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Mendoza

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Originalausgabe

Veröffentlicht im Pendragon Verlag

Günther Butkus, Bielefeld 2009

© by Pendragon Verlag Bielefeld 2009

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Günther Butkus

Umschlag & Herstellung: Uta Zeißler (www.muito.de)

Gesetzt aus der Adobe Garamond

eISBN: 978-3-86532-295-1

Das Ende der Gangway war irgendwo sehr weit unten, und Mendoza griff nach dem Geländer. Er schloss die Augen, und dann öffnete er sie wieder, schloss sie und öffnete sie, und das Ende der Gangway war jetzt sehr nah. Helles Metall über grauem, nassem Beton. Er ging langsam die Treppe runter. Sein linker Fuß berührte den Beton und dann sein rechter, und er blieb stehen. Die Passagiere drängten an ihm vorbei, einige stießen ihn an und liefen durch den Regen, um in den Bus zu kommen, und Mendoza ließ sie an sich vorbeilaufen, mit dem Regen in seinem Gesicht, und blickte mit müden, entzündeten Augen nach dem seltsamen Gebäude auf der anderen Seite. Er hatte lange nicht geschlafen, im Flugzeug hatte er immer wieder nach Kaffee verlangt, er wollte nicht schlafen, weil er wusste, dass er sich seltsam benimmt im Schlaf, und einige Male hatte die junge, blonde Stewardess ihn besorgt angesehen, und er hatte gelächelt. Der Regen lief ihm über das Gesicht und in den Kragen seiner Nylonjacke, und eine junge Frau kam auf ihn zu und sagte: »Bitte, kommen Sie.« Er verstand sie nicht, ihre Stimme schien ihm aus einiger Entfernung zu kommen. Er hörte sich irgendetwas sagen und folgte ihr lächelnd in den Bus. Für einen kurzen Moment vergaß er die Schmerzen in seinen Hoden.

In dem Bus war es sehr eng, die Leute standen dicht beieinander, und Mendoza dachte, dass sie seinen Schweiß riechen könnten. Er zog sich zurück gegen die Tür, seine rechte Hand umklammerte einen silbrig glänzenden Haltegriff, der sich warm und glatt und wie Haut anfühlte. In seiner Linken hielt er die kleine Plastikreisetasche. Der Bus rollte fast lautlos über das nasse Flugfeld, das mit seiner spiegelnden Oberfläche aussah wie einer der glatten, kalten Seen in den Anden. Ein See mit Flugzeugen drauf. Wie groß sie sind, dachte Mendoza und sah nach dem Flugzeug, mit dem er gekommen war. Es war auch eine große Maschine, aber nicht ganz so gewaltig wie einige andere, und ihr aufgemalter Name erschien ihm wie ein Versprechen für ein Leben, in dem man frei atmen kann. Air France. Aire Francés. Französische Luft.

Der Bus beendete seine Fahrt mit einem weichen, kaum wahrnehmbaren Ruck und öffnete mit leisem Zischen seine Türen. Mendoza schlug den Kragen seiner Jacke hoch und trat in den Regen hinaus, der nur zwei Schritte dauerte. Dann war er in einer Tür, hinter der sich ein Gang zeigte. Der Gang war in ein sanftes Licht getaucht, das von nirgendwo kam. Mendoza betrat ein Laufband aus schwarzem Gummi, dessen Geschwindigkeit ihn überraschte, und er musste an die Förderbänder in den Kupferminen denken. Ein Menschenförderband, dachte er. Er stand still und ließ sich vorwärtstragen durch das sanfte Licht, und dabei hörte er Musik, die aus den Wänden oder von der Decke kam, er konnte es nicht feststellen und drehte den Kopf. Vielleicht kam die Musik von hinten. Er blickte in ein Gesicht mit schmalen, dunklen Augen und einem dünnen, gut ausrasierten Bärtchen unter einer Nase, die wie die Nase eines Boxers geformt war. Unter dem Gesicht sah er einen steifen, weißen Kragen und den dunklen Knoten einer Krawatte. Er wandte sich ab und sah wieder nach vorn. Die Musik war jetzt nur noch ein weit entferntes Summen. Ein Chilene oder ein Peruaner, dachte er. Eher ein Chilene. Ein gut gekleideter Chilene. Er hatte ihn im Flugzeug nicht gesehen, er hatte die wenigsten Leute richtig gesehen, nur die blonde Stewardess mit ihrem Lächeln und diesen seltsamen blauen Augen, die ihm sehr nah gewesen waren, wenn sie sich über ihn beugte, um den Kaffee zu servieren. Ein Geschäftsmann, dachte er, und wusste im selben Moment, dass er sich belog. Er wollte nicht denken, was er wirklich dachte. Einige Dinge wollte er nie mehr denken, nicht hier, in Aire Francés, aber er wusste, dass er sie nicht so einfach zurücklassen konnte, wie man seine Katze oder die kleinen Vögel in den Käfigen auf der Veranda zurücklässt. Die Schmerzen in den Hoden waren jetzt sehr stark, er fühlte seinen Nacken kalt und feucht werden, und das schwarze Band trug ihn vorwärts, mit dem boxernasigen, chilenisch aussehenden Mann in seinem Rücken. Hijo de puta, du Sohn einer Hure, dachte er, kriech in die Hure zurück, die dich geboren hat. Er fühlte das bekannte Zittern in den Beinen, das nur sehr schwer zu kontrollieren war, und mitunter verlor er mit dem Zittern auch die Kontrolle über die Schließmuskeln, und es kamen ein paar Tropfen Urin. Mendozas Finger schlossen sich hart um den schwarzen Handlauf, der mit dem Förderband in Hüfthöhe mitlief, und das Zittern hörte auf.

