Logo weiterlesen.de
Operation Heartbreaker: Lucky – Nur eine Frage der Zeit

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Suzanne Brockmann

Operation Heartbreaker:
Lucky – Nur eine Frage der Zeit

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Anita Sprungk

PROLOG

So musste sich ein Footballspieler fühlen, wenn er von der gegnerischen Mannschaft gerammt wurde.

Der Mann kam die Treppe heruntergestürzt, prallte mit Sydney zusammen und warf sie dabei fast um. Als ob das noch nicht schmerzhaft genug gewesen wäre, setzte er noch eine Beleidigung drauf. Er hielt sie nämlich offenbar für einen Mann.

“Tut mir leid, Kumpel!”, rief er über die Schulter, während er die Treppe weiter hinunterlief, ohne anzuhalten.

Sie hörte, wie die Eingangstür des Apartmenthauses geöffnet wurde und wieder ins Schloss fiel.

Toll. Der perfekte Abschluss für diesen Abend. Eigentlich hatte sie vorgehabt, mit zwei Freundinnen ins Kino zu gehen, aber Bette hatte im letzten Moment abgesagt. “Tut mir leid”, hatte sie Syd auf den Anrufbeantworter gesprochen, “aber mir ist etwas dazwischengekommen.” Etwas. Dieses Etwas war zweifellos eins neunzig groß, breitschultrig, trug einen Cowboyhut und hieß Scott oder Brad oder Wayne.

Als Syd gerade auf den Parkplatz des Kinos einbiegen wollte, klingelte ihr Handy. Hillary war dran, um ebenfalls abzusagen. Ihr Kind hatte neununddreißig Grad Fieber.

Einfach umzukehren und wieder nach Hause zu fahren hätte Syd zu sehr deprimiert. Also sah sie sich den Film alleine an. Und war jetzt erst recht deprimiert.

Der Streifen war ebenso langatmig wie gehaltlos gewesen, mit durchtrainierten jungen Schauspielern, die ständig ihre Muskeln spielen ließen. Syd schwankte die ganze Zeit zwischen Langeweile, weil die Story so dünn war, und Verlegenheit, weil die perfekten Körper eine derartige Faszination auf sie ausübten.

Männer wie diese Schauspieler – oder wie der Footballspieler, der sie eben fast über den Haufen gerannt hatte – gingen nicht mit Frauen wie Sydney Jameson aus.

Nicht, dass sie unattraktiv gewesen wäre. Das war sie durchaus nicht. Sie konnte sogar sehr attraktiv sein – wenn sie sich die Mühe machte, sich nicht nur kurz mit der Bürste durchs Haar zu fahren. Oder etwas anderes anzuziehen als die weiten Hemden und locker sitzenden, bequemen Jeans, die sie üblicherweise trug. Und dank derer ein Durchschnitts-Neandertaler, der sie fast über den Haufen rannte, sie glatt für einen Mann halten konnte. Natürlich, so tröstete sie sich selbst, hatten die überaus spärlichen Fünfundzwanzigwattbirnen, die Mr. Billigheimer Thompkins, ihr Vermieter, im Treppenhaus installiert hatte, ihren Teil dazu beigetragen.

Syd schleppte sich die Stufen in den dritten Stock hinauf. Das alte Gebäude war in den späten Fünfzigerjahren zu einem Mietshaus umgebaut worden. Dabei waren im obersten Stockwerk – dem früheren Dachboden – zwei Wohnungen entstanden, die sehr viel geräumiger waren, als man dem Haus von außen ansehen konnte.

Sie blieb auf dem Treppenabsatz stehen.

Die Wohnungstür ihrer Nachbarin stand weit offen.

Gina Sokoloski. Syd kannte sie nicht sonderlich gut. Man begegnete sich ab und zu im Treppenhaus, nahm Pakete füreinander an, unterhielt sich gelegentlich über so aufregende Themen wie zum Beispiel die beste Jahreszeit für Melonen.

Gina war jung und schüchtern – noch keine zwanzig Jahre alt – und studierte am Junior College. Sie war ein unscheinbares, stilles Mädchen, das kaum Besucher hatte. Ein Umstand, der Syd sehr entgegenkam, hatte sie doch acht Monate lang Tür an Tür mit einer WG ganz und gar nicht unscheinbarer, stiller junger Männer gelebt.

Ginas Mutter war ein- oder zweimal zu Besuch gekommen – eine makellose, unaufdringlich reiche Frau, die einen riesigen Diamantring trug und einen Wagen fuhr, der mehr gekostet haben musste, als Syd in drei sehr guten Jahren als freischaffende Journalistin verdienen konnte.

Dass der Muskelprotz, der gerade die Treppen hinuntergepoltert war, Ginas Freund war, hätte Syd nun wahrlich nicht erwartet. Dennoch, sie war sich sicher, aus Ginas Wohnung eindeutig menschliche Laute zu vernehmen. Syd trat näher an die offene Tür heran und spähte hinein, aber drinnen war es völlig dunkel. “Gina?”

Sie lauschte angestrengt. Da, da war es wieder. Eindeutig ein Schluchzen. Zweifellos hatte der Hurensohn, der sie beinahe umgerannt hätte, mit Gina Schluss gemacht. Und dann hatte er es so eilig gehabt, von ihr fortzukommen, dass er die Tür offen gelassen hatte.

“Gina, deine Tür steht offen. Ist alles in Ordnung bei dir?” Syd klopfte laut an und schob die Tür noch weiter auf.

Das schwache Licht aus dem Treppenhaus fiel ins Wohnzimmer und …

Die Wohnung war ein Trümmerhaufen: umgeworfene Möbel, zertrümmerte Lampen, ein umgekipptes Bücherregal. Mein Gott, der Mann, der die Treppen hinuntergestürmt war, war gar nicht Ginas Freund gewesen, sondern ein Einbrecher.

Oder Schlimmeres …

Syds Nackenhaare sträubten sich, und sie kramte in ihrer Handtasche nach ihrem Handy. Bitte, lieber Gott, lass Gina nicht zu Hause gewesen sein! Bitte, lieber Gott, gib, dass diese seltsamen Töne von irgendeinem kaputten technischen Gerät kommen oder vom Wind, der in den Lüftungsschächten heult.

Aber dann hörte sie es wieder. Eindeutig ein ersticktes Wimmern.

Syds Finger schlossen sich um ihr Handy, während sie mit der anderen Hand nach dem Lichtschalter neben der Tür tastete. Sie schaltete das Licht ein.

Da war Gina. Sie hockte zusammengekauert in einer Ecke ihres Wohnzimmers, das Gesicht blutig geschlagen, die Kleidung zerrissen und blutbefleckt.

