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Mädchen mit Hut

1. KAPITEL

Endlich Mittag! Schon den ganzen Morgen hindurch war Dodie völlig hibbelig – wie damals in der Dritten, als Jim Edwards ihr Juckpulver ins T-Shirt gestreut hatte, während sie in die Klasse ging.

Von ihrem Plan hatte sie niemandem etwas gesagt. Heute würde sie mit dem ersten Schritt beginnen. Kaye Kavanagh, ihre beste Freundin, würde sicher nur versuchen, ihr das auszureden, und was Mom sagen würde, darüber war sie sich auch nicht so sicher. Eigentlich war Mom ziemlich offen, aber …

Dodie verdrückte sich aus der Klasse und rannte zu ihrem Schließfach, bevor sie noch jemand einladen konnte, mit in die Mittagspause zu kommen, und wurde erst wieder langsamer, als sie den ersten Block in Richtung Stadt hinter sich gelassen hatte. Vorbei an Taco Johns – jetzt bloß nicht an Essen denken – und am Burger King – vielleicht würde sie sich auf dem Rückweg hier was rausholen, wenn noch Zeit blieb.

Canyon Boulevard war so belebt wie immer. Die Ampel war rot, doch sie nutzte eine Lücke im Verkehr, überquerte die Walnut Street und lief hinunter zu der roten Backsteinmauer, die den Anfang der Fußgängerzone markierte. Wie üblich hatte Dodie mal wieder viel zu viel Energie. Im Moment wünschte sie nur, sie könnte sie in Arbeit umsetzen.

Doch alles der Reihe nach. Der Laden war noch da. So etwas Dummes, wo sollte er auch hingehen? Aber noch wichtiger war, dass der Laden auch immer noch leer stand. Nur um sicher zu gehen, schaute sie nochmal durch das Schaufenster ins Innere, nickte und kramte dann einen Stift aus ihrer Schultasche hervor, um die Telefonnummer von dem Schild, das im Fenster hing, abzuschreiben.

Es dauerte nicht lange, bis sie eine Telefonzelle fand und die Nummer wählte. Sie hörte es dreimal läuten, dann ein viertes Mal. Na, komm schon, sei da!, dachte sie. Sie würden das Büro über Mittag doch nicht unbesetzt lassen, oder?

„Boulder Valley Grundstücks- und Wohnungsmakler, Jackie am Apparat.“

„Der Laden“, stotterte Dodie. „Der Laden hinter der Fußgängerzone. Der zu vermieten ist. Ich meine, ich bin daran interessiert, den zu mieten.“

„Die Vertragsabwicklung läuft über uns, aber der Besitzer besteht darauf, dass er mit allen Interessenten persönlich spricht. Mal sehen, welche Zeit würde Ihnen denn passen? Heute Nachmittag?“

Hatte sie es nicht gewusst? Sie machte einen Termin für Samstagmorgen. Jackie sagte, falls Mr. Baer, der Ladenbesitzer, die Zeit ändern wolle, würde er sie anrufen. Dodie gab ihr ihre Telefonnummer und fügte dazu, dass sie wahrscheinlich erst ab vier Uhr nachmittags zu erreichen sei, verschwieg ihr aber wohlweislich, dass sie so lange in der Schule war. Sie wollte ihre Chance haben. Sie war sicher, dass sie Mr. Baer ihre Idee verkaufen konnte, wenn sie mit ihm persönlich sprach. Aber wenn die Dame von der Maklerfirma herausbekam, dass sie erst siebzehn war, konnte sie ihre Chance, mit irgendjemand zu reden, sofort vergessen.

Am Samstagmorgen war Dodie nur noch ein einziges Nervenbündel vor Angst und Aufregung und trieb ihre Mutter zum Wahnsinn. Sie wusste, dass Mom froh sein würde, wenn sie endlich ging, doch sie war auch sehr neugierig.

„Was hast du eigentlich vor, Dodie?“, fragte sie. „Du bist so nervös, dass ich schon dachte, wir hätten Montag statt Samstag.“

Sie saß mit ihrer zweiten Tasse Kaffee am Küchentisch und hatte noch ihren alten blauen Bademantel an, den sie so gern mochte.

