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Lukas, Irrwege eines Hochbegabten

Inhaltsangabe

 Lukas ist zwar etwas zurückhaltend, aber sonst ein ganz normales Kind, meinen seine Eltern. Doch schon kurz nach der Einschulung beginnen die Probleme. Schließlich, als auch Lukas Leistungen rapide nachlassen, findet ein Psychologe die Wahrheit heraus: Lukas ist hochbegabt.

Ein langer Leidensweg durch mehrere Schuljahre beginnt; Lukas kann sich nicht anpassen, die Schulen, die Lehrer können ihm nicht helfen. Lukas wird zum Schulversager, droht völlig zu scheitern. Auch seine beiden kleineren Geschwister, ebenfalls hochbegabt, bekommen zusehends Probleme.

Da finden die verzweifelten Eltern endlich den rettenden Ausweg.

Originalausgabe erschienen 2001 AT Edition, Münster

 Es ist kein Luxus große Begabungen zu fördern,

es ist Luxus und zwar sträflicher Luxus, dies nicht zu tun.

                                                                     A. Herrhausen

Vorwort

 Immer noch hält sich in unserer Gesellschaft das Bild vom Überflieger, vom Schulgenie, wenn von hochbegabten Kindern die Rede ist. In den Medien wird zwar ab und an auch von Kindern berichtet, die ins Ausland flüchten, weil sie hier in Deutschland trotz Hochbegabung untergehen oder zu Leistungsverweigerern werden, doch entsteht, da wir betroffenen Eltern uns so sehr zurückhalten, auch nur wieder der Eindruck von Einzelfällen.

Noch ist nicht wissenschaftlich geklärt, warum die einen Hochbegabten keine Probleme haben, die anderen hingegen kläglich scheitern. Tatsache ist, in psychiatrischen Kliniken und ambulanter Behandlung werden prozentual gesehen mehr hochbegabte als normale Kinder betreut. Einige Experten vertreten, leider noch hinter vorgehaltener Hand die Meinung, bei hochbegabten Kindern liege die Chance des Scheiterns in der heutigen Gesellschaft, sei es nun schulisch oder sozial, bei einem Verhältnis von 50 zu 50.

Oft hören wir Eltern auch von Lehrern den Vorwurf, es läge an unserer Erziehung, wenn unsere Kinder Schwierigkeiten machen, ja selbst viele Kinderpsychologen versuchen unsere Kinder anzupassen oder ihr Selbstwertgefühl zu steigern, damit sie dann besser in dieser normalen Welt zurechtkommen. Wenige geben offen zu, dass es auch an unserer Gesellschaft und unserem Schulsystem liegt, wenn diese Kinder scheitern.

Wir Eltern stehen meist mit unseren Problemen alleine da, versuchen selbst über lange Zeit unsere Kinder anzupassen, wollen sie und uns nicht außerhalb des Systems stellen, wären gerne konform. Statt uns zusammenzuschließen und Veränderungen für unsere Kinder zu fordern, ziehen wir den Kopf ein und versuchen irgendwie durchzukommen. Wenn einem lange genug von verschiedenen Lehrern, Ämtern, teilweise sogar von den Ärzten und dem Freundes- und Bekanntenkreis vermittelt wird: Ihr seid nicht normal, ihr seid schuld, wenn die Kinder immer mehr Verhaltensauffälligkeiten entwickeln, beginnen wir Eltern damit unsere Probleme und die Andersartigkeit unserer Kinder zu verbergen und ziehen uns zurück. Kaum einer bringt dann noch den Mut auf, zu kämpfen. Und was erreicht man denn auch ganz allein?

Es gibt einen Satz, den ein renommierter Psychologe auf dem Gebiet der Hochbegabung gerne verwendet, den ich mir, wenn ich nicht mehr weiter weiß und aufgeben will, stets vor Augen halte: Für die Hochbegabten sind Normalbegabte wie Lernbehinderte.

Unser Problem ist, dass wir so wenige sind. Wenn normal begabte Kinder jeweils als Einzelfälle in einer Klasse mit Lernbehinderten an deren Unterricht teilnehmen müssten, in demselben Tempo, ohne die Möglichkeit je etwas anderes machen zu dürfen, die Eltern würden Zeter und Mordio schreien - und recht bekommen.

Uns Eltern geht es in erster Linie darum, glückliche Kinder zu haben. Doch bei vielen geht Zufriedenheit nun mal nur über Förderung ihrer kognitiven Fähigkeiten und dem Zugeständnis, dass auch sie als Gleiche unter Gleichen lernen und leben können, sowie Verständnis aufgrund ihrer Andersartigkeit brauchen. Es ist nicht so, dass sie nur schneller denken, sie haben oft auch ganz andere Denkstrukturen, Querdenken wird zur Gewohnheit, die Fähigkeit alles über den Verstand lösen zu wollen, nicht selten zur emotionalen Falle.

Dieses Buch ist keine wahre Geschichte. Doch auch wir haben einen ´Lukas´, der zu den sogenannten Underachievern gehört. Einiges aus unseren Erlebnissen ist mit eingeflossen, vieles habe ich aus dem Erzählen und Miterleben der Lebens- und Leidensgeschichten anderer hochbegabter Kinder entnommen. Auch wir sind lange den Weg der Anpassung gegangen, fast zu lange sogar. Doch rechtlich gibt es für uns und alle verzweifelten Eltern keinerlei Möglichkeiten Differenzierung und Förderung unserer Kinder einzuklagen, noch dürfen wir sie dem öffentlichen Schulsystem entziehen.

