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MEIN LIEBER HERR GESANGSVEREIN

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© 2018 Paul Wernherr

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7469-4642-9
Hardcover: 978-3-7469-4643-6
e-Book: 978-3-7469-4644-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

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Als ich vor über dreißig Jahren zum ersten Mal an der Übungsstunde eines Chores teilnahm, hatte ich nicht geglaubt, wie viel Freude es bereiten kann, mit Menschen unterschiedlichsten Alters, Herkunft und Gesellschaftsschicht gemeinsam zu singen. Und weil hier so viele unterschiedliche Menschen sich in einem gemeinsamen Ziel verbinden, ist dieses Vereinsleben ebenso bunt und abwechslungsreich. Durch die Arbeit im Verein und im Umgang mit den Vereinsmitgliedern habe ich sehr viel „für´s Leben“ gelernt.

Dieses Buch widme ich Allen, die Freude am Chorgesang haben, besonders aber den Sängerinnen und Sängern des kleinen Chores im Südwesten Deutschlands, mit denen ich eine lange, intensiv-schöne Zeit verbringen und singen durfte.

Ich danke meiner Frau Christa für Ihre Unterstützung und Geduld.

KAPITEL 1

„Stopp!“ Der Dirigent winkte ab. „Meine lieben Tenöre!“ Die Ironie war nicht zu überhören. Offensichtlich schon etwas genervt, wandte er sich an die links vor ihm sitzenden Männer, die bei dieser Ansprache den Kopf etwas hoben und gleichzeitig die Hand, mit der sie das Notenblatt hielten, senkten. „Liebe Tenöre! Wie oft haben wir das jetzt geprobt? Ihr müsst euch an dieser Stelle vollkommen zurücknehmen. Ich dirigiere es doch auch so. Das Stück lebt schließlich auch von seiner Dynamik. So langsam müsste es doch klappen! Also noch mal – alle ! …in heilger Kraft!“

In diesem Moment ging die Tür auf und ein etwas abgehetzt wirkender Mann trat ein. „Entschuldigung,“ rief er halblaut in Richtung Dirigent, nickte den Anwesenden, die im Halbkreis um das Klavier saßen zu und setzte sich auf den freien Stuhl, der am rechten Beginn der zweiten Reihe stand.

„Schön, Wolfgang, dass du noch kommst!“ erwiderte der Dirigent und schlug gleich darauf einen Akkord auf dem Klavier an. „Also, alle – in heilger Kraft …!“

Die siebzehn Männer hoben wieder das Notenblatt. Das Stück, das sie erneut, zwar mit spürbarer Hingabe, aber teils doch sehr angestrengt sangen, stammte aus Mozarts Zauberflöte, die ‚Weihe des Gesangs’ und sie probten für den in zwei Tagen stattfindenden Festakt, zu Ehren des sechzigsten Geburtstages des Bürgermeisters ihrer Gemeinde.

Wolfgang Freidank. Mitsänger im zweiten Tenor, suchte noch die passenden Noten, doch da er die wesentlichen Passagen des Liedes schon leidlich beherrschte, sang er gleichzeitig – wenn auch zurückhaltend – diesen Teil mit. Dabei orientierte er sich hörend an seinem rechts neben ihm sitzenden Sängerkameraden. Dieser war – wie er - seit vielen Jahren Mitglied des Männergesangvereins Eintracht Dengenheim und mit einer soliden Stimme und gutem Gehör ausgestattet.

Sie brachten das Lied zu Ende. Ihr Dirigent schaute in die Runde. „Nun, das ging ja einigermaßen. Wenn wir das am Donnerstag auch so hinkriegen, dann bin ich zufrieden. Es ist ja nicht nur der Bürgermeister, für den wir singen, es sind bestimmt auch noch Sänger aus dem Umkreis anwe-send. Aber wenn ihr das so macht, wie eben, dann ist das achtbar. Wir wollen auch noch zwei leichtere Lieder aus unserem Repertoire dazu nehmen, dann wird es schon eine akzeptable Vorstellung. Fritz, bitte gib doch die Noten dazu aus.“

Fritz Brunner war der Notenwart des Vereins. Er hatte, wie jedes Mal, vom Dirigenten vor der Chorstunde die Titel der zu probenden Lieder bekommen und ließ den sortierten Packen jetzt durch die Reihen gehen. Wolfgang nutzte die kleine Pause um seinem Nebenmann leise zu erklären, weshalb er zu spät gekommen war.

„He Ulli, unheimlich viel zu tun, jetzt in der Reisezeit. Da kommst du nicht pünktlich aus dem Betrieb und…“ er beugte sich näher an seinen Nachbarn: „…ich hatte den ganzen Tag fast nichts gegessen. Und mit leerem Magen singt es sich auch nicht so gut!“ Der Angesprochene rümpfte die Nase und lehnte sich zurück. „Aber jetzt, jetzt hast du gegessen! …Knoblauch ?“ „Du, kann sein. Meine Frau probiert gerade neue Rezepte aus. Schlimm ?“ Ehe der Angesprochene antworten konnte, klatschte vorne der Dirigent in die Hände. „Hat jeder die Noten? Gut ! Wir beginnen mit: „Schon die Abendglocken…“

Die Chorstunde verlief fortan reibungslos, die beiden ausgesuchten Lieder stellten keine nennenswerten Probleme für die meist erfahrenen Sänger dar und Jeder freute sich über die geschmeidigen und wohlbekannten Harmonien.

„So Leute, das war’s! Wir treffen uns hier am Donnerstag um halb Fünf und singen nochmals alle drei Stücke durch!“

Dieter Hartung, der Dirigent klappte den Klavierdeckel herunter. Er war schon Mitte sechzig und Lehrer im Ruhestand. Seit mehr als fünfzehn Jahren bekleidete er hier das Amt des Dirigenten. Damals bestand der Männerchor Eintracht Dengenheim 1895 noch aus mehr als fünfunddrei-ßig Männern und sein Vorgänger war damals überraschend beruflich versetzt worden. Aber schon da hatten Männerchöre nicht mehr überall den großen Zulauf und Nachwuchs war immer schwieriger zu gewinnen. Trotzdem hatte man eine ganze Zeit noch der rückläufigen Bewegung getrotzt und sich sowohl im Gemeindeleben wie auch bei verschiedensten Musik- und Gesangsveranstaltungen durchaus erfolgreich und positiv präsentiert.

Jetzt aber schien es so, als ob das Leistungsvermögen der Sänger immer stärker nachließ. Proben wie heute, bei denen auch mal auch etwas Neueres erarbeiten wollte, zeigten ihm dies mit erschreckender Deutlichkeit. Dazu kam, dass er selbst auch mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte und daher mitunter sogar an Rücktritt dachte.

Wolfgang und Ulli standen jetzt neben ihm. „ Du gehst doch noch mit in die Bahnschänke?“

Das Lokal lag nur wenige Gehminuten vom Übungsraum entfernt. Dort traf man sich meist noch nach der Chorstunde und nicht selten wurde diese dort mit einigen Liedern verlängert!

Dieter Hartung überlegte kurz. „Eigentlich habe ich meiner Anne heute versprochen, gleich heimzukommen. Aber für ein Bier wird’s bestimmt noch reichen– bei der Wärme und nach der Mühe!“ Er bückte sich nach seiner Tasche. „Und vielleicht sollten wir Drei mal kurz dabei etwas besprechen!“

Wolfgang war vor etwas mehr als zwei Jahren zum Vorsitzenden des Vereins gewählt worden und Ulli hatte seit über 30 Jahren die Position des Schatzmeisters inne. Er war ein überzeugter Männerchorsänger und die Arbeit im Verein war, neben der Arbeit im Garten, sein ausgeprägtes Hobby.

Die drei Männer verließen den Probenraum, der sich im Anbau der örtli-chen Schule befand, überquerten die Straße und schlenderten in Richtung Ortsmitte.

„Was wolltest du mit uns besprechen?“ fragte Ulli, nachdem sie einige Meter gegangen waren.

„Wir müssen über die Zukunft des Vereins reden. Nicht nur die heutige Probe gibt mir zu denken!“ Dieter sagte das mit ziemlich ernster Stimme.

„Uns fehlt halt der Nachwuchs!“ warf Wolfgang ein.

Sie hatten die Bahnschänke, ein im Ort beliebtes Bier- und Speiselokal, erreicht. Wolfgang hielt die Tür auf und ließ den beiden Sängerkameraden den Vortritt. Sie steuerten am großen Tresen vorbei in den hinteren Teil des Restaurants, der zu einem geräumigen Nebenzimmer führte. Dort hatte bereits ein großer Teil der Sänger, die wie jeden Dienstag gleich unmittelbar nach der Probe ihr Stammlokal aufgesucht hatten, Platz genommen. In der Ecke war noch ein Tisch völlig frei und die Drei setzten sich.

„Der Sommer meint es in diesem Jahr besonders gut.“ kommentierte Dirigent Hartung die bereits schon halbleeren Gläser auf den Nachbartischen. „Die Getränkehersteller freut es.“

„Aber mein Garten trocknet langsam aus!“ Ulli hatte einen recht großen sorgfältig angelegten Zier- und Gemüsegarten rund um das Einfamilienhaus, das er von seinen Eltern geerbt und später umgebaut hatte.