Syd schloss die Tür hinter sich ab und wählte den Notruf.

1. KAPITEL

Es wurde schlagartig still in Captain Joe Catalanottos Bürovorzimmer, und alle drehten die Köpfe, um Lucky anzuschauen.

Hochgezogene Augenbrauen, offene Münder. Der Grad der Verwunderung hätte kaum größer sein können, wenn Lieutenant Luke “Lucky” O’Donlon seinen Kameraden eröffnet hätte, er wolle den Dienst quittieren und ins Kloster gehen.

Cowboy, Blue und Wes starrten ihn an, und selbst auf Crash Hawkens immer betont gleichmütigem Gesicht zeigte sich kurzfristig Überraschung. Frisco war auch da. Er hatte an einer Besprechung mit Joe und dem Senior Chief der Alpha Squad, Harvard, teilgenommen. Lucky hatte sie alle überrumpelt. Es war eigentlich zum Brüllen komisch – aber leider war ihm gar nicht nach Lachen zumute.

“Kommt schon, Leute! So schlimm ist das nun auch wieder nicht!”, sagte Lucky und zuckte die Achseln. Dumm nur, dass er selbst das ganz und gar anders empfand. Die Sache ließ ihn keineswegs so kalt, wie er vorgab.

Niemand sagte ein Wort. Selbst der kürzlich erst zum Chief beförderte Wes Skelly, der sonst nie die Klappe halten konnte, schwieg. Lucky brauchte allerdings keine telepathischen Fähigkeiten, um zu wissen, was seine Kameraden dachten.

Er hatte sich intensiv darum bemüht, am aktuellen Einsatz der Alpha Squad teilnehmen zu können, einer verdeckten Mission, über die nicht einmal Joe Cat Näheres wusste. Man hatte ihm nur mitgeteilt, er solle ein Fünfmannteam zusammenstellen, das irgendwo in Osteuropa eingesetzt werden würde, sehr kurzfristig und auf unabsehbare Zeit.

Also ein Einsatz der Art, der das Herz höherschlagen ließ und den ultimativen Adrenalinkick verhieß. Ein Einsatz der Art, für den Lucky alles getan hätte.

Er hatte es auch tatsächlich in das Einsatzteam geschafft. Erst am Morgen zuvor hatte er einen Freudentanz aufgeführt, als Joe ihm mitteilte, er solle seine Ausrüstung zusammenpacken und sich bereithalten. Trotzdem stand er jetzt, keine vierundzwanzig Stunden später, vor dem Captain und erklärte, er wolle von diesem Auftrag entbunden werden. Obendrein bat er ihn, alle seine Beziehungen spielen zu lassen, um ihm vorübergehend eine weit weniger aufregende Stelle in der SEAL-Basis hier in Coronado zu verschaffen. Und zwar so schnell wie möglich.

Lucky zwang sich zu einem Lächeln. “Du wirst keine Probleme haben, mich zu ersetzen, Captain.” Er warf einen Blick hinüber zu Cowboy und Wes, die offensichtlich nur allzu bereit waren, seine Stelle einzunehmen.

Der Captain deutete kurz auf die Tür zu seinem Büro. Er ließ sich durch Luckys demonstrative Gleichgültigkeit nicht täuschen. “Möchtest du mir unter vier Augen sagen, was eigentlich los ist?”

Lucky legte keinen Wert auf ein Vieraugengespräch. “Daraus brauche ich kein Geheimnis zu machen, Cat. Meine Schwester heiratet in ein paar Wochen. Wenn ich an diesem Einsatz teilnehme, laufe ich Gefahr, nicht rechtzeitig wieder hier zu sein.”

Wes Skelly konnte seine Klappe keine Sekunde länger halten. “Ich dachte, du wärst gestern Abend nach San Diego gefahren, um ihr die Leviten zu lesen?”

Genau das hatte Lucky tatsächlich vorgehabt. Er war zu Ellen und ihrem Verlobten gefahren, einem dämlichen College-Professor namens Gregory Price. Er wollte den großen Bruder herauskehren und seiner gerade mal zweiundzwanzig Jahre alten kleinen Schwester klarmachen, dass sie mindestens noch ein Jahr warten sollte, bevor sie einen so schwerwiegenden Schritt tat und heiratete. Er war wild entschlossen gewesen, sie umzustimmen. Sie konnte doch noch gar nicht bereit sein, einem Mann die ewige Treue zu schwören! Noch dazu einem Mann, der sich so lächerlich konservativ kleidete … Sie hatte doch noch gar nicht richtig gelebt!

Aber Ellen war nun mal Ellen, und sie hatte ihre Entscheidung getroffen. Sie war sich ihrer Sache so sicher und hatte kein bisschen Angst. Lucky sah, wie sie den Mann anstrahlte, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte, und wunderte sich zum wer weiß wievielten Mal, wie verschieden zwei Menschen sein konnten, die doch dieselbe Mutter hatten. Natürlich konnte ihre Bindungsfähigkeit beziehungsweise seine Bindungsunfähigkeit auch darauf zurückzuführen sein, dass sie unterschiedliche Väter hatten. Denn während Ellen schon mit zweiundzwanzig reif genug war, um zu heiraten, konnte Lucky sich durchaus vorstellen, dass er sich auch mit zweiundachtzig noch zu jung fühlen würde, um sich an eine Frau zu binden.

Dennoch hatte er schließlich die Waffen gestreckt.

Überzeugt hatte ihn letztlich Greg. Die Art, wie er Ellen anschaute, die unverkennbare Liebe, die sich in seinen Blicken zeigte. Das hatte den SEAL schließlich dazu bewogen, den beiden seinen Segen zu geben – und das Versprechen, bei der Hochzeit dabei zu sein und die Braut zu ihrem Bräutigam zu führen.

Obwohl er dafür auf den vermutlich aufregendsten Einsatz des Jahres würde verzichten müssen.

“Sie hat niemanden außer mir”, sagte Lucky leise. “Wenn ich kann, muss ich einfach bei ihrer Hochzeit dabei sein. Ich muss es wenigstens versuchen.”

Der Captain nickte. “Okay.” Diese Erklärung reichte ihm. “Cowboy, pack deine Ausrüstung zusammen!”

Wes Skelly stöhnte enttäuscht auf, hielt aber den Mund, als ihn ein scharfer Blick des Senior Chief traf. Er wandte sich hastig ab.

Captain Catalanotto schaute kurz zu Frisco hinüber, der als Ausbilder auf der Navy-Basis arbeitete, wenn er nicht mit organisatorischen Aufgaben beschäftigt war. “Was hältst du davon, Lucky für dein kleines Projekt einzusetzen?”