„Entspann dich, Mom. Du musst heute nicht zur Arbeit. Du hast zwei volle Tage für dich allein. Warum gehst du nicht mit einem neuen Krimi zurück ins Bett?“ Dodie hatte den Stapel Krimis gesehen, den ihre Mutter gestern Abend auf dem Nachhauseweg aus der Leihbücherei mitgebracht hatte. „Das Mädchen in dem braunen Morgenrock“ und „Das grüne Messer“ mit einem grinsenden Schädel auf dem Titelbild lagen obenauf. Mom war in ihrer John D. MacDonald – Phase. Nun, wenn sie erst mal von ihren Plänen erfahren hatte, würde sie diese Ablenkung auch brauchen.

„Entspann du dich lieber.“ Ihre Muter brach sich noch ein Stück von dem Bananenbrot ab und, kaute darauf herum. „Sei einfach du selbst, und was immer dann passiert, wird gut.“

Das war typisch Mom. Sie versuchte nicht um jeden Preis herauszukommen, was vor sich ging. Sie wusste, dass Dodie es ihr schon erzählen würde, wenn sie dazu bereit war. „Danke, Mom, ich werde es versuchen.“

Sich entspannen hatte Mom gemeint. Anders zu sein, als sie war, das konnte sie sowieso nicht. Es hatte mal Zeiten gegeben, da hatte sie davon geträumt, Theaterschauspielerin zu werden. Sie wollte Cleopatra, Königin Elisabeth, Medea oder eine ähnlich große und eindrucksvolle Schönheit spielen. Doch immer, wenn sie für ein Stück in der Schule vorgespielt hatte, hatte Mrs. Wheeler nur gesagt: „Du bist immer noch Dodie, wenn du da oben stehst. Versuch die Person zu sein, die du darstellen willst.“

Es funktionierte nie. Für Dodie war es einfach zu selbstverständlich, sie selbst zu sein. Auf den Partys, die sie für die Kinder ausrichtete, merkten die Kleinen es nicht mal, wenn sie sich als Schneekönigin oder Hexe verkleidete, und sogar Erwachsenen konnte sie nichts vormachen. Einmal in der Grundschule hatte Dodie versucht, sich aus einem Problem herauszulügen, aber der Lehrer war so von ihrer einfallsreichen und schlechten Show amüsiert gewesen, dass er sie allein deswegen ungeschoren ließ. Er machte ihr klar, dass Schauspielerei nicht eines ihrer größten Talente war, und schlug vor, dass sie es in Zukunft bleiben lassen sollte.

Nun, heute war Dodie sehr viel realistischer. Sie stellte es sich immer noch schön vor, eine Königin oder ein Mannequin zu sein, der die Männer zu Füßen liegen. Allerdings kannte sie nicht einen einzigen Jungen, der sie so sah. Wenn es ums Aussehen ging,, war Dodie nicht gerade die Schönste im ganzen Land. Ihre Figur tendierte in Richtung mollig, und bei den wundervollen Kochkünsten ihrer Mutter hatte sie auch wenig Aussicht darauf, das zu ändern.

Kaye hatte ihr versichert, dass sie süß sei – Stupsnase, Sommersprossen, eins achtundfünfzig und kaffeebraunes Haar. Was blieb ihr da schon übrig? Doch im Moment konnte Dodie sich nicht den Kopf über ihr Aussehen zerbrechen, denn sie hatte wirklich Wichtigeres zu tun.

Sie würde sie selbst sein – ihr neues Selbst, die herausragende Geschäftsfrau. Mr. Baer würde sie nicht anlügen. An sie zu vermieten war zwar ein Risiko, aber was konnte er schon verlieren? Er würde ja ihre Miete haben.

Vor dem Restaurant in der Fußgängerzone, das Mr. Baer mit Erfolg führte, holte Dodie tief Luft und ging hinein. Sofort umgaben sie die schönsten Düfte: Donuts und frische Kloben, gebratener Speck und Kaffee. Tassen klapperten auf Untertassen, während die Menschen ihren Tag begannen. An der unbesetzten Kasse wartete sie, bis jemand kommen würde.

