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Mein zärtlicher Verführer

PROLOG

„Der Februar ist ein ausgesprochen langweiliger Monat“, stellte Carlo Rinucci seufzend fest.

„Weil noch keine hübschen Touristinnen durch die Stadt laufen?“, fragte Ruggiero. „Kannst du denn an nichts anderes denken?“

„Nein“, antwortete Carlo. „Wage ja nicht zu behaupten, du seist besser als ich.“

„Das hatte ich auch nicht vor.“

Die attraktiven Zwillingsbrüder standen auf der Terrasse der Villa Rinucci, von wo aus man einen herrlichen Blick auf die Bucht von Neapel hatte. In der einbrechenden Dunkelheit ragte der Vesuv in der Ferne seltsam drohend empor, und in den Straßen und Häusern unter ihnen gingen die Lichter an.

„Es würde euch in England gefallen, meine Lieben.“ Ihre Mutter Hope gesellte sich zu ihnen. „Im Februar wird dort der Valentinstag gefeiert. Er ist der Schutzheilige der Liebenden. Blumen und Karten werden verschickt, und ihr wärt in eurem Element.“

„Dann sollten wir statt zu Primo nach England fliegen. Für so etwas interessiert er sich nicht, er denkt nur ans Geschäftliche“, antwortete Carlo.

„Ihr solltet auch anfangen, so ernsthaft zu arbeiten wie euer Bruder.“ Hope Rinucci versuchte, die Stimme streng klingen zu lassen. Aber ihren Söhnen war klar, dass es kein ernst gemeinter Vorwurf war.

„Primo übernimmt eine Firma nach der anderen und hat offenbar nie genug“, erklärte Ruggiero.

„Kommt jetzt herein, wir wollen essen“, forderte Hope sie auf. „Es ist Primos Abschiedsessen.“

„Jedes Mal, wenn er irgendwohin fährt, findet ein Abschiedsessen statt“, beschwerte sich Carlo.

„Ja, ich liebe solche Familientreffen“, erwiderte Hope.

„Kommt Luke auch?“ Carlo blickte sie skeptisch an.

„Natürlich. Er und Primo sind doch Brüder, trotz ihrer vielen Streitereien.“

„Nein, nicht wirklich“, widersprach Ruggiero seiner Mutter.

„Primo ist mein Stief- und Luke mein Adoptivsohn. Deshalb sind sie Brüder. Ist das klar?“

„Ja, mama“, antwortete Ruggiero.

Im Haus, wo es angenehm warm war und wo sich schon die ganze Familie versammelt hatte, sah Hope sich mit unzufriedener Miene um. „Für meinen Geschmack gibt es hier zu viele Männer.“

Ihr Mann und ihre Söhne blickten sich beunruhigt an, als fragten sie sich, welche drastischen Maßnahmen Hope ergreifen wollte, um die Anzahl der männlichen Familienmitglieder zu reduzieren.

„Eigentlich müsste ich sechs Schwiegertöchter haben. Ich habe jedoch noch keine einzige“, fuhr sie fort. „Ich hatte mich so sehr darauf gefreut, dass Justin Evie heiraten würde, aber …“ Sie seufzte und zuckte die Schultern.

Justin war ihr ältester Sohn. Man hatte ihn ihr unmittelbar nach der Geburt weggenommen, und erst im vergangenen Jahr hatten sie sich wiedergefunden. Bei seinem ersten Besuch in Neapel hatte er Evie mitgebracht, und es war offensichtlich, dass er sie liebte. Aber sie war auf mysteriöse Weise aus seinem Leben verschwunden. Jedenfalls war sie nicht mitgekommen, als er mit seinem Sohn Mark über Weihnachten hier gewesen war, und er hatte nicht darüber reden wollen.

Nachdem sich alle im Esszimmer versammelt hatten, betrachtete Hope ihre große Familie. Ihre Söhne wohnten in Neapel in eigenen Apartments, und es war ihr immer eine große Freude, wenn sie zum Essen in die Villa kamen.