Alan Francisco und Lucky waren Schwimmkumpel. Vor Jahren hatten sie gemeinsam das BUD/S-Training – Basic Underwater Demolition/SEAL, die Kampfschwimmerausbildung für angehende SEALs – und die Höllenwoche durchlitten. Anschließend nahmen sie gemeinsam an zahllosen Einsätzen teil. Bis zur Operation Desert Storm. Lucky war kurz davor gewesen, mit der Alpha Squad in den Nahen Osten abzurücken, als er vom Tod seiner Mutter benachrichtigt wurde. Er blieb zurück, während Frisco in den Einsatz zog – und ihm bei einem Antiterroreinsatz in Bagdad das Bein zerfetzt wurde. Obwohl Frisco daher nicht mehr aktives Mitglied der Alpha Squad war, hatte die Freundschaft der beiden Männer überdauert.

Lucky hatte sich sogar bereit erklärt, die Patenschaft für Friscos und Mias erstes Baby zu übernehmen, das bereits unterwegs war.

Frisco nickte. “Gute Idee”, sagte er. “O’Donlon ist genau der Richtige für diese Aufgabe.”

“Was für eine Aufgabe?”, fragte Lucky. “Wenn es darum geht, ein weibliches SEAL-Team auszubilden – jederzeit gern. Ich bin dein Mann.”

Na also, ging doch, er konnte immer noch Witze reißen. Jetzt fühlte er sich schon ein wenig besser. Zwar konnte er nicht mit der Alpha Squad ins Feld ziehen, aber dafür erhielt er eine Chance, wieder einmal mit seinem besten Freund zusammenzuarbeiten. Außerdem gewann sein natürlicher Optimismus die Oberhand. Er wusste einfach, dass ihm in naher Zukunft ein Victoria’s-Secret-Model über den Weg laufen würde. Er lebte schließlich in Kalifornien! Und sein Spitzname lautete nicht grundlos Lucky.

Aber Frisco lachte nicht. Im Gegenteil. Er wirkte ausgesprochen ernst, ja geradezu grimmig, als er sich die Morgenzeitung unter den Arm klemmte. “Weit gefehlt”, antwortete er. “Die Aufgabe wird dir ganz und gar nicht gefallen.”

Lucky schaute dem Mann, den er besser kannte als einen Bruder, in die Augen. Er brauchte nichts zu sagen. Frisco wusste, dass es überhaupt keine Rolle spielte, was sein Kumpel in den nächsten Wochen zu tun bekam. Verglichen mit der verpassten Gelegenheit für den Spitzeneinsatz, den er gerade abgelehnt hatte, würde alles andere unbedeutend sein.

Frisco bedeutete ihm, mit nach draußen zu kommen.

Lucky schaute sich noch einmal im Büro der Alpha Squad um. Harvard kümmerte sich schon um den Papierkram, der ihn für befristete Zeit Frisco unterstellte. Joe Cat führte eine hitzige Diskussion mit Wes Skelly, dem die Enttäuschung, wieder einmal nicht zum Zuge zu kommen, immer noch anzusehen war. Blue McCoy, der befehlshabende Offizier der Alpha Squad, sprach leise ins Telefon. Wahrscheinlich telefonierte er mit Lucy. Er wirkte besorgt, wie so oft in letzter Zeit, wenn er mit seiner Frau sprach. Sie arbeitete bei der Polizei von San Felipe und hatte dort mit einem Fall zu tun, der den sonst so unerschütterlichen Blue offenbar ziemlich nervös machte.

Crash hockte vor seinem Computer. Cowboy war eiligst verschwunden, kam aber gerade mit seiner Ausrüstung zurück. Offenbar hatte er schon am Abend zuvor gepackt, nur für den Fall der Fälle, wie ein kleiner Pfadfinder. Seit der Mann geheiratet hatte, zog es ihn bei jeder Gelegenheit nach Hause, statt mit Lucky, Bob und Wes einen draufzumachen. Harlan Jones’ Spitzname war immer noch Cowboy, aber seine wilden Tage, in denen sie Drinks gekippt und Frauen hinterhergejagt hatten, waren schon lange vorbei. Lucky hatte in dem wortgewandten und gut aussehenden Mann immer einen Rivalen gesehen, im Krieg wie in der Liebe. Inzwischen aber war Cowboy ausgesprochen umgänglich geworden und lief ständig mit einem Lächeln auf den Lippen herum, als wüsste er um ein Geheimnis, das Lucky nicht kannte.

Sogar als Lucky den Platz im aktuellen Sondereinsatzkommando bekommen hatte – den Platz, den er gerade wieder geräumt hatte –, hatte Cowboy ihm lächelnd gratuliert.

Die Wahrheit war: Lucky ärgerte sich über Cowboy. Von Rechts wegen müsste ein Mann wie er sich doch erbärmlich fühlen: von der Ehe überrumpelt, gefesselt an ein sabberndes Kind in Windeln.

Ja, er ärgerte sich über Cowboy, ganz ohne Frage.

Er ärgerte sich. Und beneidete ihn um sein grenzenloses Glück.

Frisco wartete schon ungeduldig an der Tür, aber Lucky ließ sich Zeit. “Passt auf euch auf, Jungs!”

Er wusste, wenn der Befehl kam, würde das Team einfach verschwinden, ohne Abschied zu nehmen.

“Oh Mann, wie ich es hasse, wenn sie ohne mich ausrücken”, sagte er zu Frisco, als sie gemeinsam in die Sonne hinaustraten. “Also, worum geht’s?”

“Du hast die Zeitung von heute noch nicht gelesen, oder?”, fragte Frisco.

Lucky schüttelte den Kopf. “Nein. Warum?”

Schweigend reichte Frisco ihm die Zeitung, die er sich unter den Arm geklemmt hatte. Die Schlagzeile sagte alles: “Serienvergewaltiger ein Coronado-SEAL?”

Lucky fluchte hemmungslos. “Ein Serienvergewaltiger? Davon höre ich zum ersten Mal.”

“Wir alle hören zum ersten Mal davon”, erwiderte Frisco ernst. “Offenbar hat es in den letzten Wochen in Coronado und San Felipe eine Reihe von Vergewaltigungen gegeben. Die letzte ereignete sich vorgestern Nacht. Die Polizei ist zu dem Schluss gelangt, dass es sich immer um denselben Täter handelt. Das sagen sie jedenfalls.”

