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Mea Suna - Seelensturm

Widmung:

Für Anja H. aus F.



Solange ich stehen kann, kämpfe ich für dich,

solange ich atme, verteidige ich dich,

solange ich lebe, liebe ich dich.


Autor unbekannt



























Skala



Grün: gemischte Gefühle, durcheinander

Gelb: emotional, besorgt, bedrückt

Orange: nervös, aufgeregt, beunruhigt

Rosa: verliebt, Freude, fröhlich, guter Dinge

Gold: romantische Stimmung, leidenschaftlich

Rot: wütend, aggressiv, verärgert, genervt

Lila: absolut glücklich

Schwarz: ängstlich, verzweifelt, traurig, Angst

Grau: gelangweilt, frustriert, beleidigt

Blau: entspannt, gelassen, ruhig, ausgeglichen

Weiß: geheimnisvoll, verschwiegen

















Prolog


Ein leiser Piepton riss mich aus dem traumlosen Schlaf. Das dünne Leintuch hatte sich um mein Bein und um den schönen jungen Körper neben mir verheddert. Vorsichtig befreite ich mich aus den Armen, die mich die ganze Nacht umschlungen hatten. Die Nacht war nicht nur stickig, sondern auch heiß gewesen - sehr heiß! Die Erinnerung löste ein befriedigendes Gefühl in mir aus. Ein kurzer Blick auf die Blondine und meine Lust war sofort wieder erwacht. Sie war schön, sie kannte ihre Reize und wusste sie auch gekonnt einzusetzen. Mit Erfolg hatte sie mich dazu gebracht, meine trüben und dunklen Gedanken zu vertreiben. Wobei ich mir nicht sicher war, ob der Tequila den größten Teil dazu beigetragen hatte.

Die blonde Schönheit stöhnte im Schlaf und drehte sich um, sodass ich ihren Rücken bewundern konnte. Sie gefiel mir, doch ihr Name war mir entfallen. Aber das war auch nicht wichtig, denn spätestens nach dem Frühstück würde ich sie nicht mehr wiedersehen. Ich hatte sie letzte Nacht gebraucht, sie hatte mich vergessen lassen - zumindest für ein paar Stunden.

Der Piepton holte mich wieder aus meinen Gedanken. Ich wusste, was der Ton zu bedeuten hatte. Es war mein Job, der mich rief. Leise stand ich auf, zog mir nur eine Jeans über und verließ mein Schlafzimmer. Im Flur lagen ihre Unterwäsche, mein Hemd und ihre achtlos auf den Boden geworfenen restlichen Klamotten, wie ein kleiner Wegweiser verstreut. Beim Vorbeilaufen hob ich alles auf, warf es auf das weiße Ledersofa und ging durch eine Nebentür in mein Arbeitszimmer. Kühles Weiß und Schwarz dominierten die Einrichtung. Ein großer, massiver Schreibtisch stand in der Mitte des Raumes. Mir gefiel schon immer die dunkle Eleganz und die klaren Linien an Möbelstücken.

Mein Laptop schaltete sich ein, als ich mit meinem Zeigefinger über den Scanner fuhr und er meine Fingerdaten ablas. Das Handy leuchtete erneut auf, während mein Rechner startete. Ich wusste, auch ohne hinzusehen, wer mich zu sprechen wünschte. Es war eine Weile her, seit ich Kontakt mit Rom hatte. Mein bester Freund stand schon länger auf ihrer Abschussliste. Auch wenn ich die Gesichter, die uns bezahlten, nicht alle kannte, wusste ich genau, dass sie keinen Spaß verstanden. Für meinen Geschmack sah Matteo das alles zu locker. Trotz meiner Warnungen amüsierte er sich mit Models, die für Schlagzeilen sorgten. Dadurch wurde sein Gesicht öfters in Boulevardzeitschriften abgelichtet und neugierige Presseleute fingen an zu recherchieren, was in unserem Job absolut verboten war. Wir hatten klare Regeln, die wir zu befolgen hatten. Ohne Fragen zu stellen, führten wir unsere Aufträge durch und hielten uns im Hintergrund. Wie unsichtbare Schatten, dazu waren wir ausgebildet worden.

Wie erwartet öffnete sich auf dem Bildschirm meines Computers ein Fenster mit der römischen Kennung. Sofort spürte ich das seltsame Gefühl, das mich seit einigen Monaten quälte. Ich wusste, dass die Ausschüttung von Gefühlen jeglicher Art für uns nicht möglich war, doch eindeutig identifizierte ich Schuld, Angst und Traurigkeit. Es war merkwürdig - mein Leben lang dominierten Hass, Kälte und Gewissenlosigkeit. Etwas stimmte mit mir nicht. Doch bevor ich nicht herausgefunden hatte, was falsch lief oder was mit mir geschah, würde ich es für mich behalten müssen. Sonst wäre mein Leben nicht mehr sicher.

»Guten Morgen, Luca. Wie geht es dir? Wir haben eine Weile nichts mehr voneinander gehört.«

Seine Stimme war mir vertraut - schon viele Jahre. Das Gesicht auf dem Bildschirm vor mir war immer noch dasselbe. Ein kleiner, kahlköpfiger Mann mit eisblauen Augen lachte mich freundlich an. Ich kannte dieses Lächeln nur zu gut, um zu wissen, dass dahinter eine hässliche, hinterlistige Fratze steckte.

Die Übertragung des Bildes war besser als sonst. Rosig waren seine Wangen, doch das war eindeutig geschminkt, denn auf seiner linken Gesichtshälfte hatte er versucht, die große, lange Narbe zu überdecken und die restliche Haut wirkte grau und fahl. Ich grüßte ihn emotionslos zurück und hoffte, er würde bald zum Punkt kommen.

»Sag, geht es Matteo wieder gut?« Die Scheinheiligkeit in seiner Stimme ließ mich stocken. Sie wussten genau, dass Matteo hätte tot sein müssen. Nur durch mein Versprechen, ihn und seinen Lebenswandel ruhiger zu halten, hatten sie davon abgesehen, ihn zu köpfen.

»Ihr wisst doch, dass er noch einige Zeit brauchen wird, bis er wieder einsatzfähig ist.«

»Ja, ja ... aber ist er sich auch bewusst, welches Risiko wir damit eingehen? Ich hoffe für ihn, dass er begriffen hat, was ein unsichtbarer Schatten bedeutet, sonst könnte auch dein Kopf in Gefahr sein, Luca. Und das wäre wirklich sehr schade, bei deinem Talent und Können«, grinste er falsch wie eine Natter. Ich hatte seine Drohung verstanden und wollte das Gespräch so schnell wie möglich beenden. Die Erinnerung an mein Versprechen verstärkte nur meine Kopfschmerzen.

»Was willst du, Rabas?« Sofort verschwand das hinterhältige Grinsen und seine Miene wurde ernst.

»Du bekommst einen neuen Auftrag und diesmal darfst du ihn nicht enttäuschen.«

Mir war sofort klar, von wem er sprach. Er war mein Meister, mein Gönner, mein Richter und auch mein Todesurteil, wenn es ihm gefiel. Jeder kannte seinen Namen und was noch erschreckender war, wir kannten alle seine Macht, die größer war als alles, was sich die Menschen jemals vorstellen konnten. Er war ein Gott, er entschied über Leben und Tod und nur seiner Gnade war es zu verdanken, dass Matteo noch am Leben war.

Roy Morgion … der Name, der für Furcht und Respekt sorgte. Grausamkeit und Kälte waren die Attribute, die ihn auszeichneten. Härte und Disziplin hatte er uns gelehrt - Befehle ohne mit der Wimper zu zucken, auszuführen. Genau diesen Auftrag musste ich nun nutzen, um Matteo wieder in ein besseres Licht zu rücken. Ein enttäuschendes Ergebnis kam für mich nicht infrage.

Emotionen empfinden wir nur für unsere Brüder, ansonsten waren und sind sie ein lästiges Gepäck in unserem Leben. Dafür gibt es einfach keinen Platz. Doch seit einigen Monaten waren Gefühle in mir, die ich nicht erklären konnte. Ich fühlte mich von ihnen verfolgt. Während ich sie tagsüber gut zu vertreiben wusste, drangen sie nachts bis in meine Träume. Ich ließ mir nichts anmerken und ignorierte den Druck, der sich in meinem Magen aufbauen wollte.

»Wohin soll es diesmal gehen?«, fragte ich Rabas, der schon wieder grinste.

»Nach New York. Matteo wird dich begleiten. Eine Maori wird dir alle Informationen bringen.«

Ich nickte und dachte daran, wie schwer es das letzte Mal gewesen war, Matteo vor Morgion zu verteidigen. Diesmal würde ich nicht zulassen, dass er seinem Vergnügen nachging. Ich würde ihn an seinen Eid erinnern und ihn fürs Erste nicht aus den Augen lassen.

»Wann sollen wir aufbrechen?«

»Morgen früh. Er erwartet einen regelmäßigen Bericht.« Rabas machte eine kurze Pause, bevor er weiter sprach, und rückte noch näher zur Kamera. Jetzt war nur noch sein Gesicht zu sehen, das den Umfang des Bildschirmes völlig einnahm. Er drehte sich kurz um, um sicherzugehen, dass er keine Mithörer hatte.

»Keine Bilder, keine Presse, Luca. Nichts und niemand darf von euch Notiz nehmen. Denkt an euren Schwur und daran, was mit euch passiert, falls Fotos von euch in der Presse auftauchen sollten.« Dann war der Monitor schwarz und das Gespräch beendet.