I

Sie lag im Dunkeln und versuchte nicht auf das monotone Ticken der Uhr zu achten, das in der Stille der Nacht immer lauter und störender zu werden schien. Das tiefe, gleichmäßige Atmen aus dem Nachbarbett steigerte ihre Nervosität noch mehr und sie gab es schließlich auf, das Einschlafen erzwingen zu wollen, wie sie es eigentlich jeden zweiten Sonntag aufgab und sich jedes Mal stundenlang unruhig hin und her wälzte.

Wie immer, wenn Lukas gerade zurück ins Internat gefahren war, kreisten ihre Gedanken um das eine Thema.

Es war so ungerecht, so unfair, so widersinnig, sie konnte sich einfach nicht damit abfinden, und die innere Leere, das Gefühl des Verlustes quälten sie stets aufs Neue. Wenn Lukas wenigstens mit dieser Situation glücklich gewesen wäre, hätte sie sich fügen können, es als gegeben hingenommen. Aber jedes Mal, wenn sie die Augen schloss, sah sie wieder sein Gesicht vor sich, dieses volle, sommersprossige Jungengesicht mit der lustigen Stupsnase und dem Igelschnitt, wie es diesen hoffnungslosen Ausdruck annahm, wie ihr Sohn krampfhaft versuchte das Weinen zu unterdrücken, seine hängenden Schultern, sein gekrümmter Rücken, wenn er, wie ein geprügelter Hund, zum Auto schlich. Dann sein erster Anruf gleich am nächsten Morgen noch vor der Schule, sein unterdrücktes Schluchzen am Telefon, die spürbare Resignation in den darauffolgenden Tagen, seine Versuche jedes Telefongespräch noch mehr auszudehnen, an ihrem Leben zu Hause teilhaben zu wollen, die Eifersucht auf die Geschwister, die in unmäßige Liebe umschlug, wenn er wieder zu Hause war. Das Bemühen sich in den kurzen zweieinhalb Tagen des Daheimseins wieder in das Familienleben zu integrieren, dann das langsame Aufdämmern, dass er jetzt nirgendwo mehr richtig dazugehörte, nicht zu Hause, nicht im Internat, sein inneres Hin- und Hergerissensein zwischen diesen beiden Leben mit ansehen zu müssen und doch nicht helfen zu können. Die Schule, die Freunde dort, konnten das Familienleben mit seinen Eltern und Geschwistern nicht ersetzen, die Liebe und Geborgenheit nicht geben, die er noch so sehr brauchte. Die Familie, so stark sie auch zusammenhielt, reichte nicht aus, den Schulfrust daheim, die Isolation, das so spürbare Gefühl des Andersseins aufzufangen und auszugleichen.

Sie stöhnte auf, Bitterkeit keimte in ihr auf und Zorn; auf das System, das sich stur stellte und nicht zugab, dass auch solche Kinder Hilfe brauchten, auf sich selbst und Roland, ihren Mann, dass sie hilflos waren, sich nicht wehrten - irgendwie -, keinen Ausweg fanden; auch Neid, dass gerade ihre Kinder nicht so pflegeleicht waren wie andere, sich nicht einfinden konnten in dieses Schulsystem, diese Gesellschaft; und auch Selbstzweifel, ob es nicht doch an ihr und Roland lag, an ihrer Erziehung, dass alles so gekommen war.

Die Uhr im Wohnzimmer stimmte ihr Stundengeläut an, sie horchte. Ein Uhr, und sie war hellwach. Sie drehte sich auf den Rücken, stopfte sich das Kissen in den Nacken und dachte zurück an die Zeit, als alles begonnen hatte.

Ja, wann denn eigentlich? Ihr war Lukas ja eigentlich immer als völlig normal erschienen, seine Art zu denken, seine Art zu reden, zu begreifen, zu spielen. Obwohl sie jetzt rückblickend doch sah, auch damals schon, nur eher unbewusst gesehen hatte, dass er anders war als andere, sich irgendwie von den normalen Kindern unterschied, eigentlich schon von Geburt an.

Lukas war ein Wunschkind. Sie erinnerte sich noch an die aufregende Zeit der Schwangerschaft, der Freude und des mit nichts zu vergleichenden Glücksgefühls als er geboren wurde, aber auch an den Stress der ersten Lebensmonate. Nein, so wie sie und Roland es sich oft ausgemalt hatten, waren diese ersten Wochen des Lebens zu dritt nun wirklich nicht verlaufen. Sie lachte leise: Da denkt man als Ersteltern an eine wonnige, kleine Puppe, die man zärtlich umhegen kann, füttert, badet, im Kinderwagen spazieren fährt, die noch viel schläft und, wenn sie wach ist, zufrieden in Mamas Arm liegt oder auf der Decke, während die Mutter fröhlich ihrer Hausarbeit nachgeht.... . Nein so sah ihre Wirklichkeit nicht aus. Lukas war von Geburt an ein ewig waches, fordernd schreiendes Baby, das nur zufrieden war, wenn es herumgetragen und beschäftigt wurde. Schlafpausen von halbstündiger Dauer reichten, um ihn danach für sechs Stunden wach zu halten. Aber dafür schlief er nachts relativ schnell durch, sodass sie sich genug regenerieren konnte, um das stressige Tagespensum Kind und Haushalt einigermaßen bewältigen zu können.

Dazu vermisste sie gerade in den ersten Monaten ihre abwechslungsreiche Arbeit und die täglichen Gespräche mit den Kollegen. Ihre Freundinnen waren alle berufstätig und hatten noch keine Kinder. Und abends war sie viel zu müde, um noch ausgehen zu wollen. Doch nach und nach gewöhnte sie sich an das neue Leben, die fast täglich zu entdeckenden Fortschritte ihres Sohnes, die gesamte Entwicklung vom Baby zum Kleinkind zum ersten Mal selbst erlebt, entschädigte für vieles.