Lucky überflog rasch den Artikel. Er enthielt nur wenige Informationen zu den Überfällen – sieben bisher – und zu den Opfern. Erwähnt wurde nur die letzte überfallene Frau, eine nicht namentlich genannte 19-jährige College-Studentin. In allen Fällen hatte der Täter sich einen Nylonstrumpf übers Gesicht gezogen, um sich unkenntlich zu machen. Er wurde übereinstimmend als Weißer mit braunem oder dunkelblondem, militärisch kurz geschnittenem Haar beschrieben, etwa eins achtzig groß, kräftig gebaut und schätzungsweise dreißig Jahre alt.

Der Artikel konzentrierte sich auf Sicherheitstipps für Frauen in beiden betroffenen Städten. Einer dieser Tipps lautete: Halten Sie sich vom US-Navy-Stützpunkt fern! Vermeiden Sie es, auch nur in die Nähe zu kommen!

Den Schluss bildete ein nebulöses Statement der Polizei: “Zu den Gerüchten über eine mögliche Verbindung des Serienvergewaltigers zum Navy-Stützpunkt in Coronado, insbesondere zu den dort stationierten SEAL-Teams, erklärte ein Polizeisprecher: ‘Wir werden sehr gründlich ermitteln.’ Die SEALs sind berühmt für ihre unkonventionellen Kampftechniken und ihren Mangel an Disziplin. In Coronado und San Felipe haben sie schon oft für Aufregung gesorgt, nicht zuletzt durch nächtliche und frühmorgendliche Explosionen, die die Gäste des berühmten Hotel Coronado aufschrecken. SEAL-Commander Alan Francisco stand für einen Kommentar nicht zur Verfügung.”

Lucky fluchte erneut. “Die stellen uns dar, als wären wir die reinsten Teufel. Lass mich raten, wie ernsthaft dieser …” – er suchte den Namen des Journalisten – “… Jameson sich bemüht hat, sich mit dir in Verbindung zu setzen.”

“Oh, Jameson hat es durchaus versucht”, gab Frisco zurück, während er dem Jeep zustrebte, der ihn zu seinem Büro bringen sollte. Er stützte sich schwer auf seinen Stock; sein Knie musste heute heftig schmerzen. “Aber ich wollte erst mit Admiral Forrest sprechen, bevor ich die Polizei vor den Kopf stoße. Er hat meinen Plan abgesegnet.”

“Und der sieht wie aus?”

“Wir stellen ein Sondereinsatzkommando auf, um diesen Hurensohn zu schnappen. Die Polizei von San Felipe und Coronado wird mit einbezogen, ebenso die Bundespolizei und die FInCOM. Der Admiral hat ein paar Strippen gezogen und uns mit ins Boot geholt. Deshalb wollte ich mit Cat und Harvard sprechen. Ich brauche einen Offizier, auf den ich mich verlassen kann. Jemanden, dem ich vertraue.”

Jemanden wie Lucky. Er nickte. “Wann fange ich an?”

“Es gibt um neun Uhr ein Meeting auf dem Revier von San Felipe. Komm in mein Büro, wir fahren dann gemeinsam dorthin. Zieh die weiße Uniform an und steck dir jeden Orden an, den du hast.” Frisco zwängte sich hinters Steuerrad seines Jeeps und warf seinen Stock auf den Rücksitz. “Und noch etwas: Stell dir ein handverlesenes Team zusammen und schnappt euch den Mistkerl. So schnell wie möglich. Wenn dieser Perverse tatsächlich ein Elitesoldat ist, dann bedarf es mehr als einer Sondereinsatzgruppe, um ihn festzunageln.”

“Glaubst du wirklich, dieser Typ könnte einer von uns sein?”

Frisco schüttelte den Kopf. “Ich weiß es nicht. Ich hoffe natürlich, dass nicht.”

Der Vergewaltiger hatte sieben Frauen überfallen. Eine davon war nur wenig jünger als seine kleine Schwester. Und Lucky wusste, dass es keine Rolle spielte, wer dieses Schwein war. Wichtig war nur, dass sie ihn schnappten, bevor er erneut zuschlug.

“Wer immer der Typ ist”, versprach er seinem besten Freund und Vorgesetzten, “ich werde ihn finden. Und dann wird er den Tag seiner Geburt verfluchen.”

Sydney war erleichtert, nicht die einzige Frau im Raum zu sein. Erfreut stellte sie fest, dass auch Police Detective Lucy McCoy zum Sondereinsatzkommando gehörte, das sich an diesem Morgen erstmalig zur Besprechung versammelte. Sie alle verfolgten nur ein Ziel: den Vergewaltiger von San Felipe zu schnappen.

Von sieben Überfällen hatten fünf in den ärmeren Gegenden von San Felipe stattgefunden, und in Coronado war man darüber recht erleichtert. Sie hatten sich auf dem Polizeirevier von San Felipe versammelt, um gemeinsam nach dem Vergewaltiger zu fahnden und ihn zu fassen.

Syd war Detective Lucy McCoy bereits am Samstagabend begegnet. McCoy war offenbar aus dem Bett geklingelt worden und völlig ungeschminkt, mit hastig falsch zugeknöpfter Bluse am Tatort in Gina Sokoloskis Wohnung erschienen – stinksauer, dass man sie nicht früher benachrichtigt hatte.

Syd hatte Gina, die mit erschreckend glasigen Augen vor sich hin schwieg und sichtlich unter Schock stand, beschützend unter ihre Fittiche genommen und von allen abgeschirmt. Die männlichen Polizisten hatten sich bemüht, sie schonend und einfühlsam zu befragen, aber das reichte in diesem Fall nicht. Können Sie uns sagen, was geschehen ist, Miss?

Himmelherrgott noch mal! Als wäre Gina in der Lage gewesen, die Männer auch nur anzusehen und ihnen zu erzählen, wie sie auf den Fremden in ihrem Wohnzimmer gestoßen war, wie er sie ergriffen und festgehalten hatte, bevor sie davonlaufen konnte, wie er ihr die Hand auf den Mund gepresst hatte, um sie am Schreien zu hindern, wie er …

Der Neandertaler, der Sydney auf der Treppe fast umgerannt hätte, hatte das Mädchen vergewaltigt. Mit großer Brutalität. Syd hätte darauf wetten mögen, dass die arme Kleine noch Jungfrau gewesen war. Wie schrecklich, auf diese Weise erstmalig Sex zu erleben.

Syd hatte sie fest in die Arme genommen und den Detectives ohne Umschweife klargemacht, dass das so nichts würde. Sie sollten sich schnellstens darum kümmern, dass Gina von einer Frau befragt werden konnte. Nach dem, was sie gerade durchgemacht hatte, müsse sie nicht unbedingt auch noch der Erniedrigung ausgesetzt werden, einem Mann Rede und Antwort zu stehen.