New York also! Mein letzter Auftrag lag drei Monate zurück. Seit meinem 17. Lebensjahr reiste ich durch die ganze Welt, doch diese Weltstadt war noch nie mein Ziel gewesen.

Ich klappte den Laptop zu und sah aus dem Fenster. In Gedanken fuhren meine Finger ganz automatisch zu meinem Oberarm und berührten die Stelle auf der Haut, die eine Verhärtung aufwies. Dort lag das Zentrum meines Ichs. Jenes Zeichen, welches mich dazu bestimmte, ein Taluri zu sein. Ich trug es mit Stolz. Damit war ich ein Teil dieser Macht, ein Teil dieser tödlichen Familie, vor der wir alle Angst hatten und die wir doch so sehr liebten.

Diesmal würde ich nicht versagen. Das durfte ich einfach nicht. Ich würde alles tun, um zu verhindern, dass mein Erschaffer unzufrieden mit mir sein würde, aber auch, dass ich nicht gezwungen werde, meinen besten Freund zu töten, in einem grausamen Spiel, in dem ich mein Wort gegeben hatte.

Kapitel 1


Der Mond schien hell in dieser Nacht. Klar war der Himmel und die Sterne glitzerten. Der große Baum vor dem Fenster warf seine Schatten in unser Zimmer. Mit jedem kleinen Windstoß bewegten sich die Äste. Kühl strich die Nachtluft über meinen Körper, die von dem geöffneten Fenster hereinströmte. Meine Haut reagierte sofort darauf. Ich zog die Decke über meine Schultern und genoss das wohlige Gefühl meiner eigenen Wärme.

Alles schlief. Es war still im Haus, nur ich war noch wach, drehte mich unruhig zur Seite, strich mein langes, braunes Haar aus meinem Gesicht und lauschte der Stille. Die Geräusche des Tages waren verklungen und würden in ein paar Stunden von Neuem erwachen. Klapperndes Geschirr aus der Küche, der Rasenmäher auf dem Grundstück und die Menschen, die hier lebten und arbeiteten, würden wieder zu hören sein. Doch jetzt war alles stumm, nur die Alarmanlage, die uns bewachte, tat fast unhörbar ihre Arbeit.

Ich hatte das Gefühl, allein im Raum zu sein und doch sah ich meine Zwillingsschwester in ihrem Bett liegen - auf der anderen Seite des Zimmers. Ihre Decke hatte sie um ihren Körper geschlungen, sie schlief ruhig und fest. Amy liebte es, auszuschlafen, während ich gerne früh aufstand. Erst wenn die Sonne schon die Mittagszeit einläutete, erwachte sie. Ihre Haare waren zerzaust, und sie schien noch eine Weile zu brauchen, bis sie endlich richtig wach wurde. Die übliche Dusche vertrieb ihr die Müdigkeit schlagartig. Bis sie zum Mittagessen erschien, waren die Spuren ihres tiefen Schlummers meist verschwunden. Sie besaß die gleichen großen Augen, die gleiche kleine Nase, den gleichen vollen Mund, wie ich. Ihre Haare hatten genau den gleichen Farbton und auch die Länge war identisch. Erst beim näheren Hinsehen konnte man wenige, feine Unterschiede erkennen. Wir glichen uns, für jeden sichtbar, doch innerlich konnten wir nicht unterschiedlicher sein. Zwillinge von außen, jedoch innen zwei gegensätzliche Pole. Wir waren wie Yin und Yang, Sturm und Sonnenschein, hell und dunkel, sie laut und ich leise.

Amys grün-graue Augen waren einen Tick dunkler als meine und strahlten mehr. Wir achteten auf unsere Ernährung und waren beide schlank, doch war es ihre Figur, die in einem Kleid besser aussah. An meinen Armen, Beinen und am Bauch konnte man die sanften Linien, die meine Muskeln abzeichneten, erkennen. Es stimmte, dass ich sportlicher war als sie und trotzdem fand ich Amy schon immer hübscher. Ihre Linien waren zarter, femininer. Manchmal fragte ich mich, ob ich genauso anmutig und stilvoll wirkte wie sie. Den Leuten auf der Straße wurde sofort klar, dass wir Zwillinge sind. Ich liebte sie. Unsere Verbundenheit war stark - vielleicht stärker als bei anderen Geschwistern.

Es gab ein Geheimnis, von dem nur wir beide wussten. Wir sprachen nie darüber, doch wir spürten es. Ein Blick, eine Berührung und ich erkannte ihre Stimmung an der Farbe ihrer Aura, die aus ihrem Körper strömte. Für alle unsichtbar, nur für uns nicht. Es war eine besondere Verbindung - eine Gabe, die wir uns seit unserer Geburt teilten. Manchmal lästig, aufdringlich und nervig. So wusste ich ganz instinktiv, wenn sie wütend, traurig, aufgeregt oder glücklich war. Es brachte mich dazu, sensibel darauf zu achten, in welcher Verfassung meine Schwester sich gerade befand. Das Wissen, vier Minuten älter zu sein, gab mir das Gefühl, sie schützen zu müssen, sie in die richtige Richtung zu lenken, sie hin und wieder zurechtzuweisen. Sie mochte es nicht und manchmal stritten wir uns deshalb.

Ganz oft träumte ich davon, ihre Aura nicht mehr sehen zu können. Jenes Farbenspiel, das es mir möglich machte, ihre Stimmungen zu deuten und ihren Seelenzustand zu lesen. Woher diese Gabe kam, wusste ich nicht, sie war einfach von Anfang an da. Wir wurden so geboren, zumindest glaubte ich es. Einmal googelte ich danach, doch ohne Ergebnis.

Amy war etwas Besonderes und das bewies sie, als wir zehn Jahre alt wurden. Während des Unterrichts wurden sie und ihre Freundin ermahnt, endlich still zu sein und aufzupassen. Doch es gab nichts Schwierigeres für sie, als eine Schulstunde lang ihre Klappe zu halten. Wütend saßen wir im Auto und wurden von Terry, unserem Chauffeur, nach Hause gefahren. Am Ende der Stunde hatte unser Mathelehrer ihr eine Strafarbeit aufgebrummt, über die sie sich maßlos ärgerte. Ich wollte sie besänftigen, doch das schürte nur noch mehr ihre Wut. Das Rot, das sie wie ein Nebel umhüllte, schrie mir entgegen, während ich auf sie einredete. Doch plötzlich war es verschwunden. Wie einen Lichtschalter hatte sie es ausgeschaltet - einfach weg. Sie sah mich nicht mehr an. Und auch wenn ich sie berührte, ließ sie es nicht zu, dass ich ihre Stimmung lesen konnte. Amy schaffte es, ihre innere Verfassung für sich zu behalten. Völlig verwirrt starrte ich sie an und versuchte mit aller Kraft, ihren Zustand zu erfassen. Doch sie entzog mir jegliche Zustimmung. Mein eigenes verärgertes Rot durchdrang meinen Körper. Ich wollte es genauso verhindern, doch mein immer dunkler werdendes Grau zeigte ihr, wie frustriert ich darüber war. Von da an wusste ich, dass Amy im Gegensatz zu mir, in der Lage war, ihre Farben abzustellen. Ich war damals tief beleidigt. Bislang hatten wir alles geteilt. Es gab nichts, was sie vor mir geheim hielt. Es war das erste Mal, dass sie es geschafft hatte, etwas für sich zu haben - etwas, was sie nicht mit mir teilen musste. Tagelang hatte ich sauer kein Wort mehr mit ihr gesprochen, während sie mir triumphierend ins Gesicht lachte.

Den ganzen Tag über hatte ich mich auf die Abendstunden gefreut, die endlich Abkühlung versprachen. Ich blinzelte, als die letzten Sonnenstrahlen des Tages mein Gesicht streiften.

Für einen Moment trübte sich mein Blick. Eine Sekunde, in der ich unachtsam war, hätte im Ernstfall meinen Tod bedeuten können. Ich durfte nicht zulassen, dass die Erschöpfung mich vollkommen einnahm. Schnell verdrängte ich das Gefühl und schrie mich innerlich wach, ging wieder in Kampfstellung und war bereit, den nächsten Schlag abzuwehren.

Mein schwarzes Bustier war schweißgetränkt und meine Haut glänzte im Licht der Sonne. Mein langes, dunkles Haar hatte ich zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und doch hatten sich einige Strähnen daraus gelöst. Sie klebten mir an Stirn und Nacken.

Unser Atem ging schnell und unsere Wangen glühten vor Anstrengung. Meine Arme fühlten sich schwer an, als ich den Stab anhob und versuchte, meine Gegnerin an den Beinen zu treffen. So flink mein Angriff war, konnte sie ihn doch abwehren. Ein weiteres Mal hob ich den Stock. Mit einer Drehbewegung traf ich sie so, dass sie strauchelte und mit dem folgenden Schlag ließ sie sich endgültig fallen. Sofort stand ich über ihr und zwang sie aufzugeben. Ihr Blick war wütend und ein Rot durchdrang ihren Körper gemischt mit einem Hauch Grau. Ich hatte gewonnen - wieder einmal. Das Rot wurde schwächer und das Grau überlagerte es schließlich. Sie war wütend über den verlorenen Kampf. Meinen Eichenholzstab legte ich beiseite, ohne sie aus den Augen zu lassen. Ich ließ von ihr ab und bot zur Hilfe meine Hand an. Verärgert schlug sie sie aus, stand auf und lief quer durch die Halle.

