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Männersachen

Inhalt

Bus nach Bahia

Catcher

Polizei in Hamburg

Der Detektiv

Traumschiff

Der Boxer

Bodyguards

Die Ritze

Falschspieler

Ein charmanter Italiener

Tango im Exil

Nachwort von Matthias Penzel

Bus nach Bahia

Regen, so weit das Auge reicht. Und gegen die leergefegte Copacabana klatscht ein unfreundliches Meer seine Wellen wie Rotze.

An Sonne, Samba und was Schönes für den Leib hatte der genervte Reisende gedacht, als ihm Puerto Rico an die Substanz ging. Zu viel Hamburger, Cheeseburger, Todesburger, Howard Johnsen’s, Holiday Inns und Amerika. Eine so schöne Insel mit diesem ganzen Schweinekram zu verunzieren, ist schon eine äußerst bösartige Attacke auf ein ehemals bestimmt freundliches, aber leider wehrloses Volk. Mit den jungen Insulanern kommt man gut zurecht, wenn sie sich ihren Schliff noch nicht in ›El Barrio‹, New York City, geholt haben, den älteren hat Amerika einen guten Teil ihrer Karibikfröhlichkeit wegpoliert. Gott sei Dank ist ihnen ihre Musik geblieben, hierin sind sie wirklich Meister, und ihre Frauen könnten auf jeder Schönheitskonkurrenz die Preise einsammeln.

Ich latsch’ deprimiert die Atlantica rauf, eine scharfe Biegung nach links bringt mich durch eine Galerie auf die Nossa Senhora da Copacabana und in eine Kneipe, deren überdachte Vorderfront zur Straße hin offen ist. Cachaça trinken, Zuckerrohrschnaps, ein sauberes Produkt. Brasiliens schöne Frauen haben anscheinend von meiner Ankunft gehört und sich nach Alaska verzogen. Aber ich werd’ nicht so blöd sein und ihnen nachrennen. Ich werde mit dem zahnlosen Barkeeper die Cachaçaflasche besprechen und mich dann in mein Fünfzehndollarhotel verziehen, besoffen genug, um meinem Erzfeind an der Rezeption an sein fleckiges Jackett zu gehen.

Dieser Mutterschänder hatte mir auf meine Frage, ob der Besuch einer Dame mit den hiesigen Moralvorstellungen in Einklang stünde, ganz schlicht geantwortet: »Nicht bei Nacht, keine Nutten und, vor allem, keine Negerinnen.«

Das war mein erster Eindruck von Brasilien gewesen. Ich hab’ vor Schreck einen ziehen lassen und ihn gefragt, ob ich mir denn in meinem Badezimmer, bei gut verschlossener Tür, versteht sich, einmal am Tag ganz allein die Eier kraulen darf.

Dabei würde er mir gern behilflich sein, hatte er gesagt und innig gelächelt.

Der Regen hält die Leute nicht davon ab, in die Kneipe zu kommen. Rundherum Schwule, Besoffene, Strandpenner, Skid Row. Jeder Zweite lutscht mich um eine Zigarette oder ein Bier an, und der Barmann lächelt dazu freundlich wie eine Mülltonne, und mir ist kalt. Der Wind hat wohl auch von meiner Ankunft gehört.

Ein Schuhputzjunge zerrt an meinen Beinen rum und erklärt, dass er der einzige und echte Spezialist für braune Stiefel in ganz Rio sei. Woher kann der nur so gut Englisch? Eine Schule hat der doch nie von innen gesehen.

»Oder etwa nicht?«, kräht er wild.

Aber die Frage gilt nicht mir. Sie gilt jemandem neben mir. Da steht ein Mädchen. Seit wann stellen sich gutgerundete Mädchen aus Milchschokolade freiwillig neben alte, ausgemergelte Männer? Das muss genauer untersucht werden. Ich lad’ sie auf einen Drink ein.

Abgelehnt. Was dann? Essen! Ach so ist das. Der Barmann grinst. Er kennt sie. Lass ihn grinsen, mir scheißegal. Da ist ein Mädchen durch den Regen gekommen und hat sich neben mich gestellt.

Ich sehe große, dunkle Augen und einen prächtigen Arsch über endlosen Beinen, die eine Figur zu tragen haben, bei der das, was sich da deutlich unter dem offenen Hemd abzeichnet, den armen Reisenden für alles entschädigen könnte, was er je in seinem Leben an Unbill erlitten hat.

»Hau rein«, lad’ ich sie ein.

»Meine Freundin hat auch Hunger«, sagt sie. Ihre Freundin hat einen Bauch und große, alte Augen.

»Hoffentlich hast du nicht zu viele Freundinnen.« Sie lacht. Sie versteht mich nicht. Die Mädels verputzen ihre Feijoadas mit einem Tempo, das mir anzeigt: Die haben wirklich Hunger. Straßenmädchen, Strandmädchen, leben von einer Mahlzeit zur anderen, messen die Qualität eines Tages an der Menge der geschnorrten Mahlzeiten. Glück gehabt, was? Da steht so ein blöder, einsamer Reisender und kauft sich ein kleines Gespräch mit einem Teller Bohnen und Reis. Und wie es aussieht, ist vielleicht auch ein kleiner Fick drin.

Die beiden Mädels lachen und reden über mich, übermütige Kinder jetzt, sattgegessen, eine Limonade hinterher, ein gelungener Nachmittag. Jetzt muss man diesem rotbärtigen Trottel nur noch ein bisschen Bares abzapfen, dann ist das Essen für morgen gesichert und vielleicht sogar für übermorgen. Den schickt uns der Himmel. Oder Yemanja, die Göttin des Meeres, die ihre schönsten Kinder nicht im Stich lässt. Die Kleine langt mir forsch zwischen die Beine, und ihre Freundin fummelt in meinem Bart rum.

»Langsam, langsam«, sage ich und überprüfe erst einmal das Bare in meiner Hosentasche. Fühlt sich gut an, alles noch da. Ich erkläre der Kleinen, wo mein Hotel liegt, und bitte sie, in zehn Minuten nachzukommen.

Mal sehen, was der aalglatte Typ am Empfang zu einem kleinen Geschenk sagt.

»Ist nicht drin«, meint er und kriegt wässrige Augen, als er den Schein sieht.

»Hör mal, Freund, das ist so ’ne kleine Wohlgebaute, allerfeinste Milchschokolade, lieblichst anzusehen. Du guckst einfach nicht hin, wenn sie reinkommt.«

Ich hatte ganz vergessen, dass dieser Idiot schwul ist. Er kriegt todtraurige Augen, und seine Stimme bricht fast vor Mitgefühl: »Bruder, mach mich nicht wahnsinnig mit dem Schein da. Klar, du willst ’n netten kleinen Fick am Nachmittag. Wer versteht das besser als ich? Aber die schmeißen mich raus, wenn ich die Kleine reinlasse.«

»Dann besorg’ ich dir ’n Job als Pförtner bei VW in Wolfsburg.«

Angeknickt geh’ ich zurück, Richtung Kneipe, und die Dame kommt mir schon auf halbem Weg entgegen.