Es hatte funktioniert. Gina erzählte Lucy McCoy alles, mit völlig emotionsloser Stimme – gerade so, als berichtete sie von etwas, das jemand anderem zugestoßen war, nicht ihr selbst.

Sie hatte versucht, sich zu verstecken. Sie hatte sich in eine Ecke gekauert, und er hatte sie geschlagen. Wieder und wieder geschlagen. Dann hatte er sich auf sie gestürzt, ihr die Kleider vom Leib gerissen, sich brutal in sie hineingezwängt. Die Hände fest um ihren Hals geschlossen, sodass sie kaum atmen konnte, und …

Lucy erklärte ihr leise und sanft, welche weiteren Schritte nötig waren, warum Gina sich von einem Arzt untersuchen lassen musste, warum sie nicht duschen durfte – noch nicht –, obwohl sie sich nichts sehnlicher wünschte.

Lucy erklärte weiter, jede Einzelheit, jedes Detail, das Gina zu dem Angreifer einfiel, jedes Wort, das er gesagt hatte, jede Kleinigkeit, die ihr noch einfallen mochte, sei wichtig. Je mehr sie über den Mann erfuhren, desto besser standen ihre Chancen, ihn zu schnappen.

Sydney beschrieb den Mann, der sie auf der Treppe fast umgerannt hatte. Die Beleuchtung war schlecht gewesen; sie hatte ihn kaum gesehen. Sie war sich nicht einmal hundertprozentig sicher, ob er noch den Nylonstrumpf über dem Kopf trug, den Gina erwähnt hatte. Aber sie konnte seine Größe abschätzen – er war größer als sie – und seinen Körperbau – muskulös –, und sie konnte mit Sicherheit sagen, dass es sich um einen Weißen handelte, zwischen 25 und 35 Jahren alt, mit militärisch kurz geschnittenen Haaren.

Und er sprach akzentfrei mit tiefer Stimme. Tut mir leid, Kumpel!

Es war seltsam, ja beinahe unheimlich, dass derselbe Mann, der Gina brutal misshandelt hatte, sich für den Zusammenprall mit Syd entschuldigte. Sie schauderte, wenn sie daran dachte, dass sie den Lärm aus Ginas Wohnung und ihre erstickten Schreie gehört hätte, wenn sie zu Hause gewesen wäre. Dass sie vielleicht hätte helfen können.

Oder vielleicht selbst überfallen worden wäre.

Bevor sie zum Krankenhaus fuhren, lockerte Gina den Griff, mit dem sie den zerrissenen Stoff ihrer Bluse über ihren Brüsten zusammenhielt, und zeigte Lucy und Syd eine Verbrennung. Der Schweinehund hatte Gina auf der Brust gebrandmarkt. Mit einem Zeichen, das aussah wie ein Vogel.

Lucy erstarrte. Offenbar kannte sie das Zeichen. Sie entschuldigte sich und ging zu den anderen Detectives. Und weil sie sehr leise miteinander sprachen, schlich Syd sich zur Tür und lauschte, was gesagt wurde.

“Es ist wieder unser Freund”, sagte Lucy McCoy ernst. “Gina wurde auch mit dem Budweiser gebrandmarkt.”

Wieder unser Freund. Als Sydney fragte, ob es schon ähnliche Überfälle gegeben habe, erklärte Lucy rundheraus, darüber dürfe sie nicht reden.

Syd begleitete das Mädchen ins Krankenhaus und blieb bei ihr, bis ihre Mutter eintraf.

Aber obwohl es bereits drei Uhr früh war, konnte Syd anschließend nicht einfach nach Hause gehen und schlafen. Zu viele Fragen schwirrten ihr durch den Kopf. Als ehemalige Enthüllungsreporterin wusste sie, wie man an Antworten auf offene Fragen herankam. Ein paar gezielte Anrufe führten sie schließlich zu Silva Fontaine, die in der Nachtschicht des Beratungszentrums für Vergewaltigungsopfer im Krankenhaus arbeitete. Silva erzählte ihr, dass in den letzten drei Wochen sechs Frauen eingeliefert worden waren. Sechs Frauen, die nicht von ihren Ehemännern, von ihren Freunden oder Verwandten oder Kollegen missbraucht worden waren, sondern von einem unbekannten Angreifer. So wie Gina.

Nach kurzer Internetrecherche wusste sie, dass der Begriff Budweiser keineswegs nur für eine Biermarke stand. Genauso nannte man nämlich die Anstecknadel, die den US-Navy-SEALs nach erfolgreichem Abschluss ihrer Ausbildung verliehen wurde: ein Abzeichen mit einem fliegenden Adler, der einen Dreizack und ein stilisiertes Gewehr in seinen Klauen hielt.

Jeder US-Navy-SEAL besaß eine solche Anstecknadel. Sie symbolisierte, wofür die SEALs ausgebildet waren: für sea, air und land, für Spezialeinsätze zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Mit anderen Worten: SEALs sprangen aus Flugzeugen ab, segelten mit Gleitfallschirmen durch die Luft, krochen durch den dichtesten Urwald, konnten sich in der Wüste genauso sicher bewegen wie im Dschungel der Großstadt und waren erstklassige Schwimmer und Taucher.

Ihre militärischen Fähigkeiten umfassten alles nur Denkbare: Sie waren ebenso gute Nahkämpfer wie geübt im Umgang mit unkonventioneller Kriegführung, sie beherrschten Unterwasser-Sabotage-Einsätze und waren exzellente Scharfschützen. Sie konnte Flugzeuge fliegen, Schiffe steuern, Panzer fahren und beherrschten jedes nur denkbare Landfahrzeug. Syd hätte sich nicht gewundert, wenn irgendwo in der langen Liste bemerkenswerter Fähigkeiten auch noch gestanden hätte: Sie können mit einem Satz auf ein Hochhausdach springen.

Ja, die Liste war lang und beeindruckend. Sie klang definitiv nach Supermännern.

Aber sie war auch erschreckend.

Denn dieser spezielle Supermann war böse. Schon seit Wochen lauerte ein durchgeknallter Navy-SEAL Frauen in der Gegend auf. Sieben Frauen waren brutal überfallen worden, und dennoch hatte es keine Warnungen gegeben. Keine Zeitung hatte von der Gefahr berichtet, nichts hatte Frauen zur Vorsicht gemahnt.

Syd kochte vor Wut.

Und verbrachte den Rest der Nacht schreibend.

Am Morgen marschierte sie mit dem Artikel, den sie für das San Felipe Journal verfasst hatte, zum Polizeirevier.