Wie unser Chor“, Dieter Hartung nahm den Faden wieder auf. „nur dass hier kein Regen und kein Bewässern hilft“.

„Von den jungen Männern will halt keiner mehr singen!“ Wolfgang hatte bereits seit Beginn seiner Amtszeit einige Versuche unternommen, aktive Sänger für den Verein zu gewinnen, leider ohne den gewünschten Erfolg.

„Weil wir ja auch nur die alten Männerchorlieder präsentieren.“ befand Dieter kritisch. „Wenn ich euch etwas Neues vorlege, dann landet das nach zwei Proben wieder in der hinteren Ablage“.

Ein junges Mädchen in weißer Bistroschürze kam an den Tisch. „Was darf ich den Herren bringen?“

Wolfgang drehte sich halb um. „Eine neue Serviererin? Wo ist denn Guildo heute?“

„Ich vertrete ihn für die nächsten zwei Wochen. Guildo musste zu seiner kranken Mutter nach Hamburg.“ Sie lächelte freundlich: „Was darf´ s denn sein?“

Wolfgang bestellte ein großes Bier und die beiden anderen nickten der Bedienung zu: „Das Gleiche“.

„Kommt sofort!“ Sie ging an den Nebentisch.

„Also! Wegen neuer Lieder!“ Ulli beugte sich zu Dieter Hartung. „Ich kann kein Englisch und ich habe in meinem Leben noch nie Englisch gesungen. Und den meisten von uns geht’s doch genauso.“

Im Bemühen, das Repertoire etwas zeitgemäßer zu gestalten, hatte der Dirigent mehrmals vorgeschlagen, modernere Lieder einzuüben, sogar mit Songs der Beatles hatte er es versucht. Allerdings kamen die meist älteren Sänger nicht gut damit zurecht.

Ulli fuhr fort: „Da kann man sich nicht so einfach umstellen. Wir sind alle ein bisschen noch in der Tradition der Männerchöre. Und mal ganz ehrlich, so ein gestandener deutscher Männerchor ist doch auch ein richtiger Genuss für die Ohren! Was meinst du Wolfgang?“

Der Angesprochene zögerte. „Natürlich, das ist schon etwas Wunderbares. Und ich hatte bei meinen Werbeversuchen nicht unbedingt den Eindruck, dass es mir gelungen wäre, einige junge Männer zum Mitsingen zu bewegen, wenn ich Ihnen gesagt hätte, das wir auch einige Rocksongs im Repertoire haben. Die haben eben zum Teil ganz andere Interessen und wollen nicht jeden Dienstagabend im Kreise meist viel älterer Menschen verbringen. Und selbst wenn es gelänge, drei oder vier neue Sänger gewinnen, wäre das nur ein klitzekleiner Aufschub. Wir brauchen wahrscheinlich eine ganz neue Lösung!“

Die Bedienung brachte das Bier. „Zum Wohl die Herren“. Ulli hob das Glas: „ Ein Prost auf den Verein!“

Als die Gläser wieder auf dem Tisch standen, waren sie schon fast zur Hälfte geleert. Wolfgang wiederholte: „Eine neue Lösung brauchen wir, das stimmt. Nur, wie sieht die aus?“

Dieter Hartung fasste die Beiden am Arm. „ Wir sollten überlegen, ob wir nicht vielleicht mit der Liedertafel Steinstadt eine Chorgemeinschaft eingehen sollten!“

Steinstadt war die Nachbargemeinde, hatte etwa dreimal so viele Einwohner wie Dengenheim und lag elf Kilometer entfernt. Der dortige Männergesangverein war ebenfalls um einiges größer und hatte auch im weiten Umkreis immer noch ein sehr gutes Renommee.

Ulli nahm das Bierglas in die Hand, lehnte sich zurück und schaute für einen Moment den Dirigenten prüfend an. Dann ging sein Blick zu Wolfgang und schließlich in die gesamte Runde des Raumes. Ohne zu trinken stellte er sein Glas wieder ab.

„Das würde bedeuten, dass wir nur noch ein Anhängsel der Liedertafel wären. Früher waren wir einmal der führende Männerchor in der Region und bei jedem Preissingen lagen wir vor denen.“

„Ja früher ! Und heute? Was wäre aber denn die Alternative? Als Dirigent sehe ich in Kürze keinen anderen Ausweg, wenn wir weiter singen wollen ohne uns lächerlich zu machen.“

Er wandte sich Wolfgang zu: „Was ich dich schon vorher fragen wollte: hast du Knoblauch gegessen?“

„Riecht man das immer noch?“

„Ja, aber das ist ja eigentlich Nebensache. Sag, wie denkst du über eine Fusion?“

„Um ehrlich zu sein, ist mir der Gedanke auch schon gekommen. Das würde aber auch bedeuten, dass vermutlich die Hälfte der Sänger nicht mitmachen wollte oder könnte.

Die Bedienung kam wieder an den Tisch. „Darf ich noch etwas bringen?“ „Ja gerne, Bitte noch mal drei Bier.“ Bevor sie weiterging, fragte Wolfgang: „Wie heißen sie eigentlich?“

„Ich bin die Miriam May. Aber sagen sie einfach Miriam.“ Das klang fröhlich. „Und jetzt bring ich Ihnen gleich das Bier!“

Die Diskussion wurde fortgesetzt. Wolfgang gab zu bedenken, dass manche der älteren Sänger, ähnlich wie Ulli Vorbehalte gegen den Nachbarverein haben würden und möglicherweise schon aus reiner Sturheit nicht mitgingen. Für andere könnte es zum Problem werden, für jede Chorstunde in das elf Kilometer entfernte Probelokal zu kommen.

Dieter wandte ein, dass man aber dann weiter aktiver Chorsänger in einem Männerchor bleiben würde und gegebenenfalls auch Einfluss im neuen „Großverein“ nehmen könnte. Aber Ulli meinte, dass dies nur ganz bedingt möglich sei und bei einem Anschluss an den Nachbarchor vieles von der gewohnten Harmonie im jetzigen Vereinsleben verloren ginge.

Wolfgang stand auf. „Ich muss mal.“

Die beiden anderen debattierten weiter.

Als Wolfgang zurückkam, sah Dieter auf die Uhr. „Es ist schon später, als ich dachte. Anne wird sich schon Gedanken machen. Na, sie kennt mich lange genug und weiß, dass manche Dienstagabende etwas länger werden. Trotzdem, ich glaube, es ist Zeit. Wir sollten die Tage aber unbedingt darüber reden.“

Er ging an den Tresen, zahlte und verließ mit einem lauten „Guten Abend allerseits“ das Nebenzimmer. Ulli schaute Wolfgang an. „Was machen wir? Ich glaube der Dieter meint es ziemlich ernst.“

„Du, es ist ziemlich ernst! Wenn wir so weitermachen, wie bisher, dann treffen wir uns nur noch auf ein Bier.“

„Und singen vielleicht nach dem dritten Glas eines der alten Lieder. So wie die jetzt!“

Dabei deutete er mit einer Kopfbewegung auf einen der nächsten Tische, an dem gerade eine kleine Runde ein Trinklied anstimmte. Prompt fiel die gesamte Männerschar in den Gesang ein. Miriam, die Bedienung, blieb an der Tür stehen, lächelte bei der inbrünstig vorgetragenen Darbietung und als der Schlussakkord verklungen war, klatschte sie. „ Das klingt ja viel besser als der Gesang der Fußballmannschaft hier am Sonntag!“.

„Dafür schießen wir aber auch keine Tore!“ Fritz Brunner, der in der Nähe der Tür saß, hob fröhlich sein Glas.

„Die Fußballer aber leider auch nicht!“ antwortete ein Sänger vom Nachbartisch in die Runde und alle lachten. Tatsächlich waren die Spieler des SC Dengenheim in dieser Saison nicht sehr erfolgreich gewesen und hatten mit dem letzten Spiel am Sonntag nur einen Platz auf den hintersten Rängen der Tabelle erreicht.

„Aber sie haben keine Nachwuchssorgen!“ Ulli lag das Gespräch von vorhin schwer auf der Seele.

„Wir steigen zwar nicht ab, aber wir sterben aus!“

Wolfgang legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ist er arg schlimm?“

„Wer ? der Kummer um den Verein ?“ „Nein, ich meine der Knoblauchgeruch!“

Die Veranstaltung am Donnerstag zum sechzigsten Geburtstag des Bürgermeisters ging dann auch für die Sänger einigermaßen glimpflich über die Bühne. Glücklicherweise hatte die Programmregie sie ziemlich an den Anfang, gleich nach der Festrede des Landrates und des Vertreters des Gesamtgemeinderates gesetzt. Das zahlreich erschienene Publikum war zu diesem Zeitpunkt noch einigermaßen ruhig und konzentriert, ebenso wie die Sänger.

Bei manchen Einsätzen hatten einige Choristen zwar etwas Probleme und bei einigen der höheren Passagen strapazierten die Tenöre hörbar ihre Stimmbänder, aber der Jubilar und die Festgäste spendeten wohltuenden Applaus.

Es folgten noch einige Ansprachen der örtlichen Würdenträger und nachdem der Musikverein die offizielle Feier musikalisch beendete, wandte man sich dem kalten Buffet zu.

Man begrüßte gute und weniger gute Bekannte und manche lobten sogar den Chorvortrag.

