es nicht klappen sollte, dann kann ich immer noch ein Handwerk wie Ali erlernen.«

»Hilal? Betriebswirt oder Schmied? Oh, non! - Das geht gar nicht!«, wisperte Safire hinter dem Buch hervor.

»Betriebswirt oder Schmied?«, wiederholte nun auch Halim. »Diese Berufe erfüllen niemals dein Herz, mein Junge.«

»Es wäre ja auch nicht meine erste Wahl, werter Halim«, antwortete der junge Mann sogleich.

Halim kam ein Gedanke, der wie ein Flüstern seinen Verstand erfasste.

»Damals in Yasul, als wir euch Kinder vor eurem verrückt gewordenen Vater retteten und als diese Dunkelkrähen kamen, hat dir und deinen Geschwistern der Engel Hubertus Allmenhausen eure Bestimmungen ins Ohr geflüstert.«

»Ja, werter Halim, so war es.«

»Ihr habt uns nie davon erzählt - warum?«

»Hubertus hat es uns verboten. Wir müssen diese Bestimmungen nur erfüllen - nicht darüber sprechen!«

Halim und Yamina verstanden sofort und wussten beide, was zu tun und was zu entscheiden war.

»Folge einfach deiner Bestimmung«, sagte Halim und legte seinem Pflegesohn eine flache Hand auf die Schulter. »Du hast mein und Yaminas Wohlwonnen. Wir senden es tief in dein Herz und in deine Seele hinein. Möge Allah dich bei deiner Entscheidung und Bestimmung behüten!«

Hilal blickte Yamina an, und seine Pflegemutter nickte mit einem leichten zustimmenden Lächeln um die feinen Lippen.

»Ich danke euch beiden von Herzen«, sagte Hilal, senkte seinen Blick und verneigte sich.

»Und nun geh schon!«, sagte Halim. »Sag es Tara Wilcox, dass sie den mutigsten jungen Mann erhält, den ich in Rastiastan kenne!«

Hilal lächelte zögerlich und wurde rotbackig. »Ich danke dir, werter Halim!«

Dann ging er aus dem Raum.

»Und nun zu uns beiden, Safire!«, sagte Halim und sah Safire mit überzogen gespielter Ernsthaftigkeit an. »Erzähl mir bitte etwas über den Bau der Pyramiden von Gizeh, werte Kleine.«

Safire schaute ihn mit ihren großen braunen Augen an.

»Auf Arabisch, auf Französisch oder gar auf Englisch, werter Halim?«

Ja, Hubertus Allmenhausen, der Schutzengel der kleinen Auserwählten, war unter anderem ein ausgezeichneter Sprachtrainer.

Er war himmlisch gut!

4. Kapitel: Aggressiv und ungehalten

»Es war nie die Frage, dass wir wegen des Grundstückspreises erneut in Verhandlung gehen, Rogerson. Und kommen Sie mir bloß nicht mit dieser Fadenscheinigkeit, dass sich urplötzlich weitere Interessenten bei Ihnen gemeldet haben.«

Mercy Bendermann saß hinter dem Eichenholzschreibtisch ihres verstorbenen Ehemannes und schäumte beinahe. Dieser kleinkarierte Scheißer!, dachte sie und sagte bestimmend: »Ich werde diese Einrichtung dort bauen lassen - mitten im Herzen der Bronx! So sind die Pläne, so war die Abmachung mit Ihrer Abteilung. Wer sind diese Interessenten eigentlich?« Und glauben diese Leute an den Großen Gründer?, fügte sie in Gedanken für sich an. Während sie das Smartphone an ihr Ohr presste und dem Mann zuhörte, schenkte sich die blondhaarige Frau Scotch nach. »So? Parkerson und Paulsen heißt die Firma? - Und wo haben die Ihren Sitz?« Mercy nahm einen großen Schluck, machte schließlich ein überraschtes und zugleich schmerzverzerrtes angeekeltes Gesicht. Diese Brühe ist nie und nimmer der übliche 36-Jährige! Hat Franz beim Einkauf geschlampt?

