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Madame Bovary

 

Gustave Flaubert

 

MADAME BOVARY

 

Sitten in der Provinz

 

Herausgegeben und übersetzt

von Elisabeth Edl

 

Carl Hanser Verlag

INHALT

 

 

 

Erster Teil

Zweiter Teil

Dritter Teil

Die Staatsanwaltschaft gegen Gustave Flaubert

 

ANHANG

 

Nachwort

Zur Ausgabe

Zu Sprache und Übersetzung

Die Streichungen der Revue de Paris

Charles Baudelaire: Madame Bovary

Zeittafel zur Biographie

Anmerkungen

 

Für

Marie-Antoine-Jules Senard

 

Mitglied der Anwaltskammer zu Paris

ehemaliger Präsident der Nationalversammlung

und vormaliger Innenminister

 

 

Teurer und erlauchter Freund,

 

gestatten Sie mir, Ihren Namen an den Anfang dieses

Buches und sogar noch vor die Widmung zu stellen;

denn Ihnen im besonderen verdanke ich seine

Veröffentlichung. Durch Ihr grandioses Plädoyer hat

mein Werk für mich selbst so etwas wie eine unverhoffte Autorität erlangt. Nehmen Sie darum hier den

Ausdruck meiner Dankbarkeit entgegen, die,

so groß sie auch sein mag, Ihrer Eloquenz und

Ihrer Hingabe niemals gerecht wird.

 

GUSTAVE FLAUBERT

 

Paris, den 12. April 1857

Anmerkungen

I.

Wir saßen im Arbeitssaal, als der Direktor hereintrat, gefolgt von einem Neuen in bürgerlichem Aufzug und einem Schuldiener, der ein großes Pult schleppte. Wer geschlafen hatte, erwachte, und jeder sprang hoch, wie aufgeschreckt beim Lernen.

Der Direktor gab ein Zeichen, wir sollten uns wieder setzen; dann wandte er sich an den Hilfslehrer:

»Monsieur Roger«, sagte er halblaut, »ich lege Ihnen diesen Schüler ans Herz, er kommt in die Quinta. Sind Fleiß und Betragen lobenswert, bleibt er bei den Großen, wo er dem Alter nach hingehört.«

Der Neue, im Winkel hinter der Tür stehengeblieben, so dass man ihn kaum sah, war ein Bursche vom Land, etwa fünfzehn und größer als irgendeiner von uns. Seine Haare waren auf der Stirn gerade abgeschnitten, wie bei einem Dorfkantor, er wirkte brav und sehr verlegen. Obwohl er keine breiten Schultern hatte, schien die Joppe aus grünem Tuch und mit schwarzen Knöpfen unterm Arm zu spannen, und durch die Schlitze an den Aufschlägen sah man rote Handgelenke, die es gewohnt waren, nackt zu sein. Die blaubestrumpften Beine steckten in einer gelblichen, von Trägern stramm hinaufgezogenen Hose. Er trug grobe, schlecht gewichste Nagelschuhe.

Nun begann das Abfragen des Stoffs. Er lauschte mit gespitzten Ohren, aufmerksam wie bei der Predigt, wagte nicht einmal die Schenkel übereinanderzuschlagen oder den Ellbogen aufzustützen, und um zwei, als die Glocke läutete, musste der Hilfslehrer ihn ermahnen, damit er sich mit uns in Reih und Glied stellte.

Wir hatten die Gewohnheit, beim Betreten des Klassenzimmers unsere Mützen auf den Boden zu werfen, um die Hände frei zu haben; bereits auf der Türschwelle musste man sie so unter die Bank schleudern, dass sie gegen die Mauer knallten und viel Staub aufwirbelten; das war in Mode.

Doch entweder war ihm der Trick nicht aufgefallen, oder er hatte sich nicht getraut mitzumachen, jedenfalls war das Gebet zu Ende und der Neue hielt seine Mütze noch immer auf dem Schoß. Es handelte sich um eine jener Kopfbedeckungen gemischter Natur, welche Elemente der Pelzkappe, der Tschapka, des runden Huts, der Otterfellkappe und der Zipfelmütze in sich vereinte, ja, um eines jener armseligen Dinger, deren stumme Hässlichkeit die gleiche ausdrucksvolle Tiefe besitzt wie das Gesicht eines Idioten. Eiförmig und durch Fischbeinstäbchen gewölbt, begann sie mit einem dreifachen Wurstring; dann kamen abwechselnd, durch ein rotes Band getrennt, Rauten aus Samt und Kaninchenfell; hierauf folgte eine Art Sack, der in einem pappverstärkten, mit kunstvoll gesticktem Litzenbesatz verzierten Vieleck endete, und daran baumelte, als Abschluss einer langen, allzu dünnen Kordel, ein kleines Goldfadenknäuel in Form einer Eichel. Die Mütze war neu; der Schirm glänzte.

»Stehen Sie auf«, sagte der Lehrer.

Er stand auf; seine Mütze fiel zu Boden. Die ganze Klasse lachte.

Er bückte sich, um sie aufzuheben. Ein Banknachbar stieß ihn mit dem Ellbogen, sie fiel ein zweites Mal, wieder las er sie auf.

»Legen Sie doch Ihren Helm ab«, sagte der Lehrer, denn er war ein geistreicher Mann.

Die Schüler brachen in schallendes Gelächter aus, was den armen Kerl so verwirrte, dass er nicht wusste, ob er seine Mütze in der Hand behalten sollte, auf dem Boden lassen oder aufsetzen. Er nahm wieder Platz und legte sie in den Schoß.

»Stehen Sie auf«, verlangte der Lehrer noch einmal, »und sagen Sie mir Ihren Namen.«

Der Neue nuschelte einen unverständlichen Namen.

»Noch einmal!«

Das gleiche Silbengenuschel war zu hören, übertönt vom Johlen der Klasse.

»Lauter!« schrie der Lehrer, »lauter!«

Da fasste sich der Neue ein Herz, riss den Mund sperrangelweit auf und brüllte, als riefe er jemanden, aus vollem Hals das Wort: Schahbovarie.

Sogleich erhob sich ein Heidenlärm, schwoll an im crescendo, mit schrillen Tönen (man kreischte, jaulte, trampelte, wiederholte: Schahbovarie! Schahbovarie!), grollte in vereinzelten Noten weiter, legte sich nur mühsam und brauste in einer Bankreihe immer wieder plötzlich auf, wenn hier und dort, wie ein schlecht gelöschter Knallfrosch, ersticktes Lachen hervorsprang.

Unter dem Hagel von Strafarbeiten kehrte jedoch langsam Ordnung ein in der Klasse, und als der Lehrer endlich den Namen Charles Bovary verstand, nachdem er ihn sich hatte diktieren lassen, buchstabieren und repetieren, befahl er dem armen Teufel stante pede, sich in die Eselsbank zu setzen, gleich vor den Katheder. Der gab sich einen Ruck, zögerte jedoch, bevor er losging.

»Was suchen Sie?« fragte der Lehrer.

»Meine Mü…«, antwortete zaghaft der Neue mit ängstlich wanderndem Blick.

»Fünfhundert Verse, die ganze Klasse!« mit zorniger Stimme gerufen, unterdrückte, wie das Quos ego, einen neuerlichen Sturm. »Geben Sie doch Frieden!« fuhr der aufgebrachte Lehrer fort und wischte sich die Stirn mit einem Taschentuch, das er aus seiner Kappe gezogen hatte: »Und Sie, Neuer, Sie schreiben mir zwanzigmal das Verb ridiculus sum

Dann, mit sanfterer Stimme:

»Na! Die finden Sie schon wieder, Ihre Mütze; die ist nicht gestohlen!«

Alles wurde ruhig. Die Köpfe beugten sich über Schulmappen, und der Neue saß zwei Stunden in beispielhafter Haltung, obwohl von Zeit zu Zeit das eine oder andere Papierkügelchen aus einer Federspitze geflogen kam und auf sein Gesicht klatschte. Doch er wischte sich mit der Hand ab und verharrte reglos, den Blick gesenkt.

Am Abend, im Arbeitssaal, zog er seine Ärmelschoner aus dem Pult, brachte seine Siebensachen in Ordnung, linierte sorgfältig sein Papier. Wir sahen, wie er gewissenhaft lernte, alle Vokabeln im Wörterbuch nachschlug und sich große Mühe gab. Dem guten Willen, den er an den Tag legte, hatte er es wohl zu verdanken, dass er nicht in die niedrigere Klasse abstieg; denn auch wenn er die Regeln leidlich beherrschte, fehlte ihm doch jede Eleganz im Ausdruck. Der Pfarrer seines Dorfes hatte ihm Grundkenntnisse in Latein beigebracht, da seine Eltern ihn aus Sparsamkeit erst möglichst spät auf die Schule schicken wollten.

Sein Vater, Monsieur Charles-Denis-Bartholomé Bovary, ehemaliger Hilfschirurg der Armee, um 1812 in eine Affäre bei Truppenaushebungen verstrickt und um dieselbe Zeit gezwungen, den Dienst zu quittieren, hatte sich damals seine persönlichen Vorzüge zunutze gemacht, um nebenbei eine Mitgift von sechzigtausend Franc einzustreichen, die sich in Gestalt der Tochter eines Wirk- und Strickwarenhändlers darbot, denn diese hatte sich in seine elegante Erscheinung verliebt. Ein stattlicher Mann, Angeber mit laut klirrenden Sporen, einem Backenbart, der in den Schnauzer überging, stets glitzernde Ringe an den Fingern und in auffällige Farben gekleidet, wirkte er wie ein kühner Recke mit der aufgeräumten Laune eines Handlungsreisenden. Nach der Heirat lebte er zwei oder drei Jahre vom Vermögen seiner Frau, dinierte gut, erhob sich spät, rauchte aus großen Porzellanpfeifen, ging abends erst nach dem Theater heim und besuchte regelmäßig Kaffeehäuser. Der Schwiegervater starb und hinterließ wenig; er war empört, stürzte sich ins Geschäft, verlor ein bisschen Geld und zog sich zurück aufs Land, das er bewirtschaften wollte. Da er von Ackerbau jedoch genauso wenig verstand wie von bedruckten Baumwollstoffen, seine Pferde ritt, anstatt sie zum Pflügen aufs Feld zu schicken, seinen Apfelwein flaschenweise trank, anstatt ihn fassweise zu verkaufen, das schönste Geflügel auf seinem Hof verspeiste und die Jagdstiefel mit dem Speck seiner Schweine einfettete, merkte er bald, dass es besser war, Schluss zu machen mit dem Spekulieren.

Für zweihundert Franc Miete jährlich fand er in einem Dorf, an der Grenze zwischen Pays de Cau und Picardie, eine Bleibe, halb Bauernhof, halb Gutshaus; und griesgrämig, von Reue geplagt, den Himmel verklagend, neidisch auf alle Welt, igelte er sich mit fünfundvierzig Jahren ein, angewidert von den Menschen, sagte er, und entschlossen, in Frieden zu leben.

Seine Frau war dereinst nach ihm verrückt gewesen; sie hatte ihn geliebt mit tausend Unterwürfigkeiten, die ihn noch stärker von ihr entfernt hatten. Früher einmal fröhlich, offenherzig und liebevoll, war sie mit zunehmendem Alter (so wie abgestandener Wein zu Essig) unverträglich geworden, zänkisch, nervös. Zuerst hatte sie viel gelitten, ohne zu klagen, wenn sie ihn allen Dorfschlampen hinterherlaufen sah und die zahllosen Spelunken ihn ihr abends zurückschickten, stumpf und stinkend vom Suff! Dann hatte ihr Stolz rebelliert. Von nun an hatte sie geschwiegen, ihre Wut heruntergeschluckt mit stummem Gleichmut, und den bewahrte sie bis zu seinem Tod. Sie war ständig unterwegs, geschäftig. Sie lief zu den Anwälten, zum Gerichtspräsidenten, wusste stets, wann ein Wechsel fällig war, erwirkte Aufschübe; und zu Hause bügelte sie, nähte, wusch, überwachte die Arbeiter, zahlte die Rechnungen, während Monsieur, der sich um nichts scherte, der immerzu in schmollender Trägheit dahindämmerte und bloß erwachte, um ihr etwas Unfreundliches zu sagen, rauchend vor dem Kaminfeuer saß und in die Asche spuckte.

Als sie ein Kind bekam, musste es zu einer Amme gegeben werden. Wieder bei ihnen zu Hause, wurde der Bengel verwöhnt wie ein Prinz. Seine Mutter fütterte ihn mit eingemachtem Obst, sein Vater ließ ihn barfuß laufen und sagte sogar, um den Philosophen zu spielen, er könne genausogut nackt bleiben wie Tierkinder. In Widerspruch zu den mütterlichen Neigungen hatte er ein männliches Kindheitsideal im Kopf, nach dem er seinen Sohn zu erziehen trachtete, er wollte ihn hart anfassen, mit spartanischer Strenge, um seine Konstitution zu kräftigen. Er schickte ihn ohne Feuer zu Bett, brachte ihm bei, Rum in großen Schlucken zu trinken und Prozessionen zu beschimpfen. Da der Kleine aber von Natur aus friedfertig war, schlugen seine Bemühungen fehl. Die Mutter schleppte ihn ständig mit sich herum; sie bastelte ihm Pappfiguren, erzählte ihm Geschichten, unterhielt sich mit ihm in endlosen Monologen voll melancholischer Scherze und plappernder Schmeicheleien. In der Einsamkeit ihres Lebens übertrug sie auf das Haupt dieses Kindes all ihre verflogenen, zu Bruch gegangenen Wünsche. Sie träumte von hohen Stellungen, sah ihn groß, schön, geistreich, gutbestallt, im Brücken- und Straßenbauwesen oder im Richteramt. Sie brachte ihm Lesen bei und sang mit ihm an einem alten Klavier sogar zwei oder drei kleine Liebeslieder. Doch Monsieur Bovary, der nichts übrig hatte für Literatur, sagte zu all dem, es sei die Mühe nicht wert! Würden sie jemals genug Geld haben, um ihm die staatlichen Schulen zu bezahlen, ein Amt zu kaufen oder ein Geschäft? Außerdem, mit Frechheit kommt ein Mann in der Welt immer nach oben. Madame Bovary biss sich auf die Lippen, und der Junge strolchte durchs Dorf.

Er lief den Ackersleuten hinterher und warf Erdklumpen nach den Raben, die davonflogen. Er aß Brombeeren an den Straßengräben, hütete mit einem langen Stock die Puter, half beim Heuwenden, rannte durch den Wald, spielte an Regentagen unterm Kirchenportal Himmel und Hölle und bettelte an hohen Festtagen, bis der Kirchdiener ihn die Glocken läuten ließ, so dass er sich mit dem ganzen Körper an das lange Seil hängen konnte und vom ihm hochgezogen wurde in seinem Schwung.

So wuchs er wie eine Eiche. Er hatte jetzt kräftige Hände, gesunde Farben.

Als er zwölf war, erreichte seine Mutter, dass er Unterricht bekam. Er wurde dem Pfarrer anvertraut. Aber die Stunden waren so kurz und unregelmäßig, dass sie kaum etwas nützten. Sie wurden in der Sakristei abgehalten, wann gerade Zeit war, im Stehen, flüchtig, zwischen Taufe und Begräbnis; oder der Pfarrer ließ seinen Schüler nach dem Angelus holen, wenn er nicht mehr aus dem Haus musste. Sie gingen hinauf in sein Zimmer, setzten sich: Mücken und Nachtfalter umflatterten die Kerze. Es war heiß, das Kind schlief ein; und der gute Mann döste vor sich hin, die Hände überm Bauch gefaltet, und schnarchte bald mit offenem Mund. Ein andermal, wenn der Herr Pfarrer auf dem Heimweg von einem Kranken in der Umgebung, dem er die Letzte Ölung gespendet hatte, Charles über die Felder streunen sah, dann rief er ihn zu sich, tadelte ihn eine Viertelstunde, nutzte die Gelegenheit und ließ ihn unter einem Baum Verben konjugieren. Der Regen unterbrach sie oder ein Bekannter, der vorüberkam. Ansonsten war er stets mit ihm zufrieden, sagte sogar, der junge Mann besitze ein gutes Gedächtnis.

So konnte es nicht weitergehen mit Charles. Madame wurde energisch. Weil er sich schämte oder weil er kapitulierte, gab Monsieur widerstandslos nach, und man wartete noch das eine Jahr, bis der Junge die Erstkommunion hinter sich hatte.

Nochmals vergingen sechs Monate; und im folgenden Jahr wurde Charles endgültig aufs Collège nach Rouen geschickt, wo sein Vater ihn persönlich gegen Ende Oktober hinbrachte, um die Zeit des Romanus-Marktes.

Heute wäre es keinem von uns mehr möglich, sich auch nur im geringsten an ihn zu erinnern. Er war ein Bursche mit ausgeglichenem Temperament, der in den Pausen spielte, im Arbeitssaal lernte, im Unterricht zuhörte, im Schlafsaal gut schlief, im Speisesaal gut aß. Seine Vertrauensperson am Ort war ein Eisenwarengrossist aus der Rue Ganterie, der ihn einmal im Monat abholte, sonntags, wenn sein Laden geschlossen war, ihn auf einen Spaziergang zum Hafen schickte, die Schiffe anschauen, und gegen sieben ins Collège zurückbrachte, noch vor dem Essen. Jeden Donnerstagabend schrieb er einen langen Brief an seine Mutter, mit roter Tinte und drei Siegeloblaten; dann sah er seine Geschichtshefte noch einmal durch oder las in einem alten Band des Anacharsis, der im Arbeitssaal herumlag. Bei den Spaziergängen redete er mit dem Diener, der vom Land kam wie er.

Durch beständigen Fleiß hielt er sich stets im Klassenmittel; einmal bekam er sogar ein erstes Accessit in Naturgeschichte. Doch am Ende der Tertia nahmen seine Eltern ihn vom Collège, damit er Medizin studiere, überzeugt, er könne es allein schaffen bis zum Bakkalaureat.

Seine Mutter mietete ihm ein Zimmer, im vierten Stock, über der Eau-de-Robec, bei einem Färber aus ihrer Bekanntschaft. Sie verhandelte Kost und Logis, besorgte Möbel, einen Tisch und zwei Stühle, ließ von zu Hause ein altes Bett aus Kirschbaumholz kommen und kaufte außerdem ein gusseisernes Öfchen, nebst dem Holzvorrat, der ihr armes Kind wärmen sollte. Am Ende der Woche fuhr sie weg, nach tausend Ermahnungen, sich anständig aufzuführen, denn jetzt war er sich selbst überlassen.

Das Verzeichnis der Vorlesungen, das er am Anschlagbrett las, machte ihn schwindlig: Vorlesung in Anatomie, Vorlesung in Pathologie, Vorlesung in Physiologie, Vorlesung in Pharmazie, Vorlesung in Chemie und dazu noch Botanik und Klinik und Therapeutik, ganz zu schweigen von Hygiene und Arzneimittelkunde, lauter Namen, deren Etymologien er nicht kannte und die vor ihm aufragten wie Tore zu Heiligtümern voll erhabener Finsternis.

Er begriff nichts; auch wenn er noch so aufmerksam zuhörte, er verstand kaum etwas. Obwohl er lernte, Hefte mit schönem Umschlag besaß, alle Vorlesungen besuchte, keine einzige Visite versäumte. Sein tägliches kleines Pensum erfüllte er wie ein Dressurpferd, das mit verbundenen Augen im Kreis läuft und nicht weiß, welche Arbeit es da verrichtet.

Um Ausgaben zu vermeiden, schickte ihm seine Mutter jede Woche mit dem Boten ein Stück Kalbsbraten aus dem Rohr, den er am Morgen aß, wenn er vom Hospital kam, und zum Aufwärmen stampfte er mit den Füßen gegen die Wand. Anschließend musste er in den Unterricht laufen, in den Hörsaal, ins Hospiz und hinterher durch all die Straßen wieder zurück. Abends, nach dem kärglichen Essen bei seinem Vermieter, ging er hinauf in sein Zimmer und setzte sich nochmal ans Lernen, in feuchten Kleidern, die vor dem glühenden Ofen an seinem Körper dampften.

An schönen Sommerabenden, wenn die lauen Straßen verlassen sind und Dienstmägde vor den Haustüren Federball spielen, öffnete er sein Fenster und lehnte sich hinaus. Der Fluss, der aus diesem Viertel von Rouen ein widerwärtiges kleines Venedig macht, strömte tief unter ihm, gelb, violett oder blau, zwischen seinen Brücken und seinen Rechen. Arbeiter hockten am Ufer und wuschen sich die Arme im Wasser. An Stangen, die oben aus den Speichern ragten, trockneten Stränge Baumwollgarn in der Luft. Gegenüber, jenseits der Dächer, erstreckte sich der weite klare Himmel, mit der untergehenden roten Sonne. Wie angenehm es dort sein musste! Wie kühl im Buchenhain! Und er blähte die Nüstern, um die ländlichen Wohlgerüche einzuatmen, die nicht bis zu ihm drangen.

Er magerte ab, wurde größer, und sein Gesicht bekam einen leidenden Ausdruck, der machte es fast interessant.

Ganz unabsichtlich, aus Nachlässigkeit, löste er sich mit der Zeit von all den guten Vorsätzen, die er gefasst hatte. Einmal versäumte er die Visite, am nächsten Tag die Vorlesung, und da er das Faulenzen genoss, ging er schließlich überhaupt nicht mehr hin.

Er gewöhnte sich an, im Wirtshaus zu sitzen, und spielte mit Leidenschaft Domino. Jeden Abend in einem schmutzigen öffentlichen Lokal zu verbringen und dort kleine, mit schwarzen Punkten bemalte Schafsknochen auf Marmortische zu knallen schien ihm ein kostbarer Beweis seiner Freiheit und steigerte seine Selbstachtung. Es war eine Art Einführung in die Welt, der Zugang zu verbotenen Freuden; und wenn er beim Eintreten die Hand auf den Türknauf legte, spürte er fast sinnliche Lust. Viele in ihm unterdrückte Dinge entfalteten sich nun; er lernte Couplets auswendig, die er bei Festgelagen sang, begeisterte sich für Béranger, konnte Punsch zubereiten und erlebte endlich die Liebe.

Dank dieser Vorarbeiten fiel er mit Pauken und Trompeten durch die Prüfung zum Sanitätsbeamten. Am Abend desselben Tages erwartete man ihn zu Hause und wollte seinen Erfolg feiern!

Er machte sich zu Fuß auf den Weg und ging nur bis zum Dorfeingang, ließ seine Mutter holen, erzählte ihr alles. Sie fand Ausreden, wälzte die Schuld für sein Scheitern auf die ungerechten Prüfer und stärkte ihn ein wenig, indem sie versprach, die Sache in Ordnung zu bringen. Erst fünf Jahre später erfuhr Monsieur Bovary die Wahrheit; sie war alt, er nahm sie hin, denn er konnte sich auch gar nicht vorstellen, sein Fleisch und Blut sei ein Dummkopf.

Charles machte sich also wieder ans Lernen und bereitete ohne Unterlass seine Prüfungsfächer vor, indem er alle Fragen vorab auswendig lernte. Er bestand mit einer recht guten Note. So ein schöner Tag für seine Mutter! Man lud zu einem großen Essen.

Wo sollte er seine Kunst ausüben? In Tostes. Dort gab es nur einen alten Arzt. Lange schon wartete Madame Bovary auf seinen Tod, und der gute Mann war noch nicht abgetreten, da hatte Charles sich bereits auf der anderen Straßenseite niedergelassen, als Nachfolger.

Doch es war nicht genug, dass sie ihren Sohn großgezogen, ihm das medizinische Studium ermöglicht und Tostes als Wirkungsstätte entdeckt hatte: Er brauchte eine Frau. Sie fand ihm eine: die Witwe eines Gerichtsvollziehers aus Dieppe, die fünfundvierzig Jahre zählte und Einkünfte von zwölfhundert Livre.

Obwohl hässlich, dürr wie ein Reisigbündel und voll knospender Pickel wie ein Frühlingsstrauch, fehlte es Madame Dubuc nicht an Bewerbern. Um ans Ziel zu gelangen, musste Madame Bovary alle anderen ausstechen, ja, sie durchkreuzte sogar äußerst geschickt die Intrigen eines Metzgers, den die Priesterschaft unterstützte.

Charles hatte von der Ehe den Beginn eines besseren Lebens erhofft, geglaubt, er werde freier sein und könne über sich und sein Geld verfügen. Doch seine Frau war Herr im Haus; in Gesellschaft durfte er dies sagen und jenes nicht, er musste freitags fasten, sich kleiden, wie sie es wollte, auf ihre Anordnung hin Patienten drängen, die nicht bezahlten. Sie öffnete seine Briefe, spionierte ihm hinterher und lauschte an der Trennwand, wenn er in seinem Arbeitszimmer Sprechstunde hielt und Frauen kamen.

Sie verlangte jeden Morgen ihre Schokolade, Rücksicht ohne Ende. Ständig jammerte sie über ihre Nerven, ihre Brust, ihre Gemütszustände. Das Geräusch von Schritten tat ihr weh; ging man fort, wurde die Einsamkeit ihr unerträglich; kehrte man zurück, war es doch nur, um sie sterben zu sehen. Abends, wenn Charles nach Hause kam, streckte sie ihre langen, mageren Arme unter den Laken hervor, schlang sie um seinen Hals, zwang ihn, sich auf den Bettrand zu setzen, und klagte ihr Leid: Er vernachlässigte sie, er liebte eine andere! Man hatte ihr ja vorausgesagt, dass sie unglücklich würde; und am Ende bat sie um irgendeinen Saft für die Gesundheit und ein bisschen mehr Liebe.

 

Anmerkungen

 

II.

Eines Nachts, gegen elf, wurden sie vom Hufschlag eines Pferdes geweckt, das genau vor ihrer Tür stehenblieb. Das Dienstmädchen öffnete die Dachluke und verhandelte eine Weile mit dem Mann, der unten auf der Straße wartete. Er kam den Arzt holen; er hatte einen Brief. Nastasie ging vor Kälte zitternd die Treppe hinunter und öffnete Schloss und Riegel, eins nach dem anderen. Der Mann ließ sein Pferd stehen, folgte dem Dienstmädchen und trat plötzlich hinter ihr ins Schlafzimmer. Aus seiner Wollmütze mit grauen Quasten zog er ein Schreiben hervor, das in ein Tuch gewickelt war, und überreichte es taktvoll Charles, der sich zum Lesen auf sein Kopfkissen stützte. Nastasie stand neben dem Bett und hielt das Licht. Madame hatte sich aus Schamhaftigkeit zur Wand gedreht und zeigte den Rücken.

Dieses Schreiben, versiegelt mit einem kleinen Siegel aus blauem Wachs, ersuchte Monsieur Bovary inständig, sofort auf das Gehöft Les Bertaux zu kommen, um ein gebrochenes Bein einzurichten. Nun sind es aber von Tostes nach Les Bertaux gut sechs Meilen, über Longueville und Saint-Victor. Die Nacht war tiefschwarz. Die junge Madame Bovary hatte Angst, ihrem Mann könnte etwas zustoßen. Also wurde beschlossen, der Stallknecht solle vorausreiten. Charles würde drei Stunden später aufbrechen, sobald der Mond am Himmel stand. Man würde ihm einen Jungen entgegenschicken, der ihn zum Gehöft führen und die Umzäunungen öffnen sollte.

Gegen vier Uhr morgens machte sich Charles, gut eingewickelt in seinen Mantel, auf nach Les Bertaux. Noch ganz benommen von der Wärme des Schlafes, ließ er sich wiegen im ruhigen Trab seines Tieres. Wenn es von allein stehenblieb vor den mit Dornbüschen umwachsenen Löchern, die man entlang der Ackerfurchen gräbt, schreckte Charles hoch, erinnerte sich schnell an das gebrochene Bein und versuchte sich alle Brüche, die er kannte, wieder ins Gedächtnis zu rufen. Es hatte aufgehört zu regnen; langsam wurde es Tag, und auf den Zweigen der kahlen Apfelbäume saßen reglos Vögel und plusterten ihre kleinen Federn im kalten Morgenwind. Das flache Land erstreckte sich ins Unendliche, und die Baumgruppen rund um die Gehöfte bildeten, in großen Abständen, schwarzviolette Flecken auf dieser weiten grauen Fläche, die sich am Horizont in der Trübnis des Himmels verlor. Von Zeit zu Zeit öffnete Charles die Augen; weil aber sein Geist ermüdete und die Schläfrigkeit von allein zurückkam, verfiel er bald wieder in ein Dösen, wo jüngste Eindrücke verschmolzen mit Erinnerungen und er sich doppelt wahrnahm, als Student und als verheirateter Mann, in seinem Bett liegend wie vorhin, durch einen Saal mit Operierten schreitend wie einst. Der warme Geruch von Umschlägen vermischte sich in seinem Kopf mit dem herben Geruch des Taus; er hörte die Eisenringe an den Betten über ihre Stange rollen und seine Frau schlafen … Als er durch Vassonville kam, saß dort neben einem Graben ein Bürschchen im Gras.

»Sind Sie der Arzt?« fragte das Kind.

Und nachdem Charles geantwortet hatte, nahm es seine Holzpantinen in die Hand und lief voraus.

Unterwegs erfuhr der Sanitätsbeamte aus den Reden seines Führers, dass Monsieur Rouault ein sehr wohlhabender Landwirt sein musste. Er hatte sich am Vorabend das Bein gebrochen, als er von einem Nachbarn kam, wo sie Dreikönige gefeiert hatten. Seine Frau war seit zwei Jahren tot. Er hatte nur sein Fräulein bei sich, das ihm half, den Haushalt zu besorgen.

Die Radspuren wurden tiefer. Sie kamen nach Les Bertaux. Der kleine Kerl schlüpfte durch ein Loch in der Hecke, verschwand, tauchte dann hinten in einem Hof wieder auf und öffnete das Gatter. Das Pferd schlitterte auf dem nassen Gras; Charles zog den Kopf ein unter den Ästen. Die Wachhunde in ihrer Hütte bellten und zerrten an der Kette. Als er in Les Bertaux einritt, scheute sein Pferd und tat einen großen Sprung.

Es war ein stattliches Gehöft. In den Ställen sah man durch die offenen Türoberhälften schwere Ackergäule, die friedlich aus neuen Futterkrippen fraßen. Die Gebäude säumte ein breiter Misthaufen, Dampf stieg von ihm hoch, und zwischen den Hennen und Putern pickten fünf oder sechs Pfauen, ein Luxus in den Hühnerhöfen des Pays de Caux. Der Schafstall war lang, die Scheune war hoch, ihr Mauerwerk glatt wie die Hand. Unter dem Schuppendach standen zwei große Karren und vier Pflüge, nebst ihren Peitschen, ihren Kummeten, ihrem gesamten Zubehör, und die blauen Wolldecken verschmutzten im feinen, von den Speichern herabrieselnden Staub. Der Hof stieg leicht an, bepflanzt mit symmetrisch gruppierten Bäumen, und vom Tümpel her drang das fröhliche Geschnatter einer Gänseschar.

Eine junge Frau im blauen Merinokleid mit drei Volants trat vor die Haustür, um Monsieur Bovary zu empfangen, führte ihn in die Küche, wo ein kräftiges Feuer brannte. Das Frühstück des Gesindes brodelte ringsum in verschieden großen Töpfchen. Feuchte Kleidung trocknete im Inneren des Kamins. Das Schäufelchen, die Zangen und der Schnabel des Blasebalgs, alles riesengroß, glänzten wie blanker Stahl, und an den Wänden hing eine üppige Batterie von Kochgeschirr, in dem sich ungleichmäßig die helle Flamme des Kaminfeuers spiegelte, zusammen mit dem ersten Sonnenlicht, das durch die Fensterscheiben drang.

Charles ging hinauf in den ersten Stock, um nach dem Kranken zu sehen. Der lag im Bett, unter seinen Decken schwitzend, die Zipfelmütze weit von sich geworfen. Er war ein dicker kleiner Mann von fünfzig Jahren, mit weißer Haut, blauen Augen, einer Stirnglatze, und er trug Ohrringe. Neben ihm, auf einem Stuhl, stand eine große Karaffe mit Schnaps, von dem er sich immer wieder eingoss, zur Herzstärkung und Labung; doch sowie er den Arzt sah, verflog seine Aufregung, und anstatt zu fluchen, wie er das seit zwölf Stunden tat, begann er leise zu wimmern.

Der Bruch war einfach, ohne irgendwelche Komplikationen. Charles hätte sich keinen simpleren zu wünschen gewagt. Also rief er sich das Auftreten seiner Lehrmeister an den Betten Verletzter in Erinnerung, tröstete den Patienten mit allerlei guten Worten, chirurgischem Gekraule, das wirkt wie Öl beim Schmieren der Skalpelle. Da er Schienen brauchte, holte man aus dem Wagenschuppen einen Stapel Holzlatten. Charles suchte sich eine aus, schnitt sie in Stücke und glättete sie mit einem Glasscherben, während die Magd Laken in Streifen riss und Mademoiselle Emma sich mühte, kleine Polster zu nähen. Als sie ihre Nadelbüchse nicht sogleich fand, wurde ihr Vater ärgerlich; sie erwiderte nichts; doch beim Nähen stach sie sich in die Finger, steckte sie dann in den Mund und lutschte.

Charles überraschten ihre weißen Fingernägel. Sie waren glänzend, zart an den Spitzen, sorgfältiger gereinigt als die Elfenbeinfiguren aus Dieppe und mandelförmig geschnitten. Ihre Hand dagegen war unschön, vielleicht nicht hell genug und an den Knöcheln zu dürr; sie war auch zu lang, und an den Rändern fehlten ihr die weichen Rundungen. Schön an ihr waren die Augen; obwohl braun, wirkten sie schwarz wegen der Wimpern, und ihr offener Blick begegnete einem mit unschuldiger Kühnheit.

Als der Verband angelegt war, wurde der Arzt von Monsieur Rouault eingeladen, vor dem Heimweg noch einen Happen zu essen.

Charles ging hinunter in den großen Raum im Erdgeschoss. Zwei Gedecke mit silbernen Bechern waren auf einem kleinen Tisch vorbereitet, am Fußende eines großen Himmelbetts, umhüllt von Baumwollstoff mit aufgedruckten Figuren, die Türken vorstellten. In der Luft hing ein Geruch von Iris und feuchten Laken, er kam aus dem hohen Eichenschrank gegenüber dem Fenster. Auf dem Fußboden, in den Ecken, standen aneinandergereiht Säcke voller Getreide. Sie hatten nicht mehr hineingepasst in den angrenzenden Speicher, zu dem man über drei Steinstufen gelangte. Als Schmuck dieser Wohnung hing an einem Nagel in der Mitte der Wand, deren grüne Farbe unter dem Salpeter abblätterte, ein mit Bleistift gezeichneter Minervakopf im Goldrahmen, unter dem in altertümlichen Lettern geschrieben stand: »Meinem lieben Papa«.

Zunächst sprach man über den Kranken, dann über das Wetter, die strenge Kälte, die Wölfe, die nachts durch Feld und Flur strichen. Mademoiselle Rouault machte das Landleben keinen Spaß, vor allem jetzt, wo die Sorge um das Gehöft fast ganz auf ihr lastete. Da es kühl war in dem Raum, zitterte sie beim Essen, was ihre vollen Lippen ein wenig zur Geltung brachte, an denen sie, wann immer sie schwieg, aus Gewohnheit nagte.

Ihren Hals umschloss ein weißer Umlegekragen. Ihr schwarzes Haar in den zwei breiten Streifen, auf jeder Seite so glatt wie aus einem Guss, wurde in der Mitte des Kopfes von einer feinen Linie gescheitelt, die der Schädelwölbung folgte und noch ein Stück weiter lief; die Ohrläppchen sahen gerade noch hervor, dann war es im Nacken zu einem üppigen Knoten zusammengefasst, mit einer geschwungenen Welle an den Schläfen, die dem Landarzt hier zum ersten Mal in seinem Leben auffiel. Ihre Wangen waren zartrosa. Sie trug, wie ein Mann, zwischen zwei Knöpfe ihrer Bluse gesteckt, ein Lorgnon aus Schildpatt.

Als Charles sich oben von Vater Rouault verabschiedet hatte und vor dem Aufbruch noch einmal in den großen Raum trat, stand sie am Fenster, die Stirn gegen die Scheibe gedrückt, und blickte hinaus in den Garten, wo der Wind die Bohnenstangen umgelegt hatte. Sie drehte sich zu ihm.

»Suchen Sie etwas?« fragte sie.

»Meine Reitpeitsche, bitte«, antwortete er.

Und er begann überall zu stöbern, auf dem Bett, hinter den Türen, unter den Stühlen; sie war auf den Boden gefallen, zwischen Säcke und Mauer. Mademoiselle Emma hatte sie entdeckt; sie beugte sich über die Getreidesäcke. Charles wollte höflich sein, stürzte herbei, und als er in gleicher Absicht ebenfalls den Arm ausstreckte, spürte er, wie seine Brust den Rücken des jungen Mädchens streifte, das sich unter ihm bückte. Mit rotem Kopf richtete sie sich auf und blickte über die Schulter, in der Hand seinen Ochsenziemer.

Anstatt drei Tage darauf wieder nach Les Bertaux zu kommen, wie er versprochen hatte, erschien er bereits am nächsten Tag, dann regelmäßig zweimal pro Woche, die überraschenden Besuche nicht mitgerechnet, die er von Zeit zu Zeit machte, wie aus Versehen.

Übrigens ging alles gut; die Heilung verlief erwartungsgemäß, und als man nach sechsundvierzig Tagen sah, dass Vater Rouault auf seiner Masure ganz allein erste Schritte machte, begann man Monsieur Bovary für einen äußerst fähigen Mann zu halten. Vater Rouault sagte jedem, besser hätten ihn auch die vortrefflichsten Ärzte aus Yvetot oder sogar aus Rouen nicht kurieren können.

Charles fragte sich kein bisschen, warum er so gern nach Les Bertaux ritt. Hätte er nachgedacht, er würde seinen Eifer sicher auf den schwierigen Fall zurückgeführt haben oder vielleicht auf den Gewinn, den er sich erhoffte. Lag es aber wirklich an diesen Dingen, dass seine Besuche auf dem Gehöft unter den armseligen Beschäftigungen seines Lebens eine bezaubernde Ausnahme bildeten? An solchen Tagen erhob er sich früh, galoppierte davon, trieb sein Tier zur Eile, stieg schließlich ab, um sich im Gras die Füße zu reinigen, und streifte seine schwarzen Handschuhe über, bevor er einritt. Er mochte es, wenn er in den Hof kam, an seiner Schulter das Gatter spürte, das aufschwang, und er mochte den Hahn, der auf der Mauer krähte, die Burschen, die herbeiliefen. Er mochte Scheune und Pferdeställe; er mochte Vater Rouault, der ihm kräftig die Hand drückte und ihn seinen Retter nannte; er mochte Mademoiselle Emmas kleine Holzpantinen auf den gescheuerten Fliesen der Küche; die hohen Absätze machten sie etwas größer, und wenn sie vor ihm herging, schlugen die rasch auf und ab wippenden Sohlen mit hartem Klackern gegen das Leder der Stiefelchen.

Sie begleitete ihn stets bis zur ersten Stufe der Außentreppe. Wenn sein Pferd noch nicht bereitstand, wartete sie. Man hatte sich voneinander verabschiedet, redete nichts mehr; die frische Luft umfing sie, blies ihre flaumigen kleinen Nackenhaare durcheinander oder zerrte an den Schürzenbändern, die über ihren Hüften flatterten wie Fähnchen. Einmal, bei Tauwetter, nässelten die Baumrinden im Hof, der Schnee auf den Dächern der Gebäude schmolz. Sie stand in der Tür; sie ging ihren Sonnenschirm holen, öffnete ihn. Der Schirm aus taubenblauer Seide, den Sonnenstrahlen durchdrangen, warf ein bebendes Schillern auf die weiße Haut ihres Gesichts. Sie lächelte darunter in der lauen Wärme; und man hörte die Wassertropfen einen nach dem anderen auf das gespannte Moiré fallen.

In der ersten Zeit, da Charles Les Bertaux aufsuchte, erkundigte sich die junge Madame Bovary stets nach dem Kranken, und sie hatte in ihrem Ausgaben-Einnahmen-Buch für Monsieur Rouault sogar ein schönes leeres Blatt genommen. Als sie jedoch hörte, dass er eine Tochter hatte, betrieb sie Nachforschung; sie erfuhr, dass Mademoiselle Rouault im Kloster, bei den Ursulinen, zur Schule gegangen war und, wie man so sagt, eine gute Erziehung genossen hatte, dass sie sich demzufolge auf Tanzen, Geographie, Zeichnen, Stickerei und Klavierspiel verstand. Das war die Krönung!

»Deshalb«, sagte sie sich, »strahlt sein Gesicht, wenn er zu ihr reitet, und deshalb trägt er seine neue Weste, auch wenn er Gefahr läuft, sie bei Regen zu verderben? Oh! diese Frau! diese Frau! …«

Und instinktiv war sie ihr verhasst. Zunächst machte sie sich durch Anspielungen Luft, Charles verstand sie nicht; später durch beiläufige Sticheleien, die er aus Angst vor einem Donnerwetter überhörte; schließlich durch scharfe Anwürfe, auf die er nichts zu entgegnen wusste. – Warum ritt er immer wieder nach Les Bertaux, wo Monsieur Rouault doch geheilt war und diese Leute bisher nicht gezahlt hatten? Ja! weil dort eine Person war, jemand, der zu plaudern verstand, eine Aufschneiderin, ein Schöngeist. Das war es, was er liebte: er brauchte Stadtfräuleins! – Und sie fuhr fort:

»Die Tochter von Vater Rouault, ein Stadtfräulein! Du liebe Güte! der Großvater war Schafhirte, und einen Cousin haben die, der wäre beinahe vors Schwurgericht gekommen wegen eines hinterhältigen Schlags bei einem Streit. Da besteht wahrlich kein Grund, so vornehm zu tun oder sonntags im Seidenkleid zur Kirche zu gehen, wie eine Gräfin. Ein armer Mann übrigens, der ohne die Rapsernte vom letzten Jahr nicht gewusst hätte, wie er seine Rückstände zahlen soll!«

Zermürbt unterließ Charles seine Besuche in Les Bertaux. Héloïse hatte ihm den Schwur abgerungen, dass er nicht mehr hinreiten werde, die Hand auf dem Messbuch, nach vielen Tränen und Küssen, in einem großen Liebessturm. Er gehorchte also; die Kühnheit seines Begehrens wehrte sich jedoch gegen die Unterwürfigkeit seines Verhaltens, und durch eine Art von naiver Heuchelei meinte er, das Verbot, sie zu sehen, gebe ihm ein Recht, sie zu lieben. Und außerdem war die Witwe mager; sie war ein Raffzahn; sie trug zu jeder Jahreszeit einen kleinen schwarzen Shawl, dessen Zipfel ihr zwischen den Schulterblättern baumelte; ihr vertrockneter Körper steckte in zu kurzen futteralartigen Kleidern, unter denen ihre Knöchel hervorschauten, mitsamt den breiten Schuhschleifen, die sich über grauen Strümpfen ineinanderschlangen.

Charles’ Mutter kam hin und wieder zu Besuch; nach wenigen Tagen jedoch schien die Schwiegertochter sie an ihrer Klinge scharfzuwetzen; und wie zwei Messer traktierten sie ihn dann mit ihren Sticheleien und Tadeleien. Es war falsch, so viel zu essen! Warum immer gleich jeden Erstbesten auf ein Gläschen einladen? Wie eigensinnig von ihm, er wollte keine Flanellunterwäsche!

Zu Frühlingsbeginn geschah es, dass ein Notar aus Ingouville, Vermögensverwalter der Witwe Dubuc, bei schönster Flut die Segel hisste und alles Geld seiner Kanzlei mitnahm. Zwar besaß Héloïse, neben einem auf sechstausend Franc geschätzten Schiffsanteil, noch ihr Haus in der Rue Saint-François; von diesem ganzen Reichtum, mit dem man so auf die Pauke gehauen hatte, war allerdings nichts aufgetaucht in der gemeinsamen Wirtschaft als ein bisschen Mobiliar und altes Gelumpe. Die Sache verlangte nach Aufklärung. Das Haus in Dieppe war bis in die Fundamente zerfressen von Hypotheken; was sie bei dem Notar hinterlegt hatte, wusste Gott allein, und der Anteil an dem Kahn überstieg keine tausend Écu. Sie hatte gelogen, die gute Frau! In seiner Wut zertrümmerte Monsieur Bovary senior einen Stuhl auf dem Steinboden, beschuldigte seine Frau, sie habe den Sohn ins Unglück gestürzt, ihn mit dieser Schindmähre zusammengespannt, deren Zaumzeug nicht besser war als das Fell. Sie fuhren nach Tostes. Man sprach sich aus. Es kam zu heftigen Wortwechseln. Héloïse warf sich schluchzend in die Arme ihres Mannes, beschwor ihn, sie vor seinen Eltern zu schützen. Charles wollte sie verteidigen. Jene waren beleidigt und gingen.

Aber der Hieb hatte gesessen. Acht Tage später, als sie im Hof Wäsche aufhängte, spuckte sie plötzlich Blut, und tags darauf, während Charles ihr gerade den Rücken kehrte und die Gardine am Fenster zuzog, sagte sie: »Oh! mein Gott!«, tat einen Seufzer und verlor das Bewusstsein. Sie war tot! Wie verblüffend!

Als auf dem Friedhof alles vorbei war, ging Charles nach Hause. Unten war niemand; er stieg hinauf in den ersten Stock, ins Schlafzimmer, sah ihr Kleid, das noch am Fußende des Alkovens hing; da lehnte er sich gegen den Sekretär und blieb so stehen bis zum Abend, versunken in wehmütige Grübelei. Sie hatte ihn geliebt, alles in allem.

 

Anmerkungen

III.

 

Eines Morgens kam Vater Rouault und brachte Charles den Lohn für sein wiederhergestelltes Bein: fünfundsiebzig Franc in Vierzig-Sou-Münzen und eine Pute. Er hatte von seinem Unglück erfahren und tröstete ihn, so gut er konnte.

»Ich weiß, wie das ist!« sagte er und klopfte ihm auf die Schulter; »mir ging’s nicht anders als Ihnen! Als ich meine arme Verewigte verloren hab, lief ich raus auf die Felder, um allein zu sein; ich fiel am Fuß eines Baumes nieder, ich weinte, ich rief nach dem lieben Gott, ich sagte ihm dummes Zeug; ich wäre gern einer von den Maulwürfen gewesen, die ich an den Ästen sah und in deren Bäuchen die Maden wimmelten, na ja, verreckt halt. Und wenn ich dran dachte, dass andere im gleichen Augenblick bei ihren lieben kleinen Frauen waren, sie an sich drückten, drosch ich mit meinem Stock auf den Boden; ich war so gut wie verrückt, dass ich nichts mehr aß; der Gedanke, auch nur ins Kaffeehaus zu gehen, widerte mich an, ob Sie’s glauben oder nicht. Und dann, ganz langsam, ein Tag verscheuchte den anderen, ein Frühling folgte einem Winter und ein Herbst einem Sommer, dann wurd’s besser, Körnchen für Körnchen, Krümel für Krümel; dann ist’s weggegangen, ist verschwunden, ist runtergerutscht, will ich sagen, denn im Innersten bleibt immer was zurück, sozusagen … ein Stein, hier, auf der Brust! Aber das ist nun mal unser aller Los, drum darf man sich nicht zugrunde gehen lassen und, nur weil andre gestorben sind, auch sterben wollen … Reißen Sie sich zusammen, Monsieur Bovary; das geht vorüber! Besuchen Sie uns; meine Tochter denkt hin und wieder an Sie, müssen Sie wissen, und sie sagt auch, Sie hätten sie ganz vergessen. Bald ist Frühling; Sie dürfen in unserm Revier ein Karnickel schießen, das bringt Sie auf andre Gedanken.«

Charles folgte seinem Rat. Er ritt wieder nach Les Bertaux; er fand alles so wie gestern, das heißt, wie vor fünf Monaten. Die Birnbäume standen schon in Blüte, und der gute alte Rouault, nun wieder auf den Beinen, lief hin und her, was den Hof lebendiger machte.

Er hielt es für seine Pflicht, den Arzt mit größter Zuvorkommenheit zu behandeln wegen seiner kummervollen Lage, bat ihn, die Mütze auf dem Kopf zu lassen, sprach leise wie mit einem Kranken und tat sogar, als müsse er sich aufregen, weil man nicht eigens für ihn etwas zubereitet hatte, das ein bisschen leichter war als alles übrige, Schälchen mit Crème zum Beispiel oder gesottene Birnen. Er erzählte Geschichten. Charles ertappte sich beim Lachen; doch plötzlich überkam ihn die Erinnerung an seine Frau, und er wurde düster. Man brachte den Kaffee; er dachte nicht mehr an sie.

Er dachte immer seltener an sie, je mehr er sich ans Alleinsein gewöhnte. Die neuen Vorzüge der Unabhängigkeit machten ihm sein einsames Leben bald erträglicher. Er konnte jetzt essen, wann er wollte, kommen oder gehen, ohne sich zu rechtfertigen, und wenn er todmüde war, alle viere weit von sich gestreckt, auf seinem Bett liegen. Er verwöhnte sich also, hätschelte sich und nahm den Trost, den man ihm zusprach, gern entgegen. Andrerseits hatte der Tod seiner Frau ihm beruflich sehr genützt, denn einen Monat lang hatten alle ständig gesagt: »Der arme junge Mann! So ein Unglück!« Sein Name war bekannt geworden, seine Kundschaft gewachsen; und außerdem ritt er nach Les Bertaux, sooft er wollte. Er spürte eine ziellose Hoffnung, ein unbestimmtes Glück; er fand sein Gesicht einnehmender, wenn er sich den Backenbart bürstete vor dem Spiegel.

Eines Tages kam er gegen drei; alle waren auf den Feldern; er trat in die Küche, konnte Emma aber zunächst nirgendwo sehen; die Fensterläden waren geschlossen. Durch die Ritzen im Holz warf die Sonne auf den Steinboden lange, schmale Streifen, die sich an den Möbelkanten brachen und an der Decke zitterten. Fliegen krabbelten auf dem Tisch an den Gläsern hoch, aus denen getrunken worden war, und surrten, wenn sie in dem stehengebliebenen Cidre-Rest ertranken. Das im Kamin herabfallende Tageslicht ließ den Ruß auf der Rückwand samtig glänzen und die kalte Asche bläulich schimmern. Zwischen Fenster und Feuerstelle saß Emma und nähte; sie trug kein Fichu, auf ihren bloßen Schultern sah man kleine Schweißperlen.

Wie es auf dem Lande Brauch ist, bot sie ihm eine Erfrischung. Er lehnte ab, sie drängte und schlug ihm schließlich lachend vor, mit ihr ein Glas Likör zu trinken. Sie holte aus dem Schrank eine Flasche Curaçao, griff nach zwei kleinen Gläsern, füllte eines bis an den Rand, goss in das andere nur einen Tropfen, und nachdem sie angestoßen hatten, setzte sie es an den Mund. Da es fast leer war, lehnte sie sich zum Trinken zurück; den Kopf in den Nacken geworfen, die Lippen gerundet, den Hals angespannt, lachte sie, weil sie nichts spürte, während ihre Zungenspitze zwischen den kleinen Zähnen hervorkam und hurtig das Glas leckte.

Sie setzte sich und nahm ihr Nähzeug wieder auf, einen weißen Baumwollstrumpf, den sie stopfte; sie arbeitete vornübergebeugt; sie redete nicht, auch Charles schwieg. Die unter der Tür hereinströmende Luft wirbelte eine Staubflocke über die Fliesen; er schaute ihr beim Dahinkriechen zu, und er hörte nur das Pochen in seinem Kopf, verbunden mit dem Gegacker eines Huhns in der Ferne, das ein Ei legte irgendwo auf dem Hof. Emma erfrischte sich ab und zu die Wangen mit den Handflächen, die sie hinterher an den Eisenkugeln der großen Feuerböcke kühlte.

Sie klagte, seit Beginn der warmen Jahreszeit leide sie an Schwindelanfällen; sie fragte, ob Bäder im Meer hilfreich sein könnten; sie begann von der Klosterschule zu erzählen, Charles von seinem Collège, sie kamen ins Reden. Sie gingen hinauf in ihr Zimmer. Sie zeigte ihm ihre alten Notenhefte, die kleinen Bücher, die sie als Preis erhalten hatte, und die ganz unten in einem Schrank verblassenden Eichenlaubkränze. Sie sprach auch von ihrer Mutter, vom Friedhof und zeigte ihm sogar das Beet im Garten, wo sie Blumen pflückte, jeden ersten Freitag im Monat, um sie aufs Grab zu stellen. Aber der Gärtner, den sie hatten, verstand nichts davon; es gab nur Verdruss mit den Dienstboten! Sie hätte gern, und sei es auch nur für den Winter, in der Stadt gewohnt; obwohl die langen, schönen Tage das Landleben im Sommer vielleicht noch langweiliger machten; – und je nachdem, was sie sagte, war ihre Stimme klar, hell oder plötzlich von Wehmut verschleiert, voll schleppender Modulationen, die fast in Gemurmel endeten, wenn sie mit sich selber sprach, – mal fröhlich, mit großen naiven Augen, dann wieder mit halb geschlossenen Lidern, der Blick verschwommen vor Langeweile, die Gedanken abschweifend.

Am Abend auf dem Heimweg ging Charles die Sätze, die sie gesagt hatte, einen nach dem anderen durch und versuchte sich an alle zu erinnern, ihren Sinn zu vervollständigen, um sich den Teil ihrer Existenz auszumalen, den sie in einer Zeit gelebt hatte, als er sie noch nicht kannte. Doch nie vermochte er sie in Gedanken anders zu sehen, als er sie beim ersten Mal gesehen, oder so, wie er sie gerade erst zurückgelassen hatte. Dann fragte er sich, was aus ihr werden sollte, ob sie heiraten würde, und wen? ach ja! Vater Rouault war ziemlich reich, und sie! … so schön! Doch Emmas Gesicht erschien immer wieder vor seinen Augen, und etwas Monotones wie das Brummen eines Kreisels dröhnte ihm in den Ohren: »Und wenn du doch heiraten würdest! wenn du heiraten würdest!« In der Nacht schlief er nicht, seine Kehle war ausgedörrt, er hatte Durst; er stand auf, um aus seinem Wasserkrug zu trinken, und öffnete das Fenster; der Himmel war sternenübersät, ein lauer Wind wehte, in der Ferne bellten die Hunde. Er wandte den Kopf in Richtung Les Bertaux.

