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Max Sturm

Das Buch

Er ist Autor und in Kürze auch Hotelerbe. Für letzteres ist vor allem eine ausgeprägte Schwäche für reifere Damen mit Gewichtsproblemen verantwortlich.Max Sturm ist Ende dreißig. Und alt genug, um zu wissen, dass "Freund" nicht das bloße Gegenteil von Feind bedeutet. Na ja, zumindest sollte er das wissen, denn ausgerechnet seine beiden besten Freunde wollen, dass er mit einer 60-jährigen Bankerin schläft. Und weil die Karten am Spieltisch des Lebens in aller Regel gezinkt sind, wäre da noch ein Blind Date, mit dem irgend etwas nicht stimmt und ein verschwitzter, dicker Fremder, der im Verdacht steht, den Dreien die einzige und vielleicht letzte Chance auf eine unbekümmerte Zeit zu versauen.

Eine schräge Story über drei Künstler,
die Geld brauchen und Sex bekommen.

Der Autor

Oliver Kukulka wurde am 28. August 1969 in einer rauen Vollmondnacht geboren. Na ja, eigentlich war es an einem sonnigen Nachmittag vor einer ganz normalen Vollmondnacht. Er lebt - je nachdem, wie es die gegebenen Umstände zulassen - mal mehr, mal weniger glücklich im südlichen Teil Deutschlands und verarbeitet bis heute seine eher unfreiwillige Geburt.

Eine abgebrochene plus eine erstaunlicherweise beendete Ausbildung, ein Schauspielstudium, diverse Jobs, nervige Mitmenschen und als ob das alles noch nicht genug wäre, auch noch die eine oder andere unlöschbare Begegnung mit der Frau an sich, bereiteten letztendlich den Humus für eine gepeinigte Künstlerseele. Er erinnert stets gern daran, dass ein gewisser Johann Wolfgang von Goethe ebenfalls am 28. August geboren wurde. Dass Jack Black, ein zu Übergewicht neigender amerikanischer Schauspieler, nicht nur am gleichen Tag, sondern auch noch im gleichen Jahr wie Herr K. geboren wurde, verschweigt er hingegen lieber. Mit der IRA-Bombe in Brüssel, genau 10 Jahre später, hatte er allerdings nichts zutun. Das schwört er.

Oliver Kukulka

Max Sturm

Roman

ACABUS Verlag

Für Nanook.

"Unnatürlich am Sex ist nur,
wenn man keinen hat.
Alles was danach kommt,
ist lediglich eine Frage
von Gelegenheit und Vorlieben!"

SIGMUND FREUD

WARUM ILSE?

Mein Name ist Maximilian Sturm. Ich bin Ende Dreißig und Autor für ein Männer-Magazin. Von Letzterem kann ich sogar leben, was nicht nur mich wundert. Für meinen Roman über eine vollkommen vergeigte Liebesbeziehung will mir nämlich niemand was bezahlen. Meine ganz persönliche Vergangenheitsbewältigung, von der die Welt niemals erfahren wird. Eine Liebe übrigens, die darin Beschreibung findet, dass der Apostel und bekennende Frauenfeind Paulus deren Ende sicher so kommentiert hätte: "Willst 'n Taschentuch, du Trottel? Was hast du denn erwartet?"

So ähnlich hat dann auch ein Lektor reagiert, als er mich wissen ließ, dass die Story keine Sau lesen will. Zu viele Klischees und so. Kann ich zwar nachvollziehen, das Problem ist aber: Mein Leben ist ein Klischee. Ich verbringe mehr Zeit in meinem Lieblings-Café als zu Hause. Die Summe meiner abgelehnten Manuskripte ist rekordverdächtig und meine besten Texte schreibe ich, wenn ich so richtig scheiße drauf bin.

Positives Denken ist für mich ohnehin eher eine Empfehlung. Ich geh da meist wissenschaftlich ran und stelle erst einmal in Frage. Diese ganze "Man soll jeden Tag genießen"- Scheiße geht mir so auf den Sack! Als ob es im normalen Alltag irgendwas zujauchzen gäbe. Sei es nun das Wetter, die Nachbarn oder, dass ein Pfeffersteak inzwischen 20 Euro kostet. Aber spätestens, wenn man sich durch ein Motorola- Handy-Menü arbeiten muss, ist die Laune im Arsch.