Franz Goodwill war Mercy Bendermanns Butler. Seit drei Jahren befand sich der zuverlässige Mittvierziger in dieser Anstellung. Er hatte hervorragende Referenzen. Und er hatte beim Kauf von einem sündhaft teuren Scotch noch niemals geschlampt. Das Wort »geschlampt« kam im Vokabular des Mannes gewiss nicht vor. Darin war sich Mercy sehr sicher. Sie schob das klobige Glas von sich weg und würdigte es keines Blickes mehr. Das konnte warten - andere Dinge nicht!

»Parkerson und Paulsen, eine Immobilienfirma aus Manchester, versucht mir mein ersehntes Grundstück wegzuschnappen! - Geht’s noch?! Was wollen denn die Briten in der Bronx?« Zynisch schob sie nach: »Verstehen die überhaupt den dortigen Dialekt?«

Mercy Bendermann öffnete den ersten Knopf ihrer weißen Seidenbluse. Schwierige Telefonate nahmen ihr oftmals die Luft zum Atmen. Zudem war die Geschäftsfrau aggressiv und ungehalten - äußerst aggressiv und äußerst ungehalten!

»Was? Diese Scheißer wollen ein Einkaufszentrum dort errichten?! Während ich eine Einrichtung für Obdachlose und für auf der Straße lebende Jugendliche bauen möchte?! Weiß die Bürgermeisterin von dieser verfickten Kacke? Nein, vergessen Sie’s Rogerson! Ich werde mit Rose selbst telefonieren. Und sagen diesen Unterhändlern von Parkerson und Paulsen: Niemand, der einigermaßen klar bei Verstand ist, versucht eine Bendermann auszubooten!« Grußlos trennte sie das Telefonat. Dann wählte sie hektisch eine zweite Nummer.

Nach nur einem Rufton meldete sich eine blasiert wirkende Stimme: »Hier spricht Goodwill, Ma’am. Was kann ich für Sie tun?«

»Franz! Diesen verfickten Scotch kannst du selbst saufen!«

»Es tut mir sehr leid, Ma’am! Ich war verhindert und hatte eine Aushilfe als Boten beauftragt. Warren ist seit zwei Wochen beim Personal. Er ist Praktikant.«

»Hatte er genaue Anweisungen von dir erhalten?«

»Natürlich, Ma’am!«

»Wie sind seine Leistungen sonst?«

»Nun ja, eher dürftig, Ma’am. Es scheint nicht der richtige Arbeitsbereich für den jungen Mann zu sein.«

»Rausschmeißen! Fristlos - heute noch! Ohne ein weiteres Wort - ohne Referenzen!«

Wieder trennte sie das Telefongespräch, wählte eine Kurzwahl.

»Hubert, hier ist Mercy Bendermann!« Sie stöhnte kurz genervt. »Ja, ich wünsche Ihnen ebenfalls einen guten Tag. Ich brauche Ihre Dienste, Hubert.« Mercy rieb sich ihre linke Schläfe. Die Migräne machte ihr zu schaffen. »Nein, nicht die druidische Seite. Ich beauftrage Sie als Privatdetektiv. Scannen Sie bitte eine Firma für mich. Ich muss alles über den Laden wissen. Parkerson und Paulsen, Sitz in Manchester. Ich brauche jede Leiche im Keller - einfach alles! Und checken Sie bitte, ob ich diese Briten notfalls aufkaufen kann. Die wollen mir in die Suppe spucken. Ich spucke zurück - oder schlucke diese Leute! Einfach so! Ich brauche die Informationen bis morgen. Danke.« Wieder legte sie auf, atmete erschöpft durch.

Ich muss zum Friedhof!, dachte sie. Ich brauche seine Stärke, ... Toms Stärke und seine Ruhe! Unbedingt!

Mercy Bendermann drückte eine weitere Kurzwahl auf ihrem Display.

»Ray, bitte fahren Sie den Wagen vor. Ich verlasse das Haus. Ich bin in zehn Minuten am Ausgang. Ein Bodyguard genügt. Nehmen Sie David. Danke.«

Friedhof!, dachte sie erneut.

Ja, armes reiches Mädchen – und so aggressiv und ungehalten!

5. Kapitel: Beziehungskiste

Die Hitze lastete über den Häusern des New Yorker Stadtbezirks Queens. Der Asphalt dampfte mancherorts, und Kids hatten an den Straßenecken Hydranten aufgeschraubt und kühlten sich unter dem spritzenden Wasser ab. Autos und Menschen schleppten sich mühsam zur Rushhour durch die Straßen.