Man führte sie in Chief Zales Büro, und sie verhandelten. Die Polizei von San Felipe wollte nicht, dass Informationen über die Überfälle veröffentlicht wurden. Als Zale erfuhr, dass Syd Journalistin war und in der Nacht zuvor Stunden am Tatort verbracht hatte, traf ihn fast der Schlag. Er war fest davon überzeugt, dass der Täter untertauchen würde, wenn die Geschichte ans Licht der Öffentlichkeit kam. Und dann hätten sie keine Chance mehr, ihn zu fassen. Der Chief erklärte Syd rundheraus, dass die Polizei nicht wisse, ob in allen sieben Fällen derselbe Täter zugeschlagen hatte. Nur zwei der Opfer seien mit dem Budweiser gebrandmarkt worden, Gina und eine weitere Frau.

Zale verlangte von Gina, über die Einzelheiten der jüngsten Übergriffe zu schweigen. Syd bot im Gegenzug an, ihre Exklusivstory erst zu schreiben, wenn der Vergewaltiger gefasst war – und verlangte dafür, an den Besprechungen der Sondereinsatzgruppe teilnehmen und eine Reihe von der Polizei abgesegneter Berichte schreiben und veröffentlichen zu dürfen, um die Öffentlichkeit vor der Gefahr zu warnen.

Zale bekam einen Tobsuchtsanfall.

Syd ließ sich nicht einschüchtern, obwohl sie stundenlang beschimpft und angebrüllt wurde. Schließlich gab Zale nach – immer noch stocksauer.

Und jetzt saß sie hier. In der Besprechung des Sondereinsatzkommandos.

Sie erkannte den Polizeichef, mehrere Detectives aus Coronado und ein paar Vertreter der kalifornischen Staatspolizei. Obwohl ihr niemand vorgestellt wurde, schnappte sie außerdem die Namen von drei FInCOM-Agenten auf – Huang, Sudenberg, Novak –, die sie sich notierte.

Es war lustig, das Zusammenspiel in der Gruppe zu beobachten. Coronado hielt nicht viel von San Felipe, die Abneigung beruhte auf Gegenseitigkeit, aber gegen die Staatspolizisten rückten die beiden Gruppen zusammen. Die FInCOM-Agenten hielten sich abseits. Trotzdem machte sich so etwas wie Solidarität breit, als die US-Navy dazukam.

“Entschuldigen Sie, dass ich zu spät komme.” Der Mann, der in der Tür stand, sah so gut aus, dass sein Anblick blendete. Einerseits war das auf seine leuchtend weiße Navy-Uniform zurückzuführen und die beeindruckende Fülle von Orden an seiner Brust. Und andererseits – auf sein Gesicht. Der Mann hätte ein Filmstar sein können. Er hatte eine elegant geschwungene, aristokratische Nase, und seine Augen erstrahlten in einem Blau, das die Farbe neu definierte. Seine Haare waren sonnengebleicht und ordentlich zurückgekämmt, doch nur ein Windstoß, und feine Strähnen aus gesponnenem Gold würden ihm ins Gesicht fallen. Er trug eine makellose Sonnenbräune zur Schau, und wenn er lächelte, strahlte das Weiß seiner Zähne mit dem seiner Uniform um die Wette.

Er war, daran bestand kein Zweifel, die menschgewordene Ken-Puppe in reinster Perfektion.

Ganz sicher war Syd nicht, aber nach den Rangabzeichen auf seiner Uniform war er vermutlich Offizier.

Der lebendige Ken schaffte es irgendwie, seine breiten Schultern durch die Tür zu quetschen. Er betrat den Raum. “Lieutenant Commander Francisco bat mich, ihn zu entschuldigen.” Seine Stimme war melodiös, ein kräftiger Bariton mit kaum hörbarem kalifornischen Akzent. “Es gab einen schweren Trainingsunfall auf dem Stützpunkt, und er ist leider nicht abkömmlich.”

Detective Lucy McCoy aus San Felipe beugte sich leicht vor: “Es ist hoffentlich niemand ernstlich verletzt?”

“Hallo, Lucy.” Er warf ihr ein kurzes, sehr vertrautes Lächeln zu. Es überraschte Syd kein bisschen, dass er die hübsche Brünette beim Vornamen kannte. “Wir mussten einen SEAL-Anwärter in die Druckkammer schaffen. Frisco ist mit einigen Ärzten vom Navy-Krankenhaus zur Unfallstelle geflogen. Es war ein Routinetauchgang. Alles lief hundertprozentig nach Vorschrift, und dennoch traten bei einem der Anwärter plötzlich Anzeichen für einen Dekompressionsunfall auf. Im Wasser. Normal ist das nicht. Wir wissen noch nicht, was da schiefgegangen sein könnte. Bobby hat ihn sofort aus dem Wasser zurück an Bord geholt und ihn in die Druckkammer gesteckt. Nach seiner Schilderung hat der Junge vermutlich einen Schaden am Zentralnervensystem erlitten. Das passiert, wenn der im Blut gelöste Stickstoff im Gehirn ausperlt”, erläuterte er. Er schüttelte den Kopf, seine blauen Augen blickten ernst, und er hatte die Lippen zusammengepresst. “Selbst wenn der Mann überlebt, könnte er einen schweren Hirnschaden davontragen.”

Navy Ken ließ sich auf dem einzigen freien Stuhl am Tisch nieder, genau gegenüber von Sydney, und ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen. “Ich denke, Sie verstehen, dass Lieutenant Commander Francisco sich sofort und persönlich um die Angelegenheit kümmern muss.”

Syd war bemüht, ihn nicht anzustarren, aber es fiel ihr schwer. Er saß keinen Meter weit weg. Eigentlich hätte sie also seine kleinen Unvollkommenheiten sehen müssen. Wenn schon keine Warze, dann vielleicht einen angeschlagenen Zahn. Oder wenigstens ein Nasenhaar.

Aber nichts. Selbst auf diese kurze Entfernung sah er einfach nur großartig aus. Obendrein roch er auch noch gut!

Chief Zale warf ihm einen missmutigen Blick zu. “Und Sie heißen?”

Navy Ken erhob sich wieder. “Oh, tut mir leid. Ich hätte mich natürlich vorstellen sollen.” Er lächelte, und ihm war anzusehen, was er dachte: Verflixt noch mal, habe ich doch glatt vergessen, dass mich hier niemand kennt, obwohl ich so ein toller Hecht bin. “Lieutenant Luke O’Donlon, Alpha Squad, SEAL-Team Ten, United States Navy.”