Charles überlegte, dass er ja nichts zu verlieren hatte, und nahm sich vor, um sie anzuhalten, sobald sich Gelegenheit böte; doch jedesmal, wenn sie sich bot, verschloss die Angst, keine richtigen Worte zu finden, ihm den Mund.

Vater Rouault hätte nichts dagegen gehabt, seine Tochter loszuwerden, die im Hause kaum von Nutzen war. Insgeheim entschuldigte er sie, fand, sie besitze zuviel Geist für den Ackerbau, ein vom Himmel verfluchtes Gewerbe, denn nie brachte es Millionäre hervor. Weit davon entfernt, ein Vermögen erworben zu haben, machte der gute Mann Jahr für Jahr Verluste; auch wenn er auf den Märkten glänzte, wo er Freude hatte an den Finessen des Gewerbes, lag ihm der Ackerbau im engeren Sinne, mit der Führung des Bauernhofs, weniger als irgendwem sonst. Er nahm die Hände nicht gern aus den Taschen und sparte nicht bei den Kosten für alles, was sein Leben betraf, denn er wollte gut essen, gut warm haben, gut liegen. Er mochte starken Cidre, blutige Lammkeulen, schaumig geschlagene Glorias. Er hielt Mahlzeit in der Küche, allein, vor dem Feuer, an einem kleinen Tisch, den man ihm fertig angerichtet hereintrug, wie im Theater.

Als er nun merkte, dass Charles in der Nähe seiner Tochter rote Wangen hatte, was bedeutete, dass er demnächst um ihre Hand anhalten würde, bebrütete er die ganze Sache im voraus. Er fand ihn zwar etwas schmächtig, und das war nun kein Schwiegersohn, wie er ihn sich gewünscht hätte; aber es hieß, er sei anständig, sparsam, sehr gebildet, und wahrscheinlich wäre er bei der Mitgift nicht allzu pedantisch. Und da Vater Rouault vor der Notwendigkeit stand, zweiundzwanzig Morgen von seinem Land zu verkaufen, da er dem Maurer viel schuldete, dem Sattler viel schuldete, da an der Presse der Spindelbaum ausgetauscht werden musste:

»Wenn er um sie anhält«, sagte er sich, »geb ich sie ihm.«

Um Michaeli kam Charles für drei Tage nach Les Bertaux. Der letzte Tag war verstrichen wie die beiden davor, mit Hinausschieben von einer Viertelstunde auf die andere. Vater Rouault begleitete ihn ein Stückchen; sie gingen durch einen Hohlweg, gleich würden sie Abschied nehmen; jetzt oder nie. Charles gab sich noch bis zum Ende der Hecke, und schließlich, als sie schon vorbei waren:

»Meister Rouault«, murmelte er, »ich möchte Ihnen etwas sagen.«

Sie blieben stehen. Charles schwieg.

»Raus mit der Sprache, ich weiß doch sowieso alles!« sagte Vater Rouault und lachte freundlich.

»Vater Rouault …, Vater Rouault …«, stotterte Charles.

»Mir soll’s recht sein«, fuhr der Landwirt fort. »Die Kleine ist gewiss meiner Meinung, aber fragen müssen wir sie schon. Machen Sie sich auf den Weg; ich geh wieder nach Hause. Wenn sie ja sagt, dass wir uns richtig verstehen, brauchen Sie nicht wiederkommen, wegen der Leute, und außerdem würde sie das allzusehr aufregen. Aber damit Sie nicht vor Ungeduld sterben, will ich den Fensterladen ganz weit aufstoßen, bis an die Mauer: Sie können ihn von hinten sehen, wenn Sie sich über die Hecke beugen.«

Und er machte sich davon.

Charles band sein Pferd an einen Baum. Er lief los und stellte sich auf den Weg; er wartete. Eine halbe Stunde verging, dann zählte er neunzehn Minuten auf seiner Uhr. Plötzlich rumpelte etwas an der Mauer; der Fensterladen war aufgesprungen, der Haken zitterte noch.

Am nächsten Morgen gegen neun war er auf dem Hof. Emma errötete, als er eintrat, und bemühte sich, ein wenig zu lachen, um ihre Verlegenheit zu überspielen. Vater Rouault umarmte seinen zukünftigen Schwiegersohn. Über Geldangelegenheiten zu reden wurde aufgeschoben; man hatte ja auch genügend Zeit vor sich, denn die Eheschließung konnte anstandshalber nicht vor Ablauf von Charles’ Trauerzeit stattfinden, also im Frühling des kommenden Jahres.

Der Winter verging also mit Warten. Mademoiselle Rouault kümmerte sich um ihre Aussteuer. Ein Teil wurde in Rouen bestellt, und sie schneiderte sich Nachthemden und Häubchen anhand von Modezeichnungen, die sie ausborgte. Bei den Besuchen, die Charles auf dem Hof machte, sprach man von den Hochzeitsvorbereitungen; man fragte sich, an welchem Ort das Diner abgehalten werden sollte; man grübelte über die Anzahl der Gänge, die nötig waren, und über die Art der Vorspeisen.

Emma ihrerseits hätte gern um Mitternacht geheiratet, im Fackelschein; doch Vater Rouault war dieser Einfall unbegreiflich. Es gab also eine Hochzeit, zu der dreiundvierzig Personen kamen, bei der man sechzehn Stunden tafelte, die am nächsten Tag weiterging und ein bisschen noch an den darauf folgenden.

 

Anmerkungen

IV.

 

Die Gäste kamen früh am Morgen, in Kutschen, einspännigen Karriolen, zweirädrigen Fuhrwerken mit Bänken, alten Kabrioletts ohne Verdeck, Möbelwagen mit Ledervorhängen, und die jungen Leute aus den nächstgelegenen Dörfern in Karren, auf denen sie in einer Reihe standen, sich an den Seitenwänden festhaltend, um nicht zu fallen, in flottem Trab und kräftig durchgerüttelt. Manche reisten aus zehn Meilen Entfernung an, aus Goderville, aus Normanville und aus Cany. Man hatte alle Verwandten aus beiden Familien eingeladen, man hatte sich mit verkrachten Freunden ausgesöhnt, man hatte an längst aus den Augen verlorene Bekannte geschrieben.

Hin und wieder hörte man hinter der Hecke einen Peitschenknall; kurz darauf öffnete sich das Gatter: eine Karriole fuhr herein. Sie galoppierte bis zur ersten Stufe der Außentreppe, hielt abrupt und entlud ihre Menschenfracht, die von allen Seiten herabstieg, sich die Knie rieb und die Arme streckte. Die Damen, mit Hauben, trugen Kleider nach städtischer Fasson, goldene Uhrketten, Pelerinen, deren überkreuzte Zipfel im Rockbund steckten, oder kleine, bunte Fichus, die im Rücken mit einer Nadel festgehalten wurden und den Nacken entblößten. Die Buben, ebenso gewandet wie ihre Papas, schienen sich in ihrer neuen Kleidung unwohl zu fühlen (viele trugen an diesem Tag sogar das erste Paar Stiefel ihres Lebens), und neben ihnen sah man, keinen Laut von sich gebend in dem weißen Erstkommunionskleid, das für den Anlass länger gemacht worden war, irgendein großes Mädchen von vierzehn oder sechzehn Jahren, sicher ihre Cousine oder ihre ältere Schwester, rotgesichtig, verstört, das Haar fettglänzend von Rosenpomade und in ständiger Angst, die Handschuhe könnten schmutzig werden. Da nicht genug Pferdeknechte zur Stelle waren, um alle Wagen auszuspannen, krempelten die Herren ihre Ärmel hoch und machten sich selbst ans Werk. Je nach gesellschaftlicher Stellung trugen sie Fräcke, Gehröcke, Jacken, Joppen: – gute Fräcke, die von der ganzen Hochachtung einer Familie umhegt und nur für Feierlichkeiten aus dem Schrank geholt wurden; Gehröcke mit großen, im Winde flatternden Schößen, zylinderförmigen Kragen, Taschen so breit wie Säcke; Jacken aus grobem Tuch, die gewöhnlich eine Mütze mit messingumrandetem Schirm begleiteten; sehr kurze Joppen, die im Rücken zwei so dicht wie ein Augenpaar nebeneinanderliegende Knöpfe besaßen und deren Schoßteile aussahen, als wären sie vom Beil des Zimmermanns aus einem einzigen Block herausgehauen. Andere wiederum (aber die mussten natürlich am untersten Tischende speisen) hatten Festtagskittel, also mit einem Kragen, der über die Schultern heruntergeschlagen war, mit feingefälteltem Rücken und sehr tief sitzender, im Bund geraffter Taille.

Und die Hemden wölbten sich über den Brustkörben wie Harnische! Alle waren frisch geschoren, die Ohren standen ab von den Köpfen, man war glattrasiert; manch einer, der vor Tagesanbruch aufgestanden war und beim Bartschaben nichts gesehen hatte, trug Schmarren schräg unter der Nase oder abgeschrammte Stellen an den Kinnbacken, groß wie Drei-Franc-Stücke, und diese hatten sich unterwegs an der frischen Luft entzündet und zierten nun mit rosa Flecken all diese dicken, weißen, strahlenden Gesichter.

Das Rathaus lag eine halbe Meile vom Hof, darum ging man zu Fuß und kehrte nach der kirchlichen Trauung auf die gleiche Weise heim. Der Festzug, anfangs geschlossen wie eine einzige bunte Schärpe, die in der Landschaft wehte, auf dem schmalen, sich zwischen grüner Saat dahinschlängelnden Pfad, wurde bald immer länger und zerfiel in verschiedene Gruppen, die plaudernd zurückblieben. Der Dorfmusikant marschierte vorneweg mit seiner Geige, deren Schnecke Bänder schmückten; dann kamen das Brautpaar, die Verwandten, die Freunde, wie es der Zufall wollte, und die Kinder trödelten hinterher und hatten ihren Spaß daran, die Glöckchen der Haferrispen abzureißen oder unbeobachtet miteinander herumzutollen. Emmas Kleid war zu lang und schleifte ein wenig nach; hin und wieder blieb sie stehen, um es anzuheben, und dann zupfte sie vorsichtig mit ihren behandschuhten Fingern die harten Gräser ab und die kleinen Stacheln der Disteln, während Charles mit leeren Händen wartete, bis sie fertig war. Vater Rouault, auf dem Kopf einen neuen Seidenhut und am schwarzen Frack Aufschläge, die seine Hände bis zu den Fingernägeln bedeckten, führte die alte Madame Bovary am Arm. Und Monsieur Bovary senior, der all diese Menschen im Grunde verachtete und darum lediglich in einem einreihigen Gehrock mit militärischem Schnitt gekommen war, bedachte eine junge blonde Bäuerin mit Kneipenschmeicheleien. Sie verbeugte sich, errötete, wusste nicht, was sie erwidern sollte. Die anderen Hochzeitsgäste redeten über ihre Geschäfte oder trieben hinterrücks Schabernack und brachten sich frühzeitig in Stimmung; und wenn man die Ohren spitzte, hörte man noch das Gefiedel des Dorfmusikanten, der auf freiem Feld immerzu spielte. Wenn er merkte, dass alle weit hinter ihm waren, blieb er stehen und verschnaufte, wachste seinen Bogen sorgfältig mit Kolophonium, damit die Saiten lauter kreischten, und dann setzte er sich wieder in Bewegung, hob und senkte abwechselnd den Hals seiner Geige, um sich selber den Takt zu schlagen. Das Gezeter des Instruments vertrieb schon von weitem die Vögelein.

Unter dem Dach des Wagenschuppens war die Tafel gedeckt. Darauf vier Rinderlenden, sechs Hühnerfrikassees, Kalbsgeschmortes, drei Lammkeulen und in der Mitte ein hübsches gebratenes Spanferkel, flankiert von vier Andouilles mit Sauerampfer. An den Ecken stand Schnaps in Karaffen. Der süße Cidre in Flaschen trieb rund um die Korken seinen zähen Schaum heraus, und schon vorher waren alle Gläser mit Wein gefüllt worden, bis an den Rand. Große Schüsseln mit gelber Crème, die beim kleinsten Ruck gegen den Tisch von ganz alleine wogte, trugen, auf die glatte Oberfläche gestreut, die Initialen der Frischvermählten in Nonpareille-Schnörkeln. Für Kuchen und Nougats hatte man einen Konditor aus Yvetot kommen lassen. Da er ein Neuling war in der Gegend, hatte er sich Mühe gegeben; und zum Nachtisch brachte er persönlich eine mehrstöckige Torte, die Jubelgeschrei auslöste. Den Unterbau bildete ein Viereck aus blauer Pappe, das einen Tempel darstellte mit Portiken, Kolonnaden und Statuetten aus Stuck ringsherum, in Nischen, übersät mit Sternen aus Goldpapier; auf der zweiten Etage stand ein Bergfried aus Biskuit, umgeben von winzigen Befestigungsanlagen aus kandierter Engelwurz, Mandeln, Rosinen, Orangenscheiben; und auf der obersten Fläche schließlich, einer grünen Wiese, wo es Felsen gab mit Marmeladeseen und Schiffen aus Haselnussschalen, war ein kleiner Liebesgott zu sehen, der sich auf einer Schokoladenschaukel wiegte, und ihre beiden Säulen endeten in zwei echten Rosenknospen, anstelle von Bällchen, an der Spitze.

Man aß bis zum Abend. Wenn man vom Sitzen müde war, ging man zum Spazieren hinaus auf die Höfe oder in die Scheune, eine Partie Bouchon spielen; dann kehrte man zurück an die Tafel. Gegen Ende schlief der eine oder andere ein und schnarchte. Beim Kaffee jedoch kamen alle wieder zu sich; nun wurden Lieder angestimmt, Kraftproben gemacht, man stemmte Gewichte, ging unter dem Daumen hindurch, suchte Karren auf den Schultern hochzuheben, machte derbe Witzchen, küsste die Damen. Am Abend, beim Aufbruch, passten die bis an die Nüstern mit Hafer vollgefutterten Pferde kaum noch in die Deichsel, sie schlugen aus, bäumten sich, das Zaumzeug riss, ihre Besitzer fluchten oder lachten; und die ganze Nacht sah man im Mondenschein auf den Straßen der Umgebung rasende Karriolen, die in gestrecktem Galopp dahinjagten, in den Wasserrinnen hüpften, über Kubikmeter Schotter sprangen, sich in den Böschungen verfingen, mit Frauen, die sich aus der Wagentür lehnten, um in die Zügel zu greifen.

Wer in Les Bertaux blieb, verbrachte die Nacht trinkend in der Küche. Die Kinder schliefen unter den Bänken.

Die Braut hatte ihren Vater gebeten, man möge sie verschonen mit den üblichen Späßen. Doch einer von ihren Cousins, ein Fischhändler (er hatte als Hochzeitsgeschenk sogar ein Seezungenpaar mitgebracht), wollte schon mit dem Mund Wasser durchs Schlüsselloch pusten, als Vater Rouault gerade noch rechtzeitig dazukam, um es zu verhindern, und ihm erklärte, die würdige Stellung seines Schwiegersohns verbiete solche Ungebührlichkeiten. Der Cousin ließ sich von diesen Gründen indes nur schwer überzeugen. Im stillen warf er Vater Rouault Hochnäsigkeit vor, und er setzte sich in eine Ecke zu vier oder fünf anderen Gästen, die bei Tisch zufällig mehrmals mindere Stücke vom Fleisch abgekriegt hatten, sich darum ebenfalls schlecht behandelt fühlten, über ihren Gastgeber tuschelten und in verhüllten Worten seinen Ruin herbeiwünschten.

Die alte Madame Bovary hatte den ganzen Tag lang den Mund nicht aufgemacht. Man hatte sie weder beim Kleid der Schwiegertochter um Rat gefragt noch bei der Speisenfolge; sie zog sich früh zurück. Anstatt es ihr gleichzutun, ließ ihr Mann Zigarren aus Saint-Victor kommen und rauchte bis zum Morgengrauen, dazu trank er Grogs mit Kirsch, eine der Versammlung unbekannte Mixtur, die ihm noch höheres Ansehen verschaffte.

Charles war kein geborener Possenreißer, während der Hochzeit hatte er nicht geglänzt. Er antwortete ziemlich ungeschickt auf Spott, Wortspiele, Zweideutigkeiten, Glückwünsche und schlüpfrige Reden, die man pflichtgemäß schon bei der Suppe auf ihn abschoss.

Am nächsten Tag hingegen wirkte er wie ausgewechselt. Ihn hätte man viel eher für die Jungfrau vom Vorabend halten können, während die Frischvermählte nichts erkennen ließ, was Rückschlüsse erlaubte. Auch den größten Schelmen fiel keine Bemerkung ein, und wenn sie vorbeikam, musterten alle sie mit maßloser Gespanntheit. Charles jedoch verbarg nichts. Er nannte sie meine Frau, duzte sie, erkundigte sich bei jedem nach ihr, suchte sie überall, und oft zog er sie hinaus auf die Höfe, wo man ihn von weitem sah, zwischen den Bäumen, wie er ihr den Arm um die Taille legte, halb über sie gebeugt weiterging und mit dem Kopf die Spitzenrüsche an ihrer Korsage zerknitterte.