Auch in Marc Bowlers Loft-Apartment, das sich im östlichen Bereich, nahe bei Manhattan Island befand, stand die warme Luft, war zum Schneiden dick. Nur mit einer gelben Boxershorts bekleidet platzierte er einige Standventilatoren in dem geräumigen Wohn- und Schlafbereich.

Aus dem angrenzenden Badezimmer hörte man weibliches Gekicher und eine männliche Stimme herumalbern.

»Wenn es zur Dauereinrichtung wird, dass wir bei uns ficken«, sagte Marcs »innerer Begleiter« Tim Schmitt, »sollten wir darüber nachdenken in eine Wohngemeinschaft zusammenzuziehen ziehen. - Was hältst du davon?«

»Ich weiß nicht«, antwortete der lockenköpfige Bowlers unentschlossen. »Ich liebe meine ... unsere Unabhängigkeit sehr.« Mit einem Klicken schaltete er auf die höchste Stufe, und der Ventilator surrte los. »Und du, mein lieber Tim, reichst mir als »Gast« voll und ganz aus. Denkst du wirklich, dass wir das dauerhaft zu dritt beziehungsweise zu viert hinbekämen?«

»Oh, danke, dass du mich bei der Aufzählung berücksichtigt hast. Ich denke, ja! Mit Abigail und Aiden könnte das klappen.« Wieder kicherte es aus dem geschlossenen Badezimmer heraus. Die beiden duschten wohl gerade: Abigail Keesa und Aiden Barner. Marc Bowlers hatte die beiden vor drei Monaten auf einer Spendengala für Straßenkinder kennengelernt. Die Veranstaltung, die unter der Schirmherrschaft seiner Schwester Mercy Bendermann gestanden hatte, war im Herzen der Bronx ein enormer Anziehungspunkt für gläubige FISH gewesen. Bei Sekt und Häppchen war Marc mit Abigail und Aiden problemlos ins Gespräch gekommen. Von Anfang an hatte man sich prächtig verstanden. Abigail, eine Verkäuferin in einem Musik-Shop, in dem man alte Vinyl-Schallplatten an- und verkaufte, kannte den prominenten Marc Bowlers natürlich. Marc hatte zwar seine Gitarristen-Karriere in einer halbwegs bekannten Gay-Band an den Nagel gehängt, tat sich aber nun mit eigenen Kompositionen hervor. Sein 2019 erschienenes Album »Centauri 11-6« befand sich seit zwei Jahren unter in den Top-100 in den Verkaufscharts. Aiden, ein Romanautor und selbst ernannter Hobbypsychologe, kannte die FISH-Bibel von Estelle Brukner in- und auswendig. Dies war nicht nur bloßes Gerede oder Gehabe - blanke Prahlerei war FISH-Gläubigen sowieso nicht gestattet. Nein, Aiden kannte jedes Buch, jedes Kapitel und jeden Vers der jeweils neusten Veröffentlichung. Für den langhaarigen Dreitagebartmann war die Heilige Schrift schlicht ein Werkzeug.

Ein Installateur muss mit einer Wasserpumpenzange hantieren können, ein FISH muss die Schrift kennen!, waren seine hochtrabenden Worte.

Aiden und Abigail, die schon vor dem Zusammentreffen mit Marc eine Beziehung führten, waren augenblicklich angetan von dem netten Lockenkopf. Und natürlich wussten sie von seinem »inneren Begleiter«, dem wiedergeborenen und immerzu 19-jährig bleibenden Tim Schmitt, Lydias früh verstorbener Jugendliebe. Marc und Tim waren ja Personen, die in der FISH-Bibel vorkamen. Erleichtern hinzu kam, dass Aiden eine bisexuelle Tendenz hatte und Marc Bowlers mehr als nur sympathisch fand. Und die temperamentvolle Abigail hatte sowohl an Marc als auch an dem frechen und vorwitzigen Tim Interesse gefunden. Tim war natürlich ebenfalls von der Konstellation sehr angetan, da er die schöne Abigail für extrem begehrenswert, wortgewandt und intelligent hielt. Nun, da Marc beim Sex mit Aiden und Abigail auf Tuchfühlung ging, war für alle eine recht interessante Kombination und ein wahres sexuelles Vergnügen, bei dem jeder lustvoll auf seine Kosten kam. Doch reichte die wechselseitige Anziehung schon aus, um an weitere Pläne wie eine Wohngemeinschaft zu denken? Sicherlich man teilte viele spannende und interessante Themen und hatte gnadenlos guten Sex - doch teilte man wirklich alles? Und war es das wert, an weitere Schritte zu denken?