„Primo, ich habe dich lange nicht gesehen“, begrüßte sie ihren Stiefsohn, den ihr erster Mann, ein Engländer, mit in die Ehe gebracht hatte. Primos leibliche Mutter war eine geborene Rinucci gewesen, und er hatte nach dem Tod seines Vaters den Namen seiner italienischen Verwandten angenommen.

„So lange ist es noch nicht her, mama“, erwiderte er lächelnd.

„Warum musstest du die englische Firma überhaupt übernehmen? Du hattest doch gute Geschäftsbeziehungen mit den Leuten.“

„Die Produktpalette von Curtis Electronics ergänzt unsere, deshalb habe ich mich zur Übernahme entschlossen. Nach anfänglichem Zögern hat sich Enrico schließlich meiner Meinung angeschlossen.“

Enrico Leonate war der alleinige Besitzer des Unternehmens gewesen, als Primo vor fünfzehn Jahren in die Firma eintrat. Er hatte rasch begriffen, worauf es ankam, und die Umsätze schon bald steigern können. Dann hatte es nicht mehr lange gedauert, bis er Teilhaber geworden war. Enrico war ein älterer Mann und hatte Primo, der sehr geschäftstüchtig war, gern die Zügel in die Hände gegeben.

„Ich werde einige Mitarbeiter befördern und ihnen genau erklären, was ich von ihnen erwarte“, fuhr Primo fort.

„Entsprechen die Leute denn deinen Vorstellungen? Normalerweise hast du doch an allen etwas auszusetzen“, wandte Hope ein.

„Stimmt“, gab er zu. „Aber der derzeitige Geschäftsführer Cedric Tandy hat seine engste Mitarbeiterin Olympia Lincoln wärmstens empfohlen, und ich werde sie erst einmal beobachten.“

„Du willst eine Frau zur Geschäftsführerin machen?“, fragte Hope ironisch. „Seit wann bist du für Chancengleichheit?“

Er warf ihr einen erstaunten Blick zu. „Das war ich schon immer. Jeder, der das tut, was ich von ihm erwarte, kann befördert werden.“

„Ah ja, das verstehst du unter Chancengleichheit.“ Hope musste lachen. „Das hört sich sehr einfach an.“

„Alles ist einfach, wenn man weiß, was man will, und entschlossen ist, es zu erreichen.“

Sie runzelte die Stirn und beschloss, das Thema fallen zu lassen. Wie immer war er im richtigen Moment erschienen, nicht zu spät und nicht zu früh. Mit seiner eleganten Erscheinung und seinem selbstbewussten, beinah stolzen Auftreten war er ganz und gar ein Rinucci. Von seiner vor vielen Jahren gestorbenen italienischen Mutter hatte er die dunklen Augen und von seinem englischen Vater das energische Kinn. Ihm fehlte jedoch die gewisse Leichtigkeit seiner Brüder.

„Luke ist noch nicht da“, stellte Hope fest.

„Vielleicht kommt er nicht“, mutmaßte Primo. „Seit ich ihm Tordini vor der Nase weggeschnappt habe, ist er nicht gut auf mich zu sprechen.“

Rico Tordini war ein genialer Elektroniker, den sowohl Primo als auch Luke für ihre Unternehmen hatten gewinnen wollen.

„Luke behauptet, du seist ihm in den Rücken gefallen“, erinnerte Hope ihn.

„Das bildet er sich nur ein. Er hat Tordini entdeckt, das ist richtig, doch ich habe ihm das bessere Angebot gemacht, und er hat den Vertrag mit mir unterschrieben.“

„Ihr solltet euch deswegen nicht aus dem Weg gehen.“

„Keine Sorge, mama, Luke wird sich eines Tages revanchieren, und dann ist alles wieder in Ordnung.“

Sie hatten längst angefangen zu essen, als Luke doch noch erschien.