Sobald Lukas auf seiner Decke liegend sich eigenständig mit seinen Spielsachen beschäftigen konnte, wurde er auch selbständiger, war über längere Zeiträume mit sich allein zufrieden, musste nicht mehr ständig herum getragen werden. Das häusliche Leben spielte sich ein. Sie meldete sich mit ihm zu einem Babyschwimmkurs an, wurde regelmäßiger Besucher der Stadtbücherei und unternahm lange Spaziergänge mit zwei anderen Müttern aus der Nachbarschaft. Natürlich kümmerte sie sich weiterhin viel um Lukas, es machte ihr Spaß zu beobachten, wie er fast täglich dazu lernte und immer selbständiger wurde. Obwohl, eigentlich war er ihr immer schon als zwar kleine, doch vollkommen eigenständige Person erschienen, mit eigenem Willen, wachem Verstand, der an allem Anteil nahm, sein stets  neugieriger Blick, sein bewusstes Reagieren - von Anfang an eine kleine Persönlichkeit.

Notgedrungenermaßen nahm sie ihn bei all ihren Unternehmungen mit. Roland war im Außendienst viel unterwegs, ihre Mutter zu krank, ihre Schwiegereltern wohnten zu weit weg, als das jemand als Babysitter hätte einspringen können. Und solange Lukas viel sah und sie sich zwischendurch mit ihm beschäftigte, war er glücklich und zufrieden. So verwunderte es weder sie noch Freunde und Verwandte, dass er mit sieben Monaten deutlich Mama, bald darauf auch Papa sagen konnte und mit einem Jahr einen relativ großen Wortschatz besaß. Du kümmerst dich ja auch viel um ihn, hieß es.

Als Lukas elf Monate alt war, begann sie regelmäßig mit ihm zu einer Spielgruppe zu gehen, einmal um selbst mehr Kontakt mit Müttern zu haben, zum anderen aber auch, damit er früh mit Gleichaltrigen zusammenkommen sollte. Sie fand auch schnell Kontakt, doch ihr Sohn benahm sich in ihren Augen etwas seltsam. Sicher, er war schon immer ein sehr zurückhaltendes Kind gewesen, das zu Fremden kaum oder zumindest nur sehr zögernd Kontakt aufnahm. Aber selbst nach längerem Spielgruppenbesuch hielt er sich lieber von den anderen Kleinkindern fern, beobachtete aus sicherer Entfernung, was diese machten, versuchte nie von sich aus Kontakt aufzunehmen, blieb immer in der Nähe seiner Mutter. Er ließ sich widerstandslos Spielzeug wegnehmen, machte bei Balgereien und Tobespielen nicht mit, es schien, als seien ihm die Gleichaltrigen nicht geheuer. Trotzdem ging er gerne in seine Spielgruppe, das viele unterschiedliche Spielzeug zog ihn magisch an, er liebte die gemeinsamen Singspiele. Waren ältere Kinder da, durfte er fast immer mitspielen und kam mit diesen und sie mit ihm seltsamerweise gut klar.

„Er ist ja auch nicht so doof wie die anderen Kleinen“, sagte der sechsjährige Christopher erklärend, „er kann schon richtig spielen und macht uns auch nichts kaputt.“

Dieses Kind brachte die Wahrheit, die in ihr erst langsam aufdämmerte, auf den Punkt. Der eineinhalbjährige Lukas hielt sich an Regeln, spielte konzentriert über längere Zeit, zerstörte nie anderen aufgebaute Spielsachen, nahm niemandem Spielzeug aus der Hand, kurz, er war ganz anders als all die anderen Kleinen, mit denen er hier zusammenkam. Die Großen behandelten ihn stets rücksichtsvoll, beschützten ihn, aber immer wollten sie ihn natürlich auch nicht dabei haben, für viele ihrer Spiele war er denn doch noch zu klein, konnte körperlich nicht mithalten.

Doch sie sah die Andersartigkeit des Kindes eher in seinem zurückhaltenden Wesen, seiner ernsthafteren Art, ihrer vielen Beschäftigung mit ihm und ihrem, wie sich oft deutlich zeigte, anderen Erziehungsstils begründet. Die meisten Mütter, ins Gespräch vertieft, beachteten ihre spielenden Kinder kaum, schienen meist nicht zu bemerken, was diese trieben und reagierten daher in Konfliktsituationen oft aus dem Bauch heraus, strafend oder mitfühlend, je nachdem was sie gerade mitbekommen hatten. Teilweise reagierten sie auch überhaupt nicht und das jeweilige Kind blieb sich selbst überlassen. Selten wurde eingegriffen und kaum eindeutige Verbote aufgestellt und auch auf deren Einhaltung geachtet.

Sicher, Lukas war ein sehr sensibles Kind, wenn sie ihn böse ansah oder ihn später in seinen Trotzphasen nicht beachtete oder mit energischem Griff aus dem Zimmer verbannte, reichte dies als Strafmaßnahme völlig aus. Andererseits hatte sie von klein auf Grenzen gesetzt und diese auch immer und überall aufrechterhalten, einen gleichmäßigen Rahmen geschaffen, doch nie ohne eigentlich automatisch an jedes nein ein erklärendes warum anzuschließen. Durch seine Akzeptanz dieser Dinge erreichte er innerhalb kurzer Zeit viel größere Freiräume und konnte überdies jede sinnvoll begründete Einschränkung hinnehmen. Doch sie empfand dies nicht als etwas besonderes, war eher der Meinung alle anderen Kinder, wenn sie es denn auf diese Art beigebracht bekämen, entwickelten sich ähnlich.