»Jetzt komm schon, Amy! Es war ein fairer Fight!«, rief ich ihr nach, sie ließ mich jedoch einfach stehen. Jede Spannung war aus meinem Körper verschwunden und ich warf meinen Kopf erschöpft in den Nacken. Fluchend sah ich zur Decke und ärgerte mich. »Mach dir nichts daraus, Jade! Sie muss noch viel lernen. Du warst gut heute!«, sagte Mr. Chang gelassen und kam zu mir gelaufen, während Amy die Tür mit einem lauten Knall zuschlug, der wie ein Donner in der Halle polterte.

»Achte mehr auf deine Atmung und du solltest noch mehr Kondition aufbauen. Daran müssen wir arbeiten.« Er hob unsere Stäbe auf. Er war ein paar Zentimeter kleiner als ich - schlank und zierlich. Trotzdem sollte man ihn nie unterschätzen. Das war das Erste, was wir von ihm lernen durften. Er war beweglich wie eine Katze und genauso präzise. Ich hatte viel erwartet von einem älteren Mann, aber nicht, dass er so sportlich und unglaublich geschickt in einem Kampf sein konnte.

Amy war genauso von dem Japaner beeindruckt gewesen wie ich. Sein ständiges Grinsen hatte sie anfangs auf die Palme gebracht. Und einmal hatte Amy ihn herausgefordert. Mit einer beeindruckenden, kurzen Bewegung hatte er sie damals bewegungsunfähig zu Boden geworfen. Es ging so schnell, dass ich es nicht genau sehen konnte. Seitdem hatten wir seine spezielle Art und auch sein breites Grinsen gelernt zu akzeptieren.

»Inneres Gleichgewicht, Jade! Immer langsam ein- und ausatmen«, wies er mich noch mal an und wiederholte beim Wegräumen der Stäbe seinen Satz immer wieder. Danach verbeugte er sich vor mir, während ich es ihm gleich tat. Damit schloss er das Training für heute. Ich nahm mein Handtuch, tupfte mir den Schweiß von der Stirn und trank den letzten Schluck aus der Wasserflasche.

Amy stand bestimmt schon unter der Dusche. Wenn ich sie noch erwischen wollte, sollte ich mich beeilen. Ich konnte mir schon denken, warum sie sauer war. Ich hatte am heutigen Trainingstag alle Kämpfe gewonnen. Es frustrierte sie und das konnte ich verstehen.

Ein Handtuchturban thronte auf ihrem Kopf, während sie, nur in Unterwäsche bekleidet, mich keines Blickes würdigte, als ich die Umkleide betrat.

»Amy! … Was soll ich denn tun? … Es tut mir Leid«, versuchte ich es, doch sie ignorierte mich und zog den grauen Schleier, der sie umgab, mit in die kleine Nische. Sie legte ihre Haarbürste an die Seite des Waschbeckens und schloss den Fön an. Herrisch bürstete sie ihr Haar, bis sie schließlich den Fön einschaltete, sodass eine weitere Unterhaltung nicht möglich war.

Achselzuckend ging ich duschen und ließ sie einfach stehen. Sie würde sich schon wieder einkriegen, denn schließlich wusste ich, dass nicht ich ihr Problem war.


***


Das warme Wasser tat meinen verspannten Muskeln gut und ich genoss den Wasserstrahl auf meinen Schultern, der sich wie eine Massage anfühlte. Mr. Chang hatte uns durch die ganze Halle gejagt. Selbst als ich glaubte, ein Sauerstoffzelt zu brauchen, hatte er kein Erbarmen mit uns. Immer wieder holte er aus uns Mädchen das Beste heraus. Er schaffte es, uns zu motivieren und gleichzeitig strahlte er so viel Ruhe und Sicherheit aus, dass es mir leicht fiel, mich auf ihn einzulassen. Am liebsten meditierte ich mit ihm. Anfangs sah ich keinen Sinn darin, im Schneidersitz völlig ruhig auf dem Boden zu sitzen. In der Zeit wären mir tausend Dinge eingefallen, die ich hätte erledigen können. Doch Mr. Chang konnte mir helfen, mich zu entspannen und ein erweitertes Bewusstsein zu schaffen, das ich selbst nicht für möglich gehalten hatte. Auch wenn Amy das anders sah, hatte sie einmal zugegeben, dass sie besser schlafen konnte, seit Mr. Chang uns trainierte.

Ich hatte gar nicht mitbekommen, wie Amy den Fön ausgeschaltet hatte. Eine Tür war leise ins Schloss gefallen, als ich aus der Dusche kam. Schnell trocknete ich mich ab und zog mich an, nahm meine Sachen und lief aus der Halle.

Es war schon fast dunkel, als ich unsere kleine, private Sportanlage verließ. Zweihundert Meter vor mir lag unsere Villa. Ein kleiner Schotterweg führte direkt zum Haus. Ich rannte am Tennisplatz vorbei und hatte Amy fast eingeholt.

»Jetzt warte doch«, rief ich ihr hinterher. Und tatsächlich blieb sie stehen, drehte sich aber nicht zu mir um. Stumm bot sie mir ihren Arm an, in den ich mich einhaken sollte. Es war ihr halbes Friedensangebot und ich nahm es erleichtert an. Ihr grauer Rauch war verflogen.

»Es tut mir leid, Jade.«

»Ich weiß, aber sieh mal, Mr. Chang will, dass du gut wirst. Es ist sein Job. Außerdem will er, dass Onkel Finley mit dir zufrieden ist. Und ich will das auch.«

Beschämt senkte sie ihren Kopf. »Ich werde niemals so gut sein wie du, Jade. Du bist so talentiert. Du kannst das alles auf Anhieb. Ich dagegen muss mich für jede Übung abrackern. Ich bin nicht du«, meinte sie resigniert.

Da hatte sie recht. Sie war nicht ich und der Kampfsport war nicht ihr Ding. Dennoch könnte sie mit mehr Biss und Ehrgeiz gleiche Ergebnisse vorweisen, wenn Onkel Finley sie nur auch so antreiben würde wie mich. Doch stattdessen ignorierte er ihre mangelnde Disziplin.

»Soll ich dich das nächste Mal gewinnen lassen?« Abrupt blieb sie stehen und sah mich empört an.

»Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Mr. Chang dir das abkauft? Das merkt er doch sofort. Außerdem ... was habe ich davon? Ich habe einfach keine Lust mehr. Seit zehn Monaten plage ich mich mehrmals in der Woche ab und das nur, weil wir es ihm versprochen haben«, beschwerte sie sich.

Ich sah in ihr Gesicht. Wieder einmal ließ sie mich an ihrem Gemütszustand nicht teilhaben.

»Ich verstehe einfach nicht, warum das Training für Onkel Finley so wichtig ist. Und überhaupt, ich finde, er sollte uns mehr Freiheiten lassen. Schließlich werden wir in ein paar Wochen achtzehn.«

Ich konnte sie gut verstehen. Onkel Finley ließ uns wirklich nicht viel Freiraum.

»Wir könnten mit ihm reden. Vielleicht sieht er es ein und lockert seine Regeln ein wenig. Komm!« Ich zog sie weiter. »Ich habe Hunger. Agnes hat bestimmt etwas zu essen für uns.«

Wir lebten, seit ich denken konnte, schon immer bei Onkel Finley. Genauer gesagt, seit wir 7 Monate alt waren. Er war der jüngere Bruder unseres Vaters. Wir wussten nicht viel über unsere Eltern. Dieses Thema schien ein wunder Punkt für Onkel Finley zu sein. Er sprach nicht gerne darüber, wobei er uns schon oft mit kleinen Geschichten aus seiner Jugend zum Lachen brachte. So wussten Amy und ich nur, dass sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Erinnerungen an sie haben Amy und ich nicht, nur einzelne Fotos, die im Haus verteilt hingen. Ein großes Familienfoto hing im Wohnzimmer, direkt über dem Kamin. Mum und Dad, mit zwei kleinen Babys.

Amy und ich kamen sehr nach unserer Mutter. Von ihr hatten wir die grün-grauen Augen, das Schokoladenbraun ihrer Haare und die vollen Lippen. Unser Vater Aaron strahlt stolz in die Kamera, während er Amy im Arm hält und Mum mich.

Eine stille Sehnsucht überkam mich jedes Mal, wenn ich das große Familienbild betrachtete. Es gab eine unsichtbare Verbundenheit, die ich zu meiner Mutter besonders empfand, ohne genau zu wissen, warum.

Als Amy und ich ein Jahr alt gewesen waren, zogen wir von Portland nach Bayville in der Nähe von New York. Dort kaufte Onkel Finley eine Villa mit einem großen Grundstück, das fortan unser Zuhause war. Er stellte Agnes, unsere Haushälterin, und ihren Mann Ron als Gärtner ein. Sie bezogen ein kleines Häuschen nicht weit von unserem Grundstück entfernt. Agnes und Ron waren so etwas wie Großeltern für uns. Vor allem Agnes umsorgte Amy und mich wie eine Mutter. Sie bekochte uns, sorgte für saubere Wäsche in unseren Schränken und erzog uns zu selbstbewussten jungen Damen.