Ich muss meinen Kopf in Ordnung bringen und darf nicht verrückt spielen, dachte er. Wenn er ein CNI1-Mann ist, haben sie ihn mitgeschickt, um mich zu töten. Aber dann wird er nicht so dumm sein, mir sein Gesicht zu zeigen. Oder haben die anderen Reisenden ihn hinter mich gedrängt? Warum geht er nicht an mir vorbei, alle gehen auf diesem Band. Ich gehe nicht, weil ich müde bin. Oder ist er auch müde? Mendoza sah das Ende des Förderbandes und dahinter, sehr weit entfernt, wie ihm schien, eine Art Halle. Seine Finger lösten sich von dem Handlauf und er begann, langsam zu gehen. Vielleicht holt er auf und geht an mir vorbei, um in meiner Nähe zu sein, dachte er und sah aus den Augenwinkeln nach den Leuten, die eilig an ihm vorbeidrängten. Als das Band Mendoza in die Halle mit der Passkontrolle schob, hatte er den Mann mit der breiten Nase und den schmalen dunklen Augen immer noch in seinem Rücken. Er tastete nach dem Pass in der linken Innen tasche seiner Jacke. Der Pass und das Visum seien in Ordnung, hatte man ihm gesagt, es würde keine Schwierigkeiten geben, und wenn wider Erwarten Probleme auftauchen sollten, müsse er eine der Nummern in dem Dossier anrufen, das man ihm mitgegeben hatte.

Er ging langsam durch die Halle, ohne sich umzusehen, und reihte sich in die Schlange der Wartenden ein. Hinter sich spürte er Bewegung. Irgendjemand war hinter ihn getreten, sehr nah, wie ihm schien, zu nah, er fühlte, dass es zu nah war. Sie machen es mitunter in aller Öffentlichkeit, Mendoza hatte davon gehört. Man spürt kaum etwas, einen kleinen Druck vielleicht, wie eine zufällige Berührung, und ein paar Stunden später kommt die Müdigkeit und dann der Schlaf, den man nicht mehr aufhalten kann. Mendoza starrte auf den Nacken seines Vordermannes, ein bläulichroter Nacken, der feucht über einen verschwitzten Hemdkragen quoll. Der Nacken bewegte sich von ihm weg, und Mendoza machte einen Schritt nach vorn. Mit der rechten Hand griff er in seine Jacke nach dem Pass, und dabei drehte er den Kopf über die linke Schulter, und aus den Augenwinkeln sah er eine dicke ältere Frau mit einem Kind hinter sich stehen. Er biss sich auf die Unterlippe, dass es schmerzte, und zog den Pass aus der Tasche. Der Pass fühlte sich warm und feucht an. Er öffnete das kleine, in Kunststoff gebundene Heft, wie er es einige Male im Flugzeug geöffnet hatte, um sich die Eintragungen und das Visum anzusehen, aber er hatte nichts entdeckt, das nicht in Ordnung schien. Alles sah offiziell und richtig aus, und am Schluss hatte er sich beruhigt und gedacht, dass alles gutgehen würde. Sie würden ihn durchlassen. Der Mann vor ihm wurde durchgelassen, und Mendoza machte einen Schritt vorwärts, und als er den Pass durch die Öffnung in der Glasscheibe reichte, dachte er gar nichts mehr. Die Geräusche in der großen Halle waren ein dumpfes, unregelmäßiges Klopfen in seinen Ohren, und dahinter war die Stimme dieses blonden Mannes mit dem seltsamen Akzent und den tiefen Falten in dem hellen Gesicht. »Machen Sie sich keine Sorgen, es ist alles genehmigt und der Person, die Sie am Flugplatz abholt, können Sie vollkommen vertrauen.« Mendoza hatte genickt und einfach nur »Danke« gesagt. Er hatte viel mehr sagen wollen als »Danke«, etwas über den blonden Mann und seine Arbeit und über die Organisation, die hinter ihm stand, aber seine Stimme hatte ihn im Stich gelassen und sein »Danke« war nicht mehr als ein Flüstern gewesen.

Der Mann hinter der Glasscheibe war auch blond, aber sein Gesicht war glatt und sehr weiß über der blauen Uniform, und in seinen farblosen Augen war nichts, was Mendoza deuten konnte. Die kurzen, breiten Finger mit den rötlichen Haarbüscheln blätterten sehr langsam jede Seite des Passes um, die Augen tasteten die Eintragungen ab, und als sie bei dem Visum angekommen waren, wurde das Klopfen in Mendozas Ohren lauter, eine große, dumpfe Trommel, wie sie die Indianer in den Bergen benutzten, und er dachte, dass jeder seinen Herzschlag hören könne.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, hörte er wieder die Stimme, aber sie war jetzt verzerrt und kam wie durch einen defekten Lautsprecher, »es ist alles genehmigt«. Der Mann hinter der Scheibe hob den Kopf und sah Mendoza mit lebloser Aufmerksamkeit ins Gesicht. Die farblosen Augen tasteten sich über dieses hagere Gesicht mit den hohen Wangenknochen und nahmen die dunkle Müdigkeit wahr, die entzündeten Lider, die schmale, gebrochene Nase und den Rest. Mendoza fühlte eine Art Lächeln an seinen Mundwinkeln zerren, und dann kam Leben in die Augen hinter dem Glas, und der blonde Mann gab das Lächeln zurück. Er sagte etwas, das Mendoza nicht verstand, und Mendoza nickte mit dem Kopf und lächelte mit harten steifen Lippen. Er sah, wie die kurzen Finger nach einem Stempel griffen. Als er durch war, lächelte er immer noch, aber merkte es nicht, und als er die Zollkontrolle passieren wollte, machte einer der Beamten eine Handbewegung und Mendoza stellte seine Reisetasche auf einen Metalltisch. Der Mann sagte etwas zu ihm, das er nicht verstand, und zog den Reißverschluss auf. Er entnahm der Tasche zwei Hemden, etwas Unterwäsche, drei Paar Socken, eine Tube Zahnpasta, eine Zahnbürste, einen Kamm, ein kleines Taschenmesser und einen Apfel. Er blickte Mendoza an, untersuchte mit seinen Augen die ganze Gestalt des jungen Mannes, und sagte etwas zu seinem Kollegen. Der nickte und verschwand durch eine Tür im Hintergrund. Ein paar Leute standen neben Mendoza und warteten, und er spürte ihre Ungeduld und sah ihre großen Koffer. Er senkte den Kopf und starrte auf seine Füße. Als er wieder aufblickte, öffnete sich die Tür im Hintergrund. Der Beamte kam zurück und führte einen Hund an der Leine. Mendoza sah, dass es ein mittelgroßer Hund mit wachen braunen Augen war, der von dem Beamten in seine Richtung dirigiert wurde. Nein, dachte Mendoza, das nicht, das kann nicht sein, und er fühlte Übelkeit aus dem Magen aufsteigen. Er schlug die Zähne hart aufeinander, um es zu unterdrücken, und dann umkreiste ihn der Hund und kam näher, beroch ihn von allen Seiten und er hob beide Hände und flüsterte »no, no, por favor, no«, und hinter sich hörte er jemanden lachen. »Kein Rauschgift,« sagte der Mann zu seinem Kollegen und entfernte sich mit dem Hund. Mendoza verstand nicht, was hier geschah, und als man ihm die Reise tasche gab, sagte er »Gracias,« und ein dünnes Lächeln mühte sich in seine verspannten Züge. Er merkte, dass er schwitzte, und ging eilig weiter und das Lächeln verließ langsam sein dunkles Gesicht. Aire Francés, dachte er, und das war alles, was ihm in den Kopf kam.