Neben der Kasse war eine kleine Bühne aufgebaut, auf der Mr. Baer und seine Freunde an den Wochenenden verschiedene Instrumente spielten und Lieder sangen. Auf einer Stufe zur Bühne lag ein Stapel Hüte, der eine lang, vergrabene Erinnerung in Dodie weckte.

Als ihr Daddy sie einmal mit hergenommen hatte, hatte Mr. Baer gesungen und Gitarre dazu gespielt. Zu den Liedern, die er vortrug, setzte er oft einen passenden Hut auf. Womöglich würde er Dodie den Laden nicht nur vermieten, sondern auch ihr bester Kunde werden! Der Stapel Hüte machte ihr Hoffnung, dass er ihre Idee gut finden würde.

Ein Junge mit dunkelroten Haaren – wie ein Irischer Setter – und einem breiten Grinsen kam, auf Dodie zu. Er bediente hier.

„In einer Minute ist sie zurück, aber du kannst dich gerne an einen von meinen Tischen setzen.“ Seine grünen Augen glitzerten.

„Oh, ich möchte Mr. Baer sprechen, gefrühstückt habe ich schon.“

„Letzte Tür rechts. Hoffentlich kriegst du den Job – und dieselben Zeiten, zu denen ich auch arbeite.“ Sein Lächeln war ansteckend. Dodie klärte ihn zwar nicht darüber auf, dass sie keinen Job suchte, aber sie erwiderte sein Lächeln. Der Junge war richtig süß. Doch im Moment hatte sie keine Zeit, sich über das andere Geschlecht Gedanken zu machen.

Als sie in das Büro trat, telefonierte Mr. Baer gerade. Freundlich zeigte er auf einen Stuhl, und Dodie setzte sich. In Boulder war Mr. Baer ein bekannter Mann, der von allen gemocht wurde. Sein voller Name war Theodore Baer, aber die meisten nannten ihn nur Teddy. Der Name passte auch zu ihm, denn er war klein und rund, mit wuscheligem braunem Haar.

Mr. Baer beendete sein Telefongespräch, nahm einen Schluck von seinem Kaffee und sah Dodie entschuldigend an. „Wir müssen uns leider ein wenig beeilen, junge Dame, ich habe nämlich um neun einen Termin. Für den Sommer habe ich eigentlich schon alle Jobs vergeben, aber deine Ausstrahlung gefällt mir. Die Kunden mögen freundliche Bedienung. Irgendjemand hört immer mal auf, also könnte sich noch eine Möglichkeit ergeben. So, hast du denn schon mal in einem Restaurant gearbeitet?“ Er zog einen Block näher, um sich Notizen zu machen.

„Ich möchte keinen Job, Mr. Baer“, sagte Dodie, als ihr das Missverständnis klar wurde. Denselben Irrtum hatte schon der rothaarige Junge begangen. „Ich bin hier, um mit Ihnen über den Laden in der Pear Street zu reden, den Sie vermieten wollen.“ Überrascht musterte er sie erneut. „Dann bist du also mein Neun-Uhr-Termin? Du möchtest den Laden von mir mieten?“ Er wollte gerade weiterreden, doch Dodie kam ihm zuvor.

„Bitte sagen Sie nicht Nein, bevor Sie nicht meinen ganzen Plan gehört haben.“

Das musste sie ihm lassen, er war ein guter Zuhörer. Dodie sprach schneller und enthusiastischer als jemals zuvor in ihrem Leben.