»Hab’ ich mir schon gedacht«, sagt sie lachend. Wir unterhalten uns in einer aufregenden Mischung aus Englisch, Spanisch und Italienisch.

»Ich kenn’ ein Hotel, in dem es keine Probleme gibt.«

Ich denke an meine paar Dollar, aber nur eine Sekunde lang, und wir schieben los. Im Taxi versuch’ ich, den ganzen Mist zu vergessen, und konzentrier’ mich auf die Kleine, die fröhlich grinsend eine Hand in meine Hose geschoben hat. Was sie da vorfindet, lässt sie noch stärker grinsen, und ich bin auch nicht faul und untersuch’ in aller Ruhe ihr Hemdchen. Was ich fühle, ist ganz glatt und fest und passt nur zur Hälfte in meine wirklich nicht kleine Hand. Die nahe Zukunft sieht rosig aus.

Wir küssen uns mal probehalber, und ein paar warme, weiche Lippen lassen mich entzückt ahnen, was mir bevorsteht. Taxi ins Paradies. Der Fahrer hat die ganze Zeit über ein Auge im Rückspiegel, und als sich unsere Blicke begegnen, zwinkert er mir zu. Netter Mann.

Als wir in dem Hotel ankommen, hänge ich verschämt meine Jacke vor die Beule in meiner Hose und mache die üblichen Eintragungen. Das Paradies ist ein geräumiges Zimmer mit rundem Bett, jeder Menge Spiegel, Radio, großem Bad und Bedienung rund um die Uhr. Ein anständiger, sauberer Puff. Ich bestell’ erst einmal Cachaça und Zigaretten. Als das Wunderkind aus dem Bad kommt, ganz nass noch, Wassertropfen, die wie kostbare Steine auf der dunklen Haut glitzern, bleibt mir für einen Moment das Herz stehen und ich habe das Gefühl, dass Brasilien sich mir von seiner schönsten Seite zeigt. Und die allerschönste Seite dieser schönsten Seite ist, ganz ohne Zweifel, die Rückseite: der Arsch. Einer von der apfelförmigen Sorte, schwarzbraun mattglänzender Samt, ein Altar, vor dem ich erst einmal ehrfürchtig niederknie und der, in hervorragendem Kontrast zu dem weißen Laken, mir die Schönheit der farbigen Rasse aufs Prächtigste demonstriert. Die zartschimmernde Haut des schmalen, muskulösen Rückens, der sich nach oben hin proportionsgerecht verbreitert und in wunderschönen Schultern endet, ist die reinste, glatteste und festeste, die ich je gesehen habe. Die Beschreibung der Köstlichkeiten, die sich meiner vorsichtig suchenden Zunge bieten, wage ich meiner armen Sprache nicht anzuvertrauen. Es gibt ein brasilianisches Lied mit dem Titel A mulher Brasilieira em primero lugar – die brasilianische Frau auf dem ersten Platz. Diese kühne Behauptung hat meine ganze Zustimmung.

Nach meiner Meinung haben sich diese, von mir sehr geschätzten Damen, diesen ersten Platz unter den Weibern vor allem mit den kunstvollen Bewegungen ihres sambageschulten Unterkörpers erobert. Ich hatte das Vergnügen, ein paar Beobachtungen zu machen, die mir als armem Europäer, in dessen Land die Frauen mit eingegipsten Hüften rumstolpern, den Glauben an das Schöne in dem sogenannten schönen Geschlecht wiedergegeben haben. Bei den sonntagabendlichen Sessions in den Sambaschulen von Rio de Janeiro. Was sich dort in einer Nacht und auf engstem Raum an makelloser Schönheit und Eleganz dem an verhärmtes Rumgehopse gewöhnten Deutschen darbietet, lässt ihn die Plumpheit seiner Rasse fast wie eine Krankheit empfinden. Und die Bewegungen demonstrieren nicht nur Freude am Tanzen, artistisches Geschick, perfekte Harmonie mit der Musik, sondern auch ganz eindeutig und mit Vergnügen zur Schau gestellte Freude am Vögeln. Man stelle sich vor: Die Leute zeigen ganz offen und ohne Scheu, ja fast mit einer Art von Stolz, dass sie gern vögeln. Bei uns würde man sagen: »He, die ist bestimmt eine richtige Sau im Bett.« Und dann gehen die Verklemmten und Verkorksten heimlich aufs Klo und holen sich einen runter.

Eine Münchner Nobeldiskothek mit Schummerlicht, Chichi und Flitter und eine Sambaschule in Rio mit Neonlicht, Betonfußboden und Dosenbier: Bei der Ersten kommt mir das Kotzen, und bei der anderen gehen mir Herz und Hose auf. So einfach ist das.

Meine kleine Makellose hat mich in diese Sambaschulen geschleppt, und ich werde ihr ewig dankbar sein dafür. Es verstand sich von selbst, dass sie sich immer gleich ins Gewühl stürzte und ordentlich loslegte, aber sie hat mich nie aufgefordert mitzumachen, dafür hatte sie einen zu feinen Nerv.

Und ich steh’ da, erstklassiges brasilianisches Gras im Kopf, eine Dose kaltes Bier gegen den Durst – nie vorher und nie nachher hat mir Dosenbier geschmeckt – und erlebe, wie fünfzehn Trommler, ein Gitarrist und ein Sänger Mutter Afrika huldigen. Die Gitarre hört man sogar. Das ist keine Frage der Lautstärke, sondern der Intensität. Die ganze Band verfügt über nur zwei Mikrofone, eins für den Sänger und eins für die Quica. Und dem faszinierten Reisenden öffnet sich eine Welt, die mit seiner eigenen wohltemperierten Plastikwelt überhaupt nichts zu tun hat. Was da von der Bühne kommt, durchläuft alle Stadien der Dynamik, vom zarten Flüstern bis zum alle Kräfte beanspruchenden Sich-Austoben, schiere Gewalt wird den Instrumenten angetan und das Letzte an Kraftreserven mobilisiert. Aber es bleibt immer Musik, wird nie Lärm, ist nie aggressiv oder bösartig wie zuweilen die Rockmusik.