„Früher wart ihr aber schon Einige mehr!“ Ein Blasmusiker prostete einem Sänger zu. „Aber das mit dem Nachwuchs ist so eine Sache. Auch bei uns im Verein.“

Man erinnerte sich an frühere Feste und wie herrlich doch die alten Zeiten waren. Manche Anekdote sorgte für Heiterkeit und so verging die Zeit ziemlich rasch. Der Festsaal leerte sich allmählich und am Ende waren nur noch einige Tische besetzt, an denen fast ausschließlich Mitglieder der Eintracht saßen.

„ Der harte Kern.“ bemerkte Ulli und stieß dem Dirigenten, der neben ihm saß, leicht gegen die Rippen. „Komm, stimm‘ noch eins an! So jung kommen wir doch nicht mehr zusammen!“ Dieter überlegte nur ganz kurz. Mit einem Handzeichen rief er in die Runde: „Männer! Das Feierabendlied !“

Er summte vier Töne, die Sänger nahmen die Töne je nach ihrer Stimmlage auf, und auf das Handzeichen des Dirigenten begannen sie das angekündigte Lied. Töne und Text waren für alle in jahrelanger Übung gewohnt und als man geendet hatte, nickten sich die Männer zu, als wollten sie sagen: „So macht das Freude“.

Wolfgang ergriff kurz das Wort. Er erinnerte daran, dass das Bedienungs-personal jetzt aber wohl auch gerne Feierabend hätte und man einen wirklich schönen Abend verbracht habe.

„Wenn am schönsten ist, soll man aufhören! Wir sehen uns alle am Dienstag in der Chorprobe!

Er stand auf, schob seinen Stuhl näher an den Tisch, doch bevor er sich dem Ausgang zuwandte, neigte er sich zu Ulli. „ Hast du am Samstagnachmittag Zeit? So um drei ? Ulli blickte ihn fragend an: „ Schon, aber weshalb?“

Wolfgang beugte sich an Ihm vorbei: „Dieter, kannst du am Samstag um drei Uhr zu mir kommen?“

„Ich habe nichts vor“. Sein Blick ging zu Ulli. Der zuckte etwas unsicher mit den Schultern.

„Also, dann“, sagte Wolfgang, „ ihr kommt am Samstag. Dann reden wir bei Kaffee und Kuchen mal über den Chor und wie es weitergehen soll!“

Und laut über alle Köpfe hinweg : „ Gute Nacht ! Und: Schön haben wir heute wieder gesungen!“

Es wurde eine lange Sitzung. Da sich der Sommer auch weiterhin von seiner besten Seite zeigte, saßen sie auf dem Balkon von Wolfgangs Wohnung, seine Frau Dagmar bewirtete das Trio mit Kaffee und selbstgebackenem Kuchen.

„So, ich hoffe, ihr kommt zurecht. Wolfgang, wenn ihr was braucht, du weißt ja wo du es finden kannst. Macht es gut und viel Spaß!“

Sie hatte vor, jetzt mit ihrer Tochter Beate zu einer Arbeitskollegin, die heute ihren fünfzigsten Geburtstag feierte, zu fahren.

„Wir haben“ begann Wolfgang, nachdem sie alle Kuchen auf dem Teller und Kaffee in der Tasse hatten, „uns am Dienstag wegen unserer weiteren Vereinsentwicklung unterhalten. Dieter hat einen Vorschlag gemacht, den ich für sehr nachdenkenswert halte. Weil ich aber die Bedenken von dir Ulli auch verstehen kann, habe ich einen Gedanken, der mir schon seit einiger Zeit durch den Kopf geht nochmals aufgegriffen. Ich will das heute mit euch in Ausführlichkeit besprechen. Und ich denke, wir sollten so rasch als möglich die Sänger einbeziehen und nicht mehr lange einfach so wie bisher weitermachen.“

Die beiden anderen Männer schauten erwartungsvoll. Keiner machte den Versuch, am Kuchen zu naschen oder einen Schluck zu trinken.

„Also, ich denke an folgende Alternative…“

Es wurde wirklich eine lange Sitzung. Lebhafte Debatten, hitzig vorgetragene Meinungen und die nicht immer objektiven Argumente flogen hin und her.

Und so saßen die Männer auch noch im warmen Abendwind auf dem Balkon, als Dagmar mit ihrer Tochter wieder zurückkehrte. Zwischenzeitlich hatte allerdings das Kaffeegeschirr den Biergläsern Platz gemacht. „Hallo ihr Drei! Das nenne ich Arbeitseifer! Oder habt ihr das Thema gewechselt?“ Man fragte zurück, ob es denn schön gewesen sei und Dagmar erzählte kurz von der Geburtstagsfeier. „Wir sind auch soeben mit unserem Thema durch. Komm setz dich doch noch zu uns und wir nehmen alle noch einen kleinen „Gute -Nacht -Trunk“.

KAPITEL 2

Die Chorstunde am Dienstag begann wie immer. Allmählich trafen die Männer ein, ließen sich von Fritz Brunner die Noten geben und setzten sich auf die gewohnten Stühle.

Als es Zeit war, anzufangen, erhob sich Dieter Hartung.

„Liebe Sänger, ihr alle wisst und erlebt, dass unser Kreis in den letzten Jahren immer kleiner wird und es nicht immer einfach ist, zu den jeweiligen Aufführungen mit der erforderlichen Anzahl in allen Stimmlagen aufzutreten. Bei schwierigen Stücken, wenn sich dann noch die einzelnen Stimmen teilen oder wenn besonders starke Sänger mal fehlen, liefern wir nur noch ein schwaches Klangbild. Unser Vorstand, unser Schatzmeister und ich haben uns deshalb Gedanken gemacht, was man tun kann, damit unser Chor auch eine Zukunft hat.“

Er wies in Richtung Tenöre: „Wolfgang, bitte erkläre du uns, welchen Ausweg wir vorschlagen.“

Der Angesprochene erhob sich, ging nach vorne, legte die linke Hand auf das Klavier und schaute in die Runde. Er fühlte sich im Augenblick wie ein Politiker, der seinen Wählern erklären muss, weshalb nicht alle Wahl-versprechen eingehalten werden können.

„Also, wie Dieter schon richtig sagte, befinden wir uns seit geraumer Zeit in einer schwierigen Lage. Von denjenigen, die noch den harten Kern bilden, sind schon einige lange im Rentenalter, Gott sei Dank zwar noch bei guter Gesundheit. Ich mit meinen sechsundvierzig Jahren zähle sogar zu den Jüngsten. Wir haben zwar den letzten Auftritt bei Bürgermeisters Geburtstag einigermaßen gemeistert, aber was wäre gewesen, wenn zum Beispiel ihr, Gerhard und Fritz im ersten Tenor, oder du Wilhelm im zweiten Bass gefehlt hättet. Dann hätten wir nur drei leichte Lieder, die jeder im Ort schon x-mal gehört hat, vorgetragen, uns gewundert, dass alle die tolle Blaskapelle loben und uns gegenseitig nur mitleidig angesehen. Was uns fehlt, ist Nachwuchs!“

Er machte jetzt eine kleine Pause und forschte in den Gesichtern vor ihm. Er konnte spüren, dass bis jetzt jeder zustimmte. Ulli erwiderte seinen Blick. Er kannte den jetzt kommenden Vorschlag und ahnte, dass dieser sehr geteilt aufgenommen werde würde.

Wolfgang fuhr fort: „Ihr wisst, dass wir seit langem immer wieder versu-chen, neue Sänger zu gewinnen. Den letzten Neuzugang hatten wir mit dir Günther, und das ist auch schon über zwei Jahre her! Wenn wir weiter darauf warten, dass der eine oder andere zu uns kommt, dann singen wir in nicht mehr allzu weiter Zukunft nur noch bei Beerdigungen! Und zwar bei unseren eigenen!“

Wolfgang erschrak jetzt selbst. Er sah die betretenen Mienen und ihm war nicht wohl, dass er dieses drastische Argument so unverblümt in den Raum geworfen hatte. Rasch redete er weiter.

„Wenn wir weiter singen wollen, sollten wir überlegen, ob wir uns nicht unserem Nachbarverein, der Liedertafel Steinstadt anzuschließen.“

Er schaute sich um. Stumm saßen die Kameraden da, teils sichtlich verunsichert, teils auch irgendwie trotzig. Gerhard Krieger, ein rüstiger Endsechziger aus dem zweiten Bass, stand auf.

„Ich bin fast vierzig Jahre im Verein. Ich habe viele schöne Stunden erlebt und gehofft, dass ich noch einige Jahre hier so mitsingen und mitmachen darf. Wenn wir in eine Chorgemeinschaft wechseln, dann weiß ich, dass ich das aus verschiedenen Gründen nicht mitmachen kann. Ich bin dafür, dass wir hier im Ort unseren Verein weiterführen!“

„Aber so wie wir jetzt aufgestellt sind, werden wir uns bald lächerlich machen!“

Friedrich Fröhlich, er war der Schriftführer des Vereins, hatte sich erhoben. „Ich würde selbstverständlich viel lieber hier in unserem Verein singen, aber ich befürchte auch, dass unsere Schar immer rascher schrumpft und nichts mehr bleibt, als ein Haufen älterer Männer, die sich gegenseitig zum Geburtstag oder in der Schänke die alten Lieder vorsingen.“

Lange Jahre arbeitete er als Angestellter in der örtlichen Gemeindeverwaltung. Jetzt war er seit drei Monaten pensioniert. Bereits sein Vater war Sänger in dem Verein und dieser hatte ihn schon in jungen Jahren bewogen, in den Männerchor eingetreten. Sein Wort hatte Gewicht.