„Dodie – darf ich dich Dodie nennen?“ Dodie nickte. „Ich sehe, dass du dir das gründlich überlegt hast und voll dahinterstehst, aber ist dir wirklich klar, was da auf dich zukommt? Jetzt findest du das alles vielleicht noch sehr aufregend und schön, aber die Realität hält viel harte Arbeit und wahrscheinlich auch Enttäuschungen für dich bereit. Schon nach kurzer Zeit ist das alles kein Spaß mehr. Und außerdem bist du erst siebzehn. Nach meiner Erfahrung haben Siebzehnjährige zwar gute Ideen, aber meistens setzen sie sie nicht um. Im Übrigen kann ich mit dir legal gar keinen Vertrag machen, selbst wenn ich verrückt genug dazu wäre.“

Dodie war durch seine Rede alles andere als entmutigt. Im Gegenteil, sie meinte, eine Schwäche für ihren Plan bei ihm bemerkt zu haben. Mr. Baer war bekannt dafür, dass er Leuten, die in Schwierigkeiten steckten, half: Durchreisenden, die blank waren, Leuten, die Pech hatten, oder Alten, die nicht mehr mit allem so gut zurechtkamen. Vielleicht, ja, vielleicht gab es in seiner Sammlung auch einen Platz für sie und damit eine Chance.

„Ich habe keine Angst vor schwerer Arbeit, und den Vertrag würde meine Mutter für mich unterschreiben. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen drei Monate Miete im Voraus zahlen. Was können Sie dabei schon verlieren?“

„Meinen Verstand! Und ich muss wirklich verrückt sein, Dodie Webber. Das hier geht gegen all mein Wissen und meine Erfahrung, die ich im Geschäftsleben gemacht habe. Immer wieder kommen Jugendliche mit den größten Träumen nach Boulder. Manchmal halten sie sich sogar ein Jahr lang. Aber kaum einer von ihnen hat je Erfolg gehabt.“

„Immerhin versuchen sie’s, Mr. Baer. Sie versuchen, ihre Träume zu verwirklichen, das ist doch das Wichtige. Soll ich mein Leben lang mit einem Traum herumlaufen, den ich nie versucht habe zu leben? Ich würde alt werden und immer noch wünschen, ich hätte es versucht. Sind Sie denn nie ein Risiko eingegangen? Hatten Sie nie einen großen Traum, den Sie verwirklichen wollten? Dieses Restaurant, war das am Anfang kein Risiko?“

Eine Minute lang bekamen seine Augen einen träumerischen Ausdruck. Wahrscheinlich dachte er an all die gelebten und ungelebten Träume. Schließlich lehnte er sich in seinem Drehstuhl zurück und legte die Fingerspitzen gegeneinander und an sein Kinn. Dodie hielt die Spannung kaum aus, aber sie hatte alles gesagt, was es für sie zu sagen gab. Jetzt lag alles an ihm. Sie hasste den Gedanken daran, dass ihre ganze Zukunft nun in seinen Händen lag – es würde andere Läden an anderen Orten geben. Doch eigentlich hatte sie sich längst auf diesen versteift.

Schließlich brach er das Schweigen. „Okay, Dodie Webber“, sagte er langsam und zögernd. „Du hast mich rumgekriegt. Vielleicht kriegst du auch die Stadt rum. Ich gebe dir drei Monate. Wenn dein Geschäft bis dahin nicht vielversprechend aussieht, brauche ich den Laden für die Herbstsaison und das Weihnachtsgeschäft zurück. Hier hast du einen Drei-Monats-Vertrag, den deine Mutter mit unterschreiben muss.“

„Oh, vielen Dank, Mr. Baer, es wird Ihnen bestimmt nicht leidtun, das verspreche ich Ihnen!“

„Es tut mir jetzt schon leid, junge Dame“, knurrte er und schob einige Papiere auf seinem Schreibtisch hin und her. Dodie hätte ihn am liebsten umarmt, doch er runzelte die Stirn, wurde sehr geschäftlich und schob ihr den Vertrag zur Unterschrift hin. Dann zeigte er ihr, wo ihre Mutter unterschreiben sollte.

„Wenn sie unterschrieben hat, gehst du damit zu der Maklerfirma, und die kümmern sich dann um alles Weitere.“ Damit wandte er sich wieder seinen Notizen zu.

Dodie nahm statt ihm das Stück Papier in den Arm und wäre glatt aus dem Restaurant geschwebt, wenn sie der rothaarige Junge nicht aufgehalten hätte.