Und meine Kleine tanzt. Sie hat mir immerhin vier Tage die Treue gehalten und wäre auch zu längerem Verweilen bereit gewesen, wenn ich Blödmann nicht die Bremse gezogen hätte, aber jetzt ist sie sehr weit weg von mir, ist ausschließlich mit sich und der Musik beschäftigt und in Sphären eingetaucht, zu denen ich, weil passiv, kaum Zugang habe. Aber ich freue mich mit ihr, und alles ist gut. Was sie da vorführt, lässt Leute stehenbleiben und einen Kreis um sie bilden. Anerkennende Zurufe werden laut, und junge fixe Burschen wollen es mit ihr aufnehmen. Aber nur die Besten finden Gnade und dürfen sie auf diesem Trip ins andere Land begleiten, und die begeisterte Menge wird Zeuge eines pantomimisch in höchster Vollendung ausgeführten Ficks auf offener Szene. Musiker und Tänzer bilden jetzt eine Einheit, ein Ganzes, und haben nur eins im Sinn: den Orgasmus so lange wie möglich hinauszuzögern, den Spaß zu verlängern. Das heißt, bis zum Umfallen zu tanzen und zu spielen. Aber so schnell fällt hier keiner um, und ehe die Nacht vorbei ist, hat die kleine Wilde ein halbes Dutzend von den fixen jungen Burschen ins Schwitzen gebracht. Und was den krönenden Abschluss dieser ganzen Aktion betrifft, so wird selbiger, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, in einer anständigen Absteige mit rundem Bett zur Ausführung kommen. Kommt auch. Das Radio ist an, bringt natürlich Samba, und ihre Bewegungen sind die gleichen wie vorher, nur dass jetzt kein fixer junger Bursche am Drücker ist, sondern ein fixer alter. Und ich habe nichts weiter zu tun, als streng darauf zu achten, dass das, was da unter mir rotiert, durch mich nicht aus dem Rhythmus gebracht wird. Wird auch nicht, im Gegenteil. Wir ergänzen uns hervorragend, und wo ihr Becken die achtel und sechzehntel Noten wirbelt, setz’ ich ganz gemessen wuchtige viertel dagegen, und gegen Ende der Nummer zieh ich das Tempo an, und als sie den ersten Schrei loslässt, mobilisiere ich meine Reserven und unser Gebrüll fällt exakt in die letzten Takte eines Sambas und kollidiert stilwidrig mit dem Anfang der Frühnachrichten. Aber das stört uns nicht. Etwas später finde ich dann einen Sender, der wieder Musik bringt, und weil Samba eine Musik ist, bei der man den Arsch nicht ruhig halten kann, geht der Tanz von vorne los.

Am nächsten Tag trennen wir uns. Ein Taxi bringt uns zu meinem Fünfzehndollarhotel, ich will meine Klamotten holen, der Laden ist mir zu blöd und zu teuer. Wir steigen aus, und ich sage: »Adios.«

Sie guckt mich an mit ihren großen Augen, ganz ausdruckslos, der Regen rinnt über ihr Gesicht, sieht aus, als würde sie schwitzen. Sie lächelt vage, hebt ihre Hand zu einer Geste, die sie nicht vollendet, abgebrochenes »Adios«, sie will etwas sagen, aber sie sagt es nicht und geht. Ich seh’ sie durch den Regen gehen, die Atlantica rauf am Meer entlang, sehr stolz und hochaufgerichtet, und der Wind zerrt an ihrem dünnen Hemd, und ich stehe vor meinem Fünfzehndollarhotel und friere.

Der Moralist an der Rezeption schenkt mir ein Lächeln, das er bei Jimmy Carter geklaut hat, und als ich meine Klamotten zusammen habe und abmarschieren will, zupft er mich am Gewand und flüstert: »Hast du das ernst gemeint mit dem Job bei VW in Wolfsburg?«

»Na klar«, sage ich, »aber mir ist was eingefallen. Die nehmen nur Neger.«

Ich finde eine Art Hotel, das Schild am Eingang weist dieses Etablissement als solches aus, und beziehe ein Vierdollarzimmer. An dem briefmarkengroßen Handtuch neben dem rostigen Wasserhahn machen Flöhe Klimmzüge, und in dem Zimmer unter mir verdrischt ein Typ gerade seine Frau und einige Kinder. Ich schiebe Papiere und Bares in die Hose und mache mich auf die Suche nach einer Kneipe.

Dass ich mich dabei in Lebensgefahr befinde, ahne ich natürlich nicht, gehe ich doch eine ruhige, gutbürgerliche Straße runter, schöne Bäume zu beiden Seiten, wenig Verkehr, heile Häuser. Aus den geöffneten Fenstern das Geplärr der Fernseher und Radios. Fußball: Brasilien gegen Österreich.

Ich geh’ ganz friedlich die Straße runter, wie im Traum noch, die kleine Millie will mir nicht aus dem Kopf, morgen werde ich sie suchen. Und dann reißt mich so etwas wie ein schweres Erdbeben aus meinen freundlichen Träumereien. Ein paar Millionen Menschen haben ganz schlicht »TOOOR« geschrien. Jeder so laut er konnte. Und diese hier können laut. Und dann bricht der Krieg aus. Schiere Gewalt, mit »Wahnsinn« nur sehr matt beschrieben, bricht über mich herein, und ich stehe mutterseelenallein auf der Straße und bin dem Zeug, das jetzt aus den Fenstern fliegt, schutzlos ausgeliefert.

Sicher sind Konfetti, Zeitungsschnitzel, gebündelte Zeitungen, Bücher, Blechdosen und der Abfall von Tagen an sich harmlose Objekte. Treten sie aber in Mengen auf, die den Himmel verdunkeln, begleitet von einigen Tonnen Knallkörpern, die in anderen Ländern nur bei schwersten bewaffneten Auseinandersetzungen benutzt werden und die Bezeichnung »Handgranaten« tragen, steht der harmlose Reisende, ohne Helm und Kampfanzug, doch sehr belämmert da. Ich habe echte Angst, halte mir eine Zeitung über den Schädel und renne in den nächsten, meilenweit entfernten Hauseingang. Mittlerweile haben sie, dem Donnern nach zu urteilen, Granatwerfer und Mörser eingesetzt. Dazwischen glaube ich deutlich das böse Hacken schwerer Maschinenwaffen auszumachen. Darüber das nicht enden wollende Kampfgeschrei Brasiliens. Ein Taxifahrer hat mir schon am Nachmittag gesagt: »Wenn wir heute gewinnen, ist Karneval.«

Es hatte wie eine Drohung geklungen.

Es war eine.

Am Ende der Straße erspähe ich eine Kneipe. Ich renne los, hakenschlagend, jede Deckung ausnutzend. Ein schweres Geschoss zerplatzt direkt vor meinen Füßen, und ich mache einen Satz wie eine hysterische Kuh. Ich weiß jetzt ungefähr, wie ein Soldat sich fühlen muss, wenn ihm klar wird, dass er den schützenden Unterstand wahrscheinlich nicht erreichen wird.

Ich habe Glück. In der Kneipe sitzen einige Typen mit glasigen Augen und entrückten Gesichtern vor einem Fernseher, aus dem ein ehemaliger Opernsänger bei dem Versuch, das Spiel zu kommentieren, fünfundzwanzig Silben in der Sekunde an die Nation bringt.

Mein Wunsch nach einem Bier wird mit dem Kampfruf »Roberto« aufs Grimmigste beantwortet. Ich zucke zusammen und schiele schon in Richtung Ausgang. Dieser Roberto ist anscheinend für den Ausnahmezustand verantwortlich, man wird ihm wohl seinen Torschussfuß vergolden und einige Denkmäler setzen. Nach ein paar Bieren habe ich mich ein wenig beruhigt und kann wieder klar sehen. Draußen fallen inzwischen Bomben, aber das ertrage ich jetzt wie ein alter Kämpfer. Und was ich klar sehe, ist eine schöne Überraschung und versöhnt mich sofort mit dem ganzen Terror.

Sie repräsentiert genau den Typ von Frau, der durch die Träume der einsamen Wanderer geistert, und selbst aus der Distanz sehe ich, überdeutlich fast, die kleinen goldenen Lichter, die sie in der tiefsten Tiefe ihrer dunklen Augen angezündet hat. Und diese Dame mit der olivfarbenen Haut, die sich rein und makellos über hohe Wangenknochen spannt, schenkt mir ein Lächeln. Aber das gilt nicht mir. Ich sehe nach links, rechts, sehe hinter mich. Da sitzt niemand. Dieses Lächelt galt dir, du Idiot. Oder doch nicht? Eine wirklich schöne Frau, die dich anlächelt? Hör auf mit diesem Scheiß, du Schwachkopf, grins zurück. Und der Schwachkopf grinst zurück, und drüben geht wieder die Sonne auf. Ein schwerer Paukenschlag in der Brust, linksseitig. Und noch einer. Trommelwirbel. Jedes Mal diese Aufregung, wird das denn nie anders? Beruhige dich, alter Mann.

Sie sitzt sechs oder sieben Meter von mir entfernt, hat zwei Freundinnen dabei: Jetzt reden sie über mich. Sechs oder sieben Meter? Kilometer, mein Herr, Kilometer. Sechs oder sieben Kilometer undurchquerbare Wüste, Hitze, kein Wasser, wilde Tiere, faustgroße Moskitos, Dornen, Stacheldraht, Tretminen und Atombomben. Schmeißen sie jetzt schon Atombomben? Dem Krach und den schweren Erschütterungen nach zu schließen, ist dieser Gedanke gar nicht so abwegig. Na gut, sterben wir eben im prächtigen Alter von sechsunddreißig Jahren. Aber vorher muss die Sache mit dieser Dame geklärt werden. Und da ist gar keine Wüste und dieser andere Quatsch. Sechs oder sieben Meter eines bürgerlichen Lokals zu durchqueren, ist wirklich keine Heldentat. Aber Schwerarbeit. Die Füße wollen nicht so richtig. Da hängen Gewichte dran, zentnerschwer. Herrje, du scheißt dir noch in die Hose. Was ist denn so besonders an gewissen Frauen? Sie wollen sich doch auch hinlegen, genau wie alle anderen. Sagt mir mein Verstand. Wenn man so einer ganz gewöhnlichen Liese begegnet, ist man gleich munter bei der Sache, und nach einigen Drinks sind die Fronten klar. Aber es gibt Frauen, bei denen kriegt man Schweißausbrüche, wenn sie einen ansehen, und die Kehle ist so trocken, dass man seinen Spruch nicht aufsagen kann. Wie bei einer Prüfung.

Ich erhebe mich mit aller mir zur Verfügung stehenden Grazie und ohne meinen Stuhl umzuschmeißen, durchquere leichten Schrittes das Lokal, kein Mensch achtet auf mich, bleibe vor dem Tisch der drei Mädels stehen, deute eine leichte europäische Verbeugung an und frage in meinem schönsten Spanisch – hoffentlich verstehen sie mich –, ob ich die Damen auf einen Drink einladen dürfe.

Meine Schönheit schenkt mir ein strahlendes Lächeln und sagt einen bezaubernden Satz, den ich jetzt, aus dem Gedächtnis, leider nur unvollkommen wiedergeben kann.

»Oitschgrumoxprdtzschaqximpflipi. Obrigada.«

Obrigada verstehe ich. Heißt danke. Ich mach’ ein blödes Gesicht, und die Mädels lachen und fordern mich zum Sitzen auf. Erleichtert lasse ich mich neben meiner Angebeteten auf einen Stuhl plumpsen und bedanke mich förmlich für diese nette Einladung.

»Obrigado, Mesdames.«

»Bist du Franzose?«, fragt sie in erstklassigem Französisch.

Schwein gehabt. Diese Dame ist nicht nur schön und mir gewogen, sie spricht auch eine Sprache, in der ich mit ihr palavern kann. Als Fremder hat man sowieso einen Pluspunkt. Man ist der Exot. Und wenn man etwas erzählt, vor allem aus der fernen Heimat, dem Beckenbauer- und VW Land, in dem alles so toll und reich sein soll, dann hat das Gewicht. Man darf ihnen nur nichts von der Scheiße in diesem Land erzählen und von jenen Leuten, die genauso korrupt und hinterhältig sind wie die entsprechenden Leute in anderen Ländern; sie können es nicht verstehen, und sie glauben es nicht. Aber einer schönen Frau zu erzählen, dass es in dem vielgelobten Land auf der anderen Seite der Welt Menschen gibt, die am Rande des Hungertodes – Existenzminimum nennt man das bei uns – dahinvegetieren oder vor den verschlossenen Türen der Krankenhäuser krepieren, ist sowieso Blödsinn, man will sich amüsieren, der Tod ist eine unbekannte Größe, eine düstere Sage, wir sind unsterblich. Und wir amüsieren uns.

Die Drinks sind gut und billig, und wir kommen langsam in Schwung. Und der Laden beginnt sich zu füllen. Dies ist sicher nicht die Bar, in der Hemingway sagen würde: »Harry, noch einen Gimlet.« Diese in freundliches Neonlicht getauchte Bar ist ein bisschen schmuddelig, äußerst billig und sehr lebendig. Hier lässt keine Mahagonitäfelung Wahnsinnspreise für gepanschten Schweinkram korrekt erscheinen. Alles ist gut beleuchtete, lautere Wahrheit. Und die wunderbare Freundlichkeit der Barkeeper, sehr wohltuend, weil nie servil, überstrahlt mit Leichtigkeit das schneeige Weiß unserer arroganten Tresenherrscher und lässt deren Jacken mit den eingestickten Namen zu welken Putzlappen werden.

Ich liebe dich, Junge mit den fürchterlichen Zahnlücken, der du, ohne mich betrügen zu wollen, Drinks für Männer einschenkst. Deine Einstellung, die dir ja gar nicht bewusst ist, bringt dich einfach dazu, nicht auf den Eichstrich zu achten, und dein Lächeln lässt mich das starre Grinsen einiger heimatlicher Barschlampen leicht vergessen. Ihr Barmänner mit den schmutzigen Fingernägeln lasst sie gewähren, die Wahnsinnigen, die jetzt hereinbrechen und schreiend und sambatanzend das Eins zu Null über Österreich feiern. Wieder Samba.

Es hört nicht auf. Sie haben Tränen in den Augen, beglückwünschen sich gegenseitig und liegen sich halbnackt und schweißüberströmt in den Armen.

Als die erste Prügelei durch den Laden fegt, zieht die Sambaband auf der Terrasse das Tempo an, und meine Damen und ich müssen einige Male in Deckung gehen und den Gerätschaften ausweichen, die da geflogen kommen. Diese Attacken waren aber nicht persönlich gemeint, wir saßen einfach mitten drin und tranken Caipirinha.