Zwei Tage nach der Hochzeit verabschiedeten sich die Eheleute: Charles konnte wegen seiner Kranken nicht länger verweilen. Vater Rouault ließ sie in seiner Karriole nach Hause bringen und begleitete sie höchstpersönlich bis Vassonville. Hier umarmte er seine Tochter ein letztes Mal, stieg aus und machte sich wieder auf den Weg. Nachdem er zirka hundert Schritt gegangen war, blieb er stehen, und als er die entschwindende Karriole sah, deren Räder sich im Staube drehten, tat er einen tiefen Seufzer. Er dachte zurück an seine eigene Hochzeit, die frühere Zeit, die erste Schwangerschaft seiner Frau; auch er war sehr vergnügt gewesen an jenem Tag, da er sie von ihrem Vater mitgenommen hatte in sein Haus, als sie hinter ihm auf dem Pferd saß und mit ihm über den Schnee trabte; denn es war um die Weihnachtszeit und das Land war ganz weiß; sie hielt ihn mit einem Arm umfangen, am anderen hing ihr Korb; der Wind zerrte an den langen Spitzen ihres Kopfschmucks aus dem Pays de Caux, die hin und wieder seinen Mund berührten, und wenn er den Kopf drehte, sah er neben sich, auf seiner Schulter, ihr rosiges Gesichtchen, das still vor sich hin lächelte unter der breiten Goldborte der Haube. Um sich zu wärmen, steckte sie ihm von Zeit zu Zeit die Finger unter den Rock. Wie lange war das alles her! Ihr Sohn wäre jetzt schon dreißig Jahre alt! Nun blickte er hinter sich, er sah nichts auf der Straße. Er fühlte sich traurig wie ein Haus ohne Möbel; und da sich in seinem von Suff und Schlemmerei benebelten Hirn die zärtlichen Erinnerungen mit schwarzen Gedanken mischten, bekam er für eine Minute Lust, bei der Kirche vorbeizuschauen. Da er jedoch Angst hatte, ihr Anblick könnte ihn noch trauriger stimmen, lief er schnurstracks heim.

Monsieur und Madame Charles kamen gegen sechs nach Tostes. Die Nachbarn stellten sich ans Fenster, um die neue Frau ihres Arztes zu sehen.

Das alte Dienstmädchen erschien, begrüßte sie feierlich, entschuldigte sich, weil das Essen nicht fertig war, und bat Madame, sie möge doch einstweilen ihr Haus in Augenschein nehmen.

 

Anmerkungen

V.

Die Backsteinfassade grenzte direkt an die Gasse, oder vielmehr an die Landstraße. Hinter der Tür hingen ein Mantel mit schmalem Kragen, Zügel, eine schwarze Ledermütze, und in einer Ecke auf dem Boden lag ein Paar Gamaschen voll angetrocknetem Schlamm. Rechter Hand befand sich die große Stube, das heißt der Raum, wo gegessen wurde und wo man sich aufhielt. Eine kanariengelbe Tapete, am oberen Rand verziert von einer Girlande aus blassen Blumen, bebte in ihrer ganzen Länge auf der schlecht gespannten Leinwand; weiße Kalikovorhänge, eingefasst mit einer roten Borte, überkreuzten sich an den Fenstern, und auf dem schmalen Kaminsims blinkte eine Pendeluhr mit dem Haupt des Hippokrates, zwischen zwei versilberten Leuchtern unter eiförmigen Glasglocken. Auf der anderen Seite des Flurs befand sich Charles’ Arbeitszimmer, ein kleiner, etwa sechs Schritt breiter Raum mit einem Tisch, drei Stühlen und einem Bürosessel. Die unaufgeschnittenen Bände des Dictionnaire des sciences médicales, deren Broschur freilich gelitten hatte im Zuge der durchlebten Verkäufe und Weiterverkäufe, waren fast der einzige Schmuck auf den sechs Brettern eines Bücherschranks aus Tannenholz. Der Geruch von Einbrenne drang während der Sprechstunden durch die Wand, und genauso hörte man in der Küche die Kranken husten und ihre Geschichte hersagen. Danach kam, direkt auf den Hof hinausgehend, wo auch der Pferdestall war, ein großer, verwahrloster Raum, der einen Backofen besaß und jetzt als Holzschuppen diente, als Speisekammer, als Vorratslager, angefüllt mit altem Trödel, leeren Fässern, ausgedientem Ackergerät und einem Haufen anderer staubiger Dinge, deren Verwendungszweck unmöglich zu erraten war.

Der Garten, eher lang als breit, verlief zwischen zwei von Aprikosenspalieren überdeckten Lehmmauern bis zu einer Dornenhecke, die ihn von den Feldern trennte. In der Mitte stand eine Sonnenuhr aus Schiefer, auf einem gemauerten Sockel; vier Rabatten mit kärglichen wilden Rosen umrahmten symmetrisch das nützlichere Beet der ernstzunehmenden Pflanzen. Ganz hinten, unter den Fichten, las ein gipserner Pfarrer in seinem Brevier.

Emma stieg hinauf zu den Zimmern. Das erste war nicht möbliert; das zweite jedoch, das Schlafzimmer der Eheleute, hatte ein Mahagonibett in einem Alkoven mit roter Draperie. Ein Kästchen aus Muscheln schmückte die Kommode; und auf dem Sekretär am Fenster stand in einer Karaffe ein Strauß Orangenblüten, zusammengebunden mit weißen Satinbändern. Es war ein Brautstrauß, der Strauß der anderen! Sie betrachtete ihn. Charles merkte es, er nahm ihn und trug ihn auf den Dachboden, während Emma, in einem Lehnstuhl sitzend (ihre Sachen wurden um sie herum abgestellt), an ihren eigenen Hochzeitsstrauß dachte, der in einen Karton gepackt war, und sich versonnen fragte, was aus ihm würde, sollte sie zufällig sterben.

In den ersten Tagen war sie damit beschäftigt, über Veränderungen in ihrem Haus nachzugrübeln. Sie entfernte die Glasglocken an den Leuchtern, ließ neue Tapeten kleben, die Treppe streichen und im Garten Bänke zimmern, rund um die Sonnenuhr; sie fragte sogar, was sie tun müsse, um ein Becken mit Springbrunnen und Fischen zu bekommen. Und schließlich fand ihr Mann, der wusste, wie gern sie spazierenfuhr, einen Boc aus zweiter Hand, der mit neuen Laternen und Kotschutz aus abgestepptem Leder fast einem Tilbury glich.

Er war also glücklich und sorgte sich um nichts auf der Welt. Ein Essen zu zweit, eine Spazierfahrt abends auf der Landstraße, ihre Hand, wenn sie über ihr glattgescheiteltes Haar fuhr, der Anblick ihres Strohhuts, der an einem Fensterriegel hing, und vieles andere, hinter dem Charles niemals Freude vermutet hatte, bildeten jetzt sein beständiges Glück. Frühmorgens, im Bett und Kopf an Kopf auf dem Kissen, beobachtete er, wie das Sonnenlicht durch den Flaum ihrer hellen Wangen glitt, die halb versteckt waren unter den gefalteten Flügeln ihres Häubchens. Aus so großer Nähe wirkten ihre Augen größer, vor allem, wenn sie beim Erwachen die Lider mehrmals auf- und niederschlug; schwarz im Schatten und dunkelblau im strahlenden Licht, besaßen sie etwas wie übereinanderliegende Farbschichten, die auf dem Grund finsterer waren und zur schimmernden Oberfläche hin immer klarer. Sein Auge verlor sich in diesen Tiefen, und er sah darin sein winziges Bild, bis zu den Schultern, mit dem Tuch um den Kopf und dem halboffenen Hemd. Er stand auf. Sie trat ans Fenster, um ihn fortreiten zu sehen; und hier verharrte sie, aufgestützt zwischen zwei Geranientöpfen, gehüllt in ihren Morgenrock, der lose um sie herabfiel. Auf der Straße schnallte Charles am Eckstein seine Sporen fest; und sie redete von oben herab weiter mit ihm, zupfte dabei mit dem Mund ein Stückchen Blüte oder Grünes, blies es hinab, sodass es in der Luft tanzte, schwebte, Halbkreise beschrieb wie ein Vogel und sich, bevor es zu Boden fiel, in der ungekämmten Mähne der alten weißen Stute verfing, die reglos vor der Tür wartete. Wenn Charles auf dem Pferd saß, warf er ihr eine Kusshand zu; sie winkte zurück, sie schloss das Fenster, er ritt fort. Und dann, auf der Landstraße, die ihr langes staubiges Band endlos ausrollte, in Hohlwegen, über denen sich die Bäume zu einer Laube wölbten, auf Pfaden, wo das Korn ihm bis an die Knie reichte, die Sonne auf den Schultern und die Morgenluft in der Nase, das Herz erfüllt von den Seligkeiten der Nacht, das Gemüt ruhig, das Fleisch zufrieden, trabte er dahin, grübelnd über sein Glück wie einer, der nach dem Essen herumkaut auf dem Geschmack der Trüffel, die er verdaut.

Was hatte er bisher schon Gutes gehabt im Leben? Seine Zeit im Collège, wo er eingeschlossen war zwischen den hohen Mauern, allein unter seinen Kameraden, die reicher oder im Unterricht besser waren als er, die ihn wegen seiner Aussprache verlachten, die über seine Kleider spotteten und deren Mütter mit Kuchen im Muff ins Besuchszimmer kamen? Oder später, als er Medizin studierte und nie Geld genug im Beutel hatte, um irgendeine kleine Arbeiterin zum Kontertanz einzuladen, die seine Liebste geworden wäre? Danach hatte er vierzehn Monate mit der Witwe gelebt, deren Füße im Bett kalt waren wie Eis. Doch jetzt besaß er fürs ganze Leben diese hübsche Frau, die er anbetete. Die Welt war nicht größer für ihn als der seidige Kreis ihres Unterrocks; und er machte sich Vorwürfe, sie nicht zu lieben, er wollte sie wiedersehen; schnell kehrte er heim, lief die Treppe hinauf, pochenden Herzens. Emma war in ihrem Zimmer beim Ankleiden; auf leisen Sohlen trat er näher, küsste sie auf den Rücken, ihr entfuhr ein Schrei.

Er konnte nicht anders, ständig berührte er ihren Kamm, ihre Ringe, ihr Fichu; manchmal drückte er ihr dicke Küsse schmatzend auf die Wangen, oder er bedeckte mit kleinen Küssen endlos ihren ganzen nackten Arm, von den Fingerspitzen bis zur Schulter; und sie stieß ihn zurück, halb freundlich, halb verstimmt, wie man ein Kind behandelt, das am Rockzipfel hängt.

Vor der Heirat hatte sie geglaubt, Liebe zu empfinden; weil jedoch das Glück, das aus dieser Liebe hätte folgen sollen, nicht kam, musste sie sich wohl getäuscht haben, dachte sie. Und Emma suchte herauszufinden, was man im Leben eigentlich verstand unter den Worten Seligkeit, Leidenschaft und Rausch, die ihr so schön erschienen waren in den Büchern.

 

Anmerkungen

VI.

Sie hatte Paul und Virginie gelesen, und sie hatte geträumt von dem Bambushäuschen, dem Neger Domingo, dem Hund Fidèle, vor allem aber von der süßen Freundschaft eines liebevollen kleinen Bruders, der einem Beeren holt von großen Bäumen, höher als Kirchtürme, oder barfuß über den Sand läuft und ein Vogelnest herbeiträgt.

Als sie dreizehn wurde, brachte ihr Vater sie persönlich in die Stadt, um sie in die Klosterschule zu geben. Sie logierten in einem Gasthof im Viertel Saint-Gervais, aßen beim Souper von bemalten Tellern, auf denen die Geschichte der Mademoiselle de La Vallière dargestellt war. Die erläuternden Bildunterschriften, hier und da von scharfen Messern zerkratzt, verherrlichten die Religion, die Empfindsamkeit des Herzens und den Prunk bei Hofe.

In der ersten Zeit war sie weit davon entfernt, sich im Kloster zu langweilen, sondern fühlte sich wohl in Gesellschaft der Schwestern, die sie zu ihrem Amüsement in die Kapelle führten, wohin man vom Refektorium über einen langen Flur gelangte. Sie spielte sehr wenig in den Pausen, begriff den Katechismus gut, und bei schwierigen Fragen antwortete immer sie dem Herrn Vikar. Während sie nun so dahinlebte, ohne hinauszukommen aus dem lauen Schulklima, zwischen diesen weißgesichtigen Frauen, die Rosenkränze mit Messingkreuzen trugen, ließ sie sich langsam einlullen von der mystischen Trägheit, die dem wohlriechenden Altar entströmt, den kühlen Weihwasserbecken und funkelnden Wachskerzen. Anstatt der Messe zu folgen, betrachtete sie in ihrem Buch die von Himmelsblau umrandeten Heiligenbildchen, und sie liebte das kranke Schaf, das von spitzen Pfeilen durchbohrte Heiligste Herz Jesu oder den armen Heiland, der auf dem Weg unter seinem Kreuz zusammenbricht. Sie bemühte sich, zur Kasteiung einen ganzen Tag nichts zu essen. Sie suchte in ihrem Kopf nach irgendeinem Gelübde, das sie hätte erfüllen können.

Wenn sie zur Beichte ging, erfand sie kleine Sünden, um länger zu bleiben, im Dunklen kniend, die Hände gefaltet, das Gesicht nahe beim Gitter im Geflüster des Priesters. Bilder wie himmlischer Bräutigam, Gemahl, Geliebter und ewige Vermählung, die in Predigten immer wieder vorkommen, bescherten ihr tief in der Seele unverhoffte Wonnen.

Abends, vor dem Gebet, wurde im Arbeitssaal aus frommen Büchern vorgelesen. Das konnte unter der Woche die Zusammenfassung einer biblischen Geschichte sein oder die Vorträge des Abbé Frayssinous, und sonntags Stellen aus dem Geist des Christentums, zur Erholung. Wie lauschte sie die ersten Male dem klangvollen Lamento romantischer Melancholie, das sich überall wiederholt, auf der Welt und in der Ewigkeit! Hätte sie ihre Kindheit im Hinterzimmer eines Ladens in irgendeinem Krämerviertel verbracht, dann wäre sie vielleicht anfällig gewesen für die lyrischen Exzesse der Natur, die im allgemeinen nur über die Verdolmetschung der Schriftsteller zu uns dringen. Doch ihr war das Landleben nur allzu vertraut; sie kannte das Geblök der Herden, die Milch, die Pflüge. An stille Szenerien gewöhnt, interessierten sie im Gegenteil die bewegten. Sie liebte das Meer nur wegen der Stürme und das Grün einzig und allein, wenn es schütter spross zwischen Ruinen. Sie musste aus den Dingen eine Art von persönlichem Gewinn ziehen können; und sie verwarf als unnütz alles, was nicht den unmittelbaren Bedürfnissen ihres Herzens diente, – denn sie war eher sentimental als künstlerisch veranlagt und suchte Gefühle, nicht Landschaften.

Es gab im Kloster eine alte Jungfer, die jeden Monat für acht Tage kam und beim Ausbessern der Wäsche half. Vom Erzbischof protegiert, weil sie einer großen, unter der Revolution zugrunde gerichteten Adelsfamilie angehörte, aß sie im Refektorium am Tisch der Schwestern und hielt nach der Mahlzeit mit ihnen ein Schwätzchen, bevor sie wieder an ihre Näherei ging. Oft stahlen sich die Zöglinge aus dem Arbeitssaal, um sie zu besuchen. Sie konnte galante Lieder des vorigen Jahrhunderts auswendig und sang halblaut, während ihre Nadel eifrig zustach. Sie erzählte Geschichten, wusste Neuigkeiten zu berichten, machte Besorgungen in der Stadt und lieh den Großen heimlich Romane, von denen sich immer irgendeiner in ihrer Schürzentasche fand und die das gute Fräulein selber in den Arbeitspausen kapitelweise verschlang. Da gab’s nur Liebschaften, Liebhaber, Liebhaberinnen, verfolgte Damen, die in einsamen Lusthäuschen ohnmächtig, Kutscher, die auf allen Poststationen ermordet, Pferde, die auf jeder Seite zuschanden geritten wurden, Waldesdunkel, Herzensqual, Schwüre, Schluchzer, Tränen und Küsse, Nachen im Mondenschein, Nachtigallen im Gehölz, Herren so tapfer wie Löwen, so sanft wie Lämmer, so tugendhaft wie keiner ist, stets wohlgekleidet, und deren Zähren fließen wie aus Krügen. Sechs Monate lang machte sich die fünfzehnjährige Emma die Hände schmutzig am Staub der alten Lesekabinette. Mit Walter Scott entflammte sie dann für Historisches, träumte von Truhen, Wachstuben und Minnesängern. Gern hätte sie auf einem alten Rittergut gelebt wie jene Burgherrinnen mit den langen Korsagen, die ihre Tage unter dem Dreipass der Spitzbogenfenster verbrachten, den Ellbogen aufs Gemäuer, das Kinn in die Hand gestützt, und spähten, ob aus weiter Ferne ein Reiter mit weißer Feder herangaloppierte auf schwarzem Ross. In jener Zeit verehrte sie Maria Stuart und huldigte voll Überschwang berühmten oder leidgeprüften Frauen. Jeanne d’Arc, Héloïse, Agnès Sorel, die Belle Ferronnière und Clémence Isaure leuchteten für sie wie Kometen in der finsteren Unermesslichkeit der Geschichte, wo noch hier und da, jedoch verlorener im Dunkel und ohne jede Verbindung untereinander, Ludwig der Heilige mit seiner Eiche und der sterbende Bayard hervorstachen, ein paar Grausamkeiten Ludwigs XI., ein bisschen Bartholomäusnacht, der Helmbusch des Béarners und immer wieder die Erinnerung an die bemalten Teller zu Ludwigs XIV. Ruhm.

In den Romanzen, die sie während der Musikstunde sang, ging es nur um Engelein mit güldenen Flügeln, um Madonnen, Lagunen, Gondolieri, und hinter der stilistischen Einfalt und dem musikalischen Ungeschick dieser friedvollen Kompositionen erahnte sie die verlockenden Gaukeleien der Liebesdinge. Einige ihrer Kameradinnen brachten auch die Keepsakes mit ins Kloster, die sie zu Neujahr bekommen hatten. Sie mussten versteckt werden, es war eine Riesenaffäre; man las sie im Schlafsaal. Emma berührte vorsichtig die schönen Atlaseinbände und starrte hingerissen auf die Namen der unbekannten Autoren, die ihre Beiträge zumeist mit Comte oder Vicomte gezeichnet hatten.