„Du hast den Job. Das sehe ich an deinen strahlenden Augen. Herzlichen Glückwunsch. Wann fängst du an? Ich heiße übrigens Sean McConnell. Ich zeige dir gern alles.“ Er streckte ihr die Hand entgegen, in der anderen hielt er einen Becher Kaffee.

Ohne zu zögern, schüttelte Dodie ihm die Hand. Dann wurde ihr klar, was er gesagt hatte.

„Nein, nein, ich habe keinen Job bekommen, ich wollte gar keinen. Dafür habe ich meinen Laden bekommen.“ Sie ging die Stufen hoch und raus auf die Fußgängerzone, während ihr der Junge mit verwirrter Miene hinterherstarrte.

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Auf dem Nachhauseweg hielt Dodie vor Kayes Haus. Sie lehnte ihr Fahrrad an den Gartenzaun und öffnete die Haustür. „Kaye! Bist du da?“

Kaye war gerade allein beim Mittagessen. Der Rest ihrer Familie war zu verschiedenen Samstagnachmittagsaktivitäten entschwunden, die meisten zu einem Fußballspiel ihres kleinen Bruders.

„Schon gegessen?“, fragte Kaye.

„Nee, dazu, bin ich zu aufgeregt“, antwortete Dodie und zog sich einen Stuhl heran.

„Wenn du nicht aufpasst, wirst du noch abnehmen, Dodie. Iss wenigstens ein bisschen Obst.“ Kaye stand auf und holte Dodie eine Coke. „Ich mache mir ernsthafte Sorgen.“

Dodie nahm sich einen Apfel.

„Was hast du eigentlich vor? Die ganze Zeit bist du mit diesem Ich-platze-gleich-vor-lauter-ldeen-Gesicht durch die Schule gerannt, schon seit Tagen. Und ich bin ganz sicher, dass das nichts mit den Dekorationen für das Schulfest zu tun hat. Als du die erst mal klar hattest, war für dich doch alles gelaufen.“

„Oh, Kaye, ich hab’s geschafft! Ich habe Teddy Baer rumgekriegt, mir einen Laden hinter der Fußgängerzone zu vermieten. Ich werde es tun, ich werde mein eigenes Geschäft eröffnen!“

„Geschäft. Was für ein Geschäft denn?“

„Einen Hutladen!“

„Einen Hutladen! Das soll wohl ein Witz sein, Dodie. Niemand trägt heutzutage noch Hüte, und da willst du ausgerechnet das College sausen lassen und einen Hutladen aufmachen? Mensch, du bist die einzige Person, die ich kenne, die niemals Haschisch anrührt und trotzdem dauernd Halluzinationen hat!“

„Das ist keine Einbildung, Kaye, auch keine abgedrehte Fantasievorstellung. Ich gebe ja zu, dass ich schon lange von einem eigenen Geschäft träume, aber als alle übers College geredet haben, hat mich das irgendwie abgelenkt. Außerdem habe ich nicht vor, diese Art Sonntagskirchenhüte zu verkaufen. Ich will Kostümhüte anbieten. Mittelalterliche Kreationen mit ganz vielen Federn dran, Hüte aus den wilden Zwanzigern, Gangsterhüte, diese Kappen mit Flügeln, Cowboyhüte …“

„Stop, stop, ich habe begriffen! Es ist trotzdem verrückt. Du hast doch einen Platz an der Uni bekommen. Außerdem kommt meine Cousine aus Kansas hierher, und dann wollen wir alle zusammen eine Wohnung mieten, schon vergessen? Du kannst dich da jetzt nicht rausziehen. Wir rechnen fest damit, dass du uns die Wohnung einrichtest. Du weißt doch, dass wir bei unseren Finanzen höchstens ein Rattenloch kriegen. Aber mit deinen Ideen werden wir das Gespräch der ganzen Uni.“

„Mein Laden auch. Tut mir leid. Ich würde ja liebend gerne mit dir und Sara zusammenziehen, doch ich muss bei Mom bleiben. Ich werde jeden Penny brauchen, um diesen Laden zu eröffnen.“