»Lasst uns an die Copacabana gehen«, sagt meine Schöne und drückt mir unter dem Tisch die Hand, »da ist jetzt ordentlich was los.«

Die hat Nerven.

Wir finden ein Taxi und auf geht’s. Einige Millionen Autos sind unterwegs, bestens ausgerüstet mit Hupen und Hörnern, wie man sie normalerweise nur auf den großen Überseedampfern findet.

Aber was ist hier schon normal? Auf jedem dieser Renner liegen vier bis zehn fahnenschwingende Selbstmörder, die großzügig Knallkörper nach allen Seiten verteilen und bei jedem Treffer »TOR« schreien. Unser Wagen kriegt natürlich seinen Teil ab, aber der Fahrer lacht und legt seinen dicken Bauch auf die Hupe.

Ich halte die Frau fest – oder hält sie mich? –, und wir jagen wie verrückt durch die laue brasilianische Nacht, und ich denk’ mir, dass wir die Sache mit der Romantik wohl doch auf morgen verschieben müssen.

Auf der Copacabana werden wilde Schlachten ausgetragen, eine Sambatruppe nach der anderen taucht auf, alle in schwerem Wettstreit miteinander, und meine Vielgeliebte und ich mittendrin im Gewühl. Ich muss höllisch aufpassen, dass sie mir nicht abhanden kommt in diesem Chaos; ihre beiden Freundinnen werden, kaum dass wir das Schlachtfeld betreten, von ein paar fixen Meistertänzern blitzschnell weggeschnappt. Was mir nur recht ist. Sie kommt mir nicht abhanden und spät in der Nacht helfen wir, die Verletzten und Halbtoten gegen die Häuser zu legen. Blutende Kinder brüllen nach ihren besoffenen Müttern, und die triefäugigen Großstadtratten filzen die Alkoholleichen. Es regnet wieder und ist lausig kalt.

Meine Schöne friert, und ich gebe ihr meine Jacke. Wir verabreden uns für den nächsten Tag.

Ich scheuche einige Flöhe aus meinem Bett und lege mich zwischen die hauchdünnen Linnen. Als ich am nächsten Tag aufstehe, falle ich aufs Gesicht. Ich ziehe mich an dem Bett hoch und wiege drei Zentner. Meine Beine machen nicht mit, und ich kippe zurück auf die Matratze. Die Matratze ist durchgeschwitzt und stinkt und mir ist sehr heiß. Der Magen drückt mir gegen die Kehle, und meine Zähne klappern wie Kastagnetten.

Nein, denke ich, nicht heute. Morgen meinetwegen oder übermorgen. Heute nicht.

Aber es ist hoffnungslos, ich weiß, dass es mich erwischt hat. Ich kenne das von Mexiko her. Irgendein Virus. Man liegt eine Woche im Bett, und die Welt ist ein wirres Gemisch aus Fieber, Schmerzen und Dünnschiss, und die verbliebenen Kräfte reichen kaum aus, um die Schnapsflasche anzusetzen. Wenn man wieder auf den Füßen steht, ist man mindestens fünf Kilo leichter und sieht uralt aus.

Ich liege auf dem Bett und schlucke die aufkommende Übelkeit runter und denke an die Frau, die am Nachmittag in Ipanema auf mich warten würde. Auf mich. Schöne Frau. Hat mich lange geküßt. Ich muss nach Ipanema.

Ich erwache am frühen Abend und rolle mich aus dem Bett und krieche nackt durch die Gänge auf der Suche nach einem Lokus. Sie setzen mich auf eine dreckige Schüssel, von der ich überhaupt nicht mehr runter will und später legen sie mich wieder ins Bett. Ein sehr kluger Junge bringt mir eine Flasche Cachaça und Zigaretten.

Ich habe dreimal flachgelegen, einmal in Mexiko, einmal in Rio und einmal in Bahia, und hab’ die Sache jedes Mal mit Schnaps geregelt. Man kann nichts machen.

Meine schöne Freundin habe ich nie wiedergesehen.

Klapperdürr und mit einer interessanten Blässe im Gesicht nehme ich den Bus nach Bahia.

Das bedeutet gute sechsunddreißig Stunden Fahrt mit Formel1-Piloten am Steuer. Und zwanzig Stunden Samba.

Am Anfang ist alles noch ganz zivil. Die dicke Mutter neben mir überlässt mir großzügig so viel Platz, dass ich auf einer Arschbacke bequem sitzen kann, fischt ein paar Früchte aus ihrer Plastiktütenkollektion, und als sie mir eine anbietet, habe ich nicht den Mumm abzulehnen. Wäre unhöflich gewesen. Nach ein oder zwei Stunden Fahrt fängt einer an, eine leere Cola-Dose mit einem Schlüsselbund zu bearbeiten.

Das ist das Signal.

Sofort wird alles, was klappert und rasselt, in Bewegung gebracht, und als ein junger Schwarzer eine Quica auspackt, ist die Sambaband fertig. Und dann singen sie. Der ganze Bus singt, und der Fahrer lässt sein Lenkrad los und trommelt auf dem Armaturenbrett rum.

Ein paar Mädchen tanzen den Mittelgang rauf und runter, und alle klatschen, und meine dicke Nachbarin fordert mich zum Mitmachen auf.

Wir halten ein paarmal, um den Fahrer zu wechseln, und bei diesen Gelegenheiten lege ich jedes Mal Cachaça nach, nicht zu viel, gerade genug, um in Stimmung zu bleiben. Dabei kann ich beobachten, dass auch meine Reisegenossen, die Damen inbegriffen, eine recht gute Beziehung zu diesem edlen Getränk haben. Das hat zur Folge, dass man sich später, auf der Weiterfahrt, über die zu singenden Lieder nicht einigen kann, und weil alle ordentlich unter Dampf stehen und endlich loslegen wollen, singt der vordere Teil der Mannschaft eine andere Nummer als der hintere. Aber seltsamerweise einigen sie sich, ganz automatisch, auf ein Tempo, so dass das Trommeln und Klatschen für beide Nummern gut ist. So was Verrücktes! Ich gehöre zur Hintermannschaft, und wenn ich bei einem Stück den Refrain mitgekriegt habe, gröl’ ich kräftig mit. Als ich schon längst müde und abgeschlafft neben meiner immer breiter werdenden Mutter in meinem Sitz hänge, singen sie immer noch.

Irgendwann spät in der Nacht geht ihnen dann doch der Schwung aus, sehr zu meiner Überraschung, und sie begeben sich zur Ruhe. Das heißt aber nicht, dass sie schlafen.

Einige haben Kofferradios dabei, und jeder sucht sich, ganz nach seinem illustren Geschmack, seinen eigenen Sender, und bald plärren Pop und Rock und Samba und Nachrichten munter durcheinander. Ein ganz Anspruchsvoller hat einen kleinen Kassettenrekorder, und so komme ich noch zu dem Vergnügen, Beethoven hören zu dürfen. Spät in der Nacht, auf dem Weg nach Bahia, in einem rollenden brasilianischen Irrenhaus.