Das Grundstück war riesig. Onkel Finley hatte einen kleinen See anlegen und ein weiteres Gästehaus bauen lassen, das nun seit ein paar Monaten Mr. Chang bewohnte. Als Amy unbedingt Tennisunterricht nehmen wollte, ließ er selbst dafür einen Platz errichten. Damals gab es hitzige Diskussionen, warum sie nicht - wie ihre Freunde - an einem offiziellen Ort spielen konnte. Jedoch war sein Angebot, dass sie alle auf dem Grundstück trainieren durften verlockend und es dauerte nicht lange, da hatten wir fast täglich Gäste aus der Schule da, die selbst mir das Tennisspielen schmackhaft machten. Gedanken, warum unser Onkel es nicht mochte, dass wir in einem örtlichen Verein spielten oder trainierten, machte ich mir damals nicht so sehr. Aber merkwürdig fand ich es schon.

Unser Haus bot mittlerweile wirklich alles, was unsere jugendlichen Herzen begehrten. Der Pool, der zehn Meter vom Haus entfernt war, glitzerte uns türkisblau entgegen. Das absolute Highlight war der alte Geräteschuppen, den Onkel Finley für uns hatte umbauen lassen. Direkt neben dem Tennisplatz entstand innerhalb weniger Wochen ein Sport- und Spaß-Center für uns. Zuerst verstand ich den Sinn darin nicht. Doch mit der Erklärung, dass er Ruhe im Haus brauchte, wenn Geschäftspartner kamen, gab ich mich zufrieden. Schließlich fanden wir es aufregend, unseren Schuppen in eine Disco, ein Kino und in eine kleine Sporthalle zu verwandeln, in der wir problemlos ein ganzes Flugzeug hätten unterbringen können. Man konnte es fast vergleichen mit der Turnhalle unserer Schule, nur war sie ausschließlich für Amy und mich bestimmt. Hier konnten wir laut sein, toben, feiern, aber auch trainieren.

Mit 16 wurde Amy rebellisch. Sie war nicht damit einverstanden, ständig zu Hause auf dem Grundstück zu sein. Sie wollte sich mit Jungs verabreden und abends ausgehen. Onkel Finley jedoch war sehr eigen, was dieses Thema betraf. Ich selbst hatte nicht so sehr das Bedürfnis, konnte meine Schwester aber verstehen. Es reichte ihr einfach nicht mehr aus, Freunde in unserem C.O.B (Center of Body), wie wir unser Spielhaus liebevoll nannten, zu empfangen. Sie wollte raus, ihre Freiheit genießen. Die Regeln, die Onkel Finley dazu aufstellte, waren besonders für Amy schwer einzuhalten. Unsere Bodyguards begleiteten uns ständig, egal wohin. Wir waren somit nie unter uns. Das hieß, selbst wenn wir, nach langem Bitten und unter strengen Auflagen, mal ins Kino durften, saßen sie eine Reihe hinter uns.

»So kann ja nie was laufen mit Chris«, hatte sie sich bei mir wieder einmal beschwert. Er war ihr neuer Schwarm und sie legte alles daran, mit ihm allein zu sein, in der Hoffnung, dass sie endlich einen Schritt weiter kamen, als immer nur Händchen zu halten.

Jetzt waren wir beide fast achtzehn und immer noch hatte sich nichts an Onkel Finleys kurzer Leine verändert. Genau wie damals durften wir unser Grundstück nicht ohne unsere Gorillas verlassen. Wir wurden zur Schule gebracht und wieder abgeholt, was wir mittlerweile jedoch beide in Ordnung fanden, da Clive uns schon mal selbst das Auto steuern ließ.


***


Wir hatten Hunger und Agnes wartete bestimmt schon mit dem Essen. Schweigend liefen wir zur Steintreppe, die zum Eingang des Hauses führte. Am Ende der Treppe glitzerte uns der große Pool himmelblau entgegen. Bis zum Haus waren es nur noch ein paar Meter. Die vielen Fenster der Villa waren hell erleuchtet. Abends wurden automatisch die meisten Lichter eingeschaltet, selbst wenn wir mal nicht zu Hause waren. Onkel Finley war der Meinung, er könnte so Einbrecher von ihrer möglichen Tat abbringen.

An der Seitentür gab Amy den Code für die Alarmanlage ein und mit einem Summen öffnete sich die Tür. Onkel Finley hatte das ganze Grundstück elektronisch absichern lassen und nur wenige Leute kannten die verschiedenen Codes dafür. Durch den großen Flur gelangten wir in die helle Eingangshalle. In der Mitte befand sich eine breite Steintreppe, die in den ersten Stock zu den Schlafzimmern führte. Direkt gegenüber der Treppe kam man in das großzügige Wohnzimmer und von dort aus ins Esszimmer. Das große Zimmer, das eigentlich dafür gedacht war, unsere Mahlzeiten dort einzunehmen, benutzten wir nur an Weihnachten oder Geburtstagen oder wenn wir mal Gäste hatten, was selten genug vorkam. Außerdem war es Agnes zu viel, das schwere Porzellan erst von der Küche ins Esszimmer, und dann wieder zurückzuschleppen. Es war viel gemütlicher und familiärer, wenn wir unsere Mahlzeiten in der Küche einnahmen.

Wir folgten in der Eingangshalle dem Geruch, der uns zu Agnes in die Küche führte. Sie hatte ein ganz fantastisches Gespür dafür, wann wir nach Hause kamen. Immer stand das Essen auf dem kleinen Tresen bereit, der direkt an die Einbauküche grenzte. In der Mitte des Raumes stand ein großer Esstisch. Dort saßen wir meistens gemeinsam mit Onkel Finley, wenn er zu Hause war. Ansonsten zogen Amy und ich es vor, auf den Barhockern zu sitzen. Das machte es für Agnes einfacher. »Hallo Agnes, was gibt es denn heute Leckeres?«, rief ich fröhlich, als wir die Küche betraten.

Freundlich lächelte sie uns entgegen, während sie unsere Teller mit dem köstlichen Gemüseauflauf belud. Wir begannen sofort zu essen und sie schenkte zwei Gläser Fruchtsaft ein. Agnes war eigentlich unser Mädchen für Alles. Sie kümmerte sich nicht nur um das Haus, sondern hatte mit viel Liebe einen großen Teil dazu beigetragen, dass Amy und ich gut erzogen waren. In all den Jahren hatte sie sich nie groß verändert. Seit ich denken kann, war Agnes eine kleinere, rundliche Frau mit kurzem, blondem, lockigem Haar. Nur in ihrem Gesicht sah man die Zeichen der Zeit. Sie war schon sehr lange mit Ron verheiratet, der sich mit großer Leidenschaft um unseren Garten und das Grundstück kümmerte. Leider war ihre Ehe kinderlos geblieben, so betrachtete sie uns als ihre Töchter.

Unser Verhältnis zu ihr war immer innig und liebevoll gewesen. Sie tröstete uns, wenn wir uns beim Spielen verletzten, sie las uns abends eine Geschichte vor, wenn Onkel Finley nicht zu Hause war und sie kannte unsere Träume und Ängste.

»Lasst es euch schmecken und schlingt nicht. Ihr wisst, dass das nicht gut ist. Man soll sich beim Essen immer Zeit nehmen«, maßregelte sie uns. »Und? Was habt ihr heute gemacht?«, fragte sie noch und lehnte sich zu uns an die Theke.

Während ich einen großen Schluck vom Saft nahm, erzählte Amy, wie lange wir an einer bestimmten Übung trainiert und gefeilt hatten.

»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie anstrengend das auf die Dauer ist. Also ich für meinen Teil falle nachher gleich ins Bett. Ich bin echt fertig heute«, erzählte Amy mit vollem Mund.

Agnes grinste und nickte verständnisvoll.

»Ach, ja! Das hätte ich beinahe vergessen«, fiel sie ihr ins Wort, »Terry wird euch morgen in die Stadt zum Einkaufen begleiten.«

Terry und Clive, genau wie Frank, gehörten zu unserem Sicherheitsteam.

„Unsere Bodyguards“, sagte Onkel Finley immer mit einem Lächeln. Das waren sie auch. Heimlich nannten Amy und ich sie unsere Gorillas. Es gefiel uns, und vor allem Amy liebte es, sie so zu necken. Egal wohin wir gingen, einer der Gorillas war immer dabei. Sie hielten sich zwar dezent im Hintergrund, doch allein schon das Wissen, ständig einen Kontrolleur dabei zu haben, nervte.

Ich hatte mich daran gewöhnt, doch Amy hatte schon mehr als einmal versucht, sie abzuschütteln. Meistens ohne Erfolg und immer mit einer darauf folgenden großen Auseinandersetzung mit Onkel Finley. Beim letzten Mal, als Amy sich davon schleichen wollte, hatte sie es geschafft, für zwei Stunden unsichtbar zu sein, was Onkel Finley und seine Mannschaft fast in den Irrsinn getrieben hatte. Der arme Terry hatte beinahe wegen Amy seinen Job verloren und nur durch das gute Zureden von Agnes, hatte Onkel Finley schließlich nachgegeben und Terry doch nicht gehen lassen. Doch auch er hatte es eine ganze Weile gemieden, Amy oder mich zu chauffieren. Nach langen Diskussionen konnte ich bei Onkel Finley erreichen, dass die Sicherheitsleute uns mehr Raum zum Atmen geben sollten. Sie sollten sich einfach noch weiter im Hintergrund halten. Wir brauchten schließlich mehr Privatsphäre. Ständig fielen wir durch unsere Begleiter auf. Es war schon peinlich genug, dass uns die Leute auf den Straßen begafften, wenn wir in einem dunklen Rolls-Royce unterwegs waren.