„Dodie, das ist doch ein viel zu hohes Risiko! Du wirst alles verlieren, und dann hast du nichts mehr, keinen Laden und keinen Studienplatz.“

„Dann verdiene ich mir eben mit etwas anderem mein Geld. Ich hab dir doch gesagt, dass ich nicht studieren will. Das ist nicht für jeden was. Ich würde irgendeinen Abschluss in Wirtschaftslehre machen und dann versuchen zu arbeiten. Aber warum soll ich noch Jahre darauf warten, das zu tun, was ich tun möchte? Du weißt doch, dass ich Erfahrung habe, schließlich habe ich den Mother-Goose-Party-Service gehabt, und der war ganz erfolgreich.“

„Na schön, es haben dich eine Menge gestresster Mütter engagiert, um Geburtstagspartys für ihre Kinder zu organisieren, aber wovon du jetzt redest, ist die wirkliche Welt, Dodie. Die wirkliche, harte Geschäftswelt.“

Dodie musste lachen. „Mensch, bei dir klingt das, als würde ich zur Wall Street oder Madison Avenue gehen. Wir sind hier in Boulder. Warum sollte ich es in Boulder nicht schaffen? So kannst du mir keine Angst machen, Kaye, ich habe mich entschlossen.“ Dodie hatte natürlich doch ein bisschen Angst, aber sie verbannte alle Gedanken in der Richtung aus ihrem Kopf. Sie musste positiv denken, sonst würde sie es tatsächlich nicht schaffen.

Kaye seufzte, und Dodie wusste, dass sie einen Menschen überzeugt hatte – zwei, falls Mr. Baer auch an sie glaubte, was sie allerdings bezweifelte.

„Also, wenn es irgendjemand schaffen kann, dann du, Dodie. Du könntest sogar eine Schildkröte herumkriegen, dir ihren Panzer zu leihen. Weißt du noch, letztes Jahr, als du all die Mannequins für das Schultheaterstück brauchtest?“

„Und die Rollschuhe und Teddybären für die Festszene?“

Sie lachten und schwelgten in Erinnerungen all der verrückten Sachen, die Dodie sich ausgedacht hatte und bei deren Verwirklichung ihr Kaye in den drei Jahren auf der Boulder Highschool geholfen hatte. Kulissen für Theaterstücke und Musicals, Dekorationen für Schulfeste und Partys und Wagen für Paraden und Umzüge. Alles, wobei Fantasie und Mut gefragt waren, hatte Dodie mitgemacht. Als es sich erst mal herumgesprochen hatte, dass es für sie das Wort „unmöglich“ nicht gab, kamen die Leute nur noch mit solchen Jobangeboten zu ihr.

War sie wirklich schon fast vorbei, ihre Highschoolzeit? Sie konnte es kaum glauben. Sie wusste, dass es für sie und Kaye nie mehr wie früher sein würde, aber sie konnte die Zeit nicht anhalten – und sie wollte es auch nicht. In Wirklichkeit konnte sie den Sommer kaum erwarten.

„Du hast den ganzen Sommer, um es auszuprobieren, Dodie. Aber versprich mir, dass du studieren und doch noch mit uns zusammenziehen wirst, falls es schiefgeht.“

„Das ist mehr als ich dir versprechen kann, Kaye. Außerdem muss ich voll hinter meiner Sache stehen und darf nicht schon jetzt daran denken, was ich machen würde, wenn es nicht klappt. Ich muss mich voll auf dieses Projekt einlassen. So was nennt man Risiko. Sämtliche Leinen kappen und wirklich etwas wagen. Nicht nur den Ruf aufs Spiel setzen, sondern auch alle meine Ersparnisse.“

Kaye sah sie zweifelnd an.