Marc Bowlers war sich hierin noch unschlüssig. Zudem wollte er wegen der ungewöhnlichen »Beziehungskiste« einen Hüter zurate ziehen. Die Gebote von FISH waren bei dieser speziellen Variation mit einer hetero-, bi- und homosexuellen Gemeinschaft nicht aussagekräftig genug, wie er fand. Und eine Berücksichtigung mit einem »lebendigen und fühlenden inneren Begleiter, einem Wiedergeborenen ohne eigenen Körper« gab es schon gar nicht. Bis jetzt noch nicht. Marc Bowlers sah sich schon im Geiste nach Rastiastan fliegen, um dort mit der Religionsgründerin Estelle Brukner in ein sehr persönliches Gespräch zu gehen - oder zumindest mit dem Ersten der Hüter, mit Johannes Buttmanner.

»Sag mal, träumst du am helllichten Tage?«, fragte eine verführerisch klingende Frauenstimme. Es war die verführerische Abigail: nackt, schokoladenbraune Haut, dunkles gelocktes Haar. Zärtliche Finger glitten in den Bund von Marcs gelber Boxershorts hinein. Marc Bowlers und Tim Schmitt mussten gleichzeitig schlucken, als sie gezielt die Peniswurzel umfasste. Und da kam auch schon der schöne Aiden aus dem Badezimmer heraus. Sein wohlgeformter Sixpack war noch feucht vom Duschwasser. Seine Scham war frisch rasiert. Lässig hatte er sein langes Haar zum Zopf gebunden. »Na, Männer!«, fragte er locker lässig. »Wer liegt heute wo? Und wer darf was zuerst?«

Abigail kniete sich vor Marc Bowlers hin und zog ihm die Shorts über die Hüften. »Ich hab mich schon entschieden!«, sagte die junge Frau. »Das ist für den frechen Tim - und ein wenig für den lieben Marc.« Dann öffnete sie ihren zartlippigen Mund und verwandelten in Sekundenschnelle eine beginnende Erektion in eine vollständige.

»Mhmmm«, machte Abigail einen langgezogenen Wohlfühllaut.

Ich muss unbedingt mit einem Hüter sprechen!, dachte Marc erregt, als Aiden ihn sanft küsste.

Unbedingt!

Dann kuschelten sie sich ins breite Bett hinein und fühlten sich zwei volle Stunden sehr wohl, ... alle vier.

6. Kapitel: Damenplausch

Ein zarter Windhauch umschmeichelte die grünen Palmwedel. Kapuzineräffchen kreischten um die Wette. Rosafarbene Flamingos stolzierten schweigend im seichten Wasser des schönen Sees umher und ignorierten alles, was nicht ihrer Art entsprach. Verschleierte Frauen pflückten Beeren von dicht bewachsenen Büschen, einige Gärtner trimmten mit Heckenscheren die Auswüchse der Zierbüsche.

Friedliches Rastiastan.

Die beiden Frauen saßen im Schatten zweier Palmen auf einer Bank aus feinstem Marmor. Die Prophetin der letzten Tage, Estelle Brukner, sah sich einige mit der Hand gezeichneten Bleistiftskizzen von Madeleine Bowlers an: Altäre in allen erdenklichen Formen, Farben und Größen. Die Zeichnungen gehörten zu einer ganzen Serie von Einrichtungsgegenständen für FISH-Kirchen, die gerade in Europa gebaut wurden.