Der Müllpegel hat an einigen Stellen Kniehöhe erreicht, schon seit Stunden macht sich kein Mensch mehr die Mühe, seinen Dreck irgendwo zu verstauen und vom hinten liegenden Lokus zieht eine herbe Brise durch den Bus. Aber wen stört das schon?

Mich schon lange nicht mehr, sie haben mich geschafft, ich bin einer der ihren.

Dieser Trip hat fast vierzig Stunden gedauert, in denen ich keine Minute geschlafen habe, und als wir in Bahias Hauptstadt Salvador ankommen, ist das Letzte, wonach ich mich sehne, ein Bett. Ich bin aufgekratzt wie eine Tanzmaus und fahre gleich in das berühmte Hotel São Francisco.

Wieder ein Bett mit Kleintierhaltung und ein rührend besorgter, fetter, schwuler Hotelvater.

Ich habe keine Lust, über Bahia zu schreiben, nicht über die Mädchen, nicht über die Kneipen, nicht über die abendlichen Samba-Sessions, nicht über die Capoeira-Tänzer, nicht über die Strände, nicht über die Sonnenuntergänge, nicht über die Cangaceiros mit ihren traurigen Liedern. Es könnte einige Leute, mit denen ich nichts zu tun haben will, animieren, über das Land herzufallen, und ich habe einen Horror davor, zurückzukommen und an Absteigen und Kneipen diese Schilder vorzufinden, deren gedruckte Drohung mir schon einige Ecken dieser Welt vermiest hat und auf denen zu lesen steht: Man spricht Deutsch.

Catcher

»Man muss sich rechtzeitig einen Platz suchen, sonst kann man sein Zeugs irgendwo in die Ecke schmeißen«, sagt der Weltmeister. Er klaubt mürrisch seinen Koffer mit dem Kampfzeug aus dem Mercedes und macht dabei den Eindruck eines Mannes, der ohne Enthusiasmus seine Tagesroutine angeht. Wir gehen durch den kalten Morgen, umrunden ein paar Regenpfützen und fahren mit dem Lastenaufzug rauf in die Halle. Die Halle ist eiskalt, und graues Licht fällt durch die Plafondfenster. Es riecht nach Reinigungsmitteln und dem schalen Bier- und Tabakgemisch unzähliger Veranstaltungen. »Ein Stall«, sagt der Weltmeister ruhig und bewegt seine Zweizentnerneunzig mit der Leichtigkeit eines Mittelgewichtlers an den gelbbekittelten Putzfrauen vorbei in Richtung Garderobe.

Der Ring, in dem man sich zehn Abende lang um den »Preis der Nationen« raufen wird, ist schon aufgebaut. Von den grünen Eckpfosten blättert die Farbe, und die roten Seile sehen alt und verschlissen aus. Ein paar bier- und branntweingezeichnete Jungarbeiter zurren den Segeltuchbelag fest. Im Vorbeigehen streiche ich mit der Hand darüber. Das Tuch über einer dünnen Lage Styropor auf den rissigen Brettern ist rauh wie Sandpapier. Die Jungarbeiter grüßen. Das klingt vertraulich und respektvoll. Der Weltmeister lächelt milde und nickt. Die Jungen haben Glanz in den Augen. Ich glaube, sie würden den großen Mann gerne anfassen. Ein trister Gang, fast zu schmal für den großen Mann, führt zu den Garderoben. Otto Wanz, Österreicher und einer von sechs amtierenden Weltmeistern im Schwergewicht, öffnet eine Tür. Die Garderobe ist kalt und so gemütlich wie ein Hundezwinger im Tierasyl. Ein paar zerschrammte Resopaltische, Kleiderhaken und wackelige Metallstühle. Darüber kühles Neon. Ein Stall, hat Otto Wanz gesagt. Aber das war nicht mehr als eine Feststellung. Er kennt die Hallen und hat sich mit diesem Minimum an Komfort abzufinden. Mitunter gibt es nicht einmal Duschen.

Catcher werden als Sportler nicht ernst genommen. Zweitklassige Showmonster, die durch die Lande tingeln, belächelt und angstvoll respektiert, muskelbepackte Deppen, die man aus der Anonymität der dunklen Sitzreihen beschimpfen und verspotten kann. »Reiß ihm die Eier aus, beiß ihm in den Sack, tritt ihm in die Fresse.« Und einige von ihnen sind Superstars. Aber keine Sonderbehandlung für einen Superstar, einen Weltmeister, keine Extragarderobe, in der er seine Zweizentnerneunzig auf einem Ruhebett entspannen kann, und kein Masseur, der ihm die verzerrten Muskeln durchknetet. Dafür der gut beleuchtete, verschrammte Hundezwinger.

Otto Wanz knallt seinen Koffer auf einen Tisch und sagt: »Morgen.« Der freundliche Gruß wird ohne Begeisterung erwidert. Die Iren Jack Shirlow und Jonny Harlow nicken und sagen »Hello«. Mick Mac Michael, der schottische Kampfrichter, der sich mit Shirlow einen Wohnwagen teilt, zeigt die Andeutung eines Lächelns und knurrt so etwas ähnliches wie: »Morning, Otto.« Nur Eddi Steinblock grinst vergnügt. Die zwei Jahre, in denen er jetzt als Profi zwischen den Seilen steht, haben seiner Sonnyboy-Heiterkeit noch nichts anhaben können. Das wird sich ändern durch das, was noch vor ihm liegt. Er ist dreiundzwanzig und will eines Tages zu den Besten zählen. Mit Titel und hohem Marktwert. Die Besten sind um und über dreißig.

»Ich komm’ vom Judo«, erzählt er, »und war von mir als Kämpfer immer sehr überzeugt. Bis ich mit dem Ringen anfing.«

Sie sagen fast immer Ringen, selten Catchen.

»Schon das Training war härter als alles, was ich bis dahin gemacht hatte, und ich hab’ Sachen einstecken müssen, von denen ich gar nicht gewusst habe, dass es sie gibt. Und ich wusste damals schon eine Menge.«

Tricks, meint er, Griffe, Schläge und Tritte, die auf der Verbotsliste stehen, schmerzhafte Feinheiten, die der Zuschauer gar nicht bemerkt.

»Einer meiner Lehrmeister war René Lasartesse, achtfacher Weltmeister und einer der besten Kämpfer überhaupt. Ich hab’ ihn einmal besiegt.« Stolz in der Stimme. »Freunde sind wir nicht. Es gibt keine Freundschaften in diesem Geschäft. Im Gegenteil, René und ich haben noch eine Rechnung offen.«

»Soll ich das schreiben, Eddi?«

»Klar, kann er ruhig lesen. Ich muss ihm unbedingt noch mal im Ring begegnen, und dann tragen wir’s aus. Angst hab’ ich nicht vor ihm. Entweder er oder ich. Kannst du alles schreiben.« Eddi Steinblock lacht, aber die hellen Augen in dem Sonnyboy-Gesicht blicken hart und böse. René Lasartesse wird auf diesen jungen Mann achtgeben müssen.

Jack Shirlow zieht sich zum Duschen aus, und ich sehe, dass er den rechten Arm nicht strecken kann.