Er blieb stehen und atmete die neue Luft. Die Leute gingen an ihm vorbei, und einige sahen ihn neugierig an, ihn, der nicht ging, einfach nur stand, atmete, tief atmete, einen mittelgroßen, jungen Mann mit eckigen Schultern unter einer blauen Nylonjacke, die ihm ein paar Nummern zu groß war. Mendozas Gedanken wurden klar, und er dachte: »Er muss noch irgendwo hinter mir sein.« Dabei blickte er sich um und sah den Mann mit der eingedrückten Nase die Zollkontrolle passieren. CNI-Mann, dachte er, wenn du ein CNI bist, wünsche ich dir und allen, die von deinem Blut sind, einen langsamen, einsamen Tod. Der Mann ging an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen, und Mendoza atmete sein Rasierwasser und seinen Schweiß. Er blickte ihm nach und sah die breiten Schultern, die zum guten Teil von einem chilenischen Schneider stammten, er kannte diese Anzüge, er war Männern begegnet, die sie trugen, und er sah den Gang, der das Selbstbewusstsein gutgenährter Chilenen ausdrückte. Das glänzende, glattgekämmte Haar kräuselte sich im Nacken, und die schwarzen Schuhe spiegelten die Hand des Schuhputzjungen, 200 pesos das Paar. Ich habe dich gesehen und werde dich nicht mehr vergessen, dachte Mendoza, ich werde keinen von denen vergessen, die ich in den letzten neun Monaten gesehen habe. Und die ich nicht gesehen habe, erkenne ich an ihren Stimmen. Du musst auf Katzenpfoten gehen und von hinten schießen, wenn du mich töten willst.

Das glattgekämmte Haar verschwand in der Menge, und Mendoza ging langsam auf den Ausgang zu. Neben ihm ging die dicke ältere Frau mit dem Kind an der Hand. Das Kind sagte etwas zu der Frau in einer Sprache, die Mendoza nicht verstand, mit einer hellen, aufgeregten Stimme, und die Frau antwortete knapp und mit einer Andeutung von Ärger. Mendoza verstand nichts von dem Gesagten, aber er erkannte die Sprache, und etwas regte sich in seinem Inneren. Seine Bauchdecke vibrierte, und dann vibrierten seine Knie, und ein paar Tropfen Urin lösten sich und liefen langsam an seinem linken Bein herunter. Die Frau hatte deutsch gesprochen. Mendoza blieb stehen und drückte die linke Hand gegen seinen Magen. In seinem Mund waren das Brennen von Säure, die aus seinem Magen hochstieg, und der Geschmack von Bittermandeln. Nicht jetzt, dachte er. Und: Ich habe mich bepisst. Er schluckte runter, was in seinem Mund war, hart und schmerzhaft, und atmete langsam und tief durch die Nase. Das Vibrieren hörte auf. Ich hab mich bepisst, dachte er wieder und senkte den Kopf. Die Stelle zwischen seinen Beinen war trocken. Kein Fleck. Deutsch, dachte er. Er wischte mit einem Jackenärmel über sein Gesicht und ging langsam weiter. Die Feuchtigkeit an seinem Bein verlor sich in den Narben an der Innenseite seines linken Oberschenkels. Er war froh, dass er eine weite Hose aus dunklem Leinen trug. Pisser müssen weite Hosen tragen, dachte er und fühlte eine Müdigkeit, wie er sie noch nie gefühlt hatte.

Er ging durch eine Glastür, die sich automatisch vor ihm öffnete. Hinter der Tür standen Menschen mit verwischten Gesichtern, einige trugen Blumen in den Händen, und Mendoza sah ein paar rote und gelbe und lila Flecken. Er kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder, und das Bild wurde klar. Eines der Gesichter löste sich von den anderen und näherte sich ihm. Es war lang und schmal, mit harten Linien um den Mund, und erinnerte Mendoza an ein Pferd.

»Señor Mendoza?«

Mendoza nickte. Ein Lächeln machte den Mund weich und legte Zähne frei, die wie Plastik aussahen. Der Mann reichte Mendoza eine lange weiße Hand.

»Herzlich willkommen.«

Die Hand fühlte sich weich und trocken an.

»Danke, Señor.«

»Ich heiße Luis Ortega und arbeite für eine Organisation, die ›CIMADE‹2 heißt. Ich werde Ihnen später alles genau erklären. Sie müssen mü de sein nach der langen Reise.«

Ein Argentinier, dachte Mendoza.

»Es geht«, sagte er, »es gibt Schlimmeres.«

Der »CIMADE«-Mann nahm ihm seine Reisetasche ab und führte ihn, sich seinem Schritt anpassend, aus der Ankunftshalle des Flughafens Charles-de-Gaulle.

Das Land war flach, mit abgeernteten Feldern zu beiden Seiten der Straße und dunklen Hügeln, die sich in einem unscharfen Horizont verloren. Durch einige Felder zogen sich niedrige Mauern aus grauem Feldstein, und die Erde sah durch tiefe Reifenspuren, die sich mit Wasser gefüllt hatten, wie verwundet aus. Mendoza hatte sich Frankreich anders vorgestellt. In seiner Vorstellung war das Land immer grün und hügelig gewesen, mit einer milden Sonne an einem weiß-blauen Himmel, über den sehr langsam vereinzelte Wattewolken segelten. Er hatte nicht geglaubt, dass die Wolken hier dunkelgrau und schwarz tief über dem Land hängen könnten. Nicht in Frankreich. Es regnete jetzt sehr stark, und der Argentinier saß bequem zurückgelehnt und fuhr den kleinen Wagen mit mäßiger Geschwindigkeit. Er fuhr immer sehr ruhig, wenn er einen abholte, er wusste, wie sie sich fühlten und wollte sie nicht nervös machen. Der Mann, der ihn vor sechs Jahren abgeholt hatte, war auch sehr ruhig gefahren, das hatte er nie vergessen. »Wie fühlen Sie sich?« fragte er Mendoza, der still, mit kleinen Augen nach vorn in den Regen starrte. »Danke«, sagte Mendoza, »gut«. Der Argentinier sah ihn kurz von der Seite an und konzentrierte sich dann wieder auf die schnurgerade, nasse Straße. Er wusste, was dieser Chilene jetzt dachte, sie dachten alle das gleiche, und alle hatten sie Angst. Er hatte auch Angst gehabt, damals vor sechs Jahren, und mitunter dauerte es sehr lange, bis diese Angst ganz verschwand und man nur noch mit den Demütigungen und dem Heimweh zurechtkommen musste.

»Was denken Sie?« fragte er, ohne Mendoza anzusehen. Mendoza ließ eine Art leises Lachen hören.

»Dass ich jetzt ein Exilchilene bin. Und dass ich die Sprache nicht spreche. Ohne Sprache ist man tot. Ist sie schwer zu erlernen?«

»Keine Sorge.« Ortega wusste, dass er jetzt Optimismus verbreiten musste. »Sie ist der unseren sehr ähnlich, und Sie werden gleich einen Kursus absolvieren, und in ein paar Wochen reden Sie wie ein Franzose.«

»Wie sind die Franzosen?«

»Unterschiedlich. Die aus dem Süden sind ein bisschen wie wir Lateinamerikaner. Die in Paris sind eine Rasse für sich. Ziemlich grob, aber man weiß, woran man ist.«

Und Ortega begann von Paris zu sprechen, seiner Stadt, wie er sagte, er hatte sich mit ihr arrangiert, und wenn man erstmal die Regeln kannte – er sagte nicht, dass es Dschungelregeln waren –, komme man ganz gut klar. Probleme gebe es auch hier, aber das sei in allen Großstädten so, und ein Kerl, der seinen Kopf und seine Hände zu benutzen verstehe, würde schon zurechtkommen. Und seine Organisation, die »CIMADE«, würde ihm, Mendoza, in jeder Weise behilflich sein. Sie hatte schon viele Emigranten betreut, und man werde ihn auch bei dem ganzen Behördenkram unterstützen. Wenn wir Zeit und genug Leute haben, dachte Ortega. Von den Warteräumen – »Sie werden aufgerufen« –, von den Vier- und Fünf- und Sechsbettzimmern, die er mit Männern teilen würde, die nicht schlafen konnten, von der Schwarzarbeit für Kleingeld und ein paar anderen Din gen sagte Ortega nichts.

»Machen Sie sich keine Sorgen«, sagte er, »heute nacht werden Sie bei mir schlafen, und morgen bringe ich Sie in ihr Quartier und arrangiere alles für Sie.« Er drehte den Kopf, um Mendoza zuzulächeln. Mendoza schlief.

Der Chilene schlief noch, als sie Paris erreichten, und er sah nicht, dass die Stadt ganz anders war, als er sich vorgestellt hatte. Paris hatte er sich immer sehr farbig, aber auch sehr elegant und vergnügt vorgestellt. Und intelligent. Die Menschen hier waren von allen Europäern sicher die intelligentesten, studierte und sehr gebildete Kulturmenschen. Das, und die Sache mit der Eleganz, hatte ihm Kopfschmerzen gemacht von dem Tag an, als er erfuhr, dass er nach Paris kommen würde, und bei der Abreise, auf dem Flugplatz von Santiago, hatte er sich in einer Glastür gespiegelt und die weite Leinenhose und die zu große Nylonjacke gesehen, unter der die Schultern scharf und eckig hervortraten. Zu Hause hatte er zwei sehr elegante Anzüge besessen, einen eigenen und den von seinem Bruder. Sein Bruder war im Sommer 1978 nach einer Gewerkschaftsversammlung festgenommen und nach Santiago gebracht worden. Danach hatte der Anzug ihm gehört. Sie waren beide von gleicher Größe und Statur gewesen. An den Sonntagen war er auf die Plaza Mayor gegangen, um in den Bars Kaffee und ein paar Schnäpse zu trinken und in einem sehr eleganten Anzug an seinen Bruder zu denken.

Ortega tippte ein paarmal behutsam gegen das Bremspedal und brachte den Wagen zum Stehen. Die Rue Volta war wie ein Graben in der nassen Dämmerung, und vor dem Haus lag ein Araber in einem Wintermantel und lächelte ein Lächeln, das ganz ihm gehörte. Ortega zog den Zündschlüssel aus dem Schloss, und es wurde sehr still in der engen Straße. Ein Mädchen mit kurzen blonden Haaren lief schnell durch den Regen und hielt sich dabei eine Zeitung über den Kopf. Ortega sah dickliche Beine über den Gehsteig stampfen, und er dachte an die große schlanke Frau in Buenos Aires, der man am Schluss nicht erlaubt hatte, ihn zum Flugplatz zu begleiten. Er blickte nach rechts, auf Mendoza. Der Chilene schlief mit geöffnetem Mund, und Ortega sah, dass ihm ein paar Backenzähne fehlten. Die Mundwinkel zuckten, und Schweiß lief über das dunkle Gesicht, und an der Halsschlagader sah Ortega, dass der Puls sehr schnell ging. Er wusste, dass der Chilene träumte, und er ahnte, wovon er träumte. Behutsam fasste er Mendoza an der Schulter.

»Amigo«, sagte er leise.

Mendozas Zähne schlugen hart aufeinander, und er warf sich zur Seite und stieß mit dem Kopf gegen die Tür. »Amigo«, sagte Ortega wieder, »amigo Mendoza, amigo«. Mendoza hustete ein paarmal gegen das Seitenfenster, und dann lag er still und starrte nach draußen in den Regen. Er atmete tief und gleichmäßig durch die Nase und versuchte, seinen Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Mit der linken Hand wischte er ein paarmal über sein nasses Gesicht, und dann stieß er sich von der Tür ab und richtete sich auf.

»Entschuldigen Sie«, sagte er, ohne Ortega anzusehen, »ich habe geschlafen. Habe ich gesch …?«

»Nein, amigo, du hast nicht geschrien. Du hast dich verdammt gut unter Kontrolle.«

Wie gut ich lüge, dachte Ortega. Mendoza sah ihn an, mit einem kleinen steifen Lächeln, das sich wie zufällig unter der gebrochenen Nase versammelte und nicht die Augen erreichte.

»Danke«, sagte er leise, »ich werde es schon wieder hinkriegen, denke ich.«

»Sicher wirst du. Ich habs auch wieder hingekriegt.«

»Du auch?«

Ortega nickte. Mendoza beugte sich vor und packte ihn an der Schulter. »Luis Ortega«, sagte er und versuchte, die hohen Töne aus seiner Stimme rauszuhalten, »sag mir die Wahrheit. Dauert es lange?«

Ortega lächelte an Mendozas Augen vorbei und sagte: »Nein, es dauert nicht lange. Der Mensch vergisst.«

»Glaubst du wirklich?«

»Ich weiß es, mein Freund. Vor allem die Jungen.«

Einen Dreck weißt du, dachte Ortega. Seit sechs Jahren frisst du Pillen, um schlafen zu können, und diesem Jungen hier erzählst du, dass alles wieder gut wird. Ein tiefes Gefühl von Zärtlichkeit überkam ihn, und er legte eine Hand auf Mendozas Arm.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte er weich.

Mendoza lehnte sich zurück und dachte an die Worte des blonden Mannes mit dem komischen Akzent: »Der Person, die Sie vom Flugplatz abholt, können Sie vollkommen vertrauen.« Er wischte über die Scheibe, die beschlagen war von ihrem Atem und sah die Straße. Er sah die alten Häuser, die ihre Fassaden grauschwarz gegen den Regen lehnten, und weiter hinten, fast am Ende der Straße, an einer kleinen Kreuzung, sah er Licht hinter breiten Fenstern und über einer Tür ein Schild mit der Aufschrift »La Picada«. Spanisch, dachte er, seltsam. Was ist das? Er löste seinen Blick sehr langsam von der Straße und dem spanischen Schild und sah den Argentinier an. Das schmale Pferdegesicht mit den harten Linien um den Mund war ihm zugewandt.

»Wo sind wir?« fragte er und hatte dabei das Gefühl, dass er zu schnell sprach.

»In Paris, Carlos, in der Rue Volta im dritten Bezirk. Und das da«, Ortega deutete nach vorn, »ist eine Kneipe, in der auch solche wie wir verkehren.«

»Gehen wir dahin?«

»Später. Jetzt wirst du baden und dann zu Abend essen und schlafen.«

»Ja«, sagte Mendoza und öffnete die Wagentür. Als er ausstieg, sah er den Araber in seinem Wintermantel auf dem Gehsteig liegen. Neben dem Mann standen zwei große leere Weinflaschen. Das konturlose Gesicht unter einer Kruste aus Dreck und Speichel verzog sich zu einer Art Grinsen, das ein paar braune Zahnstümpfe freilegte. Mendoza sah es und er dachte, ich bin in Paris, diós, Aire Francés, und er fühlte sein Herz schlagen.

Ortega sagte: »Halt mal die Tasche.« Mendoza nahm seine kleine Plastikreisetasche aus Ortegas Hand, und zum ersten Mal wurde ihm bewusst, wie leicht sie war. Ortega packte den Araber unter den Achseln und schleifte ihn über den nassen Gehsteig unter einen Dachvorsprung, wo es trocken war. Der Araber kicherte und strampelte mit den Beinen. Ortegas Gesicht war rot vor Anstrengung, und sein schwarzes Haar fiel ihm nass und glänzend über die Augen. »Mein Gott«, sagte er, »diese Besoffenen sind schwer wie Elefanten.« Er keuchte leise und strich sich das Haar aus dem Gesicht. »Gib her.« Er nahm Mendoza die Tasche ab. Durch eine hohe, breite Holztür mit Messingbeschlägen betraten sie das Haus.

Der erste Hund war ein großer, gelbschwarzer Schäferhund. Er stand still und beobachtete. Dann kam eine Dogge, die sich unruhig bewegte und mit den Hinterpfoten scharrte und als der Mann mit der Sonnenbrille den Befehl gab, flüsterte Mendoza: »Nein, bitte«, und dann war es wie immer. Er fühlte etwas auf seinem Gesicht, stieß mit den Händen dagegen, ein paarmal, und dann hörte er die Stimme und wachte auf. Er hatte gegen Ortegas Hand gestoßen. Das Pferdegesicht war dicht über ihm, und er wusste, was geschehen war. »Tut mir leid«, wollte er sagen, sein Kopf formulierte diesen einfachen Satz, aber er brachte ihn nicht heraus, und eine Art Grunzen stieg tief aus seiner Kehle. Der Argentinier schüttelte seine dunkle Mähne und lächelte. »Alles in Ordnung, Carlos. Du hast etwas von einem Hund gesagt, und dann hast du geschrien, und ich hab dich geweckt, um es zu unterbrechen. Versuch, wieder zu schlafen.« Mendoza drehte sich zur Wand, er wollte dem Argentinier sein Gesicht nicht zeigen. »Du Sohn einer Hure«, flüsterte er gegen die Wand, »mit deinen Hunden. Wenn es einen Gott gäbe, hätte die Hure dich nie geboren. Lass das Licht an, Luis, mach das verfluchte Licht nicht aus. Er hat sie auf die Genitalien dressiert, sie gehen nur auf die Genitalien, Luis.« Mendoza redete gegen die Wand, und Ortega saß auf einem Stuhl neben dem Bett und hörte die Hundegeschichte. Er kannte sie in allen Einzelheiten. Einige von denen, die er abgeholt hatte, hatten über die Hunde gesprochen, und über den Mann mit der dunklen Brille, der sie abrichtete, und Ortega hatte sich Notizen gemacht.

Ortega lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und zündete sich eine Zigarette an. Er war müde, aber er wusste, dass er ohne die Pillen nicht schlafen würde. Er hatte die Pillen nicht genommen, um wach zu bleiben und auf den Jungen zu achten. Viel konnte er nicht tun, aber er konnte ihn wecken, wenn die Hunde kamen. Mendoza lag jetzt still auf der Seite und starrte die Wand an. Ich werd’s schon wieder hinkriegen, dachte er, der Argentinier hat es auch wieder hingekriegt, und er sagt, dass es nicht lange dauert. Wo er mich morgen wohl hinbringt? Mendoza dachte an den nächsten Tag und dass es sicher aufhören würde zu regnen und Paris bestimmt sehr elegant und heiter sein würde. Bei dem Gedanken an seine weite Hose und die zu große Jacke schlief er ein. Ortega schaltete die Deckenbeleuchtung aus, und in dem gelblichen Licht der kleinen Lampe auf seinem Schreibtisch rückten die Wände des großen, hohen Raumes in dämmerige Ferne. Er setzte sich in den alten Rattansessel, in dem er einen Teil der Nacht zugebracht hatte, streckte die Beine aus und versuchte, an nichts zu denken.

Es hatte aufgehört zu regnen, und der Himmel war so, wie Mendoza ihn sich gewünscht hatte. Blau, mit einer milden Sonne und einigen weißen Wolken. Ortega lenkte den Wagen durch eine Anzahl enger Straßen mit kleinen Geschäften und Cafés mit roten und blauen Markisen über den Fenstern. Die Häuser sahen alt und irgendwie sehr verbraucht aus, nicht so, wie Mendoza sich Pariser Häuser vorgestellt hatte. Sie sahen aus, als hätten sich hinter ihren dunklen Fassaden vor langer Zeit seltsame Dinge ereignet. Traurig, dachte er, diese Straßen machen einen traurigen Ein druck.

»Wo sind wir, Luis, ist das Paris?«

Ortega lachte. »Sicher, hombre, was dachtest du? Warum fragst du?«

»Ich weiß nicht, entschuldige.«

Mendoza hob die Schultern und machte eine vage Bewegung mit einer Hand. Ortega sah ihn kurz an, nachdenklich, wach, besorgt. Mendoza lächelte ungeschickt, er wollte etwas sagen, etwas, das gut formuliert war, eine richtige Antwort, aber er brachte es nicht zusammen, und als das Schweigen lang wurde, sagte er: »Die Häuser sehen aus, als hätten sie wenig Glück gehabt.«

Ortega fühlte, wie seine Augen sich weiteten und sein Mund hart wurde. Mein Gott, dachte er, er spürt es.

»Kann sein«, sagte er undeutlich, und ohne Mendoza anzusehen.

Er sagte ihm nicht, dass dies das alte Judenviertel war, das Marais. Er hätte die Deutschen erwähnen müssen. Als sie das Marais weit hinter sich hatten, sagte er:

»Sieh dir diese Häuser an, Carlos, meinst du, dass die mehr Glück gehabt haben?«

»Aber sicher,« Mendoza nickte, »die sehen schon anders aus.«

Sie fuhren durch die Rue de Rivoli in Richtung Westen. Das ist eine Straße, dachte er, sicher die schönste von Paris, aber die Menschen sind weniger elegant, als ich mir vorgestellt habe. Sie sehen ganz normal aus. Er fühlte Erleichterung, gepaart mit Enttäuschung. Aber warum rennen die so? Er hätte Ortega gern gefragt, warum die Menschen sich so schnell bewegten, wie aufgezogene Spielzeugpuppen, aber er wollte nicht wie ein dummer Bauer vom Land erscheinen. Sicher hatte das alles seine Ordnung.

Als sie den großen Platz mit dem Obelisken erreichten, dachte er, ay, que plaza. Das wird die Plaza Mayor sein. Eine Stadt, die sich solche Plätze leisten kann, muss eine großzügige und reiche Stadt sein. Die dunklen Häuser, die wenig Glück gehabt hatten, waren fast vergessen. Nicht vergessen war die Sache mit dem Zimmer. Es hatte ihn beschäftigt, seit dem frühen Morgen, gleich nach dem Aufwachen, und es beschäftigte ihn die ganze Zeit über. Würde er ein Zimmer für sich allein haben, oder wäre es ein Mehrbettzimmer wie in einer Kaserne. Es wäre wichtig, wegen der Hunde. Ortega hatte nicht darüber gesprochen. Der Argen tinier hatte wenig gesprochen an diesem Morgen. Sein hageres Gesicht war grau, mit Schatten um die Augen, und scharfen Falten an beiden Seiten der Nase. Mendoza sah, dass er müde war, und vielleicht war es nicht angebracht, ihn mit Fragen zu belästigen, aber die Sache mit dem Zimmer musste geklärt werden. Was würden die Leute sagen, wenn sie ihn nachts schreien hörten? Das mit den Hunden würde er nicht in ein paar Tagen in Ordnung bringen, da brauchte er sich keine Illusionen zu machen. Ich muss mich irgendwie vorbereiten, dachte er, ich sollte wenigstens wissen, was mich erwartet. Er sah den Argentinier an, und bevor er seine Frage stellen konnte, sagte der hagere Mann ruhig:

»Qué pasa, Carlos, was ist los?«

Mendoza schüttelte schnell den Kopf. »Gar nichts, Luis, nada, ich denke nur daran, was ich für ein Zimmer haben werde, und ob es hell ist.«

»Du wirst ein gutes, helles Zimmer ganz für dich allein haben, amigo, mit allem, was du brauchst, aber du wirst da nicht lange bleiben. Das ist eine Art Durchgangshaus. Man bereitet deine Papiere soweit vor, dass du eine provisorische Aufenthaltsgenehmigung bekommst, du wirst bei der Polizei registriert, ärztlich untersucht und musst ein paar Fragebögen ausfüllen. Das ist alles.«

»Und dann?«

»Bringt man dich in ein anderes Haus.«

»Darf ich arbeiten?«

»Sicher. Man wird dir alles genau erklären. Du stehst unter dem Schutz gewisser nationaler und internationaler Gesetze, wie zum Beispiel der Genfer Konvention vom Juli ’51, und du hast das Recht auf Arbeit, Unterkunft und staatliche Hilfe. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen.«

Mendoza hätte gern noch gefragt, ob man ihn auch wieder aus dem Land weisen könne, aber er unterließ es und lehnte sich zurück und versuchte, sich keine Sorgen zu machen. Das mit dem Zimmer war geklärt, die anderen Dinge würden sich finden. Und die Straße, durch die sie jetzt fuhren, machte es ihm leichter, an diese Dinge, auf die er keinen Einfluss haben würde, nicht zu sehr zu denken. Sie war noch wunderbarer als jene, die er für die schönste Straße von Paris gehalten hatte, und breit wie ein Fußballfeld. Diese Weite lässt Platz zum Atmen, dachte er, Aire Francés, und diese schönen, großen Häuser haben Würde und Eleganz. Das ist das richtige Paris.