Das Beste ist noch mein Sex-Leben. Welches mir, noch ein Klischee, tagtäglich von wohlmeinenden, reiferen Damen versüßt wird. Was wiederum einer der Gründe ist, weswegen ich gerade auf dem Weg zu einer Testamentseröffnung bin. Will sagen, ich befand mich vor Längerem in einer mehrjährigen rein sexuellen Interessengemeinschaft mit einer 56-Jährigen. Ich war damals 28. Und dem Anschein nach hinterließ ich einen bleibenden Eindruck, denn Ilse, so hieß die Dame, hat den Löffel abgegeben und mich in den Kreis ihrer Erben gewählt. Keine Ahnung, was dabei rumkommt, denn in der Zeit, in der ich mit Ilse zugange war, lebte sie zwar in guten Verhältnissen, man könnte diese aber durchaus noch im normalen Rahmen wähnen. Sie besaß einen kleinen Antiquitäten-Laden und außerdem ein irre bequemes Bett in einer gemütlichen kleinen 2 - Zimmer - Eigentumswohnung in Heidelberg. Und wenn der Neckar Hochwasser hatte, dann sogar mit Seeblick. Kinder hatte Ilse keine. Bleibt also abzuwarten, wer da noch zum Kreise der Begünstigten zählt. Da der große Wurf in meinem Leben aber einfach nicht stattzufinden scheint, wäre ich kein bisschen überrascht, wenn mir Ilse der alten Zeiten wegen lediglich eineSammlung Bettlaken vermacht hätte. Letztlich war es nun mal auch das, was uns am stärksten verband: Flecken auf Laken machen.

Die Sekretärin führt mich in das Zimmer des Notars und weist mir, mit der Hand auf einen Stuhl deutend, höflich einen Platz an. Einer von drei Stühlen, die gegenüber eines mahagonifarbenen Schreibtisches stehen. Mein Blick wandert über den kackbraunen Teppichboden hin zu der stark im Wunsch-des- Freitod-auslösenden-Bereichs liegenden Wandtapete. Wieder am Schreibtisch angekommen bleiben meine Augen auf der Rückseite mehrerer Bilderrahmen hängen. Ich beuge mich ein wenig nach vorne, um die Bilder betrachten zu können. Familienfotos. Die Frau Gemahlin offenbar, brünett, die Bluse für’s Portrait extra steif gebügelt, ganz nettes Lächeln eigentlich, sieht aus, als könnte sie richtig guten Kuchen backen. Die Kinder, zwei an der Zahl, ein Mädchen, blond, Zahnspange, geschätztes Alter 12. Der Junge, auch blond, bräuchte dringend eine Zahnspange, geschätztes Alter egal, weil definitiv ein Arschlochkind. Ach ja, Kinder! Die Ab- und Zukünftigen einer Gesellschaft, die es später einmal besser und von allem mehr haben sollen, bessere Folterinstrumente, bessere Vernichtungsmittel, bessere Ausbeutungsverhältnisse; mehr Hass, mehr Gier etc. - Kinder halt.

Draußen höre ich Stimmen und bringe mich zack, zack wieder in eine aufrechte Position. Die eine Stimme kenne ich, die der Sekretärin. Die andere auch. Moment mal, die andere auch?! Ich kann es nicht glauben, wen mir die Schreibtisch-Tussi da höflich einen Stuhl bedeutend zur Seite setzt! Mickey! Mickey Mittermaier! Einer meiner zwei besten Freunde! Und gerade als mein Sprachzentrum sich vom ersten fassungslosen Erstaunen erholt hat und bereit ist, vom Gehirn wieder Befehle entgegenzunehmen, steht schon der Nächste in der Tür. Tom. Tom Wunderbar. Ja, der heißt echt so und man glaube mir, der Name ist Programm. Tom, der Freund, der das Trio komplett macht, kommt ins Zimmer. Leider aber nicht ohne die nervige Sekretärin, die ihm höflich mit der rechten Hand den letzten freien Stuhl bedeutet. Verdammt noch mal, du hohle Nuss, es ist doch bloß noch ein Stuhl frei! Wohin soll er sich denn sonst setzen???

"Wie? ... hä? ... WAS???" schießt es, meinen beiden "Freunden" zugewendet, aus mir heraus.

"Was ... was ... macht ihr denn bitte hier???"