„Wenn wir uns aber der Liedertafel Steinstadt anschließen, dann könnten wir dauerhaft in einem ordentlichen Chor mit vernünftigem Programm singen.“

Beifälliges Gemurmel unterstützte diese kurze Ansprache.

„Aber wir müssten dann unsere Eigenständigkeit aufgeben!“ Mit diesem Zwischenruf eines alten Sängers begann eine heftige Debatte untereinander, jeder redete mit jedem und gab seine Meinung und seine Bedenken kund. Manche waren sachlich, andere mehr gefühlsbetont und je länger diese Diskussion andauerte, desto emotionaler wurde sie.

„Sänger!“ inmitten des heftigen Stimmengewirres, meldete sich jetzt Walter Höfer zu Wort. Walter Höfer saß in der dritten Reihe als erster Bass und galt als einer der stimmführenden Sänger des Chores. Von Beruf selbständiger Metzgermeister und als Gemeinderatsmitglied war er im gesellschaftlichen Leben des Ortes fest verankert. Immer wenn er in den Vereinsversammlungen das Wort an die Mitglieder richtete, begann er seine Ausführung mit der sehr kräftig und betont gesprochenen Ansprache: „Sänger!“

Bei dieser Anrede verstummten die Männer und drehten sich zu dem Redner.

„Wir haben jetzt lange diskutiert und argumentiert. Jeder hat seine Gründe, dafür oder dagegen zu sein. Ich bin dafür dass wir abstimmen, dann sehen wir, welche Meinung überwiegt. Also, wer ist dafür, dass wir …?“

In diesem Moment schlug Dieter Hartung auf dem Klavier zu einem kräftigen C-Dur-Akkord an. Jetzt flogen die Blicke zum Dirigenten.

„Walter, danke für Deinen Vorschlag. Aber unser Vorstand war wohl noch nicht ganz mit seinem Vortrag zu ende. Und bevor wir abstimmen, sollten wir vielleicht hören, was er noch zu sagen hat. Es gibt eventuell noch eine andere Lösung!“

Wolfgang befeuchtete sich mit der Zunge die Lippen.

„Es gibt noch einen anderen Weg, wie wir möglicherweise in Zukunft bestehen können.“

Pause.

Wie schon zu Beginn der Ansprache suchte er den Blickkontakt der Anwesenden und als er bei Ulli angelangt war, blickte dieser zu Boden.

„Wenn wir eigenständig bleiben wollen, brauchen wir mehr singende Mitglieder. Und wenn wir keine geeigneten Männer gewinnen können, versuchen wir es… eben mit Frauen!“

Es war jetzt mucksmäuschenstill. Wie es schien, musste jeder diesen Vorschlag erst mal auf sich wirken lassen. Ulli schaute vom Boden auf und blickte sich um, Dieter Hartung war aufgestanden und blickte gespannt auf die vor ihm sitzenden Männer. Wolfgang hielt den Kopf gesenkt und schielte unter den Augenbrauen auf die Anwesenden.

„Wie ? – Wir singen zusammen ... mit F r a u e n?“ Walter Höfer fasste sich als erster.

„Ja ! Wir gründen einen gemischten Chor!“ Ulli erhob sich und machte einen Schritt auf Wolfgang zu.

„Ich habe von der Idee ja schon vorher gehört und mir Gedanken darüber gemacht. Und je länger ich darüber nachdenke, desto interessanter und machbarer erscheint sie mir!“

Dieter verließ jetzt den Platz am Klavier und stellte sich neben die Beiden.

„Leute, ich halte diesen Vorschlag für sehr überlegenswert. Wir behalten weiterhin unsere Selbständigkeit, und bleiben damit aktiver Teil des kulturellen Lebens von Dengenheim!“

Wolfgang ergänzte, dass bei dieser Lösung kein Sänger aus seinem gewohnten Rhythmus käme und somit für die jetzigen Mitglieder ziemlich alles beim Alten bliebe.

„Also auch unser Treffen nach der Chorstunde in der Bahnschänke!“ Ulli sagte das mit einem breiten Lächeln.

Dieter führte noch einen weiteren Gesichtspunkt ins Feld. „Vielleicht sind ja hübsche Sängerinnen ein zusätzlicher Grund für den einen oder anderen jungen Mann ebenfalls unserem Verein beizutreten.“

Wieder meldete sich Walter zu Wort: „Wie ich sehe, habt ihr euch ja schon ganz konkret über diese Lösung Gedanken gemacht. Und wie soll das Ganze praktisch ablaufen?

Natürlich hatten die Drei sich am letzten Samstag in der langen Sitzung auf dem Balkon auch schon mit der praktischen Durchführung beschäftigt. Dieter hatte als Dirigent sogar schon eine erste Auswahl der passenden Chorliteratur zusammengestellt.

Wolfgang beschrieb, was man bereits vorbereitet hatte. „Wir haben ein Inserat entworfen, das wollen wir in unserer Gemeindepresse aufgeben.“

Er las laut den Text vor:

Sängerinnen gesucht! Haben sie Freude am schönen Gesang?

Dann machen sie bei uns mit.

Wir proben einmal in der Woche –

im Gemeinschaftsraum der Grundschule Dengenheim.

Wenn sie Lust haben, dann kommen sie zu einer unverbindlichen

„Schnupperprobe“ am Dienstag- 14. 08./ 20.00 Uhr -

Wir freuen uns, wenn sie kommen.

Der Vorstand Männergesangverein Eintracht Dengenheim

„Und - wir haben auch schon mal – zunächst ganz vertraulich – einige Frauen angesprochen und um ihre Meinung gefragt.“

Dieser Satz löste endgültig die bis dahin noch weitgehend verstummten Münder. Jeder der Sänger gab seine erste Meinung zu diesem neuen Vorschlag ab, und wie die Drei feststellen konnten, war diese meist sehr skeptisch und nicht immer wohlwollend.

Es war wieder Walter Höfer, der sich nach einiger Zeit erhob und sich mitten in den lebhaften Wortmeldungen, wieder an die Versammlung wandte: „Sänger!“ Er stützte sich jetzt leicht auf die Schultern seines Vordermannes. „Sänger! Ich habe viele Jahre begeistert im Männerchor gesungen und das, was ich jetzt gehört habe, tut mir weh. Aber wenn ich mir es recht überlege, käme es auf einen Versuch an. Friedrich, was meinst du?“

Der Angesprochene schaute auf. „Ich bin Deiner Meinung. Ein Versuch ist es wert!“

Walter Höfer schaute auf Wolfgang: „Wir sollten jetzt abstimmen!“.

Die Abstimmung ging reibungslos über die Bühne.

Den meisten der vierzehn Männern, die für den Vorschlag stimmten, merkte man deutlich an, dass es ihnen nicht ganz leicht viel, doch sie hoben tapfer die Hand.

Wolfgang nahm sich vor, mit den drei Kameraden, die dagegen waren, nochmals ein persönliches Gespräch zu führen, zumal sie in der Diskussion geäußert hatten, dass sie im Falle einer Umbildung in einen gemischten Chor, den Verein verlassen würden. Er erläuterte jetzt noch mal, was man bisher geplant hatte und betonte, dass es sich um einen Versuch handele.

Als alles schon fürs erste geklärt schien, hob plötzlich Friedrich die Hand: „Ich würde noch gerne wissen, mit welchen der Frauen im Ort ihr schon über das Mitsingen gesprochen habt?“

Ulli blickte Wolfgang und Dieter an.

„Nun, wir haben vereinbart, dass wir erst dann etwas sagen, wenn wir alles geregelt haben“. Wolfgang überlegte einen Moment.

„Also, meine Frau hat eine ganz ordentliche Altstimme und früher auch im Schulchor gesungen. Die würde ganz gerne mitmachen.“

Es trat eine kleine Pause ein.

Jetzt beugte sich Friedrich vor, bevor er aber etwas sagen konnte, kam ein Zwischenruf aus der dritten Reihe: „Ja und wer will sonst noch mitma-chen?“ Fritz, der Notenwart war aufgestanden.

Ulli sprang bei. „Meine Schwägerin interessiert sich dafür und auch eine Arbeitskollegin von mir hat eine gute Stimme!“

Wieder entstand eine Pause.

Ulli ergänzte: „ Und wenn das Inserat erscheint, dann wird es bestimmt noch ein ganze Reihe von Frauen geben, die das mit uns probieren wollen.“

Unruhiges Gemurmel kam auf.

Walter Höfer hob die Hand: „ All zu viele Meldungen sind das aber nicht gerade.“ Er schaute sich um. Dann räusperte er sich. „Aber wir haben mehrheitlich zugestimmt.“

Jetzt stand er auf. „Sänger!“ Man spürte, wie er seinem Wort Nachdruck geben wollte. „Sänger! Wir haben mehrheitlich zugestimmt. Wolfgang und Dieter haben uns erklärt, wie das laufen soll. Jetzt sollten wir auch gemeinsam die Sache angehen.“

Friedrich drehte sich ihm zu. Impulsiv klatschte er Beifall und einige der Männer taten es ihm gleich.

Wolfgang spürte, wie jetzt die Anspannung etwas nachließ.

„Kommt“, sagte er laut. „Lasst uns in die Bahnschänke gehen, wir haben uns jetzt ein Bier verdient! Unsere heutige Chorprobe ist damit beendet!“

Wolfgang, Ulli und Dieter ließen sich Zeit. Als alle anderen den kleinen Saal verlassen hatten, gaben sie sich die Hand.

„Die erste Hürde ist genommen“ Ulli klopfte Wolfgang auf die Schulter.

Dieser schaute die beiden an.

„Ihr habt mir wirklich toll geholfen und ich hätte nicht gedacht, dass der Höfer Walter so rasch in den Versuch einwilligt.

Sie gingen nach draußen, Wolfgang schloss die Tür ab und wollte den beiden folgen. Da blieb Dieter stehen und drehte sich um: „Warte, ich habe jetzt meine Noten vergessen.“

Wolfgang schloss die Tür wieder auf. Dieter ging an ihm vorbei zum Kla-vier. Der Umschlag lag links neben dem Tisch, auf dem sonst die Notenhefte lagen. Er bückte sich und hob ihn auf.

„Ich wollte sie mir zuhause nochmals ansehen.“ Als er an Wolfgang vorbei ging, bemerkte dieser, dass Dieters Arm leicht zitterte. „Was ist mit dir? Du ja ganz blass !“ Dieter stützte sich am Klavier ab. „ Ich hab mich wohl zu schnell gebückt. Für einen Moment ist mir ganz schwindlig!“

Er atmete tief durch. „Ich denke, es geht schon wieder. In letzter Zeit passiert mir das häufiger. Man ist halt nicht mehr der Jüngste! Wahrscheinlich macht mir doch die Hitze zu schaffen.

“ Er wischte sich über die Stirne.

„Vielleicht ist es besser, wenn ich gleich nach Hause gehe und mich etwas hinlege. Oder soll ich doch noch argumentativen Beistand in der Bahnschänke leisten?“

„Das ist wirklich nicht nötig.“ beruhigte ihn Wolfgang. „Wir kommen für den Rest schon klar – und Danke nochmals für deine Unterstützung heute Abend.“. Dieter gab Wolfgang und Ulli die Hand.

„Also dann, Gute Nacht !“ Er wandte sich zum Gehen. „Vielleicht spendiert ihr aus der Kameradschaftskasse heute Abend noch jedem ein Bier!“ Etwas müde lächelte er und ging.

Wolfgang und Ulli schauten ihm nach: „Es geht mir jetzt fast die unserem Dieter, “sagte Wolfgang.

„Ich schwitze auch ganz schön und weiß nicht, ob ich es wegen der Hitze oder wegen der Aufregung ist.“ Dabei schloss er erneut die Tür des Probenraumes ab. Dann folgten die Beiden den anderen zum Lokal

Im Nebenraum der Bahnschänke herrschte bereits lebhafte Diskussion. Wolfgang setzte sich an den freien Platz eines größeren Tisches, an dem bereits einige Sänger Platz genommen hatten. „

Fritz Brunner, der neben ihm saß, legte den Arm um ihn. „Mensch, Wolfgang, meinst du wirklich, dass das der richtige Weg ist?“

„Wir müssen es einfach aus probieren und wenn du mitmachst, geht’s schon nicht schief“. Und jetzt hab hier noch etwas zu sagen.“ Er zog dabei das Bierglas seines Nachbarn näher zu sich. „Hast du davon schon getrunken?“

Fritz Brunner rollte mit den Augen. „Bist du am Verdursten?“ Wolfgang lachte. Er stand auf, klopfte an das Glas und schob es Fritz wieder zurück.

„Unser Dieter musste schon nach Hause, aber er hat vorgeschlagen, dass das erste Bier heute Abend aus der Kameradschaftskasse gezahlt wird! Seid ihr einverstanden?“ Zustimmender Applaus am Tisch.

„Das ist aktive Bestechung!“ Friedrich, der schräg gegenüber saß, hob sein Glas. „Aber ich nehme sie an!“

„Irrtum mein lieber Friedrich „– Wolfgang beugte sich über den Tisch. „ Aktive Bestechung wäre es, wenn wir vorher ein Bier ausgegeben hätten, jetzt ist es lediglich ein freiwillige Zuwendung.“ Die Männer am Tisch lachten.

„ Bitte auch Bier Miriam“ Er hatte sich bereits nach der Bedienung, die am Nebentisch stand umgedreht. „Das ist eine Hitze! Keinen Ton gesungen und trotzdem eine trockene Kehle“.

Im Hauptberuf war Wolfgang Freidank Werkstattmeister eines großen Kfz-Betriebes. Sommerzeit ist Reisezeit und das bedeutete für ihn zusätz-lichen Arbeitseinsatz, weil viele Kunden gerade jetzt noch vor längeren Reisen oder nach dem Urlaub ihr Auto in die Werkstatt brachten. Außerdem war durch die Ferientage auch der Personalstand kleiner als üblich.

Er war schon seit etlichen Jahren in dem Betrieb und da das Firmengelände am Ortsrand von Dengenheim lag, hatte er keine große Anfahrtszeit, um zur Arbeit zu kommen. Meist nahm er, auch auf Anraten seiner Frau, das Fahrrad. Nur bei schlechter Witterung benutzte er das Auto.

Als er sein Büro betrat, lag schon ein Stapel Formulare für die angemeldeten Fahrzeuge auf seinem Schreibtisch und der erste Kunde fuhr gerade auf den Hof. Er öffnete das einzige Fenster im Raum, um mit der Morgenfrische etwas Kühle in die abgestandene, muffige Büroluft zu bringen.

„Guten Morgen, Herr Freidank.“ Der Kunde trat vor seinen Schreibtisch.

Wolfgang kannte den Stammkunden und grüßte zurück. „Wie geht’s Herr Krämer? Urlaub schon zu Ende?“ Es war ein regulärer Kundendienst und Wolfgang klärte sehr routiniert den Vorgang. „Um zwei Uhr können sie ihr Fahrzeug wieder abholen.“

Der nächste Kunde stand schon wartend vor dem Büro und nach kurzer Zeit waren bereits mehrere Personen im Vorraum, die ihren PKW in die Werkstatt bringen wollten

Kurz nach 9.00 Uhr – der erste Ansturm war vorüber - stand er auf und schloss seine Bürotür.

Dann griff er zum Telefon. „ Hallo Dieter, Wolfgang hier. Ich wollte nur wissen, wie es dir geht.“

„Alles okay. Schon zuhause war ich wieder ganz in Ordnung. Ich meine, der Kreislauf spielt bei der Hitze etwas verrückt. Das geht ja auch schon den Jüngeren so. Sag mal, wie war s denn gestern noch in der Bahnschänke?

Wolfgang berichtete kurz. „ … und das mit dem Freibier kam wirklich gut an! Du, aber ich hab noch den ganzen Hof voller Autos. Ich ruf heut Abend noch mal an. Grüß´ Anne von mir !“

Er legte den Hörer auf die Gabel. Es klopfte und er öffnete die Bürotür wieder. „Entschuldigung, jetzt geht’s weiter.- Was kann ich für sie tun?

Er besprach gerade mit dem Kunden den Umfang der geplanten Reparatur, als das Telefon klingelte.

„ Hallo, störe ich?“ Es war der Schriftführer Friedrich Fröhlich.

„ Es geht schon! – Was ist denn los?“

„ Ich habe heute Morgen gleich unser Inserat aufgegeben. Kostet aber zweiundzwanzig Mark!

„Und wann erscheint es?“ „In der morgigen Ausgabe!“

„Dann ist das doch prima. Die Rechnung bekommt Ulli. Friedrich, ich danke dir. Ich werde mich später mal melden. Tschüss !

Er legte auf und wandte sich wieder dem Kunden zu. „Ich denke, ihr Wagen wird gegen vier Uhr fertig sein! Vielleicht rufen sie vorher noch mal kurz an.“

Wieder klingelte das Telefon. Jetzt war es Dagmar. „Was gibt es?“

„Du, heute Morgen, bevor ich ins Büro ging ich noch zu Fleischer Höfer. Margret, seine Frau hat bereits von ihrem Mann erfahren, dass künftig im Verein auch Frauen mit singen sollten. Sie überlegt jetzt, ob das etwas für sie wäre, ist aber unsicher. Vielleicht hat sie Sorge, sich zu blamieren. Ich habe ihr gesagt, dass ich auch mitmache, aber so recht überzeugt hat sie das wohl nicht. Es waren noch zwei Frauen im Laden, die haben interessiert zugehört. Ich wollte dir das nur sagen, damit du siehst, dass es schon in der Gemeinde herumgeht! Lass dich jetzt weiter nicht stören!“.

Er lehnte sich etwas zurück. Gut, dachte er, wenn die Leute darüber reden, dann kommt die Sache in Schwung.

Am nächsten Morgen fischte er, noch vor dem Frühstück die Gemeindezeitung aus dem Briefkasten.