„Guck nicht so trübsinnig, Kaye, du musst an mich glauben. Ohne Risiko hat man noch nie was erreicht.“

„Frau auch nicht.“

Kaye war hundertprozentig für die Frauenbefreiung. Dodie hatte so ihre eigenen Gedanken zu dem Thema, aber sie wollte sich nicht streiten. Sie wusste, dass sie im Inneren eine sehr emanzipierte Frau war. Und unabhängig. Deshalb verschrieb sie sich auch voll und ganz ihrer Idee, die sie hier und heute hatte. Schon der bloße Gedanke daran, für irgendjemand anders noch eine Minute länger als nötig zu arbeiten, war ihr zu viel. Sie hatte bereits ihr eigenes kleines Geschäft gehabt – den Partyservice – aber sie hatte auch schon zwei Jahre lang Hamburger im „Hamburger Heaven“ verkauft. Mr. Russell war als Chef zwar nicht schlecht gewesen, aber sie hatte einfach keine Lust mehr, Anweisungen von anderen entgegenzunehmen.

„Ich weiß sogar schon, wie der Laden heißen soll. Willst du’s wissen?“ Dodie löffelte das Eis aus ihrer Coke und zerkaute es.

„Habe ich denn eine Wahl?“, fragte Kaye zurück und schlürfte den letzten Schluck Coke aus ihrem Glas.

„Nein. ‚The Mad Hatter‘“, grinste Dodie. Das war vielleicht ein alter Hut – bei dem Gedanken hätte sie fast laut losgeprustet – aber sie mochte den Namen.

„Ich sehe doch schon an deinem Grinsen, dass du völlig besessen davon bist“, meinte Kaye. „Was soll ich also dazu sagen? Ich werde dich unterstützen, wo ich kann.“

„Danke, Kaye. Jetzt muss ich es nur noch Mom beibringen.“

„Die sollte inzwischen doch wirklich an dich und deine verrückten Ideen gewöhnt sein. Dein Vater war ja auch schon so … damit will ich ihn nicht runtermachen, bitte versteh mich nicht falsch, Dodie, aber …“

„Ich weiß. Er steckte auch voller verrückter Einfälle. Der einzige Unterschied zwischen ihm und mir ist, dass ich meine Ideen bis zu Ende durchziehe.“

Kaye und Dodie waren schon seit einer Ewigkeit Freundinnen, und so hatte Kaye schon viele Ideen und Versuche von Dodies Dad mitbekommen, Geld zu machen. Sie wusste auch, dass nichts davon funktioniert hatte. Dodie selbst fand, dass ihre Mutter die geduldigste und verständnisvollste Person auf der ganzen Welt sein musste, doch inzwischen war sie wohl auch die einsamste.

Vor einem Jahr war Dodies Vater gestorben, und egal wie oft er ihrer Mutter auch Kopfzerbrechen bereitet hatte, sie wusste, dass er ihr fehlte. Sie selbst vermisste ihn auch sehr. Mit ihm war es immer so lustig gewesen. Manche Leute hatten ihn zwar einen Wirrkopf und hoffnungslosen Romantiker genannt, und er hatte tatsächlich nie viel Geld verdient, aber dafür war es zu Hause immer fröhlich zugegangen.

Dodie war sicher, dass sie ihre Party-Service-Idee nur ihm zu verdanken hatte. Als sie klein war, hatte er so viele lustige Partys für sie veranstaltet, dass es auf sie abgefärbt hatte.

In einem Jahr hatte er sich als Clown für eine Zirkusparty verkleidet. Ein anderes Mal war er ein Magier gewesen, der Zaubertricks vorführte. Oder er war Dracula für eine Super-Horror-Party. Ihre Geburtstagseinladungen wurden nie abgesagt. Es war sogar so, dass die Kinder sie schon im Mai, lange vor ihrem Geburtstag im Juli, fragten: „Was macht er dieses Jahr, Dodie?“ Alle Kinder, in der Nachbarschaft hatten ihren Dad gemocht. Er hatte immer Zeit gehabt, um ihnen mit Baumhäusern oder bei den Co-carts zu helfen.

„Versuch’s ruhig, Dodo“, konnte Dodie ihn sagen hören, „es macht bestimmt Spaß.“

Ihr Vater hatte sich nie darum gekümmert, wie viel Geld ihm eine Idee einbringen könnte.

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