»Mir gefallen diesen organischen Strukturen sehr«, sagte Estelle und deutete auf eine Skizze. »Der Sockel hier wirkt wie ein Wurzelwerk, als würde der Altar leben

Madeleine, die ein hellgrünes Leinenkleid mit passenden Riemensandalen trug, nickte aufgeregt. »Ich wusste, dass dir die organischen Formen zusagen, Estelle.« Sie wühlte in einem Stapel weiterer Entwürfe. »Ah, hier. Wie gefällt dir diese Altaroberfläche dazu? - Das ist Bronze.«

Estelle spitzte die Lippen. »Sieht ja geil aus!«, entfuhr es Estelle. Mit der flachen Hand klatschte sich die Blondhaarige auf den Mund. »Entschuldige die Wortwahl, Maddy. Manchmal bin ich so gedankenlos.«

»Schon verziehen«, antwortete Madeleine und lächelte. »Mercy und Marc haben meine Ohren schon vor Jahren abgehärtet

Estelle besah sich erneut die Zeichnung. »Eine langgezogene Acht?«, fragte sie. »Das sieht als Oberfläche für einen Altar ungewöhnlich ... ungewöhnlich gut aus! Aber, ... warum eine Acht?«

Madeleine schmunzelte. »Hast du nicht Mathe studiert, bevor du zu Höherem berufen wurdest?«, hakte sie nach.

Estelle krauste kurz die Stirn, schien zu grübeln. Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. »Unendlich!«, sagte die Prophetin. »Jetzt verstehe ich! Es ist keine Acht, sondern das Symbol für die Unendlichkeit. Sehr schöne Idee, Maddy!« Estelle lachte herzlich. »Die kunstliebenden FISH in Frankreich werden entzückt darüber sein! Das sind doch deine Entwürfe für die Kirchen in der Provence, oder?«

»Ja, für die Provence und die neue Kirche bei Nizza.«

»Sehr gute Arbeit, meine Liebe!«

»Danke dir, Estelle!«

Rana, die Leibdienerin, kam einen Gartenweg entlang, trug ein Silbertablett mit einem Krug und zwei Gläsern.

»Oh, gekühlte Limonade!«, freute sich Estelle. »Die kommt bei der Hitze besonders gut!«

Madeleine steckte die Skizze in eine lederne Tasche und nahm Rana das Tablett ab. »Merci«, sagte sie zu der verschleierten Frau und nahm das Tablett entgegen. »Ich bediene Estelle selbst. Du darfst gehen, Rana.« Wortlos deutete Rana eine Verneigung an und ging zum Haupthaus zurück. Madeleine goss die Limonadengläser voll. Das von Rana selbst gemachte Getränk hatte im Palast von Rastiastan wahrhaft einen legendären Ruf.

»Hab ich doch geahnt, dass hier Limo gesüffelt wird!«, hörten Estelle und Madeleine eine heitere Frauenstimme mit einem schottischen Akzent in der englischen Aussprache.

Fay Fraser war vom Verwaltungs- und Bürogebäude des Anwesens gekommen.

Mittagspause für die Büroangestellten.

Die richtige Zeit für einen Plausch unter Damen!, wie die rothaarige Schottin fand.

»Wir sollten uns in den Pavillon zurückziehen«, meinte Estelle. »Die Sonne entfaltet gerade ihre volle Pracht.

Sofort wurden in ihr schöne Erinnerungen wach. Im Holzpavillon hatte Estelle wundervolle erste Gespräche mit Mercy gehabt. Damals, als ihre Freundschaft begann. Damals, als Estelle noch eine entführte und verkaufte katholische Jungfrau und Mercy, eine entführte tolldreiste Straßenhure gewesen war.

Und nun? Nun waren sie Auserwählte Gottes. Die eine war eine selbst ernannte Prophetin des Herrn und die andere Frau war zu einer prominenten international agierenden Geschäftsfrau geworden.

Holzpavillon!, dachte die Prophetin wehmütig. Das ist lange her!

»Ich habe Mercy einige Zeit nicht gesprochen«, sagte Estelle ein wenig betrübt. »Hast du einen guten Kontakt zu ihr, Maddy?«

»Wir telefonieren wöchentlich, doch -« Madeleine brach ab, suchte scheinbar einen Gedanken oder hatte eine Erinnerung. »Sie hat sich seit damals sehr verändert. Aber das wisst Ihr ja beide.«

Damals. Thomas Bendermanns Tod überschattete noch immer die Gegenwart. Selbst nach fünf Jahren tat er das.