Darauf die beiden nicht weniger überrascht: "Na, äh ... also, das könnte ich dich ja wohl auch fragen!" sagte Mickey.

"Und dich könnte ich das auch fragen, Tom!"

Darauf Tom zu Mickey:

"Ach! Und du? Beziehungsweise ihr beide! Was macht ihr denn bitte hier?"

Darauf wieder ich: "Ok, ok, ok, Jungs, um das Ganze hier abzukürzen: Offenbar wissen wir alle drei nicht, weshalb wir hier sind. Obwohl, also ich weiß eigentlich schon, warum ich hier bin. Ich hab mit ihr gebumst, ok? Und was habt ihr für sie getan?"

Beide schlucken heftig und sehen sich gegenseitig an, wobei sich ihre Gesichtsfarbe langsam dem Mahagoni-Ton des Schreibtisches angleicht. Und da, man könnte sagen endlich, fällt es mir wie Schuppen von den Augen:

"Ihr habt auch mit der Ilse? ... also, ich meine ... ihr habt die auch ... alle beide? ... und keiner hat's vom jeweils anderen gewusst? ... tzzz!"

Ich fasse es nicht. Da sitzen wir nun. Wie die Vögel auf den Stangen. Oder besser die Vögler mit den Stangen. Die drei Stecher vor dem Herrn. Ich schau die beiden an und kann immer nur wieder sagen: Tzzz!

Inzwischen ist der Herr Notar erschienen, stellt sich vor, überprüft unsere Identitäten und legt los:

"Kraft meines Amtes begrüße ich die hier Anwesenden ..."

... Ho ho ho ... jetzt mal ganz lässig, Mr. Kraft Eures Amtes! Also heiraten will ich die beiden nicht, ok? ...

"... zur Testamentseröffnung der leider verstorbenen Frau Ilse Bachmann. Mir liegt ein persönliches und notariell beglaubigtes Testament von Frau Bachmann vor, welches ..."

... Ich sehe zu Mickey und Tom und kann immer wieder nur denken: Tzzz! ...

... "ich Ihnen, sehr verehrte Herren, nun vorlesen werde:

Ich, Ilse Bachmann, wohnhaft im Bycanderweg 12, Heidelberg, vermache mein nachfolgend genanntes Eigentum nach meinem Tode zu gleichen Teilen an die Herren Maximilian Sturm, Thomas Wunderbar und Michael Mittermaier ..."

... na, wenigstens stand mein Name an erster Stelle!

... "Bei dem zu vererbenden Eigentum handelt es sich wie folgt um:

1. Hotelgebäude incl. Grundstück, Chopingasse 28, Heidelberg

2. Mein gesamtes Barvermögen."

Darauf folgte noch ein wenig blabla, dass lediglich der komplette Hausrat ihrer Wohnung veräußert werden und der Ertrag dem Tierschutzbund zukommen solle. Also, wir sind alle drei ziemlich platt. Ein Hotelgebäude. Barvermögen. Das sollte doch wohl nicht tatsächlich mal der große Wurf sein, oder?

Und wie ich mir gerade so lebhaft ausmale, wie die Großen und Ruhmreichen dieser Welt sich in unserem Hotel die Klinke in die Hand geben, dringen seltsam illusionsvernichtende Worte in mein Bewusstsein:

"Nun möchte ich Sie kurz über die Befindlichkeiten des an Sie vererbten Eigentums in Kenntnis setzten ..."

... mmh, Befindlichkeiten, Schwachkopf! ...

"Das Hotel in der Chopingasse hier in Heidelberg ist ein kleines, leerstehendes Hotel, das dringend renovierungsbedürftig und von daher momentan unbewohnbar ist."

Das war ja so klar! ... dabei fällt mir ein, ich könnte mal wieder einen Blick auf meine beiden Freunde werfen und sehen, wie die das so aufnehmen ... tzzz! ... also echt, die sitzen einfach da und haben die Ilse gebumst ... ich glaub', ich spinne ... vor allem verstehe ich überhaupt nicht, warum! Mickey ist arbeitsloser Schauspieler, der sein Geld mit dem Synchronisieren von Pornos und ab und zu mal Taxi fahren verdient, trotzdem nie welches hat, und bei den Frauen, die ihn unter anderem deswegen ständig verlassen, handelt es sich immer um blonde 40-kg-leichte Hungerhaken, die vermutlich irgendwo in Südkalifornien auf von der Regierung geheim gehaltenen Farmen gezüchtet werden.