Im Stehen trank er seinen Kaffee und biss in ein Marmeladenbrot. Mit der freien Hand blätterte er in der in dem Regionalblatt. Da war es. Das Inserat für die Sängerinnensuche fand er gut platziert im Mittelteil. „Das sieht gut aus. Jetzt bin ich auf die Wirkung gespannt!“

„Dagmar – schau, das Inserat ist im Gemeindeboten.“

Seine Frau steckte den Kopf aus der Badezimmertür: „Ich muss es ja nicht mehr lesen. Ich kenne es ja schon!“ Sie lachte und schloss die Tür. Kurz darauf erschien sie wieder, klopfte an die Tür des Kinderzimmers: „Beate, beeil Dich, ich fahr in zehn Minuten!“

Wolfgang stopfte die Zeitung in seine Aktentasche. „Und ich bin dann schon weg. Wahrscheinlich wird es heute etwas später. Man könnte meinen, jeder bringt sein Auto zur Werkstatt. Und einer der Elektriker hat sich auch noch krank gemeldet! Sommergrippe!“

Er hauchte Dagmar einen Kuss auf die Wange. “Tschüss ! Tschüss Beate, bis heute Abend. Macht´s gut!“

Er zog die Tür hinter sich zu, ging in den Keller, holte sein Fahrrad und kurz darauf war er auf der Straße, wo ihn die noch kühle Sommermorgenbrise auf dem Weg in den Betrieb begleitete.

Der Arbeitstag verlief weniger stressig, als gedacht. Der als krank gemeldete Kfz-Elektriker war doch am Arbeitsplatz erschienen und die eingehenden Wartungs- und Reparaturaufträge waren relativ problemlos.

Zwar klingelte immer zwischendurch das Telefon und es waren nicht immer rein dienstliche Anrufe.

Ulli meldete sich, als er das Inserat gelesen hatte und berichtete, dass er in seiner Firma schon darauf angesprochen worden sei.

Auch Schriftführer Friedrich Fröhlich rief an. „Ich finde, die Anzeige ist gut sichtbar und wird bestimmt von Vielen gesehen! “ freute er sich.

„Ja und du wirst sehen, das eine Reihe von Mädels kommen wird, nicht nur die Omas! Dieter hat ja für den Probenabend etwas vorbereitet. Wir werden sehen, wie es wird.“ Der Optimismus bei Wolfgang nahm weiter zu.

Einer Kundin, die nur mal wegen ihrer defekten Hupe nachsehen lassen wollte, erzählte er kurzweg von seiner Vereinsplanung und als sie ihm sagte, dass sie zwar nicht hier sondern in Steinstadt wohne, aber ihre Tochter hier in den Nähe arbeite und sie gerne bei ihr nachfragen wolle, da grinste er breit und war sich sicher, dass der neue Weg der völlig richtige war. Es wird bestimmt ein voller Erfolg, sagte er zu sich selbst. Er rief in der Pause den Dirigenten an. Auch Dieter hatte das Inserat gesehen und fand es an günstiger Stelle. „Ich bin gespannt, wie viele interessierte Damen am Dienstag kommen.“ Er berichtete, dass er sich, trotz der anhaltenden Hitze, wieder wohl fühle und weiter am „Damenprogramm mit Herrenbegleitung“ arbeite.

Vergnügt rieb sich Wolfgang die Hände, wischte sich mit der Hand die feuchte Stirn und schenkte sich ein Glas lauwarmes Mineralwasser aus der Flasche, die unter seinem Schreibtisch stand, ein, als der Firmeninhaber, Herr Bläser, das Büro betrat. Er hielt eine Hand mit dem Gemeindeboten hoch: „Ich hab’s gesehen. Da bin ich mal gespannt, wie viele sich da wohl melden werden. Wenn meine Frau singen könnte, dann…, aber sie hat ja ohnehin kaum Zeit und wenn es mal reicht, dann geht sie lieber joggen.“

Er setzte sich vor Wolfgangs Schreibtisch. „Mensch, diese Hitze ist ja kaum zum Aushalten aber wenigstens ist heute mal nicht so ein Rummel wie in den zwei letzten Wochen.“

Wolfgang nickte und sein Chef blätterte im Gemeindeboten. „Wirklich gut, das mit dem Inserat. Da mussten sie sich wohl energisch durchsetzen, wie?“

„Ganz so schlimm war es nicht“. Wolfgang erzählte kurz die Vorgeschichte. „Und unser Dirigent und unser Schatzmeister haben auch ganz gut mitgemacht.“

„Ihr Inserat hat mich auf eine Idee gebracht“ übernahm Herr Bläser wieder das Wort. „Wir haben in diesem Jahr doch unser dreißigjähriges Firmenjubiläum. Und im Oktober gibt es hier einen Sonntag der offenen Tür.“ Wolfgang nickte, die Planung war ihm bekannt. „Könnte da nicht ihr Chor, bereits in neuer Formation, ein wenig die musikalische Begleitung übernehmen? Das käme sicher gut an!

Und…”Herr Bläser machte eine Pause. „…ich würde mich auch mit einem angemessenen Betrag für die Kameradschaftskasse erkenntlich zeigen!“ Er lehnte sich etwas zurück.

„Nun, ich weiß nicht, ob bis dahin…“ Wolfgang überlegte.

„Muss ja nicht jetzt entschieden werden. Es sind ja noch fast zehn Wo-chen bis dahin.“ Herr Bläser stand auf. „Bis dahin wissen sie mehr und die Hitze wird bestimmt auch vorbei sein“. Er hob die Hand, nickte und ging aus dem Werkstatt-Büro zum Hof. Das Gemeindeblatt ließ er auf dem Schreibtisch liegen. Wolfgang nahm es in die Hand, schaute nochmals auf die Seite mit dem Inserat, als wäre es ein schönes Bild, nickte für sich und warf es dann, wenn auch zögernd, in den Papierkorb unter dem Tisch.

In den kommenden Tagen ertappte er sich oftmals, dass er mit den Gedanken immer bei der Frage war, wie viele Frauen sich melden würden. Es gab auch verschiedene Rückmeldungen. Dagmar erzählte ihm, von Gespräch mit einigen Frauen, die sich über die Hintergründe für diese Aktion erkundigt hatten. Allerdings machten wohl einige der Damen schon die Einschränkung, dass man wenig Zeit habe oder keine Stimme oder ausgerechnet am Dienstag etwas anderes, Unaufschiebbares vorhabe. Er rief am Abend einige Sänger an, um zu erfahren, was sie bisher gehört hätten. Auch hier waren die Antworten ähnlich. Vielleicht lief es doch nicht so glatt. Nun man würde am Dienstag mehr wissen. Jetzt hieß es erstmal abwarten.

Am vereinbarten Probenabend schloss er bereits eine halbe Stunde vor dem festgesetzten Zeitpunkt die Tür zum Übungsraum auf. Dieter Hartung war ebenfalls schon da. Er breitete ein kleines Notenbündel aus. „Ich würde gerne vorher mit jeder Interessentin sprechen und klären, in welcher Stimmlage sie singen kann.“

Ulli kam jetzt herein. „Hallo, ihr beiden! Na, sind schon die ersten Mädels eingetroffen?“

Wolfgang lachte etwas angestrengt. „Gleich schließen wir, wegen Überfül-lung!“ Dieter sah auf die Uhr. “Es ist noch reichlich Zeit.“

„Also komme ich nicht zu spät!“ Es war Dagmar, die durch die Tür trat.

„Ich wollte euch doch nicht alleine warten lassen.“

Wolfgang legte seinen Arm um ihre Hüfte: „Willkommen im Chor! Dieter, mach den Stimmtest!“

Der schmunzelte: „ Mit oder ohne Klavierbegleitung?“ Er öffnete den Tastendeckel. „Aber ich weiß es doch auch so! Du singst im Alt!“

„Wollt ihr, wenn alle da sind, gleich richtig loslegen?“ fragte Dagmar in die Runde.

„Wir haben den Männern gesagt, dass es heute erst eine halbe Stunde später beginnt. Dann haben wir noch ein bisschen Zeit, uns um die Frau-en zu kümmern.“

Ulli hatte gestern noch alle Männer angerufen und über die Terminverschiebung zu informieren.

Die Tür ging auf und eine Frau mittleren Alters trat ein. „Guten Abend! Probt hier der Chor?“„ Ja sie sind völlig richtig!“ Ulli ging auf sie zu. „Das ist unser Vorstand, Wolfgang Freidank und das ist unser Dirigent, Herr Hartung!“ Wolfgang gab ihr die Hand. „Wie ist ihr Name?“

Während sie sich unterhielten, ging erneut die Tür. Es war Ullis Schwägerin, Barbara Haberer in Begleitung einer jüngeren Frau, die sich als besagte Arbeitskollegin von Ulli vorstellte.

„Hallo Mädels, schön dass ihr kommt!“ Ulli drückte seine Schwägerin und verwies auf Dieter. „Der macht mir dir gleich eine Stimmübung. Ich habe dich zwar als Sopran angemeldet, aber er will dich sorgfältig testen.“ Barbara Haberer zog fragend die Augenbrauen hoch.