Sie schauderte, wenn ihr Atem das Seidenpapier von den Stichen blies, das sich halb gefaltet hob und sanft wieder auf die Seite hinuntersank. Da stand hinter einer Balkonbrüstung ein junger Mann im kurzen Mantel und hielt ein junges Mädchen im weißen Kleid umfangen, das am Gürtel ein Pompadourtäschchen trug; oder die anonymen Porträts zeigten blondgelockte englische Ladies, die unter ihrem runden Strohhut mit großen hellen Augen hervorblickten. Man sah sie in Kutschen geschmiegt, die durch Parks schwebten, und ein Windhund sprang vor dem trabenden Gespann, das zwei kleine Postillione in weißen Kniehosen lenkten. Andere wiederum saßen verträumt auf Sofas, ein aufgerissenes Billett neben sich, und betrachteten den Mond durch das halb geöffnete und von einem schwarzen Vorhang leicht verhüllte Fenster. Die Naiven, auf der Wange eine Träne, kosten ein Turteltäubchen durch die Stäbe eines altertümlichen Käfigs oder zerpflückten, den Kopf lächelnd zur Seite geneigt, eine Margerite mit ihren spitzen, wie Schnabelschuhe gebogenen Fingern. Und auch ihr wart dabei, ihr Sultane mit langen Pfeifen, schmachtend hingestreckt unter Lauben, Bajaderen im Arm, Giaurs, Türkensäbel, griechischen Mützen, und ihr vor allem, ihr fahlen Landschaften dithyrambischer Gefilde, die ihr uns häufig Palmen und Tannen zugleich zeigt, Tiger zur Rechten, ein Löwe zur Linken, tatarische Minarette am Horizont, im Vordergrund römische Ruinen, dazu noch lagernde Kamele; – das alles umrahmt von einem fein säuberlich geputzten Urwald und mit einem langen Sonnenstrahl von oben nach unten, im Wasser flimmernd, wo sich da und dort als weiße Ritzer auf stahlgrauem Grund gleitende Schwäne abzeichnen.

Und der Schirm einer Öllampe, die über Emmas Kopf an der Wand hing, warf sein Licht auf all diese Bilder aus der großen Welt, die nacheinander an ihr vorüberzogen, in der Stille des Schlafsaals und begleitet vom fernen Geratter eines verspäteten Fiakers, der noch über die Boulevards rollte.

Als ihre Mutter starb, weinte sie in den ersten Tagen viel. Sie ließ sich ein Trauerbild machen mit dem Haar der Verewigten, und in einem Brief, den sie nach Les Bertaux schickte, voll schwermütiger Gedanken über das Leben, bat sie, später einmal im gleichen Grabe zu liegen. Der gute Mann hielt sie für krank und kam zu Besuch. Emma war in ihrem Inneren zufrieden, denn sie meinte, sie habe es auf Anhieb zu jenem seltenen Ideal bleicher Existenzen gebracht, das mittelmäßige Herzen nie erreichen. Sie ließ sich also fortschwemmen von Lamartineschen Mäandern, lauschte den Harfen auf den Seen, allen Gesängen sterbender Schwäne, allen herabfallenden Blättern, den reinen Jungfrauen, die gen Himmel fahren, und der Stimme des Ewigen, die erschallet in den Tälern. Sie verspürte Langeweile, wollte es nicht zugeben, machte aus Gewohnheit weiter, dann aus Eitelkeit, und stellte am Ende überrascht fest, dass ihr Schmerz gelindert war und nicht mehr Schwermut in ihrem Herzen als Falten auf der Stirn.

Die guten Nonnen, die ihre Berufung überschätzt hatten, merkten mit großer Verwunderung, dass Mademoiselle Rouault ihrem Einfluss zu entgleiten schien. Sie hatten ihr in der Tat so viele Messen, Exerzitien, Novenen und Predigten angedeihen lassen, so gründlich die Ehrfurcht eingetrichtert, die man Heiligen und Märtyrern schuldet, so viele gute Ratschläge erteilt für die Zucht des Leibes und das Heil ihrer Seele, dass sie reagierte wie ein Pferd, dem man die Zügel straff zieht: sie bockte, und die Kandare rutschte ihr aus dem Maul. Dieses trotz seiner Schwärmereien nüchterne Wesen, das die Kirche wegen ihrer Blumen, die Musik wegen der Worte in den Romanzen und die Literatur wegen der prickelnden Leidenschaften geliebt hatte, meuterte gegen die Mysterien des Glaubens, und sie ärgerte sich in noch stärkerem Maße über die ihrer Natur widerwärtige Disziplin. Als der Vater sie aus dem Internat nahm, war niemand betrübt über ihren Abgang. Die Oberin fand sogar, sie habe es in letzter Zeit an Respekt fehlen lassen gegenüber der Schwesternschaft.

Als Emma wieder zu Hause war, gefiel ihr zunächst das Herumkommandieren der Dienstboten, dann fasste sie eine heftige Abneigung gegen das Landleben und vermisste ihr Kloster. Als Charles zum ersten Mal nach Les Bertraux kam, schien ihr, sie sei völlig desillusioniert, habe nichts mehr zu lernen, dürfe nichts mehr empfinden.

Aber das bange Gefühl einer neuen Seelenstimmung, oder vielleicht die von der Anwesenheit dieses Mannes bewirkte Unruhe, hatte ausgereicht, ihr vorzugaukeln, sie besitze endlich jene wundervolle Leidenschaft, die bisher wie ein großer Vogel mit rosa Federkleid im Glanze poetischer Himmel schwebte; – und nun konnte sie nicht glauben, dass die Ruhe, in der sie lebte, das Glück sein sollte, von dem sie geträumt hatte.

 

Anmerkungen

VII.

Mitunter dachte sie, dies wären immerhin die schönsten Tage ihres Lebens, der Honigmond, wie man so sagte. Um seine Süße auszukosten, hätte man wahrscheinlich in jene Länder mit klangvollen Namen reisen müssen, wo die Flitterwochen erfüllt sind von wonniger Trägheit! In Postkutschen, hinter blauen Seidenvorhängen, rollt man im Schrittempo steile Straßen bergan, lauscht dem Lied des Postillions, das widerhallt zwischen den Bergen, mit dem Gebimmel der Ziegen und dem dumpfen Rauschen des Wasserfalls. Wenn die Sonne untergeht, atmet man an Meeresbusen den Duft der Zitronenbäume; abends dann, auf einer Villenterrasse, allein und die Hände ineinandergeschlungen, blickt man hinauf zu den Sternen und schmiedet Pläne. Es dünkte sie, gewisse Orte auf der Erde müssten Glück hervorbringen wie eine für den Boden typische Pflanze, die überall sonst schlecht gedeiht. Warum konnte sie nicht am Balkon eines Schweizerhauses lehnen oder ihre Schwermut in einem schottischen Cottage verschließen, an der Seite eines Ehemanns, der in einen schwarzen Samtrock mit langen Schößen gekleidet war und weiche Stiefel trug, einen spitzen Hut und Manschetten!

Vielleicht hätte sie all diese Dinge gern jemandem anvertraut. Doch auf welche Weise ein nicht fassbares Unbehagen ausdrücken, das sich verändert wie die Wolken, wirbelt wie der Wind? Es fehlten ihr also die Worte, eine Gelegenheit, Mut.

Wenn Charles es freilich gewollt, wenn er etwas geahnt hätte, wenn sein Blick ein einziges Mal ihren Gedanken entgegengekommen wäre, dann, so schien ihr, hätte jäher Überfluss sich gelöst aus ihrem Herzen, wie die Ernte vom Spalier fällt, sobald man sie mit der Hand berührt. Doch während im gemeinsamen Leben die Vertrautheit enger wurde, kam es zu einer inneren Loslösung, die sie von ihm trennte.

Charles’ Konversation war platt wie ein Gehsteig, und darauf defilierten Allerweltsgedanken in ihrer gewöhnlichen Tracht, ohne Gefühle hervorzulocken oder Lachen oder Träumerei. Es habe ihn niemals gereizt, sagte er, sich während seiner Zeit in Rouen die Schauspieler aus Paris auf dem Theater anzuschauen. Er konnte weder schwimmen noch fechten, noch mit der Pistole schießen, und eines Tages war er außerstande, ihr einen Ausdruck der Reitkunst zu erklären, den sie in einem Roman gelesen hatte.

Musste ein Mann denn nicht alles wissen, in mannigfaltigsten Dingen brillieren, einen vertraut machen mit den Wirkungskräften der Leidenschaft, mit den Feinheiten des Lebens, mit jedem Geheimnis? Der da hingegen lehrte einen nichts, konnte nichts, wollte nichts. Er hielt sie für glücklich; und sie zürnte ihm wegen dieser soliden Ruhe, dieser heiteren Schwerfälligkeit, ja sogar wegen des Glücks, das sie ihm schenkte.

Manchmal zeichnete sie; und für Charles war es ein großes Vergnügen, danebenzustehen und zu beobachten, wie sie, über ihr Blatt gebeugt, die Augen zusammenkniff, um ihr Werk besser zu sehen, oder auf ihrem Daumen Brotkrumen zu Kügelchen rollte. Und je flinker beim Klavierspiel ihre Finger dahinsprangen, desto tiefer ward sein Entzücken. Sie hämmerte kühn auf die Tasten und glitt ohne Stocken von oben nach unten über die ganze Klaviatur. Auf diese Weise bearbeitet, war das alte Instrument, dessen Saiten tremolierten, bis ans Ende des Dorfes zu hören, wenn das Fenster offenstand, und der Kanzlist des Gerichtsvollziehers, der barhäuptig und in Schlappen die Landstraße daherkam, ließ sich oftmals aufhalten und lauschte, sein Blatt Papier in der Hand.

Andererseits verstand Emma ihren Haushalt zu führen. Sie schickte den Kranken die Abrechnung für Besuche in wohlgesetzten Briefen, die nicht nach Geldforderung rochen. Hatten sie sonntags irgendeinen Nachbarn zum Essen, schaffte sie es, ein hübsches Gericht aufzutischen, konnte Renekloden auf Weinblättern zu Pyramiden türmen, servierte die Töpfchen mit eingemachtem Obst auf einen Teller gestürzt, und sie erwähnte sogar, Mundspülschalen zu kaufen fürs Dessert. Von alldem fiel hohes Ansehen zurück auf Bovary.

Charles bekam schließlich mehr Achtung vor sich selbst, weil er eine solche Frau besaß. Voller Stolz zeigte er in der Stube zwei ihrer kleinen Bleistiftskizzen, denn er hatte sie einrahmen lassen in sehr breite Rahmen und an langen grünen Bändern vor der Wandtapete aufgehängt. Nach der Messe sah man ihn auf seiner Türschwelle in schönen bestickten Pantoffeln.

Er kam spät nach Hause, um zehn, manchmal erst um Mitternacht. Dann wollte er essen, und weil das Dienstmädchen bereits schlief, servierte Emma. Er zog seinen Gehrock aus, um bequemer zu speisen. Er nannte hintereinander alle Leute, denen er begegnet war, die Dörfer, die er aufgesucht, die Rezepte, die er ausgestellt hatte, und zufrieden mit sich selbst, aß er das übriggebliebene Rindfleisch, schälte seinen Käse, biss in einen Apfel, leerte seine Karaffe, dann ging er zu Bett, legte sich auf den Rücken und schnarchte.

Da er lange nur an Zipfelmützen gewöhnt war, wollte ihm sein Tuch nicht auf den Ohren halten; deshalb hingen ihm morgens die Haare wirr ins Gesicht und ganz weiß von den Daunen seines Kissens, dessen Bänder sich in der Nacht lösten. Er trug immer grobe Stiefel, die über dem Rist zwei wulstige, zu den Knöcheln hinablaufende Falten bildeten, während das übrige Leder glatt war, gespannt wie durch einen Holzfuß. Er pflegte zu sagen, das sei wirklich gut genug fürs Land.

Seine Mutter lobte diese Sparsamkeit; denn sie besuchte ihn so wie früher, wenn bei ihr zu Hause das Barometer auf Sturm stand; und dennoch schien die alte Madame Bovary wenig angetan von ihrer Schwiegertochter. Sie fand ihre Manieren zu vornehm für die Vermögenslage; Holz, Zucker und Kerzen schwänden dahin wie in einem großen Haushalt, und die Unmenge von Glut, die in der Küche niederbrannte, hätte für fünfundzwanzig Essen gereicht! Sie ordnete ihre Wäsche in den Schränken und brachte ihr bei, den Metzger zu kontrollieren, wenn er Fleisch lieferte. Emma nahm die Ratschläge entgegen; Madame Bovary verteilte sie großzügig; und die Worte liebe Tochter und liebe Mutter wanderten den ganzen Tag hin und her, begleitet von einem leichten Zittern der Lippen, denn jede führte sanfte Reden mit einer Stimme, die vor Zorn erbebte.

In der Zeit von Madame Dubuc meinte die alte Frau noch, sie genieße den Vorzug; nun jedoch schien ihr Charles’ Liebe zu Emma ein Verrat an ihrer Zärtlichkeit, ein Zugriff auf das, was ihr gehörte; und sie beobachtete das Glück ihres Sohnes mit traurigem Schweigen, so wie ein Zugrundegerichteter durchs Fenster auf Leute blickt, die in seinem alten Haus am Tische sitzen. Sie erinnerte ihn zur Gedächtnisauffrischung an ihre Mühen und Opfer, verglich diese mit Emmas Sorglosigkeit und zog den Schluss, es sei keineswegs vernünftig, sie auf eine so ausschließliche Weise anzuhimmeln.

Charles wusste nicht, was er antworten sollte; er achtete seine Mutter, und er liebte seine Frau unendlich; er hielt das Urteil der einen für unfehlbar, und doch war ihm die andere über jeden Tadel erhaben. Nach Madame Bovarys Abreise wagte er zaghaft, und in den gleichen Wendungen, eine oder zwei der harmlosesten Bemerkungen, die er von seiner Mama gehört hatte; Emma bewies mit einem Wort, dass er sich irrte, und schickte ihn zu seinen Kranken.

Trotzdem versuchte sie, mit Hilfe für gut befundener Theorien, Liebe in sich zu wecken. Bei Mondschein rezitierte sie im Garten alles, was sie an leidenschaftlichen Reimen auswendig konnte, und sang ihm schmachtend melancholische Adagios; doch hinterher war sie genauso gleichmütig wie zuvor, und Charles wirkte nicht verliebter und nicht aufgewühlter.

Nachdem sie sich auf diese Weise geplagt hatte, aus ihrem Herzen ein bisschen Feuer zu schlagen, ohne dass ein Funke gesprüht wäre, unfähig, etwas zu begreifen, was sie nicht fühlte, oder an etwas zu glauben, was nicht in der üblichen Gestalt zutage trat, gelangte sie mühelos zu der Überzeugung, Charles’ Leidenschaft sei nicht mehr übermäßig groß. Seine Gefühle regten sich nun pünktlich; er umarmte sie zu festen Zeiten. Es war eine Gewohnheit unter anderen, so etwas wie ein im voraus eingeplantes Dessert nach der Monotonie des Abendessens.

Ein Jagdaufseher, den Monsieur von einer Lungenentzündung geheilt hatte, schenkte Madame ein kleines Italienisches Windspiel; sie nahm es mit auf ihre Ausflüge, denn manchmal ging sie spazieren, um für eine Weile allein zu sein und den ewig gleichen Garten nicht mehr vor Augen zu haben mitsamt der staubigen Straße.

Sie schlenderte bis zum Buchenhain von Banneville, unweit des verlassenen Häuschens, das an der Mauerecke steht, bei den Feldern. Im Wolfsgraben, zwischen dem Unkraut, wächst langes Schilfrohr mit scharfkantigen Blättern.

Als erstes blickte sie umher, weil sie sehen wollte, ob seit ihrem letzten Besuch alles beim alten war. Sie fand an den gleichen Stellen Fingerhut und Goldlack, Brennnesselbüsche rings um die großen Steine und auch die Flechten längs der drei Fenster, deren stets geschlossene Läden sich zwischen verrosteten Eisenstäben in Fäulnis auflösten. Ihr anfangs zielloses Sinnieren streifte kreuz und quer, genau wie ihr Windspiel, das auf den Äckern seine Runden drehte, die gelben Falter anblaffte, Spitzmäuse jagte oder nach dem Klatschmohn am Rand eines Kornfelds schnappte. Dann sammelten sich allmählich ihre Gedanken, und im Grase sitzend, wo sie mit der Spitze des Sonnenschirms gereizt herumstocherte, sagte Emma wieder und wieder:

»Mein Gott! Warum habe ich geheiratet?«

Sie fragte sich, ob es nicht möglich gewesen wäre, durch andere Wege des Zufalls einem anderen Mann zu begegnen; und sie versuchte sich diese nicht eingetretenen Ereignisse auszumalen, dieses fremde Leben, diesen Ehemann, den sie nicht kannte. Schließlich waren nicht alle so wie der da. Er hätte schön sein können, geistreich, vornehm, anziehend, wie zweifellos jene anderen, mit denen ihre ehemaligen Kameradinnen aus dem Kloster vermählt waren. Was machten sie jetzt? In der Stadt, mit dem Gesumm auf den Straßen, dem Stimmengewirr im Theater und dem Lichterglanz der Bälle, führten sie ein Leben, in dem das Herz aufgeht, die Sinne erblühen. Sie jedoch, ihr Dasein war kalt wie ein Dachboden, dessen Fensterchen nach Norden zeigt, und die Langeweile, diese lautlose Spinne, wob ihr Netz im Finstern über jeden Winkel ihres Herzens. Sie dachte zurück an die Tage der Preisverteilung, wenn sie das Podium erklomm, um ihre kleinen Kränze entgegenzunehmen. Mit ihrem geflochtenen Haar, dem weißen Kleid und den Riemchenschuhen aus Prunelle war sie allerliebst anzusehen, und wenn sie zurücklief an ihren Platz, beugten sich die Herren vor und machten ihr Komplimente; der Hof stand voller Kaleschen, durch den Wagenschlag sagte man ihr Lebewohl, der Musiklehrer kam grüßend vorüber, mit seinem Geigenkasten. Wie weit lag das alles zurück! wie weit!