Syd brauchte kein Diplom in Körpersprache, um zu erkennen, dass jeder im Raum – jedenfalls jeder Mann im Raum – den Navy-Offizier hasste. Wenn das nicht schon vorher der Fall gewesen war, dann auf jeden Fall jetzt. Die Eifersucht im Raum war mit Händen greifbar. Lieutenant Luke O’Donlon überstrahlte sie alle. Er leuchtete regelrecht: weiße Uniform, goldene Haare, sonnengebräunte Haut, himmelblaue Augen. Er war ein Gott. Der König aller Ken-Puppen.

Und er wusste es.

Sein Blick streifte Syd nur kurz, als er sich im Raum umschaute und zur Kenntnis nahm, wer von der Polizei und der FInCOM anwesend war. Dann aber, als Zales Assistent Aktenmappen herumgehen ließ, kehrte Kens Blick zurück zu Syd. Er lächelte, ein vollkommenes und leicht verwundertes Lächeln. Syd hätte beinahe laut aufgelacht. Gleich würde er sie fragen, wer sie war.

“Gehören Sie zur FInCOM?”, flüsterte er ihr zu, nahm die Mappe entgegen, die ihm vom Detective neben ihm gereicht wurde, und nickte ihm dankend zu.

Sie schüttelte den Kopf. Nein.

“Zur Polizei in Coronado?”, forschte er beinah lautlos weiter.

Zale hatte soeben das Wort ergriffen, und Syd schüttelte erneut den Kopf, um dann betont aufmerksam dem Polizeichef zu lauschen.

Der Polizeichef von San Felipe ließ sich ziemlich weitschweifig darüber aus, dass in den Bezirken, in denen die Vergewaltigungen stattgefunden hatten, verstärkt Streife gefahren werden solle. Er erwähnte ein Team, das rund um die Uhr daran arbeiten würde, ein Muster in den Tatorten oder Gemeinsamkeiten zwischen den sieben Opfern zu entdecken, sprach von Samenproben und DNS-Analysen, funkelte Syd zornig an, als er darauf hinwies, wie wichtig es sei, dass nichts über Einzelheiten der Verbrechen und die Vorgehensweise des Vergewaltigers bekannt werde. Dann erwähnte er ein besonders hässliches Detail: die offenbar mit einem Feuerzeug erhitzte SEAL-Anstecknadel, mit der der Täter die beiden letzten Opfer gebrandmarkt hatte.

Navy Ken räusperte sich und unterbrach ihn. “Ich bin sicher, dass Ihnen das aufgefallen ist: Wenn der Typ ein SEAL wäre, dann wäre er schon reichlich dämlich, so darauf hinzuweisen. Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass er lediglich den Eindruck erwecken will, er sei ein SEAL?”

“Natürlich”, gab Zale zurück. “Genau deshalb haben wir ja in dem Artikel in der heutigen Morgenzeitung durchblicken lassen, dass wir glauben, er sei ein SEAL. Wir wollen ihn in Sicherheit wiegen, damit er unvorsichtig wird.”

“Sie glauben also nicht, dass er ein SEAL ist?”, hakte der SEAL nach.

“Vielleicht ist er ein SEAL, der geschnappt werden will”, warf Syd ein.

Navy Kens Augen wurden schmal, als er sich ihr zuwandte. Man sah ihm an, dass er angestrengt überlegte. “Entschuldigen Sie”, sagte er. “Ich kenne fast jeden hier, aber wir sind einander nicht vorgestellt worden. Sind Sie Polizeipsychologin?”

Zale ließ Syd keine Chance zu antworten. “Miss Jameson wird sehr eng mit Ihnen zusammenarbeiten, Lieutenant”, fuhr er dazwischen.

Miss, nicht Doktor. Syd sah, dass der Lieutenant den feinen Unterschied durchaus bemerkt hatte.

Aber dann ging ihr plötzlich auf, was Zale gesagt hatte, und sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. “Werde ich das?”

O’Donlon beugte sich vor. “Wie bitte?”

Zale war sichtlich sehr mit sich zufrieden, zu zufrieden für Syds Geschmack. “Lieutenant Commander Francisco hat offiziell darum ersucht, ein SEAL-Team in das Sondereinsatzkommando aufzunehmen. Detective McCoy hat mich davon überzeugt, dass das eine gute Idee sein könnte. Wenn unser Mann tatsächlich ein SEAL ist oder war, dann haben Sie vielleicht mehr Glück bei der Suche nach ihm.”

“Ich versichere Ihnen, mit Glück hätte das nichts zu tun, Sir.”

Syd konnte kaum fassen, wie unverfroren O’Donlon reagierte. Was sie besonders erstaunte, war die Überzeugung, die aus seinen Worten sprach. Er glaubte tatsächlich an das, was er sagte.

“Wir werden sehen”, gab Zale knapp zurück. “Ich habe jedenfalls beschlossen, dem Gesuch nachzukommen. Sie dürfen Ihr SEAL-Team zusammenstellen – unter der Bedingung, dass Sie Detective McCoy ständig auf dem Laufenden halten, was Sie tun und wie Sie vorankommen.”

“Kein Problem”, strahlte O’Donlon Lucy McCoy an. “Es wird mir ein Vergnügen sein.”

“Oh, klar, mir auch.” Syd merkte erst, dass sie laut gedacht hatte, als Navy Ken sie überrascht anblickte.

“Und unter der Bedingung”, fuhr Zale fort, “dass Sie Miss Jameson in Ihr Team aufnehmen.”

Der SEAL lachte. Tatsächlich, seine Zähne waren makellos. “Nein”, sagte er. “Chief, Sie haben das nicht richtig verstanden. Ein SEAL-Team ist ein Team aus SEALs. Nur aus SEALs. Miss Jameson wird – nehmen Sie’s mir nicht übel, Miss – uns nur im Weg sein.”

“Das ist Ihr Problem”, erwiderte Zale sichtlich schadenfroh. Er mochte weder den Navy-Offizier, noch mochte er Syd. Und er freute sich, einen Weg gefunden zu haben, sie sich vom Hals zu schaffen und ihnen beiden das Leben schwer zu machen. “Ich leite dieses Sondereinsatzkommando. Wenn Sie mitarbeiten wollen, dann nach meinen Regeln – oder gar nicht. Es gibt noch ein paar Einzelheiten zu klären. Die wird Detective McCoy mit Ihnen durchgehen.”

