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Martas Mutter

Kapitel I

 

Und dann habe ich begriffen, warum mich die spanische Oberärztin öfter angelächelt hat. Und irgendwann habe ich mich getraut zurückzulächeln. Ich war Krankenpflegeschüler aus der Psychiatrie und nun zur Ausbildung in einem richtigen Krankenhaus und sollte dieses und jenes hier lernen und hatte die Hierarchie noch nicht begriffen, noch nicht richtig begriffen.

Marta. Marta Garcia Gonzales. Dr. Marta Garcia Gonzales. Nie werde ich diesen Namen vergessen. Oberärztin der Anästhesiologie. Irgendwann stand sie dicht neben mir. Den Kittel nicht geschlossen. Ich konnte ihr feines Parfüm riechen. Ich konnte ihr feines Parfüm aufsaugen. Ihre Art zu gehen. Ihre Art zu lachen. Und wieder galt wohl ihr Lachen mir. Sie trug einen engen Rock und eine Bluse und hochhackige Schuhe. Sie hatte wohl Feierabend und längst diese Anästhesistenverkleidung abgelegt. Ich war 22. Ich war 22 Jahre alt und habe sie auf Mitte dreißig geschätzt. Später habe ich erfahren, dass sie fast 40 war. Eine Brünette. Eine elegante Erscheinung. Und sie stand jetzt wieder neben mir und ich konnte ihr Parfüm riechen. Nein, aufsaugen. Und irgendwie verwirrte mich das.

 

Ich hatte sie öfter im Krankenhaus arbeiten sehen. Klar und souverän. Klar und souverän hatte sie Entscheidungen getroffen, wenn andere Ärzte sich nicht trauten und noch lange diskutieren wollten. Bei einem schweren Verkehrsunfall zum Beispiel. Ich hatte das gesehen. Ich hatte das mitgekriegt. Als kleiner Krankenpflegeschüler aus der Psychiatrie. Bei einem Mann in mittlerem Alter, der mit seinem italienischen Sportwagen gegen einen Laster und dann gegen einen Baum gekracht war, weil er einem Viehtransporter, der mitten auf der Kreuzung stand, ausweichen musste, vermuteten die Assistenten eine blutende Bauchverletzung, waren sich aber nicht sicher, was zu tun sei. Und als sie dazu gerufen wurde, hat sie gesagt: „Den müssen wir sofort verlegen. Der hat eine Gehirnverletzung.“ Dann hat sie einen Hubschrauber bestellt und sie hat recht behalten.

 

Sie hatte eine angenehme dunkle Stimme mit einem harten Akzent. Zu Patienten war sie freundlich und hat ihnen in die Augen geschaut. Und diese Frau stand jetzt neben mir, als ich, zugegebenerweise ziemlich dilettantisch, versuchte, einen Verband zu wechseln. „Warten Sie mal, ich zeige Ihnen mal, wie das besser geht!“, hat sie zu mir gesagt. Der Patient, ein alter Mann, lachte mich an. Sie wechselte schnell den Verband und stand noch immer neben mir. Ich sog ihr Parfüm auf und ihre angenehme weibliche Art. Sie erinnerte mich an meine erste Französischlehrerin. Und bei meiner ersten Französischlehrerin hatte ich meinen ersten Samenerguss. Zuhause natürlich. Im Bett. Ich hielt das Französischbuch in der Hand, um Vokabel zu lernen und habe an sie gedacht.

 

Und dann sind wir irgendwie ins Gespräch gekommen. Ich habe ihr wahrscheinlich erzählt, dass ich schon drei Mal in Barcelona war. Das stimmte ja so ein bisschen. Dass mir die Architektur in Barcelona so gefallen habe und dass ich leider versäumt hätte, das Picasso-Museum zu besuchen. Beides hatte ich irgendwo mal gelesen. Und weil ich dem noch eins draufsetzen wollte, sagte ich ihr dann, dass ich wohl auch mal gerne in den Prado wolle, obwohl mir offensichtlich nicht ganz klar war, wo der Prado eigentlich ist. „Oh das trifft sich gut, dann kann ich Sie ja führen“, sagte sie mir und ich sah zum ersten Mal ihre Augen strahlen. „Ich habe nämlich in Madrid studiert und eine Zeitlang im Prado gearbeitet.“ Und wieder lachte sie mich an. Und wieder dachte ich, ihr Lachen gelte mir.

 

Im Krankenhaus hatte man über sie gemunkelt, wie über jeden interessanten Menschen gemunkelt wird: Einige wollten wissen, dass ihre Ehe nach dem Tod des einzigen Kindes in die Brüche gegangen und sie deswegen nach Deutschland gekommen sei. Und einige andere wollten die Standartvariante kennen, dass ihr Mann, ein bekannter spanischer Chirurg, jetzt mit einer halb so alten Frau zusammen lebe. Und dass sie jetzt eine Lesbe sei. Das letztere kann ich ausschließen, alles andere weiß ich nicht. Sie hat es mir nie erzählt.

 

Sie hat sich noch an diesem Tag mit mir verabredet. Ich hatte Frühdienst und habe um 14 Uhr an ihrer Tür geklingelt. Ich weiß noch, wie sie die Türe aufgemacht hat. Wie sie da stand mit ihrem Lachen. Die schulterlangen schwarzen Haare nach hinten gestrichen. Sie hatte die selbe Bluse an wie am Vormittag. Ein heller feiner Stoff mit einem dunklen Muster. Einem dunklen Muster, wie es vielleicht auch die Berberfrauen auf ihre Hände zeichnen. Und da die oberen Knöpfe der Bluse geöffnet waren, konnte ich sehen, dass sie eine große goldene Hand der Fatima als Schmuck trug. Und ich habe auch den Rock vom Vormittag wieder erkannt und da sie natürlich keinen weißen Kittel mehr trug, konnte ich den Schlitz an der Seite sehen und die schwarzen Nylonstrümpfe. Aus ihrer Wohnung ertönte leise Klaviermusik. Eine Sonate, wie ich später gelernt habe. Ich sollte eintreten. Ich sollte eintreten in diese Welt. Und das habe ich dann auch gemacht.

 

Das ist jetzt über 30 Jahre her. Demnach müsste sie jetzt über 70 sein. Über 70 Jahre alt sein. Mit über 70 Jahren kann keine Frau der Welt mehr attraktiv sein, oder? Vielleicht interessant, vielleicht sonst etwas. Das wäre der Positivste, oder? Und welche Frau will mit über 70 Jahren noch Sex? Und welcher Mann will mit einer über 70-jährigen Frau noch Sex haben? Und warum denken Männer immer über so etwas nach? Selbst kranke. Selbst totkranke? Aber vielleicht bist du auch krank? Dein schöner Körper aufgedunsen durch Diabetes und Bluthochdruck? Oder eine Krebserkrankung? Oder vielleicht liegst du gerade im Sterben? Das ist der Lauf der Dinge. Das ist die Welt. Das ist die Welt, auf der wir alle so gerne sind. So sitze ich alleine bei mir im Garten und trinke Wein. Es ist Sommer, es ist Nacht und die Zikaden hören nicht auf zu singen und ich höre nicht auf, an dich zu denken und über dich und uns zu erzählen.

Vielleicht bist du wirklich jung gestorben, wie manche im Krankenhaus getuschelt haben. Die hat eine schlimme Erkrankung und will noch ein bisschen Freude haben. Ein bisschen Freude fern von der Heimat. Vielleicht bist du, einen Monat, nachdem wir das letzte Mal zusammen geschlafen haben, gestorben oder drei Monate später oder ein Jahr später. Und mein Samen ist irgendwie mit dir gestorben. Als du mir nach ungefähr einem Jahr gesagt hast, dass es besser ist, wenn wir uns nicht mehr sehen, hast du geweint. Und ich habe auch geweint, das aber so hingenommen. Mein Praktikum in dem Krankenhaus war eh vorbei. Und als ich nach einem weiteren Jahr noch mal an dem Jugendstilhaus vorbeigekommen bin, in dem du gewohnt hast, war dein Namensschild weg und ein anderes hing dort. Und ich habe mich nicht getraut, weiter nach dir zu suchen.

 

Ich bin dann rein zu dir in deine Wohnung und in das neue Leben. Immer den Klängen der Klaviersonate nach. Du hattest ein großes Appartement. Und da es noch Sommer war und die Sonne schien, hattest du die Räume abgedunkelt, wie es in südlichen Ländern üblich ist. Du hattest mir Tee angeboten und wir saßen an einem kleinen niedrigen Tisch. Der Fuß des Tisches war aus Holz und rautenförmig, konnte wohl zusammengeklappt werden und die Tischplatte war aus beschlagenem Blech. Wir saßen auf bunten, mit Ornamenten bestickten Sitzkissen. Die Teekanne war silberfarben mit einem langen Ausguss, die Teebecher aus Glas und der Tee süß. Er klebte auf meiner Zunge. Die Musik hatte aufgehört zu spielen. Die Klaviersonate war wohl zu Ende und du bist noch einmal aufgestanden. Ich sehe dich. Deine dunklen Haare. Deine schulterlangen dunklen Haare. Die helle Bluse mit dem dunklen Muster. Den schwarzen Rock mit dem Schlitz. Die schwarzen Nylonstrümpfe. Und als du aufgestanden bist, meinte ich durch den Schlitz zu sehen, dass es wirklich Strümpfe waren und keine Strumpfhose. Du hast keine Schuhe getragen. Du bist über das alte Parkett gegangen bis zu einem Weichholzvertiko. Auf dem stand der Schallplattenspieler und der Verstärker.

 

Ich sehe dich noch heute vor dem Plattenspieler stehen, vor einer langen Reihe von LPs und sehe, wie du den Tonarm wieder anhebst, den Staub oder vielleicht einen Flusen von der Nadel geblasen hast, der Plattenteller anfängt, sich zu drehen, du den Tonarm auflegst, und durch das Auflegen des Tonarms ein feines Knistergeräusch entsteht und ein warmes, kaum hörbares Rauschen bleibt, bis die Musik anfängt. Und ein Plattencover ist an die eine der geöffneten Türen des Vertikos angelehnt und ich kann etwas von Claire und Lune lesen und sehe einen wohl dickköpfigen Herrn mit einer großen Hornbrille. Und als du wieder zurück bist und mir gegenüber sitzt, greifbar, nur wenige Zentimeter entfernt, kann ich wieder deine dunklen Augen sehen. Und mir ist so, als würde sich mein Leben darin spiegeln: Ich sehe meine Geburt und ich sehe meinen Tod und dazwischen bist du. Das Gleichgewicht der Welt kann nur von seinen Antagonisten getragen werden.

Ich höre wieder deine angenehme ruhige Stimme. Eine Stimme kann viel über einen Menschen sagen. Deine ist freundlich und verbindlich, aber auch entschlossen und selbstbewusst. Und mir fallen die Augen zu. Du hast mir jetzt nichts in den Tee getan? Nein, bestimmt nicht. Ich bin seit halb fünf auf und schlafe normalerweise nach dem Frühdienst. Und jetzt bin ich hier in dieses Märchen aus Tausend-und-eine-Nacht gefallen und höre wieder deine angenehme Stimme:

„Du bist müde. Schlaf erst mal was.“

Und ich weiß noch, dass ich in dein Badezimmer gegangen bin. Ich weiß noch, dass ich geduscht und mich dann nackt in dein großes weißes Bett gelegt habe. Und ich weiß noch, dass das Bett nicht gemacht war und du wohl mittags da geschlafen haben must. Die Bettdecke lag noch in einer embryonalen Haltung und genau so habe ich mich auch da reingelegt und mich mit dir bedeckt. Und bevor ich eingeschlafen bin, habe ich auf dem Boden noch den Ausstellungskatalog vom Prado gesehen und dich am Bettrand sitzen. Und du streichelst meine Locken und deine Augen waren voll von Tränen.

 

So hatte das mit Marta begonnen. Als ich am späten Nachmittag wieder wach geworden bin, war ich allein in deiner Wohnung. Die Sonne stand schon tief und warf ihr gleißendes Licht in den großen Wohnraum, als ich eine der Jalousien halb hochzog. Du schientest dich für nordafrikanische, für maghrebinische Kunst und Kultur zu interessieren. Fast überall standen kleinen Statuen, Masken, Bilder und Metallarbeiten, die ich diesem Kulturkreis zugeordnet hatte. Auf einer kleinen Kommode, direkt neben dem Fenster, habe ich dann ein Foto in einem goldfarbenen Rahmen gesehen. Und weil ich wohl nicht anders konnte, habe ich es in die Hand genommen und in das Licht der Sonne gehalten. Auf dem Foto sah ich drei Personen vor einer Hazienda, zumindest vor einem größeren Haus mit Palmen und Pool in südlicher Sonne. Zwei Erwachsene, ein Mann und eine Frau, und ein vielleicht 10-jähriger Junge. Die Frau warst du wahrscheinlich. Wahrscheinlich vor 10 Jahren. Das sah aus wie eine glückliche Familie. Und als mir das bewusst wurde, habe ich die Jalousie wieder fallen lassen, so dass es wieder dunkel wurde in dem Zimmer. Und beim Hinstellen des Fotorahmens habe ich einen Zettel gesehen, der offensicht mir galt:

 

Musste wieder ins Krankenhaus, dauert wahrscheinlich länger. Würde dich gerne wiedersehen. Marta.

 

Ich bin dann zu mir nach Hause. Vorher habe ich deine Wohnungstür fest zugezogen. Das hallte im Treppenhaus. Und die Holzstufen knarzten beim Runtergehen. Beim Verlassen des Hauses fiel mir die Stuckfassade auf, sowie die Kastanien, die Kastanienallee davor. Hatte ich beim Kommen alles gar nicht gesehen. Und da ich es nicht weit hatte, es noch angenehm warm war, bin ich durch den Stadtgarten geschlendert. Geschlendert, wie als Kind früher. Aber wahrscheinlich war es früher doch kein Schlendern, wie es keine richtige Kindheit war. Geboren im Nachkriegsdeutschland und aufgewachsen im Wirtschaftsboomdeutschland. Das ging vielleicht alles zu schnell. Geschlendert, wie als Kind damals nicht. Damals, an diesen furchtbaren Sonntagen. In diesen blöden Klamotten, in denen man sich schon gar nicht dreckig machen durfte. Sonntagsklamotten und Sonntagskuchen. Oft hatten mein Bruder und ich die gleichen Anzüge an. Meiner war natürlich ein paar Nummern größer. Eine verlogene und eine verlorene Kindheit. Eine Kindheit, die keine sein durfte. So habe ich mich an den Spielplatz gesetzt und schaue den heutigen Kindern nach. Dann im Juni, irgendwann in den Siebzigern, kam dann die Befreiung. Die Befreiung für mich. Es sollte der Feiertag sein. Ich war gerade 17 geworden. Und als der VW-Bus der Stadt dann wirklich kam und alles eingeladen war, sagten auch meine Eltern nichts mehr. Kindheit war ein Scheißgefühl. Das Gefühl, ein ewiger Loser, ein ewiger Versager zu sein. Aber dann im Juni hatte eine neue Zeitrechnung mit einem neuen Gefühl begonnen und jetzt hatte ich wieder das selbe Gefühl.

 

Am nächsten Morgen habe ich dich wieder im Krankenhaus gesehen. In der Ferne. In deiner Anästhesistenverkleidung. Mit ein paar Kollegen schienst du eifrig zu diskutieren. Und manche munkelten von einer äußerst schwierigen Operation hier im Krankenhaus in dieser Nacht. Und mir war so, als hättest du mir von weitem zugezwinkert. Und am Mittag, kurz vor der Übergabe, als ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte, standst du plötzlich wieder neben mir. Ich war gerade dabei, eine alte Patientin zu füttern. Ich konnte dein feines Parfüm riechen. Ich habe auf den Boden geschaut. Habe deine schwarzen hochhackigen Schuhe gesehen, die schwarzen Nylonstrümpfe, den Rock und die Bluse und den Kittel darüber.

„Sie passen doch auf, dass die Patientin nicht aspiriert?“, hast du zu mir gesagt.

„Selbstverständlich, Frau Doktor!“, habe ich dir geantwortet.

Und dann hast du mir leise ins Ohr geflüstert, ob ich heute wieder zu dir kommen würde.

 

Und das lief dann ähnlich ab. Nur als ich wieder wach wurde. Nur als ich wieder wach wurde, hatte ich mich nicht nur um deine Bettdecke geklammert, sondern du dich auch um mich. Wir lagen beide nackt in deinem weißen Bett und du hieltst mich von hinten mit meinen Armen fest und dein Gesäß berührte von hinten mein Gesäß. Die Innenjalousien waren nicht ganz bis zum Ende runtergezogen und da das Fenster auf Kipp stand und ab und zu ein wenig Wind reinwehte, tanzten die Jalousien in einem seltsamen Rhythmus und silhouettierten durch die dann ab und an eindringenden Sonnenstrahlen und tauchten das Zimmer in einen bizarr anmutendes Licht. Ab und zu konnte ich die Geräusche vorbeifahrender Autos hören und ab und zu auch Gesprächsfetzen vorbeigehender Passanten. Ich schmeckte noch den süßen Tee auf meiner Zunge und weiß auch, dass sonst nichts passiert ist. Ich bin wieder müde geworden, habe geduscht und mich wie ein Embryo in dein Bett gelegt. Und so bin ich mit dir aufgewacht. Ich rieche deine Haut, ich fühle deine Haut. Ich rieche dein feines Parfüm. Ich rieche dein Leben. Ich rieche all das, was dein Leben ausgemacht hat. Und höre dich leise seufzen.

„Bist du schon lange wach?“, habe ich dich gefragt.

„Nein, nicht so lange“, hast du geantwortet.

„Aber bleib so liegen. Bleib noch ein bisschen so liegen.“

Ich blieb so liegen und dein Atem küsste meinen Nacken. Und die Haut deiner Arme ist weich und warm. Und ich spüre dein Blut in deinen Händen.

„Ist das schlimm, dass ich mich zu dir gelegt habe?“, hast du gefragt. „Ich war so müde nach dem Dienst heute Nacht“.

„Musst du immer so viel arbeiten?“, habe ich dich gefragt.

Und du hast gelacht und gesagt:

„Nicht immer, heute zum Beispiel nicht mehr!“

 

Es kam immer mehr Wind von draußen rein und aufgeregter tänzelte die Jalousie und bizarrer wurde das Schattenspiel. Ein Gewitter zog auf und in der Ferne meinte ich schon ein Donnern zu hören. Und bald prasselten die ersten Regentropfen gegen die Fensterscheibe. Du hast dich dann langsam aus der Umklammerung gelöst, bist aus dem Bett gestiegen und hast das Fenster geschlossen. Ich sehe dich nackt von hinten. Die Haare fallen dir auf die Schultern. Dein Körper ist weich und wohlgeformt. Und als du dich umdrehst, sehe ich, dass du am ganzen Körper rasiert bist. Du legst dich wieder ins Bett, auf den Rücken, schaust mich an, ich lege mein Gesicht auf deinen Bauch und höre dein Herz bis dorthin und mein Atem streichelt dich. Wir haben lange so gelegen. Ich habe dein Herz gehört und den Regen. Und mir war, als käme die frische Luft durch die geschlossenen Fenster. Irgendwann dann hast du meine Hände gefasst und mich zu dir hoch gezogen. Du hast mir die Locken gestreichelt und mir in die Augen geschaut und ich konnte in deine Augen sehen. Und wieder spiegelte sich mein Leben in deinen Augen. Es war viel Freude, es war aber auch viel Leid. Und wieder fassten deine Hände in mein Haar. Lange grazile Hände, elegant, aber kräftig. Ich habe den Schmerz in deinen Augen gesehen. Aber nichts gesagt. Weil ich wusste, dass ich nichts sagen sollte. Du hast du mir dann noch die Augen geküsst, die Augenlider. Du hast dich zu mir rübergebeugt und dabei habe ich zum ersten Mal eine deiner Brustwarzen auf meiner Haut gespürt. Und heute nach über 30 Jahren fühle ich noch deine Lippen auf meinen Augenlidern.

 

So lag ich in deinen Armen und habe an mein Leben gedacht. Und eigentlich habe ich dich nie vergessen. Manchmal stelle ich mir vor, wie es mit uns weitergegangen sein könnte. Ich hätte dir gerne ein Kind gezeugt. Ich hätte gerne ein Kind mit dir gehabt. Stelle ich mir dann vor. Das wäre wahrscheinlich gerade noch so gegangen. Aber das Schicksal oder wer oder was auch immer hat es anders mit uns gemeint. Und so bleibt mir ein ewiger Traum. Ein ewiger Traum, der immer schleier- und schemenhafter wird. Und jetzt bist du wieder da. Und jetzt bin ich älter als du.

 

Wir haben dann den ersten Abend zusammen verbracht. Das heißt, wir sind in deinem Bett liegengeblieben und weil wir irgendwann Hunger hatten, hast du dich aus der Umarmung gelöst, bist aufgestanden und in die Küche gegangen. Und ich habe dem Regen weiterhin zugehört. Du bist mit einem Tablett wiedergekommen. Wir haben Salat gegessen, Weißbrot, schwarze Oliven, ein Stück Ziegenkäse und wir haben Rotwein dazu getrunken. Es kam mir wirklich vor wie das Abendmahl. Und als mir ein Tropfen Rotwein, oder vielleicht waren es auch zwei oder drei, auf meinen Bauch getropft sind, hast du sie aufgeleckt. Und mir war so, als würdest du mein Blut trinken.

„Weißt du eigentlich, dass ich gar keine so richtige Spanierin bin?“, hast du mich gefragt. „Weißt du eigentlich, dass ich wahrscheinlich einen deutschen Vater habe?“, hast du mir dann gesagt und den Kopf geschüttelt. „Legion Condor? Hast du das schon mal gehört?“ Und du hast nicht dabei ausgesehen, als hättest du eine Antwort erwartet.

Legion Condor, denke ich. Klar, habe ich schon mal gehört. Das war die Luftwaffe, die diese baskische Stadt zerstört hat. Das war die Wehrmacht, die für Franco und gegen Hemingway und die anderen gekämpft hat. Ein ungleicher Kampf.

„Aber das sagt dir wahrscheinlich nicht so viel. Ist auch egal. Ist mein Leben. Vielleicht habe ich sogar eine Halbschwester in Südfrankreich, oder in Deutschland irgendwo. Was ebenso in einer Familie erzählt wird.“

Ich habe dir weiter schweigend zugehört.

„Auf alle Fälle habe ich auch arabische Vorfahren. Und auch jüdische. Bei uns ist alles gemischt!“

Ich sehe heute noch dein Lachen, deine strahlenden Zähne, als du mir das gesagt hast.

„Heute kommt das ja ganz gut an. Aber das war ja nicht immer so bei euch.“

 

Ich habe nie verstanden, wie ernst du das gemeint hast. Und wieder hast du mich angelacht und wieder habe ich in deinen Augen mein Leben gesehen. Und weil wir beide wussten, dass heute ein bedeutender Tag für jeden von uns gewesen war, sind wir bald eingeschlafen. Und diesmal habe ich dich von hinten gehalten, meine Hände auf deinem Bauch und mein Gesäß hinter deinem Gesäß.

Das ist alles lange her. Aber ich habe nichts vergessen. Ich habe nicht vergessen, was für eine gute Ärztin du warst. Und als wir uns dann nicht mehr gesehen haben, habe ich auch beschlossen, Arzt zu werden. Und ich bin einer geworden. Leider nicht so gut wie du, aber ich bemühte mich. Ich bemühte mich Tag für Tag. Bis zur meiner Berentung. Und noch etwas hat sich geändert. Hat sich geändert, seit wir uns gesehen und seit wir uns nicht mehr gesehen haben. Ich träume. Ich träume schlecht. Und immer wieder den selben Traum. Ich träume den Traum, den mein Vater nie geträumt. Den mein Onkel nie geträumt. Ich bin ein Soldat im 2. Weltkrieg und du eine Brotverkäuferin irgendwo, irgendwo im Süden in einem Dorf, das wir besetzt haben.

Ich habe dich damals gesehen. 1944. In dem kleinen Dorf in Südfrankreich. Damals war dein Name Angelie. Du hast in der Bäckerei gearbeitet und ich stand davor und habe dich gesehen. Ich habe dich von draußen gesehen hinter dieser halbhohen hölzernen Theke und vor den Holzfächern voll von unterschiedlichem Stangenweißbrot. Die waren der Größe nach sortiert: Ganz links das le gros, dann das baguette, ficelle und petit pain zum Schluss. Du hast gelacht, als du mich gesehen hast. Und ich meinte, dein Lachen gelte mir. Nur mir. Also bin ich eingetreten in diese Bäckerei. In diese Welt, in dieses neue Leben. An der Tür war eine Glocke befestigt und die klingelte, als ich die Tür aufgemacht habe. Der Boden war aus Stein mit einem bunten Muster. Dann stand ich vor dir in feldgrauer Uniform und schwarzen Stiefeln und umgeschnalltem Pistolengürtel. Und mit meinem Schulfranzösisch habe ich mir ein Baguette gekauft. Und dann immer wieder. Und eigentlich hättest sie ihm gar kein Brot verkaufen können. Und eigentlich hätte du mir gar kein Brot verkaufen können, da es hier, wie sonst überall auch auf der Welt, wo Krieg ist, Bezugsmarken gab. Aber das wusste ich noch nicht. Oder ich wollte es nicht wissen. Und so galt dein Lächeln vielleicht doch mir und nicht meiner grauen Uniform und den Insignien. Den Insignien, die meinen Offiziersrang verrieten und mein Fallschirmspringerbataillon. Den Insignien, die nicht verrieten, wer der SS geholfen hat, Juden zusammenzutreiben und direkt zu erschießen oder abzutransportieren. Und da sie mich auch erschossen hätten, habe ich wohl das einzig Richtige getan. Und dann verdrängst du dein Tun. Und du träumst nicht davon. Und lässt die Generation nach dir träumen. Und lässt die Generation nach dir träumen, sie wären die besseren Menschen geworden. Und irgendwann ist das auch nicht mehr wahr. Wenn du es nicht gemacht hättest, wäre es ein anderer gewesen. Und da ich nie ein Nazi war. Und da ich nie ein krankhafter Nazi war, konnte ich damit leben. So habe ich mich mit der Banalität des Bösen arrangiert und auch nicht mehr davon geträumt. Und dann kamt nur ihr, ihr Wichte. Diese Wichte, die nichts kannten außer ihrem Gymnasium und ihrer Uni. Diese Wichte, die ihr Gymnasium in neun Jahren absolvierten und dann von Stress sprachen. Und Leistungsdruck. Und wie man die Gesellschaft verändern müsse. Und an der Uni ward ihr auch nicht besser. Und ihr Wichte wolltet mir Fragen stellen. Fragen stellen, wie es war im Krieg? Aber ich war kein Nazi. Ich habe Konzerte gegeben. Ich habe Beethoven gespielt.

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