»Daran sieht man deutlich«, sagte Fay ruhig, »dass Geld die Liebe nicht ersetzen kann.«

»Das ist richtig«, pflichtete die Prophetin bei. »Und keine Macht der Welt hätte Thomas wieder lebendig machen können.«

»Nicht einmal du?«, fragte Madeleine. Sie erinnerte sich an die vielen Toten, die Estelle nach dem Angriff der Dunklen in New York wieder ins Leben zurückgeholt hatte.

»Selbst mir ist nicht alles erlaubt, Maddy. Das weißt du. Letztendlich bin ich auch nur ein Mensch und habe Gott zu dienen und zu gehorchen.«

»Das macht dich ja so sympathisch, Kleines«, sagte Fay lockerlippig und ziemlich respektlos, was nicht so gemeint war. »Wenn man bedenkt, wer du bist, dann wirkst du noch immer wie ein Mädel aus New York City.«

»Nun ja.« Estelle grinste ein wenig verlegen. »Das Mädel ist dieses Jahr neunundzwanzig geworden. Ich stehe kurz vor der magischen runden Hürde.« Übertrieben erschöpft atmete sie aus. »Ich fühle mich verdammt alt.« Sie blickte rasch zum Himmel hoch. »Herr, bitte verzeih mir das unschöne Wort!«

»Ab fünfzig ist alles wieder gut«, warf Madeleine trocken ein. »Seit meinem Fünfzigsten zähle ich die Geburtstage nicht mehr so genau - und fühle mich tadellos dabei!«

Die beiden anderen Frauen wussten natürlich, dass Madeleine kurz vor ihrem Sechszigsten stand, doch niemals danach aussah.

»Von den Toten Auferstandene zählen nicht!«, witzelte Fay. »Nur Normalos, bitte!«

Madeleine lächelte die Schottin vergnügt an. »Auferstanden bin ich, das ist richtig. Doch ich altere und werde irgendwann wieder gehen.«

»So wie Tom Bendermann«, sagte Estelle nachdenklich. »So wie wir alle gehen werden. So wie die gesamte Menschheit am letzten Tag gehen wird.«

Eine kurze Stille trat ein, und jeder erinnerte sich an New York, vor fünf Jahren, als das Ende der Menschheit mit einem großen entsetzlichen Knall eingeläutet worden war.

»Apropos Geburtstage!«, sagte Madeleine plötzlich. »Vergesst unsere Rocklady nicht!«

Estelle Brukner patschte sich mit der flachen Hand an die prophetische Stirn. »Himmel! Liddi hat heute ihren Fünfzigsten!« Dann stellte sie flugs ihr Limonadenglas auf das Silbertablett. »Ich brauche mein Smartphone! - Man sieht sich!« Hastig fetzte Estelle Brukner die schönen Gartenwege entlang. Fay und Madeleine sahen der rennenden Prophetin und inoffiziellen Prinzessin von Rastiastan nach.

»Hat sie nicht eben gesagt, sie fühle sich ... alt?«, fragte Fay Fraser lächelnd.

Und Madeleine antwortete: »Du kennst Estelle, liebe Fay. Die jammert mal gerne auf besonders himmlisch hohem Niveau.«

Estelle erreichte inzwischen die große Haupttreppe zum Palastgebäude und nahm immer drei Stufen auf einmal, um rasch in ihr Arbeitszimmer zu gelangen. Das Geburtstagstelefonat hatte oberste Priorität. Lydia, die Stimme vor dem Herrn, war immerhin fünfzig geworden. Alles andere auf der Welt hatte Zeit und musste eben warten.

7. Kapitel: Prüfung

Ein Gong beendete die Schulstunde.