„Ich bin froh, dass du es geschafft hast“, begrüßte Hope ihn erfreut.

„Dass Primo wieder nach England fliegt und wir ihn eine Zeit lang los sind, ist doch ein Grund zum Feiern“, erwiderte er und prostete seinem Bruder spöttisch zu.

Am nächsten Morgen fuhr er ihn zum Flughafen.

„Ich komme mit, sonst bringt ihr euch noch gegenseitig um“, erklärte Hope.

„Keine Angst“, beruhigte Luke sie. „Wie es sich für einen Italiener gehört, werde ich mich eines Tages für seine Bosheit rächen. Aber noch ist es nicht so weit.“

„Was weißt du als Engländer schon davon, was sich für einen Italiener gehört?“, fragte Primo ironisch. Er spielte darauf an, dass Luke der Einzige in dieser italienischen Familie war, dessen beide Elternteile Engländer waren.

„Nur das, was ich von meinem Bruder, der aus einer italienisch-englischen Mischehe stammt, gelernt habe.“

Hope fuhr, wie sie gesagt hatte, mit. Später stand sie mit Luke auf der Aussichtsterrasse des Flughafens und seufzte, während sie den Start des Flugzeugs beobachteten.

„Mach dir keine Gedanken, mama.“ Luke legte ihr den Arm um die Schultern. „Primo kommt bald zurück.“

„Darum geht es nicht. Von allen Seiten höre ich immer wieder, wie glücklich ich sein kann, dass Primo mir keinen Anlass zur Sorge gibt. Dennoch mache ich mir Sorgen um ihn, denn er ist zu sensibel, zu ernst und zu zuverlässig. Noch nie hat er eine Dummheit begangen.“

„Glaub mir, das wird noch kommen. Jeder Rinucci macht früher oder später eine Dummheit“, versicherte Luke ihr.

„So? Und du? Hast du dich geweigert, unseren Namen anzunehmen, um nicht in Versuchung zu geraten, irgendwelche Dummheiten zu machen?“, scherzte sie.

„Im Gegenteil, es war nicht nötig, den Namen anzunehmen, weil ich sowieso der größte Dummkopf von euch allen bin“, antwortete er genauso scherzhaft.

1. KAPITEL

Bei Curtis Electronics in London war die Atmosphäre zum Zerreißen gespannt. Die Angestellten strömten in die Eingangshalle, keiner wollte zu spät kommen. Es gab nur noch ein Gesprächsthema: Wer würde befördert werden und wer in den Vorruhestand gehen müssen? Entlassungen waren angeblich nicht geplant, aber darauf wollte sich niemand verlassen.

„Mich wird man so leicht nicht los, nachdem ich mich so sehr für die Firma eingesetzt habe“, verkündete Olympia Lincoln.

„Es ist wirklich schade, dass das Unternehmen ausgerechnet jetzt verkauft worden ist“, stimmte ihre Sekretärin Sara ihr zu. „Mr. Tandy hätte sich sowieso bald zur Ruhe gesetzt, und du wärst seine Nachfolgerin geworden. Schade, dass niemand weiß, wann einer der neuen Besitzer hier aufkreuzt.“

„Noch nicht einmal Mr. Tandy konnte es mir sagen.“

„Heute lässt er sich bestimmt nicht mehr blicken.“

„Ich bin mir da nicht so sicher, sondern rechne mit allem. Vielleicht will er uns überraschen“, entgegnete Olympia.

„Vergiss nicht, wir haben Freitag, den Dreizehnten, und das bringt Unglück“, gab Sara zu bedenken.