In der Zeit zwischen seinem ersten und dritten Lebensjahr traf sie sich regelmäßig mehrmals in der Woche nachmittags mit einigen Müttern aus der Spielgruppe. Manchmal besuchten sie sich gegenseitig, oft trafen sie sich auch auf dem Spielplatz oder gingen gemeinsam spazieren. Lukas hielt sich meist abseits, spielte für sich allein oder beobachtete die anderen.

Nach und nach fand er langsam Kontakt zu dem gleichaltrigen, aber viel größeren und kräftigeren Benni. Der machte begeistert alles, was Lukas anregte, mit und plapperte dabei in Babysprache auf ihn ein, während dieser ihm kleine, selbsterfundene Geschichten erzählte. Keiner verstand, warum diese beiden zueinander gefunden hatten, waren sie doch wirklich grundverschieden.

Doch Benni lief bei jedem Treffen gleich auf Lukas zu, der selbst auch Gefallen am gemeinsamen Spiel zu finden schien. Nur wenn Benni balgen wollte oder ihm andauernd das Spielzeug aus der Hand nahm, auf dem Spielplatz mit Sand warf oder mit anderen an der Rutsche beim Hochklettern rangelte, zog er sich sofort zurück. Überhaupt hielt er sich von größeren Kindergruppen weiterhin fern, auch wenn er von Benni, der ihn stets gegen andere beschützte, wiederholt aufgefordert wurde mitzutun.

Leider löste sich der Mütterkreis nach zwei Jahren auf. Einige Frauen fingen wieder an zu arbeiten, andere bekamen zum Sommer einen Kindergartenplatz, Benni zog mit seiner Familie in eine andere Stadt. Und da sie im Herbst ein zweites Baby bekommen würde, traf sie sich in den letzten Monaten vor der Geburt nur noch ab und zu mit der einen oder anderen Mutter.

Lukas schien das Zusammensein mit den anderen jedoch nicht zu vermissen. Sie hatte ihre alten Legosteine auf dem Dachboden entdeckt und ihm geschenkt, im Bauen ging er völlig auf. Er ließ sich gerne, am liebsten stundenlang, vorlesen und intensivierte nun, da sie wieder mehr Zeit mit ihm alleine verbrachte, seine ständige Fragerei noch mehr. Er war an allem interessiert, wollte alles ganz genau, bis ins kleinste Detail wissen, hinterfragte Gebräuche, Handlungsweisen, Allgemeinheiten. Sie merkte plötzlich erstaunt, wie sich dadurch auch ihr Blickwinkel änderte, wie auch sie wieder staunend auf Kleinigkeiten blicken konnte, an denen sie vorher, ohne sie zu beachten vorbeigegangen war. Durch ihn lernte sie die technischen Errungenschaften, die Erwachsene meistens beiläufig ohne darüber nachzudenken benutzten, als selbstverständlich hinnahmen, mehr zu schätzen aber auch kritischer zu betrachten. Sie wurde überhaupt dem ganzen Leben gegenüber wacher, teilnehmender aber auch kritischer. Und sie erkannte entsetzt, wie wenig sie eigentlich detailliert, ohne das Lexikon in die Hand zu nehmen, wusste und wie viele Gebräuche und Handlungen sie einfach aus ihrer Kindheit und Jugendzeit übernommen hatte und ohne Nachdenken, ohne Wertung wiederholte.

Dann im Oktober waren sie endlich zu viert, Felix wurde geboren. Lukas hatte die Schwangerschaft einfach als gegeben hingenommen, ohne besonders interessiert zu sein. Nur die Arztbesuche, besonders die Ultraschalluntersuchungen empfand er jedes Mal als höchst bemerkenswert. Wieder zu Hause angekommen, spielte er dann mit seinen Stofftieren selbst Arzt. Für jedes Tier malte er ein kleines Bild, das waren die Ultraschallbilder, so wie sie seine Mutter auch bekommen hatte.

Für den neugeborenen Bruder interessierte er sich nicht sonderlich. Anfangs sah er neugierig zu, wenn Felix gefüttert, gebadet und gestillt wurde, doch wurde ihm die Sache bald langweilig. Besondere Gefühle schien er für das Baby nicht zu entwickeln, es war ihm im Großen und Ganzen egal. Solange sie weiterhin viel Zeit für ihn hatte, störte ihn dieser Familienzuwachs nicht sonderlich, war seine Welt in Ordnung.

Als Felix älter wurde und zu krabbeln begann, setzte er sich dann öfter zu ihm und versuchte mit ihm zu spielen. Doch sein Verhalten blieb lange Zeit weiter freundlich zurückhaltend, er konnte mit diesem Kleinkind nicht viel anfangen.

Im darauffolgenden Sommer begann Lukas Kindergartenzeit, er war jetzt drei Jahre und zehn Monate alt. Sie hatte vorher öfter mit ihm darüber gesprochen, hatte diese Zeit als selbstverständlich für alle kleinen Kinder hingestellt, nicht gerade als Muss, eher als feststehende Tatsache und tolles Erlebnis.

Trotzdem ging sie am ersten Tag skeptisch mit klopfendem Herzen mit ihm, der ihre Hand fest umklammert hielt, zu seiner Gruppe. Ob er wohl, nachdem er erst einen kurzen Kennenlernvormittag gemeinsam mit ihr hier verbracht hatte, ohne in Tränen auszubrechen von ihr Abschied nahm? Was sollte sie tun, wenn er sich an sie klammern würde? Er war noch nicht oft und wenn doch, nie gerne allein bei Bekannten und Verwandten geblieben, es hatte oft Tränen gegeben, wenn sie, seine Eltern, ohne ihn gehen wollten. Doch sie wusste, die Anwesenheit von Eltern wurde hier nicht gern gesehen.

Die Kindergärtnerin kam freundlich auf Lukas zu, begrüßte ihn kurz, löste dann schnell mit geübtem Griff seine Finger aus ihrer Hand und forderte ihn zum Mitkommen auf. Hilflos schaute er auf sie, seine Mutter, die aufmunternd lächelnd Zustimmung nickte. Er schluckte einmal trocken, wandte sich um und ging mit der Erzieherin in den Gruppenraum.

Sie schlich leise nach draußen, hatte immer noch ein mulmiges Gefühl im Bauch, jetzt eher sogar noch stärker. Ob dieser Abschied wohl wirklich so richtig gewesen war? Ihn so schnell zu verabschieden, ihn so einfach dazulassen, unter ihm fremden Kindern und Erwachsenen? Hätte sie nicht doch wenigstens noch kurz mit hineingehen sollen?

Den ganzen Morgen wartete sie aufgeregt auf einen Anruf des Kindergartens, doch das Telefon blieb still. Als sie ihn um zwölf Uhr abholte, spielte die Kindergruppe draußen. Lukas stand am Tor und warf sich freudestrahlend in ihre Arme.

„Na, wie war dein erster Tag?“, fragte sie gespannt.

„Ganz nett“, murmelte er nur und begann ungeduldig an ihrem Ärmel zu zerren, als sie ihn weiter forschend ansah, „lass uns nach Hause gehen.“

Den ganzen Nachmittag versuchte sie immer wieder etwas über seine Erlebnisse im Kindergarten zu erfahren, aber er antwortete nur einsilbig, ausweichend, ohne genaueres zu erzählen.

Die nächsten Wochen verliefen ähnlich, Lukas ging ohne zu murren morgens in den Kindergarten, erzählte aber nichts von dem, was dort passierte. Zu Hause stürzte er sich gleich auf seine Spielsachen, versuchte jetzt aber verstärkt sie oder Roland als Spielgefährten zu gewinnen. Hatte keiner von ihnen Zeit, nahm er auch mit Felix vorlieb oder setzte sich mit seiner Legokiste ihnen zu Füßen und hörte ihren Gesprächen zu, war aber nun ständig bemüht sich einzubringen. Zu den noch verbliebenen Spielnachmittagen mit den Gefährten aus der ehemaligen Spielgruppe hatte er plötzlich keine Lust mehr, maulte meistens, er würde lieber zu Hause bleiben und blieb, gingen sie trotzdem hin, immer in Felix Nähe.

Nachdem vier Wochen vergangen waren, fragte sie die Gruppenleiterin des Kindergartens, wie Lukas sich eingelebt hätte und teilte ihr gleichzeitig ihre Beobachtungen mit. Nun ja, meinte diese, er wäre wohl nicht so viele Kinder und so viel Lärm gewöhnt, zöge sich meist allein in eine Ecke zurück und spiele dort auch allein. Allerdings wäre er der erste, der bei ihr säße, wenn sie eine Geschichte vorlesen würde und die Kreisspiele schienen ihm auch Spaß zu machen, nur wolle er sich noch nicht beteiligen. Er brauche wohl noch etwas Zeit, um sich richtig einzugewöhnen. Nach einer Weile würde er bestimmt auftauen, er hätte wohl nie viel Kontakt zu anderen Kindern gehabt - und schüttelte ungläubig den Kopf, als sie erwiderte, dass sie von klein auf den Kontakt mit Gleichaltrigen gesucht habe. Das wäre aber seltsam, denn er benähme sich in vielen Dingen gar nicht so kindgerecht, wie man es eigentlich seinem Alter nach erwarten würde, zudem hätte er eine auffallend gute Sprachentwicklung, so etwas sähe man meist bei Kindern, die hauptsächlich mit Erwachsenen zusammenkämen und wenig Kontakt zu Gleichaltrigen hätten. Hm, und dass er vom Kindergarten zu Hause nichts erzählen wolle, könne man vielleicht so erklären, dass er dies hier als seinen eigenen, persönlichen Bereich betrachte, an dem er seine Eltern nicht teilhaben lassen wolle. Ob er denn genug Freiraum zu Hause hätte? Vielleicht würden sie sich ja zu viel mit ihm beschäftigen, statt ihn einfach spielen zu lassen.

Sie sah wohl etwas bekümmert drein, denn die Kindergärtnerin tätschelte ihr freundlich den Arm. „Vielleicht ist Lukas ja auch nur extrem schüchtern. Lassen Sie uns noch etwas abwarten, wir werden es schon schaffen. Dafür sind wir ja ausgebildet, die Gemeinschaft der Kinder zu fördern, ihnen helfen Kontakte zu knüpfen, das Sozialverhalten zu verbessern, aber auch die Kinder Kind sein zu lassen, zum gemeinsamen Spielen anzuregen, sie selbständiger werden zu lassen. Wir geben ihm jetzt am besten alle noch etwas mehr Zeit und stellen keine Forderungen an ihn. Und Sie werden sehen, bald wird er von sich aus anfangen zu erzählen.“

Sehr verwirrt ging sie nach Hause. Zweifel nagten an ihr, hatte sie sich vielleicht doch zu viel um Lukas gekümmert, ihm zu wenig Freiräume gelassen? Aber er wollte doch nie welche, selbst wenn sie ihren Haushaltspflichten nachkam, versuchte er sie mit seinen Fragen zu löchern. Beschäftigte sie sich mit Felix, saß er in ihrer Nähe, unterhielt sie sich mit Roland, kullerte er mit seinem Bruder über den Teppich und hörte ihrem Gespräch aufmerksam zu. Selbst der langweiligste Besucher konnte ihn nicht freiwillig aus dem Wohnzimmer vertreiben. Er ging gerne mit einkaufen, weil es so viele interessante Dinge zu beobachten gab, selbst wenn sie einen längeren Stadtbummel machen wollte, wäre er am liebsten mitgekommen. Nur auf dem Spielplatz, den sie ein- bis zweimal in der Woche weiterhin aufsuchten, hielt er sich immer noch abseits von anderen Kindern, rutschte nur, wenn sich kein anderes Kind mit angestellt hatte, verließ sofort die Schaukel, wenn er jemanden diese ansteuern sah, ging jeder Konfrontation aus dem Weg, ja saß lieber neben ihr auf der Bank, wenn es keinen einsamen Ort auf dem Spielplatz gab.

Sie seufzte, wahrscheinlich tat ihm der Kindergarten wirklich gut, denn spätestens in der Schule musste er mit den anderen Kindern klarkommen, konnte nicht mehr ausweichen, musste sich anpassen.

Endlich nach einem Dreivierteljahr fand Lukas Anschluss an einen anderen Jungen im Kindergarten. Bald darauf entwickelte sich zwischen ihnen eine feste Freundschaft, sie besuchten sich auch nachmittags regelmäßig gegenseitig.

Kopfschüttelnd beobachtete sie die beiden und konnte nicht verstehen, dass diese grundverschiedenen Jungen die besten Freunde geworden waren. Der quirlige, sportliche, um ein Jahr ältere Nico und der eher unsportliche, bedächtige, total kopfgesteuerte Lukas hatten so wenig gemeinsam. Nico, schnell von einem Spiel zum nächsten springend, immer in Bewegung und Lukas, der sich stundenlang phantasievoll mit ein und demselben Spielzeug beschäftigen konnte - irgendwie verliefen die Nachmittage stets völlig chaotisch. Aber die Kinder hingen aneinander und verabredeten sich jeden Tag wieder aufs Neue. Nico, der ein Einzelkind war, liebte auch Felix sehr und wollte ihn überall dabei haben. Die drei vertrugen sich ausnehmend gut, selbst Lukas lud seinen Bruder immer wieder von sich aus zum Mitspielen ein.

Im Kindergarten beschützte Nico seinen Freund, stieß Kinder, die Lukas ärgern wollten beiseite, half ihm beim Basteln und bei sportlichen Aktivitäten, sodass dieser langsam etwas von seiner Zurückhaltung in der Gruppe aufgab und sich jetzt morgens auch offensichtlich auf den gemeinsamen Vormittag freute.

Endlich begann er zu Hause kleine Geschichten von seinen morgendlichen Erlebnissen zu erzählen.

Positiv fiel in dieser Zeit den Erzieherinnen auf, dass Lukas unheimlich schnell Lieder und Gedichte auswendig lernen konnte. Er wurde sehr gelobt und freute sich darüber, anerkannt zu werden.

Ihr gegenüber äußerten die Kindergärtnerinnen jedoch oft die Sorge darüber, dass Lukas sich, wenn er angegriffen wurde, nie wehrte, sondern immer versuchte alles verbal zu regeln oder sich zurückzog.

Dies war auch das Hauptargument seiner Gruppenleiterin, als es um die Frage der vorzeitigen Einschulung ging.

Dem Kinderarzt war bei der Vorsorgeuntersuchung mit fünfeinhalb Jahren aufgefallen, dass ´Lukas ein sehr pfiffiges Kerlchen sei´, und hatte eine vorzeitige Einschulung als empfehlenswert angesehen. Er hatte ihr aber nachdrücklich empfohlen, erst mit den Kindergärtnerinnen seiner Gruppe zu sprechen, da diese ihn über einen viel längeren Zeitraum beobachtet hätten und sie mit Sicherheit auch sehr erfahren in der Beurteilung ihrer Schützlinge seien.

„Nein, um Gottes Willen, tun Sie das Ihrem Kind bloß nicht an!“, rief die Gruppenleiterin entsetzt, als sie dieser von dem Vorschlag des Kinderarztes erzählte. „Lassen Sie Lukas doch bitte noch dieses eine Jahr zum Spielen, ohne Verpflichtungen. Gerade er, der im sozialen Bereich noch so unsicher und zurückhaltend ist, würde sich schwer tun ohne das schützende Umfeld des Kindergartens. In der Schule sind die Kinder viel mehr auf sich gestellt, er müsste vieles alleine regeln, damit ist er jetzt noch überfordert. Außerdem kann er noch nicht richtig ausschneiden und wenn Sie sich seine Bilder ansehen, selbst die meisten Kleineren können besser malen, er hält den Stift noch immer nicht richtig. Da würde er in der Schule gar nicht mitkommen.“

„Aber er kennt schon alle Zahlen und Buchstaben“, wandte sie zaghaft ein. „Und der Kinderarzt meinte, er wäre sehr weit für sein Alter.“

„In einigen Bereichen sicherlich, aber ihm fehlen noch so viele andere wichtige Fertigkeiten. Außerdem, ich kann Sie beruhigen, Buchstaben und Zahlen kennen viele Kinder bereits vor der Einschulung, dieser kleine Vorsprung wird von den anderen aber schnell aufgeholt. Ich kann Ihnen nur raten, gönnen Sie ihm noch dieses eine Jahr Freiheit. Entscheiden müssen natürlich letztendlich Sie, aber ich und auch meine Kolleginnen halten es auf jeden Fall für das Beste, was Sie für Ihr Kind tun können.“

Völlig durcheinander verließ sie den Kindergarten.