Und Tom, ach Tom. Tom Wunderbar. Ich erwähnte ja bereits, der Name ist Programm. Schlimm nur, dass er sich selbst auch immer so vorstellt: "Guten Tag, mein Name ist Tom. Tom Wunderbar. Und glauben Sie mir, der Name ist Programm." Es stimmt zwar hundertprozentig, wenn man "Wunderbar" im Sinne von "Sonderbar" interpretiert, aber trotzdem möchte ich ihn immer schlagen, wenn ich dieser Farce beiwohne. Herr Wunderbar ist Musiker. Zugegeben ein genialer. Allerdings ist er damit genauso erfolglos wie Mickey und ich zusammen. Deshalb verdient er sein Geld bei einer Begleitagentur. Will heißen, er wird von gutbetuchten, meist älteren Damen dafür bezahlt, dass er sie ordentlich durchkachelt.

Eigentlich wäre das der ideale Job für mich, denn im Grunde genommen ist sein Klientel genau mein Beuteschema. Nur, dass ich von meinen Eroberungen nicht bezahlt werde. Ginge auch schlecht, denn ich habe seltsamerweise einen ausgeprägten Hang zur Arbeiterklasse. Da war die Bäckerin, die Metzgerin,und ja, ich sag's lieber gleich, denn es wird ganz sicher noch von meinen Freunden zur Sprache gebracht werden, ich hab's auch schon mit einer Putzfrau getrieben. Ja ja, der eine oder andere mag jetzt angewidert die Nase rümpfen, aber hey, es war ja nicht so, dass sie gerade eine Kloschüssel geputzt hat, als ich es ihr besorgt habe. Das hatte sie vorher schon noch fertig gemacht. Im Ãœbrigen war das definitiv ein Glanzlicht meines ganz und gar nicht alltäglichen Sexlebens! Und wie man aus den Berufen der von mir beglückten Damen schon beinahe schließen kann, ist klar, dass auch Rubens ein großer Fan von ihnen gewesen wäre! Tom und Mickey aber nicht. Tom jammert seit er den Job angetreten hat, wie erniedrigend er das findet, mit diesen "alten Schabracken" zu pennen. Dementsprechend sind seine privaten "Begleiterinnen" natürlich immer unter 30 und ganz, ganz sicher immer unter 50-kg-Lebendgewicht. ALSO: WARUM ILSE???

Diese Frage schallt in meinem Kopf, pocht in meiner Brust und brennt in meiner Hand. Oh ja, meine Hand! Die möchte sich ein weiteres Mal nur allzu gern als Kontaktmittel im Auftrag meiner Nächstenliebe zur Verfügung stellen. Das wunderbarste Mittel für Kontakte jeglicher Art. Man kann sie zur Faust ballen, einen Stein nach jemandem werfen oder eine Pistole abdrücken. Wundervoll. Man kann sich jetzt natürlich fragen, warum mich das so aufregt. Nun,Ilse war zwar vielleicht nicht das, was andere als ihre Ex-Freundin bezeichnen würden, aber der phänomenale Sex zwischen uns fand immerhin zwei- bis dreimal wöchentlich über einen Zeitraum von drei Jahren statt. Das ist mehr Sex als andere Leute in einer festen Beziehung haben. UND: Sie wollte mehr als Sex, ich nicht. Will sagen, Ilse hat mich so genommen, wie sie mich gekriegt hat. Und deshalb tun sich jetzt Fragen auf! Z.B.: Wann haben es die beiden mit Ilse getrieben. Wie lange? Wer zuerst? Wer zuletzt? Und: Vor mir? Nach mir? Oder, oh Graus: Zur gleichen Zeit wie ich? Das würde doch gleich mal erhebliche Zweifel darüber aufkommen lassen, wie eine feste Beziehung mit Ilse ausgesehen hätte. Und der dickste Hund ist ja wohl, dass meine beiden Kumpels nur ungern Gelegenheiten auslassen, bei denen sie sich über meinen Hang zu späten Mädchen lustig machen können. Da kann es schon mal sein, dass wir an einem Seniorenheim vorbeifahren und einer der beiden sagt: "Du Max, du sagtest doch neulich, du bräuchtest mal wieder eine Frau. Hier wäre gerade ein Parkplatz frei, wir warten gern ein Stündchen auf dich!" Ich gebe zu, ich hatte mal was mit einer Pflegerin aus diesem Heim. Aber ich schwöre, nur mit der Pflegerin, nicht mit irgendwelchen Insassen ...

Nun sitze ich hier mit meinen beiden "Freunden". Nicht das erste Mal, das zeigt, dass es sich bei"Freund" keinesfalls um das bloße Gegenteil von Feind handelt! Und mir gegenüber der Herr Notar, aus dessen Munde Worte wie "Befindlichkeiten" klingen wie hingekackt und hingeschissen. Ich will hier raus! Und meinen beiden "Kumpels" die Fressen polieren. Und dann will ich wissen, wie das damals genau war. Und zwar genau in dieser Reihenfolge. Ja genau, ich sehe nach links und nach rechts und stelle fest, dass keiner von beiden auch nur ansatzweise mitbekommt, dass in mir gerade die Hölle tobt. Ein Kampf zwischen Gut und Böse. Und die Bösen wollen echt gewinnen. Oh Jungs, wie ihr da so sitzt, diesem konformistischen Beamten-Spacko euer Gehör leiht und so tut, als wäre das alles das Normalste der Welt, oh Gott, ich möchte euch so schlagen! Mit vollster Inbrunst, oh ja, mit Inbrunst! Die bedingungslose Hingabe und das selbstvergessene Aufgehen in einer Tätigkeit, wie etwa der Folterknecht in der Abfolge seiner Schläge oder der Scharfschütze im stetigen Nachladen seiner Waffe. Ja, mit dieser Inbrunst ...

... "hinzu kommt, dass Sie ja nicht mit der Verstorbenen verwandt waren, von daher sollten Sie sich mit einem Steuerberater Ihres Vertrauens in Verbindung setzen, der Ihnen die Befindlichkeiten der Erbschaftssteuer näher erläutert ..."

... Gott, der quatscht ja immer noch ... und wenn der noch einmal "Befindlichkeiten" sagt, bringe ich mich um. Oder ich bringe ihn um. Und dann mich. Oder viel besser, ich bringe ihn und diese beiden Sackratten um und dann geh ich nach Hause und höre drei Tage lang nur Joni Mitchell ...

... I looked at clouds from both sides now, from up and down, still somehow ...

... und wenn ich dann noch nicht an Depressionen eingegangen bin, stürze ich mich vom Balkon. Ja, das scheint mir ein guter Plan, so mach ich's.

Allerdings, bevor ich mich dem Selbstmord - der sensiblen Bekundung einer gewissen Rücksichtnahme auf sich und andere - hingebe, könnte man sich ja mal Plan B anschauen. Vor allem, wenn Plan B Begriffe wie "Hotelgebäude" und "Barvermögen" beinhaltet.

THE LEMON DROP COFFEE SHOP

The Lemon Drop Coffee Shop ist unser zweites Wohnzimmer, das hippste, schickste und originellste Etablissement diesseits und jenseits des Flusses. Und verdient hat es sich dieses Konglomerat an Superlativen durch die schlichte Tatsache, dass es sich hierbei um zwei Lokale in einem handelt. Morgens um 5 Uhr öffnen sich die Pforten des Lemon Drop Coffee Shops, um den Morgenstund-hat-Gold-im-Mund-Fanatikern bei Klassischer Musik und einer reichhaltigen Frühstückskarte den Start in den Tag zu versüßen. Im Laufe eines Tages findet sich hier alles ein, was irgendwie mit New Economy, Hochfinanz und Kunst zu tun hat. Oder Leute, die einfach nur Bock auf einen guten Kaffee haben. Aber das Sensationellste kommt abends: Um Punkt 19.45 Uhr wechseln die Kellner zuerst ihr Outfit, dann die Tischdeko und die Kartenauswahl. Und um Punkt 20.00 Uhr dreht sich das über dem Eingang hängende 3 Meter breite 50er-Jahre-Retro- Emaille-Schild mit der Aufschrift "The Lemon Drop Coffee Shop" automatisch um und kommt mit der Aufschrift "The Lemon Drop Martini Bar" wieder zum Vorschein. So geil, echt. Ich vergleiche das gerne mit Bruce Wayne, der mit einem Chevy in irgendeinen Berg fährt, kurz darin verweilt, um dann höchst lässig als Batman im Batmobil wieder aus der Höhle heraus zu jetten.

Aber zurück zur Martini Bar: Die musikalische Untermalung kommt dann von Francis Albert Sinatra und Kollegen, Ella Fitzgerald, Dizzie Gillespie und dem ganzen bis heute unerreichten Rest der ersten Garde des Jazz. Dazu gibt es von kleinen süßen Leckereien bis hin zum Filetsteak für 30 Euro so einiges, um dem BAföG-gesponserten Studenten bis hin zum Was-kostet-die-Welt-Gourmet was für's Geld zu bieten. Ich liebe diesen Laden, nicht zuletzt, weil die Besitzerin eine gutaussehende-um-die-Fünzigjährige ist, die mich, und das weiß ich aus einer sicheren Quelle, genauso heiß findet, wie ich sie. Der Grund, warum es zwischen uns bis heute zu keiner Kohabitation kam, ist ihr Ex-Ehemann. Ja, ich weiß, Ex klingt doch ganz gut. Aber im Kontext mit Gerüchten, in denen Begriffe wie Mafia, Schutzgelderpressung und geladene Waffen Erwähnung finden, klingt Ex eben nicht gut. Aber egal, man kann sie halt nicht alle haben. Der Laden ist jedenfalls heiß und wenn's ginge, würde ich hier sofort einziehen. So, und bevor ich dafür sorge, dass meine beiden Freunde einen qualvollen Erstickungstod durch einen Blaubeer-Muffin erleiden, möchte ich doch noch eines wissen:

"WARUM ILSE???"

Mickey schluckt besorgt, wohl wissend, dass ein Maximilian Sturm in diesem Zustand nicht mehr Herr seiner Sinne ist. Dann wagt er es aber doch tatsächlich, das Wort an mich zu richten:

"Siehst du, genau das ist der Grund, warum ich es dir nicht gesagt habe. Ich wusste, dass du austickst! Außerdem musste ich Ilse versprechen, dir nichts zu erzählen."

"Äh ... was??? Sag mal, soll das ein Witz sein??? ... nur weil du den Namen eines Komikers trägst, bedeutet das noch lange nicht, dass du auch einer bist!!! Und überhaupt: Seit wann halten wir denn Versprechen, die uns irgendwelche Frauen abverlangen?"

Mickey starrt verstört in seine Espresso-Tasse, in der er seit ca. 10 Minuten herumrührt, und ich habe nicht den Eindruck, als wäre er gleich damit fertig.

"SUCHST DU DA DRIN NACH GUTEN ERKLÄRUNGEN, ODER WAS? HÖR AUF DAMIT! ..."

Mickey lässt augenblicklich den Löffel fallen und sein Blick zuckt quer durchs Café, fast so, als suche er den Notausgang.

"Also wann war das? ... und wie kam es überhaupt dazu? ... ich will das jetzt wissen!!!"

"Es ... es war nach dir, ok? Du weißt genau, dass ich mich darauf nicht eingelassen hätte, wenn du noch was mit ihr gehabt hättest!"

"Darauf eingelassen??? Was ist, hat sie dich mit 'ner Knarre bedroht, damit du dich auf sie legst?"

"Nein, natürlich nicht."

"Also was dann???"

"Nachdem du das damals mit Ilse beendet hattest, hast du mich doch gebeten, ihr ein paar Sachen vorbeizubringen, ... na ja, sie hat mich hereingebeten und mir einen Kaffee angeboten ..."

"Aha. Hast du da auch 'ne Viertelstunde lang den Kaffeesatz umgegraben?"

"Witzig, Herr Sturm, witzig. Sie hat mich verführt, ok!? Ich schwör's! Sie sah ja auch irgendwie echt heiß aus und außerdem war es halt mal was ganz anderes."

"Ach so! Na, wenn das so ist! Soviel also zum Thema: Wir machen bei jeder Gelegenheit dumme Witze über Sturms Affinität zu älteren Damen."

Ich kann Mickey ja verstehen. Nicht, dass er das jetzt wissen müsste, aber ja, ich verstehe ihn. Ilse war wirklich heiß. Ich weiß noch gut, wie ich sie kennenlernte. Das war in einem Supermarkt. Sie stand an der Kasse vor mir und ihr Parfum, Scherrer No. 2, wie ich später erfuhr, brannte mir mein kleines bisschen Verstand weg.

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