„So ein Unsinn. Bist du etwa abergläubisch?“, fragte Olympia lachend. „Für Primo Rinucci wäre es allerdings Pech, wenn er mir heute über den Weg laufen würde, insofern hast du recht. Aber ich mache uns einen Tee. Du siehst sehr mitgenommen aus.“

„Mir geht es gut“, behauptete Sara. „Du solltest den Tee nicht selbst machen, immerhin bist du meine Chefin.“

„Und du bist schwanger.“ Olympia lächelte, was sie im Büro nur selten tat. Normalerweise versuchte sie, ihr freundliches, aufgeschlossenes Wesen hinter einer ernsten Miene zu verbergen. Sara hingegen kannte Olympia auch anders, war jedoch zur Verschwiegenheit verpflichtet.

„Das tut gut.“ Sara seufzte erleichtert, nachdem sie einige Schlucke Tee getrunken hatte. „Möchtest du eigentlich keine Kinder haben?“

„Als ich David geheiratet habe, war es mein größter Wunsch, Hausfrau und Mutter zu sein, was moderne junge Frauen kaum verstehen können. Doch ich war erst achtzehn und sehr naiv und unerfahren.“

„Hat er es zu schätzen gewusst?“

„Du liebe Zeit, nein! Er brauchte eine Frau, die Geld verdiente, damit er sich eine Karriere aufbauen konnte. Nachdem er es geschafft hatte und befördert worden war, war ich nicht mehr gut genug. Er suchte sich eine andere Frau, und ich blieb mit leeren Händen zurück. Deshalb habe ich wie eine Besessene gearbeitet und mir selbst eine Karriere aufgebaut.“

„Du weißt, dass nicht alle Männer so sind, oder?“

„Die ehrgeizigen sind so. Sie benutzen uns Frauen nur – es sei denn, wir benutzen sie zuerst.“

„Und das tust du jetzt, oder?“ Sara erinnerte sich an einige Ereignisse der letzten zwei Jahre, die nachträglich einen Sinn ergaben. „Bist du dabei glücklich?“

„Glücklich? Was heißt das schon? Ich bin jedenfalls nicht unglücklich. Niemals werde ich vergessen, wie sehr ich gelitten habe, als David mich verlassen hat. So etwas passiert mir nicht noch einmal. Wichtig ist für mich, dass ich Tandys Stelle bekomme. Ich werde es schaffen, egal, wer da aus Italien ankommt.“

„Sprichst du gut Italienisch?“

„Ziemlich gut. Ich habe einen Intensivkurs gemacht, aber da bin ich nicht die Einzige.“

„Keiner hat sich in jeder Hinsicht so gut auf die neue Situation vorbereitet wie du.“ Sara sah ihre Chefin bewundernd an.

Olympia musste lachen. Es stimmte, sie legte nicht nur größten Wert auf Professionalität, sondern auch auf ihre äußere Erscheinung. In dem blauen Leinenkostüm wirkte sie elegant und unnahbar.

Sie war schlank, groß, hatte lange Beine, einen schönen Hals und ein fein geschnittenes Gesicht. Das lange schwarze Haar hatte sie zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr über den Rücken fiel. Obwohl ihr klar war, dass eine modische Kurzhaarfrisur besser zu einer Karrierefrau gepasst hätte, erlaubte sie sich diese Extravaganz.

In ihren strahlenden dunklen Augen leuchtete es zuweilen humorvoll auf, was sie jedoch zu verbergen versuchte. Dass sie trotz allem noch dieselbe Frau war wie damals, als sie David geheiratet hatte, gestand sie sich nur ungern ein. Sie hatte ihren Mann sehr geliebt, ihm vertraut und ihn geradezu angebetet. Jede Falschheit, jede Berechnung waren ihr fremd. Außerdem war sie sehr temperamentvoll und hatte sich in der Vergangenheit zu unüberlegten Äußerungen und Handlungen hinreißen lassen.

Es war ihr jedoch durch harte Arbeit an sich gelungen, ihr Temperament und ihre Spontaneität zu zügeln und zu beherrschen. Nur manchmal, wenn sie sich ärgerte, ertappte sie sich dabei, dass sie sich vergaß. Aber auch daran arbeitete sie.

„Hast du eine Ahnung, wer von den neuen Besitzern kommen wird, um mit uns zu reden?“, fragte Sara.

„Wahrscheinlich Primo Rinucci. Ich habe versucht, im Internet irgendetwas über ihn in Erfahrung zu bringen, habe jedoch nur einige Angaben über seinen Geschäftspartner Enrico Leonate entdeckt.“

„Und was genau?“

„Er ist offenbar ein unscheinbarer Mann mittleren Alters.“ Plötzlich fiel Olympia auf, dass ihre Sekretärin immer blasser wurde. „Du bist krank, Sara.“

„Ach, das geht vorbei.“

„Nein. Du fährst sofort nach Hause. Ich könnte es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, wenn es Komplikationen mit der Schwangerschaft geben würde.“ Sie wählte die Nummer des Empfangs und bat darum, für Sara ein Taxi zu bestellen.

„Ruf den Arzt, und komm erst wieder ins Büro, wenn du ganz gesund bist“, forderte sie Sara auf.

„Aber wie willst du ohne mich zurechtkommen?“

„Keine Angst, das schaffe ich schon“, erwiderte Olympia lächelnd. Dann begleitete sie Sara zum Taxi und winkte ihr nach.

Als Olympia wenig später ihr Büro betrat, runzelte sie die Stirn. Ihr war gar nicht wohl dabei, ausgerechnet jetzt ohne ihre Sekretärin auskommen zu müssen. Kurz entschlossen rief sie die Personalabteilung an und bat um eine Aushilfskraft.

„In fünf Minuten ist jemand bei Ihnen“, versprach der Personalchef.

Nach dem Gespräch atmete Olympia tief ein und aus, ehe sie die Augen schloss. „Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen. Wenn etwas schiefgeht, werde ich damit fertig. Ja, ganz bestimmt. Ich bin stark, nichts wirft mich um“, sagte sie sich.

Als sie die Augen wieder öffnete, war sie schockiert. Ein relativ junger Mann stand da und betrachtete sie interessiert. Er war sehr groß, hatte braunes Haar und dunkelbraune Augen, in denen es belustigt aufblitzte. Hoffentlich habe ich nicht laut vor mich hin geredet, schoss es ihr durch den Kopf.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie kühl.

„Ich suche Olympia Lincoln.“

Es gibt immer mehr Männer, die als Sekretär arbeiten, überlegte sie und hatte sich von dem Schock schon wieder erholt.

„Ich bin Olympia Lincoln“, stellte sie sich vor. „Schön, dass Sie so rasch kommen konnten. Man hat mir versprochen, in fünf Minuten sei eine Aushilfe da, aber man kann sich nicht unbedingt darauf verlassen.“ Sie zuckte die Schultern.

„Eine Aushilfe?“

„Ja, bis meine Sekretärin wieder gesund ist. Sind Sie schon lange in der Firma?“

„Nein.“ Der Mann betrachtete sie forschend.

„Das macht nichts. Sie werden sich sicher innerhalb kürzester Zeit eingearbeitet haben. Momentan befinden wir uns mitten in einer Umstellungsphase. Curtis ist von dem italienischen Unternehmen Leonate Europe übernommen worden, und in Kürze kreuzt einer von diesen Leuten hier auf, um uns über eventuelle Änderungen und dergleichen zu informieren. Vor Angst zitternd, warten wir darauf, zu erfahren, was uns bevorsteht.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Sie zittern vor Angst?“

Mit einem angedeuteten Lächeln erwiderte sie: „Na ja, ich kann zumindest so tun, falls es nötig sein sollte.“