„Kleiner Scherz am Rande! Natürlich singst du im Sopran!“ Der Chorleiter wandte sich ihrer Begleitung zu. „Und sie?“ Diese lachte etwas verlegen: „Ich glaube, mir fehlt es etwas an Höhe. Wenn sie einverstanden sind, würde ich gerne in die Altstimme gehen.“ Dieter schielte über seine Brille. „Natürlich ist das in Ordnung.“

Zwei weitere, geschätzte Endfünfzigerinnen kamen herein. Sie stellten sich vor. Sie waren Schwestern und hatten vor Jahren mal in einem Gospelchor gesungen. Vor einigen Monaten waren sie, wie sie erzählten, mit ihren Männern nach Dengenheim gezogen.

„Die Kinder sind schon aus dem Haus, unsere Männer beruflich sehr eingespannt und wir haben gedacht, dass wir wieder singen sollten.“

„In welcher Stimmlage?“ wollte Dieter wissen. „Wir sind Sopran“.

Die etwas korpulentere der Beiden sagte das mit leicht hörbarem Stolz.

Sie setzten sich zu den anderen. Dieter Hartung setzte sich dazu und gab noch einige Informationen über den Verein und die musikalischen Aktivitäten. Wolfgang stellte sich mit Ulli etwas abseits und schaute auf die kleine Gruppe. „Bisher sind es sechs!“ Sein Blick ging zur Uhr. „Die Zeit ist gleich um und die ersten Männer werden kommen!“ „Tja, kein großer Andrang! Ob das an der Hitze liegt?“ Ulli trat von einem Bein auf das Andere.

„Hallo, zusammen!“ Walter Höfer, sichtlich verschwitzt und mit weit offenem Hemdkragen grüßte etwas zu laut. „Da haben wir ja lauter neue Gesichter!“ Er schaute auf die vordere Reihe, in der die Platz genommen hatten. „Bleibt es bei der alten Sitzordnung?“ Sein Blick ging fragend zu Wolfgang. „Natürlich.“ antwortete dieser und seine Stimme klang etwas belegt. Dagmar lächelte und winkte Walter Höfer zu. „Du hättest Deine Frau ruhig mitbringen können!“ Der zuckte mit den Schultern.

„Sie hat gerade wenig Zeit!“ Es klang abweisend. Nacheinander kamen jetzt auch die anderen Sänger. Fast alle blieben kurz in der Tür stehen, schauten auf die erste, von den Frauen besetzte Stuhlreihe. Einige beklagten laut die anhaltende Hitze, andere stellten, wie Walter Höfer, die Frage nach dem Sitzplatz.

Bevor es losgehen sollte, fasste Wolfgang den Dirigenten am Arm und nahm ihn zur Seite. Ulli stellte sich dazu. „Ganze sechs Hospitantinnen!“ Wolfgangs Stimme war rau. „Weniger als erwartet!“ „Und weitaus weniger als notwendig!“ ergänzte Dieter. „Was machen wir jetzt?“ Ulli zupfte etwas nervös am Ohrläppchen. „Absagen können wir nicht.“ Wolfgang sprach jetzt ganz leise. “Dieter, nimm bitte heute eines der leichtesten Stücke, wir ziehen das jetzt durch! Ich gebe zuerst ein paar Erläuterungen und dann Dieter dir die Leitung!“ Der Angesprochene setzte ich ans Kla-vier und Ulli auf seinen angestammten Stuhl in der zweiten Reihe. „Meine Damen, liebe Sängerkameraden, “ Wolfgang räusperte sich. „Also, zuerst möchte ich unsere Neuzugänge ganz herzlich begrüßen. Wir freuen uns, dass zur heutigen Schnupperprobe gekommen sind. Unser Dirigent hat Ihnen schon einiges vorhin erläutert. Ich gebe zu, ich hatte mit noch mehr Interessentinnen gerechnet, aber der Termin war ja sehr kurzfristig und vielleicht ist auch die Hitzewelle etwas daran mitschuldig. Aber, wie sagt man so schön, Qualität geht vor Quantität!“ Er wagte einen kurzen Blick auf die erste Reihe. Dagmar zwinkerte ihm mit einem Auge zu. Dann fixierte er die Männer. In deren Gesichter war keine Regung zu entdecken. „Und immerhin hat unser Chor am heutigen Abend einen Zuwachs von mehr als dreißig Prozent bekommen. Und ich bin sicher es werden noch deutlich mehr werden. Da heute Abend ja noch neu für uns alle ist, wird unser Dirigent zuerst mal mit einem von ihm speziell ausgesuchten Stück beginnen .Bevor wir aber mit der regulären Probe starten, wollen wir Männer unsere neuen Sangesschwestern doch mit einem kurzen Lied begrüßen. Mit unserem Sängerspruch „Ewig treu und wahr!“

Er ging an seinen Platz neben Ulli. „Wir stehen dazu am besten auf!“ Dieter gab auf dem Klavier die Akkorde an, stellte sich vor den Chor und auf sein Zeichen hin füllten die Stimmen der Männer den Saal mit der bekannten Melodie. Traditionsgemäß sang man die Strophe zweimal hintereinander. Nach dem letzten Akkord blieben die Männer ruhig stehen.

Und als nach einer winzigen Pause Dagmar zaghaft zu klatschen begann, fielen die anderen fünf Damen in der ersten Reihe spontan ein. Die beiden Schwestern drehten sich etwas um und nickten aufmunternd den Sängern zu. Wolfgang schaute seinen Nebenmann an. Ulli nickte anerkennend. Dieter übernahm jetzt, wie gewohnt, den Probenabend. Er hatte ein vierstimmiges Lied für gemischten Chor ausgewählt. Es war ein romantisches Liebeslied (‚ein Blümlein auserlesen‘ ) und so gesetzt, dass die Damenstimmen jeweils den Beginn der Strophen mit einem kleinen Solo einleiteten. Notenwart Fritz Bronner verteilte das Liederblatt.

„Solange der Frauenbereich noch unterbesetzt ist, bitte ich die Männer, sich etwas zurück zu halten“. Er spielte das neue Lied auf dem Klavier vor, dann begann er mit der Sopranstimme die ersten Takte einzustudieren. Die Frauen lernten ziemlich schnell und auch bei den Männern gab es keine Probleme. Wolfgang schaute zwischendurch immer mal nach rechts in die neben ihm sitzenden Chorsänger. Diese hörten, wenn Sopran und Alt ihre Passagen alleine probten, aufmerksam zu. Er deutete das als positives Zeichen. Nur einmal, als sein Blick auf Marcus Langer traf und er dessen sehr kritischen Gesichtsausdruck sah, hatte er ein etwas unbehagliches Gefühl. Lediglich bei Zusammenführung der Stimmen war das Ungleichgewicht zu spüren. Da aber die Neusängerinnen allesamt über kräftige Stimmen verfügten, war das Ergebnis durchaus hörbar.

„Ich glaube, wir sollten heute damit Schluss machen.“ Dieter nickte den Anwesenden zu. „Das war doch für den Start schon ganz brauchbar. Wolfgang willst du noch etwas sagen?“ Dieser erhob sich. „Ich bin froh, dass wir einen Anfang gemacht haben. Ich hoffe, meine Damen, es hat Ihnen gefallen und sie machen mit uns weiter.“ Das klingt jetzt wohl nicht besonders optimistisch, kritisierte er sich gedanklich, denn die Mienen, in die er blickte, schienen nicht besonders fröhlich. Er straffte seinen Oberkörper. „Was wir jetzt noch brauchen, ist Mundpropaganda. Und ich habe noch eine Mitteilung: Das Autohaus Bläser wird in diesem Jahr dreißig Jahre alt. Ich bin gefragt worden, ob wir, als gemischter Chor, im Oktober dort zum Tag der offenen Tür einen musikalischen Leckerbissen abliefern wollen. Vielleicht können wir uns da schon in neuer Formation vorstellen. So. Das war’ s für heute .Und jetzt: Singen macht die Kehle trocken und die Hitze tut ihr Übriges. Deshalb zur Information an unsere Neuzugänge – wir gehen meist noch nach der Probe in die Bahnschänke. Über Damenbegleitung würden wir uns sehr freuen!“ Die Männer standen auf, Dagmar und Ullis Schwägerin sprachen halblaut mit den bisher noch unbekannten Frauen und gingen mit diesen zur Tür. Die meisten der Sänger folgten, einige blieben in dem kleinen Saal stehen und warteten auf Wolfgang.

Als die meisten aus dem Raum waren, fasst Friedrich Fröhlich ihn am Arm „ Mensch Wolfgang, das läuft ziemlich zäh an!“ Und Metzgermeister Höfer ergänzte:“ Ein Ansturm sieht aber anders aus!“ Ulli schaute abwechselnd zu Wolfgang und Dieter. Dieser meinte etwas zögerlich. „Also, die Probe war eigentlich ganz ordentlich. Die Frauen haben sich tapfer gehalten. Es war ja auch erst der Anfang.“

„Den ich mir aber schon etwas schwungvoller vorgestellt habe“

Walter Höfer zeigte seinen Unmut.

„Aber am Inserat kann es doch nicht gelegen haben.“ „Nein, Friedrich, natürlich nicht.“ Wolfgang ging zu den Fenstern, schloss eines nach dem anderen mit einem lauten Knall. „Und es liegt auch nicht an der Hitze! Vielleicht gibt es einfach doch nicht so viele gesangsbereite Frauen, wie ich mir das vorgestellt habe.“ Er ging zum Klavier und schaute in die kleine Runde. „Und jetzt ? Aufhören oder Weitermachen?“

Die Männer schwiegen. Wolfgang drückte aus Verlegenheit auf eine Taste des noch offen stehenden Klaviers.