Sie fuhren durch die Champs Elysées in Richtung auf ein großes Tor, und Mendoza dachte, dass sie da hindurchfahren würden, aber sie fuhren an dem Tor vorbei, sehr nah, und er sah hinauf, und es war endlos, gewaltig in seiner Masse aus hellem Stein mit den Figuren und den Inschriften. Er fühlte, dass dieses Bauwerk etwas mit Krieg zu tun haben musste. Die Stadt hatte dem Krieg ein Denkmal gesetzt. Aber vielleicht war es ein gerechter Krieg gewesen, wie Simon Bolívar ihn geführt hatte. Es war wichtig zu wissen, weil solche Dinge Auskunft geben über eine Nation und ihre Vergangenheit.

Ihm wurde klar, dass er verdammt wenig über Frankreich wusste. Aber er konnte Ortega fragen. Lieber Ortega als irgendeinen anderen. Dieser Argentinier hatte sich sehr gut benommen, als die Hunde gekommen waren. Man sollte über das Land, das einem Gastfreundschaft gewährt, Bescheid wissen, das bringt einen voran, und sich von einem Mann, zu dem man Vertrauen hat, Auskunft geben zu lassen, ist würdevoller, als wie ein dummer Bauer mit der Nase drauf gestoßen zu werden. Und sich über geschichtliche Dinge zu unterhalten, ist etwas anderes als zu fragen, warum die Menschen so schnell rennen. Das Tor für den Krieg lag hinter ihnen, sie hatten einen Platz überquert, der größer war als ein Dorf, und Mendoza sagte: »Dieses Tor hat man sicher für einen großen Mann dahingestellt.«

Ortega schüttelte leicht den Kopf. »Er war ein kleiner Mann und ein großer Menschenschlächter, Carlos. Dieses Ding nennen sie den Triumphbogen, und es hat keinen anderen Zweck, als dem sinnlosen Sterben unzähliger Menschen einen Anstrich von Größe zu geben. Es ist ein Dreck, ein grandioser Bluff, der den Größenwahn legitimieren soll.«

»Dann war der Mann Napoleon Bonaparte.«

»Richtig.«

Mendoza lachte und es klang wie ein blechernes Meckern in dem kleinen Wagen. Ortega sah ihn an.

»Warum lachst du?«

»Hombre, ich stelle mir gerade vor, wie Pinochet an seinem Schreibtisch sitzt und heimlich Triumphbögen malt. Aber im Ernst: Warum reißen die Franzosen dieses Ding nicht einfach ab und stellen ein schönes Haus auf den großen Platz. Ein Kulturvolk sollte sich doch schämen für seine Menschenschlächter. Wir Chilenen schämen uns doch auch für Pinochet. Das heißt, nicht alle schämem sich für ihn, ganz sicher nicht«

Ortega lächelte, ohne es den Jungen sehen zu lassen, und für einen kurzen Moment fühlte er seine Müdigkeit und sein Alter wie eine Krankheit.

»Sie lieben ihn«, sagte er ohne Spott, »und dieser Bogen ist alt und damit ein Kulturdenkmal, das man nicht einfach wegschmeißen kann.«

»Sie lieben ihn?«

»Ja.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Ich auch nicht, Carlos, ich auch nicht.«

Mendoza sah wieder nach vorn, auf die schnurgerade, breite Straße mit den wunderbaren Häusern zu beiden Seiten und versuchte damit zurechtzukommen, dass die Franzosen einen Menschenschlächter liebten. Dabei stellte er sich vor, dass die Chilenen Pinochet liebten und ihm Denkmäler bauten. Er dachte angestrengt nach, weil er fühlte, dass da irgendwo ein Haken war. Der Vergleich stimmte nicht, und als er es herausgefunden hatte, dachte er: Sie kriegen Denkmäler, weil sie andere umgebracht haben, und nicht die eigenen Leute, die eigenen nennen sie Gefallene, und je mehr draufgegangen sind, um so größer sind ihre Denkmäler.

Er hatte von Napoleon gewusst, aber er hatte nicht gewusst, dass dieser kleine Mann zum Nationalgefühl der Franzosen gehörte. Ich kann’s nicht glauben, dachte er, sicher übertreibt der Argentinier. Dann müssten die Deutschen doch auch den Hitler lieben. Er sah nach vorn, auf die Straße und die wunderbaren Häuser, aber er sah sie nicht, wie er sie vorher gesehen hatte, und er dachte an das, was sich hinter diesem Triumphbogen verbarg, und er dachte an den Araber mit den Weinflaschen, der im Regen gelegen und gelacht hatte.

In der Ferne wuchsen Türme in den blauen Himmel. Am Ende der langen Straße. Türme aus hartem Glanz in der milden Sonne mit zerrissenem Blau des Himmels an den Spitzen ihrer gläsernen Abgeschlossenheit. Hoch wie die Anden beim Näherkommen. Dazwischen Plätze aus Stein, leer, mit Horizonten aus Stein, wie Versammlungsorte für den Wind. Hinter den Türmen wieder Türme, wie steinglasgewordene Verachtung, sehr hoch über dem Ende dieser Straße der Würde und Eleganz mit dem kleinen Denkmal für einen ganz normalen Kaiser. Das ist Amerika, dachte Mendoza, Amerika in Frankreich. Er hatte Bilder von amerikanischen Städten in den Illustrierten gesehen. Er legte den Kopf zurück, gegen die Lehne des Sitzes und schloss die Augen.

»Man kann ihnen nicht davonlaufen«, sagte er, »sie sind überall.«

»Wer, Carlos?«

Mendoza öffnete die Augen und deutete nach vorn. »Die Gringos, die Amerikaner.«

Ortega wusste, was der Junge meinte. Er war nach Frankreich gekommen, um Freiheit zu atmen, und lief jetzt den Leuten in die Arme, die ihm die Freiheit genommen hatten. Ich kann ihm nicht einmal widersprechen, dachte er und sagte munter:

»Das sieht nur aus wie Amerika, Carlos. Das sind Bürotürme, wie es sie in jedem modernen Land gibt. Man kommt ohne diese Dinger heute nicht mehr aus.«

Sie waren den Türmen jetzt sehr nahe und Mendoza sah zwei dunkel gekleidete Männer über einen weiten, steinernen Platz gehen. Ein roter, regloser Fleck auf einer Treppe schien eine Frau zu sein. Ortega fühlte Mendozas Hand auf seinem Arm, harte, kräftige Finger.