„Wird es denn nötig sein?“

„Das weiß ich erst, wenn ich den neuen Besitzer kennenlerne.“

„Wie heißt er?“

„Primo Rinucci. Er wird hier alles durcheinanderwirbeln.“

„Sind Sie sich sicher? Vielleicht ist er ja in Ordnung.“

Plötzlich konnte sie sich nicht mehr beherrschen und machte ihrem Ärger Luft. „Nein, das ist er bestimmt nicht. Er ist so etwas wie ein Raubritter, der sich einbildet, er könnte sich alles unter den Nagel reißen, was gerade in sein Konzept passt, und sich nicht um die Folgen kümmert. Ich wünschte, er wäre hier, dann könnte ich ihm meine Meinung sagen.“

„Vor wenigen Minuten wollten Sie noch so tun, als zitterten Sie vor Angst.“

„Ja, das tue ich als Erstes, und anschließend bekommt er ganz schön was zu hören. Was denkt er sich dabei, mir die Beförderung, die zum Greifen nahe war, zu vermasseln? Er glaubt offenbar, er könnte mit seinem Geld alles kaufen“, fügte sie hinzu. Dass es unlogisch war, war ihr egal.

„Das kann man normalerweise auch“, stellte der Mann freundlich fest. „Das ist einer der Vorzüge des Reichtums.“

„Ach, zum Teufel mit diesen Vorzügen und mit Primo Rinucci.“ In ihren Augen blitzte es empört auf.

Fasziniert beobachtete der Mann sie. Diese Frau mit den wunderschönen dunklen Augen hatte bestimmt schon vielen Männern den Kopf verdreht. „Das könnte eine interessante Begegnung werden“, sagte er leise.

Olympia seufzte und beruhigte sich wieder.

„Behalten Sie bitte alles für sich. Ich hätte nicht so offen darüber reden sollen …“

„Kein Wort wird über meine Lippen kommen“, versprach er. „Ich schwöre, niemals werde ich Primo Rinucci verraten, was ich gerade erfahren habe.“

„Danke. Aber Sie müssen vorsichtig sein, denn wir wissen nicht, wie er aussieht. Vielleicht sprechen Sie auf einmal mit jemandem, ohne zu ahnen, dass er es ist. Ihm traue ich zu, dass er sich nicht zu erkennen gibt und die Leute erst einmal aushorcht.“

„Ja, das ist möglich“, antwortete er etwas schuldbewusst.

„Andererseits würde man ihn als Italiener wahrscheinlich sogleich erkennen.“

„Nicht unbedingt.“ Den Einwand konnte er sich nicht verbeißen. „Nicht alle Italiener sind so, wie man es ihnen im Allgemeinen unterstellt oder wie man sie sich vorstellt. Einige kann man beispielsweise von Engländern auf den ersten Blick nicht unterscheiden.“

Ihr fiel nicht auf, wie ironisch seine Stimme klang, denn sie war zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. „Aber sein Akzent würde ihn verraten.“

Der Mann räusperte sich, während er mit sich selbst kämpfte. Die Versuchung, das Spiel noch nicht zu beenden, war sehr groß. Ihm war natürlich klar, dass es klüger wäre, ihr die Wahrheit zu sagen, ehe es zu spät war.

Nein, dieses eine Mal wollte er nicht vernünftig sein, und außerdem war es schon zu spät.

„Übrigens, ich habe Sie noch gar nicht gefragt, wie Sie heißen“, erklärte sie plötzlich.

„Wie bitte?“ Er versuchte, Zeit zu gewinnen.

„Wie heißen Sie?“ Olympia blickte ihn so nachsichtig an, als wäre er schwer von Begriff.

„Ach so.“ Krampfhaft überlegte er, ob er ihr seinen richtigen Namen nennen sollte. Nein, vergiss es, sagte er sich dann und atmete tief ein. „Ich bin Jack Cayman.“

So hatte sein englischer Vater geheißen. Primo Rinucci, denn um keinen anderen handelte es sich hier, lebte schon lange in Italien und hatte den Familiennamen seiner verstorbenen Mutter angenommen. Doch weil er bis zum Tod seines Vaters in England gelebt hatte, sprach er akzentfrei Englisch.