»Bevor Sie alle aufspritzen und in die wohlverdiente Freizeit gehen, möchte ich Sie an die schriftliche Prüfung am kommenden Montag erinnern.« Mathew Bowlers rückte seine Brille zurecht. Das tat er immer, wenn er wichtige Informationen an seine Klasse richtete. Die jungen Menschen, im Alter zwischen achtzehn und achtundzwanzig Jahren, kannte diese Geste ihres Lehrers schon. Jetzt hieß es aufpassen! »Bitte konzentrieren sich besonders auf die Gebote.« Der Mann lächelte, wie nur ein Pädagoge lächeln konnte. »Das bloße Benennen der Gebote reicht mir natürlich nicht aus. Sie müssen die Großen Fünfzehn anhand realitätsbezogener Beispiele erklären können. Wichtig sind die Graubereiche, in denen Gläubige sich gerne verfangen und sich selbst verstricken. Und achten Sie auf eine gute Argumentationsgrundlage!«

Ein junger Mann, kurzhaarig, so um die zwanzig, meldete sich mit der Hand. Mathew rief ihn auf. »Ja, Marco, sprich.«

»Wir der schriftliche Anteil größer sein als der mündliche? - So wie bei der letzten Prüfung, Mathew?«

»Nein, hälftig! Aber es wir keine Multiple Choice - Fragen geben! Seien Sie einfach fleißig.«

»Wird die Bedeutung der »Raubkatzen« eine Rolle spielen?«, fragte ein aschblondes Mädchen aus Schweden.

»Nein, Svenja. - Wieso fragst du?«

»Ich habe nie begriffen, warum der Zusatz mit den »Raubkatzen« unter den FISH-Geboten steht, Mathew?«

Mathew Bowlers grinste breit. »Das weiß nur die ehrenwerte Estelle. Und eine Beantwortung ist sie mir bisher ebenfalls schuldig geblieben. Aber wir sollten uns in Geduld üben, liebe Klasse!« Mathew drehte seine flachen Handflächen nach oben. »Der Segen des großen Gründers sei mit Ihnen! Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!«

Dann verließen die jungen Menschen den Klassenraum und das Schulungsgebäude.

Mathew Bowlers trat zum Fenster und blickte hinaus. Die Hauptverkehrsstraße war mit Menschen und Autos übersät. Es herrschte ein wildes Treiben in dem touristischen Zentrum von Rasti, der Landeshauptstadt. Am Horizont sah der Lehrer große Kräne. Dort wurden weitere Gebäude errichtet. Der Mann glaubte sich zu erinnern, dass Halim, der persönliche Assistent von Prinz Sahid, vom Bau eines ärztlichen Versorgungszentrums gesprochen hatte.

Ein Glockenschlag ertönte. Mathew sah auf die Kirchturmuhr, die gegenüber dem Campus in den blauen Himmel hineinragte. Dann ertönte ein liebliches Glockenspiel, dass die FISH zum »Zweiten Ruf des Tages«, einem Nachmittagsgebet mit religiösen Gesängen und einer Beichtmöglichkeit bei einem Hüter aufrief. Einige Jugendliche liefen in die FISH-Kirche hinein, um die Zeremonie zu nutzen.

Mathew stand noch immer am Fenster und blickte hinaus, als er die Frauenarme spürte, die ihn von hinten umarmten. Dann fühlte er einen warmen Atem an seinem Nacken und roch das blumige Parfüm, das er kannte. Es war Charlotte »Lotte« Dissmann, eine zielstrebige 22-Jährige aus Berlin, die sich an seinen verschwitzten Rücken presste. Er fühlte ihr Gesicht durch den Leinenstoff seines Hemdes. Lotte war Schülerin in seiner Religionsklasse. Er atmete erschöpft aus. »Das muss aufhören!«, flüsterte er, wagte es nicht, sich nach ihr umzudrehen.

»Ich will aber nicht, dass es aufhört!«, hauchte sie dicht an seinem Ohr.

Dann drehte er sich um und schaute in diese hellgrünen Augen, die ihn so begierig, so lebendig anschauten. Doch es war eine weitere Tatsache, die seinen Herzschlag und seine Atmung erregte: Diese Augen des Mädchens schauten ihn wollend an, sehr wollend!

Lotte Dissmann war pünktlich zu Schulbeginn vor drei Monaten in Rastiastan angekommen. Die junge Frau hatte alle beruflichen und privaten Brücken in Deutschland abgebrochen und war von heute auf morgen einem inneren Ruf gefolgt.