Wir versprachen Onkel Finley hoch und heilig, dass wir die Sicherheitsleute nicht mehr austricksten, wenn sie auf den Straßen einen gewissen Abstand zu uns hielten und wir mit einem unauffälligeren Auto unterwegs sein durften. Ganz langsam hatte er angefangen zu grinsen und erlaubte es uns schließlich. Für Amy war es leicht, Onkel Finley zu bestimmten Dingen zu überreden. Doch was die Gorillas anging, war er meist nie von seiner Haltung abgewichen. Doch diesmal hatte sie Erfolg gehabt und er gestattete uns ein paar Meter mehr Freiraum.

Amy hatte ihre Portion schon fast aufgegessen.

»Gut, hoffentlich finde ich auch ein paar Dinge«, sagte sie und schob ihren Teller von sich.

Agnes lachte, da sie genau wusste, dass man meine Schwester eher bremsen musste und sie nie ohne Tüten nach Hause kam. Sie fand immer etwas. Wir kamen meistens voll beladen aus der Stadt zurück. Es war schon lange her gewesen, dass wir in die New Yorker Innenstadt gehen durften. Für uns war es immer etwas Besonderes.

»Du solltest dir genau überlegen, was du brauchst, bevor wir losfahren. Sonst fällt dir wieder auf dem Rückweg ein, was du alles vergessen hast«, sagte ich und schob mir eine weitere Gabel mit Nudeln in den Mund. Amy verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse und streckte ihre Zunge raus.

»Ich kann doch auch nichts dafür, wenn ich einfach mehr Kleidungsstücke brauche als du. Du solltest dir lieber mal überlegen, ob du nicht etwas an deiner Garderobe ändern willst«, gab sie schnippisch zurück.

Ich verbiss mir einen weiteren Kommentar und half Agnes, unsere Teller in die Geschirrspülmaschine zu räumen. Fröhliches Gelb und ein klein wenig Rot strömte aus mir.

Amy verstand mein Farbenspiel und brabbelte munter weiter, indem sie aufzählte, welche Kleidung sie für mich aussuchen würde. Zugegeben, in meinem Kleiderschrank befanden sich hauptsächlich sportliche Sachen, da ich es bequem liebte. Mit ein paar Ausnahmen kannte man mich nur in Jeans, engen Sporthosen, T-Shirts oder Sweatshirts. Ich machte mir nichts aus Mode, im Gegensatz zu ihr. Sie hatte eine Vorliebe für trendige und teure Designerklamotten, welche sie ausschließlich trug. Ich fand, sie sah immer sehr hübsch aus, doch für mich war das zu anstrengend, stundenlang vor unserem Schrank zu verbringen und Hunderte von Stofffetzen anzuprobieren, um sich dann doch wieder anders zu entscheiden.

Kapitel 2


Es war Samstagmorgen, und da ich nicht mehr länger schlafen konnte, beschloss ich, joggen zu gehen. Amy hatte ich mehrmals versucht, wach zu bekommen, doch die Schlafmütze zog es vor, in ihrem warmen, kuscheligen Bett zu bleiben. Für mich war der Sport so etwas wie die Luft zum Atmen. Ich liebte es, mein Herz pochen zu hören, wenn meine Glieder warm wurden, obwohl es draußen noch kalt war.

Ich gab den Code der Tür ein. Sie summte leise und ließ mich hinaus. Kalte Luft schlug mir entgegen, als ich mich im Freien befand. Mein Atem hinterließ kleine grau-weiße Wolken. Es war noch sehr kalt an diesem frühen Morgen, doch die Sonne würde im Laufe des Tages die Temperaturen klettern lassen. Es war trüb und Nebel hatte sich gebildet.

Langsam lief ich los und versuchte einen Rhythmus zwischen meiner Atmung und meinem Lauf zu finden. Unser Grundstück war groß, sehr groß sogar. Es war mehr ein Park, in dem ich meine freie Zeit gern verbrachte. Das Grundstück hatte Onkel Finley mit verschiedenen Kameras und einem sensiblen Alarmsystem gesichert. Sobald jemand versuchen würde, das Grundstück zu betreten, in der Sicherheitszentrale ein Alarm ausgelöst. In wenigen Sekunden verriegelten sich alle Fenster und Eingangstüren elektronisch, sodass niemand mehr hineinkam. Wir waren besser bewacht als Fort Knox, witzelten wir manchmal.

Ich lief mehrere Runden um unseren See und sah den Schwänen dabei zu, wie sie majestätisch über das Wasser glitten. Schon als kleine Mädchen liefen Amy und ich Schlittschuh. Natürlich hatte Onkel Finley erst die Dicke des Eises fachmännisch überprüfen lassen, bevor wir darauf laufen durften. Er war ein sehr vorsichtiger Mensch. Wir kannten die genauen Gründe nicht, weshalb Onkel Finley so streng mit uns war. Amy und ich waren immer wohlbehütet und bewacht aufgewachsen. Er liebte uns wie seine eigenen Töchter und las uns so manchen Wunsch von den Augen ab. Jedoch schenkte er Amy mehr Aufmerksamkeit.

Nach dem vielen Geld zu urteilen, musste er eine wichtige Person mit noch wichtigeren Aufgaben sein. Wir wussten nur, dass er Senator war, für die Forschung arbeitete und viel unterwegs war. Wir stellten keine Fragen und ich hatte den Eindruck, mein Onkel war froh darüber.

Insgeheim fragte ich mich schon, was genau er tat. Einmal, als ich in sein Arbeitszimmer ging, hatte er müde ausgesehen. Sein Hemd war zerknittert, die Krawatte hatte er achtlos auf die Stuhllehne geworfen. Seine Stirn zeigte viele Falten. Er saß an seinem Schreibtisch, seine Hände waren zu Fäusten geballt und er rieb sich damit die Schläfen. Sorge spiegelte sich in seinem Blick. So hatte ich ihn noch nie gesehen.

»Vertrau niemandem, Kleines. Du kannst nie wissen, wer dein Freund oder Feind ist«, hatte er damals gesagt.

Es war der einzige Moment, in dem ich ihn so verletzlich gesehen hatte. Ich glaube, dass dies der Grund war, warum er uns nicht sorglos gehen lassen konnte. Möglicherweise hatte er Feinde. Und als er dies damals so zu mir sagte, wusste ich, dass Amy und ich seine Schwachstelle waren. Durch uns war er angreifbar. Also sorgte er dafür, dass man gar nicht erst an uns herankam. Onkel Finley wollte uns beschützen. Doch oft fragte ich mich, wovor?

Sonst war er ein fröhlicher Mensch. Er hatte eigentlich immer gute Laune, außer Amy hatte mal wieder etwas angestellt. Dann konnte er schon richtig sauer werden, doch lange hielt es nie an. Schnell verzieh er ihr, auch wenn er mit seinen Bestrafungen konsequent blieb. Manchmal verstand ich nicht, warum er mir gegenüber oft nachtragender war.

Nach dem Joggen duschte ich ausgiebig und kam noch pünktlich zum Frühstück. Amy hatte in der Zwischenzeit auch den Weg aus dem Bett gefunden, obwohl sie normalerweise noch schlafen würde. Doch heute war Samstag und sie konnte unsere erlaubte Shoppingtour nicht erwarten.

»Guten Morgen, Jade! Wie war das Laufen?«, begrüßte mich Agnes. Sie schenkte gerade Kaffee in eine Tasse ein, als ich die Küche betrat. Amy saß auf ihrem Hocker, in der einen Hand hielt sie ein Marmeladentoast und mit der anderen blätterte sie gerade in einem Modemagazin.

»Guten Morgen«, grüßte ich gut gelaunt zurück. »Es ist zwar noch frisch draußen, doch zum Laufen richtig angenehm.« Ich setzte mich an die Theke, während meine Schwester weiter selbstvergessen in ihrem Magazin blätterte. So vertieft sie in ihrer Zeitschrift las, bemerkte sie nicht, wie ein blauer Schweif sie umgab. Manchmal, wenn sie mit ihren Gedanken so beschäftigt war, vergaß sie schon mal, ihre Emotionen vor mir abzuschirmen. Jedes Mal schmunzelte ich darüber. Ich ließ mir nichts anmerken und bestrich mein Toast mit Butter und biss genüsslich hinein.

»Jade? Hast du schon von dem neuen Club in New York City gehört«, fragte sie mich und ich hörte die Begeisterung in ihrer Stimme. Ich überlegte kurz und schüttelte den Kopf. »Nein, hab ich nicht! Warum?«

»Er ist neu und heißt Collections, soll der angesagteste Club der Stadt sein. Die Promis und die besten DJs geben sich dort die Klinke in die Hand. Ich will da unbedingt mal hin, du nicht auch?« Begeistert funkelten ihre Augen. Auch wenn sie selbst wusste, dass Onkel Finley ihr es nie erlauben würde, in diesen Club zu gehen, reizte es Amy schon sehr.

»Na, lass das nicht deinen Onkel hören, Amy«, mischte sich Agnes ein und bedachte sie mit einem warnenden Blick.

»Ja, ja. Ich weiß schon«, gab sie knurrig zurück. Sie blätterte eine Seite weiter und war schon bei einem anderen Thema. »Auf jeden Fall will ich heute bei Bloomingdales oder bei Macy’s vorbeischauen.« Ein sanftes Orange schauerte kurz auf, bevor sie es abstellte. Sie war aufgeregt.

