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LOW PRICE LIGHTER 5

LOWPRICELIGHTER 5
DAS VERSCHOLLENE BUCH

INHALT:

Vorwort

1. Tschikken

2. Sex im Alter

3. Zimmersuche

4. Das wahre Leben

5. When the saints ...

6. Lordie

7. Friede auf Erden

8. Gespräche

9. Weihnachten mal ganz anders

10. Alte Lieder

11. Erwin

12. Der Vorhang fällt

13. Wahre Anbeter

14. Alles anders

15. Deutschland

Lied – Halbe Ewigkeit

Nachwort

Widmung

VORWORT

Vor ein paar Jahren hatte ich versprochen, keine weiteren Bücher vom Lowpricelighter mehr zu schreiben. Ich habe mich geirrt … Und deshalb möchte ich kurz erklären, warum ich es mir doch noch anders überlegt habe und damit alle Mitmenschen enttäuschen muss, die meine Bücher sowieso am liebsten verbrennen würden.

Apropos verbrennen! Ich möchte in diesem Zusammenhang mal ganz allgemein darauf hinweisen, dass das Verbrennen meiner Bücher von mir zwar nicht grundsätzlich befürwortet wird, aber NACH dem ordnungsgemäßen Bezahlen des Buches ist es auch nicht generell verboten. Das Verbrennen des Autors hingegen wird nicht so gerne gesehen ...

Aber jetzt zu den Menschen, die meine Bücher mögen und sie witzig finden oder dadurch auf wundersame Weise gesegnet werden. Es soll ja sogar Berichte geben, nach denen mindestens achtundvierzig Ehen durch das Lesen der Lowpricelighter-Bücher vor dem Scheitern gerettet werden konnten. Oder nein, andersrum: Nach dem Scheitern einer Ehe konnten achtundvierzig Bücher gerettet werden … Genau! So war es! Aber immerhin!

Ich habe mich in den letzten zwanzig Jahren seit Erscheinen des allerersten Lowpricelighter-Buches über etliche tolle Rückmeldungen und Kommentare gefreut. Manche Leute hatten einfach ein paar schöne, lustige Stunden mit den Büchern, was aus meiner Sicht auch schon sehr viel wert ist. Und einige haben sogar berichtet, dass sie dadurch in einer Krise ein bisschen ermutigt wurden oder bestimmte negative Verhaltensweisen hinterfragen und ändern konnten. Das war wirklich klasse. (Für alle, denen das jetzt zu viel Eigenlob ist und die deshalb auch lieber dazu übergehen wollen, meine Bücher zu verbrennen: Bitte noch mal den entsprechenden Absatz lesen!)

Trotzdem war für mich einige Jahre lang klar, dass es kein weiteres Lowpricelighter-Buch geben würde und dass die Geschichte fertig war (die Doppeldeutigkeit des Begriffs „fertig“ im Zusammenhang mit meinen Büchern ist mir bewusst).

Aber dann – um jetzt mal emotional so richtig auf die Sahne zu hauen – meldete sich mein Herz! Und das sagte zu mir: Ist es nicht eigentlich völlig egal, ob manche Leute denken, du kriegst nichts anderes hin als diese Lowpricelighter-Geschichten? Ist es nicht Lohn genug, wenn hin und wieder eine freundliche Rückmeldung kommt und sich jemand mit warmen Worten und glänzenden Augen für die Arbeit bedankt? Statt immer nur Geld, Erfolg, Berühmtheit und noch mehr Geld ...

Und dann dachte ich so: Was für ein gequirlter Mist! Das ist doch wieder typisch für mein Herz! Einfach keine Ahnung vom Geschäft. Denn natürlich würde ich lieber massig Kohle verdienen und mir endlich die schwarze Harley kaufen und damit auf Korsika rumfahren. Und da wäre es nun mal eigentlich finanziell lukrativer, in der Innenstadt Pfandflaschen zu sammeln, als Bücher zu schreiben.

Ich hab dann trotzdem auf mein Herz gehört. Denn irgendwie hat es mir in der Vergangenheit ziemlich oft die richtigen Tipps gegeben. Zum Beispiel, als ich mich in die Liebe meines Lebens verliebt habe … nein, ich mache jetzt hier keine blöden Witze, sondern damit ist wirklich meine Frau gemeint! (… an dieser Stelle müsste jetzt sentimentale Geigenmusik einsetzen … wo ist eigentlich das Orchester, wenn man es mal braucht?) Oder als ich nach meinem ersten und wirklich furchtbarsten Marathonlauf in meinem Herzen trotzdem wusste: Das ist es! Und dann wurde daraus ein wunderbares Hobby mit vielen tollen Erlebnissen. Oder die Sache mit meinem Beruf … Ach nee, das hatte andere Gründe ...

Und dieses Herz sagte jedenfalls: Schreib noch ein Lowpricelighter-Buch. Mach es einfach aus Spaß an der Sache und weil du damit einigen Leute eine Freude machen kannst. Weil du so ein unheimlich netter und sympathischer … ach, das wird jetzt hier zu schleimig … Jedenfalls, jetzt ist es da:

LOWPRICELIGHTER 5 – DAS VERSCHOLLENE BUCH Nur für euch …

P.S.: Und weil man den Lowpricelighter-Lesern ja sowieso nichts vormachen kann: Die ersten beiden Kapitel, „Tschikken“ und „Sex im Alter“, hatte ich schon 2014 und 2016 online auf meiner Homepage veröffentlicht. Aber alles ab Kapitel drei ist komplett neu. Und jetzt fangt endlich an ...

1. Tschikken

„Äh ... TSCHIKKEN!“, sagte ich in meiner Hilflosigkeit zu der freundlich grinsenden Stewardess, die mich vermutlich gerade gefragt hatte, welches eingeschweißte Flugzeug-Menü ich essen möchte. Leider hatte ich aber höchstens ein Drittel von dem verstanden, was sie mir mit ihrem stark asiatischen Akzent vorgetragen hatte. Aber mit „TSCHIKKEN!“ kommt man ja beim Essen eigentlich immer weiter.

In diesem Fall hatte ich aber leider wohl die falsche Wahl getroffen, denn nachdem ich die Folie meines Essens mühsam abgezogen hatte, fragte ich mich, ob sie wirklich „Huhn“ verstanden hatte oder vielleicht doch eher Opossum, Hyäne oder Leguan. Gitti hatte das andere Menü mit Rindfleisch gewählt und damit deutlich mehr Glück gehabt.

„Möchtest du tauschen oder teilen?“, fragte ich auf die plumpe Tour, aber sie war natürlich erstens zu intelligent und zweitens zu lange mit mir verheiratet, um auf so was noch reinzufallen.

„Nee, bleib du mal bei deinem durchgerührten Senioren-Pamps oder was das da sein soll“, sagte sie etwas schnippisch. Ihre Laune war schon die ganze Zeit nicht so besonders, denn sie hatte während des Fluges starke Kopfschmerzen bekommen, und man weiß ja, wie Frauen dann so sind ... noch schlimmer als sonst!

Einerseits freuten wir uns auf die Stadt New York und natürlich vor allem auf das Wiedersehen mit unserer Tochter Steffi, die seit einigen Wochen dort im Gebiet von New Jersey wohnte. Andererseits ist so eine Reise natürlich auch immer ziemlich lang und anstrengend … Aber halt! New York? New Jersey? USA?

Sicher fragen Sie sich gerade, warum Steffi jetzt dort war, obwohl sie doch eigentlich in „Lowpricelighter fear“ mit ihrem Freund Aaron nach Australien wollte. Und hatte sie nicht erzählt, dass es Gottes Wille wäre, dass sie ihre Ausbildung abbricht und stattdessen irgendwo in Australien im christlichen Musikdienst tätig wird?

Ja, das hatte sie!

Gitti und ich waren natürlich von Anfang an von diesen Ideen nicht begeistert gewesen und hatten versucht, sie davon zu überzeugen, dass Gott niemanden nach Australien schickt, wenn er ihn wirklich liebt. Und wir hatten auch erwähnt, dass Gott ganz sicher niemanden auf einer Bibelschule haben möchte, jedenfalls niemanden, der gerade eine Ausbildung macht und ein knappes Jahr vor dem Abschluss steht. Bibelschulen sind doch eher was für planlose Typen, die es verpennt haben, sich rechtzeitig irgendwo für einen vernünftigen Beruf zu bewerben. Na ja, das war jedenfalls meine Meinung. Aber wie diese erwachsenen Töchter nun mal so sind, hatte sich Steffi natürlich nicht von ihrem Plan abbringen lassen.

Komischerweise war dann einige Wochen später aber dieser „Ruf nach Australien“ wohl doch nicht so klar gewesen, denn Steffi hatte mir etwas überraschend erzählt, dass sie jetzt doch lieber in die USA gehen wollte.

„Ach, und was ist mit Australien? Ist das jetzt doch nicht mehr Gottes Wille?“, hatte ich etwas ironisch gefragt. „Vielleicht später“, hatte sie gesagt. „Momentan möchte ich erst mal zur Bibelschule nach New Jersey.“

„Und Aaron? Kommt der trotzdem mit oder macht der jetzt doch sein Mediendesign-Studium fertig?“ Ich hatte bei dieser Frage nicht verhehlen können, dass ich Aaron und seine Ideen nach wie vor für unzuverlässig hielt. Steffi hatte mich daraufhin scheinbar überrascht angeschaut und gesagt: „Hat Mama dir denn noch nicht gesagt, dass ich jetzt mit Günter Siekmann ...?“

„WAAAAAAAAS?“ Gegen väterliche Reflexe kann man einfach nichts machen, obwohl ich natürlich eigentlich hätte wissen müssen, dass Günter als Partner für Steffi ganz sicher nicht in Frage gekommen wäre. Hätte ich Steffis Grinsen rechtzeitig bemerkt, dann wäre ich auf diesen äußerst miesen Witz meiner Tochter sowieso nicht reingefallen. Außerdem war mir kurz danach auch wieder eingefallen, dass Günter vor Kurzem im Gottesdienst zwar irgendwas von einem missionarischen Dienst gefaselt hatte, den er beginnen wolle. Aber dabei war es – soweit ich mich erinnerte – nicht um eine Bibelschule in den USA, sondern um Einsätze unter brasilianischen Sambatänzerinnen gegangen. Was auch immer er von denen wollte ...

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Steffi und Aaron hatten sich dann einige Wochen später in die USA abgemeldet, um für ein Jahr die „Morethan Holy Worship Academy“ in New Jersey zu besuchen, die von einem Schüler Billy Gairvines gegründet worden war, der Ted Rapack hieß.

Und da New Jersey bekanntlich neben New York liegt und wir diese Stadt immer schon mal sehen wollten, hatten wir beschlossen, Steffi zu besuchen und gleichzeitig noch etwas Urlaub zu machen. So viel zur Vorgeschichte und zu der Frage, warum wir nach New York flogen.

Und so saßen wir jetzt im Flugzeug, ärgerten uns über die Deppen in der Sitzreihe vor uns, die natürlich ihre Sitzlehnen unbedingt zurückstellen mussten, und hofften darauf, dass die restlichen fünf Stunden möglichst schnell vorübergehen würden. Was natürlich Quatsch ist, denn fünf Stunden dauern immer gleich lange, nämlich genau fünf Stunden. Aber es kommt einem unterschiedlich lange vor. Zum Beispiel erscheinen fünf Stunden bei einer spannenden „Tour de France“-Übertragung immer recht kurz, während fünf Stunden mit Gitti sich manchmal ganz schön hinziehen können.

Aber Frauen sind ja sowieso irgendwie schwierig. Ständig fragen sie irgendwas und regen sich dann auf, wenn man entweder keine Antwort weiß oder zwar eine Antwort weiß, aber sie nicht sagen will oder die Antwort weiß und sie auch sagt, aber es besser gewesen wäre, man hätte sie nicht gesagt, oder es vielleicht sogar noch gut gewesen ist, dass man sie gesagt hat, aber nicht, WIE man sie gesagt hat ... ach, das wird jetzt zu kompliziert.

Aber hier ist ein Beispiel aus dem Flieger nach New York: „Wäre das nicht auch ein schöner Tod für ein Ehepaar, wenn man gemeinsam mit dem Flugzeug abstürzt?“, fragte Gitti mich nämlich plötzlich.

HÄ? Wie war sie denn da nun wieder drauf gekommen? Und was sollte ich sagen? Denn ich wollte natürlich ganz sicher nicht abstürzen. Weder mit ihr noch ohne sie. Und so wie ich die Sache einschätzte, war das doch ohnehin wieder eine dieser Fangfragen, bei denen man nur verlieren konnte.

„Also, der Pilot würde ja sicher irgendwo eine Notlandung hinkriegen“, sagte ich deshalb ausweichend.

„Und wenn wir über dem Meer abstürzen würden?“, fragte Gitti und ließ nicht locker.

„Dann gibt es Schwimmwesten!“

„Ein Flugzeug könnte auf dem offenen Meer bei meterhohen Wellen niemals vernünftig landen. Das würde man nicht überleben.“

„Ich schon, denn ich bin ja Christ!“, sagte ich trotzig.

„Auch Christen sterben.“

„Schon klar“, sagte ich. „Aber ich bin nicht nur Christ, sondern auch ehemaliger Lobpreisleiter und Gott braucht mich noch hier auf dieser Welt!“

„Wofür?“, fragte sie mit diesem leicht ironischen Unterton, der mich immer auf die Palme brachte.

„Das ist ... Auch wenn ich jetzt momentan keinen Dienst in der Gemeinde habe ... ohne mich würde es eben nicht so laufen. Und deshalb würdest vielleicht DU bei einem Absturz sterben, aber eben nicht ICH. Ich würde nämlich bestimmt wie durch ein Wunder überleben und wahrscheinlich mit einer jungen dunkelhaarigen Schönheit, die den Absturz ebenfalls ohne einen Kratzer überstanden hätte, auf einer einsamen, paradiesischen Insel stranden.“

„Ach!“, sagte sie und schaute etwas gedankenverloren auf den Fernsehbildschirm, der gerade anzeigte, dass wir in 4:22 Stunden die Stadt „Destination“ erreichen würden. Dieses „Ach!“ verhieß nichts Gutes. „Du würdest also nicht um mich trauern, sondern dich gleich der nächstbesten Frau an den Hals werfen?“, fragte sie. Normalerweise war Gitti nicht eifersüchtig, schon gar nicht, wenn es um imaginäre Schönheiten auf einsamen Inseln ging, aber in diesem Fall hatte ich wohl den falschen Witz zur falschen Zeit gemacht.

„Doch. Natürlich wäre ich traurig!“, antwortete ich deshalb beschwichtigend. „Und ich würde der Dame am Anfang ganz klar sagen, dass ich noch nicht so weit bin für eine neue Beziehung … zumindest erst mal für ein, zwei Tage ...“

Mist! Den letzten Halbsatz hätte ich weglassen sollen, denn vier Stunden und zweiundzwanzig Minuten neben einer schweigenden und schmollenden Frau im Flugzeug können sich auch ziemlich lange hinziehen. Ich musste also notgedrungen auf das Videoprogramm der Airline zurückgreifen und schaute mir einen Science-Fiction-Film an, in dem ein Betriebsprüfer vom Finanzamt die Welt rettet, weil er die gefährlichen Außerirdischen zur Abgabe von Steuererklärungen zwingt und sie so in den Wahnsinn treibt.

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Die Einreiseprozedur am New Yorker Flughafen war ziemlich nervig und man musste neben dem Pass auch die Fingerabdrücke abgeben. Ich hoffte, dass meine Fingerabdrücke noch nicht gespeichert waren, denn im Alter von elf oder zwölf Jahren hatten wir eine gewisse Aktion mit einem Trecker und einem brennenden Pfeil veranstaltet, die glücklicherweise nie aufgeklärt worden war. Aber was konnte ich denn schon dafür, wenn mein Freund Jürgen zu mir gesagt hatte: „Den Trecker triffst du niemals!“

Egal! Zurück zur eigentlichen Geschichte. Ich glaube manchmal, ich schweife in meinen Erzählungen viel zu viel ab und eröffne alle möglichen verwirrenden Nebenhandlungen. So wie Onkel Herbert damals, der ja immer ... Mist! Ich fang schon wieder an. Ich glaube, ich werde langsam alt.

Steffi und Aaron wollten uns am Flughafen abholen, obwohl wir gesagt hatten, dass wir auch mit dem Taxi zum Hotel fahren könnten. Aber Steffi hatte gemeint, es käme gar nicht in Frage, dass ihre „alten und hilflosen Eltern vom Lande“ durch die Großstadt irren und womöglich in schlechte Gesellschaft geraten.

Am Flughafen erwartete uns allerdings leider lediglich Aaron. Ich war etwas enttäuscht, weil ich nicht meinen zukünftigen Schwiegersohn, sondern viel lieber meine Tochter wiedersehen wollte. Väter haben für die Kerle ihrer Töchter meist sowieso nicht so sehr viel übrig und darüber hinaus gab ich ihm innerlich die Schuld daran, dass unsere Kleine ihre Ausbildung abgebrochen und uns verlassen hatte. Und deswegen hatte er bei mir erst mal für die nächsten fünf bis fünfzig Jahre vergeigt.

„Ist Steffi gar nicht hier?“, fragte ich etwas enttäuscht.

„Die konnte nicht mitkommen, weil Machma in seinem Auto nur vier Plätze hat“, erklärte Aaron. Toll! Dann hätte ER ja stattdessen zu Hause bleiben können. Und überhaupt. Wer war dieser Machma?

Wir sollten ihn kurze Zeit später kennenlernen, als vor dem Flughafen ein Auto vor uns hielt, das aussah, als ob es schon bei der Schlacht von Pearl Harbor seine besten Zeiten hinter sich gehabt hätte und außerdem dort den einen oder anderen Bombentreffer hatte hinnehmen müssen. Der Fahrer schien aus Asien zu stammen und stammelte irgendwas von „Quick entry!“ und „Police“. Kaum hatten wir unser Gepäck eingeladen und einen Fuß im Inneren des Wagens, fuhr er auch schon los.

Aaron erklärte uns, dass man sich an die Fahrweise in den USA erst gewöhnen müsse: „Machma hat das aber alles im Griff!“, sagte er. Ich war mir da nicht so sicher, denn abgesehen von einer recht aggressiven Fahrweise telefonierte der Kerl die ganze Zeit mit dem Handy oder zitierte irgendwelche Bibelverse, wenn er gerade irgendwem die Vorfahrt genommen hatte. Und ich weiß auch nicht, ob es wirklich zur üblichen Fahrweise in den USA gehört, laut hupend über einen Schulhof mit Kindern zu fahren, weil man dort eine kleine Abkürzung nehmen kann … selbst wenn man dann auch wieder ein paar Bibelverse zitiert und für die Kinder im Vorbeifahren betet. Besonders mulmig wurde es aber erst, wenn er sich noch zu Gitti und mir umdrehte und uns irgendwas erzählte, was wir aufgrund des merkwürdigen Dialekts sowieso kaum verstanden. Immerhin wusste ich später, dass er mit Nachnamen „Shnella“ hieß und ursprünglich aus dem Grenzgebiet zwischen Pakistan und Kolumbien stammte. Ich war sehr erleichtert, als er nach diversen Beinahe-Unfällen dann endlich vor unserem Hotel in Manhattan hielt. Machma lehnte es kategorisch ab, für seine Fahrdienste von mir bezahlt zu werden, und erzählte, er sei als Christ selbstverständlich immer für andere Christen da und würde es als Ehre betrachten, uns zu dienen. Diese Einstellung fand ich toll!

Er meinte dann noch, er gehe davon aus, dass wir das Gleiche für ihn tun würden, falls er mal in unser Land käme. Diese Einstellung fand ich nicht so toll! Ich versprach ihm aber, ihn vom Flughafen abzuholen, falls er mal irgendwann nach Todtenhausen komme ... falls es zeitlich passe ... und falls ich das Auto zur Verfügung hätte ... und falls kein Stau auf der Autobahn sei ...

Da Aaron und Machma weiter zur Bibelschule fahren wollten, fragte Gitti ihn noch, wann wir denn nun unsere Tochter zu Gesicht kriegen würden.

„Ach ja“, sagte Aaron und guckte dabei wie üblich etwas planlos. „Das hätte ich jetzt fast vergessen. Ich soll euch sagen, dass ihr am besten mit der Metro nach Süden fahrt bis zur Station in der 34. Straße und dann einfach in Richtung Empire State Building weitergeht. Das seht ihr dann schon. Da gibt es ein Steakhouse, in das wir euch um 18 Uhr einladen wollen ... oder hatte sie 19 Uhr gesagt? Jedenfalls, wenn sie vom Arzt zurück ist.“

„ARZT?“, fragten Gitti und ich gleichzeitig besorgt. „Sie ist doch wohl hoffentlich nicht krank?“

„Nee, sie will nur prüfen lassen, ob sie schwanger ist!“, sagte er lachend.

Gitti und ich schauten ihn ziemlich fassungslos an und ich muss zugeben, dass ich meinen zukünftigen Schwiegersohn eigentlich gerne verprügelt hätte. Ich weiß: Christen hauen anderen Leuten keine rein und sie sollten es sicherlich auch nicht in Gedanken tun, aber erstens wollte ich es nicht so derart beiläufig erfahren, dass meine Tochter möglicherweise ein Kind bekommt, und zweitens: Wie kann man als Christ ein Kind bekommen, wenn man noch gar nicht verheiratet ist? Das geht doch gar nicht! Ich meine, man muss doch erst ... bevor man ...

„Wir müssen los. Alles Weitere heute Abend“, rief Aaron. Nachfragen waren nicht möglich, weil Machma Shnella schon mehrfach wieder irgendwas von „Quick entry“ und „Police“ gerufen hatte und dann auch losfuhr, obwohl Aaron noch halb aus dem Auto hing. Ich wünschte Steffi zuliebe, dass er die Fahrt lebend überstehen würde, obwohl er sich mal wieder als ziemlich planlos herausgestellt hatte. Konnte meine Tochter nicht irgendwen vom Finanzamt heiraten? So einen netten jungen Mann mit festem Gehalt und Pensionsanspruch? Der sein Leben fest im Griff hatte und außerdem dann auch meine Steuererklärung machen und uns vielleicht vor Außerirdischen retten könnte?

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Gitti und ich standen mit unserem Gepäck zunächst etwas hilflos vor dem Hotel, weil wir uns erst mal von den etwas überraschenden Nachrichten erholen mussten.

„Der spinnt doch!“, sagte Gitti. „Der fährt mit uns 'ne Stunde vom Flughafen hierher und erzählt dann beiläufig, dass Steffi vielleicht schwanger ist. Diese Musiker haben doch alle irgendwie 'ne Macke.“

Ich wollte ihr bei diesem recht pauschalen Urteil nicht so ganz zustimmen, zumal ich mich ja im weitesten Sinne auch immer noch als Musiker sah. Aber Aaron war schon wirklich ziemlich merkwürdig. Und an diesem Tag war er noch deutlich merkwürdiger als sonst. Den wahren Grund dafür sollten wir dann erst später erfahren …

Anmerkung des Autors: Ich schreibe das nur, um die Spannung zu erhöhen, damit man einfach nicht aufhören kann zu lesen ... Nein, Sie gehen jetzt nicht erst mal einen Kaffee holen!

Nach dem Einchecken im Hotel machten wir uns auf den Weg, um irgendwas Essbares zu finden. Bis zum Treffen mit Steffi und Aaron dauerte es noch mindestens fünf Stunden und deshalb musste ich vorher irgendwas im Magen haben.

Wir fanden einen kleinen Laden, der auch Snacks verkaufte, und wollten uns dort mit einem Sandwich eindecken. Leider verstand ich weder die Beschreibungen auf den Schildern für die belegten Brote in der Auslage noch den Ladenbesitzer, der irgendwo aus Lateinamerika zu kommen schien und ein furchtbares Englisch sprach. Als er mich dann fragend anblickte und vermutlich wissen wollte, was ich gerne bestellen möchte, sagte ich in meiner Hilflosigkeit: „Äh, TSCHIKKEN!“

Vermutlich hätte ich das nicht machen sollen und ich hätte wohl besser auch seine Frage, in der ich nur das Wort „spicy“ verstanden hatte, nicht mit Yes beantworten sollen. Denn die Soße, die er großzügig in das Sandwich schaufelte, war „höllisch“ scharf. Wobei ich natürlich eigentlich gar nicht weiß, ob in der Hölle irgendwas wirklich scharf ist. Und ich will es ja auch nicht herausfinden, weil ich davon ausgehe, dass ich nach meinem Tod – also in ferner Zukunft – mit der Hölle nichts zu tun haben werde. Aber ich schweife schon wieder ab.

Am Nachmittag erwischte uns der Jetlag und ich hätte mich eigentlich gerne hingelegt. Aber Gitti war der Meinung, man sollte sich lieber möglichst schnell an die neue Ortszeit gewöhnen und deshalb wach bleiben. Außerdem wollte sie die Stadt erkunden und diverse Kaufhäuser besuchen. Mich ereilte also das Schicksal fast aller Ehemänner: Einkaufstaschen tragen und bei Fragen wie „Steht mir das?“ oder „Passt das Shirt zu der Hose?“ irgendwas zu sagen wie: „Ich such mal eben die Toilette!“

Keine Ahnung, wie es tatsächlich geklappt hat, aber wir fuhren abends mit der U-Bahn zu der von Aaron genannten Station, konnten nach kurzer Orientierung auch das Empire State Building sehen und fanden auf dem Weg dorthin ein Steakhouse. Während wir draußen vor der Tür warteten und hofften, dass dies das richtige Restaurant war, sagte Gitti: „Egal, was gleich kommt. Denk bitte dran, dass du nicht der Moralapostel bist, sondern der Vater!“

Ich weiß gar nicht ... ich meine, als wenn ich jemals irgendwie moralisieren würde ... dachte ich. Und ich sagte: „Ich weiß gar nicht ... ich meine, als wenn ich jemals irgendwie moralisieren würde ...“

„O doch, das tust du ganz gerne!“, stellte sie fest.

„Aber die hätten doch nun wirklich nicht … oder wenn, dann hätten sie ja wenigstens … das ist doch heutzutage ...“, motzte ich.

Wir konnten uns aber nicht weiter streiten, weil genau in diesem Moment die alte Rostlaube von Machma Shnella direkt vor uns hielt. Steffi und Aaron stiegen aus, während Machma sie mit den Worten „Police“ und „Quick exit“ zur Eile trieb. Es war toll, Steffi wiederzusehen, und wir umarmten uns herzlich.

„Schön dich zu sehen. Wie geht es dir?“, fragte ich. Und sie sagte: „Lasst uns erst mal reingehen.“

O nein! Schwanger! Auch das noch. Ich werde Opa. Grundsätzlich schön, aber natürlich viel zu früh.

Wir setzten uns an den Tisch, den uns eine nette Kellnerin zuwies. Die Konversation wurde dabei von Aaron und Steffi gemanagt, weil die beiden sich natürlich nach mehreren Wochen in den USA schon wesentlich besser verständigen konnten als wir mit unserem verstaubten Schul-Englisch. Ich hatte gehofft, dass ich mich mit meiner Aussprache vor meiner Tochter und meinem Schwiegersohn nicht blamierte, wenn ich in der Speisekarte einfach auf ein bestimmtes Essen zeigte. Leider gab es aber keine Speisekarte, sondern lediglich Empfehlungen der Kellnerin, die ich aber nur teilweise verstand. Ich änderte meinen Plan. Die Frauen würden ja wohl sowieso zuerst gefragt. Dann könnte ich darauf vertrauen, dass Gitti irgendwas Nettes zu essen nahm und mich mit den Worten „The same, please!“ aus der Affäre ziehen. Leider wurde aber ich als Erster gefragt.

„Äh, TSCHIKKEN!“, sagte ich deshalb, als die Kellnerin mich ansah. Da sie nickte und irgendwas mit „Thank you, sir!“ sagte, schien es zu klappen. Und ihre Nachfrage in Bezug auf die Beilagen beantwortete ich einfach mit „Yes!“

Die anderen nahmen irgendwelche Rinder-Steaks, Gitti ließ sich dabei von Steffi beraten. Das wäre vielleicht auch für mich eine Alternative gewesen, aber als Vater muss man sich erst dran gewöhnen, dass die Kinder irgendwann alle möglichen Dinge besser können als man selbst.

Aaron und Steffi berichteten von der Bibelschule. Sie waren beide begeistert von dem, was sie dort bisher erlebt hatten. Ich kam nicht umhin, mir Gedanken zu machen, ob eine schwangere und unverheiratete Frau eigentlich überhaupt auf so einer konservativen Bibelschule geduldet wurde, behielt den Gedanken aber für mich. Denn das Überbringen dieser Nachricht wollte ich schon ihnen überlassen.

Sie berichteten, dass sie auch hier auf der Bibelschule im Musikteam integriert waren, weil man wohl die außergewöhnlichen musikalischen Fähigkeiten der Familie Nühm nebst Anhang zu schätzen wusste. Tja, aber wenn erst mal rauskommt, dass sie schwanger ist ...

Steffi erzählte, dass sie außerdem einen Aushilfsjob in einem Krankenhaus gefunden hatte, um ein bisschen Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Auch in diesem Zusammenhang konnte ich mir den Gedanken nicht verkneifen, dass dies mit einer Schwangerschaft wohl kaum noch lange möglich sein würde.

Als unser Essen serviert wurde, war ich mal wieder etwas enttäuscht, denn neben den großen Steaks der anderen sah mein Hähnchen doch etwas mickerig aus. Immerhin bekam ich aber zu den Pommes auch noch eine Art Pizzabrot, weil die Kellnerin wohl gedacht hatte, mein „Yes!“ bedeutet, dass ich alles will, was sie vorher aufgezählt hatte.

Gitti und ich stutzten, als Steffi für uns alle noch eine Flasche Rotwein bestellte. War sie doch nicht schwanger? Ich meine, da würde man dann ja wohl keinen Alkohol mehr trinken, oder?

Ich hätte immer noch nicht gefragt, aber Gitti ist bei solchen Dingen dann doch etwas direkter. „Also jetzt will ich es aber wissen. Bist du denn nun schwanger oder nicht?“ „Hä?“ Steffi schaute uns an, als hätte ihre Mutter gerade erzählt, sie wäre jetzt mit Günter Siekmann zusammengezogen. „Wieso schwanger?“, fragte sie. „Wie kommst du denn jetzt darauf?“

„Weil Aaron erzählt hat, dass du beim Arzt ...&

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