In den nächsten Tagen kreisten ihre Gedanken immer wieder um dieses Thema. Was sollten sie tun? Einerseits sah sie auch, dass seine Mal- und Schneidversuche äußerst bescheiden ausfielen, andererseits war er in vielen Dingen des eigenständigen Denkens bestimmt genau so weit, wie die Kinder, die in diesem Sommer eingeschult wurden.

Roland dagegen sah kein Problem. „Lass ihn doch ruhig noch ein weiteres Jahr im Kindergarten, er will schließlich von sich aus nicht unbedingt in die Schule. Und anstrengen muss er sich noch früh genug. Außerdem hast du dann auch weniger Stress. Im Juni kommt unser Baby, wenn du dann im August auch noch jeden Morgen mit zur Schule laufen müsstest, zumindest am Anfang, wäre das ganz schön anstrengend. Im Kindergarten nehmen sie es mit der Pünktlichkeit nicht so genau, und wenn er mal einen Tag zu Hause bleiben möchte, ist es auch nicht schlimm. Langweilen wird er sich, so wie ich ihn einschätze, trotzdem nicht.“

Sicher, die Einschulung im Sommer wäre für sie nicht gerade günstig, aber richtig überzeugt war sie immer noch nicht. Doch als sie hörte, dass Nico im Sommer in eine andere Stadt ziehen und auch das Nachbarskind, mit dem Lukas den gleichen Schulweg gehabt hätte, nicht an seiner Schule, sondern in einem anderen Stadtteil, in der Nähe der Oma eingeschult würde, er also ganz allein in der neuen Situation wäre, kam auch sie zu der Überzeugung, ihn doch noch ein Jahr im Kindergarten zu belassen. Vielleicht war es wirklich besser so.

II

Dann wurde Lukas mit sechs Jahren und elf Monaten eingeschult. Wieder erzählte er nichts, wenn er aus der Schule kam, sein einziger Kommentar war, es sei ganz nett. Er erledigte jedoch ohne Aufforderung gleich nach dem Mittagessen, so schnell wie möglich seine Schulaufgaben. Malen, Muster ergänzen und Zahlen und Buchstaben schreiben bereiteten ihm immer noch Schwierigkeiten, Abzählen mit Einkreisen von Gegenständen erledigte er, ohne zu murren, obwohl er dies schon mit vier Jahren gekonnt hatte.

Nach einem Monat erwähnte er beiläufig, dass er bis jetzt nichts Neues gelernt hätte, ließ sich aber bereitwillig auf später vertrösten. Nachmittags spielte er viel mit Felix, ab und zu auch mit Andreas, dem Kind aus der Nachbarschaft, mit dem er morgens gemeinsam in die Schule ging. Sonst schien er in der Klasse keine Freunde zu haben.

Nach den Herbstferien bemerkte sie zum ersten Mal eine Unzufriedenheit und Gereiztheit an ihm, die sie früher nie beobachtet hatte. Er beklagte sich jetzt auch öfter, er müsse in der Schule mit Plättchen rechnen, obwohl er es ohne viel besser könne und es würde fürchterlich lange dauern, bis endlich mal etwas Neues drankäme.

„Stell dir vor Mama“, sagte er eines Tages entrüstet, „wir haben jetzt schon den dritten Tag hintereinander nur Buchstaben lernen aufgehabt, und weil es immer noch Kinder in der Klasse gibt, die das jetzt noch nicht können, ist das nun schon wieder unsere Hausaufgabe. Soll ich dann heute gar nichts machen, ich kann alle Buchstaben schon?“

Also übten sie kleine, einfache Wörter zu schreiben, wobei sie sich eingedenk der eindringlichen Rede der Lehrerin am Elternabend: ´Die Kinder lernen schreiben, wie sie sprechen, um die frühe Lesefertigkeit zu fördern, alles, was richtig lautiert ist, gilt als fehlerfrei´, an die Lautiervorschrift hielt.

Lukas schien die Arbeit Spaß zu machen und sie war erstaunt, wie viele Worte er schon umsetzen konnte.

Jetzt setzte er sich oft nachmittags hin und schrieb kleine Bildergeschichten, die abends in der Familie vorgelesen wurden und nicht nur bei Roland und ihr auf Beifall stießen, selbst Felix freute sich, wenn wieder ein neues Abenteuer fertig war. Dadurch hatte sich auch Lukas Lesefertigkeit schnell entwickelt, sodass er nach vier Monaten Schule zwar noch etwas stockend aber doch recht gut verständlich lesen konnte.

Aber nun fiel ihm bald der Unterschied zwischen seiner Lautiermethode und fehlerfreiem Schreiben auf. Sie versuchte ihm zu erklären, dass, da lautieren einfacher wäre, die Lehrerin mit der Klasse lieber so lernen würde, auf diese Weise könnten alle Kinder schnell einen großen Wortschatz erlangen und schon bald eigene kleine Geschichten schreiben. Deswegen wäre seine Art zu schreiben zurzeit eben auch völlig richtig, die korrekte Rechtschreibung würden sie in der Schule dann später noch lernen. Er nickte, gab sich mit dieser Erklärung zufrieden, kam dann aber oft zu ihr oder Roland und fragte, ob dies Wort auch nach ihrer Rechtschreibung so richtig wäre.