»Wann geht es los?«, wollte ich wissen.

»Gleich nach dem Frühstück. Terry wartet schon auf uns«, sagte sie und trank ihren Orangensaft in einem Zug aus. »Ich warte draußen auf dich, Jade. Wiedersehen, Agnes«, rief sie und schon war sie aus der Küche verschwunden.

Agnes schüttelte den Kopf, als sie Amys Toast noch auf dem Teller liegen sah und rief ihr hinterher »Du bist ja noch gar nicht mit dem Frühstück fertig!« Doch sobald sie es ausgesprochen hatte, war ihr klar, dass Amy ja doch nicht zurückkommen würde. »Dieses Kind! Sie wird nie lernen, sich richtig zu ernähren, wenn sie nicht richtig frühstückt«, schimpfte sie und schüttelte weiter den Kopf.

»Sei nicht böse, Agnes! Du kennst sie doch. Sie freut sich schon so lange auf die Einkaufstour. Wir werden in der City etwas essen, versprochen«, beruhigte ich sie, gab ihr einen Kuss auf die Wange, verließ die Küche, nahm meine Handtasche und machte mich auf den Weg zu den Garagen.


***


Terry hielt sich an die Abmachung und blieb dezent im Hintergrund. Er fiel gar nicht auf, und Amy und ich genossen unsere Freiheit, wenn auch nur für ein paar Stunden.

Die beliebte 5th-Avenue war in Manhattan an diesem Samstagvormittag gut besucht. Wir schlenderten von einem Laden in den nächsten. Die Auswahl an Kleidern und den dazu passenden Accessoires war riesig. Amy fand schnell einige kurze Sommerkleider, Tops und Blusen, die sie der Angestellten der Boutique in die Arme legte, damit sie sie schon einpacken konnte. Sie ließ es sich auch nicht nehmen, ein Abendkleid anzuprobieren.

»Wann willst du denn das tragen?«, fragte ich sie. Ich hatte es mir mit einem Glas Wasser auf einem Sofa bequem gemacht, während sie das kurze petrolfarbene Satinkleid anprobierte, das perfekt zu ihren Augen passte. Es hatte nur einen Träger an der linken Schulter und der geraffte Stoff wurde mit edlen und glitzernden Steinen zusammengehalten. Sie sah fantastisch darin aus. Es unterstrich ihre weiblichen Rundungen und ich wünschte in diesem Augenblick, als sie aus der Umkleide kam, ich könnte auch so schön aussehen.

»Ich kann mir doch so ein Kleid kaufen. Wer weiß, vielleicht lässt Onkel Finley uns doch einmal in einen Club. Man kann ja schließlich nie wissen«, erwiderte sie.

Ich konnte mir zwar nicht vorstellen, dass er jemals zu einem Clubbesuch einwilligte, doch ich ließ ihr den Spaß.

»Und?«, fragte sie, drehte sich ein paar Mal und blieb schließlich, wartend auf mein Urteil, vor mir stehen. Musternd betrachtete ich sie. »Du siehst wirklich toll aus«, meinte ich anerkennend.

Zufrieden lächelte sie. Natürlich war ihr mein hellgrauer, aber doch leicht gelber Schweif nicht entgangen. Ich war nicht neidisch, im Gegenteil, ich bewunderte sie. Von uns beiden war sie diejenige, die ständig beim anderen Geschlecht punkten konnte. Heimlich, so dass Onkel Finley es nicht bemerkte, hatte sie schon Affären gehabt. Es war zwar nichts Ernsthaftes dabei, doch sie liebte den Flirt. So richtig verliebt war sie noch nie gewesen, genauso wenig wie ich.

»Dann nehme ich es und du solltest auch mal eins anprobieren. Man kann wirklich nie wissen, wofür du es gebrauchen kannst. Außerdem kann dein Kleiderschrank schon mal etwas Glamour vertragen«, zwinkerte sie mir zu.

Ich hatte zwar wirklich keine Lust darauf, aber ich wollte ihr die Laune nicht verderben und kratzte das kleine bisschen Lust zusammen, das ich brauchte, um mich aufraffen zu können. Sie scheuchte zwei Angestellte durch den Laden mit dem Auftrag, die schönsten Cocktail- und Abendkleider für mich auszusuchen. Es dauerte nicht lange und man brachte mir genau drei Kleider, die ich nie im Leben für mich selbst ausgesucht hätte.

»So, keine Widerrede, die probierst du jetzt an«, sagte meine Schwester und zog mich vom Sofa. Tief atmend gab ich mich geschlagen.

Zuerst zog ich ein kurzes, knallrotes Cocktailkleid an. Es sah nicht schlecht an mir aus, doch ich fühlte mich nackt darin. Außerdem fand ich die Farbe etwas zu gewagt. Während ich mich in ein rosa Seidenkleid zwängte, das knielang war und einen viel zu tiefen Ausschnitt hatte, klingelte mein Handy.

Der Anrufer ließ nicht locker, bis ich mein Handy endlich aus der Handtasche gefingert hatte.

»Ja, hallo?«

»Hi, ich bin es! Wo steckst du?«

»Tom«, entfuhr es mir erfreut, »ich bin gerade in einer Umkleidekabine. Wo bist du denn?«, wollte ich neugierig wissen. Ich klemmte mir das Telefon zwischen Ohr und Schulter ein und versuchte, mich wieder aus dem rosa Ding herauszuschälen.

»Ich bin auch in der Stadt. Können wir uns treffen?«

Ich nestelte das nächste Kleid vom Bügel und stieg aus dem rosa Albtraum aus. Ohne es mir genauer anzusehen, zog ich das schwarze Chiffonkleid über.

»Klar können wir uns treffen. Wann und wo?«, fragte ich leicht im Stress.

»Ich kann mir schon denken, wo du bist. Ich komme dorthin, bis gleich«, sagte Tom und ehe ich etwas erwidern konnte, hatte er schon aufgelegt.

»Wer war das?«, fragte Amy von draußen.

»Es war Tom. Er kommt hierher! Wir gehen einen Kaffee trinken.«

»Tom? Oh, das ist ja toll. … Freust du dich, ihn wiederzusehen?«, fragte sie und in ihrer Stimme klang Belustigung mit.

»Ja, sehr sogar. Er … hat mir schon gefehlt! Kannst du mir den Reißverschluss zumachen? So gelenkig bin ich nun auch wieder nicht«, gab ich genervt von mir. Amy kicherte, doch ich dachte mir nichts dabei. Ich bückte mich gerade, um den Saum des Kleides glatt zu streichen, als der Vorhang beiseitegeschoben wurde und sich jemand an meinem Reißverschluss zu schaffen machte. Es waren nicht die sanften, gut manikürten Nägel meiner Schwester, sondern männliche grobe Hände, die sich von hinten an mich herangeschlichen hatten. Verwundert erhob ich mich und blickte in den Spiegel.

»Tom Persky!«, entfuhr es mir überrascht.

Sein Grinsen war so breit, dass es sein ganzes Gesicht einnahm. Seine braunen Augen strahlten und ich erwiderte sein Lachen. Mit einer kurzen Drehung warf ich mich ihm voller Freude an den Hals. Sofort nahm ich sein Aftershave wahr, das ich so lange nicht mehr gerochen hatte. Er drückte mich fest an sich und hob mich ganz kurz an, bevor er mich sachte wieder auf die Erde stellte.

»Überrascht? So schnell hast du mich nicht erwartet, was?«

»Nein, das habe ich wirklich nicht. Seit wann bist du wieder in Bayville?«

»Seit gestern Abend! Meine Semesterferien haben früher angefangen.«

Ich löste mich sanft von ihm und sah ihn an. Es war eine Weile her, seit wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Tom Persky, mein bester Freund und Vertrauter seit Kindheitstagen. Er war ein bisschen größer als ich, schlank, gut aussehend, zwei Jahre älter als wir und der unsportlichste Typ, den ich kannte. Er studierte Jura und sein Studium nahm viel Zeit in Anspruch. Dazu hatte er Bayville vor ein paar Monaten verlassen und wohnte jetzt in Washington.

Amy kicherte mal wieder verschwörerisch. Sie hatte gewusst, dass er schon in dem Geschäft stand, als er mit mir telefonierte.

»So, genug gekuschelt. Jetzt will ich aber sehen, wie du in dem Kleid aussiehst«, rief sie uns zu und sofort nahm Tom meine Hand, zog mich aus der Umkleide, nur um mich besser betrachten zu können. Sein Blick war prüfend. Unangenehme Wärme fuhr mir in die Wangen. Ich mochte es nicht, so betrachtet zu werden. Ich überging das Gefühl und sah an mir herab. Dieses Kleid war wirklich sehr schön. Es war vorne kurz und der hintere Saum war lang und fließend, fast wie eine Schleppe. Der Stoff aus schwarzem Chiffon war angenehm auf der Haut. Es hatte keine Träger. Meine Schultern waren frei und hinterließen ein unsicheres Gefühl, als ich in den Spiegel sah. Das Korsett, das das Oberteil bildete, war über und über mit schwarzen Glitzersteinen versehen, die weniger wurden, je tiefer man auf den Rock des Kleides blickte.

»Wow, Jade! Sieh dich an. Es ist wie für dich gemacht«, sagte Amy. Ehrliche Bewunderung schwang in ihrer Stimme mit. Auch Tom nickte mir grinsend zu.

»Wundervoll! Einfach wundervoll, Jade!«

Ich drehte mich noch ein paar Mal vor dem Spiegel, dabei funkelten und glitzerten die Steine.