„Weitermachen!“ Ulli trat einen Schritt in die Mitte. „Wir sollten weitermachen! Mensch, der Abend heute war doch erst ein Anfang. Mit hat es ganz gut gefallen und den Frauen glaube ich auch. Wir müssen wir einfach noch mehr Reklame machen und für uns werben. Aufgeben sollten wir auf keinen Fall“ Er machte einen Schritt auf Walter Höfer zu: „Du schwitzt bestimmt genauso wie ich. Komm, lass uns jetzt die Bahnschänke gehen, mal sehen was die anderen sagen!“ „Okay!“

Wolfgang zog den Schlüssel aus der Tasche und sie verließen gemeinsam das Probelokal.

Als sie den Nebenraum der Bahnschänke betraten, sah sich Wolfgang sofort nach den Frauen um. Alle saßen an einem der großen runden Tische neben dem geöffneten Fenster. Ein Stuhl war noch frei, aber bevor er sich setzen konnte, hatte sich Ulli schon diesen geschnappt und Platz genommen.

„Vielleicht besser so.“ dachte er und setzte sich an einen Tisch, an den sich bereits schon Friedrich und Walter gesetzt hatten. „Ulli hat Recht!“ Friedrich spielte mit dem Bierdeckel: “wir sollten weitermachen!“

„Ja, wir haben auch augenblicklich keine andere Alternative!“ Walter Höfer gab sich wohlwollend. Miriam kam an den Tisch. „Wie viele Biere darf ich den Herren bringen?“

„Hallo ! Sie sind ja noch da? Wollten sie nicht nur zwei Wochen aushelfen?“ Wolfgang sah zu ihr hoch.

„Nun, Guido muss noch etwas länger in Hamburg bleiben. Und weil ich noch in den Ferien bin, habe ich halt verlängert.“ Sie lachte. „Mir macht‘s ja auch Spaß. Und bei der Hitze trinken die Leute entsprechend. Das bringt auch was ein. Und was darf ich Ihnen bringen?

Wolfgang und die anderen sagten fast wie aus einem Mund: „ Ein großes Bier!“

Als Miriam weg war, fragte Friedrich: „ Nettes Mädel. Was macht die denn sonst?“ „Wie ich gehört habe, studiert sie!“ Walter Höfer wusste aber auch nichts Genaueres.

„Auf alle Fälle bringt sie rasch das Bier!“ Wolfgang rückte ein wenig auf dem Stuhl und Miriam stellte drei leicht beschlagene Gläser mit fester Schaumkrone vor die Männer. „Zum Wohl die Herren.“

Er wollte sie fragen, was sie denn hauptberuflich mache, aber Friedrich hob sofort das Glas: „Also dann Prost - Gegen die Hitze!“

„Und gegen den Frust!“ fügte Wolfgang hinzu und leerte das halbe Glas auf einen Zug. Er schaute hinüber zu dem Tisch, an dem Dagmar mit Ulli und den anderen Frauen saß.

Sie schienen alle gut zu unterhalten. Ulli gestikulierte gerade mit den Händen und die Runde lachte laut auf. Vermutlich hatte er eine alte Anekdote aus seinen langen Sängerleben zum Besten gegeben.

Wolfgangs Enttäuschung schwand etwas. „Eine Anzeige alleine wird es nicht bringen. Da war ich wohl zu optimistisch. Wir müssen uns ganz persönlich an unsere Bekannte und Nachbarn wenden. Das ist bestimmt effektiver!“

„Ich könnte ja bei uns im Laden ein Schild aufhängen“. Walter Höfer zeigte sich wieder kooperativ.

„Gute Idee!“ pflichtete Friedrich ihm bei und ich werde auch mal in der Nachbarschaft und in der Gemeindeverwaltung nachfragen. Immerhin habe ich da noch meine Beziehungen!“ Optimismus am Tisch machte sich breit.

Walter Höfer drehte sich zum Nebentisch. „Hört mal, was haltet ihr davon, wenn ich in meiner Fleischerei mit einem Schild für neue Sängerinnen werbe?“

„Ja, mach das – auf das Schild schreibst du einfach; Wenn Ihnen der Ge-sang nicht Wurst ist, machen sie mit!“

Lautes Lachen quittierte die launige Antwort eines Sängers am Nachbartisch. „Mit Speck fängt man Mäuse, mit Wurst eine Sängerin!“ Wolfgang prostete den Kameraden zu. Walter Höfer schien sich eine passende Antwort zu überlegen.

Da kam Dieter an Tisch. Seine schmale Tasche mit den Klavierauszügen hatte er unter den Arm geklemmt und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß aus dem Gesicht.

„Ich geh´ nach Hause. Bei der Hitze fühl ich mich daheim wohler.“

Als er weg war, meinte Friedrich besorgt: „ Er gefällt mir in letzter Zeit gar nicht. Früher war ihm nicht wohl, wenn er nicht dem Letzten auf den Rücken schauen konnte.“

„Er schiebt es auf die Hitze, aber die hat ihm doch auch früher nichts ausgemacht.“ Höfer schüttelte nachdenklich den Kopf. Er winkte Miriam: „Noch ein Bier für mich! “

„Für mich dann auch“ sagte Wolfgang. „Aber erst muss ich mal das letzte Bier wegbringen“ Er stand auf und ging zur Toilette, Dagmars sah gerade herüber. Ihr Mund formte einige Worte, die Wolfgang auf Anhieb nicht verstand. Mit seiner Mimik zeigte er es an. Dagmar lachte, Wolfgang ging an den Tisch. „ Ich wollte nur wissen, ob du schon nach Hause gehst.“ grinste seine Frau in an. Er schüttelte den Kopf. „Zuerst nur auf die Toilette und dann noch ein Bier. Und du ?

„Ich geh dann mit dir.“

Wolfgang wandte sich kurz den anderen Damen am Tisch zu. „Werden sie von unserem erfahrenen Bassisten in die Regularien unseres Vereins eingeweiht?“ wollte er wissen.

Die etwas jüngere der beiden Schwestern schaute zu ihm hoch: „Es war wirklich ein interessanter Abend heute. Leider sind wir Frauen ja noch stark in der Minderzahl. Aber Herr Haberer meint, das würde sich bald ändern.“

„Das heißt also, sie und ihre Schwester machen weiter bei uns mit? Wolfgang konnte nicht verhindern, dass er dabei offene Freude zeigte.

„Klar! Und diese junge Frau ebenfalls.“ Ulli wies auf die Sängerin, die als Erste heute zur Probe gekommen war. „Auf diese Stimmen kann man doch nicht verzichten!“

„Das ist wirklich schön!“ Wolfgang nickte in die Runde. „Und ein gemütlicher Nachtrunk rundet die Sache dann auch noch ab.“

Auf der Toilette begegnete er Markus Langer, dessen kritischer Gesichtsausdruck ihm während der Probe schon zu denken gegeben hatte. Dieser stand vor dem Waschbecken.

„Ich habe gerade die Frauen gefragt, sie machen weiter mit.“ Mit dieser guten Neuigkeit wollte er seinen eigenen Optimismus weitergeben.

„Schön“ sagte der Angesprochene und drehte den Wasserhahn auf. „Aber ich werde aufhören!“

„Wie?“ Wolfgang war vom Donner gerührt. „Aufhören? Warum ? Du bist doch seit mindestens achtundzwanzig Jahren im Verein. Du machst einen Scherz!“

„Nein, das ist kein Scherz! Ich hätte Dich auch morgen angerufen. Seit fast dreißig Jahren bin ich im Männerchor und ein gemischter Chor ist nicht meine Sache. Ich werde deshalb künftig bei den Steinstädtern singen.“

„Das kann bestimmt nicht dein letztes Wort sein. Lass uns darüber noch mal in Ruhe sprechen.“

„Mein Entschluss steht. Schon seit der letzten Probe, als dieser Beschluss gefasst wurde.“ Er hatte in der Versammlung gegen den Vorschlag gestimmt.

Ich hätte früher mit ihm sprechen sollen. Wolfgang machte sich jetzt Vorwürfe.

Markus Langer trocknete sich umständlich die Hände und warf das Papierhandtuch in den kleinen Container in der Ecke des Waschraumes. Aber er traf nur die Außenseite und das kleine Knäuel fiel daneben auf den Fußboden. Wolfgang der näher stand, bückte sich und hob es auf. Er wollte etwas sagen, als die Tür aufging und ein Sänger die Toilette betrat und mit Blick auf die Beiden lachend meinte: „Was man an Flüssigkeit nicht ausschwitzt, muss man eben auf diese Weise abgeben“.

Er lachte nochmals laut und ging nach hinten.

Wolfgang ließ das Papiertuch in den Eimer fallen. Markus ging an ihm wortlos vorbei zurück in den Flur zum Gastraum.

„Ich ruf Dich an“, rief Wolfgang ihm halblaut nach. Dieser schüttelte den Kopf, gab aber keine weitere Antwort.

Als Wolfgang danach zurück ins Nebenzimmer gegangen war, standen auf dem Tisch mehrere Gläser mit Bier, eines davon noch voll, lediglich die Schaumkrone war stark eingefallen.

„Meins?“ fragte er. Die anderen nickten.

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