Lotte, eine mittelgroße, sportliche Erscheinung, die einen kecken Pferdeschwanz am hellbraunen Hinterkopf trug, hatte mit Religion oder dem Glauben nie etwas am Hut gehabt. Ihr Elternhaus war durchdrungen von materieller Habsucht und Wettkämpfe um bessere Karrieremöglichkeiten. Vater und Mutter, beides geldorientierte Workaholics, legten keinen Wert auf Traditionelles, und das Thema »Glaube« hielten sie für überholt. Vater Bernd hatte Lotte schon zu Kindergartentagen erzählt, dass man mit dem »ganzen nutzlosen Hokuspokus« noch anfangen könne, wenn man zu sterben beginne! Mutter Klara war eine aggressive von sich überzeugte Atheistin, die zu Halloweenpartys gerne ein sexy ausgeschnittenes Shirt anhatte, auf dem deutlich zu lasen war: »Gott ist tot - und das ist gut so!« Und der halbwüchsiger Bruder Finn glaubte eher den haarsträubenden Aussagen von Internet-Bloggern über UFO-Sichtungen im Sauerland als an Jesus Christus und dessen Vater. Und von einem möglichen Heiligen Geist wollte der 14-jährige schon gar nichts wissen. Und überhaupt: Waren Geister nicht etwas Paranormales oder die Erfindung von Hollywoodregisseuren oder Buchautoren? Und Engel? Die einzige »Engelsfrau«, die dem Pubertierenden in den Sinn kam, war Jenny, die in Biologie neben ihm saß. Auf sie spritzte der Jüngling besonders gerne in seinen feuchten Fantasien ab.

Ja, Lotte Dissmann war in einem wahrlich gottlosen Haus aufgewachsen, und sie hatte den Herrn niemals vermisst - bis zu jenem Tag jedenfalls!

Die Anzeichen waren seltsam gewesen: Bauchkrämpfe wie bei einem Durchfall, Schüttelfrost und hohes Fieber. Schließlich hatte sie eine Spontanmenstruation und sich damit ihr Leintuch vollständig eingesaut. Das Blut hatte eine tiefschwarze Farbe gehabt. Nach einer einwöchigen Untersuchung im Städtischen Krankenhaus war der Spuk vorüber gewesen. Die Fachärzte hatten nichts sonderbar Organisches oder Seelisches feststellen können.

Doch Lotte war nach dieser Zeit nicht mehr die Lotte von früher gewesen.

Etwas hatte begonnen, sie durch den Alltag zu leiten wie ein Flüstern, wie ein zärtliches Versprechen.

Und ein einzelnes Wort hatte ihr Innerstes beherrscht: Rastiastan!

Nun war Lotte Dissmann hier. Hier in Rastiastan, hier, wo die Seminare für die Novizinnen und Novizen abgehalten wurden. Die Seminare für berufene »Hüterinnen« und »Hüter«. Hier hatte sie den Religionslehrer Mathew Bowlers kennen und schätzen gelernt. Sehr schätzen gelernt.

Und aus einer anfänglichen Schwärmerei für den attraktiven Pädagogen war weitaus mehr geworden. Etwas, das kaum noch zu kontrollieren und kaum noch zu bändigen war. Und Lotte war sich sicher, dass sie nicht nur wegen des Glaubens an den Großen Gründer nach Rastiastan gekommen war.

Nein, sie war vor allen Dingen wegen Mathew hier!

Mathew Bowlers wies sie mit den Händen zurück, hielt sie auf Abstand. »Ich habe dir deutlich gesagt, dass ich das nicht will! Niemals möchte, Lotte!«

Enttäuscht blickte sie ihn an. »Bin ich dir nicht hübsch genug?«, flüsterte sie verlegen.

»Nein, das ist es nicht. Und das weißt du. Ich liebe meine Frau - und ich bin ein FISH!«

»Du könntest dich von ihr trennen, Mathew, oder?«

»Lotte! Ich habe nicht vor meine Frau zu verlassen - für niemanden auf der Welt! Ich liebe Madeleine! - Seit fünfunddreißig Jahren liebe ich sie!«

»Aber ... aber ich liebe dich, Mathew!«, flehte sie, hatte wieder diese großen hellgrünen Augen, mit denen sie wie ein fassungsloses Kind schauen konnte.

Mathew blickte sie ernst an. »Und ich liebe dich, Lotte!

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