Olympia reichte ihm die Hand. „Gut, Mr. Cayman …“

„Nennen Sie mich doch Jack“, unterbrach er sie.

„Und ich bin für Sie Miss Lincoln“, betonte sie energisch, um sich nach ihrem unbeherrschten Ausbruch wieder Respekt zu verschaffen.

„Natürlich“, antwortete er höflich.

„Es gibt viel zu tun, lassen Sie uns anfangen.“

„Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment?“, fragte er. „Ich bin gleich wieder da.“

„Selbstverständlich. Am Ende des Flurs rechts.“

„Danke.“ Er eilte zur Tür hinaus. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass Olympia offenbar der Meinung war, er hätte zur Herrentoilette gewollt.

Ausgerechnet an diesem so wichtigen Tag kam Cedric Tandy eine halbe Stunde zu spät ins Büro, obwohl er normalerweise vor allen anderen eintraf.

„Es tut mir leid, Signor Rinucci“, entschuldigte er sich, als er Primo erblickte, der in seinem Büro auf ihn wartete. „Ich versichere Ihnen …“

„Ach, das macht doch nichts“, fiel ihm Primo freundlich ins Wort. „Ich wollte mich nur kurz mit Ihnen unterhalten.“

„Ich könnte Sie herumführen und vorstellen“, schlug Cedric vor.

„Das machen wir später. Ich habe mir die Vereinbarung, die Enrico und ich mit Ihnen getroffen haben, noch einmal durchgelesen und muss sagen, wir waren ziemlich knauserig. Sie haben eine wesentlich höhere Abfindung verdient.“

„Oh, das freut mich. Aber Signor Leonate hat erwähnt, Sie könnten nicht mehr bezahlen …“

„Das werde ich schon regeln. Wenn er mit meinem Vorschlag nicht einverstanden ist, bezahle ich die Abfindung selbst.“ Während Primo zur Tür ging, drehte er sich um. „Übrigens, vorerst soll niemand wissen, wer ich bin. Ich habe mich als Jack Cayman vorgestellt, damit die Leute offener mit mir reden und ich mehr erfahre. Ich bin sicher, Sie unterstützen mich dabei.“

„Sie können sich auf mich verlassen.“

Olympia saß am Computer und blickte auf, als Primo hereinkam. „Hier, diese Akten sollten Sie durchlesen und sich einen Überblick darüber verschaffen, wie Curtis und Leonate seit einem Jahr zusammenarbeiten.“

„Die Zusammenarbeit fing schon vor fünfzehn Monaten an, als Curtis ein neuartiges Zusatzgerät für Computer herstellen wollte“, wandte Primo ein.

„Ausgezeichnet“, lobte sie ihn und stand auf. „Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht. Setzen Sie sich. Kennen Sie sich damit aus?“, fragte sie und wies auf den Computer.

„Ja, ich glaube, ich komme damit zurecht“, antwortete er vorsichtig. Dasselbe System benutzten sie im Hauptsitz in Neapel und in den anderen Firmen von Leonate Europe. Auf seine Empfehlung war es kürzlich auch bei Curtis eingeführt worden.

„Es geht mir auf die Nerven. Unser altes System war wesentlich besser, aber die neuen Besitzer haben darauf bestanden, dass wir dasselbe haben müssten wie sie, um mit den anderen Unternehmen der Firmengruppe Daten austauschen zu können.“

„Ist es wirklich schlechter als das andere System, oder hassen Sie es nur, weil die neuen Besitzer es eingeführt haben?“, fragte er lächelnd.

„Ich kann mir nicht erlauben, etwas oder jemanden zu hassen. Ich erkläre Ihnen rasch alles, was Sie wissen müssen.“

In groben Zügen stellte sie ihm die Zusammenhänge dar, und er war beeindruckt, wie gut sie informiert war. ...

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