»Meint ihr wirklich?« Immer noch unsicher sah ich von Amy zu Tom.

»Wenn du dir Gedanken machst, wegen deiner nackten Schultern, dann kannst du ein schwarzes Organzatuch darüber ziehen«, meinte Amy und ließ sich gleich, von der Verkäuferin, ein solches bringen. Und sie hatte recht. So könnte ich es mir vorstellen. Doch war mir klar, dass ich nicht so schnell die Gelegenheit bekommen würde, um es zu tragen.

»Jetzt noch die passenden Schuhe und deine Haare zurechtgemacht. Damit wärst du ein absoluter Hingucker«, meinte sie. Natürlich ließ sie sich davon nicht abbringen, dass ich ohne Tüten den Laden verließ. Zu dem Kleid kaufte ich noch die passenden High Heels und eine Handtasche. Unsere Einkaufsausbeute hatten sich Terry und Tom aufgeteilt. Ohne zu murren, trugen sie unsere Tüten und Taschen, bis wir beschlossen, unsere Tour für heute zu beenden. In Amys Lieblingsrestaurant gingen wir Mittagessen.

Wir plauderten mit Tom wie in alten Zeiten und hatten uns einiges zu erzählen. Die Perskys waren schon sehr lange Freunde der Familie. Tom, der einzige Sohn von Bob und Emilia Persky, war mit uns aufgewachsen. Früher hatte seine Mutter ihn fast täglich zum Spielen gebracht. Sie half Agnes und mit der Zeit wurden die beiden Frauen gute Freundinnen. Onkel Bob ging ein und aus bei uns und Onkel Finley vertraute ihm, daher waren die Perskys die Einzigen, die unser Grundstück betreten durften, wenn Onkel Finley nicht da war. Wir spielten oft Verstecken und verbrachten unsere Freizeit am See. Je älter wir wurden, desto enger wurde mein Verhältnis zu ihm. Dennoch wurden wir nie ein Liebespaar und wahrscheinlich würden wir auch nie eins werden, obwohl ich wusste, dass Onkel Finley es begrüßen würde. Meine Gefühle für ihn waren geschwisterlich. Doch je länger ich ihn ansah, desto mehr fiel mir auf, wie sehr ich ihn vermisst hatte. Die vielen Nachmittage im letzten Sommer, die wir zusammen am Pool oder auf einer Picknickdecke verbracht hatten, fehlten mir sehr.

Wir lagen oft in unserem Park und träumten von den Reisen, die wir später machen würden. Tom und ich wollten ganz Europa sehen. Im Geiste sah ich uns, nur mit einem Rucksack bepackt, über die Grenzen der Länder schreiten. Wir stellten uns den Geruch von Freiheit und Abenteuer vor. Fremde Kulturen wollten wir kennenlernen. Manchmal ging unsere Fantasie mit uns durch. Mit fünfzehn erstellte er eine Reiseroute für uns. Von Westen nach Osten durchstreiften wir mit dem Finger auf der Landkarte alle großen Städte, die wir uns zusammen anschauen wollten. Insgeheim wusste ich, dass dies immer ein Traum bleiben würde. Trotzdem liebte ich unsere Vorstellung und träumte mit Tom weiter. Das alles würde ich zu gern mit meinen eigenen Augen sehen.

Tom, ich und die weite Welt. Doch Träume sind Illusionen. Ich machte mir nichts vor. So wie Onkel Finley uns bewachte, würde er mich niemals gehen lassen. Tom wusste das und seltsamerweise hatte ich nie mitbekommen, dass er die Entscheidungen meines Onkels anzweifelte. Trotzdem konnte ich es in seinen braunen Augen vielversprechend aufblitzen sehen, wenn wir über unsere Tour sprachen. Von all dem wusste Onkel Finley nichts und ich wollte ihn damit auch nicht beunruhigen oder misstrauisch machen. Ich hatte keine Ahnung, ob es gefährlich war, was er beruflich tat, oder ob er viel zu übertrieben seine Grenzen um uns zog.


***


»Erzählt, was treibt ihr so den ganzen Tag«, fragte Tom und lehnte sich satt und zufrieden zurück. Ein Kellner hatte gerade unsere Teller abgeräumt und brachte für Tom und Amy das Dessert.

»Frag lieber nicht! Onkel Finley ist zurzeit nicht da und wenn nicht gerade Wochenende ist, langweilen wir uns schon sehr. Jade und ich trainieren jeden Tag. Doch meistens warte ich nur darauf, dass etwas Aufregendes passiert«, sagte Amy und fing an, ihren Eisbecher auszulöffeln.

»Jetzt übertreib mal nicht. Würdest du dich mit mehr Sachen beschäftigen, wäre dir nicht so langweilig.«

Ich fand, Amy machte es sich in dieser Beziehung zu einfach. Sie war schlicht und einfach zu faul, sich eine Beschäftigung zu suchen und jammerte lieber über ihr Leben.

Ich liebte es, im Park zu lesen, kümmerte mich um meine Hausaufgaben und verbrachte einige Stunden im C.O.B mit Jazz Dance oder dem Training. Es gab immer etwas zu tun.

»Und wie geht es Onkel Finley? Ist er immer noch mit Alegra zusammen?« Tom grinste bei der Frage und lachte, als Amy und ich, wie auf Kommando, unsere Augen verdrehten. Gleichzeitig strömte Rot aus Amy und mir. Jedoch schloss meine Schwester ihre Poren gleich wieder, so dass nur meine Stimmung für uns beide sichtbar war.

»Alegra Marten!«, höhnte sie. »Wenn ich den Namen nur höre, wird mir ganz schlecht!« Sie nahm einen Löffel voll Sahne und schob sich diesen in den Mund, um den bitteren Geschmack, den Alegra auf ihrer Zunge hinterließ, auszugleichen.

»Ja, leider! Sie hat ihn vollkommen um den Finger gewickelt. Uns bleibt nur zu hoffen, dass Onkel Finley erkennt, dass sie nur sein Geld interessiert. Morgen Nachmittag kommen sie wieder«, erzählte ich ihm.

Tom schüttelte seinen Kopf. Keiner konnte Onkel Finley in dieser Beziehung verstehen. Es war so offensichtlich, dass sie sein Geld mehr liebte, als ihn.

Er hatte sie vor ein paar Monaten von einer seiner vielen Reisen mitgebracht und seit dem wich sie ihm nicht mehr von der Seite. Sie benutzte Agnes als Dienstmädchen, telefonierte den ganzen Tag, und wenn sie nicht gerade damit beschäftigt war, ihre Nägel zu feilen und ihren Lidstrich nachzuziehen, dann gab sie sein Geld mit vollen Händen aus. Ich hatte schon mehr als eine Auseinandersetzung mit ihr gehabt. Selbst als ich Onkel Finley bat, sie fortzuschicken, wurde mir klar, wie groß ihr Einfluss mittlerweile war.

Keine Frage, Alegra Marten war eine sehr schöne junge Frau. Auch wenn ihr platinblondes Haar nicht echt aussah und sie auch bei ihrer Oberweite nachgeholfen hatte, war ihr Körper wirklich unfassbar sexy. Sie besaß Kurven und Linien, die einen Mann verrückt machen konnten. Es wunderte mich nicht, dass Onkel Finley ihr aus der Hand fraß. Trotzdem hoffte ich, dass er bald wieder vernünftig wurde und ihr endlich den Laufpass gab.

Tom grinste. »Ich finde das überhaupt nicht lustig. Was ist, wenn er eines Tages auf die wahnwitzige Idee kommt und sie heiratet? Ich könnte sie niemals als Stiefmutter akzeptieren«, meinte Amy.

Darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. Aber meine Schwester hatte recht. Oh mein Gott! Das darf nicht passieren! Falls es jemals dazu kommen würde, müssten Amy und ich uns etwas einfallen lassen, um das zu verhindern.

»Jetzt macht euch nicht so viele Sorgen. Finley ist kein Dummkopf. Er weiß schon, was er tut«, versuchte uns Tom zu beruhigen. Zu gerne hätte ich ihm geglaubt. Amy war da skeptischer als ich. Sie leckte mit dem Finger das geschmolzene Eis aus ihrem Becher, als ihr Handy klingelte.

»Ja?«

»Hi, Sandy!«

Sandy Tale war Amys beste Freundin und gleichzeitig bei uns in der Abschlussklasse. Ich hatte nichts gegen sie, aber sie schaffte es immer wieder, Amy so zu beeinflussen, dass am Ende die beiden echten Ärger am Hals hatten. Sie war ungewöhnlich uneinsichtig. Manchmal glaubte ich, sie hielt sich absichtlich nicht an Regeln. Mehrfach hatte sie schon die Schule geschwänzt, hatte Freunde, denen ich nicht über den Weg traute und die sonst auch nicht in unseren Kreisen verkehrten. Ihre Eltern kümmerten sich fast nie um sie. Sie waren geschäftlich mehr unterwegs als zu Hause. Sie konnte einem ja fast leidtun, doch ich fand es einfach nicht gut, wenn sie Amy in Dinge mit reinzog, die einfach nicht gut für sie waren.

»Wow! Wirklich? Und wann?«, fragte Amy und ihre Begeisterung ließ ihre Augen aufleuchten. Vorsichtig warf Amy mir einen Blick zu und sofort war ich aufmerksam.

»Warte mal«, sagte sie in ihr Handy, stand auf und verließ entschuldigend unseren Tisch. Natürlich war ich neugierig geworden. Was hatte Sandy für Neuigkeiten, die Amy so begeisterten?

Sie schlenderte nach draußen, während sie telefonierte. Tom schien sich zu freuen, einen Moment mit mir allein zu sein.

Ich lächelte ihn an. »Und wie sieht es bei dir aus? Hast du in Washington Freunde gefunden?«, wollte ich wissen.

Tom war noch nie der Typ gewesen, der gern im Mittelpunkt stand, dafür war er zu schüchtern. Er hatte noch nie viele Jungs um sich herum geschart. Seine Freundschaften waren meist von kurzer Dauer. Tom war zwar nie ein Eigenbrötler, doch die meiste Zeit verbrachte er bei uns.

Verlegen sah er in seine Tasse. «Naja, ich muss viel lernen, da bleibt nicht so viel Zeit für Freunde. Aber ich bin nicht einsam, wenn du das meinst.«

Seit er fortgegangen war, hatten wir uns nur ein paar Mal Nachrichten über unsere Handys geschickt.

»Und die Mädchen? Sind sie hübsch?«, versuchte ich mehr aus ihm herauszubekommen. Ich spürte, wie unangenehm es ihm war, darüber zu sprechen. Bisher war mir nicht bekannt, dass er sich jemals für ein Mädchen interessiert hatte.

Was war eigentlich los? Seit unserem Wiedersehen war irgendetwas anders als sonst. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sich etwas zwischen uns verändert hatte. Doch was? Tom war gehemmter mir gegenüber. Oder bildete ich mir das nur ein?

Ich wollte ihn gerade danach fragen, als Amy wieder kam. »So, da bin ich wieder!« Ihre Wangen leuchteten rötlich. Sie schien aufgeregt zu sein und wieder einmal ärgerte ich mich, dass ich ihre Stimmung nicht lesen konnte.

»Und? Was wollte Sandy?«, fragte ich daher neugierig.

»Oh, nichts Besonderes. Sie hat mir von einer Party im Collections erzählt, die heute Abend dort stattfinden soll und wollte mich dazu einladen. Aber ich habe ihr gesagt, dass Onkel Finley erst morgen wiederkommt und ich ihn erst fragen muss. Ist erledigt.«

Sie wusste genau, dass Onkel Finley sie nicht gehen lassen würde. Das Gefühl, dass sie mir etwas verschwieg, keimte in mir. Doch vielleicht täuschte ich mich auch. Amy wusste, wie ich über Sandy dachte und natürlich war ich misstrauisch. Daher wechselte sie gekonnt das Thema.

Kapitel 3


Einige Stunden später kamen Amy und ich mit vollem Bauch, guter Laune, einem neuen Lippenstift und einem zu unseren Outfits passenden Nagellack nach Hause. Für Agnes hatten wir ein schönes Halstuch mitgebracht. Ich war ziemlich geschafft und ging gleich nach oben, während Amy Agnes noch unsere Ausbeute zeigte.

Wir bewohnten zwei große Zimmer zusammen. Wir teilten uns eine Art Wohnbereich und ein großes Schlafzimmer, wobei jeder seine Seite hatte. Und das war auch wichtig, denn Amy war sehr unordentlich, um nicht zu sagen, chaotisch. Überall lagen Klamotten, die sie anprobiert und nicht wieder in ihren Schrank eingeräumt hatte. Gürtel, Schuhe, Modemagazine, CDs verteilten sich in beiden Räumen. Auch in unserem großen, gemeinsamen Badezimmer bestand ich auf Trennung, da ich sehr ordnungsliebend war. Hin und wieder, wenn Agnes ein kleines Donnerwetter losließ, sah meine Schwester es endlich ein und räumte ihren Bereich auf, da Agnes sich schon lange weigerte, dies immer wieder für sie zu tun.

Manchmal wünschte ich mir schon ein eigenes Zimmer, doch ich brachte es nicht übers Herz, mich von meiner Schwester zu trennen. Wir waren seit unserer Geburt zusammen. Und ich hatte schon immer das Gefühl, ich sollte ein Auge auf sie haben.

Ich hatte meine Kopfhörer aufgesetzt und hörte Musik, während sie endlich ihre Klamotten einräumte. Dazu tanzte sie zu der Popmusik, die laut in unserem Wohnzimmer dröhnte. Wir schliefen jeder in großen Betten, die jeweils im Raum gegenüberstanden. Auf jeder Seite standen kleine Nachttische. Das große Fenster in der Mitte teilte das Zimmer zwischen uns. Es war eine unsichtbare Grenze. Die Wände hatten wir selbst gestrichen und jede hatte auf ihre Lieblingsfarbe bestanden. Während ich mich für einen sanften Gelbton entschieden hatte, bestand Amy auf ihrer Lieblingsfarbe Rosa. Sie liebte rosa und pink. Eigentlich alles, was funkelte und glitzerte und typisch für Mädchen war. Die Seitenwand, an dem ihr Schreibtisch stand, war zugepflastert mit Postern von Popstars, deren Musik sie gerne hörte. Ganz besonders eine Band namens Bulls und dessen Frontmann sah man vorzugsweise an ihren Wänden. Ständig stellte sie unsere Anlage so laut, dass selbst ich schon den Text auswendig konnte. Es nervte mich, immer und immer wieder das Gleiche hören zu müssen.

Meine Gedanken wanderten zu Tom. Er war heute wirklich merkwürdig, dachte ich, während ich Amy beobachtete, wie sie zum Takt der Musik durchs Zimmer hüpfte. Als ich fragte, ob er Freunde gefunden hatte, reagierte er ungewöhnlich darauf. Ich kannte ihn schon fast mein ganzes Leben. Hatte er Sorgen? Ging es ihm nicht gut? Vielleicht hatte er sich das Jurastudium doch anders vorgestellt und bereute nun seine Entscheidung. Oder hatte er ein Mädchen kennengelernt? Schließlich wäre es nichts Ungewöhnliches gewesen. Man lernt jemanden kennen und verliebt sich. Das hätte er mir doch sagen können.

An diesem Abend schlief ich früh ein. Agnes hatte für uns einen Imbiss in den Kühlschrank gestellt und war dann in ihr wohlverdientes Wochenende gestartet. Sonntags hatte sie frei. Kurz vor 23 Uhr wurde ich durch einen kühlen Luftzug geweckt. Ein Schauer fuhr mir den Rücken hinunter. Ich reckte mich und zog meine Decke über die Schultern. Irritiert öffnete ich meine Augen. Wieso stand das Fenster offen? Hatte Amy es mal wieder vergessen zu schließen? Ich sah auf und entdeckte sie. Sie war auf das Fenstersims geklettert und sprang waghalsig genau in dem Augenblick, als ich mich weiter aufrichtete, um besser sehen zu können, auf die große Linde, die direkt vor unserem Fenster ihre dicken Äste ausstreckte.

»Amy?« Was tat sie da?

Sie hatte mich nicht gehört, als ich meine Decke von mir schob und ihr vom Fenster aus zusah, wie sie gerade am dicken Stamm der Linde hinunterkletterte.

Dann sah ich nur ihren Schatten, wie sie sich davon schlich.

»Amy! … Amy! Wo gehst du hin?«, rief ich ihr leise hinterher, doch sie gab mir keine Antwort. Sie hatte mich noch nicht einmal bemerkt. Ich wurde nervös. Was sollte ich jetzt tun? Vielleicht wollte sie nur im Park spazieren gehen? Amy und nur spazieren gehen? Wohl eher nicht!

Kurzerhand beschloss ich, ihr zu folgen. Eilig zog ich mir meine Jeans und Schuhe über und griff noch schnell nach meiner Lederjacke. Sicherheitshalber steckte ich mein Handy ein. Ich konnte ja nicht wissen, ob ich Hilfe brauchen würde.

Es kostete mich Überwindung, auf die Äste der Linde zu springen. Mutig war meine Schwester ja, das musste ich ihr lassen. Aber was sie konnte, schaffte ich schließlich auch. Ich sprang und hing im Baum, fand Halt an einem Ast, der mich trug. Ich hielt inne. Alles war gut gegangen. Lebensgefährlich würde ich mich nicht verletzen, falls ich stürzte. Es sah gefährlicher aus, als es in Wirklichkeit war. Vorsichtig kletterte ich zum dicken Stamm und hangelte langsam hinunter. Mein T-Shirt riss ein kleines Stück am Saum ein und war leicht verschmutzt.

Geschafft! Ich kam unbeschadet unten an und sah mich um. Es war still. Niemand hatte mich bemerkt. Leise und vorsichtig, um nicht entdeckt zu werden, folgte ich Amy in die Richtung, in die sie verschwunden war. Nirgends konnte ich sie entdecken. Alles lag still und friedlich da. Selbst die Schwäne hatten sich zurückgezogen und der See war ruhig und verlassen.

Hatte ich meine Schwester aus den Augen verloren? Aufmerksam ging ich leise weiter und hoffte, sie durch einen Schatten, der sich bewegte, zu entdecken. Was hatte sie vor?

Da! Ganz am äußersten Rand unseres Grundstücks konnte ich einen Schatten ausmachen, der auf die Steinmauer kletterte. Das war sie, das musste sie sein. Aber warum ging unser Alarm nicht los?

Ich rannte quer über die Wiese, vorbei an den Bäumen, bis ich schließlich an der Grundstücksmauer stand. Doch da war Amy schon weg.

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