»Am Ellbogen gebrochen und fünfmal operiert«, sagt er. »Und hier.«

Er streicht sich das dichte graue Haar aus der Stirn. Tiefe Narben ziehen sich wie Gräben durch die Haut.

»Alles auszuhalten.« Er lächelt. Für den Abend ist er fit.

»Meinen Gegner kenne ich nicht«, sagt er, »aber das ist oft so. Du kommst auf irgendein Turnier, und einige Leute kennst du persönlich, andere dem Namen nach, und am Abend stehst du einem Mann gegenüber, von dem du noch nie was gehört hast. Du weißt absolut nichts von ihm. Du weißt nur eins: dass du gewinnen willst. Aus persönlichem Ehrgeiz, und weil deine Titel und Siege deinen Marktwert steigern. Und du rackerst dich ab, um den Mann aufs Kreuz zu legen, und so ganz nebenbei musst du dem Publikum auch noch ein paar Extras bieten. Du bist Fighter und Clown.«

Er lächelt und sieht dabei aus wie der bessere Herr, den sich die Damen als Nachbarn wünschen. Am Abend wird er mit seinem verbogenen Arm in den Ring steigen. Dass er starke Nierenschmerzen hat, erfahre ich erst später.

»Alles ganz normale Berufskrankheiten«, sagt Eddi Steinblock. »Aber du musst in den Ring. Weil es dein Job ist. Rund zweihundert Tage im Jahr, wenn du gut im Geschäft bist.«

»Was heißt gut im Geschäft? Was bringt die Sache?«

»So zwischen 200 und 500 am Abend.«

»Für diesen Job nicht allzu viel, oder?«

»Stimmt. Aber ich möchte nichts anderes machen, und mit der Zeit entwickelt man eine gesunde Härte.«

Er streckt seine Einsneunzig und macht sich zum Training fertig, und dabei zeigt sich eine Tätowierung auf seinem linken Oberarm. Ein rotes Herz, das von einem Band umschlungen ist. Auf dem Band steht »Catch«.

Jonny Harlow, der sich Rasputin II. nennt, geht mit Steinblock raus in den Ring zum Morgentraining. Die eisige Kälte in der großen Halle scheint die beiden halbnackten Männer nicht zu stören.

Morgens trainieren und abends kämpfen. »Zweihundert Tage im Jahr?«

»Mehr oder weniger. Wenn du im Geschäft bleiben willst, musst du fit sein.«

Dazu gehört auch Krafttraining mit Gewichten und Laufen, um die Kondition zu erhalten. »Wenn du jeden Abend im Ring stehst«, sagen sie, »bist du einfach fit. Nur mit dem Saufen und Rauchen muss man sich zurückhalten.«

Für Biko Botowamungo sind saufen und rauchen Fremdwörter. Der große schwarze Mann aus Zaire ist ehrgeizig. Mit achtzehn wurde er Meister im griechisch römischen Stil, und die Universität verlieh ihm einen Doktortitel. In Kinshasa boxte er eine gute Anzahl Trainingsrunden mit Muhammad Ali, und von einigen afrikanischen Spielen nahm er die Goldmedaillen mit nach Hause. Er will Weltmeister werden. Dafür muss er nicht nur hart trainieren, er muss auch sein Gewicht in Ordnung bringen. Mit 95 Kilogramm ist er zu leicht. Dr. Botowamungo tanzt gerne und liebt Discomusik. Sonst nichts? Er überlegt, druckst, drückt sich um die Antwort. Frauen? Er nickt begeistert. Frauen sind seine große Leidenschaft. Frauen und kämpfen, es gibt nichts Schöneres. Angst kennt er nicht. Er hat noch nie Angst gehabt.

Harlow und Steinblock schwitzen im Ring. Eine Unzahl von Liegestützen, Kniebeugen, Fallübungen.

»Eine verdammte Art, sein Leben zu verdienen«, sagt der Ire. »Crazy. Aber es ist dein Job und das Einzige, was du wirklich gut kannst.«

Er lehnt sich gegen die Seile. Mit seinen langen schwarzgrauen Haaren und dem dicken Bart erinnert er tatsächlich an den Russen, von dem er den Namen übernommen hat. Rasputin.

»In Irland«, erzählt er, »hab’ ich einen Freund, der ist zwei Köpfe größer als ich und doppelt so breit. Ein guter Kämpfer, aber ein Gemüt wie ein Baby. Bei einem Turnier sind wir mal aufeinandergetroffen.

In der Garderobe sagt er zu mir: ›Jonny, wie handhaben wir das Ding?‹

›Seriös‹, sag’ ich.

Er grinst. ›Wie meinst du das?‹

›Der Beste gewinnt.‹

Er grinst immer noch: ›Jonny‹, sagt er, ›wir sind Freunde.‹ ›Wenn wir durch diese Tür gehen, nicht mehr‹, sag’ ich. ›Erst wenn wir wieder zurückkommen.‹ Er guckt mich komisch an und hat immer noch dieses verdammte Grinsen im Gesicht. Wir gehen raus in den Ring, und die Meute grölt. Er ist hier der Lokalmatador. Nach dem Gong gehe ich aus der Ecke raus und direkt auf ihn los. Das mach’ ich selten, meistens schleich’ ich erst mal an den Seilen längs. Er stoppt mich mit einer Handbewegung und hat einen seltsamen Ausdruck in seinen runden Babyaugen.

›Jonny‹, sagt er leise, ‹ganz seriös?‹ Verdammt, ich wollte einfach wissen, ob ich diesen großen Mann schlagen kann, so ein Kerl läuft wie eine einzige Herausforderung durch die Gegend, und irgendwann willst du ihn einfach mal prüfen, und dann nimmst du dein Herz in beide Hände und gehst auf ihn los.

›Yeah, old Chap‹, sag’ ich, ›der Beste gewinnt.‹

Klar hab’ ich Angst gehabt, ich hab’ immer ein mieses Gefühl, bevor es losgeht. Wenn es seriös ist. Aber damit muss man klarkommen. Er reicht mir seine riesige Rechte, und wir schütteln uns die Hände, und ich greif ’ an. O boy!«

Jonny Harlow grinst, und seine blauen Irenaugen blinzeln vergnügt.

»Ich krieg’ ihn auch gleich richtig in den Griff, aber er grunzt nur und hebt mich hoch und feuert mich quer durch den Ring. Ich wieg’ gut zwei Zentner. Ich knall’ mit dem Schädel gegen einen Ringpfosten, und mir wird schwarz vor den Augen. Das hat weh getan, und mir ist auch gleich die Haut aufgeplatzt, und das Blut läuft mir nur so übers Gesicht. Ich lieg’ mit der Nase im Ringstaub, und die Menge grölt. O Scheiße, denk’ ich, ihr verdammten Bastarde. Der große Mann ist der Champ und hat das Volk auf seiner Seite. Und ich bin das Schlachtvieh.

Ich komm’ langsam wieder auf die Füße, und er ist fair genug, nicht gleich nachzusetzen. Ich wisch’ mir das Blut aus den Augen und greif ’ wieder an. Du wirst es nicht glauben.«

Jonny Harlow lacht laut und lange.