In dieser Zeit erhielt sie die erste Einladung zum Elternsprechtag. Sie ging leichten Herzens hin, völlig überzeugt, nur Gutes zu hören ... und fiel aus allen Wolken.

Ihr Sohn wäre sehr langsam und ungeschickt, sagte die Lehrerin Frau Schreiber, kaum dass sie sich gesetzt hatte. Lukas hätte keine vernünftige Schriftführung, im Malen und Basteln würde er noch eben ausreichende Leistungen erbringen. Er sei sehr zurückhaltend, auch ihr gegenüber und habe in der Klasse keine Freunde. Wenn er etwas erzähle, könne die Klasse ihm oft nicht folgen, da er sich meist wie ein Erwachsener ausdrücken würde und viel zu komplizierte, verschachtelte Sätze benütze. Sie müsse ihn dann häufig stoppen, da die anderen Kinder unruhig würden und nicht mehr zuhörten. Ob er denn nicht im Kindergarten gewesen wäre?

Ja, doch, erwiderte sie, sogar drei Jahre lang, aber auch dort sei seine zurückhaltende Art schon aufgefallen.

Aber sonst wäre er wohl viel mit Erwachsenen zusammen, mutmaßte die Lehrerin, denn seine Sprache wäre überhaupt nicht kindgemäß. Ob er denn ein Einzelkind sei?

Wieder verneinte sie, er hätte noch zwei kleinere Geschwister.

Tja, sie könne natürlich auch nur Vermutungen anstellen, aber sie als Eltern sollten in nächster Zeit doch etwas mehr darauf achten, wie sie mit ihm umgingen, er wäre auch in seinem Verhalten lange nicht so Kind wie andere Gleichaltrige und da brauche man sich nicht wundern, wenn die anderen ihn nicht so richtig akzeptierten. Sie würde jedenfalls versuchen ihn mehr den anderen anzugleichen, dann würde er bestimmt nicht mehr so ein Außenseiter in der Klassengemeinschaft sein. Er hätte nur zu Andreas etwas mehr Kontakt, der wäre allerdings auch ein Außenseiter, aber aus anderen Gründen. Na ja, und vom Stoff her gehöre Lukas so ins Mittelmaß, es gäbe einige die schlechter wären, aber auch mindestens genauso viele, die bessere Leistungen zeigten.

Sie schluckte, irgendetwas in ihr riet, sie solle besser gehen, aber sie brachte die Sprache doch noch auf die Rechenplättchen. Lukas hatte ihr eindringlich ans Herz gelegt, die Lehrerin zu fragen, ob er sie nicht auch in der Schule weglassen könne, nachdem sie dies zu Hause schon stillschweigend taten und es seltsamerweise besser klappte als vorher mit.

Doch wiederum war die Lehrerin anderer Ansicht. Er, wie fast alle Kinder in der Klasse, wäre noch nicht so sicher, um ohne sie auszukommen, das könne sie als Lehrerin wirklich besser beurteilen. Und tatsächlich hätte sie gerade in dieser Klasse ein Kind, das schon im Hunderter-Raum rechne und trotzdem ohne zu murren die Rechenhilfe benutze. Als Mutter würde man die Fähigkeiten seines Kindes schnell überschätzen, besonders wenn es das erste Kind in der Schule wäre. Sie dagegen hätte ja den Vergleich mit den anderen Schülern und könne auf über zwanzigjährige Lehrerfahrung zurückblicken.

Sie nickte, was sollte sie noch sagen, und verabschiedete sich von Frau Schreiber.

 

Wieder blieb eine gewisse Unsicherheit zurück, wieder überdachte sie ihre Erziehung, ihren Umgang mit ihrem Sohn. Sie sah ihn ganz anders als die Lehrerin. Zu Hause war er genauso fröhlich und unbeschwert wie alle anderen Kinder, die sie kannte. Er tobte gerne herum, spielte viel und ausdauernd, versuchte gerne seinen Kopf durchzusetzen und war auch nicht besonders fügsam. Auch empfand sie weder sich noch ihn als überzogen ehrgeizig, noch hatte sie das Gefühl seine Fähigkeiten zu überschätzen. Sie hatte ihn nie zum Lernen angehalten, nur auf seine ständigen Fragen geantwortet, nie Lernspiele mit ihm gespielt. Eigentlich war ihm alles, was er bis jetzt konnte, so zugeflogen, ohne irgendwelche Anstrengung oder Übung. Buchstaben und Zahlen hatten ihn zwar interessiert, aber auch nicht in besonderem Maße, er hatte vor der Einschulung nie den Versuch unternommen lesen zu lernen, ja ließ sich selbst jetzt noch gerne vorlesen. Klar, irgendwie war er schon Erwachsenen orientiert, unterhielt sich gerne mit ihm bekannten Erwachsenen, die ihr dann oftmals bestätigten, er wäre ein aufgewecktes Kerlchen und hätte an allem und jedem Interesse. Das sah die Lehrerin aber anscheinend auch anders. Sie zuckte die Achseln, vielleicht lag die Diskrepanz ihrer Ansichten doch darin begründet, dass Lukas noch nicht richtig in die Klassengemeinschaft integriert war und anscheinend auch mit seiner Lehrerin oder sie mit ihm nicht besonders gut zurechtkam.

Als sie die Wohnung betrat, hatte sie sich so weit wieder gefangen, dass sie auf Lukas Nachfrage, wie es gewesen wäre, unbefangen antworten konnte: „Frau Schreiber meint, du würdest dich ganz gut machen und auch gut mitkommen.“

Sie sah sein zweifelndes Gesicht und zog ihn an sich. „Siehst du es nicht so? Was ist denn eigentlich los?“, fragte sie liebevoll.

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