Sie rief Djali, nahm das Tier zwischen die Knie, fuhr mit den Fingern über seinen langen, schmalen Kopf und sagte:

»Los, küss deine Dame, du hast ja keinen Kummer.«

Während sie die melancholische Miene des schlanken Wesens betrachtete, das langsam gähnte, wurde sie von Rührung ergriffen und verglich es mit sich selbst, sprach laut, wie zu jemandem, der bedrückt ist und den man tröstet.

Manchmal kamen Windstöße, Brisen vom Meer, fegten mit einem Satz über die ganze Hochfläche des Pays de Caux und trugen bis weit in die Felder ihre salzige Frische. Die Binsen pfiffen dicht über dem Erdboden, und die Blätter der Buchen rauschten unter flüchtigem Zittern, während die Wipfel sich wiegten in ihrem steten, erhabenen Gemurmel. Emma zog ihren Shawl fester um die Schultern und stand auf.

In der Allee schien grünes, vom Laubdach gedämpftes Licht auf das niedrige Moos, das unter ihren Füßen leise knisterte. Die Sonne ging unter; der Himmel war rot zwischen den Ästen, und die ebenmäßigen Stämme der in gerader Linie gepflanzten Bäume glichen einer braunen Säulenreihe, die sich scharf abzeichnete vor dem goldenen Hintergrund; Angst stieg in ihr hoch, sie rief Djali, kehrte über die Landstraße rasch zurück nach Tostes, sank in einen Lehnstuhl und sagte den ganzen Abend kein Wort.

Doch gegen Ende September tat sich etwas Außergewöhnliches in ihrem Leben: sie wurde eingeladen nach La Vaubyessard, zum Marquis d’Andervilliers.

Staatssekretär unter der Restauration, suchte der Marquis nun wieder im politischen Leben Fuß zu fassen und plante von langer Hand seine Kandidatur für die Abgeordnetenkammer. In der Winterzeit ließ er großzügig Holzbündel verteilen, und im Generalrat forderte er vehement immerzu Straßen für seinen Bezirk. Während der heißen Tage hatte er im Mund einen Abszess bekommen, von dem Charles ihn wie durch ein Wunder mit einem gezielten Lanzettenstich erlöst hatte. Der Verwalter, der nach Tostes entsandt wurde, um die Operation zu bezahlen, sagte am Abend, er habe im Gärtchen des Arztes herrliche Kirschen gesehen. Die Kirschbäume in La Vaubyessard gediehen aber schlecht, der Herr Marquis erbat von Bovary ein paar Pfröpflinge, betrachtete es als seine Pflicht, ihm persönlich zu danken, erblickte Emma, fand, sie habe eine hübsche Figur und grüße nicht wie eine Bäuerin; sodass man auf dem Schloss meinte, weder die Grenzen der Höflichkeit zu überschreiten noch andererseits eine Taktlosigkeit zu begehen, wenn man das junge Paar einlud.

An einem Mittwoch um drei bestiegen Monsieur und Madame Bovary ihren Boc und fuhren nach La Vaubyessard, mit einem großen Schrankkoffer, der hinten aufgebunden war, und einer Hutschachtel, vorn auf dem Spritzleder. Charles hielt außerdem noch einen Pappkarton zwischen den Beinen.

Sie erreichten ihr Ziel bei Einbruch der Nacht, als man gerade Lampions im Park entzündete, um den Wagen hereinzuleuchten.

 

Anmerkungen

VIII.

Das Schloss, ein moderner Bau in italienischem Stil, mit zwei vorspringenden Flügeln und drei Freitreppen, entfaltete sich am Ende einer ungeheuren Rasenfläche, auf der ein paar Kühe weideten, zwischen vereinzelten Grüppchen hoher Bäume, während buschiges Gesträuch, Rhododendren, wilder Jasmin, Schneebälle, die geschwungene Linie des Sandwegs mit seinem mannigfaltigen grünen Laub überwölbte. Ein Bach floss unter einer Brücke; durch den Nebel sah man Gebäude mit Strohdächern, verstreut über die Wiese, die eingefasst war von zwei sanft ansteigenden, bewaldeten Hängen, und dahinter, unter Gehölz, standen in zwei parallelen Reihen die Remisen und Stallungen, Überreste des zerstörten alten Schlosses.

Charles’ Boc hielt vor der mittleren Freitreppe; Dienstboten erschienen; der Marquis trat heran und bot der Gattin des Arztes seinen Arm, geleitete sie in die Eingangshalle.

Diese war mit Marmorplatten ausgelegt, sehr hoch, und das Geräusch der Schritte und Stimmen hallte wie in einer Kirche. Gegenüber stieg eine gerade Treppe empor, und linker Hand führte eine Galerie, die sich zum Garten öffnete, ins Billardzimmer, aus dem man bereits an der Tür die Elfenbeinkugeln klackern hörte. Als sie es auf dem Weg in den Salon durchquerte, sah Emma rund um den Spieltisch Männer mit würdevollen Gesichtern, das Kinn auf hohen Halsbinden thronend, alle ordengeschmückt und still vor sich hin lächelnd, während sie mit ihrem Queue zustießen. Auf dem dunklen Holz der Wandtäfelung trugen große Goldrahmen am unteren Rand mit schwarzen Lettern geschriebene Namen. Sie las: »Jean-Antoine d’Andervilliers d’Yverbonville, Graf von La Vaubyessard und Baron von La Fresnaye, gefallen in der Schlacht von Coutras, den 20. Oktober 1587.« Und auf einem anderen: »Jean-Antoine-Henry-Guy d’Andervilliers de la Vaubyessard, Admiral von Frankreich und Ritter des Sankt-Michael-Ordens, verwundet in der Schlacht von La Hougue-Saint-Vaast, den 29. Mai 1692, gestorben in La Vaubyessard den 23. Januar 1693.« Die folgenden konnte man kaum noch entziffern, denn das Licht der Lampen war auf das grüne Tuch des Billards gerichtet und ließ den Raum im Dunkel. Es färbte die querformatigen Gemälde braun, brach sich an ihnen in feinen Strichen entlang der Krakelüren auf dem Firnis; und aus all diesen großen, schwarzen, goldumrahmten Vierecken tauchte hier und da ein hellerer Bildteil hervor, eine blasse Stirn, zwei Augen, die einen anblickten, Perücken, die sich hinabringelten auf die gepuderten Schultern roter Röcke, oder die Schnalle eines Hosenbandes über der strammen Wade.

Der Marquis öffnete die Tür zum Salon; eine der Damen erhob sich (die Marquise in Person), kam Emma entgegen und hieß sie neben sich Platz nehmen, auf einer Causeuse, wo sie so freundlich mit ihr zu reden begann, als kenne man sich schon lang. Sie war eine Frau von ungefähr vierzig Jahren, mit schönen Schultern, einer Habichtsnase, schleppendem Tonfall, und trug an diesem Abend auf dem kastanienbraunen Haar ein schlichtes Fichu aus Gipüre, das im Nacken als Dreieck herabhing. Eine junge blonde Frau saß neben ihr, auf einem Stuhl mit hoher Rückenlehne; und Herren, ein Blümchen in den Knopflöchern ihrer Röcke, plauderten mit Damen rings um den Kamin.

Um sieben bat man zum Diner. Die Männer, deren Zahl größer war, nahmen am ersten Tisch Platz, in der Eingangshalle, und die Damen am zweiten, im Speisesaal, mit dem Marquis und der Marquise.

Beim Eintreten fühlte Emma sich umweht von warmer Luft, einem Gemisch aus Blumenduft und schöner Tafelwäsche, aus Fleischaroma und dem Geruch der Trüffel. Von den Kerzen der Kandelaber fielen lange Flammen auf die Silberglocken; die geschliffenen Kristallgläser, die ein matter Hauch überzog, funkelten durcheinander in blassen Strahlen; Gebinde standen in einer Reihe über die gesamte Länge der Tafel, und auf den breitrandigen Tellern hielten die zur Bischofsmütze geformten Servietten tief zwischen den beiden Falten ein ovales Brötchen. Die roten Hummerscheren ragten aus den Schüsseln; üppige Früchte türmten sich in durchbrochenen Körbchen auf moosigem Grund; die Wachteln hatten noch ihre Federn, Dampf stieg empor; in Seidenstrümpfen, in Kniehose, in weißer Halsbinde, im Jabot, würdevoll wie ein Richter, präsentierte der Haushofmeister zwischen den Schultern der Gäste die feinsäuberlich aufgeschnittenen Gerichte und servierte mit schwungvollem Löffel das Stück, das man erwählt hatte. Von dem großen Porzellanofen mit Messingleisten blickte die Skulptur einer bis ans Kinn in Draperien gehüllten Frau reglos über den Saal voller Menschen.

Madame Bovary fiel auf, dass einige Damen ihre Handschuhe nicht in ihr Glas gesteckt hatten.

Doch am oberen Ende des Tisches, allein unter all diesen Frauen, über seinen vollen Teller gebeugt, die Serviette im Nacken verknotet wie ein Kind, aß ein Greis, Soße tropfte aus seinem Mund. Die Augen waren blutunterlaufen, und er trug ein mit schwarzem Band umwickeltes Zöpfchen. Er war der Schwiegervater des Marquis, der alte Herzog von Laverdière, ehemaliger Günstling des Grafen von Artois, damals, zur Zeit der Jagdpartien in Le Vaudreuil, beim Marquis de Conflans, und es hieß, er sei der Geliebte der Königin Marie-Antoinette gewesen, zwischen den Herren de Coigny und de Lauzun. Er hatte ein stürmisches, ausschweifendes Leben hinter sich, voll mit Duellen, Wetten, entführten Frauen, hatte sein Vermögen durchgebracht und seine ganze Familie in Angst und Schrecken versetzt. Ein Diener hinter seinem Stuhl sagte ihm laut die Namen der Gerichte ins Ohr, auf die er stotternd mit dem Finger wies; und Emmas Augen kehrten ständig von allein zurück zu diesem alten Mann mit hängenden Lippen, wie zu etwas Außergewöhnlichem und Erlauchtem. Er hatte am Hof gelebt und geschlafen im Bett von Königinnen!

Eisiger Champagner wurde eingeschenkt. Emma lief ein Schauer über die ganze Haut, als sie die Kälte im Mund spürte. Sie hatte noch nie Granatäpfel gesehen, noch nie Ananas gegessen. Sogar der Kristallzucker schien ihr weißer und feiner als anderswo.

Die Damen gingen anschließend auf ihre Zimmer, sich schönzumachen für den Ball.

Emma richtete ihre Toilette mit der peinlichen Sorgfalt einer Schauspielerin vor dem Debüt. Sie arrangierte ihr Haar nach den Ratschlägen des Friseurs, und sie schlüpfte in ihr Barègekleid, das ausgebreitet auf dem Bett lag. Charles’ Hose drückte am Bauch.

»Die Stege werden mich beim Tanzen hindern«, sagte er.

»Tanzen?« wiederholte Emma.

»Ja!«

»Du bist wohl nicht ganz bei Trost! Man wird dich auslachen, bleib, wo du hingehörst. Außerdem ist das schicklicher für einen Arzt«, fügte sie hinzu.

Charles schwieg. Er ging auf und ab, wartete, bis Emma angekleidet war.

Er sah sie von hinten im Spiegel, zwischen zwei Kerzenleuchtern. Ihre schwarzen Augen wirkten noch schwärzer. Ihre breiten, zu den Ohren hin sanft gewölbten Haarstreifen schimmerten mit bläulichem Glanz; eine Rose in ihrem Knoten zitterte am geschmeidigen Stiel, künstliche Wassertropfen säumten die Blätter. Sie trug ein Kleid in mattem Safrangelb, das drei Sträuße Dijonröschen zierten, durchmischt von Grün.

Charles küsste sie auf die Schulter.

»Lass das!« sagte sie, »du zerknitterst mich.«

Man hörte ein Geigenritornell und die Klänge des Horns. Sie schritt die Treppe hinunter, beherrschte sich, nicht zu laufen.

Die Quadrillen hatten begonnen. Menschen strömten herbei. Man drängelte. Sie setzte sich neben der Tür auf eine Bank.

Als der Kontertanz zu Ende war, blieb das Parkett frei für die plaudernd in Gruppen zusammenstehenden Männer und die hereintretenden livrierten Diener mit ihren großen Tabletts. In der Reihe der sitzenden Frauen flatterten die bemalten Fächer, verbargen die Blumensträuße halb das Lächeln der Gesichter und kreisten die Flakons mit goldenen Stöpseln in leicht geöffneten Händen, deren weiße Handschuhe die Form der Fingernägel nachzeichneten und am Gelenk das Fleisch eng umspannten. Die Spitzenbesätze, die Diamantbroschen, die Armbänder mit Medaillons bebten auf den Korsagen, funkelten auf den Busen, klingelten an den nackten Armen. Die Haare, straff auf den Stirnen anliegend und im Nacken zu lockigen Chignons gesteckt, trugen Kränze, Trauben, Zweige aus Vergissmeinnicht, Jasmin, Granatapfelblüten, Ähren oder Kornblumen. Friedlich auf ihren Plätzen saßen Mütter mit sauertöpfischen Mienen unter roten Turbanen.

Emmas Herz pochte ein wenig, als sie sich, von ihrem Kavalier an den Fingerspitzen gehalten, in die Reihe stellte und auf den Einsatz wartete. Doch bald schwand die Erregung; und sich im Rhythmus des Orchesters wiegend, glitt sie dahin, mit leichtem Schwingen des Halses. Ein Lächeln kam ihr auf die Lippen bei manch zärtlichen Klängen der Geige, die für sich allein musizierte, zuweilen, wenn die andren Instrumente verstummten; man hörte das helle Klirren der Louisdore, die nebenan auf die Spieltische rollten; dann ging alles zugleich wieder los, das Kornett schmetterte einen volltönenden Ruf, die Füße bewegten sich von neuem im Takt, die Röcke bauschten und rauschten, die Hände fassten und ließen einander; derselbe Blick, der sich eben gesenkt hatte, sah einem wieder fest in die Augen.

Einige Männer (fünfzehn etwa), von fünfundzwanzig bis vierzig Jahren, verstreut zwischen den Tänzern oder im Gespräch an den Türen, stachen wegen ihrer Familienähnlichkeit aus der Menge hervor, ungeachtet der Unterschiede in Alter, Kleidung oder Gesicht.

Ihre besser geschnittenen Fräcke schienen aus schmiegsamerem Tuch und ihre an den Schläfen lockig frisierten Haare von feineren Pomaden zu glänzen. Sie hatten den Teint des Reichtums, jenen weißen Teint, den die Blässe des Porzellans, das Schillern des Satins, die Politur der schönen Möbel betonen und den eine maßvolle Kost aus erlesenen Speisen in seiner Gesundheit bewahrt. Ihr Kopf drehte sich bequem über niederen Halsbinden; ihre langen Backenbärte fielen auf Umlegekragen; sie tupften sich die Lippen mit Taschentüchern, in die ein großes Monogramm gestickt war und die süßen Duft verströmten. Die schon Angejahrten wirkten jung, dagegen lag etwas Reifes auf den Gesichtern der Jungen. In ihren gleichgültigen Blicken schimmerte die Ruhe täglich gestillter Leidenschaften; und aus ihren sanften Manieren sprach jene besondere Brutalität, die das Beherrschen halbleichter Dinge verleiht, in denen die Kraft geübt wird und die Eitelkeit sich amüsiert, der Umgang mit Rassepferden und die Gesellschaft gefallener Frauen.

Drei Schritt von Emma plauderte ein Kavalier in blauem Frack mit einer blassen, perlengeschmückten jungen Frau über Italien. Sie rühmten die mächtigen Pfeiler im Petersdom, Tivoli, den Vesuv, Castellammare und die Cascine, die Rosen von Genua, das Kolosseum im Mondenschein. Emma lauschte mit dem anderen Ohr einem Gespräch voller Worte, die sie nicht verstand. Man umringte einen blutjungen Mann, der eine Woche zuvor Miss Arabella und Romulus geschlagen hatte und zweitausend Louis gewonnen beim Überspringen eines Grabens in England. Einer klagte, weil seine Renner Fett ansetzten; ein anderer, weil Druckfehler den Namen seines Pferdes entstellt hatten.

Die Luft im Ballsaal war drückend; die Lampen verblassten. Alles strömte ins Billardzimmer. Ein Diener stieg auf einen Stuhl und zerschlug zwei Scheiben; beim Klirren der Glassplitter wandte Madame Bovary den Kopf und erblickte im Garten, dicht an den Fenstern, Bauerngesichter, die hereinschauten. Da kam ihr die Erinnerung an Les Bertaux. Sie sah das Gehöft wieder, den morastigen Tümpel, ihren Vater im Kittel unter den Apfelbäumen, und sie sah auch sich selbst, wie früher, als sie im Milchkeller mit dem Finger die Milch in den Schüsseln abrahmte. Doch im Gleißen der gegenwärtigen Stunde zerrann ihr vergangenes, bisher so deutlich sichtbares Leben zu nichts, und fast zweifelte sie, es gelebt zu haben. Sie war hier; und rund um den Ball gab es nur noch ein Dunkel, das alles übrige verhüllte. Sie aß gerade ein Maraschino-Eis, hielt es mit der linken Hand in einem Vermeilschälchen und schloss halb die Augen, den Löffel zwischen den Zähnen.

Eine Dame in ihrer Nähe ließ den Fächer fallen. Ein Tänzer kam vorüber.

»Wären Sie so liebenswürdig, Monsieur«, sagte die Dame, »meinen Fächer aufzuheben, er liegt hinter diesem Kanapee!«

Der Herr beugte sich hinab, und während er seinen Arm ausstreckte, sah Emma, wie die Hand der jungen Dame etwas Weißes, zu einem Dreieck Gefaltetes in seinen Hut warf. Der Herr brachte den Fächer, reichte ihn ehrfürchtig der Dame; sie dankte mit einem Nicken und steckte die Nase in ihr Blumensträußchen.

Nach dem Souper, bei dem es viele Weine aus Spanien gab und Weine vom Rhein, Suppen mit Hummercoulis und Mandelmilch, Pudding à la Trafalgar und allerlei kaltes Fleisch samt Gelees, zitternd in ihren Schüsseln, begannen die Wagen nacheinander abzufahren. Wenn man einen Zipfel des Musselinvorhangs hob, sah man den Schein ihrer Laternen durchs Dunkel gleiten. Die Bankreihen lichteten sich; ein paar Spieler waren noch da; die Musikanten kühlten sich auf der Zunge ihre Fingerspitzen; Charles war fast eingeschlafen und lehnte mit dem Rücken an einer Tür.