»Dieser verdammte Bastard bringt das gleiche Ding noch mal, und diesmal flieg’ ich halb durch die Seile und knall’ mit dem Schädel gegen die Ringkante. Ich denk’, mir rutscht das Gehirn raus. Vor mir dreht sich alles, und der Magen rutscht mir bis an die Kehle rauf. Ich bleib’ einfach liegen, und als der Gong kommt, schleich’ ich in meine Ecke. Eine Minute Pause.

Das war die kürzeste Minute meines Lebens. Glaub’ mir, in der zweiten Runde hab’ ich verdammt aufgepasst. Mein Schädel war kurz vorm Platzen, und irgendwie musste ich heil über die Zeit kommen. Ich schaff ’ das auch, aber in der dritten Runde erwischt er mich wieder. Nach einem Überwurf lande ich nicht ganz korrekt auf dem Rücken, und für einen Moment ist die Luft raus, und er fällt über mich her. Ich will hoch, aber er drischt mir seinen dicken Unterarm ins Gesicht, und ich knall’ mit dem Hinterkopf gegen den Ringboden. Das macht er fünf- oder sechsmal. Ich seh’ die Schläge kommen wie in Zeitlupe, aber ich kann nicht weg, alles dreht sich, und dann rettet mich der Gong. Ich häng’ in meiner Ecke und warte darauf, dass dieses verrückte Karussell aufhört. Die Meute brüllt, und ich höre einzelne Stimmen: ›Kill den langhaarigen Bastard.‹ Der langhaarige Bastard bin ich. Wenn nur das Gewackle und Gedrehe aufhören würde. Ich krieg’ meine richtige irische Wut. Das Gewackle und das Kill den Bastard: zu viel. Und man wiegt gute zwei Zentner und ist hilflos wie ein Kind. Der Gong kommt, und mit einem Mal sind die Bilder wieder klar. Ich lass mir Zeit und schleiche langsam an den Seilen längs. Das Riesenbaby denkt, ich bin erledigt, und passt nicht auf.«

Ein breites Grinsen hellt das düstere, sehr männliche Gesicht des Iren auf, und kleine Falten bilden sich um die tiefblauen Augen. Macht Spaß, sich zu erinnern?

»Yeah«, sagt er, »das sind Erinnerungen. Ich spring’ ihn an, fast aus dem Stand, und erwisch’ ihn mit beiden Füßen am Kinn und am Hals. Er grunzt und fällt um, und dann bin ich über ihm.«

Jonny Harlow umfasst mit seinen großen Händen das obere Ringseil und sieht auf mich runter. Ich sitze neben dem Ring, direkt unter ihm. Mann, wenn dieser hartschädelige Ire über dich kommt! Die morgenlichtgraue Halle scheint noch kälter zu werden. Er beugt sich vor, lehnt sich über die Seile. »Wenn du wirklich in Rage bist«, sagt er leise, »kannst du Kräfte mobil machen, von denen du gar nicht weißt, dass du sie hast. Und ich war in Rage. Ich hatte eine Stinkwut auf diesen mörderischen Riesenkerl und auf die Schreihälse da unten, und ich packte die Trickkiste aus. Ich bin seit ’74 nordirischer Meister und kenn’ ein paar Sachen, die absolut bösartig sind. Die Leute sehen das nicht so genau. Die denken, solche Tritte und Schläge kann doch kein Mensch aushalten, das ist alles Show. Denkst du. Ich hab’ den großen Mann dann vernichtet, und in der fünften Runde hab’ ich ihn mir auf die Schultern geladen und aus dem Ring geschmissen. Damit war die Sache erledigt. Er kam in den Ring zurück, und ich gewann den Kampf. Auf dem Weg zur Garderobe haben die Leute mich dann beschimpft und angespuckt, aber mir war das egal, ich war viel zu schlapp, um mich zu ärgern. Wir hockten uns jeder auf einen Stuhl und versuchten, mit unseren Schmerzen klarzukommen. Geblutet haben wir beide.

Nach einer Weile sag’ ich: ›So, jetzt sind wir wieder hier.‹

Er grinst mich schief an: ›Friends again?‹

›Sure, friends again.‹ Wir haben uns die Hände geschüttelt und gelacht und sind immer noch die besten Freunde, die du dir vorstellen kannst. Die größte Narbe an meinem Schädel ist von meinem besten Freund.«

»Diese Iren sind Verrückte«, sagt Eddi Steinblock. Er sitzt schweißüberströmt auf einem Stuhl und macht Kraftübungen mit einem breiten Gummiband. »Aber ich kenn’ diese Wutanfälle. In Wien hatte ich mal einen äußerst fiesen Gegner, so ein Typ, der nur üble Tricks draufhatte und sich einen Dreck um die Regeln kümmerte, die bei uns sowieso nicht allzu streng gehandhabt werden. Na, ich bin dann durchgedreht und hab’ ihn kaputtgemacht.«

Der Bremer sagt das mit einem seltsamen Unterton in der Stimme. Kaputtgemacht. Er scheint das Wort zu genießen.

»Die Leute grölten ›Nazischwein‹, und auf dem Weg zur Garderobe ist eine Frau mit dem Schirm auf mich los.«

Ich wollte mich mal bei einem Catcherzirkus umsehen, vielleicht kann man was drüber schreiben. Catcherzirkus. Ein hübsches Wort. Ein Wort wie eine bunte Schleife um eine Handgranate.

»Sicher hat das Ganze etwas zirzensisches.« Der Mann, der das so freimütig eingesteht, ist Nico Selenkowitsch, Veranstalter, Vorsitzender vom internationalen Berufsringkämpferverband und Trainer, und als solcher um einige seiner Fighter besorgt wie die Glucke um die Küken. Zur Zeit hat er Biko Botowamungo unter seinen Fittichen. Der Junge hat Zukunft, meint er, man muss ihn nur richtig aufbauen. Er schiebt seine Einsfünfundachtzig mit der Grazie eines Eisbären durch die Hotelhalle und macht dabei ganz den Eindruck eines Mannes, der hier der Boss ist. Er ist ein alter Kämpfer, und das erkennt man nicht nur an seinen prächtigen Blumenkohlohren und an dem verwaschenen Trainingsanzug, an dem sich in dieser noblen Herberge niemand zu stoßen scheint. Es ist seine Art, sich zu bewegen, die massigen Schultern zu drehen, seine schnellen Reaktionen und seine vollkommene Sicherheit, die auf einen Mann schließen lassen, der einen guten Teil seines Lebens im Ring verbracht hat. Man glaubt ihm, dass er im Jahr ’49 im Augsburger Eisstadion nach 14 Minuten Rangelei einen 18 Zentner schweren Stier aufs Kreuz gelegt hat. Neben ihm wirken die nadelgestreiften Manager und die Herren in Flanell und Burberry wie Abziehbilder.

»Man muss den Leuten doch etwas bieten«, sagt er und breitet sich auf einem ledernen Sitzmöbel aus.

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