»Bring mich nicht hierher«, sagte der Chilene ohne Stimme, »nicht hierher, Luis.«

»Aber nein.«

Ortega lenkte den kleinen Wagen in eine Seitenstraße, an alten grauen Häusern vorbei, von denen einige rote Ziegeldächer hatten, und dann durch enge Gassen, durch einen Ort, weit entfernt von der Eleganz und der Würde der breiten Straßen und noch weiter entfernt von den Türmen der Amerikaner, von denen Ortega sagte, dass ein modernes Land ohne sie nicht auskommt und dass in ihnen Menschen arbeiten. Sie hielten vor einem Haus, das wie diese Türme gebaut war, aber kleiner, mit richtigen Fenstern und einer türkisfarbenen, glänzenden Fassade, die das Haus leuchten ließ in der milden Sonne. Ein großer, grüner Finger, dachte Mendoza. Sie stiegen ein paar Stufen hoch und durchquerten eine Halle, in der ein paar Menschen herumstanden. Ein Kind weinte. Niemand sprach. Ortega öffnete eine Tür. Der Mann in dem kleinen Büro begrüßte den Argentinier wie einen alten Bekannten. Er war jung und lächelte die ganze Zeit. Er war sehr höflich zu Mendoza und sprach ein paar Worte spanisch.

»Buenos dias y bienvenido, Señor Mendoza.«

Mendoza verbeugte sich steif und sagte: »Encantado.«

Er hätte gern mehr gesagt und sich für die Gastfreundschaft bedankt, aber der junge Mann wandte sich an Ortega und sprach mit ihm in sehr schnellem Französisch. Ortega nickte ein paarmal und sagte zu Mendoza:

»Er heißt Claude und wird dir alles erklären, und wenn du Fragen hast, wende dich an ihn. Du wirst nicht lange hier bleiben, dein Platz in einem anderen Haus ist schon genehmigt und wenn es soweit ist, werde ich dich hinbringen. Adios, Carlos.«

Er umarmte Mendoza und klopfte ihm auf den Rücken.

»Suerte. Viel Glück.«

»Danke Luis.«

Ortega öffnete die Tür, schloss sie leise und Carlos Mendoza hörte seine Schritte draußen in der Halle, das harte Geräusch der hohen mexikanischen Stiefel, das sich schnell entfernte. Dann wurde es still in dem kleinen Büro und Mendoza fühlte sein Herz schlagen. Die Schmerzen in den Hoden waren jetzt wieder sehr stark. Der junge Mann vor ihm lächelte immer noch und deutete auf einen Stuhl.

***

 

Mendoza stand am Fenster und sah auf die Türme, von denen einige beleuchtet waren. Sein Zimmer lag hoch genug, um alles genau zu sehen. Er hatte noch nie so hoch oben gewohnt, und wenn man hinunterblickte, war man sehr weit von den Menschen entfernt, viel weiter, als wenn man sie am Ende einer langen, geraden Straße sah. Und die Türme mit den Plätzen für den Wind dazwischen standen jetzt, in der Dunkelheit, wie vergessene Monumente eines untergegangenen Volkes, das versucht hatte, mit ihnen den Himmel zu erreichen.

Mendoza lehnte die Stirn gegen die Scheibe und schloss die Augen. Er war müde, aber er wollte noch nicht schlafen. Er wollte den Schlaf hinauszögern, wenig schlafen und wenig Platz für die Hunde lassen. Er hatte den Nachmittag damit verbracht, auf dem Bett zu liegen und zu rauchen. Von allen Seiten hatte er Stimmen gehört, die durch die Wände drangen und die er nicht verstand. Keine hatte spanisch geklungen. Am Mittag hatte er auf einem Plastiktablett sein Essen entgegengenommen und dann in einem hellen, sauberen Saal an einem Plastiktisch gesessen und sehr schnell etwas gegessen, von dem er nicht wusste, was es war und das nach nichts schmeckte. Die Leute an den anderen Tischen hatten alle ausgesehen, als gehörten sie zusammen mit ihrem Gelächter und ihren Sprachen, und Mendoza war schnell wieder in sein Zimmer hinaufgegangen, um sich auf das Bett zu legen und zu rauchen. Das Zimmer war klein, mit grauweißen Wänden und einer Lampe, die an der Decke zu kleben schien. Es gab einen niedrigen Plastiktisch mit einem kleinen, grauen Stoffsessel davor, einen eingebauten Schrank, das Bett und ein Waschbecken. An der Wand, über dem Bett, hing ein Plakat, auf dem über einer weißen Blume das Wort »Solidarność« stand. »Solidaridad«, dachte Mendoza, sicher französisch. Sind sich doch sehr ähnlich, die Sprachen. Wie Ortega gesagt hat. Und er fühlte eine leise Freude, weil seine erste Französischlektion so gut verlaufen war.

Ortega tastete sich durch die Dunkelheit über einen Hinterhof in der Rue Montmartre, an ein paar Mülltonnen vorbei, und stieg eine Eisentreppe hinunter, auf der es nach Katzen roch. Unten trat er mit der Stiefelspitze ein paarmal gegen eine rostige Metalltür, und nach einer Weile hörte er Schritte und dann das Geräusch eines Riegels, der zurückgeschoben wurde. Die Tür wurde geöffnet, und ein kleiner dicklicher Mann in einer schwarzen Lederjacke und mit einem Dreitagebart in dem hellen Gesicht sagte: »Komm rein.«

Ortega trat ein, und hinter ihm wurde die Tür verriegelt. Sie gingen durch einen weiß getünchten Flur mit mehreren Türen zu beiden Seiten und einer Neonlampe an der Decke, in deren Licht die Gesichter nichts mehr verbergen konnten. Hinter einer der Türen hörte Ortega Musik, eine kubanische Rumba, und die Stimme einer Frau, die den Text mitsang. Quando salí de Cuba. Als ich Kuba verlassen habe, habe ich mein Herz und meine Liebe zurückgelassen. Am Ende des Ganges hing ein Plakat mit einer fetten, schwarzen Überschrift: »Colonia Dignidad.« Darunter, schwarzweiß und grobkörnig vergrößert, ein Foto. Drei Leichen am Straßenrand, die eine mit verbundenen Augen.

Ortega stieß eine angelehnte Tür auf, und sie betraten einen kleinen, sehr sauberen Raum, der nichts enthielt außer einem alten Küchentisch, einem Metallstuhl mit Armlehnen und einer Campingliege, über die ein paar ...

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