Früh um drei begann der Kotillon. Emma konnte nicht Walzer tanzen. Alle tanzten Walzer, sogar Mademoiselle d’Andervilliers und die Marquise; nur die Schlossgäste waren geblieben, ein Dutzend Personen vielleicht.

Doch einer der Walzertänzer, den alle zwanglos Vicomte nannten und dessen weit ausgeschnittene Weste auf der Brust saß wie angegossen, forderte Madame Bovary noch ein zweites Mal auf und versicherte, er wolle sie führen und sie werde ihre Sache gut machen.

Sie begannen langsam, wurden dann schneller und schneller. Sie drehten sich: alles drehte sich um sie herum, die Lampen, die Möbel, die Täfelungen und das Parkett, wie die Scheibe um ihre Achse. Als sie an den Türen vorüberkamen, schmiegte sich der Saum von Emmas Kleid an die Hose; ihre Beine drängten ineinander; er blickte auf sie herab, sie blickte zu ihm hinauf; ihr schwindelte, sie blieb stehen. Sie tanzten weiter; und der Vicomte führte mit noch schnellerer Bewegung, verschwand mit ihr bis ans Ende der Galerie, und dort, nach Luft ringend, beinahe fallend, lehnte sie für einen Augenblick den Kopf an seine Brust. Und dann brachte er sie, immer noch drehend, jedoch behutsamer, zurück an ihren Platz; sie ließ sich gegen die Wand sinken und legte eine Hand vor die Augen.

Als sie wieder hochblickte, saß mitten im Salon eine Dame auf einem Schemel, vor ihr knieten drei Tänzer. Sie erwählte den Vicomte, und von neuem spielte die Geige.

Man schaute ihnen zu. Sie wirbelten vorüber und kehrten wieder zurück, sie mit reglosem Körper und gesenktem Kinn, und er stets in der gleichen Haltung, den Rücken durchgedrückt, die Ellbogen gerundet, den Mund gespitzt. Die da, die konnte Walzer tanzen! Sie hielten lange durch und ermüdeten alle andern.

Man plauderte noch ein paar Minuten, und nach dem Adieu oder vielmehr dem Guten Morgen gingen die Schlossgäste zu Bett.

Charles zog sich am Treppengeländer hinauf, er hatte sich die Beine in den Bauch gestanden. Fünf Stunden hintereinander hatte er vor den Spieltischen verbracht und beim Whist zugeschaut, ohne irgendetwas zu begreifen. Deshalb tat er einen tiefen Seufzer der Zufriedenheit, als er seine Stiefel ausgezogen hatte.

Emma warf sich einen Shawl über die Schultern, öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus.

Die Nacht war tiefschwarz. Es gab ein paar Regentropfen. Sie atmete den feuchten Wind, der ihre Lider kühlte. Die Ballmusik summte ihr noch im Ohr, und sie zwang sich, wach zu bleiben, um fortzuspinnen an der Illusion von diesem prunkvollen Leben, das sie in wenigen Stunden zurücklassen musste.

Der Morgen graute. Lange betrachtete sie die Fenster des Schlosses und versuchte zu erraten, wo die Zimmer derjenigen lagen, die ihr am Vorabend aufgefallen waren. Sie wollte alles wissen über ihre Leben, in sie eindringen, mit ihnen verschmelzen.

Doch sie zitterte vor Kälte. Sie zog sich aus und schmiegte sich in die Laken, an Charles, der schlief.

Es kamen viele Leute zum Frühstück. Das Essen dauerte zehn Minuten; kein Likör wurde serviert, was den Arzt verwunderte. Anschließend sammelte Mademoiselle d’Andervilliers Briochebrocken in einem Weidenkörbchen, um sie den Schwänen auf dem Teich zu bringen, und man spazierte durch das Treibhaus, wo seltsam borstige Pflanzen sich zu Pyramiden türmten, unter hängenden Gefäßen, von deren Rändern wie aus übervollen Schlangennestern lange, ineinander verschlungene grüne Schnüre herabfielen. Die Orangerie, zu der man am anderen Ende gelangte, führte geschützt bis zu den Wirtschaftsgebäuden des Schlosses. Um der jungen Frau Zerstreuung zu bieten, zeigte ihr der Marquis die Stallungen. Über den korbförmigen Futterkrippen standen auf Porzellantafeln schwarz geschrieben die Namen der Pferde. Jedes Tier rührte sich in seiner Box, wenn man zu ihm kam und mit der Zunge schnalzte. Der Boden in der Sattelkammer glänzte wie das Parkett eines Salons. Die Wagengeschirre hingen in der Mitte an zwei Drehsäulen, und die Kandaren, die Peitschen, die Steigbügel, die Kinnketten aufgereiht an der ganzen Wand.

Charles ersuchte indes einen Diener, ihm seinen Boc anzuspannen. Er wurde vor die Freitreppe gebracht, und nachdem alle Pakete verstaut waren, bezeugte das Ehepaar Bovary dem Marquis und der Marquise seinen Dank und fuhr zurück nach Tostes.

Emma betrachtete stumm die sich drehenden Räder. Charles hockte am äußersten Ende der Bank und lenkte mit gespreizten Armen, und das kleine Pferd trabte im Passgang zwischen den viel zu weiten Deichselstangen. Die schlaffen Zügel klatschten ihm auf die Kruppe, nass von Schweiß, und die hinten auf dem Boc festgezurrte Truhe schlug mit kräftigen, regelmäßigen Stößen gegen den Wagenkasten.

Sie waren auf den Höhen von Thibourville, als vor ihnen plötzlich Reiter dahinpreschten, lachend, Zigarren im Mund. Emma glaubte den Vicomte zu erkennen: sie drehte sich zur Seite und sah am Horizont nur die wippenden Köpfe auf und ab hüpfen, im ungleichen Rhythmus von Trab oder Galopp.

Eine Viertelmeile weiter mussten sie halten, um mit einer Schnur das Schweißblatt festzubinden, das gerissen war.

Als Charles einen letzten prüfenden Blick auf das Geschirr warf, sah er etwas am Boden, zwischen den Beinen seines Pferds; und er griff nach einem Zigarrenetui, das ganz aus grüner Seide gestickt war und in seiner Mitte ein Wappen trug, wie der Schlag einer Karosse.

»Da stecken sogar zwei Zigarren drin«, sagte er; »die sind für heute abend, nach dem Essen.«

»Du rauchst also?« fragte sie.

»Hin und wieder, wenn sich die Gelegenheit bietet.«

Er schob den Fund in seine Tasche und gab dem Pferdchen die Peitsche.

Als sie nach Hause kamen, war das Essen nicht fertig. Madame geriet in Zorn. Nastasie antwortete frech.

»Hinaus!« sagte Emma. »So eine Unverschämtheit, Sie sind entlassen.«

Zum Essen gab es Zwiebelsuppe und ein Stück Kalb mit Sauerampfer. Charles, der Emma gegenübersaß, rieb sich mit glücklicher Miene die Hände:

»Schön, wieder daheim zu sein!«

Man hörte Nastasie weinen. Er mochte die arme Person ganz gern. Sie hatte ihm einst an manchen Abenden Gesellschaft geleistet, in der Öde seines Witwertums. Sie war seine erste Patientin, seine älteste Bekanntschaft in dieser Gegend.

»Hast du ihr allen Ernstes gekündigt?« fragte er schließlich.

»Ja. Wer sollte mich daran hindern?« erwiderte sie.

Dann wärmten sie sich in der Küche, während ihr Zimmer gerichtet wurde. Charles begann zu rauchen. Beim Rauchen spitzte er die Lippen, spuckte alle Augenblick, lehnte sich zurück bei jedem Zug.

»Das wird dir nicht bekommen«, sagte sie verächtlich.

Er legte seine Zigarre weg, lief zur Pumpe und goss ein Glas kaltes Wasser hinunter. Emma griff nach dem Zigarrenetui, warf es gereizt zuunterst in den Schrank.

Der nächste Tag war lang! Sie spazierte durch ihr Gärtlein, nahm immer wieder dieselben Wege, stand vor den Rabatten, vor den Spalierbäumen, vor dem gipsernen Pfarrer und betrachtete fassungslos all diese Dinge von einst, die ihr so vertraut waren. Wie fern der Ball bereits schien! Was rückte den vorgestrigen Morgen so weit weg vom heutigen Abend? Der Ausflug nach La Vaubyessard hatte ein Loch geschlagen in ihr Leben, gleich jenen tiefen Rissen, die ein Unwetter während einer einzigen Nacht manchmal in die Berge gräbt. Doch sie fügte sich; andächtig verschloss sie in der Kommode ihre schöne Toilette und sogar ihre Atlasschuhe, deren Sohlen gelb waren vom Wachs des glatten Parketts. Ihnen glich ihr Herz: durch die Berührung mit dem Reichtum hatte sich etwas darübergelegt, was nicht mehr verschwinden sollte.

Sie wurde also zu einer Beschäftigung für Emma, die Erinnerung an diesen Ball. Jedesmal, wenn der Mittwoch kam, sagte sie sich beim Erwachen: »Ach! vor acht Tagen … vor vierzehn Tagen … vor drei Wochen war ich dort!« Und allmählich verschwammen in ihrem Gedächtnis die Physiognomien, sie vergaß die Melodien der Kontertänze, sie hatte die Livreen und die Räume nicht mehr so deutlich vor Augen; Einzelheiten verflogen, aber die Sehnsucht blieb.

 

Anmerkungen

IX.

Oft, wenn Charles fort war, suchte sie im Schrank, wo es zwischen der gefalteten Wäsche lag, nach dem Zigarrenetui aus grüner Seide.

Sie betrachtete es, öffnete es und schnupperte sogar den Duft seines Futters, eine Mischung aus Eisenkraut und Tabak. Wem gehörte es? … Dem Vicomte. Vielleicht war es ein Geschenk seiner Geliebten? Auf einem Palisanderrahmen war es gestickt worden, dieses niedliche Ding, vor aller Augen verborgen, viele Stunden hatte es in Anspruch genommen, und die weichen Locken der gedankenversunkenen Stickerin waren darübergefallen. Ein Hauch von Liebe war eingedrungen in das Gewebe des Kanevas; jeder Nadelstich hatte eine Hoffnung festgehalten oder eine Erinnerung, und all diese ineinander verschlungenen Seidenfäden waren nichts als die Fortdauer der immergleichen stillen Leidenschaft. Und dann hatte der Vicomte es eines Morgens mitgenommen. Worüber war gesprochen worden, als es noch auf den Kaminen mit den breiten Gesimsen lag, zwischen Blumenvasen und Pompadour-Pendülen? Sie war in Tostes. Er dagegen war jetzt in Paris; weit weg! Wie war dieses Paris? Welch gewaltiger Name! Immer wieder sprach sie ihn halblaut, um sich daran zu erfreuen; er tönte in ihren Ohren wie die große Glocke einer Kathedrale, er leuchtete vor ihren Augen, sogar auf den Etiketten ihrer Salbtöpfchen.

Nachts, wenn die Fischhändler mit ihren Karren unter den Fenstern vorbeizogen und die Marjolaine sangen, wurde sie wach; und während sie dem Geratter der eisenbeschlagenen Räder lauschte, das am Dorfausgang schnell leiser wurde auf der Erde:

»Morgen sind sie dort!« sagte sie sich.

Und in Gedanken folgte sie ihnen, die Anhöhen hinauf und hinab, über die Dörfer, auf der Landstraße im Sternenlicht. Nach einer unbestimmten Wegstrecke kam stets ein dunkler Ort, wo ihr Traum erlosch.

Sie kaufte sich einen Plan von Paris, und mit dem Finger auf der Karte wanderte sie durch die Kapitale. Sie lief die Boulevards entlang, hielt an jeder Ecke, zwischen den Straßenzeilen, vor den weißen Kästchen, welche die Häuser darstellen. Wenn ihre Augen endlich müde wurden, schloss sie die Lider, und in der Dunkelheit sah sie Gaslaternen sich im Winde biegen, und zugleich Trittbretter von Kaleschen, die mit lautem Knall herunterklappten vor den Säulenhallen der Theater.

Sie abonnierte La Corbeille, eine Zeitschrift für Frauen, und Le Sylphe des salons. Sie verschlang, ohne irgendetwas auszulassen, alle Berichte über Premieren, Pferderennen und Abendgesellschaften, interessierte sich für das Debüt einer Sängerin, die Eröffnung eines Geschäfts. Sie kannte die neuen Moden, die Adressen der guten Schneider, die Tage für den Bois oder die Oper. Sie studierte bei Eugène Sue die Beschreibung von Wohnungseinrichtungen; sie las Balzac und George Sand, suchte dort imaginäre Befriedigung für ihre eigenen Gelüste. Selbst an den Tisch brachte sie ihr Buch und blätterte weiter, während Charles aß und zu ihr sprach. Die Erinnerung an den Vicomte kehrte bei ihren Lektüren immer wieder. Zwischen ihm und den erfundenen Figuren konstruierte sie Zusammenhänge. Der Kreis jedoch, dessen Mittelpunkt er war, wurde allmählich größer, und die Aureole, die ihn umgab, löste sich von seiner Gestalt, breitete sich aus und strahlte auf andere Träume.

Paris, nebelhafter als der Ozean, funkelte so vor Emmas Augen in sattgoldenem Licht. Das üppige Leben, das in diesem Getümmel wogte, war jedoch aufgeteilt nach Bereichen, geordnet zu klar unterscheidbaren Bildern. Emma sah nur zwei oder drei, die ihr alle übrigen verdeckten und für sich allein die gesamte Menschheit ausmachten. Die Welt der Gesandten wandelte auf glänzenden Parketts, in spiegelverkleideten Salons, rund um ovale Tische, auf denen Samtdecken mit Goldfransen lagen. Da gab es Kleider mit Schleppen, große Geheimnisse, unter einem Lächeln verborgene Ängste. Dann kam die Gesellschaft der Herzoginnen; hier war man bleich; um vier Uhr hieß es aufstehen; die Frauen, arme Engel! trugen englische Spitze am Saum ihrer Unterröcke, und die Männer, verkannte Talente hinter der Maske des Leichtsinns, ritten ihre Pferde zuschanden aus purer Lust, verbrachten die Sommerzeit in Baden und heirateten zu guter Letzt, so um die vierzig, reiche Erbinnen. In den Extrazimmern der Restaurants, wo man nach Mitternacht soupiert, lachte im Kerzenschein die buntschillernde Menge der Literaten und Schauspielerinnen. Sie waren verschwendungssüchtig wie Könige, voll ehrgeiziger Ideale und phantastischer Träume. Das war ein Leben hoch über den anderen, zwischen Himmel und Erde, in den Gewitterstürmen, etwas Sublimes. Was den Rest der Welt anging, so war er verloren, ohne festen Ort, als existiere er nicht. Je näher die Dinge ihr standen, desto entschiedener wandte ihr Denken sich von ihnen ab. Alles, was sie direkt umgab, langweiliges Ackerland, schwachsinnige Kleinbürger, Mittelmaß des Lebens, schien ihr eine Ausnahme auf der Welt, ein besonderer Zufall, in dem sie gefangen saß, und jenseits davon erstreckte sich ins Unendliche das weite Land von Seligkeit und Leidenschaft. Sie verwechselte in ihrem Begehren die sinnlichen Genüsse des Luxus mit den Freuden des Herzens, die Eleganz der Lebensart und die Feinheiten des Gefühls. Brauchte die Liebe nicht, indischen Pflanzen gleich, vorbereitete Böden, eine besondere Temperatur? Die Seufzer im Mondenschein, die langen Umarmungen, die Tränen, die auf hingegebene Hände fallen, all der Aufruhr des Fleisches und die Sehnsüchte inniger Zuneigung waren also nicht zu trennen vom Balkon der großen Schlösser, die voller Zerstreuungen sind, von einem Boudoir mit Seidengardinen, einem dicken, weichen Teppich, gefüllten Blumenschalen, einem erhöht stehenden Bett, auch nicht vom Glitzer der Edelsteine und den Nestelschnüren der Livree.

Der Bursche von der Poststation, der jeden Morgen kam, um die Stute zu striegeln, schlurfte mit seinen derben Holzpantinen durch den Flur; sein Kittel war löchrig, seine Füße steckten nackt in Schlappen. Das war der Groom in kurzer Hose, mit dem sie vorliebnehmen musste! Sobald seine Arbeit fertig war, ließ er sich für diesen Tag nicht mehr blicken; wenn Charles heimkehrte, stellte er sein Pferd nämlich selbst in den Stall, nahm den Sattel ab und zog den Halfter über, während das Dienstmädchen ein Bund Stroh brachte und, so gut es ging, in die Futterkrippe warf.

Als Ersatz für Nastasie (die Tostes endlich unter Tränenströmen verließ) nahm Emma ein vierzehnjähriges Mädchen in Dienst, eine Waise mit sanftem Gesicht. Sie verbot ihr, baumwollene Häubchen zu tragen, brachte ihr bei, dass man die Herrschaft in der dritten Person anredet, ein Glas Wasser auf einem Teller serviert, vor dem Eintreten klopft, lehrte sie bügeln, stärken, beim Ankleiden helfen, wollte aus ihr eine Kammerzofe machen. Das neue Dienstmädchen gehorchte ohne Murren, denn es mochte nicht fortgeschickt werden; und da Madame immer den Schlüssel am Küchenschrank stecken ließ, nahm sich Félicité jeden Abend ein Häufchen Zucker und aß ihn allein in ihrem Bett, nachdem sie gebetet hatte.

Nachmittags ging sie manchmal auf die andere Straßenseite und plauderte mit den Postillionen. Madame blieb oben auf ihrem Zimmer.

Sie trug ein weit geöffnetes Hauskleid, das unter dem Schalkragen seines Oberteils ein Plisseehemd mit drei Goldknöpfen sehen ließ. Ihr Gürtel war eine Kordel mit dicken Troddeln, und ihre granatroten Pantöffelchen zierte ein Bausch breiter Schleifen, der sich über dem Spann wölbte.

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