Syds Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Zale glaubte, damit durchkommen zu können, sie einfach zu den SEALs abzuschieben. Offenbar war ihm nicht klar, dass er ihr im Grunde einen großen Gefallen damit tat. So konnte sie nicht nur im Umfeld des Navy-Stützpunktes recherchieren, sondern auch mittendrin. Das würde die Story schlechthin werden. Sie hatte sich in den letzten knapp achtundvierzig Stunden so gründlich über die SEALs informiert, dass sie wusste, wie sehr den Elitesoldaten daran gelegen sein musste, aus den negativen Schlagzeilen zu kommen und den Vergewaltiger von San Felipe auf eigene Faust zu fassen. Was würde wohl geschehen, wenn sich herausstellte, dass der Vergewaltiger tatsächlicher einer von ihnen war? Würden sie versuchen, das zu vertuschen? Würden sie versuchen, das Verbrechen auf ihre Weise zu ahnden?

Die Story, die sie schreiben wollte, würde einen tiefen Einblick in eine der Elite-Organisationen des amerikanischen Militärs bieten. Das war möglicherweise genau das, was sie brauchte, um endlich bekannt zu werden. Um die Stelle als Redakteurin in New York zu bekommen, die sie sich sehnlichst wünschte.

“Es tut mir wirklich leid …” – O’Donlon fing schrecklich viele Sätze mit einer Entschuldigung an – “… aber eine Sozialarbeiterin der Polizei kann niemals Schritt halten, wenn wir …”

“Ich bin keine Sozialarbeiterin”, unterbrach Syd ihn trocken.

“Miss Jameson ist eine unserer wichtigsten Augenzeuginnen”, mischte Zale sich ein. “Sie hat den Kerl aus nächster Nähe gesehen.”

O’Donlon stockte der Atem. Er wurde blass und ließ sein lässiges Gehabe fallen. Als Syd ihm in die Augen sah, erkannte sie, dass er zutiefst erschrocken und schockiert war.

“Mein Gott”, flüsterte er. “Ich wusste nicht … Es tut mir leid … Ich hatte keine Ahnung …”

Er war beschämt. Verlegen. Ehrlich erschüttert. “Ich habe das Gefühl, mich für alle Männer dieser Welt bei Ihnen entschuldigen zu müssen.”

Wirklich erstaunlich. Navy Ken war also doch keine Plastikpuppe, sondern wenigstens ein bisschen menschlich. Wer hätte das gedacht?

Offenbar glaubte er, sie sei eines der Vergewaltigungsopfer.

“Nein”, klärte sie ihn rasch auf. “Ich meine: Danke, aber ich bin nur Augenzeugin, weil meine Nachbarin überfallen wurde. Ich ging gerade die Treppe hinauf, als der Mann, der sie vergewaltigt hatte, runterkam. Leider habe ich nicht einmal besonders genau auf ihn geachtet.”

“Oh”, stieß O’Donlon hervor, “Gott sei Dank. Als Chief Zale eben sagte … Ich dachte …” Er atmete tief durch. “Es tut mir leid. Ich kann mir nicht vorstellen …” Dann hatte er sich wieder gefangen, beugte sich leicht zu ihr, einen fragenden Ausdruck ihm Gesicht. “Sie haben den Mann also gesehen?”

Syd nickte. “Wie ich schon sagte, ich habe nicht genau …”

O’Donlon wandte sich an Zale. “Und Sie überlassen sie mir?”

Syd lachte ungläubig auf. “Entschuldigen Sie, aber die Formulierung gefällt mir gar nicht.”

Zale stand auf. Die Besprechung war zu Ende. “Ja. Sie gehört Ihnen.”

2. KAPITEL

Haben Sie sich schon mal hypnotisieren lassen?” Lucky warf einen Seitenblick auf die Frau, die auf dem Beifahrersitz saß, und steuerte den Pick-up auf die Hauptstraße Richtung Navy-Stützpunkt.

Sie wandte sich ihm zu und bedachte ihn mit einem ungläubig-fassungslosen Blick.

Das konnte sie gut. Er fragte sich, ob sie das von Natur aus so draufhatte oder ob sie Stunden vor dem Badezimmerspiegel geübt hatte, um diesen Blick zu vervollkommnen. Der Gedanke ließ ihn lächeln, worauf sie ihn noch finsterer musterte.

Sie war recht hübsch – wenn man auf Frauen stand, die ihre Kurven unter androgyner Kleidung versteckten. Und auf Frauen, die niemals lächelten.

Nein, ging es ihm durch den Kopf, als er sie an einer roten Ampel näher musterte. Er war einmal mit einer Frau ausgegangen, die niemals lächelte. Jacqui Fontaine. Eine wunderschöne junge Frau, die panische Angst vor Falten hatte und deshalb ständig ein völlig ausdrucksloses Gesicht zeigte. Sie war ihm sogar böse geworden, weil er sie zum Lachen brachte. Zuerst hatte er geglaubt, sie nehme ihn auf den Arm, aber sie meinte es tatsächlich ernst. Nach dem Kinobesuch lud sie ihn zu sich ein. Er lehnte ab. Mit ihr zu schlafen wäre eine ausgesprochen groteske Erfahrung geworden – wie Sex mit einer Schaufensterpuppe. Noch heute ließ ihn der Gedanke daran schaudern.

Diese Frau jedoch hatte Lachfältchen um die Augen. Ein unwiderlegbarer Beweis, dass sie lächelte. Wahrscheinlich sogar oft.

Sie hatte nur kein Verlangen danach, ihn anzulächeln.

Dichte dunkle Haare ringelten sich um ihr Gesicht, unfrisiert, ungestylt und so kurz, dass sie morgens nach dem Aufstehen wahrscheinlich nur mit den Fingern hindurchzufahren brauchte.

Ihre Augen waren dunkelbraun und wirkten in ihrem elfenhaften Gesicht unglaublich groß. Nur gehörte dieses Gesicht zu einer Elfe, die ihm ausgeprägte Feindseligkeit entgegenbrachte. Sie mochte ihn nicht. Sie hatte ihn im selben Moment abgelehnt, in dem er den Besprechungsraum betreten hatte.

“Cindy, wenn ich mich recht entsinne?” Er wusste verdammt genau, dass sie Sydney hieß. Was für ein Name für eine Frau! Wenn er schon den Babysitter für die Frau spielen musste, die den Vergewaltiger von San Felipe möglicherweise identifizieren konnte, warum zum Teufel hieß sie dann nicht wenigstens Crystal oder Mellisande? Und zog sich entsprechend an?

“Nein”, gab sie scharf zurück. Ihre Stimme war trügerisch: dunkel und voll und auf fast schon unfaire Weise sexy – bedachte man, dass sie ganz eindeutig nicht einmal andeutungsweise begehrliche Blicke auf sich ziehen wollte. “Sie entsinnen sich falsch. Und noch mal Nein – ich habe mich noch nie hypnotisieren lassen.”

“G

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Lucky - Nur eine Frage der Zeit" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen